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Full text of "Practisches Handbuch der gerichtichen Medizin"

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II 



^JiOVd^J 







#' 



PMCnSCHES HANDBUCH 



DER 



GERICHTLICHEN MEDICIN 



JOHANN LUDWIG OASPER. 



Neu bearbeitet und vermehrt 



Dr. CARL LIMAN, 

ProfMSor der gerichtlichen Medlcin und SUdtphjsleot ta Berlin. 



Fünfte Auflag«. 



•» 



(Blologisolier TheiL) 



Berlin, 187L 
Verlag von Angust Hirsohwald. 



UoUr den Linden No. 68. 



Das Rcohi der Uebersetzuup in fremde Sprachen bleibt vorbehalten. 



Vorrede. 



Nachdem die vierte Auflage des Handbuches der gerichtlichen Me- 
dicin von J. L. Gasper vergriffen war, trat an mich durch die Auf- 
forderung der Yerlagshandlung die Alternative heran, ein neues Hand- 
buch zu schreiben, oder in eine erneute Auflage des vorliegenden Hand- 
buches dasjenige hineinzuarbeiten, was ich etwa auf Grund meiner 
eigenen Forschung und Erfahrung beizubringen hätte. 

Ich habe mich nach reiflicher Erwägung zu dem letzteren ent- 
schlossen, und zwar aus sachlichen, wie aus persönlichen Gründen. 

Die Tendenz des verewigten Verfassers, die empirische Beobach- 
tung, die naturwissenschaftliche Methode in der Bearbeitung der ge- 
richtlichen Medicin streng durchzufuhren, Hypothesen und traditionelle 
Vorurtheile nach Möglichkeit zu beseitigen, auf Grund möglichst eige- 
ner Erfahrung und Beobachtung eine clinische Bearbeitung der gericht- 
lichen Medicin zu erstreben, den Arzt dem Richter gegenüber auf das 
ihm eigenthümliche Gebiet der Naturforschung zu beschränken, aber 
auch demselben das Recht und die Freiheit medicinischer und natur- 
wissenschaftlicher Combination und Denkweise gegenüber etwa gefor- 
derter mathematischer Beweise und spitzfindiger Skepsis, zu vindiciren, 
diese Tendenzen entsprechen offenbar den heutigen Anforderungen an 
eine wissenschaftliche Bearbeitung des Gegenstandes und verhindern die 
Emancipation der gerichtlichen Medicin von der allgemeinen Medicin, 
von welcher sie nur ein Theil, eine Disciplin ist, die zwar ihren ihr 
eigen thümlichen wissenschaftlichen Inhalt hat, und deren specifischer 
Zweck die Anwendung der medicinischen Thatsachen auf Rechtspflege 
und Gesetzgebung ist, die aber in Erforschung der ihr nützlichen und 
nothwendigen Thatsachen keine andern Wege geht, als die naturwissen- 
schaftliche Forschung überhaupt. 

Nicht allein das Festhalten dieser Gesichtspunkte, sondern auch 
das stete Hinhalten auf den practischen Zweck der Lehre zeichnen das 
Gas per 'sehe Werk aus und haben ihm einen sehr verbreiteten, weit 
über die Grenzen Deutschlands reichenden Leserkreis verschaffl. 



!V 



Vorrft<le. 



ScJiien es mir daher schon an und fftr »ich thtmlich, auf den ge- 
gebenen Grundlagen weiter zu bauen, so bestimmte mich hiezn ferner 
der umstand, dase ich durch langjährige, meiner jetzigen selbständi- 
gen Thätigkeit voraufgegangene Assistenz bei meinem Vorgänger, mit 
seinem Werke schon intellectuell vielfach verknüpft war, ferner bereite 
auch schon die vierte Auflage des Werkes eingeführt hatte, and dass 
ich somit mich selbst sachlich, wie formell auch für berechtigt erach-» 
ten konnte, den vorhandenen Stoff, wo es mir nützlich erschien, nmza- 
arbeiten nnd zu vermehren. 

Ich habe hievon, wie man sich durch eine Durchsicht des ganzen 
Werkes wird überzeugen können^ den ansgedehotesten Gebrauch gemacht, 
und wenn ich in der vierten Auflage es für meine Schuldigkeit hielt, 
das von Gas per hinterlassene Manuscript unverkürzt und ohne jede 
Aenderung zu veröffentlichen, im Gegen theil in dieser neuen Bearbei- 
tung der Pietät gegen den Verstorbenen nur in so weit Rechnuög ge- 
tragen, als dies meines Erachtens, ohne meiner eigenen Meinung zu 
nahe zu treten, geschehen konnte. Ausser dem in dem Werke selbst 
vorliegenden Material habe ich da», was mir aus den „Novellen'* nütz- 
lich erschien, herubergenommen. 

Ein andrer Grund, welcher, wenn das vorliegende Werk nicht an- 
tiquiren sollte, eine Neubearbeitung desselben erheischte, war die wich* 
tige Thatsache einer neuen Strafgesetzgebung. 

Das Norddeutsche Strafgesetzbuch vom 31. Mai 1870, welches mit 
dem 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten, hat in vielen, auch un- 
sere Wissenschaft berührenden Punkten sehr wesentliche Veränderuogen 
erfahren, namentlich in den die Verletzungen olme tödtlichen Ausgang 
und die Zurechnung betreiTenden Bestimmungen, ho dass dies schon 
einen äusseren Grund zur Umarbeitung dieser Capitel abgeben musste. 

Bei dieser Gelegenheit habe ich, mich rechtfertigend, zu bemer- 
ken, dass eben in dem Umstände, dass die Gesetzgebung im Fluss 
war, der Grund zu suchen ist, dass ich den zweiten Theil vor dem 
ersten habe erscheinen lassen. Die wenigen gesetzlichen Bestimmungen, 
die voraussichtlich ihrem Inhalte nach nicht verändert, wurden, konnten, 
trotz de« noch nicht berathenen und veröffentlichten Entwurfes des 
Strafgesetzes für den Norddeutschen Bund, mich an die Bearbeitung 
dieses Bandes gehen lassen, während ich für den ersten erst abwarten 
musste, was Gesetz werden würde. 

Und trotzdem hat auch jetzt die Gesetzgebung meine Arbeit in 
einem, weon auch unwesentlichen Punkte überholt* 



Koch ehe das Sirnfgc^etz für dea Norddoutschen Bund in Kraft 
'trat, waren die Schlachteii geschlagen, welche Deutschlands Einheit be- 
gründen Bollten, und mit dem 15. Mai 1871 wurde das Norddeutsche 
Strafgesetz, „das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich", welcheg in 
demselben mit dem K Januar 1872 in Kraft treten wird. 

Wenn daher neben der Norddeutscheu Strafgesetzgebung noch die 
Württembergische, Badische und Bairische berücksichtigt sind, so möge 
dies hiedurch seine erklärende Entschuldigung finden. 

Was nun die Verändemngen betrifft, welche das Werk unter mei- 
nen Händen erfahren hat, so glaube ich aussprechen zu kdnnen, dasa 
jedes einzelne Kapitel dafür Zeugniss ablegen wird, dass ich nicht allein 
bemüht war, die Erfahrungen anderer bewährter Forscher zu verwer- 
theo, sondern auch nach eigener Erfahrung Neues hinzuzufügen. 

Bedarf es besonderer Hinweise, so erlaube ich mir u. A; auf die 
Kapitel über Blutgermnung nach dem Tode, die Füuluisserscheinnngen, 
die Priorität der Todesart, die Diagnose der Blutflecke, die Vergiftun* 
gen, den Tod darch Kohlenoxyd und Leuchtgas, die Lehre von der Er- 
s^tickung, den Tod durch Chloroform, die Biothanatologie der Nengebor- 
neu, bei denen die Messungen von 331 auf 500 angewachsen sind, die 
Nothzucht, Päderastie, die Verletzungen und die Psyehonoaologie auf- 
merksam zu machen. 

Was die letztere betrifft, so war es gewiss anerkennenswerth, dass 
Ca aper sich aller rein speculativ-philosophischer, rein nosologischer und 
strafrechtlicher Erörterangen enthalten liat, welche den Inhalt und die Zwecke 
der gerichtlichen Medicin gar nicht berühren und das Dunkel und die 
Verwirrung, welche in den hierher gehörigen Fragen zu herrschen pflegen, 
Dur Termehren können, aber dennoch fehlte, wie mir scheint, der Bear- 
beitung dieses Gegenstandes die eigentlich psyehonosologische Grundlage, 

Ich^bin der Meinung, dass in den hier einschlagenden Fällen die 
Diagnose in foro keine andere ist, als eine irrenärztliche, und dass auf 
diesem Felde die Schule für den forensischen Arzt, die psychiatrische 
Klinik ist. Wenn den in meiner Arbeit über ^zweifelhafte Geisteszu- 
atftnde vor Gerieht '^ ausgesprochenen Grundsätzen und Auffassungen 
von competenten Psychiatern zu meiner grossen Freude zugestimmt 
imd diese Arbeit als ein Fortschritt auf dem betreffenden Gebiete be- 
zeichnet wurde, so darf ich vielleicht so kühu sein zu hoffen, auch in 
der Bearbeitung dieses schwierigen Capitels mir den Beifall der Fach- 
genossen erworben zu haben. Möge es, das ist mein Wunsch, an Klar- 
heit und Verständlichkeit der Bearbeitung Casper's nicht nachstehen* 



Was den ferneren wesentlirhen Inhalt des Werkes, die Casnistik 
betriift» so hat den^elbe sehr bedeutende Veränderungen erfahren. Ich 
habe mich bemüht, diejenigen Fälle der vierten Auflage, welche den 
Text gut erläutern, stehen zu lassen, um so mehr, als ich selbst sie 
grösstentheils erlebt habe. Andre wichtige habe ich ans langjähriger 
Erfahrung hinzugefügt und gewinnen dieselben, soweit sie Obductiona* 
f&Ue betreffen, vielleicht an Authenticität dadurch, dass die Obductionen 
gemeinschaftlich mit meinem Freunde und Collegen im Amte, Herrn 
Professor Skrzeczka verrichtet worden sind. Möge man auch in der 
Darstellung und Verwerthung der Befunde einen Fortschritt gegen 
früher erkennen. 

Allerdings haben sich die Fälle im zweiten Bande von 466, von 
denen viele fortgelallen sind, trotzdem auf 592, und ebenso im ersten 
Bande von 232 auf 351 vermehrt, ich hofle jedorh, dass dies nicht zum 
Nachtheil der Sache geschehen ist, weil sieh in ihnen die mannigfach- 
sten Combinationen erörtert finden, und weil doch schliesslich diese selbst 
erlebte Casuistik die Grundlage des ganzen Werkes bildet und nur sie 
demselben den Wertb und die Treue cliniacher Beobachtung zu verleihen 
vermag* 

Dagegen habe ich den bisher zu dem Werke gehörigen Atlas un- 
terdrückt, weil er doch nur ein sehr nothdurftiger Behelf gegenüber der 
Naturbeobachtnng ist, weil erschöpfend und heutigen Ansprüchen eon- 
form ausgeführt, er dem Werke einen unangemessen hohen Preis ver- 
liehen hätte und unvollkommen ausgeführt, wie bisher, nutzlos ist. Zu- 
dem ist durch Einführung des practiscli-forensischen Gursus in die Reihe 
der in jedem Semester gehaltenen Vorlesungen, jedeui strebsamen Stu- 
direnden hinreichende Gelegenheit gegeben, seine forensisch - anatomi* 
sehen Kenntnisse an der Leiche selbst zu erwerben. 

Femer habe ich es für zweckmässig erachtet, jedem Bande ein 
Register anzuhängen, was den Gebrauch des Werkes wesentlich erleich- 
tern wird. 

Hat auch das ganze Werk an Umfang bedeutend gewonnen und 
ist es Wühl dadurch schwerfälliger geworden, als bisher, so hoffe ich 
doci, dass es an pructischer Brauchbarkeit nirhts eingebüsst hat. 

Möge hierüber eine strenge, aber wohlwollende Critik, um welrhe ich 
bitte, und die ich für die Zukunft dankbar benutzen werde, entscheideu. 

Berlin, im August 1871. 

Lira an. 



Inhalt des ersten Bandes. 



Allgeneiier TheiL 

8elt0 

Einleitung^. 

§. 1. Inhalt der Lehre ;j 

§. 2. Unterricht in der Lehre .... % 4 

Erstes Kapitel. 

Die gerichtlichen Medicinal-Personen G 

Gesetzliche Bestimmungen 6 

§. 3. Deutschland und andere Länder (> 

§. 4. Stellung des Gerichtsarztes zum Richter . * 10 

Gesetzliche Bestimmung 10 

Zweites Kapitel. 

Die gerichtlich -medicinische Untersuchung 12 

Gesetzliche Bestimmungen 12 

§. 5. Allgemeines. Anwesenheit des Richters 12 

§. 6. Akteneinsicht Behufs der Untersuchung . .' 14 

Gesetzliche Bestimmungen 14 

§. 7. Ort der Untersuchung 17 

§. 8. Zwecke der Untersuchung 18 

§. 9. Fortsetzung. 1) Zweifelhafte VArhaftungsfahigkeit. Strafhaft li) 

§. 10. Fortsetzung. 2) Bestrittene Möglichkeit, im Termin Tor Gericht zu er- 

erscheinen 22 

§.11» Fortsetzung. 3) Bestrittene Erwerbs- und Dienstfähigkeit 24 

§. 12. Casuistik 27 

1. Fall. Bestrittene vollständige Erwerbsfähigkeit 27 

2. Fall. Bestrittene nur theilweise Erwerbsfähigkeit 28 

3. Fall. Behauptete völlige Erwerbsunfähigkeit 29 

4. Fall. Behauptete völlige Erwerbsunßhigkeit 29 

5. Fall. Ob ein und welches Handwerk zu erlernen? 29 

6. Fall. Ob das Bäcker- oder Klempner-Handwerk zu erlernen? . 30 

7. Fall. Klage auf lebenslängliche Unterstützung wegen behaup- 

teter Erwerbsunfähigkeit durch Hundsbisse 30 

8. Fall. Ein ähnlicher Fall; behauptete Erwerbsunföhigkeit nach 

Ueberfahren 3l 

§ 13. Fortsetzung. 4) Verletzungen; 5) sexuelle Verhältnisse; 6) zweifelhafter 

Gemuthszustand ; 7) verschiedene Zwecke 32 



Vm Inhalt 

Stil« 

§. 14. Casoistik 33 

9. Fall. Kann ein Mensch mit verkräppelten Zehen zwei Meilen 

ununterbrochen gehen? 33 

10. Fall. Hat der Angeschuldigte Tor U Jahren einen Backenbart 

gehabt 33 

11. Fall. Wie alt ist eine Schankemarbe ? 34 

12. Fall. Ob Klägerin schon Ton Anfang ihrer Ehe an syphilitisch 

gewesen? 34 

13. Fall. Waren hundertundsechs ärztliche Besuche bei einer Lun- 

genentzündung nothwendig? 35 

14. Fall. Waren die unter Liquidation gestellten ärztlichen Besuche 

und Atteste Seitens des Dr. K. nothwendig? 37 

Drittes -Kapitel. 

Die ärztlichen und gerichtsärztlichen Gutachten und Atteste 38 

Qesetzliche Bestimmungen 38 

§. 15. Allgemeines 40 

§. 16. Mündliche Gutachten in den Audienzterminen 43 

§. 17. Wissentlich falsch ausgestellte Atteste 45 

Gesetzliche Bestimmungen 45 

§. 18. Casuistik 47 

15. Fall. Angebliches rheumatisches Fieber, ob Hklschlich attestirt? 47 

16. Fall. Angeblicher Schlagflussanfall) ob fälschlich attestirt? ... 47 

17. Fall. Ob Tuberculosis pulmonum und Magenleiden unrichtig 

und wider besseres Wissen attestirt? 48 

18. Fall. Ob fälschlich bescheinigte Unzurechnungs^igkiet im 

Augenblick des Selbstmordes? 50 

19. Fall. Ein angeblich falsches Lebens-Versicherungs-Attest ... 53 

20. Fall. Betrug gegen eine Lebens- Versicherungs- Anstalt 55 



Spccidler Theil. 

Erster Abschnitt 

Streitige geschlechtliche Verhältnisse 59 

Erstes Kapitel. 

Streitige Fortpflanzungsfähigkeit 59 

Gesetzliche Bestimmungen 59 

§. 1. Beischlafsunfähigkeit 60 

§. 2. Fortsetzung. Prüfung in beiden Geschlechtem. 1; Beim Manne .... 61 

§. 3. Fortsetzung. 2) Beim Weibe C5 

§. 4. FortseÜEung. Abnorme Geschlechtsbildung 69 

§. 5. Zeugungsfähigkeit. 1) Hypospadie und Epispadie 70 

§. 6. Fortsetiung. 2) Zwitter 74 

Gesetzliche Bestimmungen 74 



Inhalt. IX 

S«it« 

§. 7. Fortsetzung. 1; Zeugungsun^ihigkeit beim Manne 78 

§. 8. Portsetsnng. 2) Unfruchtbarkeit beim Weibe 83 

§. 9. Casnistik 88 

21. und 22. FaU. Ob zwei Gatten in zeugungsfähigem Alter? ... 88 

23. und 24. Fall. Ein ähnlicher Fall 88 

25. Fall. Fragliche Unfruchtbarkeit 88 

26. Fall. Behauptete Unfruchtbarkeit 89 

27. Fall. Wegen jugendlichen Alters und Anlage zur Schwind- 

sucht behauptete Unfthigkeit eine Ehe einzugehen ... 90 

28. Fall. Wegen jugendlichen Alters streitige ZeugungsflLhlgkeit . 92 

29. Fall. Wegen des Alters streitige Beischlafs- und Zeugungs- 

f&bigkeit 92 

30. Fall. Wegen hohen Alters bestrittene Beischlafsfahigkeit ... 93 

31. Fall. Bestrittene Zeugungsföhigkeit 94 

32. Fall. Bestrittene Beischlafs- und Zeugungsf&higkeit wegen 

schwerer Krankheit 94 

33. Fall. Behauptete Beischlafs- und Zeugungsunfahigkeit wegen 

syphilitischer Krankheit 97 

34. Fall. Wegen Impotenz bestrittene Schwängerung der eigenen 

Tochter 99 

35. bis 39. Fall. Klagen Yon Ehefrauen auf Impotenz ihrer 

Männer 99 

40. bis 42. Fall. Klagen auf verweigerte eheliche Pflicht 100 

43. und 44. Fall. Angebliche Impotenz wegen Verkrüppelung der 

Geschlechtstheile 101 

45. und 46. Fall. Angebliche Impotenz wegen mangelnder Hoden 101 

47. und 48. Fall. Angeblich übermässige Potenz 102 

49. bis 53. Fall. Angebliche weibliche Beiscblafsunfähigkeit ... 102 

Zweites Kapitel. 

Streitiger Verlust der Jungfrauschaft 105 

Gesetzliche Bestimmungen 105 

§. 10 Allgemeines 106 

§. 11. Diagnose der Jungfrauschaft 107 

§. 12. Fortsetzung 111 

§. 13. Nothzucht 113 

§. 14. Fortsetzung. Diagnose, a) Oertliche Symptome 117 

§. 15. Fortsetzung, b) Allgemeine Symptome 124 

§. 16. Fortsetzung, c) Die Wäsche 127 

§. 17. Fortsetzung, d) ControYersen 130 

§. 18. Casuistik 138 

Nothzucht an Kindern 138 

54. Fall. Fingermanipulationen. Objectiver Befund negativ .... 138 

55. Fall. Beischlafsversuche an einem 8jährigen Kinde. Negativer 

Befund 138 

56. Fall. Beischlafsversuch. Negativer Befund 139 

57. Fall, Beischlafsversuch. Negativer Befund an den Geschlechts- 

theilen. Saamenfädchen im Hemde 140 

58. Fall. Beischlafsversuch. Negativer Befund 141 



Inhalt. 

Stil« 

59. Fall. Beischlafsyersuche. Negativer Befund 142 

60. Fall. Angebliche Beischlafsyersuche. Negativer Befund .... 142 

61. Fall. Fingermanipulationen. Exeoriation der rechten Nymphe 142 

62. Fall. Fingermanipulationen. Einriss in das Hymen 143 

63. Fall. Beischlafsversuche. Vaginitis 143 

64. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis 143 

65. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis. Einrisse in das Hymen . 143 

66. Fall. Beischlafsversuche bei einem 6jährigen Kinde. Entzünd- 

liche Reizung der Geschlechtstheile. Einriss in das 

Hymen 143 

67. Fall. Wiederholte Beisahlafsversuche bei einem 11jährigen 

Mädchen. Vaginitis. Erweiterter Scheideneingang .... 144 

68. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis 145 

69. Fall. Beischlafsversuch. Vaginitis. Saamenfädchen im Hemd . 145 

70. Fall. Denunciation eines 14jährigen Mädchens wegen Blut- 

schande. Negativer Befund. Was ist Beischlaf? .... 14G 

71. Fall. Fingermanipulationen und wiederholte Beischlafsversuche. 

Einriss in das Hymen 148 

72. Fall. Beischlafsversuche und Fingermanipulationen. Vaginitis 149 

73. Fall. Tripperinfection bei einem Kinde 149 

74. Fall. Ein ähnUcher Fall 150 

75. und 76. Fall. Urethralblennorrhoeen in verschiedenen Stadien 

als Folge der Nothzucht 150 

77. Fall. Tripper bei dem Kinde, Bubo bei dem Angeschuldigten 151 

78. Fall. Schanker bei dem Kinde und bei dessen Vater 152 

79. Fall. Verletzungsspur am Kindeskorper nach Notbzuchtsversuch 152 

80. Fall. Nothzuchts - Anschuldigung Seitens eines prostituirten 

Kindes 152 

81. Fall. Nothzucht eines Kindes mit syphilitischer. Ansteckung. 

Falsche Anschuldigung 153 

82. bis 87. Fall. Angebliche venerische Ansteckung als Beweis 

der Nothzucht 154 

88. Fall. Gewohnheitsmässige unzüchtige Berührungen der Ge- 

schlechtstheile. Onanie 155 

89. Fall. Erhaltenes, nur eingerissenes Hymen mit Schwangerschaft 156 

90. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 156 

91. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen im willenlosen und be- 

wusstlosen Zustande derselben 156 

92. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 157 

93. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 158 

94. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen 158 

95. Fall. Angebliche Nothzucht einer Erwachseneu ....... 159 

96. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen mit Schwängerung .... 159 

97. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. Schwängerung 162 

98. Fall. Behauptete Nothzucht einer Erwachsenen 164 

99. Fall. Angebliche Nothzucht und Blutschande 165 

100. Fall. Ein ähnlicher Fall 166 

101. Fall. Fälschlich angeschuldigte Nothzucht 166 

102. Fall. Behauptete Blutschande ; 167 



Inhalt. XI 

8«ite 

103. Fall. Angebliche Notbzucbt und Blutschande 168 

104. Fall. Angebliche Nothzucht einer 47jährigen Frau 170 

105. Fall. Angebliche Nothzucht 172 

106. Fall. Nothzucht und versuchter Mord 173 

107. und 108. Fall. Nothzucht vor Augenzeugen 174 

109. Fall. Wie die Nothzucht verübt worden? 174 

110. bis 112. Fall. Nachgewiesene Spermatozoen 175 

113. bis 115. Fall. Ob und wann in früherer Zeit ein Stuprum 

geschehen? 175 

Drittes Kapitel. 

Streitige widernatürliche Unzucht 177 

Gesetzliche Bestimmungen 177 

§. 19. Allgemeines 177 

§. 20. Päderastie 179 

§.21. Selbstbekenntnisse eines Päderasten 182 

§. 22. Diagnose 185 

§. 23. Vergleichung der Päderastie mit der Nothzucht 190 

§. 24. Tribadie 191 

§. 25. Sodomie 192 

§. 26. Irmmare. Fellare. Der Cunnilingus. Der Koprophage 193 

§. 27. Casuistik 194 

116. bis 121. Fall. Päderastie 194 

122. und 123. Fall. Päderastie. Venerische Ansteckung 196 

124. und 125. Fall. Zwei Päderasten 190 

126. und 127. Fall. Zwei Päderasten 197 

128. und 129. Fall. Zwei Päderasten 197 

130. Fall. Ein geständiger Päderast 198 

131. Fall. Passive Päderastie 198 

132. Fall. Active oder passive Päderastie 198 

133. Fall. Angebliche Päderastie 199 

134. Fall. Kann ein Mann von einem Anderen mit Gewalt päde- 

rastisch gemissbraucht werden? 200 

135. Fall. Erzwungene Päderastie 203 

136. Fall. Erzwungene Päderastie 203 

137. und 138. Fall. Päderastie an einem Knaben 203 

139. Fall. Päderastische Nothzucht mit Verstümmelung und Mord- 

versuch 204 

140. Fall. Von einem Knaben an einem Knaben erzwungene Pä- 

derastie Saamenfädchen. Zeugungrsfähigkeit des Knaben 207 

141. bis 147. Fall. Masturbatorische Reizungen bei Knaben und 

Mädchen 208 

148. Fall. Masturbatorische Excesse mit einem Knaben und Miss- 

handlungen desselben 210 

149. Fall. Kann ein Mensch im Schlafe päderastisch gemissbraucht 

werden? 211 

150. Fall. Ermittelung der Päderastie an einer Leiche 212 



XU Inhalt 



Zweiter Abschnitt. 

streitige Schwangorschaft 213 

Gesetzliche Bestimmungen 213 

§. 28. Allgemeines 214 

§. 29. Diagnose der Schwangerschaft 217 

§. 30. Fortsetzung 218 

151. Fall. Künstlicfie Menses ; 222 

§. 31. Fortsetzung 226 

§. 32. Dauer der Schwangerschaft 228 

§ 33. Fortsetzung. Spätgeburt 230 

§. 34. Fortsetzung. Dauer und Diagnose der Spätgeburt 236 

§. 35. Superfötation 238 

§. 36. Unbewusste und verheimlichte Schwangerschaft 245 

152. Fall 247 

Dritter Abschnitt. 

streitige Geburt 249 

Gesetzliche Bestimmungen 249 

§. 37. Allgemeines 249 

§. 38. Diagnose der Geburt 250 

§. 39. Fortsetzung, a) Verschwindende Kennzeichen 252 

§. 40. Fortsetzung, b) Dauernde Kennzeichen 255 

§.41. Vorsätzliche Geburt; Fruchtabtreibung 259 

Gesetzliche Bestimmungen 259 

§. 42. Forteslzung 262 

§. 43. unterschieben von Kindern 265 

Gesetzliche Bestimmung 265 

§. 44. Verletzungen von Mutter und Kind bei der Geburt 268 

§. 45. Casuisük 269 

153. Fall. Ob die Z. vor fünf oder sechs Monaten geboren hat? . 269 

154. Fall. Wie alt war die vor drei Wochen gebome Frucht? . . 270 

155. Fall. Zweifelhafter Abortus nach Misshandlungen 270 

156. Fall. Schläge mit einem Besenstiel. Abortus 271 

157. Fall. Abortus 1 Monat nach voraufgegangener Misshandlung. 

Ausstossung einer todten Frucht 271 

158. Fall. Ob mechanische Abortiv-Versuche gemacht worden, und 

ob die St. mehreremale geboren habe? 276 

159. bis 161. Fall. Drei Anschuldigungen gegen Aerzte wegen ver- 

brecherischer Fruchtabtreibung 278 

162. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung 281 

163. Fall. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung 285 

164. Fall. Einer Hebeamme angeschuldigte wiederholte Fruchtab- 

treibungen 286 

165. Fall. Jalappen?rurzel- Pulver und Jalappenseife als Abortivum 287 

166. Fall. Rothstein (Rothstift) mit Branntwein als Abortivum ... 288 



Inhalt XIII 

Stitt 

Vierter Abschnitt. 

Streitige Folgen Ton Verletzungen und Misshandlangen ohne todt- 

lichen Ausgang 289 

Gesetzliche Bestimmungen 289 

§. 46. Allgemeines 291 

§ 47. Die schwere Körpeirerletzung des Norddeutschen Strafgesetzbuchs . . 296 

167« Fall« Durchdringende Brustwunde 297 

168* Fall. Verbrennung des Mundes durch Schwefels&ure 297 

169* und 170. Fall. Quetschung des Schenkels 297 

17U Fa]L Durchdringende Bauchwunde 298 

172. Fall* Beilhieb in die Hand 298 

§. 48. Fortsetzung. 1) Verlust eines wichtigen Gliedes des Korpers ... * 298 
§. 49. Fortsetzung. 2) Verlust des^Sehvermögens auf einem oder beiden 

Augen, oder des Gehörs 300 

§. 50. Fortsetzung 3) Verlust der Sprache 301 

§.51. Fortsetzung 4) Verlust der Zeugungsfähigkeit 302 

§. 52. Fortsetzung. 5} Erhebliche Entstellung 305 

§. 53. Fortsetzung. 6) Siechthum 305 

§. 54. Fortsetzung. 7) L&hmnng 306 

§. 55* Fortsetzung. 8) Versetzen in eine Geisteskrankheit 306 

§. 56. Die leichte Körpenrerletzung des Norddeutschen Strafgesetzbuchs . * 307 

§. 57. Verletzungen einzelner Theile. Verletzungen des Kopfes ....... 308 

§. 58. Casuistik 310 

173. Fall. Schläge mit einem scharfkantigen Stuck Holz auf den Kopf 310 

174. Fall. Schlag mit einem Stein auf den Kopf 310 

175* Fall. Schlag mit einem sog. Lebensretter auf den Kopf . « . 310 

176. Fall. Stoss gegen den Kopf. Vorübergehendes Siechthum . . 311 

177. Fall. Kopfverletzung — Siechthum! 311 

178. Fall. Schlag gegen den Hinterkopf, schwere Folgen; „leichte" 

Verletzung 312 

179. Fall. Schläge auf den Kopf. Angeblich ausgerissene Haare . 312 

§• 59. Fortsetzung. Verletzungen des Gesichts 313 

§♦ 60. Casuistik 314 

180. Fall. Gesichtsverletzung durch Glnheisen 314 

181. Fall. Fauststoss gegen das Auge 314 

182. Fall. Ohrfeigen und Kopfrose 315 

183 Fall. Beschädigung von Zähnen durch Wurf 315 

184. Fall. Beschädigung yon Zähnen durch Schlag 315 

185. Fall. Menschenbiss in die Nase 315 

186* Fall Vielfache Stich- und Schnittwunden 316 

§> 61. Fortsetzung. Verletzungen der Augen 316 

§. 62. Casuistik 317 

187* Fall. Kopfverletzungen. Bleibende Störung des Sehvermögens 817 

188. Fall* Verlust beider Augen durch Kalklauge 319 

189. Fall. Verlust eines Auges durch Schwefelsäure 320 

190* Fall. Verletzung und Verlust des Sehvermögens auf einem 

Auge 320 

191. Fall. Messerstich in das Auge 321 



XIV Inhalt. 

Seit« 

192. Fall. Schwächung der Sehkraft in Folge eines Faustschlages 

in das Auge 322 

§. 63. Verletzungen des Ohrs 323 

§. 64. Casuistik 324 

193. Fall. Säbelhieb durch das Ohr 324 

194. FalU Taubheit durch Schläge auf das Ohr 324 

195. Fall. Durchbohrung des Trommelfells nach einer Ohrfeige* 

Schwerhörigkeit Heilung 324 

196. Fall. Angebliche Taubheit nach Ueberfahren. Schwere Kopf- 

verletzung 325 

197. Fall. Ob Beraubung des Gehörs auf Einem Ohr durch zwei 

Ohrfeigen 327 

198. Fall. Angebliche Beraubung des Gehörs durch einen Faust- 

schlag 327 

§. 65. Sprachstörungen durch Verletzungen 328 

199. Fall. Zeitweiser Verlust der Sprache nach Misshandlungen. . 329 

200. Fall. Nichtentwicklung der Sprache als Folge von allgemei- 

nen Misshandlungen 329 

201. Fall. Stottern, ob Folge voraufgegangener Misshandlungen . . 329 
§. 66. Verlust des Geruchs 330 

202. Fall. Angeblicher vollständiger Verlust des Geruchssinnes nach 

einem Faustschlag in's Gesicht 330 

§. 67. Verletzungen des Halses 331 

§. 68. Casuistik 331 

203. Fall. Wurf mit einer Flasche an den Hals 331 

204. Fall. Insultation des Halses. Abortus 332 

205. Fall. Versuchte Erdrosselung 332 

206. Fall. Versuchte Erdrosselung 333 

§ 69. Casuistik 334 

207. Fall. Verletzungen des Kopfes, des Kehlkopfes u. der Speise- 

röhre durch Beil und Messer 334 

208. Fall. Erwurgung, Verbrennung, Fusstritte in's Gesicht und 

nur „leichte* Verletzung : . . 335 

§. 70. Verletzungen der Brust 335 

§. 71. Casuistik 336 

209. Fall. Fauststoss gegen die Brust einer Stillenden 336 

210. Fall. Stich mit einer spitzen Feile in die Lunge 336 

211. Fall. Fussstoss vor die Brust 337 

212 Fall. Amputation der Mamma 338 

§. 72. Verletzungen des Unterleibes. Hernien 338 

§. 73. Fortsetzung. Fehlgeburten 340 

§. 74. Casuistik 341 

213. Fall. Wurf von der Treppe. Senkung der Gebärmuttor. Blutung 341 

214. Fall. Eierstocksverhärtung, Fehlgeburt, Senkung der Gebär- 

mutter, Leistenbruch in Folge von Misshandlungen . . 342 

215. Fall. Hinabstossen von der Treppe. Tritt in's Kreuz. Abortus 344 

216. Fall. Stoss vor den Bauch. Leistenbruch? 344 

217. Fall. Kniestoss vor den Bauch. Leistenbruch 345 

218. Fall- Fussstoss gegen den Unterleib. Leistenbruch 345 



Inhalt. XV 

Seit« 

219. Fall. Niederwerfen. Unterleibsentzündung 346 

§. "73- Verletzungen der Geschlechtstheile 347 

5. Ve. Casuistik 347 

220. Fall. Verletzung der Scheide. Zerreissung der Harnröhre und 

Harnblase 347 

221. Fall. Zerreissung der Scheide durch einen Fall ....... 348 

222. Fall. Strangulation des Penis 349 

223. Fall. Angeblicher Verlust der Beischlafsföhigkeit nach einem 

Fusstritt 349 

224. FalL Verlust der Geb&rfähigkeit durch Verletzung der Ge- 

schlechtstheile 350 

§• VZ« Verletzungen der Arme 352 

§. '7&, Casuistik 353 

225. bis 230. Fall. Armbrüche nach Verletzungen 353 

231. Fall. Arm Verrenkungen nach Misshandlungen 354 

232. u. 233. Fall. Chrouische Armbeinhautentzundung nach Schlä- 

gen 354 

§• *7S- Verletzungen der Hände 355 

§• ^O. Casuistik 356 

234. Fall. Handverletzungen durch Fall 356 

235. Fall. Fall mit der Hand auf Scherben 356 

236. Fall. Fingerbruch durch Beilhieb 356 

237. Fall. Verletzungen beider Hände durch Hiebwunden 357 

238. Fall. Biss in den Finger. Amputation 357 

239. Fall. Biss in den Finger 358 

§• ^ X . Verletzungen der üntereitremitäten 358 

§• S^ . Casuistik 358 

240. bis 242. Fall. Brüche der Unterextremitäten durch Fall ... 358 

243. Fall. Bruch des Oberschenkels durch Hinabwerfen einer Last 359 

244. Fall. Verletzungen des Oberschenkels durch Glüheisen .... 359 

245. und 246. Fall. Verletzungen des Kniees durch Tritt, Schlag 

und Wurf 359 

247. Fall. Zerplatzen der Haut am Unterschenkel durch Ueberfahren 360 

§- 83. üeber Messerstiche 360 

§- B4. Casuistik 361 

248. und 249. Fall. Messerstiche in den Kopf 361 

250. und 251. Fall. Messerstiche in den Rücken .... 362 

252. und 253. Fall. Messerstiche gegen die Brust 362 

254. Fall. Messerstiche in die Brust 362 

255. Fall. Messerstich in den Unterleib 363 

256. und 257. Fall. Messerstiche in den Oberarm 364 

§• 85. Misshandlungen kleiner Kinder 364 

•§• 86. Casuistik 365 

258. Fall. Misshandlung eines Säuglings 365 

259. bis 263. Fall^ Misshandlungen von Kindern 367 

264. Fall. Anschliessen an Klotz und Kette . 369 

265. Fall. Kantschubiebe. Abreiben mit Schnee 370 



XVI Inhalt. 

Fünfter Abschnitt. 

Streitige körperliche Krankheiten 370 

Gesetzliche Bestimmungen 370 

§. 87. Allgemeines 37Q 

§. 88. Beweggründe zur Simulation und Verheimlichung von Krankheiten . . 375 

§. 89. Allgemeine Diagnose 376 

§. 90. Specielle Diagnose ...... 380 

Sechster Abschnitt. 

Streitige geistige Krankheit Die Lehre TOn der Dispositions- und 

Zurechnungsfähigkeit 390 

Gesetzliche Bestimmungen 390 

Erstes Kapitel. 

Allgemeine Grundsätze . . 392 

§. 91. Schwierigkeit der Frage 392 

§. 92. Zweck der Untersuchung. Dispositions- und ZurechnungsfUiigkeit. Ver- 

handlungsf&higkeit 396 

§. 93. Forlsetzung 399 

§. 94. Fortsetzung. Grade der Zurechnung. Partielle Zurechnungsfähigkeit 402 

Gesetzliche Bestimmungen 402 

§. 95. Richterliche Fragenstellung 405 

§• 96. Art und Weise der Untersuchung 407 

Gesetzliche Bestimmungen 407 

§. 97. Fortsetzung. 1) Die Vorbesuche 411 

§ 98. Fortsetzung. 2) Der Explorationstermin 414 

§. 98. Fortsetzung. 3) Das Gutachten 415 

§. 99. Die Merkmale der aus geistiger Störung entsprungenen That. (Diagnose 

der Unzurechnungsfthigkeit.) 419 

§ 100. Fortsetzung 426 

§. 101. Fortsetzung 430 

§. 102. Fortsetzung. Neuro- und psychopathische Merkmale zur Diagnose des 

Irreseins 433 

1. Erblichkeit 435 

§. 103. Fortsetzung. 2. Schädlichkeiten, welche das Gehirn direct betroffen 

haben 438 

§. 104. Fortsetzung. 3. Neurosen, besonders Epilepsie, Hypochondrie, Hysterie 440 

§. 105. Fortsetzung. 4. Alcoholismus 447 

§. 106. Fortsetzung. 5. Symptome körperlicher Erkrankung 448 

§, 107. Fortsetzung. 6. Hallucinationen 7. Wahnvorstellungen. 8. Intelligenz- 
zustand 449 

§. 108. Fortsetzung. 9. Gesammtveriauf 451 

§. 109. Fortsetzung. 10. Physiognomie, Haltung, Benehmen. 11. Schriftstücke 453 

§. 110. Imputirte (vermutbete, behauptete) und simulirte Geisteskrankheit. . . 454 

§. 111. Casuistik 461 

A. Imputirte (vermuthete, behauptete) Geisteskrankheit 461 

266. Fall. Waren drei Jahre früher ausgeführte ehebrecherische 

Handlungen in Geisteskrankheit verübt? 461 



Inhalt XVIl 

Stil« 

267. Fall. Ist Frau T. »wahnsinnig' oder ..blödsinnig'' ? 464 

268. Fall. Versuchter Mord der Geliebten 467 

269. Fall. Mord der Geliebten 474 

270. Fall. Mordversuch gegen einen Prediger im Amt 480 

271. Fall. Ladendiebstahl. Durch Erimpfe während der Schwanger- 

schaft behauptete Unzurechnungsföhigkeit 486 

272. Fall. Verdacht auf Geisteskrankheit 487 

273. Fall. Unzüchtige Handlungen gegen ein fünfjähriges Kind. Be- 

hauptete epileptische Geistesstörung 489 

274. Fall. Päderastische Nothzucht gegen ein Kind verübt. Behaup- 

tete Geisteskrankheit des Thäters 490 

§. 112. Casuistik 501 

B. Simulirte Geisteskrankheit 501 

275. Fall. Carl Schraber, der Mecklenbuigische Prinz 501 

276. Fall. Angebliche Bewusstlosigkeit nach dem Gebärakte. Tod 

des Kindes 508 

277. Fall. Angeblicher „ Verfolgungswahn * bei einem gefährlichen 

Verbrecher 510 

278 Fall. Betrug in angeblichem Blödsinn 513 

279. Fall. Mordversuch. Behauptete Geistesstörung, insonders auch 

zur Zeit der That, Seitens des Angeklagten. Simulation 514 

280. Fall. Anscheinender Blödsinn 525 

281. Fall. Zweifelhafter Wahnsinn eines geföhrlichen Verbrechers . 526 

282. Fall. Unterschlagnngen und Betrügereien von einer Vagabun- 

din verübt 530 

283. Fall. Die Teufelseherin Charlotte Luise Glaser 533 

Zweites Kapitel. 

Specielle gerichtliche Psychonosologie 548 

§. 113. Allgemeines 548 

Erste Section. 

Geistesstörung (Melancholie, Manie, Wahnsinn, Schwermutb) 551 

§ 114. Allgemeines 551 

§. 115. Fortsetzung. Depression. Schwermutb. Melancholie 556 

§. 116. Fortsetzung. Eicitation. Manie 561 

§. 117. Fortsetzung. Entstehungsweise. Mania transitoria 570 

§. 118. Casuistik 574 

284. Fall. Hysteroepilepsie. Wochenbett. Melancholie. Mordversuch 

gegen sich selbst und vielleicht auch gegen du Kind . 574 

285. Fall. Diebstähle Initialstadium der Paralyse 576 

286. Fall. Diebstahl. Initialstadium einer Psychose 577 

287. Fall. Schwermutb. B laich, der Mörder seiner Kinder. ... 578 

288. Fall. Schwermutb. Dietrich, der Mörder seines Sohnes . . 582 
289 Fall. Sckwernmth. Mord an vier eigenen Kindern 588 

290. Fall. Tödtung eines Knaben in Schwermutb 592 

291. FalL Brandstiftung. Schwermutb mit Wahnvorstellungen ... 594 

292. Fall. Mordversuch in zweifelhafter Gemüthsstimmung 602 

293. Fall Majestätsbeleidigungen im Tobsuchtsanfall ......./ 605 

C«tp»r*s |«richtl. MmI. S. Aoi. I. B 



XVIII Inhalt. 

294. Fall. Plötzlicher, vonibergehender Tobsuchtsanfali durch Koh- 

lenozydintoxication erzeug^ 606 

295. Fall. Vorübergehender Tobsuchtsanfali durch Alcoholintozi- 

cation erzeugt 607 

§. 119. Fortsetzung. Lichte Zwischenperioden 614 

Gesetzliche Bestimmungen 614 

§. 120. Casuistik 618 

296. Fall. Allgemeine Paralyse. — Remission. — Prorogation des 

Termines 618 

297. Fall. Remission der Psychose. Ob haftföbig 619 

298. Fall. Wiederholte Wahnsinns-Ausbruche. Intermission. Dispo- 

sitionsföhigkeit 620 

§. 121. Fortsetzung. Verracktheit. Monomanie. Systematisirter Wahn. Fixe 

Idee 622 

§. 122. Casuistik 627 

299. Fall. Systematisirter Wahn. Tödtung des vermeintlichen Ne- 

benbuhlers 627 

300. Fall. Systematisirter Wahn. Hordversuch 632 

301. Fall. Hypochondrischer Verfolgungswahn. Undispositionsfäbig- 

keit 634 

302 Fall. Qotteslästerung, ans Hallucinationen hervorgegangen . . 635 

303. Fall. Ein geisteskranker Querulant 638 

304. Fall. Eine geisteskranke Querulantin 640 

305. Fall. Eine geisteskranke Querulantin 641 

306. Fall. Schuhmacher E., ein geisteskranker Querulant 641 

307. Fall. Ein ähnlicher Fall 642 

§. 123. Geistesstörung durch Rausch. Alcoholismus. Trunksucht 643 

Gesetzliche Bestimmungen 643 

§. 124. Fortsetzung. Trunksucht 646 

§. 125. Casuistik 650 

308. Fall. Verletzung im Rausch und Congestionszu stand zugefugt 650 

309. Fall. Chronischer Alcoholismus. Verwirrtheit 651 

310. Fall. Chronischer Alcoholismus. Schwachsinn 652 

311. Fall. Fahrlässiger Bankerott. Zweifelhafte Dispositionsfähig- 

keit .* 653 

§. 126. Fortsetzung. Schlaftrunkenheit Nachtwandeln 654 

§. 127. Casuistik 657 

312. Fall. In angeblicher Schlaftrunkenheit erduldeter Beischlaf . 657 

313. Fall. Ein dem Nachtwandeln ähnlicher Zustand 657 

§. 128. Fortsetzung. Leidenschaften und Affecte 658 

Gesetzliche Bestimmungen 658 

§. 129. Casuistik 661 

314. Fall. Wahnsinn der Zomtrunkenheit 661 

315. Fall. Todtschlag in der Nachwirkung eines starken Rausches. 

Verminderte Zurechnungsfähigkeit 662 

316. Fall Angebliche Zommüthigkeit 665 

§. 130. Geistesstörung. Fortsetzung. Die sogenannten krankhaften Triebe. . 667 

§ 131. Fortsetzung 669 

f 132. Fortsetzung 671 



Inhalt. XIX 

§. 133. FortsetzuDg. Die Stehlsucht. Kleptomanie 674 

§. 134 Casuistik 678 

317. Fall. Zweifelhafter Gemüthszustand eines Diebes 678 

318. Fall. Ein ähnlicher Fall 679 

319. Fall. Diebstähle. Geisteskrankheit 680 

320. Fall. Diebstahl in angeblicher Geistesschwäche 681 

321. Fall. Diebstahl Yon einem gebildeten Manne ausgeführt . . . 683 

322. Fall. Diebstahl einer gebildeten Dame aus Lust am Klange 

des Metalls 685 

323. Fall. Diebstahl in angeblichem Schwangerschafts- Gelüste . . 691 

324. Fall. Diebstahl in angeblichem Schwangerschafts- Gelüste . . 693 

325. und 326 Fall. Diebstähle in angeblicher Zerstreulichkeit 

▼erübt 694 

§. 135. Fortsetzung. Der Brandstiftungstrieb. Pyromanie 697 

§. 136. Casuistik 700 

327. Fall. Eine jugendliche Brandstifterin . 700 

328. Fall. Wieder die ^innere Stimme*^ eines jungen Brandstifters 701 

329. Fall. Zurechnungs^igkeit eines schwachsinnigen jungen Brand- 

stifters 704 

330. Fall. Yeiigiftungs- und Brandstiftungs - Versuche eines jungen 

Lehriings 706 

Anhang 707 

33!. FalL Ein junger Gräbenrerwüster 708 

332 Fall. Ein junger Schwindler ohne anscheinendes Motiv zur 

That 711 

§ 137. Fortsetzung. Die Aidoiomanie 711 

§. 138. Casuistik 713 

333. Fall. Unzucht gegen ein Kind Ton einem Geisteskranken . . 713 

334. Fall. Wiederholte Unzuchten und Nothzucht einer Erwachse- 

nen von einem Wahnsinnigen verübt. Simulation? . . 714 

335. Fall Unzucht mit einem Kinde von einem Schwachsinnigen 

verübt 718 

336. Fall. „Aidoiomanie* einer jungen vornehmen Dame 718 

337. Fall. Angebliche krankhafte Geschlechtswuth 728 

§ 139. Fortsetzung. Die Mordmonomanie 730 

§. 140. Fortsetzung 734 

§ 141. Der Verbrecherwahnsinn 738 

Zweite Seetiei. 

Endformen. (Schwachsinn — Blödsinn.) 746 

§. 142. Allgemeines 746 

§. 143. Fortsetzung 747 

§. 144 Casuistik 748 

338. Fall. Zeugenglaubwürdigkeit einer Schwachsinnigen 748 

339. Fall. Ein schwachsinniger, jugendlicher Betrüger 749 

340. Fall. Ein schwachsinniger Knabenschänder 751 

341. Fall. Diebstahl von einem Blödsinnigen ausgeführt 752 

342. Fall. Mordversuch von einem Stumpfsinnigen ausgeführt . . . 753 



XX Inhalt. 



§. 145. Taubstummheit 755 

Gesetzliche BestimmuDgen 755 

§. U6. FortsetzuDg 757 

§. 147 Casuistik 759 

343 Fall. Versach eines Taubstammen zur Nothzucht und zur 

Todtung 759 

344. Fall. Nichtdispositionsfähigkeit einer Taubstummen 760 

345. Fall Wiedererlangte Dispositionsfähigkeit eines Taubstummen 761 

346. Fall. Beschränkte Dispositionsfähigkeit eines Taubstummen. . 762 

347. Fall. Zwei taubstumm gebome Brüder 762 

348. Fall. Ein taubstummes Ehepaar 762 

849. bis 351. Fall. Zweifelhafte Dispositionsfähigkeit you Taub- 
stummen 763 



Allgemeiner Theil. 



Ca0per*0 gcrkhtl. Ued. 5. Anfl. t 



Einleitung. 



§. 1. hhalt der Lekre. 



D 



ie gerichtliche Medicin beschäftigt sich mit der Gombination bestimm- 
ter Thatsachen zu bestimmten Zwecken. Die Thatsachen sind Natur- 
objecte, die Zwecke die der bürgerlichen nnd peinlichen Gesetzgebung 
und Bechtspflege. Je mehr die Thatsachen so häufig im Dunkeln lie- 
gen und je wichtiger es ist, die Wahrheit zu finden und das Dunkel 
aufzuhellen, weil im Grossen und Ganzen bei diesem Prozess das sitt^ 
liehe Allgemeinwohl betheiligt ist, desto mehr bedarf es Seitens des 
Berufenen, neben der sachlichen wissenschaftlichen Eenntniss, des 
Scharfsinns, um hier sich nicht durch täuschende Nebenumstände blen- 
den zu lassen, um dort aus einer Fülle von Einzehiheiten den Kern, 
auf den es ankommt, herauszufinden, um in einem anderen Falle den 
täuschenden Schein von der Naturwirklichkeit zu unterscheiden, oder 
um dort beim fast völligen Mangel der gewöhnlichen Untersuchungs- 
befunde vielleicht aus blossen Andeutungen wichtige Rückschlüsse zu 
machen. Die gerichtliche Medicin also lehrt die Erforschung und 
Verarbeitung von medicinischen und naturwissenschaft- 
lichen Thatsachen für die Zwecke der allgemeinen Gesetz- 
gebung und Rechtspflege. 

Sie hat folglich eine, von allen übrigen medicinischen Disci- 
plinen ganz verschiedene Tendenz und Beziehung. Sie hat aber 
auch ihren eigenthümlichen, specifischen, wissenschaftlichen Inhalt. 
Lebren, wie die vom Missbrauch und den Verirrungen des Ge- 
schlechtstriebes, von den simulirten körperlichen und geistigen Krank- 
heiten, von der Dispositions - und Zurechnungsfähigkeit, vom zweifel- 
haften Leben des neugebornen Kindes nach der Geburt, von den ge- 
waltsamen Todesarten, von den Verwesungserscheinungen, und andere 
Lehren, bilden diesen Inhalt, der ihr allein unter den verschiedenen 
Zweigen der allgemeinen medicinischen Wissenschaft zukommt. Sie ist 
folglich eine Wissenschaft für sich, und mit Recht ist oft von ihren 



5- 2» Unterricht in der Lehre. 

Bearbeiteni behauptet worden, dass diejenigen, die der gerichtlichen 
Medicin den Character einer specifischen Wissenschaft absprechen, dies 
nur in Ünkenntniss deraelben thun konnten. Eben deshalb aber hat 
sie auch Alles auszuscheiden, was nicht in ihr eigentbümliches Gebiet 
fällt und was so lange Zeiten hindureJi und so allgemein ihr aufge- 
bürdet worden ist. Dies ist fehlerhaft nach zwei Riehtungen geschehen. 
Einmal, indem man blosse Vorkenntnisse^ und zweitens, indem mau 
juristische Theorien, Controversen, Definitionen und Spitzfindigkeiten in 
unsere Disciplin mit aufgenommen hat, welche dem Wesen der gericht- 
lichen Medicin voilkommen fremd sind, die wohl für die Rechtspflege 
und mittelbar für die Rechtswissenschaft forscht und arbeitet, aber 
nicht selbst Rechtswissenschaft ist 



§. 2. rotfrrlrht In der Lehre. 

Es ist mit Recht fast allgemein anerkannt» dass ein fruchtbringen- 
der Uoterricbt in der gerichtlichen Medicin, die eine durchaus practi- 
sehe Wissenschaft ist, die sich überall au das Leben anlehnt, und die 
sofort auf Verin-ungen und Abwege geräth, wo sie diese Unterlage 
verlässt und sich auf da^ Gebiet der puren Speculation begiebt, dass, 
sagen wir, ein fruchtbarer Unterricht in derselben nur da möglich ist, 
wo dem Lehrenden ein practisches UntiTrichtsmatcrial zu Gebote steht. 
Mit anderen Worten: der öffentliche Lehrer der gerichtlichen Medicin 
muss practischer Gerichtsarzt sein oder gewiesen sein, so gewiss der 
klinische Lehrer wirklicher practischer Arzt sein oder gewesen sein 
muss. Mehr und mehr haben die Staatsregieruogen in neuerer Zeit 
von der Richtigkeit dieses Satzes durchdnmgen , die hier entscheidende 
und notliwendige Maassregel getroffen, die Aemter des öffentlichen Leh- 
rers der gerichtliehen Medicin und des practischen Gerichtsarztes in 
Eine Hand zu legen. 

In Berlin ist dies jetzt bereits seit mehr als dreissig Jahren 
der Fall, aber auch andere preussische, so wie einigo öster- 
reichische, baiersehe, russische, schwedische Universitäten erfreuen 
sich dieses Vorzugs und sind dadurch in der Lage, brauchbare und 
wissenschaftHch gebildete Gerichtsärzte zu erziehen. Es werden mit 
der Zeit selbst Opfer nicht gescheut werden dürfen, um diese Einrich- 
tung ganz allgemein zu machen, z. B. durch Verlegung von Gerichts- 
behörden, Gefängnissen u. s* w. , um dadurch strebsame und thätige 
Lehrer der Verlegenheit zu entheben, die Niemand schmerzlicher em- 
pfinden wird, als sie selbst, der Verlegenheit, ein Fach zu lehren, in 
welchem sie selbst, ohne den festen Boden der Nutnrbeobachtung unter 
sich zu haben, sieh niemals ganz heimisch fühlen können. 



§. 2. Unterricht in der Lehre. 5 

Allerdings liegt es in der Natnr der Sache, dass ein forensisches Unter- 
richtsmaterial, wie es nur grosse nnd grossere Städte: Berlin, Wien, Prag, 
Hünchen, Petersburg u. s. w. liefern kOnnen, nicht überall zu beschaffen 
sein wird ; allein wenn der Lehrer alljährlich seinen Schülern auch nur 
einige Fälle von zweifelhafter Geisteskrankheit, von Ertrinkungstod, von 
Athemproben u. s. w. vorführen, seine Kenntnisse der Beziehungen des 
Gerichtsarztes zu den richterlichen Behörden auch nur durch ein paar- 
maliges Auftreten in öffentlichen Audienzterminen bereichern kann — 
und em solches Maass muss sich bei entsprechenden staatlichen Ein- 
richtungen auch in kleineren üniversitäts- Städten erreichen lassen — 
80 wird schon dann mit der Zeit der Segen für Lehrer, Schüler, für 
Wissenschaft und Praxis nicht ausbleiben. — 

An einem solchen pragmatischen Unterricht in unserer Wissenschaft 
wird dann auch der junge Rechtsbeflissene, der, wie ich an einem anderen 
Orte*) näher erörtert habe, nothwendig dem ärztlichen Sachverständigen 
dasjenige Yerständniss entgegenbringen muss, was er vermöge seiner allge- 
meinen Bildung für die Auseinandersetzungen jedes anderen Sachverständi- 
gen hat, mit Liebe und wirklicher Belehrung Theil nehmen, weil die vorge- 
führten üntersuchungsobjecte und die daran geknüpften Vorträge und Gut- 
achten ihm gleichsam handgreiflich beweisen, dass die hier vorgetragenen 
Gegenstände seine künftige Stellung auf das Genauste berühren. Wir 
sprechen auch hier aus eigener und erfreulicher Erfahrung, die uns 
auch darüber belehrt hat, dass es grade keiner ausgezeichneten Ge- 
wandtheit bedarf, um dem jungen Juristen ein allgemeines Yerständniss 
gerichtlich -medicinischer Dinge zu eröffnen. 



•) Vergl. »Liman, üeber die Nothwendigkeit des forensischen Studiums für 
Juristen« y. Holtzendorff's Zeitschrift für Strafrechtspflege 1865. S. 585 (Jahrg. V. 
Heft 11. NoYember). 



Erstes Kapitel. 

Die gericlitlicheii Medioiaal -Personen, 



Gesetzliche Bestim munden. 

Ctb«r dit 8l«Uuog Amt Krai^-Phyttcu* In Pr««t«o •. t. R5aD« and etmoji; dfti ll«4ldiiAl-WMfa 
6n PreaMif«h»n ^latUi, Bt<>«Iiiii l^il. K fi. II& n. f.; 8u|ipleixi«;iiiliatid 18SS B <f u. f i T äQ|>|il«»«n(. 
b&i^d 1^56. 6. I a, f ; üb«r die Stelluiig des KreUCbimr^» ebdi. L S61 u. f.; 8iippl«iii«ntlftMd 6. 10 
n, t X ob«! dl« tit«llaDg der liebammeo ebdf. i. S, .S03 q. f.; Sappltnontband B. 18 a. T; S, Supplioiint- 
bfend 6. 14 a, f, F«rfi«r W. Hörn. dM Pr^aatUch« lledleia«! Weieri. S. Auft. B«fUa 1^67. Bd, l. 9. 4L 
Bd. 11, 8, ?09, Bd. K S. 43, Bd. 11. S. hb^ 

§, 3. ßfiilsrhlAii«! itd «nipre Lüiider. 

Nicht alle Länder erfreuen sich des Vorzugs, den die meisten 
deutsehen Staaten geniessen, eigends angestellte, ad hoc in Eid und 
PHicht genommene Aerzte zur Ausfilhning der gerichtHch-medicinischen 
(und sanitätö-pnlizeilirhen) Geschäfte zn besitzen. In so hoch civilisir- 
ten Ländern, wie England und Frankreich, ebenso in Italien a. s. w,, 
herrscht hierin die grösste Willktlhr Seitens der Gerichtshöfe. Im con« 
creten Civil- oder Stmfrechtsfalle, in welchem der Richter der Aafklfi- 
ning bedarf, die ihm nur der Arzt geben kann, beruft er beliebig und 
nach eigenem Ermessen einen, zwei, sechs und mehrere Aerzte aus nn- 
mittelharer Nähe oder aus der Ferne, denen er die Untersuchung und 
Berichterstattung überträgt. Hier leitet ilm das persönliche Vertrauen 
zu seinem Hausarzte, dort der Ruf eines allgemein beliebten ärztlichen 
Practikers, imbekummert, ob der berühmte Arzt oder Wundarzt auch 
wohl je etwas vom Ertrinkungstode, von der Athemprobe, vom Straf- 
gesetzlmehe u. s. w. gehört, geschweige sich damit beschäftigt hat 
Devergie und Taylor schildern nach ihren eigenen Erfahrungen in 
lebhaften Farben das Ungenügende eines solchen Verfahrens, das Nie- 
mand verkennen wird. Zu einiger Ausgleichung desselben hat die 
Praxis in Paris ond an vielen anderen Orten wenigstens die Modific«- 
tion eingeführt, dass jeder Gerichtshof ein für allemal eine gewisse An- 
zahl bestimmter Aerzte designirt hat, aus welchen er die jedesmal er- 
forderlichen Sachverständigen bernft, die dann allerdings aiit der Zeit 



$, 3. Die gericbtiieheü IMiefnaY - FersoDen« 



'die n5thige rebung um! Erfahrung in gerichtlich-medicinischen Dingen, 
und das nothwendige Interesse daran gewinnen werden, um sich mit 
der Wissenychaft und ihren Fortschritten bekannt zu machen. Aber 
aach hierbei iat ersichtlich noch alles Willkuhr, und jeder neue 6e- 
richtsTorsitzende kann beliebig neue Einrichtungen treffen. 

Anders glücklicherweise in Deutschland, dessen medicinisch-forensische 
Eioricbtnngen dem Richter, wie den betreffenden Partheien im Civil-, wie 
im Straf\erfabreü alle nöthigen Bürgschaften geben: denn namentlich 
im peinlichen Prozess sind die erstberufenen Medicinal-Personen gesetz- 
lich nur solche, die der Staat, nach vorgängig erlangter Ueberzeugung 
ihrer Sachkenntniss in diesen Zweigen, den richterlieben Behörden über- 
gehen hat, während nun noch obenein ein Sachverständigen - Instanzon- 
_ zug organisirt. ist, an welchen die Berofang von dem Gotachten der 
^■ursprünglich zugezogenen Medicinal-Personen ergehen kann. 
^K ^6 ist nilgemein Itekannt, dass der erste Beamte in diesem Personal der 
^^ThysicuH ist (Kreis- oder Stadt-Physicus, Gerichtöiirzt, Iiandgerichls- 
srzt u. 8. w.|. Dass er ein wissenschaftlieh gebildeter {life promovirter), 
in allen drei Hauptzweigen ärztlichen Wissens, Medici«, Chirurgie und 
Gehurtshülfe bewanderter Arzt, und durch eine dies bezeugende allge- 
meine staatliche Approbation legalisirt sein müsse, fordern die gesetz- 
lichen Bestimmungen in Preussen und anderen Ländern, Aber auch 
eeine speciellen Kenntnisse in den rächern der öffentlichen Mediciü 
YDüS^ er durch eine vorgängige Physicats -Prüfung*), die in Preussen 
^or der obersten Medicinal - Behörde abgehalten wird, durgethau haben. 
Hechtewissenschaftliche Kenntnisse dagegen fordert mit gröastem Rechte 
^^eder der Staat, noch irgend eine Behörde, mit der er im Amte zu 
xerkehreu hat. jemals von ihm, und es ist ein gänzliches Verkennen 
des Standpunktes des sachverBtändigen (d. 1l m e d i c i n i s c h - sach ver- 
^^tetändigen) ZengeUj wenn so viele gerichtlich -medicinische Scbriftsteller 
^Bcias Gegentheil vermeinen. Dagegen ist dem practischen Gerichtsarzte 
"^ie Kenntuiss der in sein Gebiet einschlagenden Gesetzesstellen 
durchaus unentbehrlich, weil fortwilhrend eine Interpretation derselben 
"Ton seinem Standpunkte von ihm gcf^rrdt*!! wird, und, wie die Erfah- 
mng lehrt, diese Kenntniss vom Ki^ht^M bei ihm (mit Recht) voraus- 
l^esetzt wird, der sehr bänfig eben deshalb sich damit begnügt, in vor- 
Icommendem Falle sein Gutachton „mit Bezug auf §, x.** der Landesge- 
«etzbflcher zu fordern. 

Die Stellung des Gerichtsarztes ist in unserer Zeit gegen früher 



♦) 9. lliiiist«n»l- Verfügung vöm 20. Föbniar 1863, betreffend dvLS Regleinenl für 
di« Prüfung Bebuf» Erlangung der Qaalification ab Kreis-Physicue* VierteljabrHsehrift 
1. |«ricbtJ. u. öffeotL Med. 1803. Ed, 23. 



8 h ^* B^® gerichUkhen Hedicmal- Personen. 

eiue (lurchaus veränderte geworden. Die Wissenschaft macht bobere 
Anforderungen an Uin in Betreff seiner Qnalification und seiner üuter- 
snchnngen, und das öflentliche und mindliche Gerichtsveriahren gestattet 
ihm nicht mehr, auch in den zweifelhaftesten oder Bchwierigsten Fälleü 
in der Ruhe des Arbeitszimmers sich zu sammeln, auch Rath bei be- 
währten Schriftätellcrn für seine Gutachten einzuholen, sondern es for- 
dert dies Verfahrens dass er all sein A\issen stetü bereit habe und 
obenein, dass er das Talent besitze, seine Meinung und Gründe mimd- 
lieh klar und überzeugend vorzutragen. Gegen diese Anforderungen 
und die (namentlich auch in medicinal- polizeilichen Dingen) mannig- 
fachen schweren Pflichten der Physiker in Deutschland sind deren 
Rechte und Beneficien (Besoldung u. s. w.) so onverhältnissmässig ge- 
ringfügig, dass Jeder sich wohl prüfen möge, ehe er unter die Bewerber 
zu einer solchen Stelle auftritt, wobei er noch zu erwägen hat, daas, 
w^enn er in seiner i\jntsthätigkeit seinem Diensteid und seinem Gewis- 
sen furchtlos als Ehreimiann treu bleibt, er nicht immer auf lauter 
Freunde im Publicum und unter seinen Collegen zu rechnen habe*). 

Neben dem Physicus fungirt in Preussen und in den meisten deut- 
schen Landern der Kreis- (Amts-) Wundarzt, der untergeordnete Ge- 
hülfe des Ersten da, wo sie (wie bei Obductionen) gemeinschaftlich be- 
rufea werden, in allen anderen Fällen, deren Austragung ihm von Rich- 
tern oder Polizeibehörden übertragen wird, selbstständig fungireud, Aas 
den Zeiten der Trennung der Medicin von der Chirurgie datirt eigent- 
lich der Verwaltungsgedanke, dass man dem Gerichts arzt einen Gerichts- 
wundarzt zur Seite stellte, und mm erst die Kreis- (Amts-) Medicinal- 
Behörde vollständig organiairt glaubte. Mit der endlichen Verschmel- 
zung der drei practischen mediciuischen Disciplinen in Eine, die der 
wissenschafüich gebildete Arzt repräsentirt, hat jene Trennung keinen 
inneren Halt mehr, und, wie schon in anderen deutschen Ländern ge- 
schehen, so ist auch in Preussen der glückliche Fortschritt angebahnt, 
die „Kreischirurgen"- Stellen, besser die Physicats- Assistenten - Stelleo, 
jüngeren wirklichen Aerzten anzuvertrauen. 

Auch für Berlin ist seit dem Jahre 1865 die Stelle des Stadtwund- 
arztes thaUächlich beseitigt, und fuogiren statt dessen zwei Physici, 
von welchen abwechselnd je einer bei Obductionen die Functionen de» 
^Wundarztes" (zweiten Sachverstandigen) übernimmt, während alle übri- 
gen Sachen, nach Actenzeichen getheitt, selbstständig von ihnen bear- 
beitet werden. 

Aber die beamteten Gerichtsärzte haben seit Einführung des neuem 



^) Ueber die SUlhuig des GericbtsBriies TOr dem Hichter und namentlich Tor deo 
Geschworenen eu unten §. 16. 



$, 3, Die gerichtUcben Medicinal- Personen. 



Gerichtsverfahrens kein Monopol naehi* zur Ausfülining medicmisch- 
foreosischer Geschäfte. Schon früher forcierten die gesetzliehen Bestim* 
muügen in Preussen in eivilrechÜieheu Angelegenheiten, namentlich im 
Verfahren wegen einzuleitender Blödsinnigkeits- oder Wahnsinnserklä- 
ruüg, keinesweges ansschliesslich die Zuzielinng der beamteten gericht- 
lichen Aerzte (s. spec. ThK), Hessen vielmehr auch jeden privaten ap- 
probirten Arzt zu. Das neuere Gerichtsverfahren gestattet dies aber 
auch jetzt in strafrechtlichen Angelegenheiten, von den geringfügigsten 
an, die vor dem Dreirichter- Coilegium verhandelt werden, bis zu den 
Rchwerston Schwnrgeriehtssachen. Täglich werden vom Gerichtshofe, 
Staatsanwalt, Vertheidiger neben dem amtlichen Arzt oder auch mit 
grgehung desselben, private Aerzte vor Gericht geladen, um ihr 
iten abzugeben, und so selien wir eine Annäherung an das in 
den Kaehbarländern übliche Verfahren, die wir, aus den oben angedeu- 
teten Grtindeo, für erspriessÜch für die Sache im Allgemeinen nicht er- 
achten können. Man kann ein höchst achtbarer, allgemem gebildeter 

'Arzt, ge wieder und erfahrener Practiker sein, ohne Gesetzeskunde, Bc- 
kanntschatl mit den vorschriPtsmässigen gerichtlichen Formen und die 
erforderliche Uebung in gerichtlich - merlicini^cheii Angelegenheiten zu 

'fccöitzen. Immerhin aber besteht in ganz Deutschland gegenwärtig das 
neuere Verfaliren, und kein (auch privater) Arzt kann es in seinem 

k^igenen Interesse mehr abwehren, sich mit der Wissenschaft der ge- 

[xichtlichen Medicin vertraut zu machen, die aufgehört hat eine, wie 

' '^onnals etwas gescheute und gemiedene Domaine bloss für Eingeweihte 
zu sein. 

Was jetzt von jedem Arzt gilt, hat von jeher in Preussen, so wie, unsers 
^Wissen, auch in anderen deutschen Ländern, von den Apothekern als ge- 
Tichtlicb-sachverständigen Zeugen gegolten. Es besteht in Preussen zwar 
Iceine einzige gesetzliche Bestimmung, welche den approbirten Apotheker 
vänge, sich einer, ihm vom Richter übertragenen, Ln sein Fach einscblagen- 

Uen Untersuchung und Berichterstattung zu imterziehen; aber die Praxis 
liat im Allgemeinen darunter nicht zu leideu gehabt. Der Richter setzt 
ü einem geordneten Apotliekerwesen mit Recht voraus, daas jeder 
rom Staate approbirte Apotheker die erforderlichen chemischen, botani- 

f-schen u. s. w. Kenntnisse besitze und auch mit den Fortschritten die- 
ser Wissenschaften fortwäJirend so vertraut sei, um ihm in Betreff eines 

^43ahiB einschlagenden üntersuchungs - Gegenstandes sachkundigen Auf- 
schluss zu geben, und er requirirt ihn zu diesem Behnfe entweder allein, 
oder nach Umstanden unter Zuziehung des Gerichtsarztes« 

An grösseren Gerichtshöfen, wo die Geschäfte sich hänfen, ist wohl 
fiberali der höchst zweckmässige Gebrauch eingeführt, einem ein- für allemal 
vereideten Apotheker, oder, wie in Beriin, einem Chemiker vom Fach, 



Stellimg de« Gerich tsarztes tnm Riebter- 

s&mmtlirhe vorkoTDineiide üntersnchnngeo ausschliesslich zu übertragen» 
der dann ein verdoppeltes lotereese haben wird. iBit deo Fortschritten 
der Wiiisenschaft sich vertraut zu erhalten, um seinen Ruf zu wahren. 

Ganz dasselbe, wie von den Apothekern, gilt in Betreff der Heb* 
ammen. Die gericbtlich-medicinische Thätigkeit derselben bleibt aber, 
was sehr erfreulich, seitdeoi bei den Gerichtsbehörden sich die Erfah- 
rung geltend gemacht hat, dass auch jedem wissenschaftlich gebildeten 
Arzte die geburtshülf liehen Dinge nicht fremd sind^ in der neuem Zeit 
meist auf diejenigen gntacht liehen Aeussernuijen beschränkt, zu denen 
sie im concreten Falle durch ihre private Praxis veranlasst worden 
waren. 

Was die superarbitrirenden Behörden, die in Preussen exisüren, 
und deren Verfahren betrifft, so ist davon im zweiten Bande (allgem. 
ThK §. 54.) gesprochen. Ein ilho lieber Instanzeuzng findet, wie be- 
merkt, in ganz Deutschland Statt, mag die medicinische Facultat der 
Landesuni versitat oder mögen Collegien tinter verschiedenem Namen 
und amtlichen Befagnissen dir* hoher begutachtemleu Behörden sein. 



§. 4. Stfliing des Gfritlitsirites la» RifMer. 
Gesetzliche ßesttmmuugen. 

Rtterlfi ti»9 Pr««*» «tii«t Itmlnl t iert vom 1>. Octol>«r ISll (auf ein« Ai>fr»g« d*t B«rlf««t 
ll«t<l(i;9riel)t<} : «i^fin d»r It^iMlg» 8iadtfhj«tep} Terbiinden iit. Jede «m ihn 4»rg(<h«»<$« KoqnfalUa» der 
Crlfnintl * U^pnititiön iIm 8Udiger{cliu odttr }^d«s «»locelaifn MICf lledrt In Bttreff efi)«r rAnii»eliMCtt<l«fi 
ObttucÜon Oller Kealcbttgun^j unweiger(jcli tu foifen, «enit d«r'*eib« diel* aelne Amtiipfliebt «rliltt 94tr 
«lueH datn unt «roe cttwuige /«itrniirtet« Be«ebwerde iiDf;eh«Iteu weidi»!« ti4>*n, «m b^^ft^rf »« der iJa d»m 
B«ri«>hl voiQ 10 d« 11. iia«tij«viiifhe«ii FctHcUnnettHt da«! d«ritlh# d^iii Cnllefio mbordlttlirt «ei, nirtil. 
• o iß\% d«on anch dicket 8 tt hfird in »tittu»' Verbälin i t b itif'ht Riait rindet. 

Wir ermahnen diese Frage nur, weil aie von allen Lehrern und 
Schriftstelleni behandelt wird, die darüber das Mnonigfachstc vorge- 
bracht haben, obglej'-h die Frage zu denen gehört, — die gar keine 
sind. Jeder praktische Gerichtsarzt wird sich kaum eines Lächelns er- 
wehren, wenn er sieht, wie die theoretischen Handbücher, Zeitschrift^- 
abhandlungen u. s. w. sich abmühen, auf das Genauste das Verhältnis» 
abzuwägen, in welchem der gerichttjcbe Arz<- zu Richter und Richter- 
collegium zu stehen habe, die Grenzen dieser Stellung zu bestimmen. 
In Älterer Zeit fanden sich wohl Meinungen, nach denen diese Stellung 
eine subordinirte sein müsse, später schraubte man sie zu einer coordi- 
nirten hinauf, und in neuerer Zeit hat man sogar empfohlen, den Ge- 
richtsarzt zum ^Beisitzer** des Gerichts zu ernennen! Es gehört diese 
müssige Discussion zu den vielen, die in die gerichtliche Medicin ledig- 
lich hinein geschrieben worden und die für die Praxis ganz wertUos 
sind, da jeder Gerichtsarzt recht gut weiss, dass er — gar keine 



§. 4. Stellung des Gerichtsarztes zum Richter. ]1 

l*", gar kein „Verhältnisse zum Riciiter hat, haben kann und 
soll. Dass er als Staatsbürger seinem zuständigen forum untergeordnet 
ist, kann natürlich nicht gemeint sein und nicht bezweifelt werden. Als 
Arzt aber hat er nicht im Entferntesten irgend eine andere ,, Stellung^ 
zum Richter, zu keiner Zeit und in keiner Angelegenheit, wie jeder 
andere technische Zeuge und Sachverständige. Als Zeuge zu er- 
scheinen, wenn der Richter ihn ruft, dazu verpflichtet ihn bekanntlich 
seine staatsbürgerliche Stellung ; aber so wenig der Kupferschmied, den 
der Bichter auffordert, den Werth eines gestohlenen Kessels zu taxiren, 
der Baumeister, von dem er den Werth eines Grundstücks abgeschätzt 
wissen will, der gelehrte Dollmetscher, der ihm eine türkische Hand* 
Schrift übersetzen soll, eine „Stellung^ zum Richter haben, oder „Bei- 
sitzer'^ des Gerichts werden müssen, eben so wenig der Arzt. Denn 
derselbe ist nichts mehr und nichts weniger als ein tech- 
nischer Zeuge, den der Richter ruft, wenn er zur Entscheidung eines 
Bechtsfalles oder einer zweifelhaften, in das ärztliche Gebiet einschla- 
genden Frage seiner Aufklärungen bedarf, wie er in ähnlichen Fällen 
hundert andere Sachverständige mft, die er mit ihrem Gutachten hört, 
die er for dasselbe vereidigt, denen er dafür die gesetzlichen Zeugen- 
gebühren anweist, und die er dann -— höflichst entlässt. Wo ist hier 
von einer „Stellung zum Richter" die Rede? Alles, was an gegen- 
theiligen Behauptungen vorgebracht ist, zeugt von practischer Unkennt- 
niss des Standpunktes, ist eitel Wahn und Ausfluss jener irrigen Grund- 
ansicht, die aUerdings die Autorität eines Alters von einigen Jahrhun- 
derten, aber nur diese, für sich hat, Ausfluss des Irrthums, dass 
gerichtliche Medicin und Rechtspflege, Arzt und Richter eine Art con- 
nuUutii^ eine eigenthümliche Mischehe, darstellten, wo man dann folge- 
recht bemüht war, die „Stellung" der Gatten zu einander festzusetzen. 
Aber ein solches connubium existirt nicht und nirgends; die Richter 
haben sich von jeher mit Recht dagegen gesträubt, hervorragende Ju- 
risten im achtzehnten Jahrhundert das Kind sogar mit dem Bade aus- 
achfitten wollen, und es ist auffallend, dass die Aerzte ihrerseits, in 
der That ganz gegen ihr loteresse, immer wieder auf diese Verbindung 
zurückgekommen sind. 



Zweites Kapitel 

Die gerichtlich-medicinische Untersuchung. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

tntenurhiingen b«tre4T«uil mciftflhmrt« Gemüthisiiplind«, t. untan ■(»«c. Th). 

UntcrtiiciiaBgfti}, tnenaclilktie Lekfhon betreffend, i. Btt IL «11^, ThL 3. Aüirkii 

Oetttrrclcli. Btrafprocfltc-Orduting §. &2.: Die Oegenatinde de« Aofi^eiKcheiri« •lud Ton d*m ( 
vtrii&odig«!! la Otgenwirt der nericbt«ppr«on^''n cq betfchUg«» tin4 zu DQtrritfichcu^ «osnar wtnii laUUr« 
•ilii Rfi«ksJchlea ddi tliülcben Aiuuode« iifch tu «otforDeu für ait^«tit««icn otar<ht«o, ''«der nnitn <ti* tt* 
forderhcb«!! WAltruehjauogeu » «ie £. B b«i der Dotersuchoog ton Gifi«a^ nur cturcti fortHei«iz(« B«oIk 
•«liniitgen ed«r lloger djiueriict« Vprnuclif i^emttrlit wcrd«n k^Dtito. ßei Jedur «olcbeii Bulfcriiuiii; dl«r 
G»ricl>ttt»or«oaaii v^s dcra Ort« des Au(c«n«cheiMi i«t ib»r di« geelgacte VoriorK« ttt lr«0«o^ dftnil 41« 
Giaub^HOrdiskeit der vod dwu SjirhvortUiidtiie» tu pflvgvndcn Krh«but>gen ticiier ^'v^feltl »»«!•. 

Bbdf. |. S4,; Pia toi* deu ^««^hvorstJiiidiKaii K"raA<'Ht«ii WAUrD«liiauiii;ett iJöd tou d«m Pr«tok»n<^ 
fübror «ogleleii «artntoicliiieii !)*• GiiiachHn laroinl deisvci Gri^nd« küiiu«n tlt «uliAedtr «ofkicti tu 
rrolokoll g«b«f)i (Hier »lell df» Absib« «luvt tcttrifUirlieh Quitcbieo» rorbeballan, wot« lliotft flu« ««g«- 
iii«lt«De Frist in be»il!iitn«n itt. 



§.5. 



.Illgenelnes, AnwfsenhcH drs Rirlirrs. 



Da jede gerit'htsärztliche rntersucliung elieo eine ärztüolie ist| 
80 bedarf es kaom einer Angabe der allgemcineE BedlDgiiagen und Er- 
fordernisse zu einer gründli^^hen und befriedigenden Exploration, da 
diese keine anderen sind, als die jeder grundlichen ärztliehen Pröfn 
Sachkenntniss, Ruhe und ünbefaßgenheit. 

Der UntersucJiungsapparat des ärztlichen DiagnoBÜkers in seiner 
ganzen Ansdebnung darf jetzt dem Geriehtöarzt nicht mehr fehlen. 
Aber es kommen bei der gerichtsärztlichen Untersuchung im Gegen- 
satze zu der privatärztlicben noch einige ^vesentii€h formelle Punkte 
zur Sprache, Dass erstcrc nur allein zu gesehehen hat auf Torgäugige 
amtliche Aufforderung \on irgend welcher zuständigen Seite her, wird 
bei Erwähnung der Amtsatteste (§• 16.) noch mehr hervorgehoben 
werden. 

Viel ist darüber gestritten worden: ob die Anwesenheit des 
Richters bei der gerichtsärztlichen Untersuchung nothwendig *»der 
zweckmässig sei, oder nicht? Da dieselbe überall nur im Interesse des 
Richters, der allgemeinen Rechtspflege, gesehielit, so sollte man denken, 
das« diese, dass die Staatsgesetzgebung, nicht die gerichtliche Medicia» 
die Frage zu beantworten und die Angelegenheit zu regeln habe. Dies 
ist auch der Fall gewesen. 

In Prenssen ist die Anwesenheit des Richters nur allein bei zwei 



§, 5. Anwef«nheit des Richters t>«i der Untertuchung. 



13 



Arten von gerichtsärztlicheii üntersnelinEgen gesetzlich vorgeschrieben, 
bei denjenigen civilrecbtlichen Untersuchungen streitiger Geinüthszu- 
sUinde, deren Ausfall einer gerichtlieheu Blödsinnigkeits - (Wahnsinns-) 
Erklärung des Interdlcenden zur Grundlage dienen sollen, und bei den 
Untersuchungen menschlicher Leichen. 

Bei Erstem soll und kann sich ja auch der Richter selbst ein all- 
gemeines Urtheil über das geistige Verhalten der Untersuchten bilden, 
wie gleiches auch von deren Curator gilt, dessen Anwesenheit gleichfalls 
vorgeschrieben ist (s, spec. ThL), und bei den Untersuchungen Leichen 
betreffend, ist die Anwesenheit des Richters vollends eine innere Noth- 
wendigkeit, und mit Recht daher das „Beisein der Justizbedienten" in 
der Preussiöchen Criminal - Ordnung §, 157. gesetzlich verordnet» 

Denn „die Geri<'iitsperson, welche die Obduction dirigirt" — womit 
oatürlicb keine techniscbe Direction der Untersuchung gemeint ist — „hat 
zuvörderst dafür zu sorgen, dass die Leiche denen, die den Verstorbenen 
gekaimt haben, und wo möglich dem vermntheten oder geständigen Urheber 
dea Todes zur Anerkenntniss vorgelegt werde**, jedenfalls „sich auf alle Art 
zu vergewissem, dass in Absicht der Leiche weder eine Verwechslung, 
noch ein Irrthum vorgefallen sei." Femer soll der Richter den Sach- 
verständigen bei etwa aufgefundenen Verletzungen „die etwa vorgefun- 
denen Werkzeuge vorlegen, und sie darüber vernommen werden, ob 
durch diese die Verletzungen haben hervorgebracht werden können** 
n. 8, w. (§§. 159., 161., 162. a. a. 0.). 

Dies Alles sind, me man sieht, rein und ausseid iesslich richterliche 
Befugnisse, und da Alles, was hier erwähnt worden, noch an der Leiche 
treibst zur Entscheidung zu bringen ist, so versteht sich die Anwesenheit 
von Gerichtspersonen bei diesen Uotereuchujigen überall ganz von selbst. 

Ganz dasselbe gilt von solchen gerichtlichen LeichenUDtersnchungen, 
bei denen sich der Verdacht einer Vergiftung ergeben hatte. Es ist hier wie- 
der eme Verpflichtung des Richters, und deshalb mit Recht ferner vorge- 
84:brieben, „dass vom Richter mit grosster Sorgfalt dahin zu sehen ist, dass 
die zu untersuchenden (verdächtigen) festen und flüssigen Körper nicht 
vertauscht oder verwechselt werden, sondern deren IdentitTit ausser 
Zweifel gesetzt sei**, weshalb die üe hergäbe an ihe Sachverständigen 
nach amtlicher Versiegelung der Substanzen mittelst gerichtlichen Pro- 
tokolls geschehen soU (§. 167. a. a. 0.). 

Für keiDe andere Art von gerichtlich mediciiiiscJien Untersuchun- 
gen, als für die beiden genannten, ist in Preusscn die Anwesenheit des 
Bichters gesetzlich vorgesclirieben, und in der Regel deshalb auch nicht 
üblich. Anders in Oesterreich (s. S. 12). Es konnte dieselbe nur eine 
zweifache Bedeutung haben. 

Entweder nunilith könnte sie oine Conlrolle für ausreichend 



14 



§. 6. Akteneicsicbt Behufs dar üntersuciiun^« 



umfassende und gründliche Untersuchung Seitens des Arztes sein 
dollen, wobei es keiner Ausführung bedarf» dass eine solche ganz 
illusorisch sein würde; oder jene Anwesenheit könnte den Zweck 
haben, dass der Richter selbst RenntnisB nähme von den Haapt* 
Untersuchungsbefunden. In der That schreibt die Preuss. Criminiil- 
Ordnung auch §. 168. vor: dass der Richter bei der gerichtlichen 
Leichenuntersuchnng ^sieh dasjenige, was durch die äussern Siüne 
wahrgenomm«.^n werden kann, vorzeigen lassen solle", und bei so sinnen« 
fälligen Befunden, wie sie gerade diese Untersuchungen so häufig er- 
geben, z. B. zerschmetterte Kopfknoehen, Wenden aller Art.^ schwim- 
mende Kindslungen, durch Schw^efelsäure verbrauiiter Magen, grosse 
Blutergüsse in den Hohlen n. s, w., ist es eben so leicht als zweck- 
dienlich, dem Richter dieselben während der Untersuchung zu zeigen. 
Für die Beurtheilung des Werthes der Befunde aber bleibt er doch im- 
mer auf das Gutachten des Arztes ancjewiesen. In WTit erhfthterem 
Mausse gilt dies von Untersudmngen anderer Ohjecte, Welchen Vor- 
theil können sich beide Theile davon versprei-hen, wenn der Gerichts- 
arzt z. B. dem bei der Untersuchung auf Arsenik im Marsh 'sehen 
Apparate anwesenden Richter den gewonnenen Metall Spiegel auf der 
Porzellansrhale auch wirklich zeigte? Hat der Richter nun eine selbst- 
Bt&ndige Ueberzeugung vom Vorhandensein von Arsen? Und wie steht 
es mit der ueberzeugung, wa^nn zufällig der gerichthVhe Arzt nirhts^ 
von der Diagnose der Arsen- und Antimon- Fh^cke w^üsste? Welchen 
Nutzen sollte w^ohl die Anwesenheit des Richters haben bei der ge- 
richtsürztlichen Untersuchang und Feststellung cioer zweifelfaaften 
Schwangerschaft, einer streitigen körperlichen Krankheit, einer angeb- 
lichen Nothzucht u. 8. w,? Gewiss nicht den geringsten; ja sie kdnntc 
in nicht wenigen Fällen sogar wirklich störend werden. 

Die Frage von der Anwesenheit des Richters bei der gerichtsärzt- 
lichen Untersuchung hat also die Gesetzgebung zu regeln, nicht 
die gerichtliche Medicin. Letztere kann die Anwesenheit nur bei der 
Hinderzahl von üntersnchungsobjecten für zweckmässig erklären^ hat 
aber kein Interesse daran, zu verlanffen, dass diese Anwesenheit auf 
die grosse Uehi'zabl aller forensisch - ärztlichen Untersuchungen ausge«- 
dohnt werde. 



§. (}. Akteiifiii»irlit Brhuh der litergifhung. 
Qesetzliche Befttimmuogen. 

OetUrreieh. Kir ifftr ocft^-UrdBon« |. S.t : — — DI« 8«€htr#r«ilndlK«ii kdnntfi TerlAAf««, 
4m» Ibtttfi ftua tt«tt AkMif vA*t durch Vern#l«Mt(iog «on Z«u^«ti Jeu« AtirkJirungtn übT loii itki»«N hm* 
•ftünil tu li«]ietrhr»«ni)* Tankt* f««#h«n ««^rdati, «relrtie i1» ftr 4m» «bxig^tlvetid« GuU^HtPu fär «ffüfdvr* 
114^1» h4ltei». tn J»r»*n F*Uef>, «o 4my 8«« hv er« Und licet* «ur At)v«be «in«ji GiiUcliUii« dl« «t«;«»« Blit%lrbl 
Ift 41« Diii«r«uchiiiiK«' Akten uaerlAn^Ucb «richfliit. kÖQnwti Itinvu, wftiu uiiht Jicaandwr« Bed*»^«» am* 
ptf)»» tib«*ti<«n, AU4^ti iUe Aktta «eib«! mlig«tli«Mt ^tr4«P. 



|. 6. AkteneiiLsicht Behufs der Untersuchung. 



Die Frage: ob es nothwendig oder zweckmässig sei, dass dem ge- 
richÜicheD Arzte Behufs der Untersuchung und Berichterstattuog vom 
Bichter Einsicht in die bis dahiu verhandelten Akten gewährt werde? 
ist gleichfalls vielfach von Juristen und Mediciuern erörtert uud bejaht 
wie verneint worden. 

Was zunächst auch hier die in Preussen bestehenden gesetz- 
lichen Bestimmungen betrifft» so findet sich nm- eine einzige hier- 
her gehörige Medicinal -Verordnung von 1791, und auch diese nur 
in Betreff der Obductionen, wonach die Einsieht in die Akten aus- 
geschlossen ist und die Obducenten l*edeutet werden, „dass sie ihr Gut- 
achten nur auf den Zustand des secirten Körpers einzuschränken haben. *" 
Aber auch namhafte Juristen haben den Arzt lediglich und aussehliess- 
lich auf seinen Befund für sein Gutachten hinzuweisen empfoldeiK Man 
hatte dabei natürlich den Wunsch vor Augen, dass derselbe unbefangen 
tmd unbeirrt durch vielfach vorläufig noch gar nicht hinreichend festge- 
stellte Depoaitionen in den Akten an die Untersuchung gehen solle, nnd 
dachte wohl dabei: was zu finden ist, wird der Arzt wohl finden und 
ans erklären und dann sind wu* befriedigt. 

Aber der Arzt soll nicht bloss die nackte Schilderung der Be- 
funde zu den Akten geben, sondern Schlüsse, sachverständige Folge- 
rungen aus den Untersuchungsbefunden ziehen, und gerade diese sind 
e», die von ihm verlangt werden. Schon zur Zeit jener alten Verord- 
nuBg aber war dies, und gerade für den Zweck, für welchen sie er- 
lassen wurde, in vielen Fätlen bei dem vorgeschriebenen Verfahren 
rein unmöglich, unmöglich bis zum Erseheinen des Preussischen 
Strafgesetzbuches (1851J. Denn bekanntlich hatten damals und bis 
dahin in der Lehi'e von den Verletzungen die absurden Lelhalitats- 
grade Geltung. Der Gerichtsarzt sollte also ohne alle Keunlniss der 
a^u-acia aus dem blassen ^Zustande des secirten Körpers^ uttbeilen^ 
ob nicht etwa eine sogen, „accidentelle^ oder „individuelle" Lethalität 
vorläge, ob etwa der Fracturirte Meilen weit ohne Verband gefahren, 
ob er betrunken gewesen, ob er auf die allerwidersimiigste Weise be- 
handelt worden war u, s. w.! 

In anderen Fällen weiss aber der Gerichtsarzt gar nicht, was er 
imchen soll, um zu finden. Dies trifft namentlicli und vorzugsweise 
häufig genug zu bei der ihm übertragenen Untersuchung zv\'eitelhafter 
Gemathszustände. Wiederholentlich kann er bekanntlich einen Geistes- 
kranken beobachten, ohne zu ahnen, was denn bei diesem, anschemend 
ganz dispositionsfähigen Menschen Zweil'el erregt hat, bis ein Wort in 
den Akten ihm den Schlüssel giebt, und der Fall ihm nun augenblick- 
lich klar wird. 

In wieder anderen sehr häufigen Fällen ist er ohne solche Akten- 



16 



6* Alrteneinsiclit Behufs der UntenmebTing. 



kenntniss lediglich auf die Angaben des Exploranden, d, h. meist 
auf Lug und Trag oder wenigstens auf absichtliche üebertreibung 
angewiesen. Diese Fälle ereignen steh zumal bei Ansehuldigungen von 
angeblicher Nothzticht, von erlitteneu Verletzungen n. s. w. Der Ver- 
letzte giebt ihm z. ß. eine ganz nuwahre Schilderung des Herganges 
und des verletzenden Instrumentes, um in seinem Interesse den Unter- 
suchenden zu einem irrigen Ausspruch zu verleiten, während die Ein- 
eicht in die Akten und in die Aussagen von Augenzeugen des Vorfalls 
ihm den Fall sogleich in sein richtiges Licht bringt. Seine Aufgabe 
bleibt es dann freilieh, in allen l'^ntersuchnngsftdlen die aktenmässigen 
Thatsaehen mit denen seines wirklichen Befnndes in Einklang zu brin- 
gen, und w*o ein solcher nicht zu erzielen, sich darüber in seinem Gut- 
achten auszusprechen. Ganz gewiss ist es, und Hunderte von Errah*j 
rangen beweisen es, dass die Kenntniss des Akten Inhalts oft die Sache 
nur sehr förderlich, oft wahrhaft unentbehrlich ist, und dass der 
richtsarzt deshalb ungemein häufig in die Lage kommt, sich die 
treffenden Akten vom Richter schon vor der Untersuchung, oder na 
derselben für sein Gutachten zu erbitten, wenn der Richter nicht aus 
eigenem Antriebe dieselben ihm zu diesem Behuf von vorn herein gleich 
vorgeleRt. haben sollte, was wenigstens in der Praxis der Berliner 6a- 
richtsbehörden in den betreffenden Fällen üblich ist. 

Wo ein anderes Verfahren gebräuchlich, da wird es mindestens dem 
(Preuss.) Gerichtsarzte von Nutzen sein, zu wissen, dass kein Gesetz, keine 
Verordnung existirt, welche dem Richter verbieten, dem reqnirirten Ge- 
richtsarzte die Einsicht in die Akten zu gewähreo, w^ährend der öster- 
reichische Sachverständige dieselbe gesetzlich fordern kann. Wenn sie 
aber verweigert werden sollte, so bleibt Letzterem in den dazu geeig*« 
neten Fällen nichts übrig, als die Erklärung: dass er sich aus seinef 
blossen UotersuchuDg und ohne Kenntniss der Vorverhandlungen nicht 
ausreichend informirt erachte, um gewissenhaft ein begründetes Gutach- 
ten über den untersuchten Fall abzugeben. Es müssten dann schon 
eigenthümliche Individualitäten einander gegenüberstehen, wenn nach 
solcher zu motivirenden Erklärung der Richter bei seiner Weigerung 
beharren sollte. Im Uebrigen endlich ist aber die ganze Frage von der 
Akteneiösieht durch die Einführung des öffentlichen und mündlichen 
Gerichtsverfahrens gegen früher in eine ganz andere Lage gekommen, 
da gewöhnlich der Arzt der ganzen Verhandlung beizuwohnen hat, od« 
aber gar nicht in der Vornntersuchung berufen worden, sondern ersi^ 
zur üffentliehen Verhandlung vorgeladen worden war, um eine Unter- 
suchung auszuführen und sofort mündlich darüber zu berichten, in wel- 
chem Falle er ja ebenfalls die ganze Sachlage in der Audienz vor sich 

PtlUvirlrlf sH'l)t 



§. 7. Ort der Untersuchung. 17 

§. 7. Irt der Vntenidiiug. 

Abgesehen von den Untersnchnngen, die in Gegenwart des Rich- 
ters an der Gerichtsstelle oder im Leichenbanse ansznffihren sind (§. 5.), 
ist der Ort, an welchem in den meisten Fällen die Explorationen ge- 
schehen, entweder die Behausung des Arztes oder die des zu unter- 
suchenden. Die Erfahrung lehrt, dass letztere ein weit geeigneterer 
Ort dazu ist, sei sie auch noch so eng und beschränkt. Und dennoch 
werden dem Gerichtsarzte sehr häufig die Exploranden vom Richter ins 
Haus geschickt, namentlich weil dies die Kosten der Untersuchung, zu- 
mal auf dem platten Lande, wo im entgegengesetzten Falle Reisekosten, 
Diäten u. s. w. liquidirt werden, sehr verringert. Aber wer in einer 
gerichtlichen Angelegenheit zum Arzte ins Haus kommt, und ihn zu 
egoistischen Zwecken täuschen will, bringt gleich einen Stock, vielleicht 
eine Eröcke mit, ohne die er angeblich nicht gehen kann; er hat reine 
Wäsche angelegt, kurz vorher seine Blase entleert, um den Harnröhren- 
schleimflnss zu verdecken; er hat sich am Tage vorher absichtlich und ohne 
innere Nothwendigkeit einige Schröpfköpfe ansetzen lassen, damit man 
die fiischen Narben sehe; er bringt seine Frau mit, die ihn fahren muss, 
weil er angeblich so schwachsinnig ist, dass er den Weg nicht allein 
finden kann, er bringt Pillen und Mixturen mit, die er sich in den letz- 
ten Tagen hat verschreiben lassen u. s. w. u. s. w. Wie oft aber findet 
man, wenn man mit seiner Requisition in der Tasche den Exploranden 
in dessen Wohnung aufsucht und ihn mit seinem Besuche überrascht, 
von Allem das gerade Gegentheil. Der Mann mit der Kracke gräbt 
und pflanzt in seinem Garten; der überraschte Tripperkranke kann nun 
die Krankheit nicht verbergen; die Frau mit so schwacher Verdauung, 
dass sie die Gefängnisskost ganz unmöglich vertragen kann, verspeist 
80 eben mit den Ihrigen eine noch weit schlechtere, und jenen Andern, 
der sich früher mit doppelten Röcken und Shawls gemeldet hatte, weil 
ihm sein Arzt geboten, jedes scharfe Lüftchen zu meiden, trifft man 
bei stürmischer Witterung gar nicht zu Hause und zum Jahrmarkt oder 
Pferderennen gegangen. Solche Erfahrungen sind so ungemein häufig, 
dass man es sich zur Pflicht machen muss, wo Zweifel aufstossen, 
Menschen, die zur Untersuchung vom Richter zugesandt werden, nach- 
träglich noch wiederholt in ihren Wohnungen aufzusuchen. In sehr er- 
höhtem Maasse gilt dies von den Untersuchungen zweifelhaft geistig 
Gestörter. Alle Grerichts- und Irrenärzte wissen, wie listig und conse- 
quent gewisse Wahnsinnige ihre Krankheit verbergen können, wenn sie 
ein Interesse am Dissimuliren haben, z. B. (wie gewöhnlich!) dringend 
wünschen, ihre Interdiction wieder aufgehoben zu sehen. Solche Men- 
schen, vom Richter dem Arzte „sistirl", erscheinen bei ihm in einer 

Casper's geriehtl. Med. 5. Aofl. I. 2 



18 §• 3. Zwecke der Untersuchung. 

Art und Weise, dass selbst der Geübte sich von ihrer Wiederherstellung, 
oder in anderen Fällen von der falschen Imputation einer Geistesstörung 
überzeugt halten möchte. Aber man überrasche sie zum Zwecke der 
Untersuchung in ihrer Wohnung und Umgebung, und man wird sie be- 
schäftigt finden mit Schreiben von widersinnigen Beschwerdeschriften, 
dergleichen ganze Stusse vor ihnen liegen, mit dem Studium eines selbst- 
gefertigten adligen Stammbaums, mit Componiren von ganzen Bogen 
unsinniger Verse u. s. w., oder man findet eine auffallende und ganz 
absonderliche Einrichtung des Zimmers u. dgl. m. 

§. 8. Iwecke der Vatersncbiiig. 

Die ärztlichen Untersuchungen am lebenden Menschen in foro kön- 
nen einen siebenfach verschiedenen practischen Zweck für die Rechts- 
pflege haben. Es kann 1) die Verhaftungsfähigkeit eines Mensehen 
wegen angeblicher Krankheit in Frage stehen, weil der zu Verhaftende 
diese Fähigkeit bestreitet; 2) zur Feststellung eben solcher angeblicher 
und zweifelhafter Krankheit, die dem zu Untersuchenden es unmöglich 
machen soll, vor Gericht zu erscheinen, wird dessen gerichtsärztlicbe 
Exploration gefordert; 3) aus eben diesem Grunde wird es nothwendig, 
die zweifelhaft gewordene Arbeits- oder die Fähigkeit eines Menschen, 
einen öffentlichen Dienst anzutreten, oder das Amt, das er längst be- 
kleidet, femer noch zu verwalten, amtsärztlich zu prüfen; 4) werden 
Verletzungen an Lebenden Gegenstand der sachkennerischen Unter- 
suchxmg; ö) sind zweifelhafte geschlechtliche Momente zu prüfen; 6) ist 
der zweifelhaft gewordene Gemüthszustand eines Menschen Aufgabe der 
Prüfung und Feststellung und 7) endlich kommen verschiedene Zwecke 
in seltenen Fällen vor, die sich nicht in die obigen gewöhnlichen Ru- 
briken einfügen lassen und zuweilen blosse gerichtlich-medicinische Cu- 
riosa sind. Unter 9057 bis zum Schluss des Jahres 1869 von Casper 
und nach dessen To.de von mir gerichtsärztlich untersuchten Fällen an 
Lebenden betrafen: 

streitige Fähigkeit zur Schuldhaft 3869 Mal = 42,7 pCt. 

- Vcrbüssung einer 

Gefängnissstrafe . . 1740 - «=19,1 - 

in foro zu erscheinen 218 - = 2,4 - 

Erwerbs- oder Dienstföhigkeit . . 845 • ss 9,3 - 

Folgen von Verletzungen .... 624 - = 6,8 - 

sexuelle Verhältnisse 617 - = 6,8 - 

Gemfithsbeschaffenheit 1020 - =11,3 - 

Verschiedene Zwecke . . 118 - = 1,3 - 

9057 Mal = 99,7 pCt 



§. 9. Zweifelhafte VerhaftuDgsföhigkeit Strafbaft. 19 

In anderen Orten, Bezirken, Ländern mit anderen Gesetzen wer- 
den sich allerdings diese Yeriiältnisse modificiren. So hat nenerlicb bei 
uns die Anf hebnng der Schnidhaft die Zahl der Behnfs Verbüssnng einer 
solchen Strafe zn Explorirenden fast anf Nnll redncirt. Ebenso variirt 
natürlich erheblich das Verhältniss der Untersnchnngen über die Ge- 
müthsbeschaflFenheit, weil es von Znf&lligkeiten abhängt, ob die Gerichts- 
behörde zn den Untersnchnngen Behnfs Blödsinnigkeitserklämng den 
Physicus oder einen anderen Sachverständigen heranzieht. Im Uebrigen 
ist das Verhältniss der Untersnchnngen znr Gesammtsnmme ziemlich 
dasselbe geblieben. Die absolnte Freqnenz der Untersnchnngen für die 
Stadt Berlin repräsentiren die obigen Zahlen jetzt anch nicht mehr, da in 
Berlin, wie bereits oben bemerkt, zwei Physiker fangiren, nnd die Unter- 
snchnngen, welche mein College im Amt ansznführen gehabt hat, hier 
nicht mitgerechnet sind. 

§. 9. r^rUeting. I) Iweifelbafte TerbaftiagsfäUgkeU. Strafhaft« 

Nachdem die Schnidhaft gesetzlich anfgehoben nnd Requisitionen 
Behufs Untersuchung in das Schuldgefängniss zu Transportirender zu 
den grössten Seltenheiten gehören (wegen Verweigerung des Manifesta- 
tionseides oder dergl.), hat es ein forensisches Interesse nicht mehr, 
näher auf die Grundsätze einzugehen, welche den Gerichtsarzt bei der- 
artigen Untersuchungen zu leiten haben. 

Dagegen gehören Untersuchungen Behufs Verhaftungsfähigkeit zur 
Verbüssnng einer Strafhaft zu den allt^lichen Vorkommnissen, und 
die grosse Verhältnisszahl derartiger Untersuchungen beweist die Häufig- 
keit derselben, aber auch wie häufig sich namentlich zu Gefängniss- 
strafe Vemrtheilte derselben durch Vorgeben einer Krankheit zu ent- 
ziehen oder die Strsd'e hinauszuschieben suchen. In neuester Zeit ist 
allerdings auch solchen oft genug mit der grössten Dreistigkeit und be- 
wundernswürdigsten Consequenz Seitens der Verurtheilten gethanenen 
Schritten in Prenssen durch den Uebergang der Verwaltung der Ge- 
fängnisse von den Gerichts- auf die Polizeibehörden insofern ein wirk- 
samer Damm entgegengestellt worden, als gegenwärtig die locale Poli- 
zer; wenn ihr das ergangene Straferkenntniss zur Vollstreckung der 
Verhaftung oder die Requisition zur Verhaftung eines Menschen Behufs 
der Voruntersuchung zugeht, sofort ohne Weiteres zur Verhaftung 
schreitet, wenn der Betreffende nicht geradezu transportunfähig er- 
scheint, oder seiner Verhaftung durch ärztliche Atteste oder Eingaben 
bei Gericht zuvorgekommen ist. Blosse Krankheit an sich oder angeb- 
liche Krankheit schützt ihn nicht, da in allen Strafgefängnissen Laza- 
rethlocaUen und ärztliche Hülfe zu finden. Erst wenn die betreifenden 
Gefängnissärzte den concreten Fall derartig beschaffen finden, dass der 



§. 9. Zweifelhafte YerbaftuDfa^bigkeit Strafhait 

Kranke auch selbst im Lazareth der Anstalt ihrer Aosicht nach Dicht 
verbleiben kauu, erst dann wird jetzt der gerichtliche Arzt mit seiner 
Ansicht gehört, oder rait der Untersuchung des bereits entlassenen 
Strüflings beauftragt, um über die fernere Möglichkeit der Strafvoll- 
streckang sein Gutachten abzugeben. 

Eine Strafhaft ist überall eine harte Strafe. Obgleich die 
Localität der einzelnen Anstalt vielleit-ht günstigere BediDgnDgen 
für das physische Wohl der Einwohner bietet, als die in einer 
anderen, bo sind doch gewisse Bedingungen durchgehend. In kei- 
nem Strafgefangniss haben die Gefangenen, wie in den Scbuldge- 
fingnissen, Bettstellen mit Betten, am w^enigsten zur etwanigen Be- 
nutzung während des Tages für kränkliche und schwächliche Menseheo, 
vielmetir werden die Strohmatratzen und wolleDeu Decken, die das 
nächtliche Lager auf der Diele, bilden, am frühen Morgen aus der „Num- 
mer*' entfernt. Die Strafgefangenen ferner werden zu Arbeiten (nach 
ihren Kräften) angehalten und müssen ihr Tagespensum bei Strafe 
vollenden. Den Strafgefangenen ist nirgends eine längere Zeit zu Frei- 
stunden und Bewegung in der freien Luft verstattet; jedoch ist seit 
1854 das System der „Aussenarbeit*' und damit verbundener Beschäfti- 
gung im Freien in GefUngTiissen, wie Zuchthäusern eingeführt Die Er- 
nährungsweise endlich ist insofern eine dürftige, als Fleisch in den 
Zuchthäusern sehr sparsam, in vielen nur einige Male im Jahre verab- 
reicht wird. Ich habe mich davon überzeugt, dass ein ähnliches Regi- 
men auch in den übrigen deutschen, ja auch in den aus&erdeulsehea 
Strafgefängnissen befolgt wird, mit Au8nahme der Brodko&t,die in England, 
Frankreich und Italien besser und leichter ist*). Hiernach wird das ärzt- 
liche ürtheil betreffend einen wirklich Ivranken oder siechen Strafgefangenen 
abzuwägen sein. Zwei Momente geben dem Begutachter hier eine Erleich- 



*) In Berlin erhatten die Stra^efaDgeuen : 1) in der Stadtvoigt et : Morfens ein halbes 
Quart gefettete Metil- und Brodsuppe und ein halbes Pfund gutes Hoggenbrod; Mittefs 
ein Quart dickbreüg mit Fett eingekochte vegetabilische Speise und ein viertel Pfttod 
Brod; Äbendfi eiu halbes Pfund Brod mit Salz. Sonntags Mittags wird daa Hauptmab) 
mit Fteiscbbrübo gekocht und ein achtel Pfund Riudtleisch gewährt. 2) In dem Da^^- 
Bncbiin^- und Strafgefinpiiss des Krei«gt?nehts ganz dieselbe Kost, aber Mittags ein 
halbes Pfund Brod und ueun Mal iui Jahre an den hohen Festtagen ein viertel Pfund 
Fleisch. In beiden Gefängnisftea wird eine Selbstbeköstigung ansnahmsveise gestattet 
und die Gefangenen dürfen sieb von ihrem U eberverdienst ßier, Wurst u. dergl. vtr^ 
achafen. S} Im groj^seu Zellengefangniss werden täglidi fünf Viertel Pfund gute» 
Roggeubrod verabreicht ilorgens Mehlauppe von ij Loth GerBtenmeblj Mittag:» eiiM 
Schüssel BobneUt Kohl, Erbsen oder dcrgl, 12 Loth, mit 1 Loth Schmal« oder Einiler- 
talg, 1 Loth Sah und \ Metze Kartoffeln. Abends eine nafergrütze oder Mehlmpp« 
von 4 Loth Gerst^nmeU, Viermal im Jahre au hoben Festtagen ein balbas Pfimii 
Fiaiflch incl. Knocheo. 



§. 9. Zweifelhafte VerbaftuDgsf&higkeit Strafhaft 21 

temng. Bei Straf haft weiss der Gerichtsarzt durch die Requisition des 
Kichters genau, auf wie lange Zeit die Freiheitsentziehung (und Arbeits- 
Btrafe) erkannt worden ist und zu dauern bat, z. B. einen Tag, sechs 
Wochen, ein, zwei, sechs Jahre, lebenslänglich. So wird er Manchen 
auf mehrere Wochen oder Monate für strafverbüssungsfähig erklären 
können, während er vielleicht Anstand nehmen müsste, dies auf längere 
Zeit hinaus zu tbun. Das zweite Moment ist nicht weniger erheblich. 
Eine Strafhaft kann unterbrochen werden. Der Gerichtsarzt wird in 
bedenklichen Fällen aufgefordert, zu erklären, ob die Strafvollstreckung 
aus Gesundheitsrücksichten nicht „mit Modalitäten^ wenigstens ge- 
schehen könne, und er hat dann hier weiten Spielraum, um Alles zu 
befürworten, was sich in Beziehung auf den vorliegenden Gesundheits- 
zustand des Sträflings gewissenhaft befürworten lässt. So begutachtet 
er hier die Nothwendigkeit der (bessern und verdaulichem) Lazareth- 
kost statt der alltäglichen gewöhnlichen Hauskost, dort die Bewilligung 
eines Bettes, eine häuflgere Zahl von Freistunden, eine weniger an- 
strengende Arbeit, eine allmonatliche Freilassung für so und so viele 
Tage zur Erholung u. dgl. m. Aber man sehe sich vor, auch solche 
Begünstigungen nicht ohne die dringendste- Indication zu gewähren, vrie 
überhaupt die grösste Strenge gegen sich selbst die Richt- 
schnur jedes gewissenhaften Medicinalbeamten bei Erledi- 
gung jedes einzelnen Falles von streitiger Verhaftungs- 
fähigkeit sein und bleiben muss. Er kann den Forderungen sei- 
nes geleisteten Amtseides, dem grossen Vertrauen, das der Staat ihm 
giebt, den Ansprüchen der allgemeinen Gesellschaft an ihn nicht wür- 
diger entsprechen, als wenn er hier überall jede andere Rücksicht, als 
die durch die gewissenhafte Untersuchung des betreffenden Gesundheits- 
zustandes gebotene, vollständig schwinden lässt. Er hat es mit Men- 
schen aus allen Lebenskreisen zu thun, und es sind uns, wie jedem 
Grerichtsarzt, zumal in grösseren Städten, oft genug neben der über- 
wiegenden Mehrzahl aus den untersten, auch Menschen aus den höch- 
sten Schichten nicht nur in Schuld-, sondern auch in Strafsachen zur 
Begutachtung ihrer Verhaftungsfähigkeit vorgekommen. Aber wie das 
CoUegium der Geschworenen keine Rücksicht darauf nimmt, ob der 
Stuprator auf der Anklagebank ein Herr von edler Geburt, die Urkun- 
denfälscherin eine hochgebildete Dame ist, und wie ja der Arzt in sei- 
nem practischen Beruf gewiss noch weit weniger die Auffassung und 
Behandlung der gegebenen Krankheit nach solchen äusseren Rücksich- 
ten modelt, so vei-wahre sich zumal der Gerichtsarzt dagegen. Ich 
führe dies namentlich noch deswegen an, obgleich es sich von selbst 
versteht, weil man, zumal im Anfange der forensischen Laufbahn, noch 
nicht geneigt ist, anzunehmen, dass Menschen aus den höheren und 



22 §• 10. Bestrittoue Möglichkeit, im TermiD vor Gericht zu erscheiaeo. 

gebildeten Ständen den Arzt in diesen Dingen so gröblich zn hinter- 
gehen, so nnverschämt zu täuschen beabsichtigen würden, und weil 
man namentlich Anstand nehmen dürfte, eine so plötzliche und radi- 
calste Veränderung der Lebensweise vom Salon zur Gefangnisszelle 
nicht als ein erhebliches Moment zur Gefährdung der Gesundheit bei 
seiner Beurtheilung der Verhaftungsfähigkeit in Anschlag zu bringen. 
Die Erfahrung hat dies nicht bestätigt. Es fehlt mir nicht an leider! 
zahlreichen Belägen auch für diesen Ausspruch. Aber ich halte es 
überhaupt nicht für zweckmässig, eine Casuistik zu dieser Frage hier 
zu geben, und von den mehr als fünftausend beobachteten Fällen auch 
nur einige hier mitzutheilen. Denn jeder einzelne Fall betrifft ja nichts 
Anderes, als die gewöhnliche diagnostische Untersuchung eines angeb- 
lichen Krankheitsfalles, wie sie jeder Arzt ausführen wird. Es war 
vielmehr für den Zweck dieses Buches nur angemessen, die Grund- 
sätze mitzutheilen, die wir nach unserer eigenen Erfahrung als die 
richtigen in Betreff der zweifelhaften Verhaftungslahigkeit erachten, um 
so mehr die Erledigung dieser Frage zu den häufigsten Beschäftigungen 
des gerichtlichen Arztes gehört (S. 18), und sonst eine gründliche Wür- 
digung nicht zu finden pflegt. Was sich an dieselbe übrigens, bezüglich 
der simulirten Krankheiten an sich, anschliesst, wird weiter unten noch 
mitzutheilen sein. (Spec. ThL; vergl. auch über gericJitsärztliche At- 
teste §. 15.) 

§. 10. P^HsetiRBg 2) Bestrittene ■ogllclikeit, i« Tenli ff Cerichl 

m enclifiiiei. 

Wir haben auf die hier in Betracht genommene Anzahl von Fällen 
(bis zum Jahre 1869) 218 Mal die Aufgabe gehabt, zu bestimmen: ob 
ein Men&ch, seines angeblichen Gesundheitszustandes wegen, wirklich 
nicht, wie er und der behandelnde Arzt behauptete, an Gerichtsstelle 
erscheinen könne? Der Fall ist hier ein doppelter. Entweder es wird 
angegeben, der Kranke könne das Zimmer überhaupt zur Zeit nicht 
verlassen, oder er sei in einem geistigen oder körperlichen Zustande, 
der eine Verhandlung vor Gericht als gefahrdrohend für ihn erscheinen 
lassen müsse. Findet man wirklich, wie allerdings sehr häufig, den 
Exploranden krank und ans Zimmer oder gar ans Bett gefesselt, so ist 
der Fall naturlich sehr einfach. Aber auch hier kommen, wie überall, 
die auffallendsten Thatsachen vor, wofür die unten folgende Casuistik 
einige Beweise gicbt. Die Beweggründe zur Täuschung des Arztes sind 
naheliegend. Man will aus himdert Gründen keine Zeugenaussage lei- 
sten; ein andermal behauptet ein als Geschworner Einberufener seines 
Gesundheitszustandes wegen dispensirt werden zu müssen. Nicht gar 



§. 10. Bestrittene Möglichkeit, im Termin vor Gericht zu erscheinen. 23 

selten ist es der Angeschaldigte selbst, der durch Nichtabwartong des 
Termins die Sache in die Länge zu ziehen beabsichtigt; in recht vielen 
Fällen behaupteten die Betheiligten, die zu einem sogen. Manifestations- 
eid — die eidliche Aussage über ihren Yermögensstand in Schuldsachen 
— vorgeladen waren, dass sie schwach seien, dass sie den Status 
ihres Vermögens gar nicht übersehen, am wenigsten ihn jetzt beeidigen 
könnten ; in mehreren Fällen von Ehescheidungsklagen verweigerten die 
Frauen zum gesetzlichen Sühnetermin zu erscheinen, weil ihre kraiken 
Nerven eine solche ErschüttcMing gar nicht ertragen würden u. s. w. 
Gewöhnlich sind alles dies und Aeusserungen wie: „ich riskire einen 
Schlagfloss^ u. dgl. reine Yorwände und Redensarten, die einen erfah- 
renen Gerichtsarzt nicht beirren werden. Auch hier hemme man durch 
seine Thätigkeit den Gang der Gerechtigkeitspflege nicht anders, als 
wenn eine in der Sache liegende, und für diese Frage ungemein leicht 
von jedem gewissenhaften Arzte zu erkennende Nothwendigkeit dazu 
zwingt. Ist die Gerichtsstelle am Orte selbst, so wird vielleicht der 
Mensch, auch wenn er an irgend einer nicht erheblichen Krankheit wirk- 
lich leiden sollte, und nicht zu Fuss gehen kann, doch gefahren werden 
iLönnen. Bedingt der Termin eine Reise nach einem ausserhalb gelege- 
:iien Gericht, so werden in dieser Beziehung die Umstände des Falles 
entscheiden müssen. In anderen Fällen kann der vorgefundene Krank- 
lieitszustand ein solcher sein, dass der Arzt dem Richter erklären muss, 
^ass der Betreffende zwar nicht in foro erscheinen könne, aber dennoch 
vernehmungsfähig sei, und sehr oft wird dann der Termin in der Be- 
hausung des Kranken abgehalten und der vorliegende richterliche Zweck 
erreicht werden können. Endlich sind uns selbst aber auch Fälle vor- 
gekommen, in denen es in von Zeit zu Zeit immer wieder geforderten 
imd ausgeführten Explorationen immer wieder bei unsern frühem Gut- 
achten, dass dieser Mensch nicht vor Gericht erscheinen könne, um mit 
ihm zu verhandeln, verbleiben musste, und dass deshalb Untersuchun- 
gen u. s. w. Jahre lang schweben blieben. Eine alte Frau, die wegen 
Beleidigung eines Beamten der Obrigkeit zur Untersuchung gezogen war, 
litt an einem sehr eigenthümlichen und heftigen Brustkrampf, der sie 
vielmal an jedem Tage heimsuchte. Sie sank dann um, und fing eine 
Art brüllendes Geschrei an, das während der ganzen Dauer des Kram- 
pfes anhielt, worauf sie sich dann langsam erholte. Sehr oft habe ich 
mich bei überraschenden Besuchen in ihrer Wohnung, wobei ich sie 
wohl schon im Krämpfe liegend fand, von der ünverstelltheit dieser 
Zufälle, für die ein materiell nachweisbares Leiden nicht aufzufinden 
war, und deren Vorhandensein auch unbetheiligte Hausbewohner bestä- 
tigten, überzeugt Gewitzigt aber durch unglaubliche Fälle von unge- 
abneten und doch vorhandenen Simulationen hielt ich es in der Reihe 



24 §.11. Bestrittene Erwerbs- und Dienstfahigkeit. 

der Jahre, in denen der Fall, wegen meiner immer wieder verneinenden 
Gutachten, immer wieder anftanehte, endlich doch einmal fär gerathen, 
einen Versuch zur Abhaltung des Termins zu befürworten. Die Ange- 
schuldigte erschien auf der Anklagebank, war ruhig, gemessen, unver- 
stellt, wurde aber bald von einem heftigen Krampf befallen, der der 
Verhandlung sofort ein Ende machte. Später ist es mir öfters vorge- 
kommen, die Kranke zu beobachten, ohne dass sie in meiner Gegen- 
wart Krämpfe bekam, was mich nur noch mehr von der Thatsächlicb- 
keit derselben überzeugte. Sie ist vor • längerer Zeit gestorben, ohne 
wieder zum Termin erschienen zu sein. — Ein Mehlhändler war bei 
einer Steuerdefraudation betheiligt und zur Anklage gestellt. Während 
der Untersuchung verfiel er in Tobsucht und war ein Jahr im Irren- 
hause. Gegenwärtig ist er in wirklichen Blödsinn verfallen. Die Un- 
tersuchung, die seit Jahren schwebt, kann nicht zu Ende gefuhrt wer- 
den, weil ich in immer wiederholten Explorationen natürlich immer 
wiederholen musste, dass mit diesem Menschen nicht verhandelt wer- 
den könne. — Eine Angeschuldigte, gegen die verhandelt werden sollte, 
fand ich zur Zeit des anberaumten Termines an Gebärmutterkrebs lei- 
dend, hectisch fiebernd und so herabgekommen, dass sie unfähig war, 
das Bett zu verlassen. In dem Gutachten musste ich aussprechen, 
dass ihre Wiederherstellung nicht zu erwarten stehe, dass ihre Krank- 
heit vielmehr stetig zum Tode führen werde, und dass sie daher jetzt 
und überhaupt nicht mehr fähig sei, in einem Termin vor Gericht zu 
erscheinen. 

§.11. P^rtsetiMg. 3) Bestritteie Erwerbs- ni Bleistfihigkeil. 

Vergl. die getctslichen Bestimmungen Im vierten Abschnitt spee. Tbl. 

Untersuchungen des körperlichen und geistigen Zustandes eines 
Menschen, von welchem von der einen Seite behauptet, von der andern 
bestritten wird, dass er im Stande sei, sich den nöthigen Unterhalt 
entweder ganz oder wenigstens theilweis zu erwerben, oder dass er im 
Stande sei, irgend ein Amt zu übernehmen, oder das von ihm bereits 
verwaltete noch länger ordnungsmässig fortzuführen, werden gar nicht 
selten vom gerichtlichen Arzte gefordert. Vormünder behaupten die 
eingetretene Erwerbsfähigkeit ihrer herangewachsenen Curanden, wäh- 
rend z. B. die Mutter oder Verwandte derselben sie bestreiten. Kin- 
der, denen die Unterstützung alter Eltern zu lästig wird, verweigern 
dieselbe und es kommt deshalb zur Klage. Wieder in anderen Fällen 
werden in Folge früher vorangegangener Misshandlungen oder Ver- 
letzungen von den Beschädigten Ansprüche gegen den Thäter erhoben, 
wegen behaupteter gänzlicher oder theilw eiser, durch die Beschädigiuig 



§.11. Bestrittene Erwerbf- und DienstAhigkeit 25 

eingetretener Erwerbsunfähigkeit, Fälle, für welche die Erfahrung, wie 
überhaupt für alle, angeblich aus Misshandlungen entstandene Folgen, 
die äusserste Vorsicht im ürtheil zu üben gebietet, weil Rachsucht 
gegen den Beschädiger, oder Trägheit, und die Lust auf Kosten eines 
Andern zu subsistiren, oft zu den äussersten Anstrengungen, um die 
Wahrheit zu verdunkeln, veranlassen. 

Die Frage aber von der zweifelhaften Dienstfähigkeit kommt na- 
mentlieh bei Beamten aller denkbaren Gategorieen zur Sprache, wenn 
aus Rücksichten für den Dienst, dem sie ihrer Gesundheit und Kräfte 
wegen nicht mehr ordnungsmässig vorstehen zu können scheinen, deren 
Pensionirung bei ihrer Behörde zur Erwägung kommt. Gewöhnlich ist 
68 hier das vorgerückte Lebensalter, das jenen Zweifel erregt, in ande- 
ren Fällen ist es eine bereits lange bestandene und anscheinend unheil- 
bar gewordene Krankheit; wie z. B. eine Lähmung, eine Knotengicht, 
ein Schreibekraropf u. dgl., oder>ft wiederholte Krankheiten und da- 
durch bedingte häufige Entfernungen aus dem Dienste, z. B. die Früh- 
jahrs- und Herbstrecrudescenzen bei Phthisischen, Podagra - Anfälle 
n. 8. w., die endlich die vorgesetzte Behörde nöthigen, eine Entschei- 
dung zu treffen, zu welcher eine amtsärztliche Untersuchung des Ge- 
sundheitszustandes die Grundlage zu bilden hat. In der Regel wird 
man hier das gerade Umgekehrte wie bei den Explorationen betreffend 
die Verhaftungsfähigkeit finden. In beiden Fällen wird eine Täuschung 
des Arztes im egoistischen Interesse versucht; der zu verhaftende Ge- 
sunde aber stellt sich ihm als krank, der kranke Beamte als gesund 
Tor, weil dieser die Einkünfte seines Amtes nicht entbehren, nicht ge- 
schmälert sehen will und kann. Die Untersuchung bietet nichts Eigen- 
thümliches dar, aber auch das Gutachten unterliegt bei der Frage von 
der Dienstfähigkeit in der Regel besonderen Schwierigkeiten nicht, weil 
der Arzt hier genau weiss — oder auf Befragen genau und leicht er- 
fahren kann, um was es sich hier handelt. Die Anforderungen und 
-Art und Umfang des Dienstes bei den höheren Beamten aller Collegien, 
bei den Subaltem-Beamten aller Art, Schreibern, Boten, Gerichtsdienem, 
Steuer-, Post-, Eisenbahnbeamten, Gefangenwärtem u. s. w. sind allge- 
mein bekannt. Aus diesem Grunde unterdrücken wir auch hier casuisti- 
sche Beläge, denn Jeder weiss, dass ein ganz taub gewordener Gefan- 
genwärter, ein altersschwach und vergesslich gewordener Registratur- 
beamter, ein Steuerbeamter, ein Postbote, ein Eisenbahnschaffner, ein 
Executor, die gichtbrüchig geworden sind, und doch in Wind und Wet- 
ter ihren Dienst verrichten sollen u. s. w., für geeignet zu dem Amte 
nicht erklärt werden können. Dagegen muss ich darauf aufmerksam 
machen, dass es in allen diesen Fällen von zweifelhaft gewordener 
Dienstfähigkeit sehr häufig auch für den gewissenhaftesten und unbeug- 



26 



§. U. Bestritleoe Erwerbs- und üietiütfahigkeit 



sain uopartheiiöcheii Gerichtsarzt ganz untiiögUrL ist, gleich hei d«t^ 
erstmaligen Auftrage ein entscheidendes Urtheil zu fallen, zumal mid 
gerade, wenn wirklieh irgend eine chronische Krankheit nnzweifelhaft 
vorliegt. Der jedem Arzte nur zu gut bekannte Grand hierfür ist — 
die Unsicherheit der Prognose und der Therapie in so vielen chrom- 
sehen Krankheiten! Hier behauptet der Unteräuchtej dass sein Arzt 
ihm die besten Erfolge von einer demnächBt ausziifulirenden Operation» 
von der oder jener im künftigen Sommer zu unter nehmenden Brunnen- 
oder Badekur, von der eben erst begonnenen, auf längere Zeit fortzn- 
setzenden „schwedischen Heilgymnastik'* oder gar von der, 80 oft gleich 
auf Monate lange Dauer berechneten Wasserkur u. s. w, zugesichert habe. 
Wie häufig bin ich in der Lage gewesen, dem Kranken oder seiner Be- 
hörde gegenüber nicht gleich beim ersten Male die Unmöglichkeit des 
Gelingens solcher Kurversuehe, d. h, der Wiederherstellung des Explo- 
raten bis zur Dienstfähigkeit durch dieselben, behaupten zu können. 
Man beantrage in solchen Fällen eine abermalige Exploration in kürze- 
rer oder längerer Zeit und wird dann bei sorgsamer Erwäi^iog des Er- 
folges der eingeschlagenen Kuren und aller Umstände des concreten 
Falles, wenn auch oft erst nach mehrfachen Untersuchungen in vielen 
Monaten, zu einem sicheren ürtheile gelaugen. 

Sehr viel grössere Schwierigkeiten bedingen die Fälle von zweifel- 
hafter En^^erbsfähigkeit, die oft wirklieh über die Grenze der ärztlichen 
Competenz hinausgehen. Denn es müssen hier gar nicht selten Dinge 
und Verhältnisse in Erwägung gezogen werden, die ganz und gar nicht 
heilwissenschaftliche Objecte sind. Und dennoch wird der Geriehtsarzi 
vom Richter gefragt: ob N. N. im Stande sei, sich ganz oder wenig- 
stens tlieilweise seinen Unterhalt zu verdienen?*). Aber wenn hier der 
eine in Erwägung zu ziehende Factor allerdings der körperliche oder 
geistige Gesundheitszusf-and des N. N. ist, so ist doch der andere, den 
Arzt als solchen gar nicht berührende, der Werth des möglicherweise 
vom N» N. zu Procndirenden, verglichen mit dem Preise der Lebens^ 
mittel und übrigen notliwendigen Bedürfnisse. In einer E^agesache 
wollten Kinder ihrer seit Jahren im Bett liegenden, an den Ünterextre- 
mitäteu paralysirten alten Mutter einen Theil der bisherigen ünter- 
t^tützung entziehen, behauptend, dass sie sich theilweise selbst ernähren 
könne. Die Rückenmarkslähmung war unzweifelhaft, aber die Frau 
strickte allerdings mühsam wollene Strümpfe, von denen sie etwa vier 
Paar im Monat zu Stande brachte. Was ist der Werth von vier Paar 
Strümpfen? Die medicinischen Compendien geben hierauf keine Ant- 
wort. Ich führe dies Eine Beispiel statt sehr vieler ähnlichen an, um 



kL die GeaelüttMicIktt im vierten AbechuiU. 



Erwerbsfäbigkeit. §. 12. Casuistik. I.Fall. 27 

zQ beweisen, dass man in solchen Fällen den medicinischen Thatbestand 
und Alles, was man über die individuelle Arbeitsfähigkeit ermittelt hat, 
schildern nnd dann dem Richter überlassen soll, zn entscheiden, ob und 
welches Maass von zureichender oder unzureichender Erwerbsfähigkeit 
hier vorliege. In vielen anderen derartigen Fällen wird eine andere 
Eenntniss bei dem Medicinalbeamten vorausgesetzt, die gleichfalls nicht 
im Bereich seiner Wissenschaft liegt, ich meine die Eenntniss der Ar- 
beiten und technischen Manipulationen in den verschiedenen Handwer- 
ken. Dies kommt in der gerichtsärztlichen Praxis in den oben schon 
erwähnten Fällen vor, sowohl bei behaupteter Unmöglichkeit nach er- 
littenen Verletzungen das bisherige Handwerk ferner fortzutreiben 
(7. Fall), wie auch bei jungen Leuten, die sich zu einem Lebensberuf in 
einem oder dem anderen Handwerk entscheiden sollen (5. und 6. Fall). 
Wer aber hat den Arzt gelehrt, wie die Schuhmacher, die Gürtler, die 
Hutmacher, die Weissgerber, die Stellmacher u. s. w. ihre Arbeit bis 
in alle Einzelheiten hinein verrichten? wie hier der rechte, dort der 
linke Arm, hier die Brust, dort der Unterleib mehr in Anspruch ge- 
nommen wird? Ein Schuhmacher litt, in Folge einer Schlägerei, an 
einer chronisch gewordenen Periostitis am linken Schienbein. Da er 
übrigens völlig gesund war, so vermeinte ich, dass kein Grund zu der 
Annahme vorliege, dass er sein Handwerk nicht in gewohnter Weise 
forttreiben könne, wurde aber eines Besseren belehrt, als ich erfuhr, 
dass der Schuhmacher fortwährend auf das Knie hämmert, wonach eine 
schmerzhafte Erschütterung des kranken Schienbeins allerdings erklär- 
Ech wurde. Fälle dieser Art von streitiger Erwerbsfähigkeit haben eine 
solche naheliegende Wichtigkeit für beide streitende Theile und invol- 
viren eine so schwere und lästige Verpflichtung für die betheiligten 
Verklagten, dass sie sehr oft Veranlassung geben zu Jahre langen Pro- 
cessen und zum Beschreiten aller gesetzlichen medicinischen Instanzen. 
Wir wollen deshalb eine kleine Auswahl der uns vorgekommenen Fälle 
hier folgen lassen. 



§. 12. Casnistik. 

1. PaU. Bestrittene vollständige Erwerbsfähigkeit. 

Eine Wittwe verlangte im Wege Rechtens von ihrer noch minorennen Tochter ein« 
monatliche Unterstützung von drei Thalern, indem sie behauptete, „dass sie bei ihrem 
Alter von 56 Jahren nicht mehr im Stande sei, sich vollständig allein zu ernähren, da 
sie am Unterleibe leide, und ihre Augen so angegriffen seien, dass sie bei Licht nicht 
arbeiten und daher höchstens monatlich anderthalb Thaler verdienen könne." Wir wur- 
den aufgefordert, uns darüber gutachtlich zu äussern: „ob die Wittwe B. überhaupt, 
eventuell in welchem Grade ausser Stande sei, sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen. ** 



28 Erwerbsfthigkeii §. 12. Gasuistik. 2. Fall. 

Wir sagten im Gutachten : » — — dieselbe ist eine Frau von 56 Jahren, die angeblich 
froher sich TOm Kochen ernährt hat, während sie jetzt, ihrer Kränklichkeit halber, nur 
leichte Arbeit yerrichten könne. Sie klagt wörtlich: „»fast über jedes Glied ihres Kör- 
pers"", und wenn schon hieraus die Yermuthung einer blossen Simulation oder einer 
hysterischen Uebertreibung leichterer Beschwerden sieh aufdrängen muss, so hat die 
Untersuchung dieselbe zur Gewissbeit erhoben. Mit Ausnahme einer auffallenden Kahl- 
heit des Hinterkopfes, welche die Angabe der B., dass sie ^iel an Kopfschmerzen leide, 
bestätigt, ist irgend ein objectiv nachweisbares Krankheitssymptom oder eine Anomalie 
überall bei ihr nicht wahrzunehmen. Wenn dieselbe angiebt, dass ihre Augen ge- 
schwächt seien und sie sich deshalb jetzt einer Brille bedienen müsse, so befindet sie 
sich hierbei nur in der Lage sehr vieler Menschen ihres Lebensalters. Es ist sonach 
gar kein Gmnd vorliegend, der die Behauptung motiviren könnte, dass die B. weniger 
arbeitsßhig sein sollte, als sie es früher gewesen, von der ich vielmehr annehmen muss, 
dass sie die Erwerbsfähigkeit jeder Frau ihres Standes und Lebensalters, das allerdings 
ein schon vorgerücktes ist, besitze. 

%. Fall. Bestrittene nur theilweise Erwerbsfähigkeit 

Wieder waren es Eltern, die in einem langen Processe gegen ihre Kinder klagten 
und von diesen Unterstützung verlangten, da sie behaupteten, nur noch theilweise ihren 
Unterhalt verdienen zu können, was diese bestritten. Der Mann war 65 Jahre alt, an- 
gemessen rüstig und frei von allgemeinen Krankheiten, mit Ausnahme eines nässenden 
Hautgeschwürs (sogenannten Salzfluss) an beiden sehr rotben und ödematösen Unter- 
schenkeln. Ich fand ihn beim Strohfiechten mit horizontal liegenden Beinen sitzend. 
Er gab an, diese Stellung vorzugsweise behaupten zu müssen, da beim Hängenlassen 
der Beine und beim Gehen die Unterextremitäten anschwöllen und schmerzhaft würden, 
was ganz glaubhaft war. Er war hiemach mehr oder weniger auf eine sitzende Stellung 
angewiesen und um so weniger geeignet, sich durch schwere Arbeiten als gewöhnlicher 
Arbeitsmann, wie vormals, sein Brod zu verdienen, als hierin seine zur Zeit schon sehr 
vorgerückten Jahre hindernd entgegentraten. Ich urtheilte deshalb: „dass er nur im 
Stande sei, sich durch solche leichte Arbeiten, die sich grösstentheils im Sitzen und im 
Zimmer verrichten lassen, seinen Unterhalt zu erwerben, dass er dagegen zur Verrich- 
tung aller und jeder, seiner ehemaligen Beschäftigung als Arbeitsmann angemessenen 
Arbeit nicht mehr fähig sei.'' — Seine Frau war 66 Jahre alt, aber, die gewöhnlichen 
Schwächen ihres Alters, schwere Beweglichkeit und Kunsichtigkeit abgerechnet, ziemlich 
rüstig. Sie hatte aber einen Gebärmuttervorfall, den sie durch ein Pessarium zurück- 
hielt Ich fährte im Gutachten aus: dass Weiber mit einem solchen Leibschaden am 
Verrichten schwerer körperlicher Arbeiten verhindert würden, da bei solchen Anstren- 
gungen der Vorfall doch meist nicht zurückzuhalten sei. Durch Arbeiten solcher Art, 
z. B. Tragen von Holz oder Wasser, Heben und Tragen schwerer Körbe u. s. w., sei 
sonach die S. nicht im Stande, ihren Unterhalt zu erwerben, vielmehr auf leichtere, 
weibliche Beschäftigungen hingewiesen, wie Nähen, Stricken u. dgl., von welchen Ar- 
beiten sie indess vorgab, dass sie sie nicht gelernt habe. Wie diese Angabe die Ent- 
scheidung des Richters berühre, hatte ich nicht zu erwägen, und gab von meinem 
Standpunkte mein Gutachten dahin ab: „dass die S. nur theilweise ihren Unthalt durch 
körperliche Beschäftigung sich zu erwerben im Stande sei*". 



ErwerbsflUiigkeit. §. 12. Casuistik. 3—5. Fall. 29 

8. Fall. Behauptete ToIIige Erwerbsunf&higkeit. 

Anch in diesem Falle behauptete eine Wittwe, Töllig erwerbsunfiLhig zu sein, und 
verlangte Unterstützung von ihren Kindern. Die richterliche Frage lautete: „ob die W, 
vollkommen arbeitsunfähig ist und ausser Stande, sich selbst zu ernähren.* Wir führ- 
ten im Gutachten aus: Die 67jährige Frau ist stark fettleibig, in Folge dessen etwas 
kurzatbmig, sonst aber körperlich wohl erhalten und auch geistig noch recht frisch. 
Ihre Angaben über ein vorhandenes Blasenleiden tragen den Charakter der Glaubwürdig- 
keit, weil sie die Erscheinungen so angiebt, wie sie an derartigen Kranken beobachtet 
zu werden pflegen, namentlich klagt, dass sie nach Einwirkung der Kälte häufigen und 
schmerzhaften Drang zum Uriniren habe und molkigen Urin entleere. Hinsichtlich ihrer 
Arbeitsfähigkeit ist abgesehen von diesem Blasenleiden vor Allem ihr vorgerücktes Alter 
zu berücksichtigen, welches an sich die Ezplorata zur Verrichtung jeglicher schwerer 
körperlicher Arbeit nicht mehr befähigt, und welches auch ausschliesst, dass dieselbe 
in Dienstverhältnissen ihren Unterhalt erwerben kann, wo sie zu anhaltender Arbeit ge- 
zwungen wäre. Dagegen kann Explorata sehr füglich leichte körperliche Arbeit, Wirth- 
Bchaftsarbeit, Krankeubeaufsichtigung, leichte Handarbeit, wie Stricken u. dgl. verrichten, 
wogegen zu feinerer Näharbeit ihre Augen nicht mehr ausreichen dürften. Hiemach 
mosste Explorata für nicht vollkommen arbeitsfähig und nicht im Stande sich selbst zu 
ernähren erachtet werden. 

4. Fall. Behauptete vollige Erwerbsunfähigkeit. 

Als Beweis, dass eine Erwerbsunfähigkeit auch schaamlos vor dem Richter vorge- 
geben wird, diente unter vielen anderen die Klage eines Ehepaars gegen eine auswär- 
tige Gommunalbehörde. Beide behaupteten: „arbeitsunfähig zu sein, und sich für ihre 
häusliche Arbeiten der Hülfe eines anderen Menschen bedienen zu müssen ''. Der Ehe- 
mann war 60 Jahre alt, sehr hager, und hatte einen alten, ganz reponirbaren, doppel- 
ten Leistenbruch, der folglich durch ein passendes Bruchband leicht zurückzuhalten war. 
Ein anderes, objectiv nachweisbares Leiden oder Gebrechen war nicht vorhanden, und 
auf seine ganz allgemeine subjective Angabe, dass er an „rheumatischen Beschwerden'' 
leide (!), konnte für die vorliegende Frage natürlich kein Werth gelegt werden. — Die 
Frau war vollends blühend und robust, und um doch Etwas zu klagen, gab auch sie 
an, dass sie «Reisseu in den Gliedern*' habe! Wie die Frage, ob diese Menschen 
bei ihren häuslichen Arbeiten „sich der Hülfe eines anderen Menschen bedienen müss- 
ten?" von uns nach diesem Befunde beantwortet wurde, braucht nicht weiter angeführt 
zu werden. 

5. Fall. Ob ein und welches Handwerk zu erlernen? 

Diese (so häufig vorkommende) Frage wurde in einer Vormundschaftssache aufge- 
worfen und mir zur Begutachtung vorgelegt Der 14jährige Curande sollte ^^an einer 
Unbiegsamkeit und Schwäche des rechten Armes und an schwachen Augen' leiden, und 
ich hatte zu äussern: ob derselbe zur Erlernung eines jeden Handwerks unfähig oder 
zu welchem Handwerk er noch tauglich sei? Es fand sich eine angebome Halbläh- 
mung der Muskeln des rechten Oberarms, weshalb der Knabe nicht alle Bewegungen 
des rechten Armes machen und mit gehöriger Kraft ausführen konnte. Manche Bewe- 
gungen machte er indess mit Leichtigkeit, und auch den Gebrauch der rechten Hand 
hatte er nicht eingebüsst. „Zu Handwerken*, äusserte ich, „die nicht eine grosse 
Kraftanstrengung des rechten Armes bedingen, wird derselbe sonach fähig sein, und 



30 Erwerbsföhigkeit §. 12. Casuistik. 6. u. 7. Fall. 

nenne ich namentlich dos Schneider- und Buchbinder-Handwerk. Die Schwäche seiner 
Augen ist nicht bedeutend, und würde zur Erlernung der genannten Handwerke kein 
Hindemiss sein.* Er ist ein Buchbinder geworden 

6. Fall. Ob das Bäcker- oder Klempner-Handwerk zu erlernen? 

Ich hatte mich darüber gegen das Vorroundscbaftsgericht zu äussern: „ob das Er- 
lernen des Bäcker - Handwerks zuträglicher für den Curanden sei , als der Betrieb des 
Klempner- Hand Werks ?** Der 15 jährige Knabe hatte eine flache Brust und Tuberkel- 
ablagerungen in der Spitze der rechten Lunge. Seiner Aussage nach hatte er während 
des Vierteljahres, in welchem er das Klempner-Handwerk zu betreiben angefangen hatte, 
viel durch die sauren Dämpfe zu leiden gehabt, die sich aus der Salzsäure, welche die 
Klempner zum Löthen gebrauchen, fortwährend entwickeln. Mit dieser richtigen That- 
sache waren auch seine Angaben, dass diese Dämpfe ihm fortwährend die Athmung er- 
schwerten und ihn zum Husten reizten, in Einklang zu bringen und deshalb glaubhaft 
In Betracht der entschiedenen Anlage des jungen Mannes zur Schwindsucht und in Er- 
wägung, dass die genannten Schädlichkeiten bei dem Bäcker-Handwerk nicht Yorkom- 
men, bejahte ich die vorgelegte Frage. 

7. Fall. Klage auf lebenslängliche Unterstützung wegen behaupteter 
Erwerbsunfähigkeit durch Hundsbisse. 

Der Schlächtergeselle D. war fünf Jahre vor meiner ärztlichen Untersuchung durch 
einen Hund seines Dienstherm in beide Arme gebissen worden und behauptete, dass 
er durch die erhaltenen Verletzungen unßhig geworden sei, „seine beiden Arme wäh- 
rend seiner ganzen Lebenszeit normalmässig zu gebrauchen, so dass er ausser Stand 
gesetzt sei, seinen Unterhalt sich in dem Maasse zu erwerben, wie es bei unversehrtem 
Zustande der Arme der Fall sein würde." Die mir zur Beantwortung vorgelegten rich- 
terlichen Fragen ergeben sich unt^n. Was den Untersuchungsbefund betrifft, so fand 
ich zunächst allerdings an beiden Armen, und zwar am rechten Ober- und Vorderarm 
und am linken Vorderarm und dessen Hand, namentlich am rechten Arm zahlreiche 
weisse, ganz verharschte Narben, die füglich als von Hundsbissen herrührend gelten 
konnten. Beide genannte ExtremiUlten, die rechte und linke, waren femer, so wie das 
Gesicht, mit Flechtenausschlägen behaftet. Nichtsdestoweniger war der rechte Ann 
und die rechte Hand, trotz der einzelnen Narben und flechtigen Stellen, vollkommen 
beweglich, brauchbar und zu joder Arbeit geeignet Nicht so die linke obere Extremi- 
tät Auf dem Rücken des Handgelenks zeigte sich über demselben eine 1 Zoll lange, 
feine weisse Narbe, die auf eine vormalige Trennung der Hautdecken nicht nur, son- 
dern auch, da dieselbe nicht verschiebbar, der darunter liegenden sehnigen und Muskel- 
theile zurückschliessen liess. Auch in der Handfläche zeigte sich eine ähnliche rund- 
lich-eckige Narbe. Dass die Sehnen der Finger von der Verletzung mitergriffen worden, 
bewies die Contractur der Sehnen des Mittel- und Ringfingers der Hand, welche 
Finger der D., wovon ich mich überzeugt habe, weder ganz schliessen, noch gaox 
strecken konnte. „Wenn schon hierdurch der Gebrauch der Hand wesentlich behindert 
ist, so ist dies noch mehr deshalb der Fall, weil auch das Handgelenk selbst seine Be- 
weglichkeit eingebüsst hat, und nur wenig, wenn allerdings wohl etwas, gebeugt und 
gestreckt werden kann. An der linken Seite des Rückens desselben zeigt sich ein 
achtgroschenstückgrosser Schorf als Rest und Bedeckung eines noch kürzlich vorhanden 
gewesenen Geschwürs, von dem es bei seiner jetzigen Beschaffenheit unentschieden blei- 
ben muss, ob dasselbe ein reines Flechtengeschwür oder vielleicht Folge einer Ver- 



Erwerbsfthigkeit §. 12. Casuistik. 8. Fall. 31 

letzong gewesen, die bis auf die hier liegenden Handgelenksknochen eingedrungen ge- 
wesen war. Der Zustand dieser Hand ist gegenwärtig als ein unheilbarer und dauern- 
der zu erachten, denn wenn auch möglicherweise durch die Operation des Sehnen- 
schnittes die Contractur der Sehnen noch gehoben werden konnte, welcher Erfolg immer 
ongewiss bliebe, so würde die Verwachsung im Handgelenk selbst (Ankylose) jedem 
Kunstrerfahren eben so unzugänglich bleiben, als nicht anzunehmen, dass dieselbe durch 
blosse Naturheilkraft je werde gehoben werden können. — Bei der mechanischen In- 
tegrität der rechten Hand des D. und der nicht ganz aufgehobenen Beweglichkeit der 
linken kann eine absolute Arbeits- und Erwerbsunföhigkeit desselben keineswegs ange- 
nommen werden, da eine Menge von Arbeiten denkbar sind, die er fuglich wird ver- 
richten können. Weniger gilt dies grade in Beziehung auf sein Handwerk, welches 
Oberhaupt körperliche Kraft und namentlich Kraft und Gewandtheit in beiden Händen 
des Gesellen Toraussetzt und erfordert, und beide Eigenschaften, wie ausgeführt, in der 
linken Hand des D. wesentlich beeinträchtigt sind.^ — Hiemach beantwortete ich die 
mir Yorgelegten Fragen dahin: ad 1) »dass die Arme und Hände des D. sich jetzt noch 
nicht im normalmässigen Zustande befinden, und dass er verhindert ist, namentlich die 
linke Hand so zu gebrauchen, wie es der Fall sein würde, wenn sie unversehrt wäre; 
a/1 2) dass dem D. dadurch die Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch seiner 
Sande Arbeit zu erwerben, zwar nicht entzogen ist, dass er namentlich aber das 
Schlächter-Handwerk nicht mehr so betreiben kann, wie es ohne die Verletzungen der 
Fall sein würde ; ad 3) dass die Herstellung der linken Hand nicht mehr möglich, und 
«kiizunehmen , dass die jetzt vorhandene, oben näher bezeichnete theilweise Arbeitsun- 
flkbigkeit, namentlich die Unföhigkeit zur Ausübung des Schlächter -Handwerks, für die 
g^nze Dauer seines Lebens bestehen werde. ^ 

8. Fall. Ein ähnlicher Fall; behauptete Erwerbsunfähigkeit nach 

Ueberfahren. 

Wenn im vorigen Falle ein ganz bestimmter Erwerb (Schlächter -Handwerk) für 
«lie Begutachtung namhaft gemacht war, so kam in diesem Falle die absolute Er- 
^«verbsßLhigkeit, gleichfalls angeblich in Folge einer Verletzung und in der spätem Ent- 
schädigungsklage, zur Sprache. Ein Arbeiter hatte gegen einen wohlhabenden Schläch- 
t:ermeister geklagt und behauptet: dass er durch das Ueberfahren seiner Bmst so ge- 
litten habe, dass er wegen der nachgebliebenen Brastbeschwerden eben so wenig, wie 
^wregen Versteifung des rechten Armes, der gebrochen und zersplittert war, etwas be- 
ginnen könne und er daher ausser Stande sei, sich und seine Familie wegen dieser 
l}ebrechen zu ernähren.'' Wir hatten den 52 Jahre alten Mann anderthalb Jahre nach 
der Verletzung zu untersuchen. Der Armbruch, der nach den mitvorgelegten Kranken- 
liaus-Akten ein einfacher Querbmch gewesen, war vollständig geheilt, wie dies ja auch 
zu erwarten war. Auffallend war es indess gewesen, dass die Heilung eines solchen 
Braches eine Zeit von fünfzehn Wochen in Ansprach genommen hatte, was die behan- 
delnden Aerzte auf ein „vermindertes Nervenleben*' bei dem Patienten schoben. Eben 
diese constitutionelle Beschaffenheit des überhaupt sehr schlaffen und schwächlichen 
Menschen erklärte auch die ungewöhnliche Folge, die der Armbrach nach sich gezogen 
hatte, indem der S., was keine Simulation war, den rechten Arm und die Hand gar 
nicht gehörig und mit einiger Kraft gebrauchen konnte. Der Arm war sichtlich mage- 
rer, als der linke, und die Muskeln so schlaff, dass der Mensch weder den Arm ganz 
hoch heben, noch die Hand fest und ganz schliessen konnte. „Eine Handarbeit", er- 
klärten wir hiemach, „kann folglich S. mit dem rechten Arm allerdings nicht verrich- 
ten, demnach ist seine Erwerbsfähigkeit höchst wesentlich eingeschränkt. Da er jedoch 



32 



5, 13, 4) Verletzungen; 5) sexuelle Yerb&ltiilsse etc. 



im Allgememen lafesund nud erst 52 Jahre alt ist, so ist absolut ihm die Erwe 
fÜjigkeii nicht abzusprechen, wie er es Termeiut, da er immer noch, t. B. durch 
dienste, ais Thorsteher, als Lumpensammler (wovon er sich jetzt ernährt) ti. t. w. 
wenn auch gewiss dürftiger als früher, wird ernähren können. ** 



§. 13. PurUeltung. 4) Tfrlelzun^fiif 5) seinelle Verhättnhsej fi) twelM- 
bafter QeoiQthsiiistaiiil; 7) rcrsthledeiie Zwecke« 

Gerichtsärztliche ünlersuc^bungeii an Lebenden haben ausger dea 
bisher erörterten in vielen Fällen anrh noeb andere Zwecke. Sie sollen 
die Folgen von Misshandinngen und Verletzungen am Verletzten in 
criminal- wie in civil rechtlicb er Beziehung feststellen; ermitteln, ob am 
Untersuchten ein Gescbleebtsverbreelien begangen worden; ob Schwan- 
gerschaft vorhanden oder eine Niederkunft Statt gefunden habe; ob der 
geistige Zustand des Betreffenden ein normaler oder abnormer ^? 
u. 8. w. u. 8. w. Diese Gegenstände als eigentlicher wissenschaftlicher 
Inhalt des biologischen Theils der gerichtlichen Medicin, werden aUÄ* 
führlich einzeln zu erörtern sein. 

Ausser alle Dem aber wird der practische Medicinal- Beamte 
nicht selten in allcrverschiedeoster Weise als Sachverständiger za 
richterlichen Zwecken um sein Gntachten befragt, w^obei ich, wie 
überall hier» von der medicinal polizeilichen Seite der Wirk- 
samkeit des Gerichtsarztes ganz absehe. Zu einem ¥ollstandigen 
Bilde der Stellung und Thätigkeit des gerichtlichen Arztes, zu einer 
Belehrung über alle Anforderungen, die richterlicherseits an ihn gemacht 
werden, gehört auch die Erwähnung solcher Curiosa, die sich in gar keine 
bestimmte Rubrik einfügen lassen, und bei welchen doch immer für die Be- 
theiligten der Ausspruch des Gerichtsarztes, als gewöhnlich maassgebend 
für die richterliche Entscheidung, von den wichtigsten Folgen sein wird. 
Welcher Arzt ist wohl auf die Frage gefasst, die mir vor vielen «Fahren 
vorgelegt ward: oh ein viermaliges Passiren der Linie Veranlassung «i 
einer unheilbaren chronischen Augenentzünduiig geben könne? Können 
Schinken, Würste und Speck Träger des Gholeracontagii werden? Ich 
verneinte diese Frage 184tJ in einer Nachlasssache, in w*elcher es sicJi 
darum handelte, ob diese Esswaaren aus dem Nachlasse eines an der 
Cholera verstorbenen Schlächters gerichtlich verkauft werden könnten, 
dessen Leiche drei Tage in der Schinkenkammer aufbewahrt worden 
war. Kaim ein Mensch, der eine Rippe gebrochen hat, mehrere Tage 
nachher noch karren und gehen? Kann Paramotritis im Stande sein, 
andauernde Gedächtnissscb wache zurückzulassen? Ist eine mehrere Tau- 
send Thaler werthe Lage Butter und Käse so verdorben, dass die Sub- 
stanzen aufgehört haben, ein Nahrungsmittel für Mensehen zu »ein? 
Üjad ist anzunehmen, dass die Substaazen schon ein halbes Jahr frfiber, 



§. 14. Casuistik. 9. u. 10. Fall. 33 

als sie vom IdageDden Käufer auf dem Packhofe übernommen worden 
waren, sich in demselben Zustande befanden haben mussten? (!) — 
Diese und eine ganze Reihe ähnlicher absonderlicher Fragen sind mir 
im Amte vorgekommen. Es lassen sieh auch nicht einmal allgemeine 
Andeutungen für die Behandlung von dergleichen Fällen geben ; es wird 
aber eben deshalb wohl nicht überflüssig sein, auch hier wieder in einer 
ganz gedrängten Auswahl solcher Curiosa die Praxis selbst sprechen 
zu lassen. 



§. 14. Cambtik. 

9. Fall. Kann ein Mensch mit verkrüppelten Zehen zwei Meilen 
ununterbrochen gehen? 

Gerade dieser Fall war von der erheblichsten Wichtigkeit für den Angeschuldigten. 
Dieser Mann aus den ersten Ständen war in einer Ehescheidungssache der scheusslich- 
sten Unzüchtigkeiten beschuldigt und hatte eine schwere Strafe zu erwarten. Ein in 
^er Sache verwickelter Knecht sollte bei einer jener Handlungen Augenzeuge gewesen 
sein und seine Aussage war äusserst wichtig. Es wurde aber von der Vertheidigung 
1>ehauptet, dass dieser Mensch so verkrüppelte Füsse habe, dass er gar nicht im Stande sei, 
:3,zwei Meilen ohne grossere Unterbrechung zu gehen^. Konnte er dies nicht, so musste, 
:iiach der Sachlage, angenommen werden, dass er zur Zeit nicht in X. hatte anwesend 
sein können. So bekamen wir diese Frage zu beantworten und äusserten uns darüber 
ine folgt: „Explorat hat an beiden Füssen durch Erfrieren vor sehr langen Jahren 
Tesp. die ersten oder beide ersten Glieder der Zehen verloren, welcher Verlust beson- 
<[er8 am linken Fuss bemerkbar ist. Die Füsse sind dadurch bedeutend verkrüppelt, 
imd es behauptet ausserdem der N , zu Zeiten auch Schmerz in denselben zu empfin- 
den. Es ist einleuchtend, dass N. durch den Verlust der Zehenglieder eine wesentliche 
Stütze des Körpers beim Gehen eingebösst hat. Die Hindemisse, die derselbe dadurch 
erleiden muss, werden noch vermehrt durch eine eigenthümliohe, nicht ganz selten vor- 
kommende Krankheit seiner Zehennägel, die nämlich so übermässig wuchern, dass sie 
kornartig nach unten gekrümmt erscheinen. Im gedielten Zimmer kann nun allerdings, 
wie ein Versuch ergab, der N. ziemlich gut, auch ohne Stütze gehen. Es ist aber 
nicht anzunehmen, dass er mit diesen verkrüppelten Füssen, zumal (die Scene spielte 
nämlich auf dem Lande) auf einem unebenen, oder glatten, oder kothigen, oder lehmi- 
gen, oder steinigen, oder sandigen Boden, kurz unter Umständen, bei welchem schon 
das Gehen mit gesunden Füssen erschwert ist, eine grpssere Wegestrecke ohne Schwie- 
rigkeit und ohne das Bedürfniss, sich öfters auszuruhen, werde gehen können, und be- 
antworte ich deshalb die vorgelegte Frage dahin: dass N. bei seinen verkrüppelten 
Zehen nicht im Stande ist, zwei Meilen ohne grössere Unterbrechung zu gehen.* 

10. Fall. Hat der Angeschuldigte vor I5 Jahren einen Backenbart 

gehabt? 

Der Thäter soll einen Schnurr- und Backenbart gehabt haben. Derselbe behauptet, 
noch nie einen Backenbart gehabt zu haben. Der Explorat ist 20 Jahre alt, brünett, 
bat einen sehr spärlichen, aus feinen Haaren bestehenden Schnurrbart, gar keinen 

Caspcr's gerichtl. UvU 5. Aufl. I. 3 



34 §. 14- Casuistik. 11. u. 12. Fall. 

Backenbart. Die Backen waren an den Bartstellen mit einem leichten, farblosen Flanm 
Yon l Linien Länge sparsam bedeckt, wie er an sogenannten unbehaarten Körpentellen 
und auch bei Weibern Yorkommt Die Haare selbst, durch die Loupe betrachtet, zeig- 
ten sich an ihren Spitzen nicht stumpf abgeschnitten. Hieraus folgt, dass die Wangen 
des Ezploraten bisher noch niemals rasirt worden waren. Was den Schnurrbart anbe- 
trifft, so konnte derselbe bei dem sparsamen und wenig energischen Bartbaarwuchs des 
Exploraten schon füglich vor U Jahren in derselben oder annähernd ähnlicher Weise 
bestanden haben. 

11. Fall. Wie alt ist eine Schankernarbe? 

Ende Juni 1866 hatte in einer Ehescheidungssache das Gericht mich daräb«r be- 
fragt: „ob der P. an einer venerischen Geschlechtskrankheit leidet, oder Spuren Yorhan- 
den sind, dass er Ende des Jahres 1864 an einer solchen Krankheit gelitten habe". 

Explorat gab mir an, jetzt gesund zu sein, vor 10 Jahren aber an Syphilis gelitten zu 
haben. Die örtliche Untersuchung seiner Geschlechtstheile und der Aftergegend ergiebt: 

1) Es ist ein leichter schleimiger Ausfluss vorhanden, welcher die Reste eines Trip- 
pers darstellt Es ist nicht anzunehmen, dass dieser Ausfluss bereits seit 1| Jahren 
bestehe, vielmehr, dass der jetzt vorhandene Ausfluss von einem Tripper herrührt, der 
neueren Datums ist. 

2) Am Gliede befindet sich die Narbe eines vorhanden gewesenen weichen Schan- 
kers. Die Narbe ist ganz weiss, glänzend und glatt. Wie alt sie ist, ist nicht zu be- 
stimmen. Sie kann von einem Ende des Jahres 1864, aber auch von einem vor zehn 
Jahren vorhanden gewesenen Schanker herrühren, ist aber jedenfalls älter als einige 
Monate. 

3) In der rechten Leistengegend befinden sich Narben, von Schnitten herrührend, 
welche wegen eines eiternden ßubo gemacht worden sind. Es gilt von ihnen dasselbe, 
was von der Schankernarbe gesagt worden ist. 

4) Die Aftergegend ist frei. 

Hiemach gab ich mein Gutachten dahin ab: dass der P. gegenwärtig an den 
Resten eines Trippers leidet, der höchst wahrscheinlich neueren Datums ist; dass 
femer Spuren am Körper des Exploraten vorbanden sind, welche bekunden, dass 
derselbe an einer venerischen Krankheit gelitten habe, dass aber nicht zu bestimmen, 
ob diese Spuren von einer Ende des Jahres 1864 bestandenen venerischen Krankheit 
herrühren, indem sie auch älter sein können, dass dieselben aber nicht neueren Datams 
sind, d. h. jedenfalls älter sind als etwa sechs Monate. 

12. Fall. Ob Klägerin schon von Anfang ihrer Ehe an syphilitisch 

gewesen? 

In einem Ehescheidungsprocesse stand zur Frage: ob auf Grund des Attestes des 
Dr. G., so wie des Gutachtens des Dr. B., so wie der zu erwartenden Auslassung der 
Hebamme die Vermuthung dafür spreche, dass die Klägerin von Anfang ihrer vor vier 
Jahren geschlossenen Ehe an (31. October 1866) syphilitisch krank gewesen und Ver- 
klagter diejenige syphilitische Krankheit, an welcher er von Dr B. behandelt worden, 
durch Ansteckung von seiner Ehefrau bekommen habe. 

Dr. G. bekundet, dass er die Frau X. Anfangs des Jahres 1868 an Erscheinungen 
behandelt habe, welche seiner Beschreibung nach secundär-syphilitische genannt werden 
müssen. 

Dr. B. bekundet, dass er den Ehemann X. Anfangs des Jahres 1868 an einer 



§. 14. Casui8tik. 13. Fall. 35 

syphilitischen Krankheit der Geschlechtstheile behandelt habe, und dass die Ansteckung^, 
ans welcher diese Krankheit, welche später secundär wurde, entstanden sei, nach dem 
31. October 1866 stattgefunden haben müsse. 

Aus dieser letzteren Bekundung folgt, dass bei Schliessung der Ehe, d. h. am 31. 
October 1866, der Ehemann X. noch nicht syphilitisch war, und auch dass er sich 
nicht an der bereits syphilitischen Frau zu dieser Zeit angesteckt gehabt haben könne. 
Ueberdies ist auch ein anderer Umstand Yorhanden, welcher mindestens ^rmuthen lässt, 
dass weder die Frau, noch der Mann bei Schliessung der Ehe syphilitisch gewesen sind. 
Ich lasse hierbei den bei der Frau vorhanden gewesenen weissen Fluss ausser Betrach- 
tung, der an sich ein syphilitisches Symptom nicht ist. Es ist, wie der Ehescheidungs- 
antrag des Mannes yom 23. Juni 1868 besagt, zu dieser Zeit ein 19 Monate altes, also 
etwa im Anfang des Jahres 1866 gezeugtes Kind aus der Ehe vorhanden gewesen, 
mithin nicht anzunehmen, dass die Ehefrau bereits zur Zeit der Zeugung des Kindes 
secundär syphilitisch gewesen sei, was der Fall gewesen wäre, wenn sie, wie die Ap- 
pellationsrechtfertigungsschrift behauptet, bereits seit 1865 syphilitisch gewesen wäre. 
In diesem Falle wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit das Kind nicht ausgetragen worden, 
sondern frühzeitig todt oder todtfaul ausgestossen worden. Das Kind ist auch — we- 
nigstens verlautet davon nichts und einer der auf Scheidung klagenden Ehegatten würde 
es vermutblich geltend gemacht haben — nicht syphilitisch krank geboren worden, was 
andererseits der Yermuthung Raum lässt, dass der Vater des ELindes zur Zeit der Zeu- 
gung syphilitisch krank nicht gewesen ist. 

Hiemach ist anzunehmen, dass zur Zeit der Schliessung der Ehe beide Theile nicht 
syphilitisch gewesen sind. 

Beide Theile sind aber Anfangs des Jahres 1868 von verschiedenen Aerzten an 
secundär syphilitischen Symptomen behandelt worden, und da die Zeit, innerhalb wel- 
cher die secundären Erscheinungen nach dem primären Affect sich zu zeigen begin- 
nen, nicht leicht unter sechs Wochen und nicht leicht über sechs Monate auf sich 
warten lassen, so ist zu erschliessen, dass bei beiden Theilen der primäre Affect nicht 
über sechs Monate vor dem Beginne der secundären Erscheinungen vorhanden gewesen 
ist, wohl aber wahrscheinlich, dass beide Theile nicht gleich bei Beginn der Krankheit 
ärztliche Hülfe nachgesucht haben. 

Welcher von beiden den anderen Theil inficirt habe, ist nach den vorliegenden 
Thatsachen nicht zu entscheiden. 

Aber, und hierhin muss ich mich nach Vorstehehendem erklären: es berechtigt 
keine einzige in den vorstehenden Acten befindliche Thatsache zu der Yermuthung, dass 
die Eüägerin von Anfang ihrer Ehe an syphilitisch gewesen, und Verklagter diejenige 
syphilitische Krankheit, an welcher er von Dr. B. behandelt worden, durch Ansteckung 
bei seiner Ehefrau bekommen habe. 

13. Fall. Waren hundertundsechs ärztliche Besuche bei einer Lungen- 
entzündung nothwendig. 

Nachstehender ist ein solcher Fall, wie sie leider! bei den jetzigen Verhältnissen 
des ärztlichen Standes bei uns — und wohl auch an anderen Orten! — so gar nicht 
selten vorkommen, imd oft gerichtsärztlich f^cht schwierig zu beurtheilen und abzuwägen 
sind. Ich theile denselben als Probe der Behandlung derartiger Aufgaben mit Der 
betreffende Arzt hat längst Berlin verlassen. Die uns vorgelegte Frage war die: ob es 
unter den vom Dr. W. angegebenen Krankheitsum ständen des Klägers niur ein Zehntel 
der vom Dr. W. gemachten Besuche und gar keiner Medicamente bedurft habe?*' — 
Der Kläger, Schuhmachermeister M., war am 21. September 18— unter den Linden 

3* 



36 §. 14. Casuistik. 13. Fall. 

gehend vom Verklagten (einem jungen wohlhabenden Manne) öbergeritten nnd beschi- 
digt worden, wobei jedoch bemerkt wird, dass derselbe sich zu Fusse nach seiner Be- 
hausung in der Mohrenstrasse verfügen konnte. Am 21. oder 22. September wurde der 
Dr. W. zum Kläger gerufen und fand denselben »an einer Brusterschütterung leidend, 
welche zur Lungen- und Brustfellentzündung übergegangen war". Der genannte Arzt 
hat nun dem Kläger 



im September . 


. 10 Besuche, 


- October . . 


. 31 


- November . 


. 25 


- December . . 


. 24 


- Januar 18.— 


8 


- Februar . . 


. 5 


- März 


. 3 



also in Summa . 106 Besuche 

abgestattet, wofür derselbe die Summe von 35 Thlr. 20 Sgr. liquidirt hat ^Voraosge- 
setzt", sagten wir, „dass der Dr. W. täglich nur Einen Besuch gemacht, so würden die 
zehn Besuche des Septembers genau auf den 21sten, also auf den Tag der erlittenen 
Beschädigung des Klägers, hindeuten, als an welchem Tage dann der Dr. W. sogleich 
zum Kranken gerufen worden wäre. Sehr auffallend ist es dann, dass, nach Ausweis 
der Recepte und nach der Apothekerrechnung, erst sieben Tage später, am 27., die 
erste Arzneiverordnung gemacht wurde. Gesetzt auch, dass die 22 Blutegel und das 
zweimalige Schröpfen, die nach den Akten verordnet worden, in diesen ersten sieben 
Tagen angewandt worden wären, worüber Nichts constirt, so muss es doch als höchst 
ungewöhnlich und auffallend bezeichnet werden, dass bei einer , „Lungen- und Brust- 
fellentzündung"^, die eine der gefährlichsten und bedenklichsten Krankheiten ist und 
ein rasches und energisches entzündungswidriges Heilverfahren erfordert, wenn sie nicht 
mindestens langwierige und erhebliche nachtheilige Folgen für die Gesundheit der Brust 
des Kranken zur Folge haben soll, dergleichen bei dem Kläger nicht vorhanden sind, 
dessen Brust jetzt" (die Untersuchung geschah elf Monate nach dem Anfange der Krank- 
heit) „gesund ist, bis auf eine kleine impermeable Stelle in der Basis der linken Lunge, 
die nicht von Erheblichkeit, dass, sage ich, in den wichtigen ersten sieben Tagen einer 
solchen Krankheit gar kein inneres Medicamcnt verordnet worden ist Aber auch das 
erste verordnete ist kein energisches entzündungswidriges Mittel, vielmehr nur eine 
gelind wirkende Mischung, die allerdings auf eine leichtere Brustaffection hindeutet 
(1 Gran Brechweinstein, 1 Quent Salmiak, 1 Scnipel Anis - Ammonium auf 5 Unzen 
Brunnenwasser). Diese Mixtur musste nach der Verordnung' in 10 — 11 Standen ver- 
braucht sein. Dann geschah wieder innerlich Nichts, bis 3 oder 4 Tage später, am 
30sten, eine Abführung verschrieben wurde, die nach der Verordnung in 12 Stunden 
verbraucht sein musste. Nun blieb der Kranke wieder elf Tage lang ohne innere Me- 
dicamente, denn erst am 11. October, 21 Tage nach der Verletzung und nach bereits 
abgestatteten 21 Besuchen, verordnete der Arzt wieder eine kühlende, gelind abführende 
Salzlösung von 1 Quentchen Salpeter und 1 Gr. Brechweinstein auf 6 Unzen Flüssig- 
keit, welche dreimal gemacht worden ist. Sechs Tage später, welche ohne Arzneige- 
brauch verflossen, ist ein sogenannter Brustthee, darauf 2 Tage später ein Brechmittel 
verordnet Nachdem nun abermals eine Woche hindurch Nichts innerlich verschrieben 
war, wurden am 28. October 25 Flaschen Obersalzbrunnen geliefert und eine Mixtor 
aus Brechweinstein, Digitalis, Salmiak und Anis - Ammonium verschrieben, welche An- 
neien, so wie die am folgenden Tage verordneten Pulver aus Goldschwefel und Calomel 
allerdings wieder auf eine entzündliche Brustaffection zurückschliessen lassen (2 Or. 



§. 14. Casuistik. 14. Fall. 37 

Calomel und i Gr. Goldschwefel alle 2 Stunden). Noch finden sich vor: eine wohl 
zum Stärken bestimmte Mixtur Tom 21. November, eine dreimal wiederholte zertheilende 
Salbe vom 17. December und zweimal wiederholte beruhigende oder Schlaf befördernde 
Pulyer aus ^ Gran Morphium, deren näherer Gebrauch nicht vermerkt ist, vom 27. De- 
cember. — Es ist nicht möglich, nach dieser Schilderung der angewandten Arznei- 
mittel sich ein klares Bild über die Natur und den Verlauf der vorhanden gewesenen 
Krankheit zu machen, und nur so viel stehe ich nicht an zu behaupten, dass nach der 
medicinischen Erfahrung eine »„Lungen- und Brustfellentzündung^ ", positiv wie negativ 
auf die angegebene Weise behandelt, nicht so günstig zu verlaufen pflegt, als es hier 
der Fall gewesen. Unter allen verordneten Recepten befindet sich nur ein einziges 
sehr energisches, die Calomel-Pulver vom 28. October, und wäre hierhin höchstens nur 
noch das Digitalis-Infusum de eodem zu rechnen. Bis zu diesem Tage der Krankheit 
hatte der Dr. W. nur wenig erhebliche Arzneien zu verordnen für nöthig erachtet, da- 
bei doch aber 28 Tage lang den Kranken täglich besucht. Noch im November und 
December hat W. 49 Besuche gemacht, während nur erst am 21. November jene stär- 
kende Arznei und im December gar keine innerliche Medicin mehr verordnet wurde. 
Zu. vermuthen ist, dass der Kranke im November den verordneten Obersalzbrunnen ge- 
trunken hat. — Nach allem Vorstehenden muss ich annehmen: dass die Krankheit des 
Klägers eine wirkliche „„Lungen- und Brustfelleutzündung"*' nicht gewesen und eine 
fast ein halbes Jahr fortgesetzte ärztliche Pflege, resp. 106 ärztliche Besuche, nicht 
dringend nöthig gemacht hat. Dass es „„gar keiner Medicamente*' ^ zur Herstellung 
des Kranken bedorft habe, dies anzunehmen bieten die Akten keine Veranlassung dar, 
wie es auch der Natur der Sache nach unmöglich ist, die Gränze der nothwendig ge- 
wesenen ärztlichen Besuche arithmetisch genau zu bestimmen.' 

14. Fall. Waren die unter Liquidation gestellten ärztlichen Besuche 
und Atteste Seitens des Dr. K. nothwendig? 

In diesem Falle hatte der Kreisphysicus (NB. a. D.) Sanitätsrath (!) Dr. K. nicht 
nur für die dem durch eine Schlägerei beschädigten Patienten gemachten täglichen ärzt- 
lichen Besuche liquidirt, sondern auch für die ingeniöser Weise demselben täglich aus- 
gestellten Notizen über dessen Befinden, und der klägerische Patient verlangte von 
seinem Beschädiger im Civilwege Schadenersatz für die gehabten Auslagen. Der Rich- 
ter erforderte daher von mir ein Gutachten über die Nothwendigkeit der Besuche und 
Atteste, und äusserte ich mich hierüber: 

Ich muss als thatsächlich feststehend annehmen, dass der M. an den in dem Attest 
der üntersuchungsakten angegebenen Krankheitserscheinungen gelitten bat, wiewohl ich 
bei Lesung derselben mich des Eindruckes einer üebertreibung nicht erwehren kann. 
Denn wenn ein Kranker, der am 14. October eine angeblich heftige Gehirnerschütte- 
rung erlitten hat, erst am 16. October als an einer solchen leidend vom Arzte befun- 
den wird, am 17. aber bereits nach dem Attest desselben Arztes „mit etwas Neigung 
dazu' eine Cigarre raucht, und bei dem doch am 19. immer noch „die Symptome einer 
Gehirnerschütterung noch in keiner Weise beseitigt" genannt werden, so möchte es mit 
der Erheblichkeit dieser ganzen Krankheit nicht so weit her gewesen sein, als der Attest- 
aussteller befürchtet, zumal eine anscheinende Verschlimmerung, die angeblich in Folge 
der auf eigene Meldung (nicht, wie das Attest besagt, auf Veranlassung der Staats- 
anwaltschaft) erfolgten Vernehmung des M. am 21. eingetreten sein soll, ebenfalls am 
*J2. schon wieder einem stetigen üebergang in Genesung Platz gemacht hat. 

Nichtsdestoweniger habe ich gegründete Anführungen gegen die Nothwendigkeit der 
gemachten acht Besuche nicht anzuführen. 



38 ^i® ärztlichen und gericbtsärztlichen Gutachten und Atteste. 

Was nun ferner die tägliche Ausstellung von Krankenberichten, zumal dieselben 
von keiner Behörde erfordert waren, betrifft, so ist nicht allein die Nothwendigkeit der- 
selben nicht zu motiviren, sondern es sind dieselben geradezu als überflüssig zu be- 
zeichnen, wenigstens kann niemand anders als der Kranke selbst, meines Erachtens, 
dazu angehalten werden, tägliche Notizen über das Befinden des Patienten, wenn dieser 
Aufzeichnungen darüber Seitens seines Arztes verlangt, zu honoriren. 

Wenn Behufs Anstellung der Klage der M. ein Attest über die ihm zugefügten 
Verletzungen, deren Verlauf und deren Bedeutung im Sinne des Strafgesetzes von dem 
Dr. K. verlangte, so war eben dies in einem Attest oder Gutachten auszusprechen, 
welches W der Unbedeutenheit des Falles zu dem in Rede stehenden Zweck in weni- 
gen Worten erledigt werden konnte, und welches nach Pos. 21. der Medicinal-Taze mit 
3 Thlm. mehr als hinreichend honorirt war, zumal dem angestellten Physicus für der- 
gleichen Untersuchungen und Begutachtungen nur 1 Thlr. zugebilligt werden. Es müs- 
sen demnach die sogenannten Krankenberichte vom 17., 19., 21., 22., 23., 24., 30. Oc- 
tober und das durch zufalliges Begegnen auf der Strasse (!) veranlasste sogenannte 
Entlassungs- Attest vom 6. November als überflüssig erklärt werden. 

Ob far die dem Kranken im Nachbarhause gemachten ärztlichen Besuche überall 
der höchste Satz der Taxe zugebilligt werden müsse, wie das Liquidat beanspiucht, 
dürfte nach den Vermögensverhältnissen des zur Zahlung Verpflichteten zu bemessen 
sein, und enthalte ich mich hierüber, als nicht direct zur Frage stehend, eines Urtheils. 



Drittes Kapitel. 

Die ärzüichefi und gerichtsäTztlichen Gutachten und 

Atteste. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Circolar-VerfüguDK des (Preuss.) Ministerii der a. s. w. Hedlcioal Angelegeohelua vom 
20. Janaar 1853: Mittelst Erlassen Tom 9. Janaar t. J. habe ich die Königlichen Regierangeo and dat 
Königliche Poli7.ei-Pr£sldium hicraelbst Teranlaset, sieh gataehtlicb nbrr Maassregeln sa &asseren« dareh 
welche eine grössere Zuverlsssigkeit ärstlicher Atteste sa eriielen sein möchte. Nach genauer Brwigoag 
des Inhalts dieser, so wie der über denselben Gegenstand von dem Herrn Justis - Minister •infeford«rt«s 
Beriehto der Appellationsgerichtef des Kamroergerichts und des Oeneral-Procarators tu CÖId, eraclit« Ick 
im BlnTcr»tandniss mit dem Herrn Justii - Minister für nothwendig, <ur die irstliehen Attest« der Mcdi- 
rlnalbeamten eine Form vorcnsrhreib^n, durch welche der Aussteller einerseits genöthigt wird, sich fibtr 
dl« thatsächlichen Unterlagen des abingebendcn sachverstindigen Urtheils Itlar su werden ond Iststerss 
mit Sorgfalt su begründen, andererseits aber jedesmal an seine Amtspflicht und an seine VaraatwortUeli- 
licit rftr die Wahrheit und Zurerli^siglitfit des Attestes erinnert wird. Zu ilienem Zweclie bestimme ick 
hierdareh, dass fortan die amtlichen Atteste und Gutschten der Medicioalbeamten jedesmal eathaltea 
sollen : 

1) die bestimmte Angabe der Veranla8<«nng sur Ausstellung des Attestes, des Zweckes, t« wel> 
chem dasselbe gebraucht, und der Behörde, welcher es vorgelegt werden soU; 

S) die etwanlijcn Angaben des Kranlien oder der Angehörigen desselben über seinea Zostaad; 

3) bestimmt gesondert ?on den Angaben in 2. die eigenen thatsiehlichen Wabrnehmaagea des 
Beamten über dea Zusund des Kranken 

4) die aufgefundenen wirkliehen Kranltheltser^cheinungen; 



Die jkntlicbeii und gerichtsärztlichen Gutachten und Atteste. 39 

&} da« tbalsioblieh ood wisfratchafUicb motivirte UrthetI über die Krankbeit, über die Znl&iBigkeit 
eines Truisporu oder einer Hnft« oder über die sonst gesteUten Fragen; 

(} die dieaaUidliehe Versichemng, daas die Ifittbeilungen des Kranken oder seiner AngebdHgen 
(ad 3) richtig ia das Attest au^enommen sind, dase die eigenen Wahrnebmungen des Ansstellers 
(ad S. nad 4.) uberail der Wahrbeit gem&ss sind, und das» das Gatacbten anf Grnnd der eigenen 
Wabraehaangco des Ansstellers nach dessen besten Wissen abgegeben ist 

Auterileia nöasaa die Atteste mit vollständigem Datum, Tolletandiger Namensnnterscbrift, insbeson- 
der« mit dem AmUebaraki«r des Ansstellers nnd mit einem Abdruck dea Dienstsiegels verseben sein. 
Di« KiaifUebe Begierang bat dies simmtlichen Uedicinalbeamten in Ibrem Besirk snr Nacbacbtung be- 
kuBi H maeken, diese Bekanntmacbnng Jibrlicb m wiederbolen nnd Ibrerseits mit Strenge und Nacb- 
drack dsrssf in haJun, dass der Vor«ebrirt Tollstindig genügt werde. Um die Königlichen Regierungen 
U^ns ia den Stand an aetsen, wird der Herr Justiillioister die GerichtebehSrden anweisen, von allen 
dtijdifea bei ihnen eiagehenden irttlicben Attesten, gegen welebe von der Gegenparthei Ausstellungen 
gtnMbt werden, oder in welchem die Gerichte, resp. die Staatsanwaltscbaften UnTollstindigkeit oder 
Obtrlieliltchkcii wahrnehmen , oder einen der Torstehend angegebenen Ponlite vermissen , oder endlich 
Ciriektiglieitea TArmotben, der betreffenden Königlichen R<>gierung, resp. dem KSniglichen Poliiei-Prisi- 
diaa Utnelbst beglaubigte Abschrift mitxutheilen. Die KSniglicbe Retperong bat alsdann diese, so wie 
die •nf saderem Wege hei Ihr eingehenden iriUIeben Atteste sorgfSitig zu prüfen. Jeden Verstoss gegen 
dit TOTitelieod getroffene Anordnung im Disoiplinarwege ernstlich so rügen, nach Befinden der Umstände 
dl GHtschtea des lledleinal'Colle^ama der Provins an eztrabiren, resp. wegen Einleitung der Disciplinar- 
Uii«r»MkaDg aa mich la berichten. 

Dt &b«r die UnsuTerl&ssigkeit irstlieber Atteste vorsogsweise in solchen Fillen geklagt worden, in 
velckea es anf die &rstliche Prüfung der Statthaftigkeit der Vollstreckung einer Freiheitsstrafe oder einer 
iehsldkaft ankam, nnd auch ich mehrfach wahrgenommen habe , dass in solchen F&llen die betreffenden 
MedidBAlbeamten sich von einem nnxulissigen Mitleid leiten lassen O'ter sich auf den Standpunkt eines 
Baassrttes stellen, welcher seinem in Freiheit befindliehen Patienten die angemessenste Lebensordnung 
veneickrsiben hat, so Teraalasse ich die Königliche Regierung, bei dieser Gelegenheit die Hedieinalbe> 
sates in Ihrem Beiirk Tor dergleichen Ifissgriffen au warnen. Nicht selten ist in solchen Fällen tou 
d«a Msdieioaibeamten angenommen worden, dass schon die Wahrscheinlichkeit einer Verschiim- 
■trssg des Zustande« eiuM Arrestanten bei sofortiger F.ntziehong der Freiheit ein genügender Grund 
Mi, die linstweilige Ans^etsnng der Strafvollstreckung oder der Schuldhaft als nothwendig tu bexeichnen. 
Uss ist eine gans unriehtiga Annahme. Eine Freiheitsstrafe wird fast in allen FSllen einen deprimiren- 
d«s Biodrack anf die Geraüthsstimmnng, nnd bei nicht besonders kräftiger nnd nicht vollkommen gesunder 
Kirperbesebaffenbelt aach anf das leibliche Befinden des Bestraften ausüben , mithin achon vorhandene 
Krankkeitssastinde fast Jedesmal verschlimmern. Deshalb kann aber die Vollstreckung einer Freibeits- 
straf« oder einer Sebuldbaft, wibrend welcher ohnehin es dem Gefangenen an irstlieber Fürsorge nie- 
Bsls fehlt, airbt ansgeseut, resp. nicht für unstatthaft erklärt werden. Der Medicinalbeamte kann die 
▲osseuang n. s. w. vielmehr nur beantrugen, wenn er sich nach gewissenhafter Untersuchung des 
Xuuade« eines Inhafürendea für uberaeugt h&lt, dass von der Haftvollstreckung eine nahe, be- 
deatcnde nnd nicht wieder gut an machende Gefahr für Leben und Gesundheit des aur 
Haft ta Bringenden an besorgen ist, und wenn er diese Ueberseu^ung durch die von ihm selbst 
vakrgeoommenen Krankheitserscheinungen und nach den Grnndsätaen der Wissenschaft so moti- 
virsB Lm 8tande ist. Eine andere Auffassung der Aufgabe des Jledicinalbeamten genihrdet den Ernst 
der Suafe aod l&hmt den Arm der Gerechtigkeit und ist daher nicht au rechtfertigen. Dies ist den Me- 
dieisalbeamtcn sar Behertigong dringend au empfehlen. Berlin, den 20. Januar 1853. Der Minister der 
gtlitüekea, Unterrichts- und Medicinal - Angelegenheiten, ges. v. Raum er. An sämrotliche Königliche 
Bcgiemagen. 

Is der Circnlar- Verfügung desselben Ministerii vom 1 1. Februar 1856 wird, unter Auf- 
rtchtkaltaag der vorstehenden Vorschriften, ferner bestimmt: .dass die gedachten Atteste in Zukunft 
Jedeimal aosser dem vollständigen I^atum der Ausstellung auch den Ort und den Tag der sUttgefondenen 
ÄntUcbes DntersnchoBgen enthalten müssen, und dass (obige) Verfügung vom 20 Januar 1853 auch auf 
'^»jnigts Atteste der Medicinalbeamten Anwendung findet, welche von ihnen in ihrer Eigenschaft als 
prsetiscbe Aerxte snra Gebrauch vor Gerichtsbehörden ausgestellt wurden.* 

Cirealar-Verfügung desselben Ministerii vom i:\. Uärs 1822: Die Köuigliche Regierung 
*N hierdurch beauftragt, den Kreis • Physikern und Kreis- Chirurgen Ihres Depsrteraents lu untersagen, 
ebae besoaders eingeholte Erlaubniss des Ministerii ihre gerichtlichen Gntachten vor Ablauf von fünf 
Jskraa seit Ihrer Ausstellung, selbst nicht mit Weglassung der Orts- und Personal-Namen, abdrucken au 

Circalar-Eescript desselben Ministers vom 3. Deeember 1850: Der Gebrauch \ieler Ge- 
rifbisirsie, in ihrem Gutachten über körperliche Verletsnngcn, zweifelhafte Seelenxuatäude u. s. v. die 
li>«lai«rhfn and griechischen Ansdrücl^e mehr als unumgänglich nöthig Ist, tu häufen, bat besonders bei 
^•a aeo^rea öffentlichen GrrlchUverfahren Anstoss erregt , Indem dergleichen Gutachten dem grösseren 
Pablicaa, uuA aanentllo'i den Oeschwornen, minder verständlieh »erden. Auf der anderen Seite läset 



40 Gerichtö&rztliche Atteste. §. 15. Allgemeines. 

Aich nicht ▼erkennen, clajn eine ^Snxliclio Vermeidung der Fremdwörter der wis^cnsrhartllchen (trÖDd- 
liehkeit d«-r Gutachten Kintrag thim wurde, in cintelocn F&llen der deutsche Autdrock oder eine Um- 
schreibung die Sache nicht so bestimmt bexcichnet, als dus von der Wissenschaft recipirt« Freadworu 
Ich finde mich demnach veranlasst, dnrcb die snmmtlichen KSnii^Iiehen Regiernngen und da« KAniglicke 
Polisei-Prisidlnm hierselbst allen Oericht&irxten die reclite Mitte anxueroprehlen, welche wohl darin be- 
steht, dass Dinge, die eben so sicher und besser deutsch au geben &ind, nicht in fremden Sprachen ans- 
gt>drnckt werden, wogegen in FSIien den Oegentheils da« Fremdwort beixubehalten und in eintelnen 
Fiilen sar Vermeidung jeden Zweifels neben der deutschen Boieichnong auch die lateinische oder grle- 
cliische in Klammern binsosofngen ist. 

Anderweitige Vorschriften and Bestiraniungen, l*etreff«tnd die &rxtlichen Alteste, ihr« Beweiskraft^ 
Stempelpflichtigkeit o. s. w., s. y. R5nne und Simon a. a. O. I. S. 239, IL 8. 53S. 



§. 15. AllgeneiDes. 

Dieselben allgemeinen Regeln nnd. Folgen, welche Gerichtsärzte bei 
den schriftlichen oder mündlichen Beurth ei langen der von ihnen unter- 
suchten Objecte oder bei den Beantwortungen der ihnen vom Richter 
vorgelegten Fragen stets zu befolgen haben, gelten für kürzere Atteste 
wie für ausführliche Gatachten, für anscheinend weniger erhebliche 
Zeugnisse, wie für die, in allen Fällen so wichtigen und folgenreichen 
motivirten Gutachten betreffend zweifelhafte Gemüthszustände und Ob- 
ductionsfäUe, auf welche beide wir noch zurückkommen (s. Band IL 
allgem. Thl. §. 55.). Die Form, welche die preussischen Gercihtsärzte 
bei diesen Documenten inne halten müssen, ist in der oben (S. 3») 
mitgetheilten Ministerial- Verfügung vorgeschrieben, und ähnliche Vor- 
schriften existiren auch in anderen deutschen Ländern. Nicht ist in 
der maassgebenden Verfügung ausgesprochen (folglich also auch nicht 
das Gegentheil vorgeschrieben), was ich aus eigener Erfahrung als ganz 
ungemein zweckmässig empfehlen kann, und womit allein der Gerichts- 
arzt sich viele Weiterungen erspart, amtliche Atteste nur allein auf 
vorgängige Requisition von richterlichen, polizeilichen, Verwaltungs- oder 
Communal- Behörden, niemals auf privates Anfordern des Betheiligten 
oder seiner Verwandten u. dgl. zu ertheilen. Wer sich bei dem Arzte 
zur Einholung eines Attestes meldet, überrascht den Arzt; es ist aber, 
ich wiederhole es, der Sache viel förderlicher, wenn der Arzt den an- 
geblich Kranken überrascht. Dies Verfahren, nicht privatim amtsärzt- 
liche Atteste auszuhändigen, hat ferner noch den wesentlichen Vortheil, 
dass der gerichtliche Arzt, wenn er die amtliche Aufforderung abge- 
wartet hatte, dann auch der Partei gar nicht, sondern der requirirenden 
Behörde sein Attest oder Gutachten übergiebt, womit er sich viele Wei- 
ternngen und unangenehme Auftritte erspart, wenn, wie so ungemein 
häufig der Fall, letzteres für den Betreffenden ungünstig ausfallen musste 
oder ausgefallen war. In solchen, wiederum sich sehr häufig ereignen- 
den Fällen aber, wo der Explorand sich mit einer amtlichen Anweisung 
/.u seiner Untersuchung versehen bei dem Gerichtsarzte meldet, um ein 



Gericbtsärztluihe Atteste. §. 15. Allgemeioes. 41 

Attest brevi manu zu extrahiren, ist zu empfehlen, ihm dasselbe zu 
verweigern, wenn ihm gewissenhaft das nicht bescheinigt werden kann, 
worauf es ihm ankommt, z. B. dass er krankheitshalber verhaftungsunfähig, 
dass er zeugungsunfähig sei, dass er sich zur Pensionirung in seinem 
Dienste eigene u. s. w. Die weiteren Schritte mögen dem Betheiligten 
überlassen bleiben. Die Attestertheilung ist in jeder, zumal in einer 
sehr umfangreichen gerichtsärztlichen Praxis in grösseren Städten und 
volkreichen Kreisen, eine der widerwärtigsten und gefährlichsten Klip- 
pen, was Ungeübte und Nichtsachkenner nicht ahnen. Der Gerichts- 
arzt kann sich nicht verhehlen, dass er eigentlich bei jedem ausgestell- 
ten Zeugniss ohne Ausnahme sich einen Gegner schafft! In Civil-Sachen 
ist es die Gegenpartei, die denProcess vielleicht bloss deshalb verliert, 
weil das ärztliche Attest gegen ihre Behauptungen ausfiel, in Crirainal- 
Sacben ist es hier die Staatsanwaltschaft, dort die Vertheidigung, je 
nachdem der Arzt für oder gegen den Augeschuldigten Zeugniss geben 
musste. Und nun vollends die Begutachtungen der körperlichen oder 
geistigen Fähigkeit eines Menschen, eine Schuld- oder Straf haft anzu- 
treten, wo gewöhnlich die letzte Hoffnung des Betreffenden, oft nach jahre- 
langen Weiterungen und vergeblichen anderartigen Versuchen auf ein 
günstiges ärztliches Attest gerichtet ist! Aber jene Klippe kann nur ver- 
mieden werden, wenn der Gerichtsarzt wahr, streng, unbestechlich, treu 
seinem Gewissen und seinem Amtseide und furchtlos zu Werke geht. 
Allerdings wird es dann nicht fehlen, dass er hier das Interesse der 
Partei, dort das eines Collegen verletzt^, und sich ein Wohlwollen ent- 
fremdet, auf das er Werth legte. An kleineren Orten wird es auch 
vorkommen, dass er sich, vielleicht durch ein einziges ungünstig aus- 
gefallenes Attest, einflussreiche Gegner im Publikum schafft und Ein- 
bnsse in seiner privaten Praxis erleidet; allein mit der Zeit wird sich 
ein solcher Verlust ausgleichen, denn Eigenschaften, wie die genannten, 
werden glücklicherweise zu allen Zeiten und an allen Orten die öffent- 
liche Meinung zur Achtung nöthigen, und — mit einem unbeschwerten 
Gewissen sich täglich zur Ruhe logen, ist auch ein Lohn! 

Wir glauben berechtigt zu sein zu der Annahme, dass die so oft 
von den Justiz- und Verwaltungs - Behörden gerügte Unzuverlässigkeit 
der ärztlichen — weniger hoffentlich der amtsärztlichen — Atteste nicht 
sowohl in Tendenzen ihren Grund hat, die den eben empfohlenen ent- 
gegengesetzt sind, als in jener Humanität der Aerzte, zu welcher ihr 
Stand sie verpflichtet und erzieht, die den Arzt ziert, und die doch 
auch in anderen Angelegenheiten vom nichtärztlichen Publikum mit 
Recht an ihm gepriesen wird. Allein die Humanität, die zu Gunsten 
eines Menschen in einem amtsärztlichen Atteste nur die halbe Wahrheit 
sagt, hier etwas verschweigt, dort ein Bedenken mit zu grellen Farben 



42 



GonchtsärjitUche Atteste. § 15. Allgemeine«. 



schildert j ist eine übel verstandene Philantliropie, wie die Belrachtuog 
der Erfahrnngstlmtsachen lehrt. Denn wenn der Arzt am Krankenbette 
nur Ein Interesse wahrzunehmen hat, die inügii^hste Wiederherstellang 
seines Pflegebefohlenen, ein Interesse, das gleichsam abgelöst ist von 
der ganzen übrigen Welt, so steht dem Arzt, wenn er ein Unter- 
sachungsobject iü seinem amtsärztlichen Wirkungskreise vor sich hat» 
überall und ohne alle Ausnahme ein doppeltes und sich wider- 
streitendes Interesse vor Augen, in Civikachen neben dem Inter- 
esse des Beklagten das der klägerischeo Partei, in Criminal - Sachen 
neben dem Interesse des Angeschnldigeen das der allgemeinen Wohl- 
fahrt und Sittlichkeit, in Verwaltuiigs-Saehen neben dem Interesse eines 
Beamten das seiner gleichberechtigten CoUegen und des öffentlichen 
Dienstes. Es kann dem hamanon Gerichtsarzt sehr, sehr schwer wer- 
den, von einem Beamten, der oacb langer und voraussichtlicher anbeU- 
barer Krankheit seinen Dienst verabsäamen mnsste und mit Weib und 
Kind auf dessen Erträgnisse angewiesen ist, aussagen zu müssen, dass 
er sich zur Penöioniroiig eigene; aber die ächte Humanität wird auch 
den Stellvertreter und dessen Filmilie berücksichtigen, der gleiche An- 
sprüche wie der Vordennann hat, welchen er lange und unbelohnt im 
Dienste zu vertreten hatte. Der humane Medicinalbeamte wird un- 
gern gegen das Interesse eines Verurtheilten und seiner Familie be- 
scheinigen, dass derselbe unbeschadet seiner Gesundheit eine mehrjährige 
Freiheitsstrafe zu verbüssen im Stande sei; aber die ächte Hamanität 
wird dabei auch das Interesse des vom Verurtheilten z, B. durch 
schwere Verletzungen Verstümmelten erwägen. Gewiss erscheint es 
inhuman, durch sein amtliches Attest es zn ermöglichen , wenn das 
Gegentheil in der Feder des Arztes liegt, dass ein Mensch seinem Ge- 
schäft, seiner Familie entrissen werde, um zum Schul dgeföngnias tu 
wandern; aber die ächte Humanität wird auch die andere Familie be- 
rücksichtigen, die durch den leichtsinnigen Schuldner an den Bettelstab 
gekommen. So suei denn auch der beamtete, wie der nicht beamtet« 
Arzt hnman, aber er sei es im wahren Sinne, und nicht auf Kostett_ 
seines Gewissens und der falschen Philanthropie. 

In allen seinen amtlichen Gutachten und Attesten oline Ausnahmt 
halte sich der Gerichtsarzt, wie bei jedem Akte seiner amtlichen Thä- 
tigkeit, die goldene Regel des ne sutor etc. als unverbrüchlich vor. Es 
ist erklärlich, dass so häuGg gerithtliche Aerzte in ihren Boricbteo 
Lebende, wie namentlich aber Todte bt^treffcnd, sich in rein joristische 
Erörterungen verirren, strafrechtliche Deductionen aufstellen, Verdachta- 
oder auch Entlastungsgründe für den Angeschuldigten vorbringen, wenn 
man einen Blick auf die neueren und neuesten deutschen Handbücher 
wirft (die der Frynzosen und Engländer sündigen hierin weit weniger 



§. 16. Mnndlicbe Gutachten in den Audienzterminen. 43 

oder gar nicht). Man wird dann, wenn man anf dem Titel einen Arzt 
als Verfasser genannt findet, seine Verwundemng nicht bergen, wenn 
man ganze Kapitel angefüllt findet mit Erörtemngen „über den Rechts- 
staat und den Polizeistaat**, über „Dolus und Culpa", über „den recht- 
lichen BegriflF von Verbrechen und Vergehen**, über den „Beweis durch 
Sachverständige** u. dergl. m.! Solche Schriftsteller beweisen dadurch 
allein aber schon, dass ihnen die gerichtsärztliche Praxis ganz fremd ist, 
denn sie würden im entgegengesetzten Falle wissen, dass der gerichtsärzt- 
liche Practiker niemals in die Lage kommt, sich über rein juristische 
Materien aussprechen zu müssen, ja dass er, wenn er sich in dieselben 
verirrt, mit Recht vom Richter zurückgewiesen wird. Denn dieser re- 
quirirt in dem Arzt nur den „Sachverständigen der Arznei**, wie die 
„peinliche Halsgerichtsordnung** sagt, den Techniker, der ihm aus sei- 
ner Wissenschaft, und nur aus ihr, Aufschluss über einen dahin ein- 
schlagenden Fall geben soll In juristischen Dingen hält er den Arzt 
nicht für urtheilsfähig, und mit Recht, wie wir ihn nicht in medlcini- 
schen Angelegenheiten, und dieselben Lehrbuchs- Verfasser, die wir an- 
gedeutet haben, würden mit demselben Recht ihr Befremden ausdrücken, 
wenn der Richter sich bei einer Verhandlung in einer Discussion über 
Entzündung, Brand u. s. w. erginge. Ich kann daher den Aerzten vor 
Gericht nur dringend rathen, in ihren mündlichen und schriftlichen Be- 
richten oder Gutachten nicht mit dergleichen reditswissenschaftlichen 
Dingen hervorzutreten, um sich der Beschämung zu ersparen, die ihrer 
sicher Seitens des Richters wartet, wenn er ihnen in den höflichsten 
Umschreibungen zuruft: „das verstehst Du nicht und danach habe ich 
Dich nicht gefragt!** Ich kann aus wiederholter eigener Erfahrung ver- 
sichern, dass schon die blosse Auslegung einschlagender Gesetzesstellen, 
die oft vom Gerichtsarzt in seinem Gutachten gar nicht zu umgehen 
ist, wenn er sich klar machen will, z. B. die Interpretation des Be- 
griffs: „Arbeitsunfähigkeit** im §. 192a. des preuss. Strafgesetzbuchs 
u. dgl. von manchen Richtern unliebsam aufgenommen wird; so eifer- 
süchtig sind dieselben oft auf Wahrung ihrer Stellung dem Arzte gegen- 
über. Also: ne sutor! 

§. 16. Handliche Gatachten in den Aadieniteminen. 

Auch nach Erstattung schriftlicher Gutachten werden, seit Einfüh- 
rung des mündlichen und öffentlichen Gerichtsverfahrens, die gericht- 
lichen Aerzte berufen, ihre Ansicht über die Sachlage mündlich vor 
dem Richtercollogio oder dem Schwurgerichte noch einmal auszuspre- 
chen, wie dasselbe auch in allen solchen Fällen geschieht, in denen das 



44 §.16. Mändliche Gutachten in den Audiensterminen. 

Gericht vorher ein schriftliches Gutachten einzuholen nicht für erforder- 
lich erachtet hatte. Die Aufgabe, über einen, zumal etwas verwickel- 
ten Fall sich in öffentlicher Audienz mit Darlegung wissenschaftlicher 
Gründe und Beweise klar und befriedigend zu äussern, ist keine ganz 
leichte, da die meisten Aerzte nicht gewohnt sind, in freier Rede ihre 
Gedanken erschöpfend darzulegen. Im Allgemeinen mögen die im vo- 
rigen Paragraphen in Betreif der schriftlichen Gutachten empfohlenen 
Grundsätze auch für die mündlichen beherzigt werden. Man spreche 
möglichst kurz, möglichst bestimmt und möglichst (für den 
Laien) verständlich, und man wird seine Wirkung auf Richter und 
Geschworne nicht verfehlen. Man hüte sich aber, diese Wirkung auf 
eine andere Weise, als eben durch die Sache selbst, erzielen zu wollen. 
Wenn Aerzte, wie es vorgekommen, sich hinreissen lassen, das Mitleid 
der Geschwornen für die oder den Angeschuldigten in Anspruch zu 
nehmen, oder umgekehrt ihre Strenge gegen die „verruchte That", ge- 
gen das „aller Menschlichkeit Hohn sprechende Verbrechen*' u. s. w. 
anzurufen, wenn sie so ganz wieder ihren Standpunkt als reine Sach- 
verständige verkennen, dann mögen sie sich nicht wundern, was un- 
zweifelhaft geschehen wird, wenn sie auf der Stelle und vor dem ganzen 
versammelten Publikum vom Vorsitzenden des Gerichtshofes in ihre 
Schranken zurückgewiesen werden. 

Ein häufiger Fehler ist die Unklarheit in der Gesammtansicht über 
den Fall, oder wenigstens in der oratorischen Darlegung desselben, wie 
sie sich namentlich im fortw^ährenden Gebrauche von Fremdwörtern and 
technischen Ausdrücken kund giebt. Wie häufig höre ich Aerzte vor 
den Geschwornen und Richtern von „gesteigerter Sensibilität, Refiex- 
bewegungen, Coma, idiopathisch "^ u. s. w. u. s. w. reden, ohne dass es 
ihnen einfällt, dass sie für den Laien ganz unverständliche Worte reden. 
Auch der tüchtige und bessere Arzt wird in solchen Fällen, wo viel- 
leicht drei, vier Aerzte zur Audienz als Sachverständige geladen sind, 
nicht seilen von einem untergeordneten Techniker, einem Wundarzte, 
überflügelt und dessen entgegenstehendes Gutachten vielleicht nur des- 
halb, und mit Unrecht, angenommen, weil es in einfacher, deutscher, 
klarer, kurzer Rede ausgesproch(»n, den Geschwornen fasslich geworden 
war. Wenn ich nicht wiederholen will, was im vorigen Paragraphen 
bereits ausführlich über die Gutachten gesagt ist, so muss ich doch 
endlich noch, in Betreff* der mündlichen Gutachten, auf einen Punkt hin- 
deuten, der hier gleichfalls nicht ausser Acht gelassen bleiben möge. 
Ich meine — die collegialische Rücksicht gegen den oder die anderen, 
in der Sache gleichfalls zugezogenen ärztlichen Sachverständigen. Auch 
*^^egen diesen Punkt wird leider! nicht selten gesündigt. A. kann in 



§.17 Wissentlich falsch ausgestellte Atteste. 45 

der Sache vollständig anderer Meinung sein, als B. und C, und er soll 
diese abweichende Meinung, wie Gewissen und der zu leistende Eid es 
fordern, frank und frei aussprechen und wissenschaftlich motiviren. 
Aber nicht geschehe dies mit hämisch - spöttelnden Worten gegen den 
dissentirenden CoUegen, sei es auch der ältere dem jüngeren, der be- 
rühmtere dem unbekannten gegenüber; nicht ergreife man diese, die 
allerunpassendste Gelegenheit, um einer längst genährten, unfreundlichen 
Gresinnung Luft zu machen. Denn auch hier, wie im ganzen ärztlichen 
Leben, gilt der Satz: dass die Aerzte nur auf Achtung des 
Publikums Anspruch machen können, wenn sie sich selbst 
achten*). 

§. 17. Wissentlich falsch aisgestellte Alteste. 

Gesetzliche Bestimmungen. 

Morddeatseb. 8tr«rg. §. 278.: Aente und andere «pprobirte Medlcinalperionen, welche ein an- 
rirhtigei Zeugnis« nber den Qesundheitaiustand eines llenseben sum Oebraoche bei einer Behörde oder 
▼ersieberongs-Geseliscbeft wider besseres Wissen aussteilen, werden mit Qefingniss von einem Monate 
bis SB swei Jahren bestraft. 

Bbeadas. § 277.: Wer unter der ihm nicht anstehenden Beieichnung als Arat oder als eine andere 
approbirt« üedioinalperson oder nnberecbtigt anter den Namen solcher Personen ein Zeugnisa ober sei- 
nen oder eines Anderen Oe^nndheit^zustand auHstellt, oder ein derartiges echtes Zengniss Terfilscht, und 
davon aar T&oscbnng von Behörden oder Versicherangs • Gesellscharten Oebraoch macht, wird mit Ge- 
Angniss bi« einem Jahre bestraft. 

Baiersches Strafgesetzbuch (1861) Art. 202.: Aertte. Wund&rite oder andere lledicioalperso- 
■es, weich« wissentlich norichtige Zengolsse aber den Geanndheitssastand eines Menschen aasstellen, 
sollen an Geld bis xa 100 Golden bestraft werden. I>t die Handlung verübt wurden, am Jemanden von 
ctaer öffentlichen Pflicht au befreien, so trifft den Aussteller des Zeugnisses, wenn er au« Eigennntx ge- 
handelt hat, Gefangniss von 3 Monaten bis 3 Jahren, womit Geldstrafe bis an 600 Gulden verbunden 
werden Icann, andernfalls Gef&ngnios bis eu 6 Monaten oder Geldstrafe bis ?n 800 Gulden. 

Es ist ein sehr betrübendes Zeugniss für den Maassstab des Ver- 
trauens, welches die Gerichts- und Verwaltungs-Behörden in die durch- 
schnittliche Masse der ärztlichen Atteste setzen, dass die neuen Strafge- 
setzbücher von Norddeutschland und Baiem sich veranlasst gesehen haben, 
einen Paragraphen mit Strafandrohung auf wissentlich falsche Beschei- 
nigungen der Art zur Warnung aufzunehmen. Diese Bestimmungen 
fordern nicht nur die Staatsanwaltschaften auf, in verdächtig erschei- 
nenden Fällen kraft ihres Amtes einzuschreiten, sondern sie geben auch 
den Behörden, Lebensversicherungs-Anstalten, ja Privaten u. s. w. einen 
Halt, um in ihnen geeignet dünkenden Fällen mit einer Denunciation 
gegen den Attestaussteller hervorzutreten. Leider! sind seit dem Erscheinen 
des Preuss. Strafgesetzbuches vom Jahre 1851 bereits eine ganze Reihe der- 
artiger Fälle zur Begutachtung gekommen, wie eine Auswahl derselben 



•) üeber die Revision der Gutachten und den- technischen Instanzenzug s. Band II. 
allg. Tbl. §. 57. 



46 § 17. Wissentlich falsch ausgestellte Atteste. 

im folgenden Paragraphen erweist. Namentlich in grossen Städten, in 
denen es bei der heutigen Verfassung des ärztlichen Standes nirgends 
an unglücklichen ärztlichen Proletariern fehlen dürfte, die im Kampf 
zwischen leiblicher Noth und ihrem Gewissen nicht zu ängstlich wälilen, 
wird es, abgesehen von jener, oben gerügten, überall sich findenden 
falschen Humanität selbst der besseren und besten Medicinalpersonen, 
überall an ähnlichen widerwärtigen und gemeinhin höchst schwierigen 
Aufgaben für die gerichtlichen Aerzte gewiss nicht fehlen. Widerwärtig: 
denn der Gerichtsarzt wird, wenn wirklich ein handgreifliches Vergehen 
bei der Attestausstellung vorliegt, nur die Wahl haben, ob er seinen 
CoUegen einer Unwissenheit zeihen, oder eine demselben wohlbewusst 
gewesene Absicht, die ihn dem Strafgesetz überliefert, annehmen will. 
Schwierig: denn es ist nicht zu verkennen, dass das Untersuchungs- 
object zur Zeit der Attestausstellung ein anderes war, als zu jener spä- 
teren, in welcher der Gerichtsarzt es zu prüfen bekam, was nicht nur 
bei acut, sondern auch selbst bei chronisch Kranken bekanntlich einen 
bedeutenden Unterschied im Urtheil über den Fall machen kann. Noch 
schwieriger wird dasselbe, wenn dem Gerichtsarzt nur Akten vorliegen, 
so dass er sich, beim Mangel einer eigenen selbstständigen ärztlichen 
Untersuchung des betreffenden Menschen, auf die Aussagen des ange- 
schuldigten Arztes, auf die der Laien-Umgebungen des Kranken u. s. w. 
beschränkt sieht. Hierzu kommt, dass wenn nicht etwa ein gar zu 
plumper Fall vorliegt, es dem superarbitrirenden Arzte oft fast unmög- 
lich sein wird, zu beweisen, dass der Angeschuldigte „wider besseres 
Wissen** gehandelt habe; denn wo ist der Maassstab für dieses Wissen? 
Treffen wir freilich hier auf einen Umstand, der die Schärfe des Straf- 
paragraphen für die angeschuldigtön Attestaussteller und ihre Verthei- 
diger erheblich mindert, so tritt hierzu ein anderer Umstand, den mich 
selbst die Erfahrung öfters kennen gelehrt bat, ich meine die verschie- 
dene Ansicht der verschiedenen Gerichtsbehörden über das, was ihnen 
bei der Interpretation der Gesetzesstelle zukommt, die nicht selten eine 
dem Angeschuldigten sehr günstige ist, und wonach ich z. B. sogar 
Freisprechungen dann erlebt habe (16. und 16. Fall), wenn der attesti- 
rende Arzt den angeblichen Kranken zur Zeit seiner Bescheinigung — 
gar nicht einmal gesehen hatte. So dürfte denn wohl im Ganzen und 
Allgemeinen die Wirkung der bezeichneten Strafparagraphen in der 
Praxis ziemlich illusorisch, und höchstens nur als Drohung wirksam 
bleiben. 



Falsche ärztliche Atteste. §. 18. Casoistik. 15. u. 16. Fall. 47 



§. 18. Casiiitik, 

U. Fall. Angebliches rheumatisches Fieber, ob fälschlich attestirt? 

Der praktische Arzt Dr. X. hatte einer sehr übel berüchtigten, vielfach bestraften 
Frau W., die eine Speisewirthschaft hielt, am 12. December ein Attest dahin ausge- 
atellt, .dass sie an einem rheumatischen Fieber und an einer rheumatischen Fuss- 
anschwellung leide und deshalb heute nicht vor Gericht erscheinen könne'. Viele ver- 
dächtige Umstände bewogen den Staatsanwalt, dies Attest für ein „falsches **, wider 
besseres Wissen ausgestelltes zu halten und die Anklage aus §. 278. zu erbeben. 
Beide betheiligte Personen erschienen im Audienztermine auf der Anklagebank. Der 
Dr. X. räumte ein, dass er die W. am elften December in dem bescheinigten Zu- 
stande gesehen, ^ass sie am zwölften dann ihre Magd mit einem Billet und zehn 
Silbergroschen (sie!) zu ihm gesandt und dass er erst nach Schilderung des Dienst- 
mädchens über den heutigen Zustand das Attest gegeben habe. Sein Privatjournal 
wurde während der Verhandlung herbeigeschafft. Es ergab sich indess daraus mehr 
Verdacht Erweckendes, als Thatsächliches, da mit verschiedener Dinte unleserliche Zah- 
len hineingeschrieben waren. Bei Gelegenheit der Verhandlungen, betreffend sein von 
der Mitangeklagten erhaltenes ärztliches Honorar, erklärte er: dass er öfter bei ihr ge- 
gessen und so mit ihr abgerechnet habe (!!). Festgestellt endlich wurde, dass die W. 
am Abend des zwölften Decembers ausgegangen war. Die Gerichtsdeputation in- 
terpreürte den Gesetzesparagraphen so: dass ein „objectiv falsches Attest** vorliegen 
müsse, und ich wurde über meine Meinung befragt. Ich führte aus, dass ich ein ob- 
jectiv falsches Attest überall da annehmen müsse, wo der Arzt dasselbe nicht Ange- 
sichts des Kranken oder wenigstens noch an demselben Tage abgebe. Am folgenden 
Tage, wie es hier der Fall gewesen, könne und werde sehr häufig der Zustand ein 
ganz anderer geworden sein, namentlich könne auch bei schweren Krankheiten am an- 
deren Tage der Tod eingetreten sein, und dann würde der Arzt, im Falle er den Zu- 
stand des vorangegangenen Tages auf den folgenden übertrüge, attestiren: dass der 
Todte heute an der und der Krankheit leide, was gewiss „objectiv falsch'' sei. Der 
Staatsanwalt beantragte hiernach vier Monate Gefängniss für den Arzt und zwei für 
die W. Der Gerichtshof aber forderte vom Staatsanwalt den Beweis: dass die W. am 
zwölften December nicht an der attestirten Krankheit gelitten habe, und da dieser 
Beweis natürlich nicht erbracht werden konnte, so sprach das Gericht beide Ange- 
klagte frei! 

Gewiss ein interessanter Beitrag zur Wirksamkeit des §. 278.1 

16. Fall. Angeblicher Schlagflussanfall, ob fälschlich attestirt? 

Ganz dieselbe Verhandlung, wie die obige, mit ganz demselben Erfolg fand in fol- 
gendem Falle Statt. Ein Homöopath hatte am 26. Januar einem kleinen Bier- und 
~ Branntwein wirth bescheinigt, dass er „bettlägerig krank sei, einen Schlaganfall erlitten 
habe und deshalb heute nicht zum Termine vor Gericht erscheinen könne**. Diesmal 
schleunigst requirirt, konnte ich den „Kranken* sofort untersuchen, den ich noch am 
26sten Abends in seinem Laden umhergehend, eine Pfeife rauchend und vollkommen 
gesund antraf! Nichtsdestoweniger wurde der angeschuldigte Arzt freigesprochen, weil 
das Gericht keine Ueberzeugung von seiner mala fides hatte gewinnen können, obgleich 
auch hier festgestellt worden war, dass derselbe den „Kranken* am 26sten gar nicht, 
sondern zwei Tage vorher gesehen hatte. 



48 Falsche ärztliche Atteste. §. 18. Gasuistik. 17. Fall. 

17. Fall. Ob Tuberculosis pulmonum und Magenleiden unrichtig und 
wider besseres Wissen attestirt? 

Der Fall illustrirt sehr gut das, was oben über die Schwierigkeit derartiger Gut- 
achten gesagt worden ist^ da die Untersuchung der Explorata durch mich etwa drei 
Wochen nach ausgestelltem Attest Seitens des beschuldigten Arztes, das Gutachten selbst 
aber erst nach Monaten erfordert wurde. 

Am 22. Juni hatte der Dr. R. der wegen wiederholter Hehlerei zu zwei Monaten 
Gefangniss und ein Jahr Ehrverlust vcrurtheilten Ehefrau des Prodactenh&ndlers E. 
folgendes Attest ausgestellt: „Frau E., 40 Jahre alt, befindet sich bereits mehrere Mo- 
nate leidend, und seit gestern in meiner ärztlichen Behandlung (Tuberculosis polmonnm 
und Magenleiden). Die Patientin kann deshalb nicht zu einer Haft ohne Lebensgefahr 
gebracht werden, deshalb eine längere Dilation der ersteren nothwendigerweise befür- 
wortet werden mnss.^ 

In Folge einer von mir am 12. Juli c. vorgenommenen amtlichen Exploration der 
E. hatte ich erklärt, dass aus der Verbüssung einer zweimonatlichen Gefängnissstrafe 
eine Gefahr für Gesundheit oder Leben der E. nicht zu befürchten sei, vielmehr nicht 
ohne Grund anzunehmen sei, dass sie geringe, möglicherweise vorhandene Yerdauungs- 
beschwerden und rheumatische AfTectioncn übertreibe, indem bei behaupteten 20jährigem 
Bestehen beider zu erwarten wäre, dass die E., welche massig gut genährt sei nnd nicht 
fiebere, mehr herabgekommen sein würde. Bestärkt wurde ich in meiner Annahme 
durch den Umstand, dass die Frau trotz ihrer angegebenen langjährigen Leiden rieh 
dennoch vor 4 Jahren verheiratbet habe und ihrer eigenen Angabe nach ärztliche Hülfe 
gegen ihre angegebenen Krankheiten früher niemals, sondern erst gerade jetzt, wo rie 
verhaftet werden sollte, nachgesucht habe. 

Was die in dem Atteste des Dr. R. bescheinigte ^Tuberculosis pulmonum", d h. 
Lungenschwindsucht beträfe, so könnte ich mich von dem Vorbandensein dieser Krank- 
heit nicht überzeugen, weil die Explorata nicht allein überhaupt gar keine Angaben 
mache, die auf eine Erkrankung ihrer Lungen schliesseu Hessen, sondern speciell auch' 
keines der sogenannten rationellen Zeichen der Lungentuberculose , als Engbrüstigkeit, 
Hüsteln, Blutspeien etc. nenne, und ich mich wohl gehütet, dergleichen in sie hinoin- 
zuexaminiren, sondern vornehmlich, weil die objective Untersuchung ihrer Brastorgane 
mir gar nichts Abnormes ergeben hätte, so dass es „mir vollkommen unerfindlich wäre, 
auf welche Zeichen hin der attestirende Arzt eine Lungenschwindsucht angenommen 
hätte." 

Auf dieses Gutachten hin wurde die E. verhaftet und hat den Rest ihrer Sti^afceit 
— vom 11. bis 18. Mai hatte sie bereits vor meiner Untersuchung gesessen, war aber 
„wegen bescheinigten Begnadigungsgesuches cutlassen" worden — vom 27. Juli bis 
30. September verbüsst, so zwar, dass sie vom 8. bis 20. September wieder auf freiem 
Fusse war, beurlaubt, „wegen tödtlicher Erkrankung ihres Vaters". 

Die E. hat somit ihre Strafe ohne jede Fährlichkeit verbüsst und die heutige Unter- 
suchung derselben, zu welcher ich Behufs Abgabe vorliegenden Gutachtens veranlasst 
worden bin, ergiebt, dass sich die E. in keiner irgend erheblichen Weise krank befindet. 
Sie gab vielmehr vor dem Untersuchungsrichter an, dass sie weniger über den Ha^en 
zu klagen habe, als bisher. Von Zeichen, welche auf eine Erkrankung der Lungen 
schliessen Hessen, gab sie nichts an. Erst auf mein Befragen, ob sie öfter husten müsse, 
bejahte sie dies, hat jedoch, was ich gleich hier bemerken will, während der ganzen 
Zeit der Untersuchung und obgleich sie dabei wiederholt und angestrengt inspiriren 
musste und mit entblösster Brust eine geraume Zeit vor mir sass, nicht ein einziges 
Mal gehustet Auch gab sie heut und zwar auf Befragen an, dass sie Blut geq>ieen 



Falfldie ärzüiche Atteste. §. 18. Casuistik. 17. Fall. 49 

habe, jedoch erst nach meiner stattgehabten Untersuchung am 12. Juli, und zwar sei 
dies das einzige Kai in ihrem Leben gewesen. Da sie aber femer angab, dies Blut 
habe sie nicht mit Husten entleert, sondern sei es von selbst ihr aus dem Kund ge- 
kommen, so hat diese Angabe zur Entscheidung der Torliegenden Frage gar keinen 
Werth. Im Uebrigen ist sie nun, das ist das Resultat der objectiyen Untersuchung, 
nicht kurzathmig, sie ist nicht heiser, hustet nicht Ihr Brustkorb ist etwas flach, hebt 
sich aber bei tiefer Inspiration auf beiden Seiten gleichmässig , und m&ssig ergiebig. 
Die Gegend unter und über den Schlüsselbeinen ist etwas eingesunken, so dass die 
Schlüsselbeine herrorragen, jedoch ist dies nicht in höherem Grade der Fall, als bei 
40jährigen, eben nicht beleibten Personen man dies wahrzunehmen gewohnt ist. Der 
Percttssionston unter und über beiden Schlüsselbeinen ist weder gedämpft, noch tym- 
panitisch, auch auf beiden Seiten von gleicher Schallhöhe. Dasselbe Resultat ergiebt 
die Percussion der Fossa suprascapularis (der oberen Schulterblattgrube). Das Ath- 
moDgsgeriusch ist in dieser ganzen Gegend vesiculär; rechterseits nahe dem Brustbein 
ist es etwas verschärft und ist das Exspirationsgeräusch rechterseits etwas prolongirt, 
Erscheinungen, welche fSr sich allein einen Schluss auf Erkrankung des Lungengewebes 
nicht begründen können. Unbestimmtes Athmen oder Rasselgeräusche habe ich bei 
meiner Untersuchung nirgends wahrgenommen. Rechterseits resonnirt die Stimme stär- 
ker als links unter dem Schlüsselbein, eine Erscheinung, welche ebenfalls bei sehr yielen 
Personen, welche weder lungenkrank sind, noch es werden, wahrgenommen wird. 

Somit muss ich dabei yerharren, dass bei der E. eine Lungentuberculose zur Zeit 
nicht Yorhanden ist, und dass auch ein Grund zu der Befürchtung, dass sie schwind- 
süchtig werden möchte, zur Zeit nicht vorliegt. 

Dem gegenüber sagt nun der Dr. R. in seiner Rechtfertigungsschrift, dass er eine 
Tuberculosis pulmonum conclamata, d. h. eine mit Consumtion und bectischem Fie- 
ber verbundene Lungentuberculose nicht attestirt habe. Es bleibt aber überhaupt zwei- 
felhaft, was er eigentlich unter dem genannten Krankheitsnamen bezeichnet wissen will, 
da er einmal von einer „beginnenden Tuberculosis", ein andermal von einer «Schwind- 
suchtsanlage*', oder „Brustcatarrh mit verdächtigen Respirations Werkzeugen* spricht, 
Bezeichnungen, welche sich zu einander verhalten, wie eine Möglichkeit und eine reali- 
sirte Möglichkeit, d. h. eine Wirklichkeit. Er giebt au, am 21. Juni die E. tief in die 
Betten gehüllt, schwer athmend, fiebernd, mit erhöhter Hauttemperatur, stöhnend gefun- 
den zu haben. Die Frau sei sehr herabgekommen gewesen; er habe bei der Unter- 
suchung der Brustorgane unbestimmte Respiration mit starkem grossblasigen Schleim- 
rasseln, stellen weis lautes Exspirationsgeräusch und in beiden Lungenspitzen gedämpften 
Percussionston wahrgenommen. Ausserdem sei Explorata in der Herzgrube bei Druck 
empfindlich gewesen, und habe er hieraus auf einen chronischen Brustcatarrh in Folge 
von Phthisis und auf einen bis zur chronischen Magenentzündung gesteigerten intensi- 
Ten Magencalarrh geschlossen. 

Es erscheint für den vorliegenden Zweck unerheblich, die gestellte Diagnose nach 
dem angegebenen Befunde zu bemessen, der viel eher eine acute, als eine chronische 
Erkrankung zeichnet. Nur das Eine will ich bemerken, dass, wenn der Dr. R. zur Be- 
gründung der Eventualität, dass ich mich ihm gegenüber im Irrthume befinden könnte, 
ausspricht: «dass es ebenso in der Wissenschaft, wie in der Praxis feststeht, dass eine 
beginnende Tuberculosis durch objective Zeichen nur ausserordentlich schwierig, oft gar 
Dicht erkannt werden kann, und nur aus der längeren Beobachtung von dergleichen 
Patienten die hohe Wichtigkeit der obwaltenden Krankheitsanlage zu eruiren ist^ — 
(soll wohl heissen: „die obwaltende Krankheitsanlage zu eruiren ist^) — ich hier- 
gegen nichts einzuwenden habe, als dass eben sein Ausspruch auf eine „längere Beob- 
achtung* nicht zurückzuführen ist 

C«sp«r*8 gerichtl. If^d, 5. Aafl. I. 4 



60 



Falsclie ärztlicbe Atteste. }* 18. CasuigtiL IB. FalL 



Es hat mm aber darin der Dr. R. Tollkommen Recht, ^dass mein ihm ttttgt g w t 
fltell«!ults Zeupdu bmsicbtlich der Kmnkbeit der Lungen seine wissenscbaftlicbe tnd 
pracÜBche Uebeneu^iing nicht umstossen könne ^, und ,da$s kein Gesetz exiatiit« val« 
cbe» dem Gericbtsarzt, auch dem bochststehenden, eine ab&olute Snpetiodlit Mintr JUk 
sieht aber die eines anderen approbirten Arztes zuerkennt.* 

Ich bescheide mich auch gern und um so eher, als es zur Zeit meines Gutaehteos 
vom 12. Juli c. nicht darauf ankam^ den Nachweis zu liefern, dass Dr. E. eine faltcli« 
Diagnose gestellt habe, die ihm, wenn er ein Schüler wäre, etwa die Rüge seines Leh- 
rers zuxiehen könnte, sondern darauf, Behufs naftfahigkeit der £. eine amtliche uod 
motivirte Aussage einer privat^rztliehen und unmoüvirten Beseheinigung gegenäb«rzu- 
stallen, und als es auch jetzt sich nicht um den Nachweis bandelt, dass Dr. H. eine 
falsche Diagnose gestellt hat, sondern darum, ob er wider besseres Wissen am 22. Juni 
die Verhaflungaunfahigkeit der E. bescheinigt bat. 

Dieser Nachweis aber wsxe mir zu liefern, wenn erweislich wlre, dass die S- «s 
22. Juni überhaupt gar nicht krank gewesen sei, oder wenigstens, dass die ErscbeiiiQar 
gen, auf welche Dr. E. hin seine eventuell irrthumliche Diagnose vorhandener, begianaii- 
der oder m befilrchtender Lungenschwindsucht gegründet zu haben angiebt, gar nic^ 
babea vorhanden sein können. 

Dieser Nachweis ist aber nicht zu liefern, denn es ist möglich, dass die E. an 
22. Juni ßeberhaft erkrankt geweseu sei, dass sie schwer geathmet, gehustet tiabe, und 
dass rauben Hespirationsgerausch, groäsblasige» Rasseln, stellenweis lautes Exspirations- 
geräuach vorbanden gewesen sind, Eri^chelnungen, welche man bei einem fieberhaften und 
acuten Lungencatarrfa vorfindet, der auch sehr füglich bis zum 12. Juli, wo ich die Bx* 
plorata sah, wieder gebeilt sein konnte. Es bliebe alsdann nur noch die vom Dr. B. 
nihrgeaommenc Dampfung unter beiden SchlHSselbelnea unerklfi^rt, die, weim sie tor- 
banden gewesen wäre und aus Tuberkelabtagerungcn hergeleitet werden sollta, fiicbt 
wieder hätte verschwinden können. Es kann aber, selbst angenommen, dass die Dimp^ifl^g 
am 22. Juut nicht bestanden habe, dem Dr. R. aus der Angabe, dass «ine sdch« f^r* 
handen gewesen, weder eine Fahrlässigkeit, noch eine absichtlich gemachte falsche An* 
gäbe Dachgewiesen werden« weil die durch Percussiou de^ Thorax erhobenen Wahrneh- 
mungen, auf Gebörsscbärfe und Uebung beruhend, subjectiver Natur sind, und in diesar^ 
Beziehung i>ogar Widersprüche unter S ach verstündigen vorkommen können. 

Wenn nun aber, was möglich und nach den von Dr. E. nachtriglich gemacht« 
Angaben wahn^cheinlich , die E. an einem fieberhaften und acuten Lungencatarrh er- 
krankt war, so war sie allerdings zur Zeit verhaftungsunfahig^ weil aus einem Trans* 
port nach dem Gefiqgniss eioe nahe und bedeutende Gefahr für sie durch Vsrschlitt* 
uierung ihres Kranklieittfustandes zu befürchten war. 

Somit muäs ich mich schliesslich dahin erkl&rsn, dass nicht nachz'i weisen» dass dit-l 
von dem Dr. R. ausgestellte Zeugniss unrichtig und wider besseres Wissen abgs» 
atbmk sei. 



la. Fall. Ob f&Uchlich bescheinigte Unzurechnungsfähigkeit im 
Augenblicke des Selbstmordes? 

Der sehr •igenthümlicbe Fall war um so schwieriger, als es sich darum handalts» 
die Gemüthxslimmung eines lleu«icben im Momente, in dem «r durch einen PistolilL«, 
scbuss ^*'iij Leben gi'ondet hatte^ nachträglich bei der Prüfung des darüber spr 
Intlichen Attestes fesunslellen und als von dieser Prüfung und Feststellung die 
risile Existenz der liiutcyrbliebenen wesecnüich abhing. Ausdrücklich war hierbai 
Untersuchungsrichter auf den §, 278. des Strafgesetzbuches (s. S. 46) hingswitssm 



Falsche ftnüidie Atteste. §. 18. Casuistik. 18. Fall. 51 

eine danmf beznglidie Frage uns rorgelegt worden. Ein in Berlin sehr b^axmter 
Mann, der Rath E., hatte sich am 27. Juni 18— mittelst Pistolenschusses während der 
ReTision der Kassen, deren Rendant er gewesen, und welche er um mehr als 15,000 
Tbaler Terkorzt hatte, entleibt Seine Wittwe war von ihm in zwei hiesige Wittwen- 
kaesen eingekauft worden, und bedurfte es, wenigstens bei der einen, um die yolle 
Pension ansgezahlt zu erhalten, im Falle eines Selbstmordes des Ehemanns einer ärzt- 
lichen Bescheinigung darüber, dass der Selbstmord in unzurechnungsfähigem Gemüths- 
znstande Ternbt worden sei. Ein solches Attest hat der (jetzt verstorbene) Dr. L., seit 
30 Jahren Hausarzt der Familie, unter dem 1. Juli ausgestellt. Er fahrt darin aus, 
dass E. seit rielen Jahren an einer ungewöhnlichen Reizbarkeit gelitten habe, fast stets 
sehr ezaltirt gewesen, und er zuletzt auf einen, an Wahnsinn gränzenden, Grad TOn 
üeberspannung gelangt sei, aus welcher allein sich der Tod erklären lasse, wonach Dr. 
L. die Ueberzeugnng ausspricht, „dass der Verstorbene in dem Augenblicke, als er 
sich das Leben nahm, sich in einem unzurechnungsföhigen Zustande befunden habe*. 

„Der Rath E.*, sagten wir im Gutachten, „war ein mit Tielfachen Geschäften, na- 
mentlich mit Eassenyerwaltungen, betrauter, mit Auszeichnungen, wie Titel und Orden, 
begnadigter Mann gewesen, und Niemand hatte bis zum letzten Augenblicke seines Le- 
bens, auf den zurückzukommen sein wird, jemals an der yollkommenen Integrität seiner 
Yerstandeskräfte gezweifelt. Wie klug und gewandt er die grossen Defecte, die er ohne 
Zweifel seit langen Jahren und allmälig yerursacht, zu yerdecken gAmsst hatte, geht 
namentlich aus der Deposition des Eassenreyisors , Geh. Rath N., henror, und spricht 
auch dies Benehmen nicht für geistige Störung. Dass E. auf eine endliche Entdeckung 
seiner Betrügereien gefasst, und, wie so viele ähnliche Subjecte, für den gefurchteten 
Moment sein Leben freiwillig zu enden beschlossen haben mochte, scheint aus dem Um- 
stände hervorzugehen, dass er ein Paar Terzerole, die er seit 1848 besass, vier Wochen 
vor seinem Tode hatte repariren lassen. Durch eine Veränderung im Personal der Re- 
visoren rnckte der gefurchtete Moment heran. E. versuchte vergeblich die ihm ange- 
kündigte Revision hinauszuschieben, die zur angesetzten Stunde «begonnen ward. In 
diesem Augenblicke fand ihn Geh. Rath N. an seinem Tische arbeitend, eine Gigarre 
rauchend, und anscheinend in derselben Stimmung, in der er ihn immer gesehen hatte, 
und die Vorbereitungen zur Kassenrevision waren formell getroffen. Der zweite Revi- 
sor, Geh. Rath J., fand ihn noch während der Revision ruhig und heiter, wie er ihn 
stets gekannt Sehr schlau hatte er eine Summe zu produciren gewusst, die nicht ord- 
nungsmässig vorhanden war, und auf den Vorhalt, die noch fehlende Summe, die er 
angeblich in einem anderen Zimmer deponirt haben wollte, herbeizuschaffen, hatte er 
„„zu befehlen** geantwortet, und war hierauf hinausgegangen, um — nie wieder zu 
kommen. Man fand den entseelten Leichnam mit einer todtlichen Schusswunde in einem 
der Nebenzimmer. Geh. Rath J. ist der üeberzeugung, dass E. selbst im Augenblicke 
der Entleibung noch mit „„voller üeberlegung** gehandelt habe, da er vordem Selbst- 
morde seine Kleider ab- und mit einer gewissen Ordnung auf den Tisch gelegt hatte. 
Ganz ähnlich versichert der Geh. Rath T., betreffend die letzten Stunden aus dem Le- 
ben des E., dass er mit demselben am Abend vor dem Selbstmorde im Gemeinderath 
znsammengewesen, und dass E. hier im ungestörten Gebrauche seiner Geistesfähigkeiten 
gewesen sei. Endlich verdient Beachtung das Zeugniss eines Bekannten des E. seit 
30 Jahren, welcher in Letzterem wohl einen eitlen, ehrsüchtigen, sehr heftigen Mann 
gekannt hat, aber an die Möglichkeit einer Gemüthsstorung bei ihm nicht glauben kann. 
Selbst die eigene Frau und Tochter des Verstorbenen, die wohl von seinem leidenschaft- 
lichen, exaltirten Temperamente sprechen, gehen nicht so weit, in den gerichtlichen 
Verhören eine Gemüthsstorung im Augenblicke der That anzimehmen. Hiemach Hegt 
weder in den Thatsachen der Akten, noch in der psychologischen Gombination der 



Falfldie ärztliche Atteste. §. 18. Casubtik. 18. Fall. 



Ritzen Sachlage der genagste Grund vor, um eine GemnÜi&stoning und einen, dureh 
sie bedingten uniurechnungs^igen Geisteszuiitaiid beim Seibätmord des £. als vorhin* 
den und als Motiv anznuebmen. Alles, was der Dr. L. nber Temf^erament und Cha- 
rakter des VerBtorbenon, über dessen Reizbarkeit und Nerven Stimmung anfährt, und 
dessen thnUäcbliche Richtigkeit um so weniger bestritten werden kann, als dteaelbe 
auch von anderen Zengen und Bekannten bestätigt iät, berechtigt noch keinesweg», 
daraus allein auf eine momentane, ^„an Wahnsinn graulende '"'" Aufregung zu schLiei' 
sen. Es kann eine solche Richtung des ^jerveusystems zu Gemiäthskrankheiten führen, 
wie z. B^ eine scrophulOse Körperbeschaffenheit zur Lungenscb windsacht führen kann. 
So unlogisch es aber wäre, zu deducireui dass Jemand eine Lungenschwindsticht habe, 
weil es notorisch, dass er von je an scrophulos gewesen, so wenig darf vom Arzt aas 
der blossen Disposition, wie sie ein reizbarer Charakter liefert, auf factisch geword« 
Gemülhsstimmung geschlossen werden > deren Annahme vielmehr aus allen Umst&Q 
der concreten That begründet werden muss. Letztere waren aber im vorliegenden Fa 
so schlagend, die Motive zum Selbstmorde, Furcht vor Entebmng und Strafe aus sünd- 
haftem Bewusstsein , so klar vorliegend . jede Spur einer wirklichen Disposition zu gei- 
stiger Störung im früheren Leben so vollständig mangelnd, das Benehmen des £• hia 
sum Augenblicke seiner That so consequent und verständige dass die Annahme seisw 
vollstiindigeu Zurechnungs^igkeit keines Beweises bedarf. — Wenn ich oben van 
einem unlogiscbea Schlüsse sprach, so muss ich bei einem approbiiten Arzte annehmeOt 
dass er sich eines sokben nicbt schuldig machen könne. Aber es ist auch vorausm« 
setzen, dass ein Arzt, der dreissig Jahre Hausarzt einer Familie ist, die Verhältuii«e 
derselben genau kennen zu lernen Gelegenheit gehabt bat. Namentlich ist nicht mm* 
nehmen, dass dem Dr. L. die Umstände, die den Tod des £. herbeiführten, und die in 
ganz Berlin schon am folgenden Morgen notoHsch waren, vor Ausstellung seines At- 
testes, d. h. fünf Tage lang, unbekannt geblieben sein können. Er räumt vielmehr 
selbst das Gegentheil in der Vemebmong am 26. v. M. ein. Aber in derselben Var- 
nehmung bekennt er auch, dass er durch den Geh, Rath S. von der .^mi&slichen Lsg«»** 
der Familie des £. und von dem Zwecke, der durch sein Attest erreicht werden soUtiv 
in Kenntniss gesetzt worden sei, und wenn auch bei dem notorisch red}ichen Charakter 
des Dr, L. hierbei nicht anzunehmen, dass er leichtslanig, um einen Betrug zu untttr- 
stützen, sich zu der Ausstellung dieses Attestes hergegeben habe, so bedauere ich doch, 
in einem amtseidlichen üutacbten der Annahme nicht ausweichen zu können, daia er 
wahrscheinlich aus übel verstand euer Menschenliebe und Anhänglichkeit an eine, ihm 
so lange Zeit her befreundete, unverschuldet in's Unglück (nm^n den Bettelstab^*, sagt 
die Wittwe) geratljene Familie wider besseres Wissen die Unzurechnungwfabigkeit be- 
scheinigt habe. Eitiem strengen und wissenschaftlichen Beweise entzieht sich diese 
Annahme allerdiogs, wie denn der Dr, L. bei seiner Auslassung im Verhör von vorn- 
herein durch seine Betheuerung des Gegenlheils, einen solchen Beweis abschAeideL 
Wenn derselbe aber den Satz aufstellt: ,^ dass der Augenblick des beginnenden WaIui- 
sjnns plötelichi gleich einem SchJaganfaile eintrete, wenn das Qemüth durch unerwari«te 
Freude oder Schreck aubser Fassung gerath*"^, und diesen Satz auf den vorliegen- 
den Fall anwendet, so kann ihm wohl nicht entgehen, dass mit einer solchen, der von 
ihm allegirten medicinischen Erfahrung keineswegs im Allgemeinen entsprechenden An* 
sieht, jeder Selbstmord nicbt nur, sondern auch viele Verbrechen gegen Personen als 
durch plötzlichen VVahosinn bedingt, angesehen werden müssten, was der Dr. L. nicht 
wird zugeben wollen. Hiemach beantworte ich die mir vorgelegte Frage ihrem Wort- 
laut nach dahin : dass der Dr. L. aus medicinischen Gründen sich nicht veranlaast sebtn 
konnte, über den Gemüthszustand des Raths E. das Attest vom 1. Juli |)r. ^> u, 

und namentlich lu der ScUlus^folgerung ivt gelangen» dass der K. sich im A ^^ 



Sikche unstlkbe Atteste. §. 18. CaBuistlk. 19. Fall. 



53 



p^d«f Selljstetitletbttngr in ©inetn uuRurechnnngisfahigen ZastAnde befunden habe, und daas 
^(f. 278. Stmfg««.) mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen sei, dass der Dr. L. das 
^ fjTi. Attest wider besseres Wissen ausgestellt habe.** 

E« war nicht möglich, in diesem merkwürdif^en Falle milder zu urtheilen. Die 
^•6ta*teanwalt8cbaft verfuhr nicht weniger milde, denn sie nahm .eine seltene ünwisaen- 
' hmt**' dm Dr. L,, nicht .eine wisaenüiche Fälschung'* an, und liess die Sache auf «ich 



Id. Fan« Ein angeblich falsches Lebens*Vorsicberungs-Attesi 

Aus der Reihe der bezüglichen mir vorgekommenen Falle glaube ich noch den 
Dachfliehenden (und den folgenden) hier aufnehmen zu müssen, da der §. 278. des 
Strt^eietzes ausdrücklich der,Versicherußgs-Gesell8chaffen*erw&hnt. da Anschuldigungen 
Seitens der Lebens -Versicberun^s- Gesellschaften wegen angeblich falsch ausgestellter 
irxtlicber Atteste gar nicht selten vorkommen, und da der Fall wieder schwierig genug 
tu begutachten war, — In dem für den fünf Monate später verstorbenen Wundarzt S., 
Behufs dessen Aufnahme in die Lebens- Versicherungs-Gesellschaft M. zu G- ausgestell- 
ten Atteste des Dr. R, vom 25. August 1851 hatte dieser Arzt de« Explorateu für ge- 
sund» und die VerÄichemng für eine «gute** erklärt, dabei aber ausgesprochen, daas S. 
an eiuer ^augenblicklichen Heiserkeit von cat&rrha lischer Natur leide, dass die Stimme 
etwas belegt, dass gegenwärtig ein geringer catarrhalischer Ua*»ten mit wenigem Aus- 
irurf vorhanden sei*. Ausdrücklich aber ist auch im qu. Atteste gesagt: „Brust und 
ia sind gesund, die Gesichtsfarbe ist gesund, die Functionen der Respiration sind 
ormal, der Blut um lauf ist regelmässig". — Am 2i}, Januar 1852 verstarb der Vcr- 
cherte und zwar nach den Attesten der Dodoren R. nnd ß. de cod. an einer ,bedeu- 
fnden Entzündung der Lungen** und hinzugetretenem Schlagflüss, welche Krankheit 
enatus sich ,in vergangener Woche" durch eine Reise Im Htürmiscber Witterung zu- 
xogen haben sollte. Es traten in Folge der Erkältung ««sehr heftige pneumonische 
1© mit bedeutender Athemuoth und Delirien auf*, imd die AuNcultation und Per- 
ion ergab »eine bedeutende Entzündung der I.ungen'*. Nach dem Tode des S. ver- 
lDreit«te sich das Gerücht, dass derselbe an einer Kehlkopfsach windsucht verstorben, an 
I "wi'elcher er bereits Jahre lang gelitten, und die genannte Oetellschaft glaubte sich be- 
ll wccbligt, aus J, 278. des Strafgesetzbuches einen Antrag auf Untersuchung gegen den 
X>r R. wegen wissentlicher Ausstellung eines falschen Attestes stellen zu dürfen, und 
die Auszahlung der versicherten Summe zu vc^rweigern. — .Mit Rücksiebt auf die mir 
vorgelegten Fragen'*, hiess es weiter in meinem Gutachten, ninuss ich zunächst unter- 
I i&ucben: an welcher Knmkheit der S. verstorben ist? Hier aber ist es zu tmdauern, 
1 #i»S8 die Akten kein Wort über die Leiche nolTmmg des Üenatus enthalten, welche höchst 
^K'^ahrscheinlicb gar nicht angestellt worden, und welcher Mangel ein utitrügliches Urtbeil 
^Kjetzt begreiflich gar nicht mehr gestattet Da^ Attest der genannten Aerzte ist weit 
^B«nlfernt, diesen Mangel zu ergänzen, denn sie sprechen freilich von den Ergebnissen 
^B fier physicaiischen Untersuchung der Brust, ohne aber diese Ergebnisse selbst zu schil- 
«iiTO» so daas man lediglich auf ihr Urtbeil, da$s Denatus eine Lungenentzündung 
hatte» hingewiesen bleibt. Nicht einmal über den Stand des Fiebers, wie darüber, ob 
der Kranke Schmerzen, und wo gehabt habe^ ob oder welcher Auswurf beobachtet wor- 
deOi üb jode Lage im Bette gleich erträglich gewesen, ob das Schlucken erschwert ge- 
wesen, ob Schwämmchen auf der Zunge oder im Rachen vorhanden waren, ob die Haut 
trocken oder feucht geweSAQ n. s. w, — giebt das Attest die geringste Ausltunft. Hier- 
naeb tst man lediglich und bin auch ich auf den Ausspruch der Doctoren R. und B. 
;ewieaen und beschränkt, und muss ich« die tbatsacbliche Richtigkeit des Vorhanden- 



54 PiJsche ärztliche Atteste. §. 18. Casoistik. 19. Fall. 

gewesenseins »»sehr heftiger pneamonischer Znf&Ue''* Toraosgesetzt, aiiDAhioen, dassS. 
an einer Lungenentzündung verstorben, und fehlt mir jede Unterlage zu einem Beweise 
dafür, dass derselbe an Kehlkopfsschwindsucht gestorben sei.*' 

„Bemerken muss ich hierbei, dass eine „„Reise über Land bei stormischer Witte- 
rung'' ** im Januar und die dadurch veranlasste „, Erkaltung''* allerdings erfahnuigsge- 
mäss eine sehr geeignete Veranlassung zur Entstehung einer Lungenentzündung werden 
konnten, und dass eine heftige Lungenentzündung andererseits sehr häufig in 6 bis 8 
Stunden zum Tode führt, so dass auch angebliche Entstehung und Verlauf der qu. 
Krankheit bei dem Denatus für die Richtigkeit der vom Dr. R. gestellten Diagnose 
sprechen würden. In erhöhtem Maasse würde beides Letztgesagte eintreten bei einem 
Menschen, der seit Jahren an einer chronischen Entzündung und Verschwanmg der 
Luftrohrenschleimhaut (Kehlkopfsschwindsucht) gelitten hatte. Dies soll nun, nach Aus- 
sage mehrerer Zeugen, der Fall des S. gewesen sein. Was die Akten hierüber bekun- 
den, reducirt sich auf Folgendes. Die zahlreich vernommenen nichtärztlichen Zeugen 
wissen theils gar Nichts über den früheren Gesundheitszustand des S. zu bekunden, 
theils sprechen ihre Depositionen eher gegen die Annahme einer langjährigen Krank- 
heit der genannten Art, wenn sie bezeugen, dass S. in Wind und Wetter über Land 
gefahren sei und seine Patienten besucht habe, und dass sie ihn noch wenige Tage vor 
seinem Tode seinen Geschäften nachgehend gesehen hätten. Zwar sieht man Schwind- 
süchtige nicht ganz selten thätig bis kurze Zeit vor ihrem Tode, indess ist erfahrungs- 
gemäss anzunehmen, dass gerade bei einem so anstrengenden Berufe, wie der des Ver- 
storbenen, eine vorhandene Schwindsucht im langen Zeiträume von fonf Jahren, denn 
so lange hinaus erstrecken sich die Wahrnehmungen der Zeugen, raschere Fortschritte 
gemacht haben würde, als es thatsäch hier der Fall gewesen." 

„Erheblicher sind die ärztlichen Zeugenaussagen. Der Kreisphysikus Dr. S. in 
S. hat nur „„wiederholentlich vor Jahr und Tag gehört"", dass S. an der „aHsls- 
schwindsucht"" leide, er hatte denselben aber 7 bis 8 Jahre vor dessen Tode nicht 
mehr gesehen, folglich am wenigsten untersucht oder behandelt, und ist diese Zeugen- 
aussage demnach als eine wirklich ärztliche nicht zu erachten. Dagegen beschreibt 
der Kreischirurgus R., welcher namentlich dem Dr. S. jene Mittheilungen gemacht hatte, 
den Bau des S. genau so, wie er bei Schwindsüchtigen vorzukommen pflegt. „,Der 
ganze Bau"", sagt er, „„die äussere Organisation des S. deutete bestimmt darauf hin, 
dass derselbe Anlage zur Schwindsucht gehabt Er war hager, schlank gebaut, hatte 
einen langen Hals, hervorstehenden Kehlkopf, flache Brust und flügeiförmige Schultern, 
die nach Aussen standen. Auch habe ich um dieselbe Zeit von seiner Aufwärterin ge- 
hört, dass er einen starken Auswurf gehabt; dies war im Sommer 1851"" (also zur 
Zeit der Ausstellung des fraglichen Attestes); „„S. soll sehr stark gegessen haben, 
zehrte aber dabei immer mehr ab. Aus diesen Umständen und körperlichen Verhält- 
nissen habe ich geschlossen, dass S. an der Abzehrung gelitten und demgemäss meine 
Mittheilung gemacht"" Zur Würdigung dieser Deposition habe ich — abgesehen von 
dem Umstände, dass dieselbe verdächtigt worden, da R. angeblich in Feindschaft mit 
dem Attestaussteller Dr. R. leben soll — nur anzuführen, dass das einzige Thatsäch- 
liche darin angeführte, betreffend den sogenannten phthisischen Habitus des S., jeden- 
falls nur beweisen würde, dass derselbe eine Anlage zur (Kehlkopfs-) Schwindsucht 
gehabt, woraus selbstverständlich nicht folgt, dass dieselbe sich zur tödtlichen Krank- 
heit habe ausbilden müssen oder ausgebildet habe, da er mit dieser, wie ohne diese 
Anlage (s- oben), an einer Lungenentzündung früher sterben konnte; was aber femer 
der Wundarzt R. von der Aufwärt erin des Denatus gehört, ist kein Object gerichts- 
ärztlicher Würdigung. — Derselbe hat aber femer deponirt, dass er selbst bemerkt 
habe, dass S. an einer „„chronischen Heiserkeit"" litt Diese Aussage ist um so 



Falaehe iRtliche Atteste. §. 18. Casuistik. 20. FalL 55 

f, all eine solche Heiserkeit ein fast constantes Symptom der Hals- oder Kehl- 
kspinekwindsiidit ist, und als auch der Dr. B. diese chronische Heiserkeit bestätigt 
DiiMr Aizt aber fogt hinzu, dass er dieselbe in fünf Jahren sich nicht habe steigern 
üba, to dan er dieselbe nicht für ein Zeichen der Halsschwindsucht, sondern für 
ÖM „TJhnnmg der Stinunnerven''' gehalten habe. In Betracht nun, dass dergleichen 
isriose Heiserkeiten allerdings yorkommen, dass indess eine wahrnehmbare chronische 
HmriLeit bei Sehwindsnohtigen schon in der Regel ein sehr vorgerücktes Stadium 
der KnnUidt bexeicfanet, dass aber S. bis kurz vor seinem Tode seinen anstrengenden 
Bt iyfig e rJ iÜten nachging, ohne dass die Heiserkeit zugenommen, muss auch ich mich 
dddn eiUiren, dass es wahrscheinlicher als das Gegentheil ist, dass diese Heiserkeit 
vAX ein Symptom einer schon vorhandenen (ausgebildeten) Schwindsucht bei dem S. 
gfweün sei* Hiemach gab ich das Gutachten mit Bezug auf die mir vorgelegten 
Ihfoi dahin ab: a) „dass die von den Zeugen bekundeten, an dem Wundarzt S. wahr- 
pummeDOk Krankheitssymptome auf eine vorhanden gewesene Hals- oder Eehlkopfs- 
Kbrmdsaeht des am 26. Januar 1852 gestorbenen S. auch nicht mit einiger Sicherheit 
lAliessai lassen; b) dass gar kein Beweis dafür vorliegt, dass S. überhaupt an einer 
Halft- oder Kehlkop&schvrindsncht verstorben sei,* womit die Frage von der wissentlich 
UidMii Anflstellimg des Attestes von selbst fiel. 

SQ. Fan. Betrug gegen eine Lebens-Versicherungs-Anstalt. 

Frau R. war zn dem Dr. X., Arzt einer auswärtigen Lebens- Yersicherungs-Gesell- 
■ckft, gegai^n, um ein Attest von ihm Behufs Aufnahme in diese Gesellschaft zu ex- 
Mdrtn. Sie wnsste sehr wohl, dass sie nicht gesund sei, hatte sich deshalb ge- 
Mbdnkt (!) nnd den Arzt unter allerhand verschämten Redensarten dringend gebeten, 
iidi nicht anfschnnren zu dürfen, wie es der Untersuchung wegen verlangt wurde. Der 
Ant gab nichtsdestoweniger das Attest, worin, wie in allen ähnlichen, bekanntlich na- 
mentlicb auch eine Bescheinigung der Gesundheit der Brustorgane ausgesprochen sein 
BQsste und wurde! Wenige Monate später — wurde, auf Antrag jener Gesellschaft, 
^ Voruntersuchung gegen die R. wegen Betruges eingeleitet, und ich hatte ihren 
jetzigen Gesundheitszustand — aber nur wegen der Frage ihrer Verhaftungsföhig- 
kait — festzustellen. Ich fand die Kranke im allerletzten Stadium einer Luugentuber- 
ciüoae mit heftigem Zehrfieber u. s. w., und konnte sicher ihren baldigen Tod verkün- 
<Ien. Gewiss war sonach die Person wenige Monate früher nicht „gesund*' imd auf- 
aahmefthig in eine Lebens- Yersicherungs-Gesellschaft gewesen. Aber ich hatte diesmal 
^ Frage nicht zu entscheiden, ob das ärztliche Attest ein „wissentlich falsches'' oder 
Bv ein — unverzeihlich leichtsinnig ausgestelltes gewesen war! 



Specieller Theil. 



Erster Abschnitt. 



Streitige geschlechtliche Ver- 
hältnissct 



Erstes Kapitel 

Streitige Fortpflanzungsfähigkeit 



Gesetzliche Bestimmangen. 

Prcais. Allg. Landrecht {. S7. Tit. 1. Tbl. IL: Mjuinipersonen sollen vor inrfiekgelegtem 18l«n 
w»4 PcrioB«n wtiblleli«n Gesehleehts vor lorfiekgelegtem 14ten Jahre nlebt helrathtn. 

Pranas. CiTllgasatsbqeb {. 144.: liaaaapersonen können nieht hefrathen, ehe ale daa 181«, 
Fr auaatper tonen nicht, ehe aie daa l&te Jahr iiiruekgelegt haben. 

Praaaa. Allg. Landreeht §. «69. Tit. S. Tbl. IL: Aocb Jüngeren (ala SOJihrigen) Personen kann 
•a. aber aar unter basooderer landeaherrliebar KrUnbnIas, gestettet werden (Kinder m adoptlren), wenn 
>ac^ Ihrem kSrperllehen oder Oesnndheltesnstande die Braeagnng natürlicher Kinder von ihnen nieht so 
^« ■nti ia» Ist. 

Xbds. §. 695.: Bin Bhagattt , weleber dnreh tela Betragan bei oder nach der Baiwohnnng dla Xr- 
raichaag des geaeUmiasigen Zwecks derselben Tors&tilich hindert, glebt dem andern snr Seheldang recht- 
»iesig Aalaaa. 

Xbda. f. 696.: Bin anch wihrend dar Bha erst enUtandenai giniliohes nnd nnheUbaras ünTarm6g«D 
aar I^alstang dar ehelichen Pflicht begründet ebenfalls Scheidung. 

Bbds. ^ 697.: Bin glalahea gilt Ton nnheilbaren kSrperUehen Gebrechen, welche Bkel and Abaehau 
anagan, oder die Brfnllang dar Zwecke des Bheataadea g&nslleh hindarn. 

Preass. CiTilgesetsbnah {. 318.: Der Mann (in der Ehe) kann nieht unter Anfnhrnng leinaa 
natirUcbaa UaTarmSgens daa (in der Bhe geborene) Kind rerllagnen n. s. w. 

Bordd. Strafgesetsb. §. 224.: Hat die KörperTerleUung sur Folge, dass der VerleUte ein wich- 
tiges Glied des Körpers, daa SehTormSgen auf einem oder beiden Augen, da$ Gehör, die Sprache oder 
die Zeagaagsflhigkait Tarllert, oder in erheblicher Weise dauernd enUtellt wird, oder in Siechtham, 
Libasang oder Qeistaakrankhait TarfUlt , so ist anf Zuchthaus bis sn fünf Jahren oder Geläagniaa nicht 
natar einem Jahre su erkennen. 

Oestarreiah. b&rgerL Gesatsb. {. 60.. Das immarwihrende UnTcrmÖgen, die eheliche Pflicht 
ta lelstaa, iat ein Bbehiadamlss, wann es schon snr Zeit des geschlossenen EbeTcrtrages Torhandan war. 
Xia bloss seitliches, oder ein w&hrend der Bhe sugestossenas , selbst unheilbares ünTcrmögen kann daa 
laad dar Bha nlaht annSsan. 

Bbds. §. 101.: Liaat alch mit ZuTarlftsaigkait nicht basümmen, ob daa UnTarmÖgao ein immarw&h- 
'«•das oder bloss aaitliehaa sei, lo sind die Ehegatten noch durch Ein Jahr susammen sn wohnen rar- 
^••^ nU hat das UavemöfaB die Zeit hindnreh angehalten, so üt die Eha Ar uagflhig sn erkl&raa. 



60 §• 1- BeiscblafsonfUiigkeH. 

§. 1. IckeUafsrafihigkeii. 

Die Möglichkeit, den Copnlationsakt natnrgemäss zn voILaeheiL, 
wird streitig und Gegenstand richterlicher und gerichtsärztlicher Prüfdng, 
sowohl und namentlich in civilrechtlicher, wie in strafrechtlicher Bezie- 
hung. In ersterer vorzugsweise in Ehescheidungsklagen, da die oben 
angeführten (neuerlichst so scharf angefochtenen) Bestimmungen unBores 
Gesetzbuches eine bequeme und oft benutzte Handhabe bieten, um we- 
nigstens den Versuch zu machen, eine widerwärtig gewordene Ehe ge- 
löst zu sehen, was beide Theile, vorzugsweise aber der weibliche, thun. 
Aber auch jene andere obige Bestimmung unseres Landrechtes, welche 
das Erbrecht berührt, und unter gewissen Verbältnissen Wahrscheinlich- 
keit darüber fordert, dass aus einer Ehe Kinder nicht mehr zu erwar- 
ten (§. 669. Tit. 2. Thl. II.), zu welchem Zweck natürlich ein amts- 
ärztliches Gutachten erfordert werden muss, bringt uns alljährlich meh» 
rere Fälle zur Untersuchung. Seltener kommt die Frage von der 
Fortpflanzungsfähigkeit strafrechtlich vor; es ist dies aber zuweilen der 
Fall bei Anschuldigungen auf'Nothzucht und Blutschande, welche die 
Inculpaten mit der Behauptung ihrer Impotenz abzuwehren versnchoi 
(34. Fall), und noch seltener in den Fällen des §. 224. des Strafge- 
setzbuches, wenn ein Verletzter vorgiebt, dass ihm durch die erlittene 
Verletzxmg die Zeugungsfähigkeit geraubt sei. Fast gar nicht dagegßa 
kommt die andere hierhergehörige Frage, zu welcher der Wortlaut der 
Gesetzbestimmung Veranlassung geben kann, in der Praxis vor. Die 
obigen Paragraphen des Preussischen und Oesterreichischen Landrechts 
sprechen von der „Leistung der ehelichen Pflicht^ im Allgemeinen, ohne 
— das Maass derselben zu bestimmen! Glücklicherweise sind mir 
wenigstens unter so zahlreichen Fällen kaum drei oder vier vorgekom- 
men, wo gemeine Weiber eine Ehescheidung auf Grund der Behauptung 
nachsuchten, dass ihre Ehemänner „unvermögend'^ seien, die „eheliche 
Pflicht" in dem Maasse, wie sie es verstanden, zu erfüllen, oder wo 
Männer aus §. 695. (s. oben) die Trennung von der Ehefrau verlang- 
ten, diese aber die Klage mit der Behauptung abwehrte, dass der Mann 
die „eheliche Pflicht" in einem solchen Maasse von ihnen verlange, 
dass sie solchem Begehren nicht gerecht werden könnte. Das Gesetz 
entscheidet hier so wenig, als die Wissenschaft entscheiden kann. Die 
berüchtigte Königin von Arragonien, welche gesetzlich die Zahl der ehe- 
lichen Beiwohnungen auf sechs täglich festsetzte, würde sich (im Nor- 
den) weder mit dem Gesetz, noch überall mit der Wissenschaft im Ein- 
klang befinden. Die schmutzige Frage kommt aber nur dann zor 
Cognition des Gerichtsarztes, wenn angeblich die Gesundheit des ehien 
Gatten durch das Uebermaass bedroht sein, oder gelitten haben soll, 



§. 2. BeischlafBunftlugkeit 1) Beim Manne. 61 

and die ärztliche Entscheidung ist hier nicht schwer und nach allge- 
mein ärztlichen Grundsätzen mit fierücksichtigung der vorliegenden In- 
dividualität zu geben. Derartige Fälle beweisen schon, was die Erfah- 
rung in allen übrigen hierhergehörigen unzweifelhaft lehrt, imd was der 
ungeübtere Gerichtsarzt sich zur Warnung und Belehrung dienen lassen 
möge, dass in keinem Gebiete der gerichtsärztlichen Thätigkeit dem 
Practiker so unglaubliche Lügen, so freche Behauptungen 
vorgetragen werden, um ein günstiges Gutachten zu erzielen, als in 
diesem. Sehr natürlich, da vom Ausbll desselben in SchwäDgeruDgs-, 
in Vaterschafts-, in Ehescheidungsklagen u. s. w. oft die ganze künftige 
Lebensstellung des Lidividuums abhängig ist, und weil auch dem un- 
kimdigsten Liüen ein Bewusstsein darüber einwohnt, dass in einer An- 
gdegenheit, welche Zeugen niemals zulässt, kein Dritter, selbst kein 
Arzt, recht entscheidend für oder gegen ihn werde auftre>ten können. 
Ich könnte Bogen füllen, wenn es irgend einen Nutzen hätte, wollte ich 
die derartigen Frechheiten und absurden mir vorgekommenen Angaben 
mittheilen. Hier war es eine frühere an den Genitalien überstandene 
Operation, die den vorgeblichen, unehelichen Schwängerer längst bei- 
sehlafsoniähig gemacht hatte, und die angeblich noch sichtbare Schnitt- 
narbe war — die Raphe des Scrotums! Dort hatte sich ein ünver- 
MMmter die Haare vom Schaamberg abrasiren lassen, und wagte es, 
sich als missbildet und impotent vorzustellen! Nur um der Tendenz 
dieses Werkes zu entsprechen, jede aufgestellte Behauptung durch Er- 
Uinmgsthatsachen zu unterstützen, werde ich unten in der Casuistik 
einige Fälle solcher ganz unbegründeten Behauptungen mittheilcD. 

§. 2. Nrlsetimg. Prufoiig in beiden ClescUffhteru. I) Beim Ranne. 

Gänzlicher Mangel des Penis, sei er, wie in höchst seltenen Fällen, 
angeboren*), oder, wie fast gleich selten, durch Amputation bedingt, 
kann nicht zu Streitfragen Veranlassung geben, indess wollen wir einen 
Fall von Gut herz**) nicht unerwähnt lassen, nach welchem ein 53jäh- 
riger Mann, bei welchem der Penis in Folge eines Typhus bis auf einen 
y Zoll langen Stumpf gangränös zu Grunde gegangen war, den Bei- 
schlaf mit seiner Frau in befriedigender Weise auszuüben vermochte. 

Desto schwieriger aber ist die Frage: wie ist die zur Begattung 
Qoihwendige Erectionsfähigkeit des Gliedes zu prüfen und festzu- 
stellen? Diese Frage hat schon früh die Gesetzgeber und Aerzte be- 
»ehäftigt und in Frankreich zu einem gesetzlichen Verfahren Anlass ge- 



•; Ein Fall Yon Gösch 1er in der Prager Vierteljahrsscbr. 1859. 111. S. 89. 
••) Bayer. intÜ. Intell.-Bl. 48. 1863. 



§. 2. BeiscfakfsimfiMgkeit. 1) Beim Manne. 

geben, das bis gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts bestand, nn3 
dessen wir erwähnen, weil es die Wichtigkeit, wie die Schwierigkeit 
der Frage beweist; wir meinen die Ebestandsprobe, Congr^s^ wel- 
cher klagende Gatten sich nnterziehen mussten. Nachdem beide Tlieile 
darauf vereidet worden, dass sie das eheliche Werk bona fide verrich- 
ten wollten, und ebenso auch die Sachverständigen vereidigt worden^ 
wurden die Ehegatten körperlieh, nicht selten ganz nackt, untersucht 
Hierauf wurden Beide in ein Bett gebracht, in welchem sie eine bis 
zwei Stunden blieben, und nun die Sachverständigen gerufen, die Frau 
abemoals Ertlich untersucht, auch namentlich untersucht, an facta sit 
emissio, ubi, quid et qnale emissum, worüber dann berichtet ward!! 
lGo3 heirathete ein Marquis v. Langey ein vierzelmj ähriges Mädchen, 
uod lebte mit ihr vier Jahre in der Ehe. 1657 erhob die Gattin Klage 
auf Unvermögen ihres Mannes, der ^Congress" entschied gegen ihn, 
und die Ehe wurde für nichtig erklärt. Der „erwiesene** (!) Unfähige 
heirathete ii! zweiter Ehe Diana von Montault und zeugte mit ihr 
stieben Kinder, und endlich wurde dieser scheusaliche „Congress* abge- 
schafft*). — 

Nicht weniger empörend aber, und was die Hauptsache, nicht 
weniger Nichts beweisend sind alle Prüfuogsmethoden der Erections- 
ffihigkeit, die selbst bessere ältere Uandbücher empfehlen, z. ß. Hani* 
pulationen, Frictionen, Electricität u. s. w.ü Denn es braucht mchl 
gesagt zu w^erden, dass solche künstliche Nervenreize eine Ercction zn 
Stande bringen können, die unter den natürlichen in Frage stehenden 
Verhältnissen sich nicht einstellte, wie es bei anderer Individualität des 
Mannes auch sehr wohl möglich ist, dass gerade solches aitten verletzen- 
des, abscheuliches, von einem Manne, dem fremden Arzte, gegen ihn 
geübtes Verfahren gerade die ganz entgegengesetzte Wirkung haben 
konnte. Aber alle solche, nait Reclit für alle Zeiten verlassenen Prü- 
fungsmethoden sind auch nicht bloss unsittlich und Nichts beweisend^ 



•) Als ein anderer Beweis der unglaublichen derichtsproccduren in dieser Ang«- 
lefenbeU in illteren Zeiten mag der Ehescheidungsprocess dor Gr&ün Estex osltf 
Jacob dem Kmten hier kurz erwähnt sein. Sie wollte den Günstling des Köiüga, dea 
mücbtigfen Gmfen v* Somerset, den sie Hebte, heirathen und brachte deah&Ib tmt 
Klage auf Trennung der Ehe von ihrem Gatten wegen behaupteter Impotenz desselben 
vor die Richter. AU Beweis brachte <^ie ihre nach dreijähriger Ehe noch beslebeüd« 
Jungfranschaft vor. Einige Peersfrauen und Matronen fsicl) wurden mit der Unter* 
sucbnng beauftragt, welche jenen Zustand bestätigte. Es wnrde aber sp&ter beltamtlt i 
daas die Grifin bei dieser Untersuchung ein junges Frauenzimmer ihre» Altera 
ibrer Statur untergeht c hoben hatte It Der Ehem^mn seinerseits räumte ein, aeioir 
Gattin gegenüber, nicht aber abs^olut, impotent zu sein, und mit sieben gegen fünf Stim- 
men wurde aof Trennung der Ehe erkannt ond den Parteien das Eingehen einer o«ti«ft 
Ehe gestattet! Hargraves sUte triats I. S. 315. 




{• 2. Beiachlafsunfäbigkdit. 1) Bdim Manne. 



63 



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»alldem auch — ganz überflüssig. Denn, und ich halte dies für einen 
Hauptsatz der ganzeu Lehre von der streitigen Fortplknzun^äfähigkeit: 
die Beischlafs- und Zeaguugsfähigkeit kann und braucht 
vom Arzte gar nicht bewiesen zu werden. Sie ist vielmehr 
innerhalb der natürlichen Alters-Grenzen wie jede andere normale Ver- 
richtung vorauszusetzen. Der Arzt kann und braucht eben so wenig 
2. B- die gesunde Verdauaiigsthätigkeit zu beweisen. Er kann vielmehr 
nur beweisen, dass die Norm im vorliegenden Falle nicht vorhanden 
ist, wenn seine Untersuchung Befunde ergiebt, welche ein Erkranken, 
ein Erlösehen der normalen FuDction der Verdauung nach allgenieiiier 
Erfahrung beweisen. Ganz dasselbe gilt von der Beischlafsfahigkeit, 
Die Erigirbarlfbit des männlichen Gliedes kann und darf aus obigen 
Gründen niemals geprüft w^erden. Sie muss aber bei jedem gesunden 
Manne innerhalb der uatürlichen Altera-Grenzen (§. 7.) als vorhanden 
vorausgesetzt werden, denn die Natur hat ihn zur Fortpflanzung ge- 
BchafTen, so lange nicht nachweisbar vorliegende Uinderungsgründe 
irgend welcher Art ein entgegengesetztes ärztliches ürtheil zu begrün- 
den vermögen. Daher muss es für den Gerichtsarzt eine Regel sein, 
seinem Gutachten in allen solchen Fällen eine negative Fassung zu 
geben, selbst wenn der Richter (wie dies gewohnlich ist) eine positive 
Frage: „ob beischlafsfähig?'* vorlegt, und er muss z. B. antworten: 
^fiasa die Untersuchung keine Befunde geliefert habe, welche die An- 
nahme begründen konnten, das8 Explorat nicht fähig sei, den Bei- 
schlaf zu vollziehen.*^ Dass damit dem Richter auch immer genügt ist, 
versteht sici einerseits ja ganz von selbst, und babe ich andererseits 
in allen von mir begutachteten Fällen erlebt. Hiernach ist also die 
irichtsärztliche Aufgabe in jedem Einzelfalle von streitig gewordener 
eischlafsf&higkeit des Mannes die: an dem Individuum zu ermitteln, 
BedingUDgen^ welche die Erigirbarkeit und Imniissionsfähigkeit seiner 
Rutbe erfabrungam&ssig ausschliessen und aufbeben, bei ihm wirksam 
geworden? 

Da alle diese Ursachen dann auch die Zeugungsfahigkeit eines 
solchen Mannes in der Regel aufbeben, so werden dieselben unten zu 
betrachten sein (§, 7.). 

Hier sei nur noch ein anderer allgemeiner Satz hingestellt, der 
für die gerichtsärztliche Beurtheilung solctier Fälle, die nach dem, was 
oben über die lügnerischen Behauptungen der Betheiligten angeführt 
worden, nicht skeptisch genug sein kann, von grosser Wichtigkeit ist, 
and von dessen physiologischer Richtung gewiss jeder ältere erfahrene 
Arzt mit mir überzeugt ist. Ich meine den Satz: dass Impotentia 
coeondi beim gesunden Manne, d, h. eine wirkliche, absolute Un- 
fähigkeit zum Begattuugswerk, eine kaum vorkommende 




64 §< 2- Boischlafsunf&liig^eii 1) Beim Manne. 

Erscheinung ist, wogegen ich nicht behaupte, dass die Ansprüche, 
die viele Männer an sich selbst, auch wohl Ehefrauen an ihre Gatten 
über das Maass der Fähigkeit nicht selten machen, überall befriedigt 
werden könnten. Darauf kommt es aber in ge rieht lieh -medicinischer 
Hinsicht gewiss nie und nirgends an, sowohl in civilrechtlichen Fällen 
(Schwängerungsklagen u. s. w.), wie in criminalrechtlichen. Jeder be- 
schäftigte Arzt wird oft genug von Männern heimgesucht, die Hülfe 
gegen ihre vermeintliche absolute Impotenz nachsuchen, von jüngeren, 
die ihren Tissot gelesen und sich unglücklich gemacht haben, von äl- 
teren, die aus anderen Gründen ein böses Gewissen haben. Aber jeder 
Arzt weiss auch, dass solche, allerdings eine Zeit lang vorhandene und 
wirksame psychische Hinderungsmittel sich nach und nach von selbst 
ausgleichen, und niemals ein „gänzliches und unheilbares Unvermögen'^ 
zur Folge haben. Ganz besonders in Betreff der Ehescheidungsklagen 
ist unser Satz festzuhalten; denn vollends bei einem ununterbrochenen 
geschlechtlichen Zusammenleben ist eine absolute und andauernde 
Impotenz des (gesunden) Mannes (in den natürlichen Alters - Grenzen) 
gewiss eine ganz ungemein seltene Erscheinung, und immer vnrd von 
Zeit zu Zeit der natürliche Trieb seine Rechte fordern. 

Anders die relative Beischlafsunfähigkeit, die ja auch das 
Preussische Gesetz berücksichtigt, wenn es (s. oben) von „unheilbaren, 
körperlichen Gebrechen** spricht, „welche Ekel und Abscheu erregen". 
Dass die Erregung des Nervensystems, welche weit mehr als der Reiz 
der vorräthigen Saamenflüssigkeit den Mann zur Begattung anregt und 
befähigt, durch deprimirende Gemüthseindrücke, Hass, Widerwille, Ekel, 
Abscheu gegen ein oder vor einem gewissen weiblichen Individuum ver- 
hindert werden kann, ist physiologisch eben so erklärlich, als thatsäch- 
lieh nachgewiesen, und soll hier deshalb auch nicht bestritten werden. 
Der bekannte, überall mit ähnlichen citirte Fall Ruggieri's von der 
jungen, mit schwarzen, krausen Haaren auf dem Körper bewachsenen 
Frau, der ihr Ehemann sich deshalb nicht nähern konnte, mag daher 
als ein authentischer gelten. Aber der gerichtliche Arzt sei auch 
bei angeblicher relativer Impotenz wieder um so mehr auf seiner 
Huth, als hier, neben den scliaamlosesten in foro vorgebrachten Frech- 
heiten (40., 43., 44. und 47. Fall), noch obenein das alte de gustibus 
u. s. w. sich seiner Erwägung aufdrängen wird. Bei Cloakenbildung 
sahen Rossi, Clarus jun. u. A. Schwängerung. Ich habe wiederholt 
eine öffentliche Lohnhure wegen von ihr bestrittener Fähigkeit, eine 
Strafe zu verbüssen, zu untersuchen gehabt, die eine alte Blasenschei- 
denfistel hatte und deren Nähe wirklich ^Ekel und Abscheu* zu erregen 
vermochte. Ein anderes Beispiel bot ein, vielleicht einzig dastehender 
Fall, in welchem eine Untersuchung wegen verheimlichter Schwanger- 



§. 3. Beischlafsunföhigkeit. 2) Beim Weibe. 65 

Behalt (naeh dem yormaligen Strafgesetz) eingeleitet worden war gegen 
ein cretinenartiges Geschöpf von einigen zwanzig Jahren, die ihr Leben 
in einer Ecke der kleinen Kammer, anf den verkrüppelten und gelähm- 
ten Extremitäten hockend, znbrachte, ans welcher Ecke sie sich fort- 
mtschte, wenn sie ihren Eoth unter sich gelassen hatte. Sie war von 
ebem Knecht a tei^o geschwängert worden!! 

§. 3. f«rtsetiMg. l) Bein Weibe. 

Der Natur der Sache nach ist eine Prüfung der angeblichen Bei- 
sfhlafisQDfäbigkeit beim Weibe durch objective Untersuchung nicht nur 
möglich, sondern auch erforderlich. Vollends selten aber wird man 
neh beim Weibe gewissenhaft veranlasst finden, eine solche Impotenz 
anzunehmen und sich nicht durch die Behauptungen eines oder des an- 
deren Theils blenden lassen. Eine schon in alten Beispielen (P. Zac- 
cbias) behauptete so grosse Convulsibilität oder Hyperästhesie der 
weiblichen Geschlechtsorgane, dass dadurch der Begattungsakt 
nnmöglieh wird, die für ziemlich apocryph und hypothetisch galt, ist in 
nenerer Zeit auf den Boden der Thatsachen zurückgeführt worden, na- 
mentlich durch Scanzoni's*) und Marion Sims's u. A. Beobachtun- 
gen^^. Letzterer beschreibt unter dem Namen Vaginismus eine ex- 
cesfflve Hyperästhesie des Hymen und des. Scheideneinganges, verbunden 
mit 80 heftigen unwillkührlichen, spasmodischen Contractionen des 
Sphincter vaginae, dass der Beischlaf nicht ausgeübt werden kann. 
Seine, wie Scanzoni's Beobachtungen beweisen aber, dass diese Zu- 
stände einer Behandlung und Heilung zugänglich waren. Auch Hohl***) 
ist der Meinung, dass diese ungewöhnliche Reizbarkeit, bei welcher sich 
der Eingang so krampfhaft verschliesst, dass schon bei der Annäherung 
der Hand zur Untersuchung als der ersten Berührung die Frau in einen 
hohen Grad von Angst und Unruhe verfällt, weil sie die Schmerzen 
fürchtet, durch Schonung Seitens des Mannes und zweckmässige ärzt- 
liche Behandlung zu beseitigen sei. 

Jedenfalls aber muss es auffallen, dass in der ganzen reichen Li- 
teratur dieser Materie nur vereinzelte Fälle zu Ehescheidungsklagen 
Veranlassung gegeben haben. Und auch hier wieder sei man auf falsche 



^) Scanzoni, Lehrbuch der Krankheiten der weiblichen Sexualorgane. 4. Aufl. 
1867. II. S. 263. 

*•) Marion Sims, Klinik der Gebürmutterchirurffie, übersetzt von Beigel. 18C6. 
8.246. 

••*) Hohl, Lehrbuch dw Gebnrtshülfe. lSr,2. S. 201. 

Ca«prr'A ir^rirhtl. M<>Uirtu. 5. Aufl. I. 5 



66 §. 3. Beischlafsunfahigkeit. 2) Beim Weibe. 

Angaben vorbereitet. Ein Arzt (!) hatte eine Ehescheidungsklage gegen 
seine junge Gattin aus dem Grunde vorgebracht, weil sie jedesmal beim 
Goitus in ^Erämpfe^ verfiele, die ihm ,,Ekel und Abscheu einflössten 
und die Erfüllung der Zwecke des Ehestandes gänzlich hinderten^ 
(§. 697. Allg. Landrecht). Die Untersuchung ergab auch nicht Ein 
Moment, was auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit für die Behaup- 
tung des Ehemanns hätte sprechen können, der übrigens erst nach 
mehrjähriger Ehe mit dieser Anschuldigung hervortrat, der als Arzt und 
Gatte nie auch einen Versuch gemacht hatte, diese angeblichen „Kräm- 
pfe^ zu heilen u. s. w., und es genügte die Anführung dieser Gründe 
in meinem Gutachten, um den Kläger richterlicherseits abzuweisen. — 
Auch eine ungewöhnliche Enge des Scheidenkanals als angeb- 
lich absolutes oder relatives Hindemiss des Begattungsaktes — in wel- 
chem letzteren Falle beide Theile zu untersuchen sind — ist höchst 
selten und kann keinen Grund zur Annahme weiblicher Impotenz ab- 
geben. Denn einerseits ist der Kanal einer Erweiterung fähig, woffir 
die gerade für unsere Frage nicht unwichtige Harnröhre ein Beispiel 
giebt, welche in nicht gar zu seltenen Fällen irrthümlich von Männern 
im Akte benutzt und durch aUmählige Erweiterung für den Beischlaf 
geschickt gemacht worden ist*); andererseits aber kann jetzt nicht mehr 
daran gezweifelt werden, dass die ungemein geringe Menge des Saar 
mens, die zur Befruchtung des abgelösten Eichens nur erforderlich ist, 
auch durch eine sehr verengte Scheide, also, wenn man es so nennen 
will, durch einen nur unvollkommenen Beischlaf in den Uterus dringen 
kann. Hohl**) hat die Vagina so eng, gleichsam ringförmig einge- 
schnürt gefunden, dass sie kaum die Spitze des Zeigefingers aufnahm, 
und dennoch bestand Schwangerschaft und der Beischlaf war öfter voll- 
zogen worden. Derselbe erfahrene Schriftsteller erwähnt einer eigen- 
thumlichen Verengerung des Scheidenkanals durch ein bis in die grossen 
Schaamlefzen sich eindrängendes Mittelfleisch. Ich habe einen derartigen 
Fall in eigener Praxis beobachtet, in welchem nach siebenjähriger kin- 
derloser Ehe bei der Localuntersuchung der Grund des oft vom Gatten 
wahrgenommenen Hindernisses sich in einem gleichsam hypertrophischen 
Mittelfleisch ergab, welches bis zu einem Viertel der grossen Lefzen 
sich an dieselben hinauf fortsetzte. Wie hier ein einfacher Einschnitt 
eine Remedur und später eine Geburt zu Wege brachte, so wird durch 
angemessene ärztliche Behandlung dies auch oft bei theilweisen Ver- 
wachsungen der Scheide der Fall sein können, welche ihrerseits 



*^) Dict. d. Scienc. medic. Tom. XXIV. S 210. Mehrere Fälle compüirt \m 
Kussmaul vom Mangel u. s. w. der Gebärmutter. Würzburg 1S59. S. 76. 
*♦) Lei rb. d. Geburtshülfe. Leipzig 1S62. S. 196. 



\^-" 



§. 3. Beischlafsunfabigkeit 2) Beim Weibe. 67 

den Beischlaf, also auch den frachtbaren Beischlaf nicht unmöglich ma- 
chen, wie denn auch hierfür authentische Conceptionsfälle in nicht gar 
geringer Anzahl in Original- und Sammelwerken als Beweise zu finden 
sind. So theilt Louis Mayer*) in einer lesenswerthen Abhandlung 
über Atresia vaginalis acquisita einen Fall von erfolgter Conception mit 
bei Stenosirung der Vagina 1 i Zoll vom Introitus entfernt, so dass das 
Lumen des Eanales an der verengten Stelle nur Linsengross war. Die 
Oeffhung selbst war erst das Resultat einer lange währenden Behand- 
lung, da nach einem Typhus mit Vaginal-Diphtheritis eine vollständige 
Atresie der Scheide gefolgt war. Unter Anderen erwähne ich noch 
0. V. Franque**), der Schwangerschaft und Geburt in einem ähnlichen 
Falle von Verengerung der Vagina beobachtete, wobei der Coitus nur 
ganz unvollkommen ausgeübt werden konnte. Endlich finden sich in- 
atrucüve Fälle von beseitigter Atresie der Vagina bei Marion Sims***), 
Scanzonif). 

Eme relativ zu grosse Enge des Lumens der Vagina wegen 
zu bedeutender Entwickelung des männlichen Gliedes ist gleichfalls, 
wie überhaupt abnorme Dimension der Ruthe, seit den ältesten 
Zeiten als Scheidungsgrund vorgebracht worden ff). Hier erst hat weib- 
liche Frechheit das freieste Feld. Dass zunächst auch hier ganz aus 
der Lnft gegriffene Behauptungen vorkommen, dafür giebt der 47. Fall 
einen Beweis. Aber wenn einmal eine wirklich ungewöhnliche gering- 
fBgige Entwickelung des Gliedes, wie ich sie sehr oft bei ganz gesunden 
und kräftigen Männern gefunden habe, so dass das Glied im erschlafften 
Znstande nur 1 bis 1| Zoll misst, den Beischlaf und die Befruchtung im 
geringsten nicht ausschliesst, wofür Physiologie und Erfahrung unzwei- 
felhaft sprechen, so ist ganz dasselbe in Betreff einer zu langen und 
zn starken Ruthe und einer relativ zu kurzen Scheidefff ) eben so un- 
zweifelhaft anzunehmen. Zunächst giebt es keine Normen für die Di- 
mensionen dieses Organes, und es war ein vergebliches und unwissen- 
schaftliches Bemühen des Oberconsistoriums in Schweden im 17ten 
Jahrhundert, ein solches Normalmaass aufzustellen und seinen Entschei- 
dungen in Ehescheidungen zu Grunde zu legen. Sodann aber wird 
nicht bestritten werden können, dass bei einem zu starken männlichen 
Gliede der Saame naturgemäss in die weiblichen Geschlechtsorgane ge- 



•) Verhandlangen der Gesellschaft für Geburtshülfe. 1866. S. 152. 
♦•) Wiener med. Halle. 1864. No. 56. 
♦••; Ä. a, 0. S. 260. 
t) Allg. Wiener med. Zeitung. 1864. No. 4. 

tt) Ein kurzer Penis ist eine Ursache der Unfruchtbarkeit und kann Grund zur 
H»«8cbeidung werden, sagt P. Zacchias Quaest. S. 278, 284. 
ttt) IL Sims a. a. 0. S. 266. 



68 



|. 3. Beißchlafsiinfahigkeit 5) Beim Weibe, 



bracht werden kann, und auch in einer kurzen Scheide wird, wenn 
nicht HiDderungsgrüude nachweisbar sind, der ejaeulirte Saame zaröck- 
gehaiten werden köntieu. Wenn Schriftsteller aber Bedenken in Betreff 
der Gestindheit der Frau erhoben, nod von Insnltationen der Scheiden* 
portion des Uterus mit ihren Folgen u. dgl. gesprochen haben, so be- 
seitigen sich diese Bedenken durch die Erwägung der Thataache, dasa 
eine Länge ^on 5 bis 6 Zoll schon eine ungewöhnliche für ein erigirtes 
Glied ist, wäbrcnd die normale Länge des Scheideekauals 6 bis 7 Zoll 
beträgt, übrigens aber auch die verschiedenattigen Erosionen des Mut- 
termundes ärztlicher Behandlung und lleilung zugänglich sind. Viele 
Fälle bei den Specialschriftstellem erweisen, dass, wo dergletcbeo 
Krankheilen Unregelmässigkeiten der Menstruation zu Grnnde lagen ond 
als Ursache der Unfruchtbarkeit angesehen werden raussten, nach 
Heilung Conception erfolgte. 

Eine uDgewuhnlich starke Neigung des Beckens kann ein€ 
weiblichen Individuum beim Vollziehen des Aktes wenigstens in nonna* 
1er Ruckenlage sehr liinderlich sein; die Bauchlage wird dann das Hin- 
derniss heben, wie ich in einem Falle beobachtete, in welchem bei einem 
jungen Ehepaar der Coitus mit der skoliotischen Frau, die ein unge- 
mein stark geneigtes Becken hatte^ im Anfange der Ehe ganz unaus- 
führbar war, während in der Bauchlage zwei Kinder gezeugt wurden. 

Endlich sind zu erwähnen alle den Kanal ohturirenden Kör- 
per, sehr grosse condyloraatöse Wucherungen, grosse Balg-, polypöse und 
andere Geschwülste, grosse, den Scheideoeingang verlegende Geschwulste 
und veraltete Scheiden- und Muttervorfälle (52. Fall), wobei im €on- 
creten Falle nacli der Sachlage zu erwägen und anzugeben, in wie weit 
die Kunst das llinderniss zu beseitigen und das vorhandene Unvenuö- 
gen zu heilen vermag. 

Grosse, inveterirte und nicht repnnirbare Gebärmuttervorfälle mil- 
chen das Weib beisehlafsunfahig. Zn heben dagegen ist das Beisehlafn- 
hinderniss, wenn es bedingt wird dtircb Abnormitäten des Hymeu, 
durch Atresie oder durch Festigkeit desselben, oder durch eine nodi 
seltener als diese vorkommende Hypertrophie der Membram, des so^- 
nannten flciscbigen Hymen, wobei die chirurgische der geschlechtltcben 
Operation zu Hülfe kommen muss. 

In Betreff der objectiven oder relativen Hindernisse zum ReisrJilaf 
beim Weibe gilt AJles im vorigen Paragraphen Angetuhrte. Eben so 
schaamlose Behauptungen wie von Ehemännern, werden auch von Elie- 
frauen in foro vorgebracht (35. bis 39., 43. bis 48. Fall), imd eben so 
wie bei jenen, wird auch bei diesen Gewohnheit, Neigung, Pflichtgefühl 
manches auszugleichen wissen, was im Allgemeinen wohl als ^Ekel und 
Abscheu* erregend anerkannt werden könnte. Wer kennt nicht gluck- 



4. Bei^cbl&fstmf&hi^ktfii. Abnortn« Geschl«cbb«hilfliiitg. 

liehe Ehem^aner and Väter mit Ozäneii, stiokendea Fassscb weissen 
u. dgl.! 



§.4. IforlseUins. Aliti<»riDC Ceiehlechtsbildins. 

Beischlaf ond Zeugung köimen durch kraokliaft erworbene und dnrch 
aogebome Anonmlieen der Genitalien uaiiiuglit'h gemacht werdeo. Erstere, 
wie Phimose, Paraphimose, grosse condylomatöso Bluraenkohl-Wuehe- 
mugea n. dergl. beim Maime, letztere und Ehaüdie so eben betraditetc 
Hrnderüiöse beim Weibe kommen in der Geriehtspraxis nicht vor, so 
häufig sie auch im Leben sind, weil die damit Behafteten sehr wohl 
wissen^ dass sie ihre Zwecke damit nicht erreichen imd das» der Richter, 
wenigstens der gerichtliche Arzt, »ie lediglich an ihren Arzt verweisen 

.würde, Wohl aber kommen sehr grosse und alte, längst irreponibel ge- 
sene und gebliebene Scrotalbrfiche eIb hierhergehörig vor; denn 
wenn sie auch keine Anomalie am mäimlicheii Gliede bedingen, so kön- 
nen sie dasselbe vollständig eiuBchliessen, und mir selbst sind Fälle vor- 
gekommen, in w^elchen der Augenschein unzweifelhaft die Unmöglich- 
keit eines Beischlafs bei Anschwellungen darthat, die gar nicht selten 
eine enorme Grösse erreichen, und die m mehreren Fällen bis auf die 
Hälfte der Oberschenkel herabreichteu und mit einer um die Schulter 
gelegten Bandage einigermaasseu unterstutzt werden mussten. Ausdruck- 
lieb aber glaube ich bemerken zu müssen, dass kleine, gewöhnliche In- 
gxunalbruche, die reponibel sind, als bokanntlich ungemein häufiges üebel 
auch ungemein häufig von Männern überhaupt und namentlich in Be- 
treff der Impotenz als Vorwand zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke 
benutzt werden. Das ürtheil kann hier nicht schwierig sein. 

Zu den allerseltensten Vorfiülen aber gehören die angebornen Miss- 
bildungen der Genitalien in beiden Geschlechtern, mit Ausnahme der 
schon hierher zu zählenden ganz geringen Grade von Hypospadie bei 
ülnnern, einer Oeffnnng der Harnröhre noch dirhl unterhalb der Eichei- 

I spitze, die viel häufiger vorkommt, als man wohl glaubt, und für unsere 
Frage noch von gar keiner Bedeutung ist. Anders die Falle von Harn- 
rr^hrenmöndung tiefer nach unten, von der Eichel abwärts bis zur Wur- 
zel des Penis, selbbt bis in die Raphe hinein, endlich selbst mit völli- 
ger Schlitzung der Harorölire, In Betreff dieser hohen Grade von Hy- 
pospadie theilten sich die Ansichten der Anatomen und practischen Ge- 

I liehtsärzte, indem dabei theils die unbedingte Unfähigkeit einen ( frucht- 

^ baren) Beischlaf auszuüben angenommen wurde (Teichmeyer, He- 
beodtreit. Haller u. A.), theils die bedingte, je nach der höhern 
oder tiefern Stelle der Hamröhrenöffnung (Zacchias, Metzger, Rose, 
Kopp, Henke n. A,) (s. §. 5.). Eine, der Hypospadie verwandte an- 



70 



§, 5. ZSeu^ngsflUiigkeit. 1) Hfpoapodie und Epispadie. 



^ebome MissbilduDg igt die Oefl'tiuiig der Harnröhre nach oben (Epi* 
spadie, Anaspadie), entweder auf der Eichel, oder auf dem Räckeo 
des Peois, oder nümiLtelbar an seiner Anheftung, Die Epispadie kommt 
nur änsserat selten , am seitejisten ohne gleichzeitige aoderweitige aa- 
geborne Verkriippeking der Genitalien, namentlith mit völliger Spaltoöf 
der Urethra nud mit melir üder weniger bloss nidimeutärer BildTing des 
Penis vor. Je mehr Letzteres der Fall, desto weniger wird das Indi- 
viduum znm Begattuügsact tauglich sein (vgl. §. 6.). Ein hierherge- 
boriger Fall kann als Belag zu den angeföhrteii ßehaaptangen der in 
foro vorkommenden falschen Angaben nii'ht übergangen werden. Im 
Sommer 1847 hatte ich K., einen 34jährigen gesunden Mann, zu unter- 
suchen, gegen den eine Sehwängernngsklage angebracht worden war, 
die er auf Grund seiner behaupteten volligen Impotenz ablehnte. Der 
sehr interessante Beiund an den Genitalien war folgender: das Scrotum 
war stark zurückgezogen, aber au jeder Seite eine Hode von gewöhn- 
licher Grösse mit Saamenstrang deutlii'h ffiblbar; augeborne Inversio 
vesicae urinariae; an der hochrothen Blasensehleimhaut iloss fortwäh- 
rend Urin ab, und wenn er kürzlieh getrunken hattCj so Bp ritzte von 
Zeit zu Zeit ein dünner Urinstrahl hervor; der ganx platt gedrückte 
Penis stellte ein Rudiment von einem Zoll Länge und einem Zoll Dicke 
dar; die niclit geschlossene Harnröhre lief als flache, angedeutete Rinn^ 
auf dem Rücken des rndimentären Gliedes entlang; eine Krectioii die- 
ses Theils wollte K. nie empfanden haben. Dieser Mensch sollte ein 
Kind erzeugt haben! Ganz dieselbe Missbildnng, so dass die beiden 
Zeichnungen, die ich bewahre, für Eine gelten könnten, fand sich bei 
einem Fremden im Jahre 1851, der — eine Frau gefunden hat^ mit 
der er seit mehrern Jahren, aber kinderlos, verheirathet war. Auch 
Bergh*) beschreibt einen Epispadiäus, bei dem die Uretbralriune 1 Ctm, 
von der Spitze der sehr kräftigen Eichel des kurzen und dkken Penis 
beginnend, bis an die Äbdomirialwand und unter die Symphyse sich fort- 
setzte und der frühzeitig Neigung zu Frauenzimmern verspürte tuid 
diese bis fast an sein Ende reichlich befriedigt habe. 

Angeborne Missbildungen dieser Art gehn in die sogenannte Zwit- 
terbildung (Hermaphroditismns) über (§♦ 6J), 



§. 5. Zeignogifahlgkcit. 1) Ojposftudie und Kpisptdie. 

Die Zengung setzt das normale Vorhandensein und die nonnaie 
Verrichtung der beiderseitigen Geschlechtsorgane im Begattungsact« vor* 
aus. Aber Existenz und Function dieser Organe können iuoerhalb g« 



•} Virchow*s Archiv Bd. 43. S. 305. 




§. 3. Zeugungsfibigkeit 1) Hjpospadie und Epbpadle. 



71 



wisser Grenzen noch von der Norm abweicheo, ohne dass die Möglich- 
keit des Befruchten^ und Empfangens ansgesehiossen bleibt. Wenn wir 
auch hier von den geringem Äriomalieen ausgehen, so ist bereits (§. 4.) 
erwähnt worden, dass unbedeutende Abweichungen in der Oeffnung der 
Hnrnröhre nach unten gar kein Hinderniss in der Befruchtung sind. Die 
hohem Grade der Hypospadie bei übrigens normal gebildeten mönnü- 
chen Indi\iduen konnten in früherer Zeit, so lange die Frage von der 
Zeugung sich rein im Gebiete der Hypothese bewegte, auch noch ohne 
alle Einschränkung als Befrachtung gestattejnd angenommen werden, 
indem man die abenteuerliche Theorie einer Aura seminalis, einer iSaa- 
menatmo&phäre, zu Hülfe nahm, welche allein und ohne die wirkliche 
Materie des Saamens, wenn sie nur an, ja nur in die Nähe der weib- 
lichen Geschlechtätheile gelange, Schwängerung bewirken könne. Selbst 
bedeutende neuere Aerzte haben bis in die ersten Decennieu dieses 
Jahrhundert» diese alte Hypothese festgehalten (Kopp, Heim, For- 
mey u. Ä.)» und „Erfahrungen** (!) von Schwängerung nach Ejacula- 
tion des Saamens auf den Bauch der Frau u. dgL bona fide bekannt 
gemacht*), ohne zu erwägen, dass man in derartigen Dingen keiner 
Aussage der betreffenden Theile vertrauen darf! Aber bei dem gegen- 
wärtigen Stande der Physiologie, und nachdem das mystische Dunkel 
in der Lehre von der Zeugung anfgeklärt worden, kann von Aura se- 
minalis, von Schwängerung ohne Beischlaf, das hei s st von Befruch- 
tung ohne Eindringen der Saamenfäden in die weiblichen Ge- 
schlecht sth eil e, in der Physiologie, wie namentlich auch in der ge- 



*) Die Schrift Lucin^ sine concubitu ist als .IIaupt(|uel]e*' für die Thesis von 
dcf aura seminalii^ id aUeo älteren Handbncheni so oft citirt, dass es nicht fiber- 
flttflsfg erscheint, dieselbe ejliunal für alle Zeit tu beseitigen. Von dieser sehr sei* 
tenen Schrift be&it^e ich xwei Ausgaben, die franzusische and die deutsche Ueber- 
setzuDg des englischen Originals» das vor hundert Jahren erschien. Erstere hat den 
Titel: Lucina sine concubitu, Lettre adressoe k la societi royale de Loodres, dana 
laqtttUe ü eat pleinement demontre etc. Londres 1750, (48. S. 12); die deutsche 
den Titel: »Luc. s. conc, das ist ein Brief an die Königliche Societät der Wissen- 
«cbaflen, worin auf eine unwidersp rech liehe Art, aowobl aus der Vernunft als aus der 
Crfahrnng bewiesen wird, dass ein Frauenzimmer ohne Zuthun eines Mannes schwanger 
werden und ein Kind zur Welt bringen könne. Aus dem Englischen übersetzt.* Frankf. 
Xk. Leipx. 175 U (80 S, 12). Der Verfasser nennt sich Abraham Johnson. Die 
Schrift ist offenbar eine Satyre auf die Gelehrten der Zeit, namentlich auf die Köuigl. 
Socielal der Wissenschaften', auf Wollaslon und Warburton , namentlich auf des 
Ersterca Theorie, ^dass Thierchens an bequeme Oerter ausges&et sind, welche den Saa- 
men ton allen Enteugungen ausmachen'** Der Verfasser sagt: er habe ^eine wunder- 
bare, cyli ndrisch -catoptisch-rotundo' CO ncavo- CO nvexe Maschine erfunden, um die in der 
seh tt fingernden Gegend des Himmels lliessenden Thierchens zu fangen*" und so weiter t 
rnd diese Schrift ist hundert Jahre in der gerichüichen Medicin als Belag für mög- 
tiche Schwängerung ohne Bei^hlaf ruhig forkütirt ^&rdm\l 



72 



§. 5. Zeu^uügstahigkeit. I> Ilypospatlie imd Epiypadii 



richtlichcü Medi^^iü, niemals melir die Hedo seio. Aber es i.^t lt*MiJOf- 
kenswerth mid durchaus Lierber gohürig, daös von einem güoz andern 
StÄndpnnkt aus gerade die aeuesten Physiologen wieder die onamgäog- 
liche Nothwendigkeit dos Beisrhlafs, wenn man damnter den gewöhn- 
lichen» normalen Begattungsakt verstehen will, für die BefrucbtoDg in 
Abrede stellen, und den Akt nur als ein Erleich ternngsmittel der Zu- 
leitung der Befruehtangsflüssigkeit zu den Innern weiblichen Befrach- 
tUDgsorganen, daher als „eine merhunische Veranstaltung von nnlerge- 
ordnetem Wurth" erklären (Leuekurt). „Die bekannten Thatsachen 
von kunstlicher Befiurhiung von Thieren*', sagt auch Valentin*}, leh- 
ren, dass die Begntlung (Coitus) kein nothwendiges Bedingungs- 
glied der Befiufhtung bildet. Sie ist ein von der Katur gewähl- 
tes Auskunftsmittel, die beiden Arten von Keimgebilden in vielen Ge- 
schöpfen zusammenzubringen. Die Steifung der Ruthe bildet 

kein nothwendiges Bedingungsglied des Saamenergusses* oder 
der Befruchtung. Sie begünstigt nur die Begattung in wes^entlich- 
ster Weise. — — Da der Saamenstrahl einen zieodich weiten Bogen 
machen kann, so vermag er auch in das Scheidenrohr zu driogen, wenn 
selbst nur die Eichel durrh die Srhaanispalte geschoben, oder diese uuf 
irgend eine Art geöftnet worden. Die selbststiuidige Bewegung der 
Saamenkörper macht es möglich, das» sie später durch den Gobar- 
mnttermund in die Ilöhlung des Uterus gelangen****). Seitdem man 
weiss, dass es für den Befmehtangsproceas auf die Masse der Be- 
fruchtongsflöesigkeit nicht ankommt, und das» die kleinsten Saamen- 
mengen noch grosse Massen der befruchtenden körperlichen Elemente 
enthalten - in den Versuchen von Prevost und Domas genügten 



0,012 Gr. Saamen zur Befruibtung von 112 Kröteneiern 



aeitdem 



hat die Frage von dem Vcrhältniss der Ausführung des Beischlafs zm 
Zeugung auch für die gerichüictie Medicin eine ganz andre GeBtultung 
gewonnen* Thatsachen, welche ül*or diu Befruchtungsfahigkoit übrigens 



•) Gnmdr, d. Phjsiolog. 4. Äufl, 1855. S. 817 

*^) Ein Engländer, dem wegen Syphilis der Penis ^bis auf eme kleine wa 
Artige Hervor^a^ung total fehlte**, welcher Kest der Corpora caveruosÄ aber bei 
schlecht lieber Aufrege rjjCf ungefähr einen Zoll lung wurden nud ao in d&a Uniicium 
Scheide eindringen konnte, soll in gloeklieher Ehe Vater mehrerer Kinder ^i 
a«m. Dte Harnröhre endete in einer Vertiefung einen halben Zoll unter dem iilnlit 
zerstörten Theil des Penis. Obwohl nun ncich Angabe des Mannes da« Radiment einta 
Zoll lang werden und in die Vngiua eindring^en konnte, so blieb doch die UreUim is 
ihrer Vertiefung am Scrotuui vertiteckt, und konnte sonach der Stiume nur gegen die 
VuJva, niebt aber wirklich innerhalb der Scheide ejaculirt werden. (Cbaace io DnbL 
Journal XJCXll. 18(i]: s. Schmidt'« Jahrbücher 1862. No. 5. S* 2iL) ^ Der FaU 
h% doch so ei^enthümlicb » dass ich seine Glaubwürdigkeit ni verbürgen Anstand neb* 
men wurde* 



§. 5. ZeugungsHüiigkeit. 1) Hypospadie und Epispadie. 73 

normal gebildeter Hypospadiaeen selbst höherer Grade vorliegeo, 
bei denen, wenn auch eine naturgemässe Immission, doch nicht eine 
eben solche Einbringung des Saamens möglich war, reden der neuem 
physiologischen Ansicht und Beobachtung das Wort, so wie ihrerseits 
jene physiologischen Entdeckungen diese Thatsachen erklären und — was 
für den Gerichtsarzt immer entscheidend sein muss — glaubhaft machen. 
Nicht nur dass Schenk und Simeons Fälle von erblicher Hypospadie 
sahen, was wohl sehr für die wirkliche Zeugung durch den väterlichen 
Hypospadiaeus spricht, nicht nur dass Schweikhard eine Zeugung 
von einem Hypospadiaeus beschreibt, bei welchem sich die OeflFnung 
der Harnröhre „zwischen den Wurzeln der schwammigen Körper und 
der vordem und obera Hodensackfläche befand*', wobei die OeflFnung 
eine „horizontale Richtung hatte, und Urin und Saamen durch sie in 
einem horizontalen Strahle längs der Ruthe hin drangen^*), so hat 
Traxel einen neusten sehr merkwürdigen Fall bekannt gemacht, der 
wegen seiner genauen Beobachtung Vertrauen verdient, und den wir 
mittheilen müssen**). 

»Eine onyerbeirathete 27jährige PeTSOn, die geboren hatte, versicherte eidlich 2u 
ProtoeoU, sie habe in den letzten drei Jahren durchaus mit keinem Manne, wohl aber 
hiufig mit der ledigen Magd Johanna K., die wie ein Mann beschaffen sei, geschlecht- 
lichen Umgang gepflogen, was diese auch zugab. Johanna K. ist 37 Jahre alt, und 
macht dem Habitus nach den Eindruck eines Mannes. Der Wuchs ist hoch, die Faser 
straff, die Gliederform eckig, die Zöge männlich, die Brust behaart ohne weibliche 
Brüste^ das Becken eng. Das Scrotum ist in zwei Säcke gespalten, in deren jedem 
ein Hode zu fühlen war. Zwischen diesen Säcken befand sich eine mit einer rothen 
durchscheinenden Haut bekleidete Spalte, und in derselben, neben der Wurzel des 
Penis eine linsengrosse Oeffnung, die Mündung der Harnröhre. Der Penis war kürzer 
als im normalen Zustande, ziemlich umfangreich, undurchbohrt. Am unteren Theil des 
Penis Yon seiner Wurzel, und zwar von der dort befindlichen Hamröhrenmündung be- 
ginnend, verläuft der ganzen Ruthc und auch der Eichel entlang bis zum Punkte der 
normalen Mündung der Harnrohrenmündung eine runde glatte Furche, welche genau 
das Bild einer halben, d. h. der Länge nach gespaltenen Harnrohre darstellt. Demzu- 
folge mündet die Urethra nach ihrem Durchgange neben dem Ligamentum trianguläre 
sofort nach aussen, und ist der ganzen Ruthe entlang gespalten. Etwa eine Linie hin- 
ter der Krone der Eichel zeigen sich in der gespaltenen Urethra zwei kleine elliptische 
Oeffnungen, welche eine dicke Borste zu fassen vermochten; eine dritte ganz gleiche 
Oeffnung befindet sich in derselben Furche zwei Linien von der Mündung der Urethra. 
Sehr merkwürdig war das geborne Kind. Es war reif und gesund, aber geschlecht- 
lich beinahe wie Johanna R. beschaffen. Das Scrotum war auch hier in zwei 
Säcke gespalten, von denen jeder einen Hoden durchfühlen Hess. An der Stelle der 
Clitoris befindet sich eine undurch bohrte, mit keinem Praeputium bedeckte Eichel. Die 



•) Kopp, Jahrb. d. Staatsarzneik. HI. Frankf. 1810. S. 24G. 
**) Prager Vierteljahrsschrift 52. Bd. S. 103. — Wiener medicin. Wochenschrift 
1856. 18. 



74 



$. 6. ZeugUDpfihigkeit. 2) Zwitter. 



ujit einer röthficben Haut bokleideto Spalte ist so tief als der Durcbmcssor der Hoden- 
Säcke, uxid an der Stelle, wo diese an einander liegen, beiderseits mit einer länglichen^ 
rolhen, schwammigen Kanmkel besetzt, welche für weiblidie Nymphen gehalten werden 
können. Die Urethra mütidet an der Wurzel des rudimentiren Penis, gleich nach ihrem 
Üurchgange neben dem Ligamentum trianguläre, und ist von der Lichtung eines nengebor* 
nen Müdebens, jedoch ohne Hymen. Das Becken Lst eng und scbmali die Haften nicht 
breit.^ — Traxel hält es mit Hecht für zweifellosi das Johanna K, ein Mann und 
Vater des Kindes sei, und erklärt die Mögüebkeit der Befruchtung dadurch, da&s dk 
beschriebenen, im Ualbkanal gelegenen drei Oeffnungen abnorm gelagerte Mondungen 
der Saamenausspritzungsgäuge gewesen > oder duss — was wohl wahrscheinlicher ist — 
der gespaltene Harn röhrenk anal während des Beischlafs durch die hintere Wand der 
Scheide dergestalt geschlossen wurde» das der Saame bei der Ejaculatlon bis 2um Mut- 
termunde vordringen konnte. 

Von einer durch einen Epispadiaeus bewirkten Befruchtung ist mir 
kein Beispiel bekannt; es ist zu wiederholen (§. 4.), dass die Epispa- 
die, an sich so äusserst selten, fast niemals rein, d. h, bloss als ab- 
nomae Oeffnung der Harnröhre nach oben, vorkommt. 

Nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft und Erfahrung aber 
muss über die ZengnngsfäMgkelt der Hypospadiaeen und Epispadiaeen 
folgender Satz aufgestellt werden: bei übrigens normaler männlicher 
Bildang kann Hypospadie und Epispadiean sich keinen Grund 
zur Annahme einer Zengungsunfähigkeit abgeben, so lange 
nicht die Unmöglichkeit, dass auch nur etwas Saame in den 
Scheidenkanal dringen konnte, ira concreten Falle erweis- 
lieh ist, z. B. wenn sich die Harnröhre senkrecht nacii dem Mittel* 
fleisch hin geöflhet zeigt. 



§. 6. F#rUetitiii§. 2) Zviiilcr. 

Gesetzliche Beatimmungen. 

Preuflflt AJIie;. Liodr« (. 19. Tit. L TliK I.: W«n« Zvlti«r gfborts werden, lo beilUamea dl« Bi* 
teriif tt» weletietoi G««chlccLi tte erxogco w«rijl«n mllen. 

f. 9o« J«doch tteht «ia«iii lulch«« Utiitciiea nMb lUjrückgeJegtfm ecbtteliBtea Jahre die Wa&I InI, 
SU ««leboin Ge»clit«ebl rr sich h«lteD wolle« 

§. St. Nevh di««eT Wmhi w«rdeD telu« Rechte käiiftig bearthetU. 

i 7f, BiaA «ber Re«lite eih«t Dritten v»ii dem 6«»elitectile «iiiee TerveUitlidliea ZwttWrt tMäm0§, 
■0 kenn Efiberer »dl «in« DnterfturlttiDg dureb fiacliTeraliadIge uilrBgeQ. 

$ 23. D«r Befttiiil dvr fiecbverttljiUiiai» etittcbeidet »ucli gctfen die WetI des Zwtttere asd tilair 
EUera^ 

Aechte Hermaphroditen, d. h. Doppelorgane und Doppelftm- 
ction beider Geschlechter in Einem Individuom, kommen beim Menschen 
nicht vor. Die gegentheiligen angeblichen Tbatsachen bei den altem 
Scbriftstellem bemben auf TäuBcbang, die bei dem damaligen Stande 
der Wissenschaft um so erklärlicher, als die pathologischen Anatomen 
noch heut wenigstens nicht über alle Fragen^ betreflend den menschli- 



9* 6. ZenguDgäfähigkeiC. 2) Zwittor, 



75 



ien Hermaphroditismus, einig sind. Auch der neuste Fall^ betreffend 
lie Katharine Holzmann*), bei welcher neben ansi^heinend vorhan- 

^denen Doppelorpnen eioe Doppelsecretion (Spermatozoen und Blotun- 
gen) vorhanden sein sollen, bedarf zu endgültiger Feststellung der kli- 
nischen Beobat^htuog wie der Obduction. Man unterscheidet einen Her- 

|3naphrod. lateralis, wobei ein Hoden auf einer, ein Eierstock auf der 
anderen Seite, letzterer meist verkümmert ist oder ganz fehlt. Der Ho- 
den, oft klein im Becken oder Lei:?tencanal lagernd, ohne Vas deferens. 

f Uterus normal, böufiger verkümmert oder halb, üusserlieh Hypospadie* 
Ind ferner einen Uermaphrod, transversalis, in welchem die Keimdruaen 
iem einen Geschlecht imd die mittlem und äussern Genitalien dem an- 
lern angehören. Wenn Bergmann in einem übrigens vortrefflichen 

tA^nfsatze**) sagt: dass alle Requisite eines doppelt funetionsfahigen Zwit- 

t ters, die Verbindung der Hoden durch Vas deferens und Saamenbläschen 
mit einem zum Coitus fähigen Penis, und andrerseits eine Tube, Uterus 

iund Scheide in Einem Individuum sich vereinigt ^denken'* lassen, so 
vollen wir darüber nicht rechten* Wenn aber Bergmann selbst hinzu- 
igt, dass ^eine solche Bildung vielleicht nur unter Billionen Menschen 
Einmal vorkommen könne**, so ist damit das ürtheil für die gerichüich- 
medicinische Beantwortung der Frage von selbst gesprochen, üeberhaupt 
hat auch wieder die gerichtliche Medicin ihren eigeothilmlichen Stand- 
punkt festzuhalten, indem sie der pathologischen Anatomie die Lehre 
von der Entwicklung der Zwitterbildung aus der ursprünglichen mor- 
phologischen Identität der beiderseitigen Geschlechtsorgane übcrtässt, 
und nur erwägt, wie die forensischen Fragen der Geschlechtsbestimmung, 
der Ehe, der Zeugungsftthigkeit solcher Pseudohermaphroditen mit Al- 
lem, was davon für das Individuum abhängt, in jedem concreten Falle 
zu lösen sind. Sie hat die nicht geringe Zahl von Füllen von in Einem 
Individuo gleichzeitigem Vorkommen der beiderseitigen Geschlechtsor- 
gane, mehr oder weniger rudimentärer Penis und Uterus, Hode und 
Eierstock, als erwiesen anzunehmen***)* Und hier lehrt die Erfahrung, 



•; Beer, Beschreibung eines Hermaphroditen. Deutsche Klimk, 1867. No, 4, — 
Eokii&üsky, Fall voa Hermajvhrod. vera lateralis. Allg. Wieu. med. Ztg. No. 27. 
— Schul le» Der Hermaphrodit Kathadiie Hobmana Aas Mee^ichstadt. Vircbow's 
Archiv. 43. S. 329. 

••} JL Wagner, Handworterb. d. Physiologie. 111. S. 127, 13L 

**•) P. J* C. Mayer, Icones selectae etc. Bonn 1B3L Sieben haar, Eücyclop. 

fjaadb. der ger, ArzDeik- 11. S. 880, Maret m Mahon, MMic. legale L S. 100; 

uere Fllle Ycn Bertbold, Abhandlgn. der Göltinger Societät 1845; Barkow iu 

"Üii»per*$ med- Wochenschrift 1845. No. 23.; der mit eioer vortrefflichen Sectionsge- 

Bchlchte von Mayer (mit Abbild.) bekannt gemachte Fall des so viel besprochenen 

Carl Durrge, ebds, 1835. S. 800. Hoden mit Vas deferena und Utems mit Tuben 



76 



^. Zcnt^m^fähigkcit i) Zwitter. 



dass fast immer in soklien Fällen das mäunliche Geachlceht überwiegt, 

und dass ^weibliche Zwitter'' eigentlieb nur ganz mit Unrecht nolch^ 
nur buchtet selten beobucbtete, mehr oder weniger normal gebildete Wei- 
ber genannt worden sind, bei denen eine nngewuhnlicb entwickelte Cli- 
toris eine Aehnlichkeit mit einem Penis hervorriel 

Die dem Goricbtsarzt vorkommenden Fälle aber betreften lebende 
Menseben, und was an dieseti ölnnlicli wahrnebmbar Uüd erweislich ist 
Hiernaeb kommt dann neben dem, was bereits (§. 5*) über llypoapa- 
die und Epispadie angeführt worden, im eoniTeten Falle znr Erwägung 
ob ein oder zwei Hoden im missbildeteu Scroto, das, wie w:ir seil 
gesehen haben, beim Zurückgezogen sein in der Eaphe nnd der Bildung 
eines blinden Ganges grosseD Schaamlefzen sehr ähnlich werden kann, 
vorhanden sind oder nichts wobei noeh im letzter« Falle immer die Mog- 
üchkeit einer Kryptorehie (§. 7.) vorliegt, oder ob im amiera Falle die 
Untersuchung per vagiiiam die Existenz eines Uterus annehmen lägst 
Nicht weniger wichtig als die Berücksichtigung der Bildung der Ge-' 
sehleebtstheile ist die des allgemeinen Geschlechtstypns. liier mache ich 
aber darauf aul'merksam, dass zumal bei schon altern Individuen der 
allgemeine Habitus täuschen kann. Denn es ist ja allgemein bekanui^ 
dass ältere Weiber, l)ei denen die geschlechtliche Tbutigkeit längst auf-* 
gehört hat, leicht einen mannltchen Character annehmen, wofür ich 
reiche Beispiele namentlich bei alten , lange im Gefängnias oder im Ir- 
renhause lebenden Weibern fortwährend sehe, bei denen die Brüste ganz 
schwinden, Bartwuchs sich um die Lippen und Kino, eine rauhe, mtoQ- 
liche Stimme einstellt, und die man, namentlich wx*nn sie im Bett bid 
auf die Brnst bedeckt liegen, leicht für einen Mann halten wird; gmz 
ähnliche Beobachtungen sind von Physiologen im Thierreich gemacht 
worden. Aber man wird im Allgemeinen zu beachten haben: durfÜgeo 
oder mangelnden Bartwuchs, Stellung der Uaare auf dem Schaamberg 
(bei Männern sich, wenn auch nur in einer dünnen Schicht bis xum 



(Priparttt in der Wüntburger Sammlung) bei Ki wisch, Klin. Vorträge 11. 3. Aufl. 
Prag 1857. S. 'ASZ^ Gespaltenes Scrotum, Penis mit lux^lurclibobrter Eichel» rechLer 
Hode mit Saamenieitert Uterus mit tinker Trompete uud üvarium, öretbra über der OeH • 
ming der ^^ Vagina'' und Prostata, bei Dr, W Gruber, über deti seiü. HermaphrodÜam. 
u. s, w, Petersburg 1859. 4. u. A, — Fälle der oben erwähnten sogen. ,woibHcii«li 
Zwitter* sind fa^ft gar nicht bekannt geworden. Lnigi de Creccbio» Sopra un ca&o 
di apparen^e virili in una douua. Kapoli 1865 (anatomisch, wie psychologisch cicitir 
t^resaatitar Fall). Eine penisartige ClitoriM aah Parent Duchatelet (Prostitut. 
la vi He de Paris) nur dreimal unter vielen laufend on von ihm unteiAuebten Pa 
Lohnhuren. Be^cbreibno^' un«) Abbildung eiue(> solchen, durch üperalion geheilten fa 
ba in der kleinen Schrift r K. Mulvauj« rendiconto delle ammalate riooTeratji fiel* (M- 
pizio celtico ck. Turin 1831). 4. 



|, 6. Zeaguüg^smiitgkeit 2) Zwitter. 



77 



Nabel hinauf fortsetzend, bei Weibern kreisförmig den Schaamberg um- 
grenzend*)^ das Prominiren des Kebtkopfes, diis den Mann gegen das 
Weib eharaeterisirt, die männliche oder weibliihe Stimme, das Vorhan- 
den- oder nicht Vorhandensein von Brüsten, den Bau des Beckens» den 
Allgemeinen körperliehen Habitus, ferner den Umstand, ob bei dem pseu- 
dohermaphroditischeD Snbjecte sieh das Vorbandensein von Saameu (durch 
Pollutionen, die er etwa angiebt, dun-h anscheinende und niiiu*oscupi8ch 
zu prüfende Flecke in der Wüsche u. s. w.), oder umgekehii von einem 
Menstrualflusse ermitteln lässt, während auf seine geschlechtliche Nei- 
gungen wenig Werth zu legen ist, da bei solcher körperlichen Zwitter- 
haftigkeit auch eioe so zu sagen geistige bei einem Menschen, der sich 
selbst weder ganz als Mann, noch ganz als Weib fühlt, sehr gewöhnlich 
tmd erklärlich ist Marie Finsine Göttlich, entschieden ein Maon, 
aber mit wirklich zwitterhaften äussern Genitalien, den wir wiederholt 
untersucht haben**)» hatte sich fortwährend als Weib gebrauchen lassen. 
und Giuseppe Marzo***), entschieden ein Weib, von seinem lU. Jahre 
an als Mann angesehen, geberdete sich sein Leben lang als solcher, 
lief den Weibern nach, litt zweimal am Tripper, trank, rauchte, führte 
gern obscöne Reden und tbat sich viel auf seine galanten Abenteuer 
2U Gute, Die in der Medicina foreosis althergebrachten Eintheiluogen 
imd Benennungen; androgyiii oder männliche, androgynae (gynaiulri) 
oder weibliche Zwitter sind zu verwerfen, da sie gar nichts Thatsäch- 
liches und wissensrhaftlich Getrenntes bezeichnen, abgesehen davon, 
ditö8 das Wort androgyni bei den Alten in einem ganz andern Sinne 
gebraucht worden. Käme es in einem concreten Falle darauf au, das 
zweifelhafte und bestrittene Geschlecht eines Menschen gerichtsärztlicli 
festzustellen, so wurde keine systematisrlie Classification der herma- 
phroditiscben Bildung, am wenigsten eine so oberllilchliche und nifhts- 
sagende, wie die genannte, die Diagnose erleichtern, die sich vielmehr 
auf die individuellen Verhältnisse des concreten Falles, so weit sie am 
lebenden Menschen erforschbar sind, stützen müsste. Dergleichen 
Untersuchungen können vorkommen, nnd sind in seltenen Fällen vor- 
gekommen zur Entscheidung der Fragen; namentlich von der Ehefähig- 



•) AnsQahtnen hiervon jeHorh kommen vor, wie irh aus eigener Erfahrung bcstä- 
tlgren kann, nach B. Sohultate (Jenakche 5^eitschr. BcL IV, TTft. 2. S. 312) sogar nicht 
zu aelten, der mtU*r 100 Weibern im jugendlichen Alter boi 5 die Haare big zum Kabel 
srieb binAuf/iebend und bei 34 Munnern unter 140 im Alter voa 19 bis 22 Jahren die 
Haare kreisförmig den SchftJimber(? umgrenzend fand. 

**j »* Schilderung nml Alibildung iu CaspL^r's^ Wochenschrift. 1833. L No. 3. 
Sp&ltres Obdaction»-?rotocoll, dan auch die Mannbeft best:ätigt hat, ». E* A. Pe<üi, 
Auswahl einiger Helteoer und lehrreicher Fälle u« ». w. Dresden 1858, 

"•J Crecrbiii a. a. 0. 



78 



§. 7. Zeugni^^sanfäbigkeU beim Manne. 



keit in beiden Geselilechtern, oder von der Fähigkeit, ein männliebes 
Erbe (Sitz im Peers- oder Herrenbanse , Majorat u. s, w.) anznireten, 
oder (wie in Amerika ein Fall vorf^ekommen) von der Fähigkeit ein 
politisehes, nur Männern mstehendes Recht (actives oder passives Wahl* 
recht) auszuüben u. dgl. Der Gerirhtsarzt wurde in solchem Falle zu 
entscheiden haben: ob das Individuum als Mann oder als Weib zu er- 
achten und er würde dann auf ohi^^e Kriterien sein Gutachten zu be- 
gründen haben. In keiner Frage allerdings ist ein Irrthnm seinerseits 
leichter möglich und zn entsrlmldigcn, da er ja nur die rmsserlich wahr- 
nehmbaren Merkmale, nicht die innern aoatomischen für sein Urtheil 
benutzen kann, Carl Durrgö^ fniber Maria Derrier, hatte eine 
eben ßo grosse Sammlong von Attesten damaliger namhafter Anatometi 
uod Aerzte für seine weibliche, wie fiir seine männliche Bildung aol- 
zuweisen. 



§. 7. FortiFtiun;* 1) Zeugungsonrablgkell beim Hinaf. 

Er versteht sich von selbst, dass alle in den vorigen Paragraphen 
angeführten Bediögungen zur Beischlafsuafähigkeit auch die Befrncb- 
tnngsfähigkeit ausschlissen, aber nicht umgekehrt. Denn die Mehrzahl 
der verkommenden Falle sind gerade solche, in deoen bei wirklicher 
Unfruchtbarkeit, namentlich in Jahre lang bestandenen ßhen, doch der 
Goitns beiderseitig vollkommen normal von Statten geht Auft'allender- 
weise nimmt, meinen Erfahrungen nach, die Gerichlspraxis keine Bück- 
eicht auf diesen grossen Unterschied in Fällen streitiger Fortpflanzang»- 
iUhigkeit, namentlich bei Schwäiigernngsklagen, und verlaugt, in solcbea 
Fällen gewöhnlich nur die sachkundige Ermittelung darüber: ob der 
Mann den Beischlaf zu üben nicht unfähig sei, gleichsam ira Beja- 
hungsfälle die dann vorhandene Möglichkeit der Befmchtnngsfähigkeit 
von selbst voraussetzend. Es ist aber Pflicht des Arztes, bei sich dastti 
eignender Sachlage den Richter eines Bessern zu belehren und ihm be- 
merklich zn machen, dass es nicht wenige Behinderungsmittel der Frochl- 
barkeit des Beischlafs giebt, wenn der vorliegende Fall dazu Veran- 
laasnng gtebt. 

Die Zeugungsfähigkeit des Mannes setzt zunächst die Existenz von 
Hoden an sich voraus. Die Dnplicität derselben ist ein Lnxiis der 
Natnr*), denn dass Ein Hode vollständig zur Zeugung hinreicbc 
(Monorcbiden) — es braucht jetzt nicht mehr hinzugefügt zn werde 



^) Die «mehrfachen Hoden*, wie sie altere Schriftsteller beschreihon, mä 
För«ter's gewiss Hebtiger Ansieht ungeDane Beob»chtQiigen; Hundb* d. 9(»»e, 
JinBtomie, Lfipii^* 1854. S, 249, 



§. 7. Zeu^n^sun^higkeit beim Hanne. 



79 



auch zar Zeugung beider Gtesrhlechterü — dafür habe ich selbst bei 
2wei Männern in glücklichen Ehen Beobachtungen gemacht, wie dies 
auch wohl nirgends mehr bestritten wird. Eben so wenig wie Hoden- 
dnplicität ist die Lage des Testikel im Scrotum nothwendige Bedingung. 
Sixtns der Fünfte erklärte 1587 in einem Schreiben an seinen Nun- 
tius in Spanien, veramthlieh wähl nicht ohne Sachverständige vorher 
gehört zu haben, dass allen Männern, bei denen keine Hoden fühlbar 
seien, das Eingehen einer Ehe Tersagt bleiben solle, und noch 1G65 
verfahr das Pariser Parlament nach dieser canonischen Bestimmung, die 
nicht wenige Männer ganz ungerechtfertigt getroffen haben dürfte. Denn 
bei der zuweilen Torkommenden Bildung, bei welclier die Testikel dicht 
vor dem Bauchring liegen bleiben, und daselbst noch sehr deutlich wahr* 
genommen werden können, liegt kein Grund vor, an der Befruchtuügs- 
fähigkeit solcher Individuen zu zweifeln, obgleich ihre Uoden im Hoden- 
saeke nicht fühlbar sind. So fand Bei gel*) in einem neueren Falle, 
einen 22jährigen Menschen betreffend, in der ejaculirten Flüssigkeit 
Spermatozoen in grosser Menge* 

Was aber die Fruchtbarkeit der höheren Grade versteckter Hoden 
betriiit, wo die Hoden an ihrer ursprünglichen Stelle in der Bauch- 
höhle zurückgeblieben sind (Kryptorchiden, Testiconden), so 
w^äre dieselbe zwar nach den Unter snchuD gen von Curling**) stark zn 
bezweifeln und nur als eine Ausnahme zu betrachten, denn er fand das 
ejaeulirte Sperma nur aus einer klaren, visciden Flüssigkeit, entsprechend 
den Secreten der Saamenwege, bestehend, die sowohl des characteristi- 
schen Saamengeruches, wie der Spermatozoen entbehrte; die Hoden 
selbst kleiner, die Saamencanälchen collabirt, verwachsen, mit fettig de- 
generirten Zellen gefüllt, die Hodensubstanz in eine bintlegewebsartige 
Masse ver^^andelt, und auch die französische Schule vertreten durch 
Goubana, Follin, Gossilin, Godard***) ist dieser Ansicht; indess 
sind doch auch Fälle von Testiconden bekannt, welche in verschiedenen 
Ehen Kinder zeugtenf), und Angesichts solcher Thatsachen kann man 
sich nicht unbedingt und allemal für die Sterilität von Testiconden aus- 
sprechen. Uebrigens ist die Monorchidie und mehr noch die Kryptor- 
chidie ein seltenes Vorkommniss, Mars hall fand unter 1000 Rekruten 
nur einen Monorchis und unter 10,000 einen Testiconden. In dem vollends 



*) Bei gel, Fall Toa doppdse »tigern Kryptorchismus. Yirchow'a Archiv. Bd 
lOa. S. 144. 

•*) Curling, Obsenrations ou sterility in man. Aval 186i, 

•**) E, Godard, Recbercbes sur les monorcbides et les cryptorchiiles chez PhoTniöe» 
Pmm 1856 (Virchow, Ärchir u. a. w. XII. L S. 128), begründot seinen Zweifel durch 
die nicht TÖIIige Glaubwürdigkeit der Frauen in so leben Fällen. 

t) Taylor, Med. juiispnidence. London 18G5^ p. 867. 



80 



§. 7, Zeujarrinffsunfaliii^keit beim Manne» 



seltenen, rair noch niemals vorgekommenen sitreitigeii Falle würdeo, da 
die Kryptorehie am Lebenden sirJi ni(*ht ermiitelo oder beweisen lässt, 
alle übrigen Charactere der Maiinheit nm so schärfer zu prüfen, vor AUeni 
auch die Beschaffenheit des ejaeiilirten Saamcns in's Auge zn fassen seht 
Eine jener müssigen Subtilitäten der älteren geriehtUchen Me- 
dirin, an denen sie so reich war, ist die: ob ein beider Hoden Be- 
raubter kurz nach der Castration noch zeugen könne? Abgesehen 
davon, dass alle Gesetzgebungen seit der römischen einen Endter- 
min für die Schwangerschaft (Vaterschaft) aufstellen, und für die Ca- 
straten keiner Exemtion erwähnen, dass folglich, wenn ein Castrirter 
bald nach der Operation den Coitus vollzöge, die weibliche Person sieh 
in Folge desselben für schwanger erklärte und die Geburt innerhalb der 
gesetzlichen Frist erfolgte, der Castrat ohne Gutachten der Sachverstän- 
digen in der Regel als Vater präsumirt werden würde, so liegen noch 
andere Gründe vor, um die Frage vom practisehen Standpunkt aus als 
eine müssige erschelneu zu hissen. Dass nJLmlich ein Castrirter nicht 
von Stunde an beischiaff>unfähig wird, ist nicht zu bezweifeln. Pe- 
ter Frank (medic. Polizei) erzählt die Fälle von vier (eastrirten) So- 
pransängem, die in einer kleinen italienischen Stadt so viel geschlechUi- 
eben Unfug mit Weibern trieben, dass sie ausgewiesen wurden. A* Coo- 
per*) kannte einen Mann, dem beide Hoden exstirpirt worden, wfihreiid 
t?9 Jahren. Die ersten 12 Monate hatte dieser Mann nach seiner Angabe 
bei Befriedigung des Geschlechtstriebes Ejaculationen oder wenigeteni 
das Gefühl, als ob dergleichen Statt landen. Später hatte er, de 
nur selten, Erectionen und befriedigte den Geschlechtstrieb ohne 
Gefühl der Ejaculation, und nach zwei Jahren waren die Erectionen 
sehr selten und unvollkommen und sie hörten, sobald er den Coitus zn 
vollziehen suchte, sogleich auf* Zehn Jahre nach der Operation tlieilie 
er A, Cooper mit, dass er während des verflossenen Jahres den Ge- 
schlechtstrieb einmal befriedigt habe. Achtundzwanzig Jahre nach de 
Exstirpation gab er an, dass er schon seit vielen Jahren selten Er 
tionen habe, und dass sie dann nur rnivollständig seien. Seit vielen Jah- 
ren habe er nur selten und ohne Erfolg versucht, den Geschlechtstrieb n 
befriedigen, und nur ein paarmal habe er wollüstige Träume ohne Kja- 
culation gehabt. Ein noch schlagenderes Beispie! bietet der von Kr ah* 
mer erzählte Fall**,). Ein 22 jähriger junger Mann schnitt sich beidt 
Hoden und Nebenhoden mit einem Rasirmesser ab. In der Nacht vom 
IL zum 12. Tage hatte er eine freiwillige Saamenergi essung, jedodi 
wurde das EjacuÜi'te nicht microscopisch untersuciit. Seitdom hatti^ die 



•) l>jö BiWiing und KranMioitcn Am Hoilcns. WeimÄf 1832. S, 21. 
♦*j Himdb. *J, ger. Medic'm Hnlle 1851, 8. 303. 



f. 7. Zcufnmg:sunf&higkeit beim Maim«^. 

GescMechtsthätigkeit de? Menschen (18 Jahre narh dem Vorfalle) ganz 
^aufgehört. Aber man setzte nun voratts, dass ein unlängst Castrirter, 
er ja als solcher immerhin noch heischlafsfähig sei, beim ersten Bei- 
schlaf mit dem nunmehr noch in den Saamcnbläschen vorhandenen und 
befnichtnngsfäliigen Saamen zengen könne. Erwägt man indess da.s 
lange Krankenlager, das der Castrirte nach der Operation ansznbalten 
hat, die lästigen Bandagen, die knappe Diät n, 8. w., so wird man sich 
nicht irren, wenn man annimmt, dass er in den ersten Wochen wohl 
schwerlich sich zn einer geschlechtlichen Thatigkeit angeregt fühlen wird, 
und dass wahrscheinlich schon froher, entweder wie im eben erwähnten 
Falle, die Natnr durch spontanen Saamenergnss die überflössig gewor- 
dene Keimtlüssigkeit fortschaften oder die Keimelementc anderweitig zu 
Grunde gegangen sein werden. Hierzu kommt aber eiidUch eine andere 
Erwägung, die nämlich, dass eine Castration an sich in der weitaus 
gr^ssten Mehrzahl aller Fälle schon eine lange bestandene vorangegan- 
gene Krankheit der Hoden voraussetzt, welche die Organe längst für 
ihre Function untauglich gemacht haben musste. Alle diese Grunde und 
Thatsachen berechtigen zu der Annahme: dass die Frage von der mög- 
lichen Zeugungsfahigkeii der Castrirton nicht die geringste prac- 
tische Wichtigkeit hat. 

Aber die Existenz der Hoden an sich ist wieder nur in sofern 
nothwendige Bedingung der Zeugungsfahigkeit, als sie das Saamen be- 
reitende Organ sind, Sic fungiren indess bekanntlich nicht in dieser 
Weise zu allen Zeiten und unter allen Umständen, physiologisch nicht 
in gewissen Lebensaltern, pathologisch nicht bei gewissen Krankheiten, 
denen sie unterworfen, und wohin Carcinom, Atrophie, Cystosarcom, 
TobercnJose und Enchondrom zu zählen sind. Hierher gehören weiter 
auch die Krankheiten der Saamenbläscheu, welche die patbologischa Ana- 
tomie aufzählt: chronische Entzündung mit Hypertrophie und Vereite- 
rung der Wände, Tuberculose und Carcinora, Ferner Krankheiten, na- 
mentlich Verstopfung der Ausführungsgänge der Hoden durch vorauf- 
gegangene doppelseitige Epididymitis gonorrhoica oder tnberculosa, 
wobei die BeischlafsföJiigkeit erhalten bleiben, die Befruchtungsfähigkeit 
der Ejaculation, die auf eine geringe Quantität klarer viscider Flüssig- 
keit reducirt werden kann, durch Fehlender Spermatozoen aber verlo- 
ren geben kann, Endlich ist auch hier noch eines anderen Hindernisses 
TUT Befruchtung trotz vorhandener Beischlafsfähtgkeit zu erwälmen, näm-" 
lieh hochgradiger Hamrubrenstricturen, durch welche dem Saamen der 
Auflitritt gewehrt wird, so dass er während der Copulation in die Blase 
regurgitirt. Dieser Zustand ist indess durch angemessene Behandlung 
beübar und als ein dauerndes Befmchtungshinderniss nicht zu erachten. 



82 



§. 7. ZeuguugBunfahigkeit beim Manne. 



Viel häufiger vorkomnieDd als die patholof^schon, und viel schwieriger 
zu beurtheilen, wo es in foro als solches angegeben wird, ist jenes 
physiologische Hinderoiss, das zur ZeugüDg untaugliche Lebens- 
alter. Es ist gewiss, wenn auch in der Kegel hierin kein Unterschied 
gemacht nnd nur im Allgemeinen von Putiertätseotwicklung, von Mann- 
barkeit gesprochen wird^ dass die Fähigkeit zum Beischlaf beim Manne 
früher beginnt und später anfhört, als die Zeugangsföhigkeit Der Rö- 
mer P. Zacchias*) lässt jene mit zwölf, diese meistens mit dem fünf- 
zehnten Jahre beginnen und die Potentia coenndt im siebenzigsten Jahre 
aufhören. Für unser nördliches Klima ist aber jedenfalls der Termin hin* 
auszurücken, und die Beiscblafsfähigkeit junger Männer etwa von dem 
dreizehnten, die Zeugungsfähigkeit etwa von dem fünfzehnten bis sechs* 
zehnten Jahre an zn datiren, während nicht durchaus behauptet werden 
kann, dass die letztere mit siebenzig Jahren unbedingt aufhöre. Mir we- 
nigstens ist der unverdächtige Fall eines hiesigen Universitäts - Pedells 
bekannt, welcher mit Tf) Jahren seine 39jäbrige (verwachsene) Frau in 
zweiter Ehe geheirathet hat, und dieselbe im ersten Jahre seiner Ehe 
eines Knäbleins genesen sah. Wir legen im Üebrigen woniger Werti auf 
die zahlreichen hekaont geraachten Fälle von ungewöhnlich frühen und 
ungewöbolich späten Vaterschaften, von angeblichen Schwangerem von 
12, oder von IM», 100, 115, 118 Jahren*^), weü diese Fälle nicht Stand 
hatten vor der Kritik, die wir nirgends mehr als auf diesem Felde in 
der geriehtlicfien Medicin festhalten müssen. Wichtiger aber ist die 
Thatsache, dass Duplay in 37 Fällen bei 51 Greisen, von denen 9 das 
achtzigste Lebensjahr überschritten hatten, Saamen mit Saamenfld- 
cheu fand***), wie ich auch selbst bei den Obductionen von Männern m 
Ende der siebenziger Jahre dergleichen wiederholt gesehen habe, ja so- 
gar einen Fall von Vorkommen von Saamenfädchen im sechsundneun- 
zigsten Lebensjahre anführen werde. Wenn aber für den concreten gc 
richtüchen Fall, in welrbem diese Frage erhoben wird (s. 28. bis 
Fall), schon die schwankende Bestimmung, betreffend das zeugungsfähige 
Alter an sich eine Schwierigkeit bietet, so erhöht sich dieselbe noch in 
der Erwägung, dass mannigfache individuelle umstände innerhalh 
der schwankenden Grenzen noch wieder Verschiedenheiten bedingen, En 
ist allgemein bekannt, wie sitzende Lebensweise, Verzärtelung, Aufre- 
gungen der Phantasie, kräftige und erhitzende Nalirung u. s. w. die 
achleehtsentwicklung begünstigen und beschleunigen, wie die entgege 
gesetzten aetiologischen Momente sie verzögern, allgemein bekannt^ wie 



•> Quaest, S. 267. 

**) Eine Sammlnng toq Citaten ht^i Siebenbaar a. a. 0. S. ^9. 
♦^) Valentin, ürundr d. Physiol. i. Aufl. 1S55. S, 802. 



§. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibe. 83 

körperliche Krankheit nnd Schwächlichkeit, Excesse in venere n. s. w. 
die Zengimgsfähigkeit abnutzen, wie die entgegengesetzten Verhältnisse 
sie lange hinans erhalten können. Auf alle diese Umstände ist deshalb 
bei der Beortheüang des individuellen Falles mit und neben der Er- 
wägung des in Frage stehenden Hauptmoments, des Lebensalters, 
Rücksicht zu nehmen. Der Gerichtsarzt wird hierbei freilich oft genug 
in den Fall kommen, für die Möglichkeit der Zeugung bei halben Kna- 
ben oder bei Greisen stimmen zu müssen, 'wenn auch seine morali- 
sche Ueberzeugung, die er aber überall schweigen lassen muss, ihm 
die gegründetsten Zweifel an der vorgeblichen Vaterschaft aufdringen 
sollte. In zwei Fällen mussten wir in dieser Lage die Zeugungsfähigkeit 
janger Männer als möglich annehmen, von denen der Eine 13 Jahre 
10 Monate, der Andere 14 Jahre 2 Monate alt war. Beide aber unge- 
wöhnlich früh vollkommen entwickelt, Beide schon in den Geschäften 
ihrer Väter selbstständig thätig, obgleich in beiden Fällen die angeblich 
von ihnen Gleschwängerten notorisch liederliche Dirnen waren! (s. auch 
28. Fall). Nicht viel anders war der unten folgende 30. Fall, einen 
angeblichen 74jährigen Schwängerer betreffend. 

§. 8. r^rtsetiang. 2) Vnfrachtbarkeit beia Weibe. 

Mit der im vorigen Paragraphen genannten Maassgabe und Aus- 
dehnbarkeit lassen sich die Altersgrenzen der weiblichen Fruchtbar- 
keit genauer bestinmien, als beim Manne, da die Natur in der durch 
die Menstruation sinnlich wahrnehmbaren Lostrennung der Fruchtkeime 
vom Eierstocke und durch das Aufhören dieses Processes im spätem 
Alter deutlichere Grenzen gesteckt hat, während die blosse Beischlafs- 
fähigkeit beim Weibe unter ihren allgemeinen normalen Bedingungen 
(§§. 3. und 6.) niemals im Leben aufhört. Unter Berücksichtigung der 
obigen Modalitäten lässt sich der Anfang der Fruchtbarkeit bei Mäd- 
chen in unserm Klima vom dreizehnten bis fünfzehnten Jahre datiren, 
das Ende derselben vom fünfzigsten bis zweiundfanfzigsten Jahre an- 
nehmen. Dr. Cortis in Boston sah im Armenhause der Stadt ein 
Mädchen, welches im Alter von 10 Jahren 8 Monaten und 7 Tagen von 
einem ausgewachsenen männlichen Kinde, welches S Pfund wog, ent- 
bunden worden. Die Mutter hatte vor der Schwangerschaft ein oder 
zwei Mal menstruirt. Dunlop, der Herausgeber der englischen Aus- 
gabe von Beck's Handbuch*), sah in Bengalen „zuweilen eine unter 
zwölf Jahre alte Mutter", und versichert, dass die Fabrikmädclien in 
den grossen Baumwollenfabriken von Manchester und Glasgow, die auch 

^ Elements of med. jurispr. London 1825. S. 83 Anm. 



84 §• 8- Unfruchtbarkeit beim Weibe. 

in sehr hoher Temperatur und unter den entsittlichendsten Verhältnis- 
sen leben, zuweilen ähnliche Fälle lieferten. De Soyre*) entband eine 
dreizehn Jahre alte Mutter von einem lebenden Kinde, die selbst ge- 
sund blieb, und ich sah hier in Berlin ein nach vollendetem 11. Jahre 
geschwängertes Mädchen, welche eines lebenden Kindes entbunden wurde. 
Solche Fälle sind glaubwürdig, wie auch andrerseits Fälle von 52 jäh- 
rigen Müttern von Carpenter, Powell, Bloxam**), Sims*^) mit- 
getheilt werden, während ein Fall von einer 58- bis 60jährigen Zeugerin 
von Sims selbst zweifelhaft gelassen wird und auch die mehrfiacfa be- 
richteten Fälle (Siebenhaar a. a. 0.) von fruchtbaren Frauen von 60 
und 70 Altersjahren lebhaftem Zweifel Raum geben müssen. Devergie 
(Med. legale I. S. 435) berichtet, dass ein Mann, dessen Erbfähigkeit 
man im Jahre 1754 bestritt, weil seine Mutter von deren Mutter erst 
mit 58 Jahren geboren worden sein sollte, sich bei der Academie Raths 
erholte, und dass diese aus den „Annalen der Medicin^ folgende Fälle 
zu seinen Gunsten citirt habe. 

„ Cornelia, aus der Familie der Scipionen, gebar einen Sohn mit 60 Jahren. 
Marsa, ein Arzt in Venedig, irrte sich in Betreff der Schwangerschaft bei einer 60jäh- 
rigen Frau, die er an Wassersucht leidend hielt. Delamotte citirt einen Fall eines 
51jährigen Mädchens, welches Mutter ¥nirde, nachdem sie sich nie, aus Furcht Kinder 
zu bekommen, hatte verheirathen wollen. Gapuron sagt, dass es in Paris für gewiss 
gilt (sie!), dass eine Frau in der Strasse de la Harpe'' (wer Paris kennt, weiss, welche 
Klasse der Bevölkerung dort wohnt, kleine Krämer, Handwerker u. dgl.) „mit 63 Jahren 
eine Tochter gebar." 

Sind das Beobachtungen, die irgend eine wissenschaftliche Beglau- 
bigung haben? Wir haben bereits angeführt (§. 1.), dass uns alljähr- 
lich Fälle vorkonmien, in welchen richterlicherseits in Frage gestellt 
wird, ob eine bejahrte Frau in ihrer jetzigen, oder in einer zweiten von 
ilir einzugehenden Ehe muthmaasslieh noch Kinder (Erben) gebären 
werde? Gewöhnlich sind dies Frauen, die sich dem fünfzigsten Jahre nä- 
hern, wenn nicht dasselbe schon längst überschritten haben, und die 
bereits seit längerer Zeit nicht mehr menstruirten. Man achte dann dar- 
auf, ob sich bei solchen Frauen die allgemeinen Zeichen begonnener 
oder vorgerückter Decrepidität kund geben, altes Aussehen, geschwun- 
denes Fettpolster, welke, mehr oder weniger geschwundene Brüste, ab- 
gemagerte Schenkel, und wird dann bei solchen Befunden, in Verbin- 
dung mit der Berücksichtigung der Altersjahre, mit mehr oder weniger 
Sicherheit das Urtheil abgeben können, dass von dieser Frau Leibeser- 



*) Gaz. des hopitaux. 1863. 111. 
*•) British med. Joum. Novbr. 1863. No. 151. 
♦♦♦) Sims a. a. 0. S. 24. 



§. 8. Unfruchtbarkeit beim Weibe. 85 

ben nicht mehr zu „vermuthen* sind. (ADg. Landrecht.) Ich weiss nicht, 
ob der Gerichtsarzt eine Regressklage zn besorgen hätte, wenn der Er- 
folg ßp&terhin sein Gutachten Lügen strafen und die Frau doch noch 
wieder schwanger werden sollte, kann aber versichern, bis jetzt, bei sorg- 
samer Erwägung der obigen Momente noch niemals in solchen Fällen 
in unangenehme Weiterungen gekoiümen zu sein. 

Wir haben vom natürlichen Aufhören des Menstruationsprocesses 
gesprochen. Blosse Menstruationsanomalieen in jeder denkbaren 
imd vorgekommenen Form, vrie z. B. nie Vorhandengewesensein der 
Katamenien, Verschwinden derselben lange vor der Zeit, jahrelange Ces- 
sation, höchst unregelmässiges Erscheinen, Abweichen in Qualität und 
Quantität des Blutes von der Norm u. s. w., können niemals als Grund 
znr Annahme der Unfruchtbarkeit der Betreffenden geltend gemacht wer- 
den. Denn abgesehen von nicht wegzuleugnenden Erfahrungsthatsachen 
von Schwängerungen in allen jenen Fällen*), sind dieselben auch phy- 
siologisch ganz erklärlich. Denn nicht die Blutung ist das wesentliche 
Moment der Menstruation, dieser „weiblichen Brunstzeit**, sondern die 
Evolution der Graafschen Bläschen, die periodische Reifung und Lö- 
sung der Eichen, verbunden mit einem Orgasmus in den innern Geni- 
talien, der allerdings in der Regel eine Uterinblutung zur Folge hat. 
Die Menstruation ist ein Zeichen der Ovulation. Denn dass die Quelle 
des Menstrualflusses der Uterus ist, wofür gewöhnlich die Eine Section 
von Maurice au angeführt wird, der bei einer während der Menstrua- 
tion gehängten Verbrecherin die innern Wände der Gebärmutter mit 
Blut bedeckt fand, dafür kann ich, wenn es jetzt noch dieses Beweises 
bedurfte, zahlreiche gerichtliche Obduetionen bei Weibern anführen, die 
während der Menstruation irgend welchen gewaltsamen Tod gestorben 
waren, und bei denen wir die blutige Secretion an den Uterinwänden 
&nden. 

Ein Weib muss unfruchtbar sein: 1) wenn die äussern oder die 
innem Geschlechtstheile ganz fehlen. Gänzlicher Mangel der Scheide 
aber ist eben so selten, wie das vollständige Fehlen des Uterus, und dann 
gewöhnhch mit anderweitigen Bildungsfehlern der innern und äussern 
Genitalien verbunden**). 2) Wenn die Befruchtungsorgane wegen krank- 



*J 8. XL. A. Remer's Anmerkung zu §494. von Metzger's System; Mongiar- 
dini in Harless u. Ritter's Journal d. ausl. Liter. V. 2.: Meckel's Archiv für 
Physiol. Bd. IV. u. VUI.; Flechner in Oesterr. med. Jahrbücher. Bd. XXX. St. 4. 
Ich selbst habe eine kräftige, gesunde, 32jährige Bäuerin gesehen, die in ihrer Ehe be- 
reits drei Rinder geboren hatte, ohne bis dahin jemals menstruirt gewesen zu sein. 
I>er Fall war kein gerichtlicher , folglich Lüge und Simulation ganz ausgeschlossen. 
Aehnliche Fälle bei Sims a. a. 0. S. 24. 

••> Kiwisch, Klinische Vorträge. II. 3. Aufl. Prag 1857. S. 373. 



86 



§. 8 tTnfnicbibarkelt beim Wetbe, 



hafter Affeetion ihre norm«lea Verriehtimgen eben bo wenig, wie jede 
andre kranke Organ die öeinige ausüben können. Freilich schliessen 
nicht uUe Krankheiten des ütenis und der Ovarien die ConeeptioQsfS- 
higkeit aus, namentlich bedingen Skirrh und Carcinom der Scheiden- 
portion und Polypen des ütenis nicht abBolut die Unfruchtbarkeit, wohl 
aber hypertrophische und atroph ist' lnj Degeneration des üterusparenehyma 
oder der Ovarien, Hydrovannm u. dgl. 3) Wenn die Befiruehtnngsflüssig- 
keit nicht zum Eichen gelangen kann. Hierhin gehören natürlich schon 
alle jene Momente, welche die Beischlarstähigkeit ausscbliessen (§. 3.)t 
sodann obtorirende Körper im obern Tbeile des Seheidenkanah (G^ 
schwülste, incrustirte oder überhaupt fest liegende, nicht ohne Beifaülfe 
zu entfernende Pessarien), Verwachsungen oder Verengerungen dea 
äussern oder innern Muttermundes, die manchmal so bedeutend, dasa 
kaum die feinste Sonde einzudringen vermag*), völlige Ausstopfong dea 
Uterus mit Geschwülsten, Verwachsung der Tuben u. dgl. Bemerkeij 
werth ist auch, dass nach de« sehr erfahraen Berliner Gebnrtsbelfe 
C. Mayer Beobachtungen Anteilexionen und Retroflexionen des Ctem», 
wegen gehinderter Leitung des Saamenstrahls , eine verhältnissmässig 
häutige Ursache der Conceptionsunfähigkcit sind, denn Mayer fand (a. 
a. 0.) unter if72 sterilen Frauen 1'7, also mehr als den dritten Theü, 
die an Flexionen litten, und Marion Sims^) berichtet, dass unter 250 
verheiratheten Frauen, welche niemals geboren hatten, bei 103 Ante- 
versionen, bei 68 Retroversion bestand, und dass unter 255, welche ge- 
boren, aber aus irgend einem Grande vor der natürlichen Zeit zu ge- 
bären aufgehört hatten, ßl an Anteversion und 111 an Retroversioa 
litten, welches ein Verhältnlss von etwa zwei Drittheilen repräseotirL 
In geri*'hllich-prrictischer Hinsicht ist aber zu erwägen, das» viele der 
aufgezählten Momente im Leben sieh schwer mit einiger Sicherheit oder 
gar nifht diagnosticiren lassen, dass andere nur vorübergehend and heil- 
bar sind, und dass folglich o)it der Möglichkeit der Beseitigung dea 
Hindernisses auch die Möglichkeit der Conceptiousfähigkeit gegeben ist^ 
und dass, wie die Edahrung mich gelehrt bat, alle diese aufgezählten 
Ursachen in foro kaum je und ungemein häufiger vielmehr ganz indiTi- 
duelle angebliche Hindorungsgründe der Fruchtbarkeit zar Sprache kom- 
men. Dahin gebort, namentlich die schon oben erwähnte vorgebliche 
^aDüberwinilliche Abneigung** gegen den Ehemann in Ehescheidunga* 
klagen, welche oft durch die absurdesten Motive glaubhaft zu macheo 
versucht wird; das angebliche gänzliche Fehlen der Wollustempfindong 



•) a Mayer in Virchow's Archiv f, path^ Änat, 1856, Heft l, u. 2- 
*^i M. 8i«i!* ft, a, 0. S. 181. 



|. 8» ÜQfruditlMtrkeit beim Weibe. 



87 



im BegattoDgsakt, die für die Frage dtirehaiis unerheblich ist, n. dgl m 
Bei alleü Angaben, rein psychische Gründe znr Conceptionsfähigkeit be- 
treifend, muss zunächst immer wieder die änsserste Vorsicht das ür- 
theil leiten, weil diese Angaben sich jedem Beweise entziehen und eben 
deshalb auch so oft ganz ans der Luft gegriffen werden, und ferner 
lehrt die alltüglichste Erfahrung, dass alle reia psychischen ßediogungen 
2ur (relativen) Unfrnehtbarkeit^ auch wo sie zugegeben werden mögen, 
sich, wie alle blosse Stimmungen, oft genug mit der Zeit ganz von selbst 
ausgleichen. In den Ehen der niedrigsten Volköklassen sieht man zahl- 
reiche Misshandlungen aus gegenseitigem Hass mit zahlreichen Schwän- 
genmgen fortwährend im schönsten Verein! 

Anderen behaupteten Bedingungen zur Conceptionsfähigkeitj wie 
z, B, der schon von P. Zacchias angegebenen, dass Coitus im Stehen 
die Befruchtung hindere*), oder derjenigen, auf die Hohl**J au&nerk- 
sam macht, dass nämlich das Abfliessen des Saameni aus der Scheide 
beim Beischlaf die Conception verhindere, ist ein Werth für gerichtliche 
Fälle nicht zuzustehen, einerseits, weil auch hier wieder der Beweis 
der Wahrheit nicht zu führen, und sodann, weil die Physiologie sich da- 
gegen sträubt, da die erforderliche, so äusserst geringe Menge Befruch- 
tuiigsfiüssigkeit bei jeder Begattangslage in die Seheide zu dringen ver- 
mag, wenn nicht anderweitige Gründe dies verhindern. 

Insofern aber die Conceptionsfähigkeit als Begriff identisch ist mit 
dem der Fortpflanzungsfähigkeit, wird ein Weib auch für unfruchtbar 
zu erklären sein, wenn sie zwar concipiren, aber die coneipirte Frucht 
nicht gebären kann, sondern voraussichtlich bei der Geburt ihr Leben 
risklrt (z. B- Deformitäten des Beckens, Conjugata von 2 Zoll u. dgl), 
oder mindestens in Folge der Geburt von einem bedeutenden unheilbaren 
Gebrechen bedroht wird, z, B. Zerreissung der Scheide und des Mast- 
darms. Die Erfahrung*) hat uns zu dieser neuen Ausdehnung des Be- 
griffes Conceptionsfähigkeit genöthigt, die besonders criminalistisch von 
grosser Wichtigkeit ist, da die Deutschen Strafgesetzbucher von einer 
^Beraubung der Zeugungsfähigkeit** durch Körperverletzungen sprechen, 
ein Weib aber durch Verletzungen, ohne eigentlich conceptionsuofähig 
zu werden, gebärunföhig werden kann, und dann eben so wenig zur 
Fortpflanzung tauglich ist, als wenn sie conceptionsunfähig wäre. 



•) Qiiacat. S. 632. 
•♦) Ä. ft, 0. S. 129. 
•^ ft. ciaeo derartigen P&ll Im Kapitel ^Verletxangon" 



88 



Zeugungäfabigkoit. §. 9. CasuisÜk. 21 25. Fall. 



§. 9. Cisvistik. 

U. und Z%. Fall. Üb zwei Gatten in zeugungsfähigem AUerf 

Niurh einer testamentanscben Be^stimmung sollte ein Ehepaar ein Kapital, von de 
es bisher uur den Nies-iibraucb (tu Guust^D küuftiger Kinder) hatte, ganz ausgetAhlt i 
halteu, weun von diesem Paare Kinder nicht mehr zu erwarten wären. Dies der Qt 
der ge^ichtäär^^lichen Exploratioü. Der Mann, ein Ar^t^ war dreiundsiebenzig Ja 
alt, sein jüngstes Kind war Tor 27 Jahren gezeugt worden. „Er ist ein schw&dilii 
Mann, fast gauz zahnlos, mit grauen Haaren und hat einen grossen Scrotalbmcb und 
den Cbaracter der volligftn Decrepiditlt. Die Angabe dessclbeD, dnss er bereüi 
Jahren keine freiwillige nächtliche Saamonergiessungeu mebr gehabt, erscheint bt« 
völlig glaubhaft.* — „Wenn ab«>r'', sagte ich weiter im Gutachten, ,, einzelne 
Ton Zeugung&kraft bei Männern in noch vorgerückterem AJter in der Erfahrung TOrkl 
gen« 80 darf in Fallen « wie der vorliegoüde, wo nur allein das Alter 3:u Zweifeln An- 
las» giebt, eiue absolute Impotenz nur mit der aussersten Vorsicht angenommen werden* 
Ich mnss mich deshalb dahin äussern : daaa der Dr. X. mit höchster Wahrscbeinlichkeil 
keine Kinder mehr zeugen wird, dasa derselbe jedoch in Beziehung auf seine jettiga 
Ehe aU impotent betrachtet werden muss. Seine Ehefrau nämlich iat dreiundsechxig 
Jahre alt, mit welcher Angabe ihr Aeus&eres übereinstimmt* Mit ib Jahren, folglich 
seit bereits IS Jahren, will sie ihre Regeln verloren habea, was in Betracht ihrer sieben 
Entbindungen und des ömstandes, dass diese Function bei ihr schon sehr froh eing»- 
treten, nicht unwabrBcheinlich ist. Die X. ist übrigens eine schwächliche, gana abge- 
lebte Fruu, die sott 27 Jahren nicht mebr concipirt hat, und ich nehme keinen Anstand 
mich dahin zu äussern: dass dieselbe jetzt nicht mehr im Stande ist. zu empfaDgen. 
In Beziehung auf die Ehe beider Eiiploraten aber gebe ich mein Gutachten dahin ab: 
dass ans der Ehe des Dr. X, mit seiner Jetzigen Gattin Kinder nicht mehr zu erwarten 
sind.* — Beide sind später kinderlos gestorben. 

23. und M. FalL Ein ähnlicher Fall. 

Ganz dasselbe ürtheil musste in einem anderen Falle abgegeben werden, in wel* 
ehern der oben uiitgetheilte § G69. des Allg. Landr. in Frage stand, indem Ehelente 
von noch nicht fünfzig Jahren ein Kind zu adoptiren begehrten. Der Mann, iS Jahre 
alt, körperlich ge.sund und geschlechtlich vollkommen itormal gebildet, musste natdiiieb 
unbedingt für nicht zeugung^^ unfähig erklärt werden. Die Frau, 49 Jahre alt, halte mII 
drei Viertel Jahren die Meoses verloren, nachdem längere Unregelmässigkeiten, wie io 
oft, vorangegangen waren, ihre Musculatur war schlaff und welk, ihre Brüste halb ge- 
schwunden, nnd dies, verbunden mit der Erwägung der Thatsache, dass beide EheletiSe 
während einer neunzehnjährigen Ehe keine Kinder erzielt hatten, bestimmte mich m 
dem Ausspruch: dass aus dieser Ehe die Erzengnng ehelicher Kinder nicht mehr eq 
erwarten sei- 

Eine weitere Casuistik mehrerer vorgekommener derartiger Fälle unterdrücken wir«' 
weil ihre Beurtbeilung nach den oben anfgeateüien allgemeinen Grundsätzen keine 
Schwierigkeiten bieten wird. 



15. Fall Fragliche Unfruchtbarkeit 

Den folgenden, in einer Vormundschaftssacbe vorgekommenen Fall theÜe idi otiS, 
weil er eigenthümlich ist und zu einer richterlichen Rückfrage Anlaas gegeben belü,, 



S^eo^jigsf^hif^keit §. 9. GasuistiJc. 26. Fall. 



89 



jtojteBd j j JftHM p» ■ ,ob die Wittwe K- üoch Kinddr zu gebären im St&ade?*i welche 
w( fif^lßiBL,mSik als 55 Jahro alt angab , ,seit £6hn Jahren die Regeln verloren haben« 
and nachdem sie in den er^^ten zehn Jahren ihrer Ehe neun Kinder geboren, in den 
letzten acht Jahren derselben nie wieder concipirt haben wollte. Die grossen Lefzen 
ir«reii eingeschrumpft, die Vaginal portion sehr verkürzt und atrophisch und die Brüste 
sehr welk und rnnzllg; dagegen zeigte das allgemeine Aussehen der Frau eine verhält- 
mäsmääsige ungewehnliche Frische, das Pigment ihrer Haare, die sämmtlichen Zühne 
«mren wohJerbalten, und mau durfte sie höchstens alä eine Frau von 46 bis 48 Jahren 
schltEezi. Dem Allen nach glaubte ich nicht weiter, als bis zu dem Ausspruch gehen 
SU darf«n: dasa es ^fast als gewiss' an^uuebmen, d&ss die Wittwe £. nicht mehr im 
Stande «ei» Kinder zu gebSren» wobei ich bemerke, dass nach der obigen Stellung der 
Pr»ge des Richters diesmal keine Ennartung oder Vennuthung, sondern ein Ja oder 
Kein gefordert worden war. In der Thüt genügte dies »fast gewiss" diesmal nicht, und 
ich erhielt den Taufschein der E, und zwei Atteste ihrer Aerzte zugesandt, wonach die 
An^ben derselben aber ihr Alter uad ihre froheren Conceptionen u. s w. vollständig 
b«flftiligt wurden. Unter Anführung der Gründe nahm ich nunmehr keinen Anstand, 
die feniere Unfruchtbarkeit als gewiss auszusprechen. 

In einer grossen Menge analoger Fälle, Weiber von nacbweislicb mehr als 50 Jah- 
ren betreifend, die immer theils (eine in 30j ähriger Ehe) niemals, theils seit vielen Jah- 
ren nicht mehr eondpirt, die Menses seit Jahr und Tag oder seit vielen Jahren nicht 
mehr gehabt hatten und den atlgemeinou Character der Decrepidität zeigten, wurde stets 
positiv geurtheilt, dass sie nicht mehr im Stunde seien, Kinder zu empfangen. 



16. Fall Behauptete Unfruchtbarkeit 

In einer Erbschaftsangelegenheit behauptete die zur Wahrnehmung ihrer Interessen 
und Behufs Nachweises ihrer Behauptung aus Süditalien, ihrer jetzigen Heimatb, hier- 
her gereiste Dame, und stand unter Beweis, dass sie nicht mehr Mutter inerden kdnue. 

Zur Empfang ijissfähigk eil des Weibes, sagten wir in unserem Gutachten, sind drei 
Bedingungen unerlässlich: 1) das zeugungsfähige Lebensalter, 2) ein normaler Bau der 
QetfchlechtstheileT oder wenigstens die Abwesenheit solcher angeboruor oder erstorbener 
AbuormitäteD, welche erfahnmpgemäss Beischlaf und Befruchtung verhiodem, und 
3) normale Function der Geschlechtstheile und allgemeine körperliche Gesundheit, oder 
wenigstens die Abwesenheit solcher bedeutender Krankheiten, von denen das eben Ge- 
Bigte gilt. Was nun diese Bedingungen in Beziehung auf Fräulein A. betrifft, so be* 
findet sich dieselbe ad L im Lebensalter von (in wenigen Wochen vollendeten) vierzig 
Jahren, wie der in den Akten befindliche Taufschein erweist, Sie ist folglich jetzt und 
noch für eine Reih^ von Jahren in Betroff ihres Alters unzweifelhaft empfüngniss- und 
folglich fähig Mutter zu werden, da die weibliche Zeugungsfäbigkeit nicht schon mit 40, 
tondem durchscbnittlieh erst gegen das 50ste Lebensjahr erlischt Was ad 2. der Bau 
ihres Korpers in gescblecbU icher Beziehung ergiebt, so hat meine Untersuchung Folgen- 
dea ergeben; E^tplorata ist grade und gut gewachsen, und leidet nicht an Verschiebun- 
g«n des Rückgrats und des Beckens. Ihre Brüste sind massig aber ausreichend ent- 
irickelt und zeigen die jungfräuliche Besc hälfe d hei t. Die Neigung des Beckens ist eine 
TÖliig normale, so dass ein Beischlaf in gewöhnlicher Rückenlage wie bei der grossen 
Mehrzahl der Weiber möglich wäre. Die Bildung ihrer Geschlechtstheile ist völlig nor- 
mal. Die grossen und kleinen Schaarolefzen sind, letztere ziemlich stark entwickelt, 
TorhandeD* Das erhaltene Jungfernhäutchen, das eine nur kleine Oeffnung bat (so wie 
das erhaltene Seheidenbändchen), beweisen die noch bestehende Jungfernschaft der Elx- 
pJor»ta. Der Scheldeueingang ist, wie bei Jungfrauen sehr häufig, sehr ang, was an 



90 



ZeugougsfÜiifkeit §. 9. Casuistik, 27. Fall. 



«ich erfahrungs^mlÄ» Mn Hinderaies für B«isehlaf und Schwingening abgebaa 
Ein kleiner Vorfall (Erschlaffung) der vorderen Scbeidcnwand ist in dieser Bedeboöf 
vou keiner Erheblichkeit Es folgl hieraus, d»5s auch der Körperbau, namcLllich der 
Bau der Genitalien der A. in keiner Weise die 17 o mag liebkeit einer künftigen Jlotter- 
scbaft anzimehmen gestattet, 

Wm nun ad 3, den Oesiindheitsrtistand des Fräuleins A* betrifft, so ist derselbe« 
abgesehen von der in Quantitit und Qualität als normal zu erachtenden Menstmatioti, 
nach ihrer eigenen Angabe, so wie nach den Behauptungen der neapoiitam»chen Aenle 
durch hysterisch-krampfartige Leiden zerrottet Aber abgesehen davon, dasi5 jene in 
den Akten befindlioben^ zum Theil sogar unorlhographiscben i&rzttichen Zeugnifs« «o 
oberflifiblich und ungenügeDd iiind» da.ss sie nicht das geringste Vertrauen ?ardieil«&, 
M wit abgeieben von den Angaben der Explorata, die höchst unbefriedigend sind attA 
sich nur in ganz allgemeinen Redensarten, wie , zerstörte Gesundheit*, „unlei^ 
Nervensystem'' u. dgt bewegen, abgesehen, sage ich, von dem Allen, ist die Kicbtl 
keit der Thatsache vorausgejietzt , dieselbe, wie die gemeinste tägliche Erfahrung lehrt, 
durchaus nicht als eine Bedingung zur Unmöglichkeit einer Mutterschaft anniMlüii. 
Denu es ist allgemein, auch Laien, bekannt, wie oft die schwächlichsten, reizbarttitti 
hysterischen, wie oft auch an Krämpfen leidende Weiber empfangen und Uütter 
den. Allerdings ist daa Auasehen der A. bleich und der Körper — nicht so abgea 
gert, wie sie ihn schildert — aber nur missig genährt, aber sie erfreut tich im AUge« 
meinen einer ganz befriedigenden Gesundheit, und leidet am allerwenigsten an Kra 
heiteu, wie s. B. Mutterkrebs u. A. , die einem Zweifel darüber Raum geben könni 
dasfi sie nicht mehr im Stande sei, zu empfangen und zu geb&ren 

Aus dem Vorstehenden folgt und gebe ich mein Gutachten dahin ab ; dasa die ] 
hauptung, dass Fräulein A. wegen der BeschatTenheit ihres Körpers und ihrer 
heit nicht mehr die Möglichkeit habe, Mutter m werden, der Begründung ermangelt.] 

In den Akten ist von einer früheren Geisteskrank heil der A. die Rede, welche 
hauptet und bestritten worden ist Ich habe nicht geglaubt, diese angebliche Qe 
krankheit in den Bereich meiner Erwägungen ziehen zu müssen, da selbstredend 
selbst noch jetat bestehende, sogar sehr stark ausgesprochene geistige Störung die Mög- 
lichkeit einer SchwäugeruQg nicht atisscfaliessen würde, wie allgemein bekannt ist 



17. PftlL Wegen jugendlichen Alters und Anlage zur Schwindsnehl be* 
hauptete Unfähigkeit eine Ehe einzugehen. 

Diesen Einwand machte der Vormnnd einer wohlhabenden jungen Dame gelleiiid, 
welche die Absicht hatte, sich zu vermählen. Im Gutachten sagten wir; 

Die S. giebi an, dass sie ihre Eltern verloren habe, als sie 9 Monat resp. 5 Jakre 
alt gewesen sei. Ihre Mutter sei etwa 22 Jahre, ihr Vater 80 Jahre alt gewe^n. Aa 
weldten Krankheiten die Ettem gestorben seien, wisse sie nicht Ein Theil ihrer Fta- 
milie behaupte, dass die letzte Krankheit Ihres Vaters oder ihrer Mutter Schwiodsticlrt 
gewesen sei, ein anderer Theil bestreite dies, Krankheitszeichen, welche bei dem cIb«B 
oder anderen ihrer Ellem vorbanden gewesen seien, kenne sie nicht, Die Qesehwialer- 
aahl ihres Vaters kenne sie nicht, sie wisse nur, dass noch ein Bmder lebe. Getdiwl* 
ster der Mutter seien nicht vorhanden gewesen. Die Grosseite m mütterlicherAeils reiea 
beide todt und zwar im Alter von 65 resp. 70 Jahren gestorben, und zwar am Schlag* 
flu«« resp an einem Krebsleiden. Eine Schwester ihrer Orossmntter und ein Bruder 
derselben leben noch 70 retip. 80 Jahre alt. Von den Grosseltem väterlicherseiti lebe 
die Mutter noch, die Todesursache des Gross vaters kenne sie nicht — Sie »elbfil tai 
riai einzige iCind ihrer Eltern. 



ZengttiiKBfihierlteit. $. 9. C«suistik. 27. Kftll. 



91 



Ihren Getrau dbeiUzostand betreffend giebt sie au, abgesehen von Kinderkrankheiten, 
▼or ejaiger Zeit bleichsuchtig gewesen, jetzt iadcss vollkommea gesund zu seiu, 
QAiDexitbcb und specieJl danach gefragt, will sie nicht hupten, niemals Blut ausgeworfen 
haben» nicht engbrüstig oder knrzathmig sein, keinen Schmenc beim Athmen an irgend 
einer Stelle der Brust empfinden. Ihre geschlechtliche Functionen anlaugeod giebt «e 
an, dass dtr monatliche Biut^uss bereits seit Jzibren vorhamlen sei^ daas sie stets und 
namentlich auch jetzt regelmässig geregelt sei, dass die Blutung etwa 8 Tage dauero 
und das Blut von der gewöhnlichen Farbe des Blutes sei, wogegen es zur Zeit der 
Bleichsucht blassroth ausgesehen habe. Sie sei jetzt 17 i Jahr alt. 

Explorata ist dem angegebenen Alter von 17 Jahren gemäss gut entwickelt« von 
mittlerer Grosse, gedrungenem Körporbau, zartem Teint, der noch durch die auffallende 
Wei^ae der Haut die fröbare Bleicbüucbt verrath; ihre Muskulatur ist kräftig, ihr Er- 
nihrungszustand gut, ihre Formen voll, ihre Brüste üppig. Speciell den Bau des Hrust- 
kaaiens betreffend, so bat derselbe in der Achselhöhlen-Gegend 281 Zoll, in der Gegend 
der unteren wahren Rippen gegen 25 Zoll Umfang. Unter, wie über den Schlüssel- 
beinen beiden sich keine Einsenkungen, vielmehr sind diese Gruben wohl ausgefüllt. 
Das Brustbein ragt iu der Gegend der zweiten Rippe nicht besonders hervor. Beim 
Äthmen dehnt sich und bebt sich die Brust angemessen der Tiefe der gemachten In- 
apiration. Der Percussio risse hall ist überall, namentlich auch in den Schlüsselbeingegen- 
den, wie in den Schdterblattgruben normal, die Herzdämpfung normal. Die Ausculta- 
tion ergiebt überall, namentlich auch in den genannten Gegenden der Schlüsselbeine 
und des Schulterblattes, reines Tesiculäres Athmen, ohne verlängerte Exspiration; die 
Stimme eneugt nirgend die Erscheinung der Bronchophonie. Die Heatone sind durch- 
weg, so wie auch die Töne der grossen Gefässe des Herzens normal. Explorata hustet 
nicht, das Äthmen geht frei von Statten und ist ergiebig. Der Puls tiormal 

Aus Obigem folgt, dass Explorata, was ihre gegenwärtige körperliche Constitution 
und ihren Entwickelungszustand betrifft, mannbar und vullkommen im Stande ist, ohne 
Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben, deu Pflichten als Gattin und Mutter zu ge- 
nügen. 

Was die geltend gemachte erbliche Anlage zur Schwindsucht betrifft , ao ist zii- 
Dächst zu bemerken, dass aus den mir gemachten Angaben der Explorata, und eine an- 
dere Quelle steht mir nicht zu Gebote, eine erbliche Anlage zu dieser Krankheit gar 
nicht constirt, weil nach den Angaben der Explorata gar nicht feststeht, dass einer von 
ihren Eltern an der Schwindsucht gestorben sei, und die positiven, von ihr gemachten 
Angaben über die letzten Krankheiten ihrer Grosseltem in keiner Weise dazu berech- 
tigen, eine solche erbliche Disposition in ihrer Familie überhaupt anzunehmen. Zur 
Annahme der Erblichkeit einer Disposition zu einer Krankheit gehört aber zunächst der 
Kachweis, dass diese Krankheit ir^ den Toraiifgegaugenen Generationen existirt habe^ 
welcher Nachweis, wie gesagt, vollkommen fehlt. Objective Zeichen dafür, dass eine an 
einem Yudividuum nachgewiesene Anlage eine erbliche sei» giebt es nicht. Eiue solche 
Anlage nun zu einer Krankheit kann in einem Individuum vorhanden sein, ohne dass 
ohjectiT dieselbe nachzuweisen ist. Man pflegt äpeciell aber von einer Anlage zur 
Schwindsucht zn sprechen, wenn entweder der Bau des Brustkastens auffallend eng, 
Hacb, oder wenn er fassformig ist; wenn das Athmen Sach iai, wenn eine Neigung zu 
Cftlirrhen, tu Lungenfellentzündungen, oder Lungenentzündungen verr&th, dass die 
Werkzeuge der Athmung eine Pars minoris resistentiae sind, und scrophulöse Leiden 
foranfgegangen sind, und graciler Körperbau, leicht erregbarer Puls, erregtes Nerven- 
system die noch bestehende Schwäche des Individuums bezeugen. Von alle dem ist bei 
der Explorata nichts nachzuweisen, indem kein einziges objectives Symptom vorhanden 
tat, welches berechtigte, eine solche Anlage bei ihr anzunehmen* Ja ea spricht im 



92 



Zeugungsfthigkeft. §. tl. CasuisHk« 28. u. 29. Fäü. 



Gegeotheil der Umstand, dASü ihre Bleichsucht, welche, den gemachten Ancraben DAch, 
ziemlich intensiv gewesen ist, bis auf gen'nge Reste mit zunehmender Entwickelung ge- 
schwunden ist, eher gegen, als fnr eine Anlage zur Scbwindsudit Mit Vorstehendem 
ist selbst verstand! ich nicht ausgeschlossen, dan» unter concurrirenden, hegünstigeudeii 
Umständen dennoch in späteren Jahren eine LimgensL-bwindsucht hei der Explomto sieb 
entwickeln könne, indess ist dies weder durch ein snbjectives, von der EipIOrttA ge- 
nanntes Zeichen, noch durch irgend eine objecliv an derselben wahrzunehmende Ersehen* 
Dttog nachzuweisen. Dass nach vorstehenden Erorteningen eine Lungenschwindsucht 
selbst bei ihr nicht in der Entwickelung begrifen ist, ist selbst?erstllndlicb, und bedarf 
keiner Ausföhning» 

Idi gehe dernuach mein amtseidliches Gutachten dahin ab: I) dass die E. körper- 
lich so weit entwickelt ist, dass sie ohne Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben 
eine Ehe eingehen kann; 2) dass nach den mir gewordenen Mittheilungen die Erb- 
lichkeit einer Anlage zu der Schwindsucht überhaupt ßfar nicht constirt; 3) dass we- 
der durch subjeotive Zeichen, noch durch objecÜve Wiihmehmungen an der Explorata 
eine Anlage zu der Lungenschwindsucht zu erweisen; 4) dass eine Luugenschwind 
bei ihr nicht in der Entwickelung begriffen ist. 

M. Fall. Wegen jugendlichen Alters streitige Zeagungsfihigkeit. 

Es lag die Frage vor; ob der Gymnasiast U^ dessen Vater eine gegen seineti 
Sohn eingelegte Schwängerungsklage abwehrte , in der Zeit vom Jauuar bis 2$. Mirt 
18— zeugungsfähig gewesen? Ich hatte die Untersuchung am 98. Juni des folgenden 
Jahres auszuführen, also ein Jahr und drei Monate nach dem letzten Termin. Der 
junge Mann, Jude, mit reichen schwarzen Haaren » war 2ur Zeit sechszehn, also am 
!26> M&rz vierzehn und drei Viertel Jahre alt, und von sehr kräftigem Bau und 
allgemeiner Gesundheit, Der Bartwuchs war erst beginnend, aber die Stimme männ- 
lich. Der Penis zeigte sich gross, vollständig normal, die Sehaamhaare waren sehr 
reichlich und die Hoden stark entwickelt. Auf subjective Angaben, betrefTend ge^cbl^cbt^ 
liehe Neigungen, Pollutionen u. dgl, ging ich nicht weiter ein, weil ich dech die Wakf^ 
heit nicht erfahren haben würde, und urtheiltej ^dass aus der Exploration sich Nicbis 
ergeben habe, das die Annahme, daas Eiplorat am 26. März pr. zeugung6uitf^bi| 
geweMn» bestätigen konnte.* 



M. Fall. Wegen dea Alters streitige Beischlafs- und Zeagimga* 

fihigkeiL 

Obgleich das Ebegericht mir in der Ehescheidungssache eines Handwerkamelati 
die positive Frage vorgelegt hatte: ,ob der X. bei seinem jetzigen Alter von 57 Ja 
ren zeugnngs- und zur Vollziehung des Beischlafs fähig sei?"* beantwortete ich dieselbe 
nach den oben {§- 2) dargelegten Gründen dennoch wieder negativ, und rwar, wie 
In allen ähnlichen FäJlen, zur Befriedigung des Gerichts. Der Mann war in dem z«it- 
guagsflhigen Alter von 57 Jahren, körperlich ganz gesund, hatte Bartwuchs, mäntüiebi 
Stimme, männlichen Knochenbau und Habitus, ein vollkommen normales Glied ton mitl- 
lerer Grösse und gut entwickelte Hoden im Scrotum Hiernach luaserte ich: ,<iaas 
kein Gnmd vorliege, um die Unfähigkeit des X. zur Vollziehung des Beischlafe ODd tm 
Zeugung anzunehmen.^ 



Zeufungsmbigkdit. §. 9. Casuistik. 30. Fall. 



93 



SO, FaU. Wegen hohen Alters bestrittene JBeischUfsflLhigkeit 

Ein nicht Alltäglicher Fall. In einer ScbwaDg'eruTJgsursache war von der anehe 
liehen ÜTitter der Rentier {I) T- als Vater ihrer Kinder angegeben worden, yoü denen 
das eine am 10« NoTerober 1S4B, das andere am 4, November 1850 geboren worden 
war. Der Verklagte wandte ein, dass er zufolge seines körperlichen Zustandes nicht 
nur jettt, sondern auch schon vor dem Jahre 1846 *zn jeder Beischlafsvollziehung 
dorchaus unfähig gewesen sei**. In seinem Requisitioasschreiben an mich sagte das 
Gericht: «für die Entscheidung des Processes kommt es nicht sowohl darauf an, ob 
Beklagter zu einem befruchtenden Beischlaf resp. zti einer Ejaculatio seminis fEhig ge- 
wesen sei, sondern allein darauf, ob vor dem 30, Januar 184S* — (die 285 Tage 
d«s Gesetzes bei unebeiichen Geburten), — ,der köri>erliche Zustand des Beklagten 
oder sonst welche Ursache eine Erection des naänniiehen Gliedes desselben und eine 
demn ac h stige Immission in die weibliche Scheide ermöglicht und zugelassen hat, oder 
ob Umstände vorhanden sind^ welche die Annahme rechtfertigen, dass der Verklagte 
sich schon vor dem 30. Januar 184$ in einem -Zustande befunden, welcher eine Erectio 
peois and dessen Immissio unmöglich gemacht habe?** Der Proteus schwebte bereits 
in der Appellations-Instanz, in welcher der Verklagte sich auf mein Gutachten berufen 
batte, dass gewiss bei solcher vorgelegten Frage nicht leicht war. Der T*, den ich am 
4. Aptil 1853 untersuchte, war gerade an diesem Tage — achtzig Jahre alt gewor- 
den. «Er vrar also"^, sagte ich im Gutachten, «zur Zeit vor dem 30. Januar IS4S 
vierundsiebzig und drei Viertel Jahre alt. Erbeblich krank ist derselbe, seiner 
eigenen Angabe nach, damals nicht gewesen, und ist er auch jetzt für sein hohes Älter 
Terhiltnissmässig gesund, bat eine derb - kräftige Constitution ^ gesunde Gesichtsfarbe, 
normale Athmung und Herzschlag u. s, w. Eine Staarbündhelt, die vor Jahren 
eine (gelungene) Operation erheischte, und eine leichte Anschwellung der Beine 
können für die vorliegende Frage nicht in Betracht kommen. Was nun insbesondere 
die Geschlechtsthatigkeit betrifft, so bemerke ich, dass T. in zwei Ehen drei Kinder — 
dtt letzte vor Tierzig Jahren — erzeugt hat, und dass seine Genitalien vollkommen 
gesund anzufühlen, auch ein grosser Bruch u, dgl. nicht vorhanden. Wenn es nun 
auch im Allgemeinen ungewöhnlich, dass ein Mann von 75 Jahren beischlaf sfähig sein 
sollte, so sind doch einzelne Fälle von Beischlafs- und selbst von Zeugungsfähigkeit in 
ao hohen Jahren zu oft authentisch beobachtet worden, um die „^Unmöglichkeit'*'* 
quaest annehmen zu können. Ich kann jedoch nicht unterlassen, hierbei darauf auf> 
merksam zu machen, dass als authentische Beispiele dieser Art nur solche angesehen 
werden können, in denen ein Verdacht auf Betrug auszuschliessen ist, d. h. in solchen 
Ehen, in denen der Wandel der Gatten einen solchen Verdacht beseitigt. Hierbei 
kommt dann ferner vom ilrztlichen Standpunkt sehr in Betracht, dass beim ehelichen 
Zusammenleben zwischen einem Greise und einer noch fruchtbaren Frau der der Be- 
gattung gonstige Moment abgewartet werden, und dass ein solcher nach langen, frucht- 
losen Versuchen eintreten kann. Bei unehelichen angeblichen SchwÜngerungen treten 
gaai andere Bedingungen ein, vorausgesetzt, dass nicht ein wirkliches Concubinat zwi- 
schen tieiden Theilen existirt. Wenn mir der T. beiluußg und ohne alle Absicht, nur 
um mir ihren Character zu bezeichnen, mittheilte, dass die angeblich von ihm Ge- 
achwlngerte ihm einmal einen Fusstritt vor den Unterleib gegeben habe, so wurde, die 
Wahrheit dieser Angabe vorausgesetzt^ ein solches VerhÜiniss in der Regel um so we- 
niger geeignet sein, einen 75jährigen ^ann noch zur Vollziehung des Beischlafs zu be- 
folgen. Mit Rücksicht auf alles Angeführte muss ich mein Gutachten mit Bezug auf 
die vorgelegte Frage dahin abgeben: dass es höchst wahrschdlnlich ist» dass der Ver- 



M 



Zeug:iin^fah[gkeii §- 9. GasuiBtik* 31. ii> 32* Fall. 



klagte sich scbon Tor dem 30. Jai]uar IS4S tn einem Zustande befunden, welcher eine 
Erectio et immissio penis umnoglich gemacht habe.'' 

31. Fall Bestrittene Zeugun^sfähigkeit 

Wieder in einer Schwan^eningssache war es in Frage gestellt: «ob der Scbn 
machergeselle E. wirklich und überhaupt an Impotenz und ginzHcher Zeü^ungsunfi 
keit leide und ob aus setner Körperbesehaffenbeit geschlossen und erkannt werden könne, 
dass er schon zur Zeit, als er mit der Kliigenn angeblich zugehalten^ d, b. im Zeitraum 
vom S, September bis 22. November 1837 impotent gewesen sei?" Die Behauptungen 
des Verklagten hatten keinen Halt, Er war allerdings ein bleicher^ kranklich aussehen- 
der Mann von (zur Zeit der Frage) 48 Jahren, folglich im zeugungsfähigen Alter, je- 
doch, wie er mir an^b» in zwei Ehen 21 Jahre kinderlos verbeirathet. Er wollte .wohl 
zehnmal '^ in f^einer Jugend vom Tripper angesteckt gewesen aein und namentlich in 
den letzten acht Jahren weder Erectionen, noch Follntionen mehr gehabt haben. Auf 
alle diese Angaben war ein Werth nicht zu legen, da ich keine Beweise für deren 
Wahrheit hatte. Im üobrigen hatte er einen massigen Bartwuchs und männliehe Stimme» 
reiche Schaamhaare, das Glied von mittlerer, aber zum Zeugen ganz ausreichender Di 
mension mit verschiebbarer Vorhaut und normaler Oeffnung der Harnröhre, im ge«run* 
i&elten Scrotum recbta einen ziemlich kleinen, links einen ansehnlich grossen Hodeii^ 
die mit den Saamenstrangen nichts Krankhaftes fnhlen liessen, und kein STmptöm einer 
Lahmung oder allgemeiner Korperschwäche. Hiernach roosste geurtheilt werden: «dasa 
kein Gmnd vorläge, um anzunehmen, dass E. wirklich und Oberhaupt an Iini>otea2 und 
ginilicher Zeugungsunfähigkeit leide, und dass aus seiner Korperbeschaffenheit nieht 
geschlossen und erkannt werden könne, dass er im Zeitraum vom 8. September bli 
32. November 18S7 impotent gewesen sei**. 



31. Fall. Bestrittene Beischlafs- und Zeugungsfähigkeit wegen 
schwerer Krankheit. 

In Sachen S. contra S. wegen Hlegittniitäta • Erkllmng der Paul ine S. ist 
der verklagteu Partbei auf des ITnterzeicbneten Gutachten provocirt worden, weldm 
hiermit im Nachfolgenden erstattet wird. 

Aro 25. November 1861 früh zwischen 7 und 8 übr verstarb der 30 Jährt klU^ 
seit Einem Jahre kinderlos verbeirathete Freisteller S. zu Ch. in Schlesien mit flinter- 
laasang seiner Frau und xweier Brüder als Erben. Am 23. September 1862 früh Ein 
Uhr, also am 302. Tage nach dem Tode des S., wurde seine Wittwe von einem Mäd- 
chen entbunden, dessen Legitimität die klägerischon Erben bestreiten, zunächst weil da« 
Kind nichts nach dem Wortlaut des Gesetzes ► „bis zum", sondern am 302. Tage ttadi 
dem Tode des Ehemanns geboren worden — worüber der Unterzeichnete nicht tn t>e- 
finden hat — sodann und namentlich aber auch deshalb, weil sie behaupten, dasa der 
Verstorbene unvermögend gewesen, innerhalb der gesetzlichen Zeit — welche hier auf 
den Todestag fallen würde — mit seiner Frau den Beischlaf zu vollziehen, da de 
nach lange dauernder Schwindsucht an gänzlicher Entkräftung gestorben sei. Ak 
aeben von den ärztlichen Attesten, die Kläger beibringen, xmi auf welche ich 
komme, t>ebaupten sie, dass der Geistliche beim wiederholten Spenden des beSig 
Abendmahls schon am 29. Juni und 20. November 1861 den S. ganz abgematrert 
vollständig entkräftet gefunden habe, sie behaupten, dass er sich in den let/i 
im Bette weder habe aufrichten, noch wenden können, dass er den Stuhl i 
gelataen« daas ihm Nahrung und Arznei in den Mund habe gegossen werden mui 



Zeitgungsßliigkeit. $. 9. Casoistüt. 33 Fftll. 



95 



weil er zu. schwach f^ewe^en, den Löff«! zum Munde zu führen^ uud dftss er vollst&Ddig 
dnrchgdkgea gewe^n. Die ZeugeuauJssageD haben diese Au^ben zum ^röKSten Theile 
bestätigt, wobei ich andere kiägeriäcbe Behauptungen, wie dasa seine Frau sich vor 
dem S- geekelt habe, dass de nicht in sein Zimmer gekommen sei, als unerheblich und 
nicht einmal bestätigt, auf sich beruhen lasse. Die Zeugen J. und K« waren yon 7 Uhr 
Abends bis Uittemacht vor dem Tode des S. bei demseibeD, und fanden ihn zu dieser 
Zeit .mit dem Tode kämpfend*. Auch die Terehelichte K. sah ihn in derselben Nacht 
und Eind ihn «sehr schwach; er konnte sich nicht mehr rubren und nicht reden*. Die 
Dienstmagd P., die bis zu dessen Tode im Eause war, weiss ^ dass er in den letzten 
Lebenstagen das Bett nicht mehr verlassen« sich nicht mehr habe aofricbteD, den L5fel 
nicht mm Munde führen können, dass er aus dem Bette habe gehoben werden müssen, 
und durchgelegen gewesen sei, Thatsachen, die ebenmusaig yon den Zeugen X, K., 
dessen Ehefrau und der Wärterin S., die den Kranken in den letzten acht Tagen TajE: 
nod Nacht pflegte, bestätigt werden. K. setzte noch hinzu, das» S. am Tage vor sei- 
nem Tode sich im Bette habe weder wenden, noch aufrichten können. Der oben er- 
wähnte Geißtliche deponirt, das» derselbe am 20. November (also 5 Tage vor seinem 
Tode) so entkräftet war, dass er nur mit leider Stimme sprechen konnte, dass sein Kör- 
per nur *ÄU8 Haut und Knochen* bestandea habe, und dass er zum Genüsse des 
Abendmahls mühsam habe anfgerichtet werden müssen« Der Lehrer R. bestätigt, dix&n 
SL sich in den letzten Lebensmonaten nur mit äusserster Anstrengung ein wenig be- 
«r^eji konnte, aber gar nicht mehr am Nachmittage vor seinem Tode, und dass er nur 
ganz leise und gebrochen zu sprechen vermochte. Der Barliier K. hat schon Anfangs 
Augost 18<)1 (also 4 Monate vor dem Tode) die durchgolegeuen Stellen am Kreuzbein 
<les Verstorbenen selbst gesehen, und musste er ihn schon damals Hegend rasiren, da 
er sich nicht mehr aufrichten konnte. Eine gegen solche Thatsachen sehr auffallende 
Behauptung der Verklagten, dass S, noch im September 1861 (nicht 18*^2, wie es 
beisat) in der Ernte auf dem Felde selbsttlmtig gewesen, wird von dessen Dienstjungen 
S. nnd der Dienstmagd P. bestritten* Eine andere Behauptung der Verklagten, dass 
S. am S.August 1861 noch eine Fahrt von zwei Meilen gemacht habe, ist nicht weiter 
Terfolgt worden, und für mich unerheblich, für den es vonugsweise auf den Todestag 
Ankommt 

Eben so unerhebb'ch ist das Attest des Dr. St. vom 29, September 1862, der den 
Verstorbenen im Jahre 18G1 allerdings zwar bis 17 Tage vor dessen Tode ärztlich be- 
handelt, aber denselben niemals gesehen, und nur nach den Berichten der Boten seine 
Verordnungen gesendet bat Dagegen bescheinigt der Dr. F, am 24> September 1862, 
das* S. am 9. Mai ISGl (also 6 Monate vor seinem Tode) „sich im letzten Stadium 
der Lungenschwindsucht befunden habe, dass er abgemagert, sehr schwach gewesen sei» 
starken Büsten mit blutigem Auswurf, un<l coliiquative Sehweisse und Durchfalle gehabt 
bebe*. Später fügte dieser Arzt ergänzend hinzu, dass 8* am genannten Tage, dem 
letxlen, an welchem er ihn geseheü, nicht im Stande gewesen, den Beischlaf zu voll* 
lieben, wie er nach den Regeln der Wissenschaft annehmen müsse, und erklärte^ nach 
Vorhaltung der obigen Zeugenaussagen, dass er auch mit Bestimmtheit behaupten könne, 
daa» S. in den letzten Tagen seines Lebens völlig au^^ser Stande gewesen, den Beischlaf 
zu voIhLieben. Verklagte bemängeln die^* Attest, namentlich weil es aus dem Mai schon 
TOD einem „letzten Stadium" der Lungenschwindsucht spricht, welches Stadium sonach 
noch fast 7 Monate gewährt hätte. 

Diese Ausstellung ist irrelevant» da im strengen Wortsinne eigentlicbe festbegrcnxte 
Stadien bei der .LuDgenschwindsuchf gar nicht existiren, während in der gewöhnlichen 
iratlichen Sprache allerdings ein Zustand, wie ihn das be regte Attest schildert, allge- 
mein TerBt&odlich aU sogen. ,,letztes Stadium'' bezeichnet wird. Wohl aber ermangelt 



96 Zengungsföhigkeit §. 9. Castustik. 32. Fall. 

das Attest im Allgemeinen der wnnschenswerthen Gorrectheit, und ist streng genommen 
nicht einmal daraus zu schliessen, dass der Verstorbene grade an „Lungenschwindsucht* 
gelitten habe, was allerdings höchstwahrscheinlich ist. Es kann aber auf eine ganz scharfe 
Diagnose hier gar nicht ankommen, da es unzweifelhaft nach dem Attest und nach allen 
Zeugenaussagen feststeht, dass S. an einer erschöpfenden Zehrkrankheii gestorben, 
gleichTiel für die vorliegende Frage, in welchem Organe dieselbe ihre Quelle gehabt 
habe. Diese Krankheit documentirte sich durch Husten, Auswurf, Fieber, Sinken der 
Kräfte und der Ernährung, so dass der Kranke zunächst nur „Haut und Knochen* 
zeigte, und sich im Bette nicht einmal mehr umwenden, nicht die Hand zum Hunde 
fuhren konnte, durch erschöpfende Schweisse und Durchfälle und Durchliegen, die ge- 
wöhnlichen Symptome jeder, also auch der Lungen - Schwindsucht Diese Krankheits- 
zeichen hatten, wie gewöhnlich, kurz yor dem Tode den allerhöchsten und letzten Qrad 
erreicht, und um Mitternacht zum 25. November 1861, als die oben genannten Zeugen 
den Kranken verliessen, „kämpfte er mit dem Tode', der ja auch nur etwa 7 Stunden 
später wirklich eintrat In diese wenigen Stunden aber musste der bestrittene Beischlafs- 
und Zeugungsakt fallen, wenn angenommen werden soll, dass das fragliche Kind noch 
innerhalb des gesetzlichen Zeitraums geboren worden. Nun kann allerdings nicht in 
Abrede gestellt werden, dass der Begriff „Beischlaf *" keineswegs, namentlich wenn es 
sich, wie hier, lediglich um einen befruchtenden Beischlaf handelt, ein so einfacher ist, 
wie ihn die Volkssprache bezeichnet Es ist kein Streit mehr in der Wissenschaft dar- 
über, dass eine vollständige Vereinigung der beiderseitigen Geschlechtstheile, ein so zu 
sagen vollendeter und vollkommener „Beischlaf zur Befruchtimg nicht erforderlich ist, 
und dass dazu nur die geringfügigste Menge männlichen Saamens ausreicht, wenn die- 
ser auch nur durch Einbringen der Spitze des männlichen Gliedes naturgemäss in die 
weiblichen Sexualtheile eingebracht wird, wozu es obenein nicht einmal einer voUstiün- 
digen und kräftigen Erection des Zeugungsgliedes bedarf. Zwei andere Bedingungen 
aber sind zur Vollziehung auch eines nur unvollkommenen Beischlafs, resp. zur Be- 
fruchtung durch denselben, uniungänglich und physiologisch erforderlich, der geschlecht- 
liche Anreiz und ein gewisses Maass von Muskelaction. Dass schwindsüchtige Kranke, 
auch selbst in vorgeschrittenen Stadien ihrer Krankheit, des Ersteren nicht ermangeln, 
ist eine uralte ärztliche Erfahrung, und schon Hippocrates sagt: phthisici salaoes. 
Allein mochte dies vielleicht noch Monate, Wochen vor dem Tode des S. auch für die- 
sen Geltung gehabt haben, oder nicht, für seine fraglichen letzten Lebensstunden kann 
dies nicht angenommen werden, denn er war schon um Mitternacht ein Sterbender, er 
„kämpfte mit dem Tode', eine Zeugenaussage, die ich acceptiren muss, auch wenn sie 
nur von Laien kommt, da die Richtigkeit einer derartigen (und bald darauf bestätigten) 
Beobachtung auch Laien zugemuthet werden kann. Indess sogar zugegeben, dass selbst 
der Sterbende noch vielleicht dunkel empfundene geschlechtliche Regungen gehabt habe, 
so fehlte doch ganz unbestreitbar jene zweite obige Bedingung der noth wendigen Mus- 
kelaction. Selbst die Sprachmuskeln versagten schon ihren Dienst und die Hand konnte 
längst nicht mehr zum Mimde geführt werden, viel weniger konnte es dem Sterbenden 
möglich sein, energischere und complicirtere Muskelactionen' auszuüben, wie sie auch 
der unvollständigste Beischlaf noch erfordert, da er sich schon seit längerer Zeit, viel 
weniger also jetzt, nicht einmal mehr im Bette umwenden konnte. 

Nach sorgfältiger Erwägung alles Vorstehenden gebe ich demnach schliesslich mein 
Gutachten dahin ab: dass mit Gewissheit anzimehmen, dass der Freisteller S. am 
25. November 1861 unmöglich habe den Beischlaf vollziehen und zeugen können. 



Zengongsföhlgkeit §. 9. Casuistik. 33. Fall. 97 

83. Fall. Behauptete'Beischlafs- und Zeugungsunfähigkeit wegen 
syphilitischer Krankheit. 

In Folge Auftrages in der Appell -Instanz Yom 30. November c, mich gutachtlich 
darüber zu äussern: 
ob es nicht möglich, dass ein Mann, welcher wie der Verklagte laut Attestes vom 
25. Februar 1864 und laut Zeugnisses des Dr. B. yon Anfang Mai bis Anfang Sep- 
tember 1862 an venerischen Geschworen und Bubonen behandelt worden ist, in der 
Zeit vom 14. Mai 1862 bis 28. Juli 1862 mit einem Mädchen habe den Beischlaf voll- 
ziehen können, und wenn die Beischlafsvollziehnng möglich gewesen, ob alsdann das 
Frauenzimmer von dem Manne angesteckt worden, und ob das in Folge dieses Bei- 
schlafes gebome Kind hätte angesteckt zur Welt kommen müssen? 
berichte ich nachstehend ergebenst 

Zunächst steht gar nicht fest, dass der Verklagte in der Zeit vom 14. Mai bis im 
Monat Juni 1862 überhaupt an einer syphilitischen Krankheit gelitten habe, und es steht 
femer nicht fest, in welcher Weise etwa der Verklagte von da ab bis Ende September 
syphilitisch krank gewesen sei. 

Das Attest des (Wundarztes) B. vom 25. Februar 1864 sagt zwar ganz allgemein, 
dass der S. von ihm an «venerischen Geschwüren mit Bubonen^ von Anfang Mai bis 
Anfang September des Jahres 1862 behandelt worden sei, indess präcisirt der B. sich 
in seiner protokollarischen Vernehmung vom 4. Mai 1864 genauer dahin, dass „im Mo- 
nat Mai 1862 der Beklagte bei ihm mit Bubonen erschienen sei*", und thnt eines Ge- 
schwüres oder mehrerer Geschwüre keine Erwähnung, giebt vielmehr an, erst .im Juni 
1862 ein Schanker-Geschwür am Gliede^ gefunden zu haben. Somit muss angenommen 
werden, dass ein Geschwür am Gliede um diese Zeit von Anfang Mai bis „im Juni^ 
überhaupt nicht existirt habe. Ob nun die Bubonen, an denen der B. den Beklagten 
behandelt hat, überall syphilitischer Natur gewesen sind, muss vollständig dahin gestellt 
bleiben, denn dass der B. dieselben für syphilitisch gehalten hat und danach seine Be- 
handlung einrichtete, kann nicht für ihre syphilitische Natur geltend gemacht werden. 
Es kann sogar das mit Bestimmtheit behauptet werden, dass die Meinung des B., dass 
dieselben «secundäre Syphilis*' gewesen seien, eine irrige ist, weil Anschwellungen 
der Leistendrüsen, welche mit Infection der Blutmasse (secundäre Syphilis) verbunden 
vorkommen, nicht eitern. Der B. aber giebt an, die Bubonen „abscntirten sich*', was 
offenbar ein Schreibfehler für »abscedirten sich" ist, da ersteres gar kein gebräuch- 
licher, noch ein technischer Ausdruck ist. Was nun den ferneren Zeitraum vom Juni 
bis September ^trifft, so steht auch hier nichts weniger als fest, ob und namentlich in 
welcher Weise etwa der Vorklagte syphilitisch gewesen. Es ist nichts weiter be- 
kannt, als dass derselbe ein Geschwür am Gliede hatte, das der B. für ein Schanker- 
geschwür hielt, und das bei „energischer Behandlung'' einen bösartigen Charakter an- 
nahm, und von welchem nach B.^s Angabe „sich annehmen lässt, dass es ein Wieder- 
ansbrnch eines alten vernarbten Schankergeschwürs möglicherweise gewesen sei''. Ob- 
jective Merkmale zur Beurtheilung der Natur dieses Geschwürs, objectivo Merkmale zur 
Beurtheilung darüber, ob eine allgemeine Infection der Säftemasse des Beklagten zu 
dieser Zeit vorhanden war, fehlen vollständig, und ist es unmöglich, aus Angaben, wel- 
che so gänzlich jeder wissenschaftlichen Unterlage entbehren, auch nur wahrscheinliche 
Schlüsse zu ziehen. 

Unter diesen Umständen bleibt nur übrig, mit llücksicht auf die vorhandenen Da- 
ten, die verschiedenen Möglichkeiten hinsichtlich der zu beantwortenden Fragen zu er- 
wägen. 

Casper*t gerichtl. Ifedirin. r>. Aafl T. >^ 



Zeugongsfähigkeit. §. 9. Cosuistik. 33 Fall. 



Die Buhonen, welche der B, hii Mai unä Juni hebamielt hat, gind entweder Folgtal 
eines ScUankergeschwürs gewesen, oder Dicht. Im telzteren Falte wären e^ ao|^eiQiziiit# 
rheumatische Buhoueu gcwoscDi welche mit der Syphilis gar nichts tu tbun haben und 
die BeischluF^fähtgkeit des Beklagten in keiner Weise beeinträchtigt hätten, eine An- 
8teekuug der Mutter , wio des Kindes auch gar nicht hatten zur Folge haben kännen. 
Im er»tereü B^alle wäre ein sogenannter weicher Schanker voraufgegangen gewesen, »tt* 
eher zur Zeit, aU B. den Beklagten in Behandlung nahm, bereits wieder vernarbt wir» 
Alsdann wäre die BeiEtchlafsfäbigkeit des Verklagten ebenfalls in keiner Weise beeiii-j 
tricbtigt gewe^^en, eine Ansteckung des gezeugten Kindes hätte nicht erfolgen koaii«Q« 
weil die Krankheit des Beklagten eine rein artliche gewesen^ und eine Anstecktmg 4w 
Mutter hätte nur dann erfolgen können , wenn zufällig zÜr Zeit der Eiterung der Bti- 
bonen, Eiter auf eine wunde Stelle ihres Körpers übertragen worden wir«, was der F»Il 
hätte sein können, aber nicht müssen. Das Geschwür, welche« der B. im Jnni am 
QLiede des Beklagten fand, konnte nun entweder ein sogenanntes primäres Schankerg«* 
schwur sein, oder es konnte dies Geschwür, wie der B. als möglieb annimmt, ein du 
allgemeine Syphilis erzeugtes secimdireä Geschwür 8eiu. In Bezug auf die erstere Al*1 
ternatiTe lehrt die Erfahrung, dass gar nicht selten, trotz vorhandener Schankergescbwnr« 
am üliede, namentlich ehe dieselben eine gewisse Höhe erreicht haben, der Beischlaf 
ausgeübt wird. Beweis dafür ist die taglich beobachtete Fortpflanzung der syphilitucl!»!! " 
Krankheit von einem ludiTiduum auf das andere. Eben die^selbe tägliche Erfiüirang^i 
lehrt aber auch, dass eine Ansteckung do^ anderen Theiles hierdurch nicht nothwetidig "^ 
erfolgen mm%. Es konnte unter solchen Umständen der Beklagte den Beischlaf 
geübt haben mit der Klägerin, ohne dass diese noth wendig deshalb syphiliti^h w^rdüi^ 
musstc. Die üebertragung auf die Fracht wird bei einem primären, d. h. örtlichen Ge- 
schwür niemals beobachtet. Endlich die letzte Alternative betreffend, dji*s der Beklagte 
wirklich alli^emein syphilitisch gewesen sei, so würde hierdurch die >' f de» Bei- 

schlafes, ehe das Geschwür erheblichere Dimensionen erreicht hatte i ^^üg' ge- 

worden war, ebenfalls nicht ausgeschlossen gewesen sein. Eine Ansteckung de^s Fniii«tt«^ 
Zimmers würde unter diesen Umständen erfahnings gemäss eine Seltenheit nein, ein An 
brach angeborner und hereditärer Syphilis bei dem Kinde würde sehr wohl moglldil 
gewesen, keineswegs aber eine absolute Noth wendigkeit gewesen sein, nnd v^ürde «#-' 
ein sehr gewagter Schluss sein, daraus, dass ein Kind nicht mit heiedilÄrer Sypfailii 
behaftet zur Welt gekommen, behaupten xu wollen, dass sein Vater an syphiliti 
Infection nicht gelitten haben könne. 

Nach obigen Ausführungen gebeich meiu amtseidlichea Gutachten dahin ab: 1) cl 
nicht erwiesen, dass der Beklagte im Mai und Juni 18C2 syphilitisch krank gewesen, i 
da^s nicht erwiesen, in welcher Weise der Verklagte vom Mai bis September 1862 «t«»^ 
syphititisch erkrankt gewesen sei; ^) dass unter der Annahme, dass der Beklagt« sy- 
philitisch krank gewesen sei» nicht erwiesen , dass derselbe in der Zeit vom 14, KaL i 
\M2 bis 28. Juli 1362 mit einem Mädchen den Beischlaf nicht habe vollziehen kö; 
und da))S Gründe, welche diese Möglichkeit ausgeschlossen hätten, nicht geltend g< 
sind; 3) dass durch eine Beii^chlafsvollziehung Seitens des Beklagten unter den 
führten Umständen weder eine Ansteckung des Frauenzimmers erfolgen musst«, 
dafid das in Folge dieses Beischlafes geborene Kind syphilitisch zur Welt komm 



Zengong^sfahigkeit. §. 9. C&suistik. 34-38. Fall. 99 



34. Fall. Wegen Impotenz bestrittene Schwängerung der eigenen 

Tochter. 

In dieser grässlichen Anklage wegen Blutschande war der zur Zeit dreiund- 
sechszig Jahre alte Handwerkmeister N. beschuldigt, mit seiner Tochter — die er 
stets auf das Eifersüchtigste bewachte!! — fünf Kinder gezeugt zu haben!! Er 
berief sich auf sein Alter, auf eine frühere yenerische Ansteckung, und darauf, dass 
beide Ursachen ihn schon seit zehn Jahren impotent gemacht hätten. Er war von klei- 
nem, gedrungenem Korperbau, brünetter Hautfarbe, und sah zwar bejahrt, jedoch immer 
noch jünger aus, als er war. Am Kopf, im Gesicht und am Schaamberg reichliche 
schwarze Haare. Seine Stimme war männlich, das Glied yon nicht gewöhnlicher Dimen- 
sion, und nicht die geringste Abweichung von der Norm war an den Genitalien wahr- 
nehmbar. Eine feine Schnittfarbe Hess allerdings auf einen ehemaligen Bubo schliessen, 
der aber natürlich ganz unerheblich für die Frage war. Das ausführlich motivirte Gut- 
achten musste mit dem Satze schliessen: „dass die ärztliche Exploration keinen Anhalts- 
punkt nachgewiesen habe, um die Annahme zu rechtfertigen, dass N. schon seit zehn 
Jahren ausser Stande gewesen sei, den Beischlaf zu üben und Kinder zu zeugen*". 

85. bis 39. Fall. Klagen von Ehefrauen auf Impotenz ihrer Männer. 

35. Die verehelichte R. behauptet, dass ihr Gatte es in der Ehe nie „zu einer 
gehörigen Erregung seines männlichen Gliedes und zu einem Saamenergusse habe brin- 
gen können*, und klagt auf Ehescheidung. R. bestreitet dies und behauptet, nament- 
lich in den letzten fünf Wochen mit der Klägerin zweimal „yollständig*" den Beischlaf 
YoUzogen zu haben. Ich führe diesen und die folgenden Fälle, an sich höchst einfach, 
nur als thatsächliche Beweise der oben von mir behaupteten Frechheiten in dieser Frage 
an. R. war 52 Jahre alt, sah aber bei allgemeiner strotzender Gesundheit viel junger 
ans. Alle Gharactere der Mannheit waren ganz normalmässig vorhanden, und ich 
musste äussern: .dass gar kein Grund vorläge, um an der Fähigkeit des R., den Bei- 
schlaf zu vollziehen, zweifeln zu können". 

36. Die verehelichte Ackerbürger £. klagte ebenfalls auf Ehescheidung wegen Un- 
vermögens ihres Mannes zur Leistung der ehelichen Pflicht. £, ist erst 40 Jahre alt, 
klein aber gedrungen gewachsen, hat Bart, männliche Stimme, starken Schamhaarwuchs, 
Tollkommen regelmässige Genitalien und sogar nicht gewöhnlich grosse Hoden bei all- 
gemeiner Gesundheit! Urtheil wie im vorigen Falle. 

37. Die verehelichte Tabackshändler M. verlangt die Scheidung von ihrem Manne, 
der wegen übermässig getriebener Onanie impotent geworden sei- Dieser ist 48 Jahre 
alt und — sagten wir — wie schon seine ganz gesunde Leibesbeschaffenheit und kräf- 
tige Gesundheit nicht dafür sprächen, dass er übermässig Onanie getrieben habe oder 
treibe, so habe sich an dem vollkommen normalen und männlich gebildeten Körper auch 
nicht ein einziger Befund ergeben, der das Urtheil begründen könnte, dass M. beischlafs- 
und zeugungsunßhig seL 

38. Vollkommen dieselbe Klage brachte die Schneidergesellenfrau G. vor. Ihr 
Ehemann habe sich „durch unmässige Befriedigung semer Löste vor der Ehe die Fähig- 
keit auf eine naturwidrige Art selbst geraubt", er habe deshalb schon in der Braut- 
nacht und auch später sie zu bewegen versucht, „ihm die Befriedigung seiner natur- 
lichen Lüste zwischen ihren Nates zu gestatten*' u. s w. Die ganze Anschuldigung der 
Impotenz entbehrte auch hier allen und jeden Grundes! Der erst 42jährige, kräftige 
Mann war im Allgemeinen männlich gebildet und hatte vollkommen normale, gesunde 



100 



Zeu^ongsfahigkeit. §. 9. Casaistik. 39-42. F&U. 



GeoitAlien, so elass ganx dasselbe Urtbeil wie im vorigeti Falle abgegeben werdea 
musste! 

39. lü diesem Falle klagte eine Frau ebenfalls wegen unheilbaren Unvertncigexis 
zur Leistung der e belieben Pflicht, und must^ten wir ein relaÜTes Uqto nötige & Dach 
Lage des Falles annehmen. Explorat nämlich gab an, dasä. nachdem er im Jahre 
1S64 seine erste Fran, welc^he in der Entbindung gestorben^ vertoren habe» er am 
G. April c. »eine zweite Frau gebciralhet habe. Er habe bisher mit ihr nicht cohabJUri, 
aber zweimal versucht, den Beisi*hlaf mit ihr auszuüben. Das erste Mal am S. ilprü 
Morgens nach der Hochzeit, er habe aber viel getrunken gehabt ^ und ihr gesagt, daas 
^er heut nicht recht koscher sei". Das zweite Mal, etwa am 10. April, ha)»6 seine Ehe- 
frau, als er den Versuch gemacht, sein erigirtes Glied zu immittireu, geäussert: «Qeb* 
doch, Du verstehst da^s ja nicht, das ist ein Scheidegruud , ich werde mir einen Haas- 
freund halten, ich bin Berlinerin**, Diese Aesserung habe ihu abgeschreckt, so das« er 
den Beischlaf alidanu unterlassen habe, und auch erneute Versuche nicht gemacht habe, 
weil seine Frau, so oft er versucht habe, sich ihr ztLrÜich zu näheren, ihn kalt zurück* 
gewiesen habe. Explorat ist 45 Jahre alt, massig kräftig gebaut und geoährL Seine 
Genitalien sind vollkommen normal, gut entwickelt, die beiden Iloilen im UodensiclE 
fühlbar, gut genährt und gesund anzufühlen. Auch will er nächtliche Pollutionen mit 
Erectjon verbunden haben. Hiernach sind Gründe, welche die Fähigkeit deji S-, de 
Beischlaf auszuüben, ausseh Hessen, nicht vorhanden, und gebe ich mein amtseidlli 
Gutachten dahin ab: dass, wenngleich der Ehefrau gegenüber ein relatives ünTenDÖgwn* 
zur Ausübung des Beischlafes bestehen mag, bei dem S. Bedingungen , welche ein ua* 
heilbares Unvermögen zur Leistung der ehelichen Flicht begründeten ^ nicht Torhaii* 
den sind« 



40 bia 42. Fall. Klagen an'f verweigerte eheliche Pfliebt 

40. Das gemeine Leben grosser Städte wirft seltsame Blasen auf. In der Z/s 
Khescheidungssache klagt die Frau gegen ihren Mann auf Scheidung, behau [Uend, 
er wi^hrend ihrer vierjährigen Ehe noch nie den Beischlaf mit ihr vollzogen habe, «nd 
tritt den Beweis mit der Behauptung — ihrer Jungfemschaft an. Ich hatte nur letztere 
zu constatiren und fand an der jetzt achiundvierzigjäbrigen, buckligen Frau« 
die ein jetzt achtundzwanzi gj ah rig er Mann (wegen einiger Ilundert Thaler Ver- 
mögens der Fraul) geheirathet hatte, in der That ein vollständig erhaltenes, nicht er- 
weitertes, nicht eingerissenes Hymen, so dass ich erklären musate, »daaa ein vollendeter 
Beischlaf mit wirklicher Immission des männlichen Gliedes an der Z. noch mchl yoU- 
zogen worden sei*. 

4L Ganz dersetbe Fall lag in der Klage der P.^schen Ebegatteu vor. Die Fran 
hatte auf Scheidung wegen Verweigerung der ehelichen Ptlicht geklagt, der Mann lie- 
hauptet^ dass sie an einem ^gänzlichen und unheilbaren Unvermügen* leide {$- 6U€. d. 
A. L«*Ii s* oben S>59}, indem es ihm nicht möglich sei, in ihre Geschlechtslheile 
zudringeo. Der Mann war 2$, die Frau 51 Jahre alt, und Beide seit drei Jahren 
derlos verheirathet , doch hatte der junge Gatte die alte Frau schon drei MoQAte i 
der Trauung wieder verlassen!! Letztere fand ich allerding» uuentjungfert, im Oebiigitt 
voltkommen normal und gesund, und die Behauptung des ManoM wir wieder einmal 
völlig aus dtT Luft gegriffen. 

42. Geranie umgekehrt hatte in einem anderen Falle der VictuaBenhändler K. tm 
Klage auf Scheidung von seiner Frau wegen hartnäckiger Verweigcning der 
Pflicht etugctegt, in welcher Klage die Frau behauptete, „dass sie an einem 
leide, und durch ihren körperlichen Zustand gar nicht, oder doch nicht ohne 



Zeagongsföhigkeit. §. 9. Gasnistik. 43—45. Fall. IQl 

dang ihrer Gesundheit den Beischlaf vollziehen könne". Es fand sich ein Leistenbruch 
linkerseits von der Grösse einer halben Wallnuss, der ganz verschiebbar und in der 
Rackenlage kaum sichtbar war. Eben so wenig aber war auch übrigens am Körper 
irgend ein anderer Hinderungsgrund des Beischlafs aufzufinden, vielmehr war die K. 
▼ollkommen normal gebaut, und hatte auch in ihrer Ehe fünf Kinder, das letzte erst 
▼or neun Monaten, geboren! Das Urtheil ergab sich hiemach von selbst. 

43. und 44. Fall. Angebliche Impotenz wegen Yerkrüppelung der 

Geschlecbtstheile. 

Anders als die obigen Fälle von angeblicher ehemännlicher Impotenz als Grund 
zur Ehescheidungsklage gestalteten sich die folgenden. 

43. Die Victualienhändler S. behauptet, ihr Ehemann sei »wegen Yerkrüppelung 
seiner Geschlecbtstheile gänzlich zur Zeugung unvermögend". Der Beklagte bestreitet 
Beides und behauptet vielmehr, dass namentlich in den letzten Monaten „fast nächtlich 
die fleischliche Vermischung geschehen sei". Meine Untersuchung ergab auch nicht die 
allergeringste Abweichung im Bau der Genitalien des erst 41jährigen Mannes ! Mit die- 
ser Feststellung fiel zum Theil schon die fernere Behauptung der Klägerin. Der Mann 
war kräftig und gesund, von knochigem Bau, sehr stark behaart auf Brust und Extre- 
mitäten, hatte alle übrigen Gharactere der Männlichkeit, und (musste ich hier sagen) 
j,wa8 die Erectionsfähigkeit seiner Ruthe betrifft, so kann ich dieselbe um so weniger 
bezweifeln, als eine Neigung dazu sich sogleich bei der nothwendigen Berührung des 
Gliedes Behufs der Untersuchung der Vorhaut zeigte*. Es war folglich auch hier wie- 
der kein Grund vorhanden, um eine Zeugungsunföhigkeit anzunehmen. 

44. Kaufmann H. soll an dem ^unheil baren Gebrechen" (AI Ig. Land recht s. oben 
S. 59) epileptischer Krämpfe leiden und „wegen falschen Baues seiner Geschlecbtstheile" 
zur Leistung der ehelichen Pflicht unfähig sein, wie die Ehefrau in ihrer Klage behaup- 
tete. In Betreff" der epileptischen Krämpfe erklärte ich natürlich, mein Urtheil suspen- 
diren zu müssen, da solche nur durch die Beobachtung eines Anfalles festzustellen 
seien; in Betreff der angeblichen geschlechtlichen Missbildung aber müsse ich erklären, 
dass die Anschuldigung der Impotenz des H. „wegen falschen Baues seiner Geschlecbts- 
theile" vollständig ungegründet sei, da dessen Genitalion in jeder Beziehung auch nicht 
die geringste Abweichung von der Norm darböten. 

45. und 46. Fall. Angebliche Impotenz wegen mangelnder Hoden. 

46. In ihrer Ehescheidungsklage behauptet die verehelichte Arbeitsmann Z., sie 
habe schon bei Beschreitung ihrer Ehe vor acht Monaten die Erfahrung gemacht, dass 
ihr Ehemann „gänzlich ausser Stande sei, die eheliche Pflicht zu leisten", und habe er 
ihr eingeräumt, „dass er keine Hoden habe^. Dies Unvermögen sei ihr um so uner- 
träglicher, „als der Beklagte allnächtlich den Beischlaf bei ihr stundenlang versuche, 
bis sie ganz erschöpft imd mit Anwendung ihrer ganzen Kräfte, diesen Versuchen ein 
Ende zu machen, ihn von sich abwehren musste". Was nun ergab die Untersuchung? 
Einen 32jährigen, robusten, ganz gesunden Mann mit Bartwuchs und männlicher Stimme, 
mit einem zwar nur ungewöhnlich kleinen; aber in jeder anderen Beziehung vollkommen 
normal gebildeten männlichen Gliede. ^Im Hodensack sind beide Hoden deutlich 
fühlbar" (!). »Da nun" — sagte ich weiter im Gutachten — „eine kürzere Dimension 
der Ruthe die Beischlafs- und Zeugungsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt imd 
andere Bedingungen der Unfähigkeit bei dem Z. nicht vorhanden sind, so muss ich 



102 Zeugungsfahigkeit §. 9 Gasuislik. 46—49. Fall. 

mein Gutachten dahin abgeben: dass ein Unvermögen zur Leistung der ehelichen Pflicht 
bei dem Z. gar nicht als vorhanden anzunehmen ist". 

46. Anders und selten genug gestaltete sich der Fall in der Ehescheidungsklage 
der Schubmachermeister W., welche ebenfalls behauptete, dass ihrem Manne ,die Hoden 
fehlten, er also nicht im Stande sei, Kinder zu zeugen und folglich an einem ginzlicben 
und unheilbaren Unvermögen leide''. Der kräftige, gesunde, 40jährige Mann hatte alle 
Charactere der Männlichkeit und ein sogar ziemlich stark entwickeltes Glied, dass toU- 
kommen normal war. „Was aber den Hodensack betrifft, so ist derselbe nur im Ru- 
diment vorhanden, und dies am Schaamberg hoch oben befindliche Rudiment ist leer, 
weshalb die klägerische Ehefrau mit einem Schein von Recht behauptete, dass dem W. 
die Hoden fehlen. Dieselben liegen aber sehr deutlich fühlbar und hinreichend 
gross ausserhalb des Bauchrings und dicht vor demselben und sind folglich nur nicht 
ganz in den Hodensack hinabgetreten". Es wurde nun ausgeführt, dass diese Lage der 
Testikel die Beischlafs- und ZeugungsMhigkeit nicht beeinträchtige u. s. w. 

47. und 48. Fall. Angeblich übermässige Potenz. 

Die Ehefrau eines Mannes aus dem Mittelstande legte eine Scheidungsklage ein, 
„der-^ ihr Mann habe sie so häufig und in so roher Weise gebraucht, dass sie davon 
in einen gefährlichen Krankheitszustand vorfallen sei*. Zur Begründung ihrer Klage 
reich sie ein Attest des Dr. N. N. ein, welches bescheinigt, „dass sie an einer krank- 
haft erhöhten Nervenreizbarkeit des Fnichthalters leide, und dass ein solches Leiden 
leicht durch zu häufige Ausübung des Beischlafs entstehen könne'. Zugleich behauptete 
Klägerin, „dass das Glied des Verklagten von so exorbitanter Beschaffenheit sei, dass 
er den Zweck der Ehe nicht erfüllen könne*^, ferner (!!), „dass er ein Gebiss falscher 
Zähne habe und unerträglich aus dem Munde stinke "". Aufgefordert, die Thatsichlich- 
keit dieser Behauptungen durch Untersuchung beider Ehegatten festzustellen, berichtete 
ich dem Ebegericbt wie folgt: „1) Der Ehemann ist gesund und 38 Jahre alt Sein 
männliches Glied ist nicht, wie Klägerin behauptet, von exorbitanter Beschaffenheit, 
sondern es hat das Organ im erschlafften Zustande nur die gewöhnliche Stärke und eine 
Länge von U Zoll, wonach es eher klein, als zu exorbitant genannt werden mnss, und 
keinenfalls in der Bsschaffenheit des Gliedes ein Hinderniss des normalen Begattungs- 
aktes gefunden werden kann. P'erner hat der Mann zwar sechs künstliche Zähne im 
Oberkiefer; dieselben sind aber eingeschraubt, sehr sauber gefertigt, und lässt sieh, ent- 
gegen der Behauptung der Klägerin, nicht der geringste üble, am wenigsten ein uner- 
träglicher Geruch des Athems wahrnehmen, so dass ein „„ekelhaftes und unheilbares 
Gebrechen'"' (Gesetzesstelle s. oben S. 59) hierin nicht angenommen werden kann. 
2) Die Ehefrau ist eine sehr junge und ganz gesunde Frau. Bei der Manualexploration 
durch die Scheide und durch den Mutterspiegel hat sich ergeben, dass der Fruchthalter 
eine leichte Rückwärtsbeugung hat, und behauptete Explorata, dass die Untersudning 
ihr schmerzhaft sei. Anschwellungen, Geschwüre u. dgl., die eine Beglaubigung dieser 
Behauptung geben würden, sind nicht vorhanden, und es muss folglich die rein subjec- 
tive Angabe der Klägerin ganz dahin gestellt bleiben. Keinesfalls kann die angeblich 
erhöhte Reizbarkeit des Fruchthalters von der rohen Vollziehung des ehelichen Bei- 
schlafs mittelst eines exorbitanten männlichen Gliedes herrühren, da der Ehemann, wie 
bemerkt, kein solches nicht hat.** 

49. bis 53. FalL Angebliche weibliche Beischlafsunfähigkeit 

49. Ein Subalternbeamter, mit seiner Ehescheidungsklage abgewiesen, hatte in 
der Appellations - Instanz die Behauptung vorgebracht: „das die Geschlechtstheile der 



ZeugaDgsföhigkeit. §. 9. Casuistik. 50-53. Fall 103 

Verklagten durch VerknorpeluDg oder durch eine andere Ursache so sehr verengt seien, 
dass selbst der kleine Finger einer Hand sie nicht zu passiren vermöge, dass dieses 
Uebel unheilbar, und dass die Verklagte hierdurch die eheliche Pflicht zu leisten für im- 
mer ausser Stande sei*. Es genüge mit Einem Worte zu bemerken, dass ich die frag- 
lichen Geschlechtstheile weder „verknorpelt", noch „verengt**, sondern im ganz voll- 
kommen normalen, folglich für die Leistung der ehelichen Pflicht durchaus geeignetem 
Zustande und deflorirt fand!! 

50. Der Maler £. behauptete in seiner Ehescheidungsklage, dass seine Frau wegen 
ihres falschen Gebisses auf eine unerträgliche Weise aus dem Munde röche, und dass 
ihre Geschlechtstheile so schlecht gebaut und so verknorpelt seien, dass es ihm unmög- 
lich, den Beischlaf mit ihr zu vollziehen. „Beide Behauptungen sind vollkommen aus 
der Luft gegriffen. Die E. hat zwar ein kunstliches halbes Gebiss im Oberkiefer, was 
sie jedoch - wobei ich bemerke, dass sie auf meinen Besuch gar nicht vorbereitet sein 
konnte — reinlich hält und es ist nicht der geringste üble Geruch aus ihrem Munde 
bemerkbar. Eben so wenig hat die Ocularinspection und die Manualexploration ihrer 
Geschlectsth ile irgend etwas von der Norm Abweichendes ergeben. Der Bau der- 
selben ist ganz natürlich, die Scheide wohl noch etwas, aber nur verhältnissmässig eng, da 
die E. erst seit Kurzem verheirathet ist, und, wie sich aus der Beschaffenheit ihres Kör- 
pers ergiebt, namentlich noch nie geboren hat. Am wenigsten ist eine Spur von einer 
„»Verknorpelung'''' vorhanden.'' Naturlich erklärte ich mit Rücksicht auf die gesetz- 
lichen Bestimmungen: „dass die E. weder an einem Abscheu und Ekel erregenden, 
noch an einem unheilbaren Uebel leide, vielmehr gesund und vollkommen für den 
Zweck der Ehe geeignet sei". 

51. Schiffer S. brachte in seiner Ehescheidungsklage vor: dass seine Frau „ein 
Zwitter, g&nzlich und unheilbar un^ig zur Leistung der ehelichen Pflicht sei, und dass 
noch kein Mann ihr beigewohnt habe^. Die Untersuchung vrürde hiernach versprochen 
haben, eine sehr interessante zu werden, wenn wir nicht längst den Werth solcher An- 
schuldigungen kennen gelernt hätten. Was fanden wir? Ein 48 Jahre altes, vollkommen 
normal gebildetes Weib! Das Jungfernhäutchen war fleischig, aber, wenn auch erhal- 
ten, doch eingerissen, was auch auf vollzogenen Beischlaf schliessen Hess. 

Schwieriger war das Gutachten im 

52. FaUe. Die Ehefrau F. sollte nach Behauptung ihres klagenden Mannes gleich- 
falls „unfähig zur Vollziehung des Beischlafs und zur Kindorzeugung" sein. Wir fan- 
den einen Scheidenvorfall, der einen halben Zoll aus der klaffenden Scheide hervorragte, 
aber, wie gewöhnlich, leicht reponibel war. ^Durch einen eingebrachten Schwamm*, 
mussten wir hiemach sagen, „könnte der Vorfall ganz zurückgebracht und zurückgehal- 
ten werden. Es würde dann aber eine Empfangniss sehr erschwert, und wahrscheinlich 
ganz unmöglich gemacht werden, wenn nicht vor jedesmaligem Beischlaf der Schwamm 
entfernt würde. Dies ist indess sehr wohl ausführbar, und da der Vorfall an sich das 
Eindringen des männlichen erigirten Gliedes wohl noch gestattet, so ist ein absolutes 
Hindemiss eines fruchtbaren Beischlafs nicht vorhanden.^ 

53. In diesem Falle haben wir eine Definition von ^Ekel und Abscheu erregend* 
versucht, weshalb wir ihn mittheilen. 

In der M.'schen Ehescheiduugssache behauptete der Ehemann, dass seine Frau an 
einem Ekel tmd Abscheu erregenden unheilbaren Gebrechen leide, welches die Zwecke 
des Ehestandes ausschliesse. Im Gutachten sagten wir: 

Die 56jährige Frau leidet an einem Vorfall der Scheide und dadurch Hervortreten 
der Gebärmutter, so dass die obere Scheidenwand etwa ^ Zoll weit aus der Schaam- 
spalte hervorsteht. Dieser Vorfall ist bereits alt, und wenn ich ihm auch eine Zeitdauer 
nicht bestimmen kann, so lässt sich mit Bestimmtheit aussprechen, dass er über Jahr 



104 



§. ^, Zeuguugsl^igkeiL 



und Tag alt ist Es geht die» daraus hervor, dass die vorgofalltme ScblGiuüi&ul das 
Ansehen der äusseren Haut gewonnen hat, was nur bei veralteten VorÄlleu tor- 
kotnmt. Die Frau behauptet den Vorfall seit 1848 zu haben, welcher Angabe der ob- 
jective Befund nicht widersjtricht. 

Dieser Vorfall ist sehr leicht und ohne Mühe repoaibel, und hindert in keiodf 
Weise das Eindringen eines erigirten maünlichon Gliedes, noch den Betscblaf. — Das 
Leiden ist zwar unheilbar, doch kanu ein solcher Vorfall durch Tragen eines Schwus- 
mes oder eines Mutterkranzes zurückgehalten werden, Bandagen, welche den Frauen die 
Körperarbeit erleichtem und Abends entfernt werden, da im Liegen der Vorfall an und 
für sich weniger stark ist — Eine Befruchtung ist schon an und für steh dnrclt das 
Alter der Frau ausgeschlossen. 

Ekel und Abscheu erregend kann diese Krankheit nicht bezeichnet werden, liiao- 
fern ein Sinnesorgan dadurch nicht beleidigt wird. Erfahrungsgemäsii leiden viele 
Frauen an mehr oder weniger grossen ScheideDvorfallen, ohne da&s dadurch die Bei- 
schlafslast ihrer Ehemänner beeinträchtigt würde. ^ Ein weisser FIuss ist bei der M. 
nicht vorhanden. 

niernach gab ich mein Gutachten dahin ab: dass die M* an einem Scheiden- und 
Gebärmuttervorfall mittleren Grades, nicht aber am weissen FJuss leidet; dass ersten, 
Krankheit zwar unheilbar, jedoch nicht Ekel und Abscheu erregend ist und die £r^j 
fallnng der Zwecke des Ehestandes nicht behindert. 



Man sieht aus der Auswahl der vorstehenden Fälle, das» ich bemüht 
gewoson biü, ans lueinen gesammeltem Beobachtungen eiüü Zusiimineu- 
siellung aller möglichen, in unserer Frage vorkommeüden Combinatio* 
neu zu Itcfern, um auf diese Weise genugende Thatsachen für die im 
Texte diesen Kapitels aufgesteUteu Sätze beizubringen. In aller Kürste, 
der Raumersparniss wegen, will ich nur noch bemerken, dass iu Be- 
treff der ^tmheilbaren körperlichen Gebrechen, welche Ekel und Ab- 
scheu erregen, oder die Erfüllung der Zwecke des Etiestandes gflazlicb 
bindern" (§. 697. des Eherechts im Allgem. Landrecht s, oben 8* 59X 
mir, ausser den im Obigen bereits erwähnten, eine reiche Anzahl noch 
anderer Fälle vorgekommen ist. Es betrafen dieselben eben so viel 
Männer als Frauen, denen vom anderen Gatten solche Uebel angeschol- j 
digt wurden, und diese angeblichen „Gebrechen'' sollten namentlich eein: 
übelriechende Schwcisse oder stinkender Athem oder Füsse, unwiUkühr- 
lieber Harnabgang, ekelhafte Geschwüre und Hantkrankheiten, namenU 
lieh (die so häufig vorkommenden) Fussgeschwüre , „ätzender* oder 
„ekelhafter** weisser Fluss, Grind und ähnliche Kopfausschläge, Schei* 
den- und Gebärmuttervorfall und syphilitische Formen, Nicht u 
einem einzigen Fall habe ich bei der Uotersuehung der betr^fltjiideal 
Individuen die Anschuldigung bestätigt und das imputirto „Gebrecbco* 
wirklich vorgefunden!! Nur Einmal fand ich bei einem Ehemann zwar 
nicht den angeschuldigten », übelriechenden Knochenfrass am Oberscheii« i 
kel'', wohl aber ein iistulöses kleines Geschwür, das Jahrzehnte 



streitiger Verlust der Jungfrauschaft. 105 

bestanden hatte, aber durchaus keine „ekelerregende^ Secretion zeigte. 
In allen diesen Fällen ohne Ausnahme mnssten demnach Gutachten 
erstattet werden, deren Folge eine Abweisung der Klage war. 



Zweites Kapitel. 

Streitiger Verlust der Jungfrauschaft. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Nordd. Strafget. $. 173. Der BeUchlaf xwiscben VerwAiidten in aaf- und absteigender Linie wird 
aa den crtterco mit Zuchtlua» bis su ffin/ Jahren , an den letsteren mit Gefangnies bi« au swei Jahren 
bestraft. 

Der Beischlaf swiaehen Yerichwagerten auf- und absteigender Linie, sowie swiscben Geschwistern 
wird mit Gef&ngniss bis an swei Jahren bestraft. 

§. 174. Mit Znchthans bis an fanf Jahren werden bestraft : 

1) Vormünder n s. w.; 

2) Beamte a. s. w.; 

3) Aerate oder andere Medidnalpersonen, welche in GefSngnissen oder in Öffentlichen, sur 
Pflege von Kranken, Armen oder anderen Hfilfloson bestimmten Anstalten beschäftigt 
oder angestellt sind, wenn sie mit den in das Gefaogoiss oder in die Anstalt aufgenommenen 
Personen nna&chtige Handlungen Tornehmcn. 

Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Geflngnissstrafe nicht unter sechs Uunaten ein. 
Ebds. §. 176. Mit Zuchthaus bis «u aehn Jahren wird bestraft, wer 

1) mit Gewalt unauchtige Handlungen an einer Frauensperson vornimmt oder dieselbe durch 

Drohnng mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben sur Duldung unEÜchtiger Handlungen 

nöthlgt; 

2) eine in einem willenlosen oder bewusstlosen Zustande befindliche oder eine geisteskranke 
Frauensperson sum ansserehelichen Beischlaf missbraucht, oder 

3) mit Personen unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vornimmt oder dieselben zur VerCibung 
oder Dnldnng unaüchtiger Handlungen verleitet 

Sind mildernde Umstinde vorhanden, so tritt Gef&ngniss strafe nicht unter sechs Monaten ein. 

Die Verfolgung tritt nur auf Antrag ein, welcher Jedoch, nachdem die förmliche Anklage bei Gericht 
erhoben worden, nicht mehr zurückgenommen werden kann. 

Ebds. §. 177. Mit Zuchthaus wird bestraft, wer durch Gewalt oder durch Drohung mit gegenwarti- 
ger Gefahr für Leib oder Leben eine Frauensperson znr Duldung des ausserehelichen Beischlafs nothigt, 
oder wer eine Frauensperson zum ausserehelichen Beischlaf missbraucht, nachdem er sie zu diesem 
Zwecke in einen willenlosen oder bewusstlosen Zustand versetzt hat. 

Sind mildernde Umst&nde vorhanden, so tritt Gefangnissstrafo nicht nnter einem Jahre ein. 

Die Verfolgung tritt nur auf Antrag ein, welcher Jedoch, nachdem die formliche Anklage bei Gericht 
erhoben worden, nicht mehr anrückgenommen werden kann. 

Bbds. §. 178. Ist durch eine der in den §§. 176. und 177. bezeichneten Handlungen der Tod der 
verleuten Person vernrsacht worden, so tritt Zuchthansstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebenslEugliche 
Zachthrasstrafe ein. Eines Antrages auf Verfolgung bedarf es nicht. 

Ebds. §. 179. Wer eine Franensperson zur Gestaltung dcü Beischlafs dadurch verleitet, dass er 
eine Trauung vorspiegelt n a. w., wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft. 

Fr. Gesetz vom 24. April 1854. §. 1. Eine Frauensperson, weiche 1) durch Nothzucht, 2) im be- 
wosstlosrn oder willenlosen Zustande geschwängert worden (§. 144. 1. 2. des Strafgesetzbuches), oder 
3) dnrch Vorspiegelung n. s. w. — ist zu verlangen berechtigt, dass ihr das im Allg. Landrecht Thl. II. 
Tit. 1. %. 785. vorgeschriebene hüchste M.iass der Abfindung zugesprochen werde. 

Oeaterr. Strafges. §. 195. Wer eine Frauensperson durch personliche Bedrohung, wirklich aus- 
geübte Gewaltth&tigkeit oder dureh arglistige Bet&ubung ihrer Sinne ausser Sunde setzt, ihm WidersUnd 



106 Streitiger Verlust der Juugfrauschaft. §. 10. Allgemeines. 

SU thun, and »i« in diesem Zustande sn ausserehelichem Beischlaf mlssbraneht , begeht •!■ VerbrccWa 
der Nothsueht. 

Ebda. §. 1S7. Der an einer Frauensperoon , die sich ohne Zuthan des Th&ters im ZiMlaad« der 
Wehr- oder Bevasstlosigiceit befindet, oder die noch nirht das 14. I^bensjahr sarnckg«le|^ lut, aator- 
nommene ftusserebeliche BeiNchlaf ist gleichfalls als Nothxucht anius^hen. 

Ebds. §. 128. Wer einen Knaben oder Mädchen unter 14 Jahren, oder eine im Ziutand« der Wekr- 
und Bewusstlosigiicit befindliclie Person sur BefriedigiinK seiner [.Ante auf eine andere, al« di« im {. tt7. 
beseicbncte Weise gescblecbtJich raissbraucht, begeht das Verbrechen der Schfindung. 

Baiersehes Strafg. Art. 204. Wer eine Frauensperson mit Gewalt sum aosserthelichea Brtschla f 
missliraucht, oder zur Duldung desselben durch Bedrohung lott ge^on wirtiger Gefahr fkr Leib uad Lebe« 
nSthigt, soll wegen Nothsueht mit Zuchthaus bis sn 8 Jahren bestraft wenlen. Nach dieaea JB«atimmm- 
gen soll (Art. 205.) auch bestraft werden, wer mit einer im ZnsUnde gänslieher Willenleslgkeit b«ia4- 
liehen Frauensperson den aunsereheiichen Beischlaf verübt. 

Rbds. Art. 224. Die Verbrechen <»der Vergehen, su deren Thatbestand der Beisehlaf g«h<rt, alad 
vollendet, sobald die Vereinigung der Qeschleehtstheile erfolgt ist. 

Wärtern b. Strafg. Art. 295. Wer eine Frauensperson durch Icörperliche Gewalt, feAhrliche Dro- 
hung oder arglistige Bet&ubung ihrer Sinne ausser Stand seist, seinen Lüsten WIderstaad ra Icbtaa, aad 
in solchem Zustande schfindet, wird wegen Nothsueht bestraft mit u. s. w. 

Ebds. Art. 296. Gleiche Strafe hat derjenige verwirict, welcher eine Fraaens- oder Ifaaaaparfoa sar 
naturwidrigen Befriedigung des Geschlechtstriebeit durch Aulcgung too Gewalt, geflhrlieha Bedrahaag 
oder argliiitige Betiubung ihrer Sinne gemissbrancht hat. 

Kbds. Ar<. 297. Wer eine Person, die das 14 Lebensjahr noch nicht surAckgelegt bat, aar Oanchl 
raissbraucht, ist nach Verschiedenheit iler Fälle u. s. w. su bestrafen. 

Ebds. Art, 299. Wer eine wahnsinnige, blödsinnige oder im Zustande der Batiubuag bafadUche 
Person sur Befriedigung der Wollust missbraacht, wird mit Krelsgefängniss bestraft. 

§. 10. AUgeMciacs. 

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern, selbst oncivilisirten, ist die 
Thatsache der weiblichen Jnugfrauscbaft in der Volksmeinimg als Sym- 
bol weiblicher Schaam und Sittlichkeit hoch gehalten worden, demi nicht 
immer wusste man, dass auch viele weibliche Thiere das Organ haben, 
welches mit Recht von jeher als Hauptkennzeichen der Jungfräulichkeit 
betrachtet wurde, das den Eingang in die weibliche Scheide versperrende 
Hymen (Jungferhäutchen, Scheidenklappe). Die alten Juden trugen das 
Hemde der jungen Neuvermählten mit den blutigen Spuren der fiischen 
Verletzung des Hymen, als Zeichen der bis dahin bewahrten Keusch- 
heit, mit Stolz unter den Verwandten umher, und noch jetzt soll diese 
im Orient weit verbreitet gewesene Sitte in Neapel volksthämlich sein, 
wo noch das „Ehrenhemde" (camiscia delF onore) den Frennden ge- 
zeigt wird*). 

Diesen Volksansichten sind die Gesetzgeber gefolgt, welche zu allen 
Zeiten und bei allen Völkern die unsittliche Vernichtung des jungfräu- 
lichen Zustandes mit den allcrstrengsten Strafen bedrohten, bei den 
Juden, wenigstens sofern sie ein verlebtes Mädchen betrafen, bei den 
Atheniensern, Römern, im älteren französischen und englischen Strafge- 
setz mit dem Tode, während selbst bis in die neueste Zeite**) in manchen 



•) Mayer, Neapel und die Neapolitaner. I. Oldenburg 1840. S. 319. Der Verf. 
hat sehr lange in Neapel seinen Wohnort gehabt n 

**) Wenigstens yor 45 Jahren noch; s Beck's Elem. of med. jurispr. Londoner 
Ausgabe. 1825. S. 65. 



Streitiger Verlast der JuDgfrauschaft. §. 10. ADgemoiues. 107 

amerikanischen Unions- Staaten die Todesstrafe die gesetzlich angedrohte 
dafür ist — In Deutschland scheint, streng genommen, nach der gegen- 
wärtigen Lage semer Strafgesetzgebnng die Thatsache der eigentlichen 
Defloration nnd deren gerichtsftrztliche Diagnose keinen practischen und 
entscheidenden Werth mehr zu haben, da das Strafgesetzbuch das Wort 
„Jungfrauschaft^ oder „Entjungfemng^ gar nicht kennt, vielmehr nach 
dem Vorgange von Oesterreich, Baiern, Hannover, Sachsen n. A. von 
^unzüchtigen Handlungen" oder „Beischlaf" spricht. Jedoch legt gar 
nicht selten auch bei uns in concreten Fällen der Richter die Frage 
von der Entjungferung, namentlich mit Beziehung auf die Verletzungs- 
Paragraphen des Strafgesetzbuchs, vor, um neben der Feststellung der 
angeschuldigten ,, unzüchtigen Handlung" an sich, auch noch deren et- 
wanige Folgen für Körper und Gesundheit der Verletzten ermitteln zu 
lassen. Im Uebrigen spricht auch die Pr. Allg. Gerichtsordnung §. 12. 
Tit. 40. von einer „Entschädigung für die Entjungferung", wonach folg- 
lich die Diagnose der Jungfrauschaft auch vom civilrechtlichen Stand- 
punkt practisch wichtig ist. Dasselbe findet Statt in jenen vorkommen- 
den Fällen, in welchen eine Ehescheidungsklage von Ehefrauen wegen 
Verweigerung oder Unmöglichkeit der Leistung der ehelichen Pflicht 
gegen ihre Männer eingelegt wird unter Berufung auf die noch fortbe- 
stehende Jungfrauschaft. 

Die Schriftsteller haben viel von einer Trennung in physische und 
moralische Jungfrauschaft gesprochen*). Man muss sehr unerfahren in 
gerichtlich - medicinischen Dingen sein, um eine solche Unterscheidung 
als brauchbar aufzustellen. Kein sachkennerischer Gerichtsarzt wird, 
wie überall nicht, aus Einem Zeichen allein, hier das ohne Zweifel ge- 
meinte Vorhandensein oder Fehlen des Hymen, seine Diagnose stellen 
(§§. 11., 12.), und andererseits sind jene Schriftsteller auch nur jede 
Andeutung dafür schuldig geblieben, wie der gerichtliche Arzt das un- 
greifbare Wesen einer moralischen Jungfrauschaft feststellen könnte, 
deren Beurtheiluüg jedenfalls dem Richter mehr als dem Arzte zu- 
stehen würde. 



§. 11. Biagaese der Jongfranschaft. 

1) Da der Zustand der weiblichen Brüste schon durch häufig ge- 
triebenen Beischlaf, noch weit mehr durch Schwangerschaft und Geburt 
wesentliche Veränderungen erleidet, so bietet die Vergleichung dieser 
Veränderungen mit dem ursprünglichen Zustand der Brüste beachtens- 



^ Die französische Sprache hat dafür auch in der That zwei Benennungen: pu- 
cellage und virginite. 



108 



§« II. Dia^ose der Jun^rauschoft. 



werthe dia^ostisehe Merkmale. Die Brüste einer noch jogendliclieo 
und gesQudeo JuDgfrau sind im Allgemeinen im Verhältniss zum ubri* 
gen Kölner nicht zu sebr entwickelt, sie sind fest und derb, nach der 
Warze einigermaassen zugespitzt, die Warze selbst wenig entwickelt — 
es ist eben so unsittlich als unerheblich, folglich ganz verwerflich, die 
EreetUität der Warze bei der üntersuehong zu prüfen, — die Warze 
ist mit einem schmalen Hofe umgeben, der, selbst bei dunkler Haar* 
und Hautfarbe, nur äusserst wenig pigraentirt, vielmehr ganz liehtFOseD- 
roth, bei sehr brünetten Personen ausnahmsweise auch schwach Iieht- 
braun gefärbt ist. Aber allein und Tür sich beweist die Beschaffenheit 
der Brüste nichts; denn schon nach den Jahren der ersten Jugend und 
mehr und mehr bei vorrückendem Alter, je mehr die allgemeine Frische 
und Körperfülle schwindet, werden die Brüste welk und mehr und mehr 
hängend. (Dasselbe sieht man nach oft und lange gepflogenem Gc- 
schlechtsverkehr,) Die Pigmentirung des WVzonhofes femer verändert 
sich nicht durch blosse Entjungferung, vielmehr erst nach eingetretener 
erster Conceptiou. 

2) Das Hymen. Seine Form und Bildung zeigt sich bei einer Ver- 
gleichung sehr vieler Individuen ganz ungemein verschieden, was von 
grosser practischer AVichtigkcit ist Die Nichtbeachtung der vorkom- 
menden Differcüzen und das Festhalten der Annahme einer stereotypen 
Form desselben mag es besonders veranlassen« dass von Aerzten häufig 
irrthürnlich über Vorhandensein und Insultationen dieser Membran ge- 
urtheilt wird. Bei Säuglingen und kleinen Kindern stellt das Hymen 
nur ausnahmsweise eine quer vor dem Scheideneingang gespannte Mem- 
bran, ein Diaphragma, dar, i^ondem es zeigt sich vielmehr als ein mit 
geiner Basis hervorragender Trichter, Zapfen oder Kegel, dessen Seitcn- 
wandungen vielfach gefaltet sind, und den man erst durch Entfaltnng 
mit einer Knopfaonde am besten übersieht*). Diese fast constante Bil- 
dung bei Säuglingen verliert sich mit der weiteren Entwiekelong der 
Geschlechtst heile und in späterer Zeit stellt das Hymen eine semilunare 
oder kreisförmige Membran dar, welche bei zweckmässiger Auseinander* 
zerrung der Labien diaphragmatisch vor dem Scheideneingang gespannt 
ist, mit einer centralen oder mehr nach oben gelegenen nvalen oder 
kreisförmigen Oeftoung versehen ist, deren Ränder scharf und glult er- 
scheinen* Gewöhnlich ist das Hymen vod membranartiger Beschaffen- 
heit, 1 bis V: Linien breit. Wenn das oben Beschriebene die Regel 
ist, so kommen ni*'ht selten Ausnahmen und Varietäten vor, tlie zu 
kennen wichtig sind. Zunächst erhält sich nicht ganz selten die oben 



*) Vgl. Skrxecika, Die Form des Hymen bei Kindern. 
Q. öiTena Med. 1866. n* 47. 



VI«iiie|jaiinMhf * H 



r Diagnose der JungfrauschafL 



lOÜ 



geschilderte, bei Säoglingon normale Form bia in spätere Jahre, sogar 
über die Mannbarkeit hinaus, und vielleicht ist es nicht ein Znfall, dass 
ich bei einer, gelegentlich eines schweren Crimiualfallca angestellteu 
Untersuchung mehrerer idiotischer, bereits zum Theil mannbarer Mäd- 
chen, diese kindliche Form, das promin irende Hymen, wie ich es 
nenne, gefunden habe. Doch bin ich ihm jmch bei nichts weniger als 
idiotischen Mädchen begegnet. Die Consistenz eines sokhen Hymens 
ist nicht die einer groben Membran, sondern es ist mehr oder weniger 
dick und fleischig. Als eine sehr seltene Abart dieser Form sah ich 
einige Male ein gelapptes Hymen. Hier waren mit grosser Regel- 
mässigkeit zu beiden Seiten dachziegelförmig einzelne Lappen, drei bis 
vier an der Zahl, am Grunde verbuaden, über einander gestellt, und 
dasä hier nicht gewuhnliche Einrisse vorlagen, die mich getäuscht hätten, 
sondern dass es sich hier um eine primäre Bitdung handelte, ging zur 
Evidenz daraus hervor, dass dieselbe Bildnng eich an dem die Harnröhre 
umgebenden Walst wiederholte. Die Membran ist auch bei regelmässiger 
Configuration verschieden in ihrer Nachgiebigkeit, bald scIiJatt*, bald re- 
sistent. Ihre Breite ist oft äusserst gering, die Oeftnung gross, so dass 
sie die Spitze eines Fingers bequem aufnehmen könnte, ohoc dass Ein- 
risse in die Membran verursacht werden mussten. Die Oeffnung fanden 
wir nicht immer oval oder nind, sondern in sehr selteoen Fällen durch 
einzahle Hantbrückchen verlegt, eine Form, die man als gegittertes oder 
bandartiges (F, B. Osiander) Hymen beschrieben hat, der wir noch 
eine andere Form anreihen, welche durch einen vom unteren Kunde 
nach oben, oder vom oberen Rande nach nuten vorkufenden Zapfen, der 
Hymeoalöflünng eine herzförmige oder umgekehrt herzförmige Gestalt 
verlieh. Ebenso beobachtete ich verschiedene Mal ein lippenförmi- 
ges Hymen, d, h. statt der kreisninden oder seniilnnaren Membran 
gleichsam eine Wiederholung der kleinen Sehaaralefzen , die in einem 
Falle sogar doppelt war. Endlich fanden sich in seltenen Fällen auch 
die sonst glatten und scharfen Ränder in sehr gleichmässiger und sym- 
metrischer Weise rundlich gefranzt, und dass auch hier w^ieder nicht 
etwa eine Verwechselung mit vernarbten RandeiDrissen vorkg, bei^ies 
die gleiche Bilduug des Wulstes der Harnröhre. Diese sämmtlichcn 
letztgenannten Varietäten fand ich bei kleinen Kindern. Bei diesen ist 
das Hymen, wenn nicht Losidtationen stattfanden, leicht zu Bnden. Man 
mos», während man die Schaamlefzen auseinanderzieht, gleichzeitig die- 
selben nach unten ziehen, weil das stark vorspriogende Frenulum la- 
biomm den Scbeideneingang verdeckt, und nicht behutsam behandelt, 
einreisst, und den Kindern solchen Schmerz macht, dass fortan eine 
Untersuchung zur Unmöglichkeit wird. Bei Erwachsenen können ein- 
zelne Umstände die Diagnose erschweren, so mussten wir in einem 



110 



§. IL Btaguos« der Jus^frauflea 



Falle an der Leiche uiia es durch genauere üntersuehung erst klar 
machen, ob die von ihrem Geliebten erschosseoe junge kräftige Person 
Doch Jungfrau gewesen; sie war es allerdings, aber ein kleiner Vorfall 
der vorderen Vaginal wand au» der sehr erweiterten Oeffnung des kreis- 
runden Hytnen bot den sehr täuschenden Aoblick eines fehlenden Hymen. 

An eich kann auch die Existenz des Hymen nicht die vor- 
handene Jungfrauöchaft. beweisen, denn dass ein einmaliger, aelbst mcb- 
reremal vollzogener Beischlaf dasselbe nicht immer zerstört, wissen 
Tauseude von Ehemännern und lehrt die Erfahrung in den nicht allzu 
seltenen Beobachtungen von gleichzeitig bestandener Schwangerschaft 
und Hymen (Walter, Hellmann, Osiander, Nägele, Fodöre, 
Krüger, Heim, Ribke u. A., auch ein unten mitgetheilter Fall), 
welche Fälle nach unserer jetzigen Kenntniss der Vorgfiuge bei der 
Zeugung auih vollkommen erklärlich sind. Ein derartiges Zusammen- 
treflen im concreten Falle würde iudess die Diagnose wohl nicht er- 
schwereo, da man dafür, trotz des erhaltenen Hymen, ja doch die Kri^ 
terien der Schwaugenschaft benutzen wurde. In anderen Fällen ist das 
Hymen nur an einzebien Stellen eingerissen, nicht ganz zerstört (§. 14.). 
Wir müssen aber auch zugeben, dass umgekehrt auch das Hymen feh- 
len kann, ohne dass eine geschlechtliche Defloration vorangegaogiin, 
namentlich durch eine ausgeführte, indicirt gewesene Operation, odfir_ 
durch übermässig getriebene onanistische Keizungen, Die so oft 
führten Möglichkeiten einer Zerstörung durch Ritt, Sprung, Tanz n. 
müssen, wenn man die tief innere Lage der Membran erwägt, in 
Kapitel der angebliehen venerischen Infectionen bei Männern doreh 
fremde Abtritte u. dgl. verwiesen werden, und wenn Fodt^r^ und 
Belloc meinen, dass bei der Menstruation durchgehende Blutgerinnsel 
das Hymen zerreissen könnten (!), so wollen wir uns auch dadurch in 
Beurtheilung des Werthes dieses Zeichens nicht irren lassen, welobes 
das diagnostisch werth vollste unter allen betreflenden bleibt* 
Sehr richtig sagt der erfahrene Devergie*): wenn ein Hymen nicht 
gefunden wird, ist unter Tausend Fällen 999 Mal die Defloration wirk- 
lich geschehen. 

Die nach seiner Zerstörung zurückbleibenden Residuen, royrthenlör 
gen Carunkeln, kommen sehr verschieden vor. Sind sie frisch, so zeif 
sie sich noch mehr oder weniger geröüiet und gereizt, als zwei bis drei 
und mehr kleine Excrescenzen an jeder Wand; älter werden sie wt 
und klein und können zuletzt wenig sichtbar werden. Es ist wicht 
auch diese Differenzen zu beachten, denn es kommt dem GeriobtaAnrt 
auch die Frage vor: wann, nicht bloss, ob eine Entjungfening Tor- 
gefallen sm? in Betreff welcher Frage Devergie a. a« 0. ganz riebt 



•> Ä. a. 0. L S 3IÖ. 



§. 12. Diagnose der Jungfrauschaft. Hl 

bemerkt, dass, wenn die Defloration alt, man dann ihr keine Zeit mehr 
bestimmen kann (vgl. §. 14.). Unter die Fabeln, die über das Hymen 
verbreitet worden, rechne ich auch die von einer Möglichkeit der Wie- 
derherstellung desselben nach seiner Zerstörung, ein Irrthum, bedingt 
durch die Unkenntniss der so verschiedenen Formen des Hymen. Sub- 
stanzverluste in mit Blutgefässen versehenen Theilen werden übrigens 
immer nur durch Narbenbildung ersetzt. 

§. 12. V^rtsetiiBg. 

3) Ein enges Aneinanderschliessen der grossen Lefzen, 
die die Nymphen und Clitoris ganz bedecken, ist jungfräuliche Be- 
schaffenheit, besonders nach der Pubertät, während vorher noch oft die 
Clitoris etwas sichtbar ist. Der Unterschied dieser und jener Beschaffen- 
heit der Genitalien, die sich nach langem Geschlechtsverkehr, wohl gar 
nach Entbindungen zeigen, der Unterschied jener vollen, ziemlich der- 
ben, schliessenden Lefzen mit diesen klaffenden, welken, schmutzig 
bräunlich - gelblichen Labien, zwischen denen die eben so welken, oft 
hypertrophischen Nymphen herabhängen, ist allerdings sehr sinnenfällig. 
Allein nicht so die Uebergänge; einmaliges, und mehrmaliges Cohabiti- 
ren verändert Lage und Beschaffenheit der Labia majora noch keines- 
weges sehr sichtlich. 

4) Ranz dasselbe gilt von der Enge des Scheidenkanals, die selbst 
nach schon häufig genug exercirtem Beischlaf in jugendlichen Ehen in 
der ersten Schwangerschaft oft noch erheblich genug vorgefunden wird. 
Die Falten der Scheide sind kaum als diagnostisches Zeichen der 
Jungfrauschaft zu nennen, denn einmal sind sie gar nicht wahrnehmbar, 
so lange das Hymen noch vorhanden, durch das man zuweilen, wie man 
bei Leichen erproben kann, wohl allerdings hindurch exploriren kann, 
was man aber bei der Lebenden unterlassen muss. Es wäre diese Un- 
tersuchung auch vollkommen überflüssig, da die rugöse Beschaffenheit 
der Scheidenwände sich erst bei der ersten Geburt verliert, nicht durch 
blossen Geschlechtsverkehr. 

5) Alle diese Gründe treten nach dem Werthe des Beweises von 
der Querspalte des äusseren Muttermundes entgegen, die allerdings 
so lange erhalten bleibt, bis zum erstenmale Schwangerschaft eingetre- 
ten (ich habe sie an einer 73jährigen jungfräulichen Leiche gesehen), 
sich eben also durch blosse unfruchtbar gebliebene Vermischung nicht 
verändert, und die man gleichfalls bei erhaltenem Hymen nicht ermit- 
teln kann. 

Auf alle übrige neuere, ältere und urälteste Zeichen am weib- 
lidien Körper, welche die nicht verletzte Jungfrauschaft beweisen sollen, 



112 



§. 12. DiiigQOse der Jung^frauscbaft« 



ist nicht das mmdcste Gewicht zu legen. So nicht auf ^frische rothe 
Lippen und helle, gUliizende Augen mit einem freien und bescheideoen 
Blick*^*), was zu individuell verschieden ist, am wenigsten auf das alt- 
römische Matronenzeicheo des durch die Defloration auscbwellenden 
Uiilses, weshalb es cnne Hochzeitssitte war, den Hab am Tage vor oud 
nach der Vemiählang zu messen**), auf die angeblicJi veränderte Kör- 
perausdünstung^ auf den Strahl des Urins u. ». w., Zeichen, wofür in 
der alten Medicina forensis Citate als Beläge (!) zu finden^ die aber ila 
Ruinen einer vergangenen Wissenschaft zu erachten sind. 

Nie untersuche man zur Feststellung streitig gewordener Jaogfrau- 
schaft das Subject durch Eingehen in die Scheide mit dem Finger, was 
in Erinnerung an die gebnrtsbü! fliehe Exploration so überaus faftuSg 
von zu erster Feststellung des Thatbestandea hinzugerufeuen Aerzten 
geHcliieht, und nicht allein uunfitzer Weise, sondern zum Nachtheil der 
Sache. Denn man läuft dadurch Gefahr, selbst die Defloratioo iQ 
veranlassen; und wenn auch dies nicht geschehen wäre, so wird in 
einem gegebenen Falle nicht mit Unrecht die Vertheidigung sich der 
Thatsache einer auf diese W^eise geschehenen Untersuchung be- 
mächtigen und, wie ich Beispiele anfuhren könnte, es doch ak 
zweifelhaft erscheinen lassen, ob nicht der Finger des autersudieti- 
den Arztes der Deflorator gewesen sei, um auf diese Weise eine Piw* 
sion auf die Geschworenen auszuüben* Ferner untersuche man srar 
Feststellung der Jungfrauschaft niemals während der Menstruation, wäh- 
rend welcher die Ocular-Inspection getrübt ist und die Genitalien sieb 
in einem veränderten Zustande beflnden. Man scheue sich selbst oicbt, 
sogar eine offene Gerichtssitzung, wenn man erst während demetben 
zur Exploration aufgefordert wird, durch seine Weigerung betreflfQodoii 
Falls aufheben zu lassen. Die Casuistik wird eine Auswahl von Fälleii 
zeigen, in denen begutachtende Sachverständige ein (für Ungeöbte »ehr 
zu entschuldigendes) ganz irriges Urtheil abgegeben hatten, woldidi 
dann zu bestütigen oder zu berichtigen war, und Gewissen und Würde 
der Stellung des Gerichtsarztes gebieten im vorkommenden Falle selbst 
jenes Verfahren nicht zu scheuen, für den Augenblick die UntersurJmof 
abzulehnen und die spätere Dntersuehung zu beantragen. Demi Fillh^ 
in denen die möglichst schleunige Exploration erforderlich (§. 13. hw 
15.), kommen natürlich in den Audienzverband hingen nicht TOr, da dieta 
der Natur der Sache nach erst lange nach der streitigen That und nach 
geschlnssener Voruntersuchung Statt Gnden. 

Nicht der unbegründeten Skepsis huldigend, die sich auch bei die» 
Ber Frage in alten und neuen Zeiten geltend gemacht hat, mfisaen wir 



•j noJit a. a. O. S. 114, 
♦^ CoUuin circnradarc tilo. Mftrtial 



§. 13. Nothzucht. 113 

behaupten, dass wenn der gerichtliche Arzt ein noch erhaltenes 
und auch nicht mit Randeinrissen versehenes Hymen, dazu 
(bei jungem Personen) jungfräuliche Beschaffenheit der Brüste 
und äusseren Geschlechtstheile findet, dass er dann be- 
rechtigt ist, mit Gewissheit einürtheil über die bestehende 
Jungfrauschaft abzugeben und umgekehrt. 

§. 13. Kothzucht. 

Der gemeine Sprachgebrauch nennt den mit einem Frauenzimmer 
ohne ihre Einwilligang gepflogenen Beischlaf: Nothzucht. Für die 
Zwecke der Strafrechtspflege musste aber erheblich sein, ob ein solcher 
Akt bloss versucht, oder vollzogen, ob dabei List und Verführung, oder 
selbst Gewalt angewandt worden, ob das weibliche Individuum in einem 
geistigen Zustande war, um überhaupt seine Zustimmung geben zu kön- 
nen oder nicht? u. s. w. So sind denn die Begriffe Nothzucht und 
Schändung von den Strafrechtslehrem und den verschiedenen Strafge- 
setzgebungen verschieden aufgefasst worden, wie die oben angeführten 
Gesetzesstellen darthun. Die Discussionen über dies rein criminalrechts- 
wissenschaftUche Thema gehören nicht in die gerichtliche Medicin, und 
der deutsche Gerichtsarzt wenigstens hat um so weniger ein practisches 
Interesse daran, als sein Strafgesetzbuch nicht einmal das Wort Noth- 
zucht kennt. Dasselbe spricht vielmehr nur, wie oben gezeigt worden, 
von „unzüchtigen Handlungen** von Vormündern, Beamten, Aerzten 
u. 8. w. gegen gewisse Personen im §. 174. und 176., endlich von 
auBserehelichem „Beischlaf" im §. 176. und 177., welchen es dem Be- 
griff der „auf Befriedigung des Geschlechtstriebes gerichteten unzüchti- 
gen Handlungen** des §. 144. Pr. Strafg. substitairt hat, wegen der Un- 
bestimmtheit des Thatbestandes, wie die Motive sagen, und weil der 
Thatbestand der Nothzucht als eines besonderen Vorbrechens wieder- 
herzustellen, auch dasselbe auf die Erzwingung des ausserehelichen Bei- 
schlafes zu beschränken sei. 

Was Alles unter den erstgenannten sehr weiten Begrift' zu subsum- 
miren, das ist wieder unsererseits den Rechtspractikern zu überlassen*). 

Ebenso wird der juristischen Commentation zu überlassen sein, ob 
unter Beischlaf die „körperliche Vereinigung** des fiüheren sächsischen, 
die „Vereinigung der Geschlechtstheile" des baierschcn Strafgesetzbuches 



*) Das preuss. Ober-Tribunal hat angenommen, dass die Frage : welche Handlungen 
als »unzüchtige' zu betrachten? thatsächlicbcr Natur und durch die Geschworenen zu 
beantworten sei. Oppenhof, das Strafgesetzbuch f. d. preuss. Staaten. 5. Auflage. 
Berlin 1867. S. 239. 

Casp«r*s geriehtl. yed. 5. Aufl. I. ^ 



13. NotbEucbt, 



ZU verstehen sei, oder ob hieruQter der streng medicinische Begrift 
einer derartigen Vereinigiing der beiderseitigen Greschlechtstheile mit 
Ejacttlation des Saaraens in einer sok'hen Kiehtnog zn bezeichnen »ei, 
dass die Möglichkeit der Befmrhtung gegeben ist (Hanska). hnmer- 
hin ist bemerkenswerth , dass das neue Strafgesetz bncli im Gegensatz 
zum früheren alten auch für die Blntsehande (§. 173.J dem nnbestimai- 
teren Begriff der Unzucht den bestimmteren des Beischlafs snbstituirt, 
und dass dasselbe im §. 177, den gewaltsam etc. Yollföhrten Bei- 
schlaf als ein besonderes nnd härter zu bestrafendes Verbrechen aus 
den ^unzüchtigen Handlungen" des §. 176. besonders hervorhebt. Eine 
anderweite Veränderung des norddeutschen Strafgesetzbuches gegen daa 
preussische ist die, dass in dem Alinea 1. des §. t7G. die Worte nPet^^J 
Bonen des einen oder des anderen Geschlechts** des früheren Strafg«^^ 
setzbuches, in tue Worte „an einer FraueDsperson"^ geändert sind. 
Hiernach erleidet auf Männer als Object des Vergehens der Paragraph 
keine Anwendung, aher es ist dem praclisehen Bedürfiüss dennoch 
genügt^ denn einmal würde wegen gew^aitthäiiger Unzucht von Frauen* 
zimmern gegen Männer verübt, welcher Fall uns bisher nicht vorge- 
kommen ist, aus §. 240. des norddeutschen Strafgesetzbuches vorge- 
gangen werden können*), andererseits bietet Alinea H. des §. 17H, 
ausreichende Himdhabe für die Fälle, wo Mätmer oder Weiber wegen 
unzüchtiger, mit Knaben unter 14 Jahren verübter Hondlungen unter 
Anklage zu stellen sind. Denn dieser Absatz des §. 176. spricht nicM 
mehr von weiblichen Kindern unter 14 Jahren, sondern von „Personen** 
dieses Alters. Wenn Fälle, wo Weiber unter Anklage des §. 176. figu- 
riren, auch nicht häufig sind, so kommen sie doch gelegentlich vor. So 
hatten wir einen sechsjährigen Knaben zu untersuchen, dessen sehr 
sittsam und züchtig aussehende Erzieherin ihn oftmals Nachts zu 
sich ins Bett genommen und zur Stillung ihrer Lüste au ihre Brüste 
und Genitalien gelegt und bei dieser Gelegenheit mit dem Tripper, den 
sie sich durch den heimlichen Umgang mit ihrem Liebhaber zugezogen, 
angesteckt hatte! In einem andern, noch weit grässliehem Falle hatte 
die eigene eheliche Mutter ihren neunjährigen tSohn zur Befriedi 
ihrer nnnatürliehoü Lüste gemissbniucht, an dessen Körper übrigi 
weder local noch im Allgemeinen etwas zu entdecken war! In wied 
einem anderen Falle endlich war der achtjährige Knabe von den beiden 
Dienstmädchen seiner Kltern längere Zeit in der Art gemifesbrauchfc 



•) |. 240.: Wer «ineQ AtidereD widorrc cht lieh durch Gewalt oder Bedrohwjg mit 
einem Verbrechen oder Vergehen zu einer Uaridluni;, Doldiiog odnr tJuterltumiag n^ 
lliigt, wird mit (ief4n^ni«s bis zu einem Jiibrö oder mit Geldbu-sse bis m »««ib«i<l#rt 
ThAleni beslmfi. 



§. 13. Nothzucht. 



115 



worden, dass sie ihn erst manustuprirten, wobei Erection entstand und 
prostatische Flüssigkeit entleert wnrde, und dann den erigirten Theil an 
ihre Genitalien brachten und sich durch Bewegungen ihres Körpers be- 
friedigten. Ebenso haben wir unzüchtige, von Männern gegen Ejiaben 
unter 14 Jahren ausgeübte Handlungen zu beurtheilen gehabt. Wie 
hiernach kein Geschlecht, so ist auch kein Alter gegen Nothzucht resp. 
mit Gewalt verübte unzüchtige Handinngen geschützt. Der 27 Jahre 
alte Raschmacher X. war (im Frühling, Anfangs Mai) der 68jährigen 
Wittwe W. vor einem Thore Berlins begegnet, und hatte ihr, nachdem 
er sich schon den mit einer Schnalle versehenen ledernen Riemen von 
seinen Beinkleidern abgeschnallt hatte, Anträge zum Beischlaf gemacht. 
Da sie sich weigerte, schlug er sie mit dem Riemen und der Schnalle 
in die Unke Schläfenseite, verletzte sie aber nur ganz unerheblich. Die 
Gemisshandelte zeigte sich bei unserer Untersuchung als eine bereits de- 
crepide Frau mit einem von Pockennarben ganz zerfetzten Gesicht! 
Jedoch bleiben derartige Fälle immer nur die seltensten, während die 
Mehrzahl natürlich Fälle von unzüchtigen Handlungen aller Art von 
jüngeren und — sehr häufig — von älteren Männern gegen jugendliche 
Frauenspersonen und weibliche Kinder verübt, betrifft. 

Bis zum Schluss des Jahres 1869 haben wir dreihundertund- 
vierzig Individuen wegen gegen sie verübter Nothzucht untersucht, wobei 
die von Skrzeczka untersuchten Fälle, die durchschnittlich mindestens 
mit Hundert veranschlagt werden können, nicht mitgerechnet sind. 
Unter den von Casper, später von mir untersuchten Fällen waren 



von 25—3 Jahren ( 


!) 




8 


-3-6 - . 






59 


- 7-10 - . 






131 


- 11-12 






55 


- 13—14 






47 


- 15-18 






23 


- 19-25 






12 


30 Jahre alt . . . 






1 


32 - - . . 






1 


35 - - . . 






1 


47 - - . . . 






1 


68 - - . . , 






1 



340 



folglich mehr als 74 Procent kleine Kinder unter 12 Jahren!! 

Diese Thatsache ist nicht vereinzelt, sondern überall machen sich 
die Verbrechen gegen die Sittlichkeit in erschreckender Progression gel- 
tend. In Frankreich nahmen in neuester Zeit die Verbrechen gegen 
Personen im Allgemeinen alljährlich ab, die gegen die Sittlichkeit all- 



§. 13. NothzuchL 



jährlieli zu. Von 1826—1830 bildeten die Attentate aax moears io 
Frankreich nur ein Fünftel aller Verbrechen gegen Personen, jetzt srhoa 
mehr als die llüllte ;53 pCt.). Und wenn die Zahl der gegen Kinder 
verübten Unzuchten von 1826—1830 nnr V« aller derartigen Anklage- 
fälle ausmachte, so hat sie von 185fj— 1.%0 schon ein Drittel derftelbeo 
betragen, wie die amtliche Stalistik nachweist*). 

Wenn, wie zu vermuthen, von anderen grossen Stüdten sich be- 
stätigen sollte, was ich von Berlin versiebern kann, so verdient die 
Angelegenheit an<'fi noch von eiaem anderen Standpunkt, als dem unsri- 
gen^ die eindringlichate Erwägung. In dem Jahrzehnt von 1842 — 1851 
hatte Casper nur 52 Individuen, also 5 durchschnittlich im Jahre zu 
untersuchen, wogegen das letzte Jahrzehnt 1852—1861 ihm 183 Fälle 
von festzustellender Notlizncht an weibliehen Kindern und Erwachsenen 
brachte, d. h, fast 14 im Jahresdurchschnitt, während ich allein seit mei* 
nem Amtantritt schon durchschnittlich 17 im Jahre zu untersacheo 
hattCj eine Zahl, die sich verdoppeln durfte, wenn man hierzu die von 
Skrzeezku beobachteten Fälle rechuet, eine Progression, die sich nicht 
allein durch die gestiegene Bevölkerung erklärt, da in den Jahren 1)J52 
bis 1856 auf iOO derartige Untersuchungen überhaupt 69,8 Kinder un- 
ter 12 Jahren kamen, während 1857 — 1861 die Verhältnisszahl auf 
81,1 gestiegen war, und sich seitdem eher vermehrt, als vermindert hat. 

Der gerichtliche Arzt kann aber in allen solchen Fällen bei der 
Untersuchung und dem darauf zu grundenden ürtheile gar nicht vor* 
siciitig genug zu Werke gehen, denn nicht nur die unbegründetsten 
Anschuldigungen aus den gemeinsten Beweggründen, wofür schon P. 
Zacehias Erfahrungen bekannt gemacht hat, können dem noch weni- 
ger Erfahrenen imponiren, der noch nicht durch längeren Verkehr niii 
der Hefe des Volkes gelernt hat, wie weit menschliche Verderbtheit und 
Nichtswürdigkeit reicht, sondern Irrthümer sind auch in Betreff der ein* 
zelnen Zeichen der Nothzucht sehr leicht möglich, deren genaue Kennte 
nisB und Würdigung deshalb äusserst wichtig ist. Aber eine andere 
Schwierigkeit bietet die Entscheidung dieser Frage in der gerichtliebeii 
Praxis in dem Umstände, dass die Exploration des aogeblich gemi« 
brauchten Subjectes fast in allen Fällen, wie es im polizeilich-gerielit 
liehen Geschäftsgange sehr natürlich ist, dem Gerichtsarzt erst so »p 
nach der That übertragen wird, dass viele Wirkungen am Körper, oft 
die entscheidendsten, dann schon verwischt oder ganz wieder t« 
schwunden sind. Sehr richtig sagt wieder Devergie*): en maÜif 
de viol une dcfloration est deja aneienne au bout de 9 a 10 jours. 



*) Coinpte rcnd« de la justic« crimfneUe eu FiuQoe de 1856—1860. 
n «• Ä. 0. S, US, 



§. 14. Noibzucht. Oertliche Symptome. 117 

Aber nicht nach 9 bis 10 Tagen, sondern meist viel später werden die 
zu Untersuchenden vorgestellt, deren ungesäumte Beobachtung dann 
wenigstens der Arzt sich zur Pflicht machen wird. 

Wie stellen sich nun dann aber wieder die Behauptungen der Lehr- 
bücher zum wirklichen forensischen Leben, wenn wir z. B. in dem 
Handbuch von Hende und in noch neueren Handbüchern finden: man 
solle Behufs Feststellung des Tbatbestandes der Nothzucht darauf mit 
achten, ob Knöpfe am Rocke des angeblichen Stuprators fehlen, ob die 
Kleidungsstücke der angeblichen Stuprirten in Unordnung, ob sie be- 
schmutzt sind und der Schmutz zu dem Boden passe, auf welchem der 
Vorfall Statt gefunden haben soll! Warum nicht lieber gar: ob die 
Bettfedem an den Röcken des weiblichen Theils zu denen des Bettes 
quaest. passen! Wie durchsichtig ist es hier wieder, dass die Schrift- 
steller statt der mangelnden Beobachtungen nur ihre Phantasie-Combi- 
nationen als Lehrsätze hinstellen. Man vergisst, dass der angebliche 
Stuprator oft gar nicht bekannt ist, dass er, wenn bekannt, läugnet, 
dass, ehe er vorgefahrt wird, er den verrätherischen „abgerissenen 
Knopfe längst ersetzt haben wird, dass die Kleider der angeblich Stu- 
prirten nicht mehr in Unordnung oder beschmutzt sein können, da man 
sie in der wirklichen gerichtlichen Praxis erst nach Wochen oder nach 
einigen, selbst nach mehrem Monaten zu besichtigen bekommt u. s. w. ! 

Diese ganz späten Untersuchungen können namentlich dann jede 
Entschiedenheit des gerichtsärztlichen Urtheils ganz unmöglich machen, 
wenn, was mir ebenfalls vorgekommen, die Frage entsteht: wann eine 
Entjungferung stattgefunden? Die Beantwortung derselben kann für den 
Strafrichter von grosser Wichtigkeit werden, wenn die „unzüchtige 
Handlung^ noch in den strafgesetzlich wichtigen Termin „vor dem vier- 
zehnten Jahre^ fiel, das weibliche Individuum aber jetzt, zur Zeit der 
Untersuchung, diesen Termin längst überschritten hatte. 

§. 14. f%TiBttimn%. Diagnose, a) Oertliche Symptome. 

Da, wie wir oben gesehen, gerade die unzüchtigen Handlungen 
gegen Kinder einen so häufig mit Hülfe des Arztes festzustellenden 
Thatbestand bilden, so haben wir hier gleichzeitig auf die an Kindern 
beobachteten Erscheinungen gleichzeitig unser besonderes Augenmerk zu 
richten. 

Abgesehen von seltener vorkommenden, gegen kleine Mädchen von 
Männern verübten geschlechtlichen Brutalitäten, die hier nicht erwähnt 
werden können, aber auch nicht erwähnt zu werden brauchen, weil sie 
keine Spuren am Körper zurücklassen, die den Gerichtsarzt leiten 
könnten, kommen diese Unzuchten entweder vor als blosse Fingermani- 



[18 



sjmiifoiiii. 



pulaiioneü an flen Genitalien Seitens? Dritter, oder als wirkliche Bei- 
scüilafsversuche. Jeuo ManipuIaüoDeü kann mau oft, voraasgeaelEt ein« 
Untersurhuiig in den ersten ö— 8 Ta^en luich der That, &elir doatlich 
feststellen, denn man findet wirkliche kleine Hauterosionen in der 
Seh leim liant am lotroitns va^nae und Nägelzerkratzuncf, oder und mit 
ihnen zugleieh hothrothe entzündete, bei der Beruhrnng schmerEhafte, 
linsen- bis erbsengrosse geschundene Steilen ebendaselbst. Bei späterer 
UntersuehiHig — und diese ist, der Natur der Saehe nach, leider! die 
Regel — i^t der kleine tranoiatische Eingriff ganz versehwunrlen und 
der Befund ein durchaus negativer. Dies ist so thatsm^hlieh riibti^, 
dass ieh Dutzende von Belägen dafür zur Casnißiik mittheilen köuüte, 
wenn davon ein Nutzen zu erwarten wäre. Aber es folgt hiemo», 
dass deshalb, weil in vielen derartigen Fällen die Untersuchung 
des Kindes keine Spur einer Anomalie an den Geschleehtstheilen er- 
giebt, nicht die betreffende Anschuldigung ohne Weiteres als Lüge zn 
erklüreu, soweit die Thätigkeit des Ar/tes hierbei mitzuwirken hat, wie 
vorsichtig, wie misstraniseh, wie ungläubig a priori man auch immer 
hierbei mit Recht sein möge. Hiernach ist dem Arzt die Linie für »ein 
Gutachten für derartige Fälle, sowie für alle ähnliche, auch wenn 
Beiscblafjiversuche unter Anklage stehen, von denen man keine »"^por 
mehr am Kinde findet, geaau voi^ezeichnet. Er erklare nämlich, dass 
und wie der Befund rein negativ gewesen sei, wahre aber sein (J^w^isaen 
und gebe dem Untersuchungsrichter Anln^s zu fernerer Thätigkeit 6ei- 
nerseits durch den Zusatz: „duss der negative Befund die augeblicli 
Statt gehabten Manipulationen u. dgk nicht aussehljesse**. Recht eigent- 
lich gilt dies auch für die seltenen Fälle, in denen Knaben zu Un- 
zuchten von Frauenzimmern gemissbraucht wurden , wenn der Befund, ' 
wie immer, wo nicht etwa gar eine Infection Statt gefunden hatte, ein 
ganz negativer war. 

Sind wirklii he Beiscldafsversuche der Gogoüstand der üntersnchniig, 
so ist zu nnteri?cheiden, ob ein solches Missverhältniss im Bau der bei- 
derseitigen Geschlechtstheile vorauszusetzen ist, dass eine bedeutendere 
Ingultation der weiblichen erwartet werden kann, wie bei äitereu Kin- 
dern; oder ob dies nicht der Fall war, wie bei HerangewacJiscnen, bis 
zur That aber noch jungfräulich gei)liebenen Subjecten; oder endlich ob 
bei den Beschädigten der jungfräuliche Zustand längst vorher schon ge- 
schwunden imd die Geschlechtstheile an das Eindringen eines fremdeii 
Köqiers längst gewohnt gewesen waren. Im erstem Falle w^erden alle 
Zeichen sogenannter Nothzncht am Körper gefunden werden, in des 
beiden letzten können immer noch einige derselben gefunden w< 
vorausgesetzt stets, dass die üntersuchmig möglichst rasch der 
liehen That folgte. Es geboren zu diesen Gesammtbefonden folgende: 



§. 14. Nothzucht Oertliche Symptome. 119 

1) Entzündliche Rothung, selbst leichte Excoriation der 
Schleimhaut im Introitus vaginae, eine Wirkung der bedeutenden Fric- 
tion, die bei Kindern niemals ganz fehlt, und sich sehr bald nach der 
That einstellt, aber, zumal wenn nicht bald ein geeignetes ärztliches 
Verfahren dagegen eingeschlagen wird, mehrere Wochen andauern kann. 
Es kann eine solche entzündliche Reizung aus catarrhalischer Ursache 
entstehen, in Verbindung aber mit anderen SjTuptomen wird das Zei- 
chen nicht täuschen. Bei Erwachsenen, bis dahin Jungfrauen, findet 
man es schon nicht, oder sehr wenig angedeutet, bei Entjungferten 
niemals. 

2) Eitrig-schleimigte Secretion der Vaginalschleimhaut, die 
ein grüngelbes, mehr oder weniger zähes, alle Wäsche stark besehmutzen- 
des Secret mehr oder weniger reichlich absondert, das nach Farbe und 
Consistenz vom Trippersecret in den ersten Stadien der Gonorrhoe ganz 
und gar nicht zu unterscheiden ist und besonders leicht für Produkt 
wirklicher Tripperinfection gehalten werden kann, wenn, was zuweilen 
vorkommt, auch die Harnröhrenschleimhaut von der entzündlichen Rei- 
zung mit ergriffen ist und gleichfalls secernirt. Dieser Befund ist 
äusserst wichtig, denn man findet ihn, namentlich und vorzugsweise bei 
Eondem bis zum zwölften und vierzehnten Jahre, wenn wirklich rohe 
Berührungen der Genitalien durch Nothzuchtsattentat oder sonstwie Statt 
gefunden hatten, fast beständig. Es kann derselbe Produkt der trau- 
matischen Schleimhautentzündung sein, wenn, wie recht häufig, bloss 
der Finger des Angeschuldigten der insultirende Körper gewesen ist. 
Man darf deshalb nicht mit Nothwcndigkeit auf das Bestehen eines 
Trippers bei dem Stuprator zurückschliessen, den man doch sehr oft 
vollkonmien gesund findet. In vielen anderen Fällen fanden wir die 
angeschuld^ten Männer nur noch mit einer ungewöhnlichen Feuchtigkeit 
in der Harnröhre, die einzelne Tropfen glasartigen Schleim ausdrücken 
liess, behaftet, dazu einzelne wenige Fleckchen in der Wäsche, wie sie 
das letzte Stadium der Uretbralblennorrhoe bezeichnen, aber auch aus 
catarrhalischer und anderen Ursachen nicht selten bei Männern vorkom- 
men. Ich habe aber aus '^ner sehr grossen Anzahl derartiger Beobachtun- 
gen längst die Ueberzeugung gewonnen, dass die kindliche Schleimhaut 
weit empfänglicher für den Reiz des Trippercontagiums ist, als die der 
Erwachsenen, und dass noch in den späten Tripperstadien Ansteckung 
bei Kindern leicht erfolgt. Sicherer wird die Diagnose in zweifelhaften 
Fällen, wenn man sich davon überzeugen kann, dass nur die Harn- 
röhrenschleimhaut die Quelle der Secretion ist. Dies ist aber bei Kin- 
dern äusserst schwierig, oft ganz unmöglich. Findet man ausnahms- 
weise wirkliche Urethritis, so wird man nicht irren, wenn man auf 
Tripperinfection schliesst, da alle anderen bekannten Ursachen zu Ge- 



120 



§. 14. MothxucbU Oerilichc Symploiae. 



nitalsehleimflössen die Haroröhre nielit berühren. Kann vollends der 
Angeschuldigte aueh nntersm-ht werden, und findet man bei ihm, i^renn 
auch nur das allerletzte Stadiam eines Nafthtrippers, der eine Erw^arh- 
sene gar nicht mehr ansteckt, womit aber die reizbare Sehleimhaut des 
Kindes noch leicht inficirt werden kann, dann erhöht sich die Sicher- 
heit der Diagnose. 

Der 19jahrigc K. war seit fönf Monaten mit dem Tripper behaftet. Am 23. De- 
cembcr hatte er sich die öjäbriife Hai da auf den Bauch p:elenrt und Immissioiisve 
gemacht Schon am vierten Tage hatte das Kind nach dem tinilichen Attest «we 
Fluss*, Bei meiner Untersuchung am 12, Februar (nach 7 Wochen) klagte daa Kind 
noch über 8cbtnent beim Uriniren und Stuhlgang. Hymen und Frenuluin waren voll- 
kommen unversehrt, der Srheidcnein^ang leicht gerothet und eine Blennorrhoe Torhao- 
den, deren Sitz ganz deutlich die Harnröhre war. 

Der SOjährigo S. hatte 3 Wochen vor meiner Untersuchung die lOjihrige MaH»« 
and 6—8 Wochen vorher die 7jährige Anna und die 7jlihnge Bertha gemiasbraucht 
Ich fand hei ihm die Harnrobrenmtindung nicht mehr gerothet, noch geschwollen, aber 
feucht und beim Dnjck Hess sich, wie t^ewobnJicb noch in der letzten Zeit de& Trippcn* 
ein Tröpfchen {Tlasarti(»en Schleime ausdrürken, während das Hemde auch noch Terdiich- 
tige grüne Flecke zeigte. Alle drei Kinder al^e^J bei denen die Untersuchung noch adir 
schmerzhaft war, hatten eine gerothete Schleimhaut des Introitus vag^nae, die Mündun- 
gen der Harnröhren waren etwas geschwollen, das Uriniren angeblich schmerzhaft« und 
ein starker wirklicher TripperauÄÜuss war bei allen Kindern vorhanden. 

Adjuvirend für die wirkliche Trippernatxir des Secrets ist femer 

die Trofusion des Aasflnsses» die bei keinem anderartigen ähDlichen so 
stark ist. Namentlich pflegt dio traumatische Blennorrhoe weit weniger 
proftis zu sein, und ist diese jedenfalls von weit kürzerer Dauer Des- 
halb wird man in zweifelhaften Fällen wohl thuD, das Kind nach 8 bis 
U) Tagen zum zweitenmal zu untersuchen. Findet man dann die Blon* 
norrhrve gehoben oder wesentlich gemindert, sp hat man aUe Crsache, 
anzunehmen, das» m'cht eine Tripperinfection, sondern eine blosse Blen- 
norrhoe durch Reizung der Schleimhaut vorliegt. — Blennorrhoen durelj^^ 
Wurrareiz veranlasst, sind an sich sehr selten, und auch durch Mange^B 
an lieiulichkeit, sowie catarriialische und scrofulöse Scheidenschleimflösae 
bei kleinen MädcLeu spontan nichts w^eniger als büufig. Für die An- 
nahme oder Nichtannahme der letzteren ist der allgemeine Habitus eiil- 
seheidend. Wenn vollends das Kind blübend, kräftig, gesund, wenn gßr 
kein anderweitiges Scrofelsymptom am Körper wahrzunehmen tst| dann 
hat der Arzt keinen Gnind, eine Genitalblennorrhoe als scrofulös tu 
erkliiren. — Mit entscheidend für die Feststellung des Charakters des 
Schteimflusses ist endlich auch die Zeit seines Entstehens im Vergleich 
zu der Zeit der angeschuldigten That. Traumatische Blennon*hoen ent- 
stehen gewöhnlich unmittelbar danach: bei einem drittehalb Jahre idieo 
Kinde sah ich sie noch an demselheii Tage entstanden, während der 
Tripper bekanntlich ein Incubationsstadium hat, und die Tripperblcn- 



§. 14. Nothzucht. Oertliche Symptome. 121 

norrhoe sich gewiss nar in den seltensten Fällen vor dem dritten, 
Tierten Tage nach der Anstecknng, meist noch mehrere Tage später 
zeigen wird. Ermittelt es sich, dass die Blennorrhoe erst wochenlang 
nach der angeschuldigten Unzucht bei dem Einde bemerkbar geworden 
war, was gleichfalls nicht selten angegeben wird, dann hat man ein 
starkes diagnostisches Indicinm für die nichttripperartige, sondern für 
die catarrhalische Natur der Krankheit. Bei Erwachsenen ist eine 
traumatische Blennorrhoe nicht mehr zu erwarten, ein catarrhalischer 
Ausfluss bekanntlich alltäglich. 

Es entsteht nicht selten in foro die Frage, weil die Vertheidigung 
sie auf wirft, ob der gefundene Ausfluss, oder noch andere der weiter 
zu nennenden Befunde, nicht durch Selbstbefleckung der Kinder erzeugt 
sein könnten, und somit also gar nichts für die Anklage bewiesen. 
Ich habe mehr als einmal Aerzte in Beantwortung dieser Frage wan- 
kelmüthig werden und dem öffentlichen Ankläger dadurch den Boden 
des Thatbestandes unter den Füssen fortziehen sehen, während ein offe- 
nes non liquet der Sache weniger nachtheilig gewesen wäre. Aber ich 
bin der Meinung, dass dieses non liquet man auszusprechen nicht nöthig 
habe. Schon a priori wird man dazu geführt, die oben genannte Be- 
hauptung der Vertheidigung zu verneinen. Die Onanie ist unter kleinen 
Mädchen aller Stände häufig verbreitet, und es würde ja eine jedem 
beschäftigten Arzte ganz bekannte und oft vorkommende Thatsache sein, 
dass er die hier beschriebenen Erscheinungen ohne den mindesten Ver- 
dacht gegen dasselbe ausgeübter Brutalitäten bei einem Kinde zu be- 
handeln hätte, wenn lediglich die Onanie sie erzeugte, von der nicht 
abzusehen, warum sie lediglich bei schlecht bewachten und der Gefahr 
eines Attentates ausgesetzten Kindern allein diese Wirkung haben, bei 
den vor dem letzteren geschützten Kindern aber diese Wirkung nicht 
haben sollte. Aber auch die directe Beobachtung ergiebt das Gegen- 
theil. Die onanistischen Reizungen der Kinder beschränken sich gröss- 
tentheils auf Reizungen der Clitoris durch Frictionen, Betastungen und 
Zerrungen der kleinen Lefzen, in selteneren Fällen wird ein wollüstiges 
Einfahren eines Fingers in die Vagina versucht und vorkommen, was 
selbstverständlich nur allmälig und ohne Schmerzgefühl ausgeführt 
wird. Erwarten kann man daher durch habituelle Onanie allenfalls die 
Befunde einer schlaffen vergrösserten Clitoris, welker Lefzen, livider 
RMhung des Scheideneinganges, erweiterter Hymenalöffnung, Ausfluss 
eines blassen, schleimigen Secretes. Ich sage erwarten, denn ich bin 
weit entfernt diese Zeichen beobachtet zu haben, die, wenn sie gefunden 
werden, vielleicht die Annahme habitueller Onanie rechtfertigen würden, 
ebenso als sie sichtlich von den hier genannten subacuten traumatischen 
Erscheinungen verschieden sind. Aber in der That ist es sehr zweifei- 



122 



§. H. Nothzucht Oertliche Symptome. 



haft, ob diese genauuloQ Ersi^lieinungen, wenn sie sieh finden, aaf 
KcchnuDg der Onanie zu schieben waren. Dr. Ideler, Arzt am grosaen 
Btadtiftohcu Waisenlianse, versichert wenigstens, und ich trete ihm na^h 
den relativ viel weniger zahlreichen Beobachtungen, die ich gemacht, 
vollkommen bei, dass wo er hei seinen Untersuchnngen die unzweideu- 
tigsten Angaben und Eingeständnisse habitueller Onanie an den Kindern 
gehabt habe, er vollkommen intacte, in nichts von der Norm abwcicheode 
kindliche Geschlechtstheile beobachtet habe, während andererseits er in 
vielen Fällen welker grosser Clitoris, welker Lefzcti, chronisch gereizter 
Schleimhaut mit blassem cÄt^in-hulisehco Beeret wieder gar keine An- 
haltspunkte für die Annahme habitueller Onanie gehabt habe. Minde- 
stens folgt aus dem Vorstehenden, dass in foro das gewöhnlich gaox 
uosubstanziirte und eben nur als Einwand vorgebrachte Bedenken der 
Vertlieidignng Seitens des ^Vrztes aus seiner Wissenschaft zuruckg6wiese(& 
werden muss. 

3) Blutung oder angetrocknetes Blut in den Geschlechts- 
thoilen oder in deren Umgebung ist ein Befund, den man namentlich 
bei kleineren Kindern gewöhnlich vermissen, dagegen bei Erwachseneit, 
bii* dahin Jungfern, auf frische That rntersucliten stets finden wird, 
weno die Defloration wirklich zu Stande kam und die Gefässe de& Hy- 
men zerrissen wurden. Es liegt auf der Hand, dass hier eine doppelte 
Täuschung möglich ist Bei falschen Anschuldigungen werden die 
Thcile, die Wäsche absichtlich mit Blut besudelt, um die Klage zu be- 
gründen, und bei Subjecten im menstruationsfähigen ^Vltor kann Meo- 
^trualblattmg mit dieser traumatisclien um so eher verwechselt werden, 
als es keine L'ntersf4iiede zwischen beiden Blutarten an sich giebt Die 
besten neueren Beobachter, Bouchardat, Uenle, Whitehead, J. 
Vogel, Donn4, Leuckart, Scanzoni u. A., stimmen darin fibcr- 
ein, daas das Menslrualblut dem gewohnlichen Blnt ganz gleich zu- 
sammengesetzt ist, dass es den Ei weiss-, den Blutfaserstoff, die Salze 
und namentlich auch den ihm früher bekaontlich abgesprochen<?n Fasar* 
Stoff des gew^öhnlichen Blutes hat. Kobin*) behauptet, dass das Heo- 
strualblut, ausser den gewöhnlichen Bluteiemeuten, eine Mischung tlet 
Uterin- nnd Vaginal - Epithelialzellen und der Schleimkügelcben zeige, 
wie man sie in den aus Gefassen gertosseuem Blute nicht findet. Fftr 
die Nothzuchtsfrage aber ist dieser Befund nicht za verwerthen, da die 
letztgenannten Elemente aurh in der Vagina ohne Menstruation vor- 
kommen, fiilglirh das untersuchte Blnt auch ausserhalb der Alenntnu- 
tionszeit dieselben Bestandt heile zeigen wird. Nicht einmal far absicht- 
lich mit anderem Bhit auf der Wäsche erzeugte Flecke kann dieaes 



^ Anntden tVUjf^hm publ. 1838. X. S. 421 u. f. 



§. U. Nothzucht. Oertliche Symptome. 123 

Zeichen benatzt werden, da auch getragene Wäsche nicht frei von Epi- 
thelialzellen ist. Aber beide Möglichkeiten einer anderartigen Blutung 
werden zn verwerfen sein, wenn die übrigen Befunde dagegen sprechen. 
Dass übrigens plumpe Unwissenheit eines Arztes noch anderweitig ge- 
täuscht werden und einen Unschuldigen unter schwere Anklage bringen 
kann, beweist der von Rom her g mitgetheilte, auch uns sehr wohl be- 
kannte Fall von einem verstorbnen Berliner Arzte, der bei einem Kinde 
Blutcoagula vor den Geschlechtstheilen und Saamenflecke in dessen 
Hemde, als Resultate einer gegen dasselbe verübten Nothzucht, gefun- 
den zu haben bescheinigte, während die oberflächlichste Untersuchung 
sogleich ergab, dass das geronnene Blut — Pflaumenmuss und die Saa- 
menflecke — Fettflecke gewesen waren, herrührend vom Genuss eines 
Gebäcks, welches das Kind am Abend vor dem Einschlafen im Bette 
verzehrt hatte!*) 

4) Erweiterung des Scheideneinganges. Da das Scheiden- 
rohr bei Kindern durch die Labia majora ganz verdeckt ist, und man 
dieselben nur in der Gegend der Clitoris allenfalls klaffend findet, so 
ist es von hoher Bedeutung, wenn man das umgekehrte Verhältniss, 
die Labia in der Yaginalgegend klaffend und den Eingang schwach aus- 
gebuchtet findet. Je jünger das Kind, desto weniger wird man geneigt 
sein, bei solchem Befunde etwa an Wirkungen der Onanie zu denken, 
wenn diese, wie bereits auseinandergesetzt, überhaupt diese Wirkung 
hat, was ich bezweifle. Vielmehr spricht eine solche Erweitenmg ent- 
schieden für öfter wiederholte theilweise Einpressung eines dickeren 
fremden Körpers, Fingers oder Eichelspitze, und in Fällen, in denen 
ein längerer Missbrauch von Kindern Statt gefunden hatte, habe ich die- 
sen klaffenden Scheideneingang wiederholt gesehen. Dass eine einmalige, 
oder ein paarmal wiederholte Unzucht die Lage der Scheidenwände nicht 
verändern werde, versteht sich von selbst, so dass ein Fehlen dieses 
Befundes nichts für den Angeschuldigten beweisen kann. 

5) Eine frische gänzliche Zerstörung des Hymen oder (was 
nirgends erwähnt ist und doch bei noch jungen Mädchen viel häufiger 
gefunden wird, als diese) ein oder mehrere Einrisse in die Ränder 
des Hymen. So leicht bei unberührten Kindern das Hymen gefunden 
werden kann, so schwer, ja geradezu oft uomöglich ist es, die Mem- 
bran aufzufinden, wenn wirklich die zarten, engen Theile durch eine 
geschlechtliche Brutalität, mag sie mit dem Gliede oder dem Finger 
n. 8. w. bewirkt worden sein, entzündlich gereizt worden sind und man 
die Untersuchung in den ersten Tagen, selbst einige Wochen nachher 
auszuführen unternimmt. Die Schmerzen beim Auseinanderlegen der 



♦) 8. den FaU in Casper's Wochenschrift 1838, S. 234. 



I2i 



15. Nothfticbt Ällg^emciiie Symptome. 



Schenkel and bei der manaellen Berühmug der Genitalien siod dtn 
den Kindern, zumal ganz kleinen, so brichst empfindlich, ihre XTnmlM 
so gross, dass man sehr oft gezwungen ist, für jetzt abzustehen, oder 
sieh^ wie es wohl geschieht, mit einem oberflächlichen raschen Einblick 
zu begnügen, der dann aber nngemein oft täaseht Wie man Ahb 
Hymen am Besten nntersncht, t?o wie über den Gebrauch der Knopf* 
sonde, ist schon oben berührt worden. In maoehen Fällen ist es zweck- 
mässig, die Kinder a la vache zu untersuchen* Im Cebrigen findet man 
fast in keinem einzigen Falle bei kleineren Kindern bis zu 10 und 1 1 
Jahren das Hymen zerstört, namentlich dann nicht, wenn nicht etwa 
Fingermaaipulationen, sondern Frictiouen mit einem männlichen Gliede 
vorgekommen waren, weil ein solches bei der ausserordentlichen Enge 
des Scheidenkanales gar nicht, auch nicht mit der Eichel spitze, bis zur 
Inseilionsfcitelle des Hymen gelangen kann. Bei \2 — ISjührigen Kindern 
fanden wir schon vollständige Entjungferung. Dagegen können blosse 
Ranrleinrisse des Hymen durch Iramissionäversuche auch schon bei klei- 
nen Kindern erzeugt werden. Bei der 7iährigen Hulda, die der Ange* 
schuldigte vor 14 Tagen mehreremal auf seinen Schooss genommen und 
dann Immissions versuche gemacht haben sollte, fand ich ein sehr flei- 
schiges, hochrothes Hymen mit einem Einriss in den rechten Band, — 
An der 8jährigen W. war ein Versuch zum Coitus vor 10 Tagen ge- 
macht worden, wir fanden an beiden Seiten je einen hochrothen, friseh 
vernarbten Einriss. Gerade diese kleineren Verletzungen des HymeD 
werden sehr häufig übersehen und können sehr leicht sich der Beob- 
achtung entziehen, nm so mehr, je kürzer nach der Entstehung die 
Untersuchung geschieht. Dagegen habe ich bei der so grossen Zahl 
derartiger Beobachtungen an Kindern „Zerreissunpen" an den Genita- 
lien (Henke) niemals gesehen. Bei Erwachsenen, frisch Delloiirten 
ist die Untersuchung des Hymen leichter nnd ergiebiger, und eine fri- 
sche von einer älteren Ein- oder Zerreissung der Membran nicht schwer 
zu unterscheiden, wie schon S, 11, bemerkt worden ist. 



§. 15* l^^rffeiiiiiig. li) AUgfueiae S)upt«Bie. 

6) Die entzündliche Reizung in den äusseren Geschlecbtatheik 
die sich auf die Nachbarorgane fortpflanzt, macht es erklärlich, dan 
eine fast niemals f»!hlcnde Folge einer gewaltthätigen Berührung der 
weiblichen Genitalien f'in erschwertes Gelien mit instinctmässig heim 
Gange auseinandergehaltenen Schenkeln ist Man findet dies nicht nur 
bei Kindern, bei denen dies auffallende und wegen der Dnbekanntscbaft 
des Pufdikums damit höchst selten nur simniirt vorkommende Z«! ' 
beobachtet oder als vorhanden gewesen von den Angehörigen bei: 



§. 16. Nothzucht Allgemeine Symptome. 125 

wird, sondern auch bei Erwactisenen nach der vollzogenen Entjongfernng, 
anch wo sie, wie in der Ehe, mit völliger Zustimmung geschah; aber 
bei Erwachsenen verliert es sich schon nach wenigen, oft schon am 
folgenden Tage, während man es bei kleinen Kindern wohl noch nach 
8 bis 14 Tagen sieht. Aehnliches gilt 

7) vom schmerzhaften ürinlassen und Kothabgang, wobei 
die Vorsicht gebietet, nicht zu vergessen, dass diese subjective Angabe 
objectiv nicht festgestellt werden kann. Bei Kindern sind diese Zeichen 
sicherer zu verwerthen, als bei Erwachsenen, weil bei jenen an eine 
Simulation nicht zu denken ist. Gewöhnlich sind diese Klagen des 
S[indes das Erste, was die Mutter oder die Angehörigen des Kindes auf- 
merksam macht, und den Vorfall zu ihrer Kenntniss bringt, den, auf- 
fallend genug, die Kinder fast in allen Fällen verschweigen, da sie durch 
die kleinen Belohnungen oder die Strafandrohungen der Thäter befangen 
gemacht und eingeschüchtert sind, auch wohl den Vorfall bald wieder 
vergessen. — Mit den angeführten Befunden am Körper ist die Grand- 
lage für das Urtheil gegeben, das aber durch anderweitige Untersuchun- 
gen noch erleichtert und zumal in schwierigem und zweifelhaften Fällen 
befestigt werden kann. Weniger Werth in dieser Beziehung legen wir 
im Allgemeinen 

8) auf Verletzungen am Körper der Gemissbrauchten, Kratz- 
wunden, Sugillationen , Stichwunden u. dgl. Bei Kindern kommen sie 
aus ersichtlichen Gründen fast niemals, wenigstens nur ausnahmsweise 
vor; wohl aber bei Erwachsenen, die mit Bewusstsein einen Kampf 
gegen den Angreifer imtemommen hatten. Ein junger Schweinhirt über- 
fiel auf dem Felde ein Gänse hütendes Mädchen, nachdem sie sich An- 
fangs gewehrt hatte, mit einem Stich mit ihrem eigenen Brodmesser in 
den linken Oberarm, wodurch sie erschreckt und betäubt und seinen 
Zwecken nun dienstbar wurde. In einem Falle sahen wir eine Stran- 
gulationsmarke, welche, nach consumirter That, vom Stuprator durch 
versuchte Strangulation erzeugt worden war. Aber ein solcher Kampf 
braucht nicht immer Spuren zurückzulassen, wenn z. B. beim kräftigen 
Ueberfall und Niederwerfen sogleich alle Röcke der Frauensperson über 
den Kopf geworfen werden u. s. w. , wie in dem grässlichen 92. Fall 
die Spuren von Verletzungen sich nur auf einen unerheblichen Nadel- 
ritz beschränkten. Dazu kommt, dass geringfügige Verletzungsspuren, 
wie eben Nadelritze, Kratzwundem u. dgl., gewöhnlich schon zur Zeit 
der späteren Untersuchung wieder verschwunden sind. Endlich ist 
nichts leichter und oft genug vorgekommen, als künstliches und ab- 
sichtliches Hervorrufen von derartigen Verletzungsspuren, um eine 
falsche Anschuldigung Seitens der denunciirenden Parthei glaubhafter zu 
machen; 



126 



§. 15. Noth2scht. Ällg'emeiQe Symptome. 



9) muss ich dringend bei dieser schwierigen Frage, in der, ich 
wiederhole es, so oft die gröbsten Täuschungen verursacht werden, anf 
die Wichtigkeit einer psycho logischen Diagnostik, mit und neb^ 
der somatischen aufmerksam machen. Wo irgejid möglich, überrascbe 
man die Exploranda mit seinem Besuch und der Untersuchung, nm sie 
darauf unvorbereitet zu treffen. Man folge genau dem Berichte über 
den angeblichen Hergang mit seinen etwa einleuchtenden IneüDseqaen- 
zen, man frage sich; w^en man hier vor sich hat? und man wird oft 
wichtige, vielleicht entscheidende Andeutungen finden, wofür der 104, 
Fall einen Beweis giebt. In einem anderen Falle mussten wir kein un- 
erhebliches Gewicht darauf legen, dass ein Mädchen, welches in einem 
Garten mit einer offenen Mulde mit Fischen unter dem Arme hansiren* 
gehend, überfallen und genothzüchtigt worden und dann fliehend davon 
geeilt sein w^ollte, weder die Mulde, noch auch nur einen einzigen Fisdi 
am Orte der That verloren und ziirück?:ela9sen hatte. Zur psychologi- 
schen Diagnostik in Betreff angeblich genothzuchtigter Kinder, fast ohne 
Ausnahme der niederen Volksklasse, rechne ich femer die scharfsinnige 
Beachtung des Verhaltens der Mütter oder der Angehörigen and de» 
Verhaltens der Kinder selbst beim Examen* Ein äusserst wichtiger 
Punkt! Man hüte sich entschieden, in das Kind hinein zu examiniren, 
sondern lasse dasselbe und seine Mutter fiei gewähren und sich äussern. 
Aber aneh dann wird man häufig w^ichtige Winke erbalten. In zahl* 
reichen Fällen habe ich selbst kleinere, aber aufgeweckte Kinder 
mit der grössten Unbefangenheit oder Frechheit den Hergang bei der 
angebUchen That mit allen in solchem Fall erschreckenden kleiosteii 
Einzelheiten sit venia verbo ableiern hören, so dass wenig Sefaarfsicm 
dazu gehörte, um hierin nicht sogleich ein dictirtes und auswendig ge- 
lerntes Pensum zu erkennen, und selten geschah es in solchen F&llen 
dann, dass der objective Befand meinen Verdacht nicht bestätigt bitte. 
Ein Kind, w^elches in kecker Weise von „Mein's*' und „ Seines '*^ spriebii 
ein 12jähriges Mädchen, welches von ihrem Seitens der Eltern aiige- 
gesehuldigten Onkel sagt: «er hat zweünal mit mir den Beischlaf voll- 
zogen*^ (!), ein ßjähriges Kind (!), welches sagt: „er hat mir Seioea 
hineingesteckt und mir sein w^eisscs Zeug (!!) in die Mimi eingespritzt*, 
werden den Verdacht erwecken, dass man ihnen ihre Aussage scafairt 
habe, wogegen unverdächtige Kinder sehr häufig und charakteristiftch 
sich des Ausdrucks bedienen: „er hat mich angepisst" oder ^er hat 
mich unten gepiekt*", oder „er hat mich dahin gefasst**, oder auch gar 
nichts sagen, sondern, gefragt was mit ihnen geschehen sei, weinend 
mit der Hand nach der Schaamgegend zeigen. 

10) Dass endlich auch ein negativer Beweis in Nothznrhtsfragen 
in sofern entscheidend werden kann, als eine wirkliehe Defioration tnr 



§. 16. Nothzucht Die W&sche. 127 

Zeit der That vorgegeben wird, während die Untersuchnng zeigt, dass 
die Betreffende mindestens damals nicht mehr Jnngfrau gewesen sein 
kann, da sie bereits früher — geboren haben mnsste, auch dafür sind 
uns lehrreiche Beispiele vorgekommen. 

§. 16. Pertsetians. c) Die Wäsche. 

Von grosser Wichtigkeit für die Diagnose dieser streitigen gesetz- 
widrigen Geschlechtsbefriedignng ist in allen Fällen die genaue Unter- 
suchung der Leib- und Bettwäsche, welche zur Zeit mit dem an- 
geblich gemissbrauchten Körper (beiden Geschlechts, s. §. 13.) in Be- 
rührung gewesen war, welche Untersuchung ich fortwährend sowohl in 
den mir hier vorkommenden gerichtlichen Fällen, als auch vielfach von 
auswärtigen Gerichtsbehörden durch Einsendung der Wäschstücke damit 
betraut, anzustellen in der Lage bin. Es sind dies die Untersuchungen 
auf Blut und männlichen Saamen, deren Anstellungsweise wir im zwei- 
ten Bande allg. Tbl. §§. 42. und 48. ausführlich angeben werden. 

Blutflecke auf weissen Wäschestücken sind schon mit dem unbe- 
waffideten Auge ziemlich sicher zu erkennen, und vollständige Sicherheit 
giebt das Microscop. 

Dagegen sind für das Diagnosticiren der Saamenflecke in Wäsche 
der Augenschein, der Finger (durch Zerreiben der Wäsche) und die 
Nase (durch den Geruch der aufgeriebenen und in Wasser aufgeweich- 
ten Stellen) durchaus unzuverlässige Hülfsmittel. Denn, abgesehen von 
ungemein leicht möglichen Täuschungen durch Schleim, Eiter, Tripper- 
ausfluss, ist der männliche Saamen nicht immer derselbe und es hinter- 
Ifisst z. B. der Saame eines kräftigen, jungen, gesunden Mannes ganz 
andere Flecke, als der wässrige eines alten oder kranken Mannes; die 
Beimischung einer grösseren oder geringeren Menge prostatischen Li- 
quors bedingt eine verschiedene Beschaffenheit der Flecke. 

Endlich habe ich bereits vor mehreren Jahren*) auf eine Schwie- 
rigkeit dieser Untersuchungen aufmerksam gemacht, die die späteren 
Schriften nun allgemein anerkannt und aufgenommen haben. Der Ge- 
richtsarzt nämlich hat nicht in solchen Fällen zum Untersuchungsobject 
die weissen, feinen, oft gewechselten, und deshalb säubern Hemden der 
Menschen aus den höheren Ständen, sondern es sind fast ohne Aus- 
nahme groblinnene, abgetragene, vielfach mit allerhand Materien und 
Farbstoffen besudelte Hemden, in denen der Augenschein allein gar 
nichts Entscheidendes herausfindet, und nur die microscopische Unter- 
suchung den Zweifel lösen kann. 

Durch immer fortgesetzte derartige Untersuchungen bin ich ferner 



♦) 8. Casper's Vieiteljahrssrhr. Bd. I. S. 50. 



128 



§. IG. Nothzucht. Die Wasche, 



auf eiD sehr merkwürdiges Ergebniss gekommen. Mehr and mehr ist 
es mir nämlich aufgefallen^ in solehen Fällen von Nothzueht, in deneu 
die Untersurhung des weiblichen Subjectes, so wie der Wäsche nach 
dem Augenschein^ endlieh der ganze Hergang des concreten Falles nach 
aller Erfahrung auf eine wirklich geschehene Saamcnejacnlatiou zu 
schliessen berechtigten, dennoch diese Vermuthiing durch die microsro- 
pische Untersuchung nicht bestätigt gefunden zu haben, indem dieselbe 
auch bei wiederholtem Untersuchen in den verdächtigen Flecken kein 
Saamenfädchen nachwies. Die Erwägung nun, dae^s bei manchen Thie- 
ren, namentlich bei V^ögelUj der Saame nicht zu allen Zeiten, sondern 
nur in der Brunstzeit Spermatozoen enthfilt, dass deren Entwickeluiig 
bei Bastarden gehemmt wird*), und die Erfahrung, dass die Saamen- 
flecke in der Wäsche unter übrigens gleichen Umständen keinesweges 
immer dieselbe Farbe und Consistenz zeigen, bei juogen, gesunden Män- 
nern anders aussehen, als bei Alten und Kranken u. s. w., die That- 
Sache endlich, dass Duplay in seinen Beobachtnngen (S. 91) bei 51 
Greisen Hmal keine Fadchen im Saamen gefunden, veranlassten mich 
zu neuen Untersuchungen, die sehr merkwürdige Ergebnisse geliefert 
haben. 

In einer relativ grossen Anzahl von Fällen fand ich trotz aufmerk- 
samster Untersuchung in den Leichen Vemnglucktcr, Selbstmörder oder 
sonst plötzlich verstorbner Menschen, obgleich sie im zeugungsfähigen AJter 
standen, weder in der Harnröhre, noch in den Saamcnbläsehen oder 
Nebenhoden, wo sie doch sonst- so leicht und unverkennbar wahrzu- 
nehmen sind, Spermatozoen, und während in anderen Fällen wohl die 
Menge derselben wechselnd war, in vielen reichlifher Vorrath vorhanden 
war, in anderen einzelne wenige, erst nach längerem Suchen sparsam 
aufzuHnden waren, fanden sicli in anderen gar keine Saamenfädchen 
vor. Aus einer grösseren Anzahl von Beobachtungen führe ich fol- 
gende an: 

1) Bei der ülxluction cioos erst vie rund fünfzig Jahre altea TbcbJenzse 
der eitlen Stich in^s Unke ElleobogeDgelenk bekommen, die Resectiou de^ Ol« 
überstaudea f secb» Wochen in der Krankenanstalt f^elegon hatte und an 1 
»torben war, nnd der eiueo migewohnlich stark entwickelten Penis hatte, fon 
den Saamenblä sehen keine Fädchen. 

2} Ein vierunddreissigjübriger, «ehr gesunder und kräftiger Mann war vor dr 
Tagen ertrunken* Die Leiche hatte nur achtzehn Stunden (im März) im Wasacr ^ 
legten und war s^hr frisch. Der Saatne in den Bläschen hatte daa ganz normaJt 
sehen und geigte keine^Fädcheu, auch in den ganz' normalen Hoden nnd Ne 
keine Fäden. 

3) Ein drei und sechzig jähriger, aber viel älter aussehender Schokmadfeer 
gBiiK weissgrauen Haaren, zusammengefallenem Gesicht und nur noch mit 2 bis 3 ^ 



') J. Möller, Handb. il Physiol. H. 1S40. S. 637: 



§. 16. Notbzucht. Die Wäsche. 



129 



neD im Hunde tiäi Tier Tage vor der geriebtlicheu Obduetion auf der Charlottenburger 
Chausäee äbergefahren worden und gleich todt geblieben ( Ruptiu' der Leber}* D«r 
etivss griiu« gelblich -dickflüssige S&amen in den Saamenblisrhen enthielt keine Sper- 
matoioen* Auf mein Befragen erklärte mir dessen bei der ^erichtllcben Obduetion 
aDwe&ende bejahrte Ehefrau, da^is der Mann ihr schon seit vielen Jahren nicht mehr 
beigewohnl habe. 

4) Kin fünfuaddreissigjähriger Arbeiter^ der sich erhangt hatte. Der toros ge- 
staltete Mensch war 5 Fuss 4 Zoll gross, sehr fett; die snlzige Ärachnoidealexsudalton 
erwies den Säufer. Ein Tropfen Feuchtigkeit in der Harnröhre enthielt kein Fadchen, 
aber auch in den Saamenbläschen fand sich kein e iniiges. 

5) Giirtner H., dreiunddreissig Jahre alt, ebenfalls ein toroser Mensch mit 
•ebr starkem Backen - und Rinnbar t^ kräftigem Penis ^ starkem Schaamha&rwuchs, war, 
in einer Lehmgrube schlafend, verschüttet worden. Bei vienoaligen Untersuchungen fand 
sich kein Fädeben in den Saamenblä^chen. 

6) Ein neunzehn Jahre alter LehrUng "war an Lungentuberculose fünf Wochen 
im Krankeuhause behandelt worden und gestorben. Keine Spermatozoen in den 
Bli&acben. 

7) Nach nur eintigiger Behandlung in der Charit^ war der Tierzehn und ein 
limlbes Jahr alte Lehrling B. an Lungenentzündung gestorben. Noch keine Spur von 
Bart an dem blonden, übrigens kriftigem Indiviilunm. Am Schaamberg einzelne wenige 
Haare berrorspriessend* Das wl^arige Secret in den Biääohen zeigte keine Sper- 
matozoen« 

8) Ein ertrunkener dreissigjüinger Tischlergesell , gedruDgenen Wuchses^ hatte 
«efar frischen Saamen in den Bläschen, in welchem sieh aber keine Spur von Sper- 
.Itaioxoeo fand. 

9) Im Februar war der vierund vierzigjährige Drehorgelspieler N. in Kohlen* 
oxjdgas erstickt todt gefunden worden. Einige Tröpfchen milchiger Flüsiigkeit in der 
Itamrohre llessen eben so wenig auch nur eine Spur von Fädchen entdecken, als wieder- 
holt« Untersuchmagen de» Inhalts beidei Saamenbläschen^ der für da» Auge durchaus 
sjuunenartig war, noch ancb des Vas deferen», noch auch der Ilodeu selbst. Also wieder 
gä&ilicbe Abwesenheit von Spermatozoeu; der Mann halte zwar sehr spärliches 
K<>pfhaar, aber sehr starken Schnurr- und Kinubart, einen entwickelteu Penis und grosse. 
g&n^ gesunde TestikeK war auch im AltgemeiBen durchaus gesund, ohne ein einziges 
kraokes Organ und robusten Baues. 

10) In der Leiche eines dreiundYierzig jährigen mit seinem Weihe in Koblen- 
oxydgSH erstickten Musikanten wurden weder in der Harnröhre, noch in den Saamen- 
b laichen Spermatozoon gefunden. 

U) N., Erhängter von fünfunddreissig Jahren, sehr kraftiger Mann; Tod vor 
38 Stunden. In einem Tröpfchen aus der Uarnrühre kein« aber auch in den Btisehen 
keine Fädchen. 

12) dar keine bei einem elnundachtzigjährigen beim Mittagessen erstickten 
Manne. 

13} Ebenfalls gar keine bei einem einund achtzigjährigen übergefahrenen 
Schiffer. 

U) Auch hei einem neunundzwanzigjährigen Erhängten fanden wir keine 
Fädchen* 

15) Ein kräftiger secbsz ig jähriger, verheiratheter , im Mioroscopiren geübter 

Naturforscher, den ich für diese Frage inter^ssirte» Vater einer zahlreichen Familie» 

untersuchte mit mir längere Zeit hindurch seinen eigenen Saamen nach dem Beischlaf. 

Hier sjihen wir die grossteu Abweicbungeo , die von uns gemeinsehiirtlieh genau 

C»if tr • ffddiU, ll»l. .V Aul, l 



f. 17, Nothzi.c 



t>V9l^#11» 



angezeichnet wurden* Am dritten Tage nach dem Heiscblaf ^ voiu letzten Alite tb i 
rechnet, eioc grosse Anzahl liebr kleiner Spermatozaen; nach ementetn Coittu 
vierten Tage wenige und kleine^ nach nur zweitägiger Pause des Aktei keine, 
nach nur eintägiger Pause ein wäsariges Sperma, in dem keine Fideben gefunden 
wurden. Zu andrer Zeit am fünften Tage nach dem letzten Coitus «ehr zahlreiche, 
ein andermal bei nach sechs Tagen erneutem Beischlaf wenige, aber grosse, nach 
72stündiger Wiederholung des letzten Aktes ^ ifier Monate später als die letzte L'nter- 
liachung, maiisenweisG sehr kleine F&den, und ein andermal am dritten Tag« naeb 
dem letzten Akte unzählige. Uomittelbar nach dem Beischlaf und Tor Entie 
der Blase wurde die Harn röhre zweimal iiDtermuht. Nach einem 24 Stunden auf« 
letzten gefolgten Coitus fanden sieb darin in einem ausgedruckten Tröpfehen zahlreiche 
kleine» dagegen ein andermal drei Tage nach dem letzten Begattungsakt nicht eii 
oinziges Fädeben. 

Diese Beobaclitimgen zeigen, dass nicht jeder Saame jedes Hannen 
immer SaameTißldehen entlmlt, dass aber auch nicht bei einem 
demselbeo ÄLiime dergleipliou zn allen Zeiten sichtbar sind. Ob, wie 
es den Anschein hat, laage Krankheit, ob Excease in venere auf ditj 
Erzeugung und Wiedererzeugnng dieser Organismen Einflnss 
darüber werden erst fortgesetzte Beobachtungen entscheiden müssen. Für 
die forensische Praxis genügen schnn unsere negativen Beobachtim-j 
gen, denn sie beweisen: dass zwar Saamenflecke aU solchiS 
constatirt sind, wenn das Microseop in ihnen jene gaux 
specifischen Fädchen nachweist, dass jedoch die Abweseii- 
heit von Spermatozoen in den Flecken nicht beweisen kann, 
dass dieselben nicht von wollüstiger Ejaeulation aus der 
Harnröhre herrührten. Der Gerichtsarzt wird hiernach fernerhiu 
sein Urtheil zu formuliren haben. 



§* 17. twhttinn^* c) C«ii(r»rersfi. 

Seit alten Zeiten hat die Nothzncbt zu einigen Streitfragen Ai 
lasB gegeben, die wir jetzt als entschieden betrachten können, Mao 

1) bezweifelt, ob ein gesundes, bewnsstes^ erwachsenes 
Frauenzimmer von einem einzelnen Mann überhaupt so bewi 
werden könne, um den Beischlaf wider ihren Willen erdulden zi 
müssen? Bei deo ^o häuligen falschen Anschuldigungen aus gemei- 
nen Motiven, wie Ruche, Gelder[)ressung u* s. w.^ hat, abgesehen ausser- 
dem von der Frage wegen der Alöglichkeit der Schwängerung, die Fi 
anaebeinend ein practiÄches Interesse. ^Vllerdings hat ein Frauenzimmc 
unter jenen Bedingungen Mittel, durch Bewegungen des Beckens die 
gänzliche Vollziehung eines Beischlafs zu verhindern, und die Uum^^g- 
lichkeit wurde sofort anzunehmen sein, wenn das weibliche IndividniittJ 
gesund, bewnsst und erwueiisen, dabei auch noch ein sehr IcrftftHl 



§. 17. Nolhzucbt. Controtersen. 



IM 



ge«, der Mann aber alt. krank, schwächlich gewesen wäre, umgekehrt 
aber würde sich der Fall gaiiz anders gestalten, wenn das Weib, immer- 
hin gesund, bewnsst nnd erwachsen, doch nnr schwächlich, der Mann 
dagegen sehr mnskelstark nnd im kräftigsten Alter gewesen wäre. 
Hieraus geht schon hervor, dass auch bei dieser Frage, wie fast überall 
in gerichtlich -medicinischen Dingen, nicht absolut, sondern concret 
zu entscheiden, und der einzelne Fall als solcher mit allen seinen Um- 
ständen in's Auge zu fassen ist. Bei ungefährer gleicher Kraft auf 
beiden Seiten würde man allerdings besonders vorsichtig sein müssen« 
Bestürzung, Furcht, augenblickliche Betäubung durch Niederw^erfen auf 
der einen, ungewöhnliche Kraft und Geseblechtswuth auf der anderen, 
männlichen Seite können die betreffende Aussage der Gemisshandelten 
Tollkommen glaubhaft machen. Der seltene 94. Fall, so wie einige 
andere unten folgende, geben hierfür lehrreiche Beispiele, Im üebrigen 
nehmen die neuem Gesetzgebungen gar keine Rücksicht mehr auf diese 
alte Controverse, die sonach an sich allen Werth verloren hat. Die 
Sache liegt in jedem einzehien Falle so, dass der Gerichtsarzt den ob* 
jectiven Thatbestand, der Richter den subjectiven festzustellen hat; dass 
Jener nach den obigen Kriterien zu erklären hat: dass die N. N. eine 
derartige Brutalität erlitten, dass dieser dann prüfen wird, ob der An- 
gesehuidigte N. das Verbrechen begangen habe, und wenn Umstände 
physischer Natur vorliegen, die dem Richter Zweifel darüber aufdrän- 
gen, ob dieser Mann überall dieses Weib habe überwältigen können 
und dem Sachverständigen dann diese Frage vorgelegt w^ird, so wird 
derselbe nach dem, was wir ausgeführt haben, wohl unschwer sein ür- 
theü abgeben können. Eioe allgemein gültige Thesis, betreffend diese 
UögUcbkeit der NothzücJitigung eines erwachsenen, bewussten» nur 
massig kräftigen Frauenzimmers durch einen einzelnen Mann, ist sonach 
gar nicht haltbar. 

2) Kann ein Frauenzimmer im Schlaf istuprirt werden? wobei 
der natürliche Schlaf, nicht aber künstlich durch Spirituosa, Narcotica 
o. B. w, bewirkte oder selbst nur krankhafte Schlafsucht verstanden 
»ein soll, welche ein anderer Zustand ist Metzger*) wirft die schon 
Yor Jahrhunderten erwogene Frage auf, ohne sie irgendwie zu beant- 
worten; die Neueren erwähnen sie nur ganz beiläufig, während immer 
wieder die Gutachten der Leipziger und der Hallischen Facultät bei 
Ziltmann und Tropanegger citirt w^erden. Bei Zittmann**) w^ar 
es ein 20 jähriges Mädchen, die niederkam, aber ihren Eltern, „die sie 



•} ßrstem u. «. w. 5» Aufl. Königsberg 1820. B, 537. 

••) Meilk. foren»is h. o. responsa fac med. Lipsiens. etCt Francof, 1706* S. 1156, 
C^ %h: MiTirgoftlto somno sepnJU deflorarl et impraegnari poasit? S. 1642, Caa. 77,? 

9* 



132 



§, 17. Nothnicht. Controtersen. 



auf 8 Härteste zur Rede gesetzet, zum Höchäteo betheuert, dass sie ?od 
keiner fleischlichen Berührung das Geringste wisse. Einstens aber hä 
sie einen emptiodlichen Traum erlitteu, darüber sie aufgewachet tmdl 
einige Nüäse im Schaosse empfundeu, wüsöte aber bis diese Stande oiebt) 
woher?'* n. s. w. Das Kesponsmu der Leipziger Facidtat bezweifelte narb 
diesem Sachverhalt (!) gar uirht die Mogliclikeii des Beischlafs im 
Schlafe, und meiute, es ^mag w^obl sein*", dass die Schlafende dabei habe 
coucipiren können. Noch weit interessanter nimmt sieh der zweite Fall 
bei Zittnianii an der Quelle aus. Hier war das Mädchen, angeblich 
auf einem Lehnstnlil sitzfud eiDgeschlafen, vun einem Barbiergesellen 
j^tuprirt worden, und die Faciütät begutachtet, daas unter diesen Um- 
ständen „solches nicht vor ganz unmöglich zu achten sei", und ,• wel- 
ches **, wird von dieser jungen, gewiss sehr glaubwürdigen Dame hin- 
zugefügt, ^hier um so eher geschehen konnte, da Stuprator solche s»cbou 
vor etlichen Wochen einsten im Bette würklich und vollkommen fleis 
lieh erkennet und violiret". (!!) Und solche Fälle wurden bona 
als wissenschaftliches Material hingenommen! Es ist gewiss ein ne 
lehrreicher Beweis für die Art der Bearbeitung der gerichtlichen Medi- 
cin, wenn ich anführe, dasa diese Zittmaun'schen (Leipziger) Füll 
nun wieder als „Citate*' (1) von der Hülleschcu Facultät benutzt wur*^ 
den, die in einem späteren Falle*), iu w^elchem eine Jungfrau, durch 
Sem, strammoDÜ betäubt, stuprirt worden sein sollte („auf einem kleitieti 
Stühlgen ohne Lehnen sitzend!'*), eine Geschichte, die wieder nur auf 
der eigenen Angabe des Mädchens berulit, sogleich iu ihr RespODäimi 
den Satz aulnahm: so leicht nun eine Virgo auf einen kleinen Stubl 
kann deflorirt werden hei natürlichem tiefen Schlaft', wenn der Situ» oar-i 
poris bequem" u. s. w.! Ich werde weiter unten einen hierhergehört*"' 
gen Fall aus eigener Erfahrung mittheilcu. Es lohnt aber w^ohl in der 
That nicht der Mühe, darznihuu, dass solche Thatsachen, wie die obi- 
gen, allen und jeden Haltes entbehren, und dass man solche Alberxi-j 
heiten, welche liederliche Dirnen vorbringen, um sich als schnldlc 
Opfer darzustellen, nicht besser abthun kann, als mit den Worten de« 
alten Valentin: uon omnes dormiunt, qui clansos et conniventes habent 
oculoa!**) 



donnient in seUa virgo ut in^cm iteflorari possil? an citra iinmisgioaeoi semmb p*r 
ioUm hujtis vpiritu ÄgcentiÄm coucrpen? queal? 

*) TropÄüegor, deeisiones etc\ Dresden 1733, S. 298. 

*•) Ein bGcbsit Houdorburer FaU ist im Edinburgh medic. Joumal, Decemb«r Id^ 
S. 570, vom Advocaleii Cowan aus DumfrieM in Schottland toitgetheilL Kin« »«tl ll 
Jabrvii verbeiraüiete Oastwirthin, llutter dreier Kimfer, hatte sich Nachts, narbiletn »te 
die KächX xuvor wach gehliebeii uud vuu Austrenguugen sehr eruiudet waf, iw Itell 
i^Ugi und £iAar^^itai2 angekleidet, luit Kuckeu uud CriuuUiie, uud» nach Geirahiib#it* 



^othfinfht. ControTerfen. 13 3 

Wenn nun gar Rchürmayer*) behauptet, dasa ^es sich 
miler gewissen Bedingungen doch nicht als eine Unmöglichkeit darstel- 
len lasse**, das3 ein Mami im Schlafe und ohne der Sache bewuast zu 
werden, einer weiblichen Person, neben der er im Bette lie>gt, beiwoh- 
nen könne^ no müssen wir die Beweise dieser Behauptung erwarten und 
^ können einstweilen Herrn Schürmayer nnr um seinen Schlaf 
beneiden. 

:>) Kann ein Franenzimmer im Akte der Nothzueht, also bei hef- 
tig»tera Widerwillen, oder selbst, w^enn sie während dieses Aktes ganz 
bewusstlns geworden wäre, geschwängert werden? Erfahrung und 
Physiologie vereinigen sich, um die Frage unbedingt zu bejahen. In 
älterer Zeit hielt man die entgegengesetzte Ansicht fest, von der Hypo* 
these ausgehend, dass Wollnstempfindung Bedingung zur Empßlngniss 
sei» jene aber unter den gedachten Begattungsverhältnissen nicht auf- 
kommen könne. Schon Haller aber, Roose u, A. beriefen sich auf 
die Erfahrungen der Aerzte von eheliehen Geburten ohne jemab dage- 
wesene Wollustempfindung der Mütter im Connubium. Und welcher 
ältere Arzt, fragen wir, hätte dergleichen glaubwürdige Beobachtungen 
nicht, wie wir, oft genug gemacht? Besonders beweisend sind solche, 
häufig genug vorgekommene Fälle, wo eine und dieselbe Frau erst in 
dp&teren Jahren ihrer Ehe allmälig die Wollast empfinden lernt, und 
die» dem Gatten oder dem Arzte ihres Vertrauens mittheilt, eine Täu- 
schung also gar nicht aufkommen kann. Im Cebrigen und physiologisch 
betrachtet» braucht die Befrachtung des Eies '^vohl eben so wenig em- 
pfunden zu werden, als dessen Ablösung ans dem Graaf scheu Folli* 
kel jemals empfunden wird. Mit Recht zweifelt deshalb der Gesetzge- 
ber seinerseits durchaus nicht an der Möglichkeit der Befruchtung in 
Nothzucht oder im bewusstlosen Znstande (S, 95), und bestimmt die 



anf die liBke Seite. Sie fiel in festen Schlaf. Nachdem ^ie eine halbe Stunde (s^eschla- 
fen, fjihite sie einen schweren Dmck auf jiich, glmbte, ihr Mann tige auf ihr, richiete 
Pich auf, wobei sie bemerkt ^ da«s sie jetzt mehr auf dem Riicken tag* und sah nun, 
ila&<^ ihr StaUknecbt^ der seit Jahren in ihren Diensten war, auf ihr lag und «dass sein 
Korp«r mit dem ihrigen in ßeriihmng und eeine Geachlechtätbede in den ihrigen waren''. 
Sie war ganz nt^sis, geworden* Der Knecht hob sieb von ihr hinweg, sie sah, wie er 
sieb die Hosen zuknöpfte, rief ihren Ehemann, der noch im Nebcnximmer die Zeitun- 
gen lai», tbeilte ihm sofort Alles mit» und der Knecht wurde augenblicklich der Polizei 
obergeben. Die Geachwornen sprachen das Schuldig aus, und der Angeklagte wurde 
in zehn Jahren Strafarbeit verurtheilt. Aerxte Bind nicht befragt worden. — Auf der 
linken Seite liegend? Mit R<>ckcn und Crinoline bekleidet? Und ein coöBumirter Bei- 
schlaf? Daa mnss allerdings ein sehr fester Schlaf gewesen sein!! 
•) Uhrbncb d. gerichtl Medicin, Erlangen 1861. S. 363. 



!34 



§. 17. NothÄUchL Coalroterseü. 



Entschädigung für sokhe Fälle. Bei ans und tmter allen ähnlichen 
8etzgebui]R:en hat sonach diese Frage allen practischen Werth verloren' 
4) Wie weit bestätigen venerische Symptome bei der angeb- 
lich Genothzüchtigten den Thatbestand? Eine sehr wichtige und durch* 
ans practische Frage, die uns sehr häufig im Leben beschäftigt hat 
Nichts scheint einfacher und geschieht auch allerdings Seitens noch 
wenig Erfahrener leichter, als dass vorhandene Blenoorrhoen oder gar 
Ulcerationen au den Genitalien des weiblichen, wohl gar sehr jugend- 
lichen. Subjects, wohl gar endlich des Kindes, sofort für die Diagnose 
der Nothzucht vollkommen bestätigende Erscheinungen gehalten werden- 
Allein man hüte sich vor voreiligen Schlüssen. Dass nicht Allee, wa» 
an blennorrhoisrhen Ausflüssen bei kleinen Kindern nach wirklich g< 
schehenen Brutalitäten beobachtet wird, für Tripper zu halten, ist sc 
oben gesagt, und andererseits muss darauf aufmerksam gemacht 
werden, dast«, wenn der Stuprator einen TripperausHuss zur Zeit der 
Untersuchung nicht hat» daraus in doppelter Beziehung nicht folgt, dass 
nicht dennoch er das Kind gemtssbraucht haben könne. Denn einerseits* 
wiederhole ich, dass fast in allen Fällen die blosse Frictlon Kindern 
eine Blennorrhoe verursacht, und andrerseits ist zu erwägen, das» der 
Angeschuldigte zur Zeit der That allerdings noch einen Tripper im letz- 
ten Stadium gehabt haben, der jetzt, oft viele Wochen lang später^ zur 
Zeit der rntersuchung seines Körpers versehwunden sein kann; eben- 
falls mir häufig vorgekommene Fälle. Nnn aber, abgesehen von spon- 
tanen Genitalblennorrhuen, die, wie schon bemerkt, bei Kindern wenigdteos, 
selten vorkommen, und die mit einer etwanigen Nothzucht nicht das 
Geringste gemein haben, giebt es auch eine eigene Form von aphth5- 
sen, diphtheritischen, leicht brandig werdenden Geschwuren an der Schleim- 
haut der grossen und kleinen Lefzen (Noma pudendorum), die nach 
kreisrunder Form, Härte der Ränder, speckigem Grunde u. s. w, die 
allergrösste Aehnlichkeit mit primären Chankern haben, ganz spontan 
entstehen und leicht auf venerische Infection irrthiimlich schliessen lassen 
können. In einem Falle, in einer Familie höheren Bärgerstaodes, in 
welchem ein solcher Fall ausserordentlich täuschend vorlag, i^t 
mein ganz bestimmtes, später in allen Punkten bestätigtes ürtheil gr 
Unglück für die Betheiligten verhütet worden. In einem anderen Fs 
der in der Hefe der Berliner Vorstädte vorkam, fand sich ein eben sol- 
cher Pseudochanker an den grossen Labien eines (genau wie im vorigen 
Falle) vierjährigen Mädchens, und hier hatte der Vater den Zuhälter 
seiner Frau, diese den Vater beschuldigt, das Kind gemissbraucbt und 
inficirt zu haben! Beide Männer waren aber gesund gewesen und ge- 
blieben, und das Geschwür heilte mit blosser Reinlichkeit in 10 bis 14 
Tagen. Auch Andere haben dasselbe beobacbtet, ja diese Geschwüre 



§. 17. NotiixuchU Controvereen. 



136 



eind io fa»t epidemischer Verbreitung vorgekommen. Percival*) er- 
zählt den erschreckenden fall von Jane Hampson, vier Jahre alt, die 
1791 ins Kraiikeuhäüs (zn Manchester) aufgenommen wnrde, mit sehr 
entzündlichen, „geschwungen'' und schmerzhaften Geschlech tatheilen und 
Schmerzen beim ürimren. Das Kind hatte, wie festgestellt ward, zwei 
oder drei Nächte mit einem vierzehnjährigen Knaben in Einem Bette 
geschlafen. Es starb nach neun Tagen; der Chirurg Ward gab ein 
Gatachten, dass des Kindes Tod durch „äussere Gewaltthätigkeit** ver- 
anlaast worden sei, und die Folge war ein Geschwornen^vahrspruch auf 
„des Mordes schuldig**! Nach einigen Wochen kamen „verschiedene äiin- 
liche Fälle** vor, und auch einige dieser Kinder starben. Das Verdict 
konnte glücklicherweise noeh zurückgenommen w^erden. Ganz ähnlich sah 
Capuron**) 1802 ein vierjähriges Mädchen, die einen scharfen Vagi- 
nalschleimflüss hatte. Die grossen Lefzen waren roth, schmerzhaft, ge- 
schwollen und .selbst recht tiefe Ulccrationon waren sichtbar. Die Eltern 
behaupteten Nothzuht. Es war aber „nichts anders, als eine catarrhali- 
Bche Affection, die zur Zeit in Paris epidemisch herrschte*** Einen ganz 
ähnlichen Fall sah Capuron 1809 noch einmal Ebenso ist ein neue- 
rer Fall von Wilde in Dublin mitgetheilt***) Ein lOjähriges Mädchen 
hatte am 22. October 1857 mit einem Knecht in der Stube ihrer Eltern 
IQ einem Bett geschlafen, die in der Nacht nichts Aufallendes gehört, 
hatten. Drei Tage später erkrankte das Kind. Es bildeten sich rasch 
verbreitende brnndige Geschwüre an den Genitalien und dreizehn Tage 
nach jener Nacht starb das Kind, Man fand brandige Zerstörung bis 
zmn Uterus und zur Harnblase, das Perinaeum zerstört u. s, w. Der 
der Nothzucht angeschuldigte Knecht wurde zu lebenslänglicher Straf- 
arbeit verartheilt, während es nach Wildes genauer Darstellung unzwei- 
felhaft ist, dass hier gar keine Nothzüchtigung Statt gefunden hatte» 
sondern dass ein Noma pudendi vorlag. Vergebens petitionirte Wilde 
bis in die höchste Instanz, um den unglücklichen Knecht zu retten, und 
citirt A* Cooper, w^elcher schon behauptet hat, dass gewiss viele An* 
geschuldigte aus einem ähnlichen schrecklichen Irrthum gehängt w^orden 
seien (die frohere Strafe in England bei Nothzucht) ! Ein ähnlicher Fall 
wie der WMlde'sche, gleichfalls mit tödtlichem Ausgang, ist, wie der 
eben genannte, ermahnt von M. Heine f). Das sind sehr warnende 
Betspiele. 



*) Beck a. a. 0, S. 55. 
•*) Devergie a. a. 0. S. 359. 
•*> Annalcs d' Hygiene publique 1859, S. 34T 

+} Pri^er VicrteJjahrasclirift 1859. IV* S, 108. 



136 



§. 17. Nothxui-bL Oootro Versen* 



Man wird deshalb mit g^rösster Vorsicht uod mit genauer Bcach- 
tuBg deft Gesammtfalls, der übrigen sirh etwa vorfindenden oder nicht ^ 
vorfindenden Zeichen der Nothzncht, und namentlich des Stadiams 
des anscheinenden venerischen üebels, verglichen mit der Zeit sei* 
nes angebliehen Entstehens durch die vorgebliche Nothzncht, zu ver- 
fahren und darnach sein Ürtheil abzumessen haben. Den vierten Thei! 
der van mir Untersncht-en fand ich aber v^irklieh syphilitisch angest^tkt, 
nnd zwar meistens mit wirklicliem Tripper, frinfraal mit ärhten primä- 
ren Chaakern und dreimal mit spitzen Condylomen. Bekannt ist *^'ohK 
daes im gemeinen Volke nicht allein bei uns, das absurde und grftsssli^ 
»•he Vorurtheil herrscht, dass ein venerisches Oebel am sichersten tind 
schnellsten durch Beischlaf mit einer reinen Jungfrau, am z^'eifellose- 
sten mit einem Kinde, zu heilen «ei, womus sich unsere zahlreichen 
Befunde erklären. Findet man nun die oben angegebenen Zeichen einer 
frischen Notbzucht, findet man Glaubwürdigkeit in den Aussagen des 
Subject^ oder der Angehörigen, betreffend Schmerzen beim Stuhl und 
Üriniren vor Entstehung der Blennorrhoe, und beachtet man, wie ge- 
sagt, das Stadium und das, was über den Verlauf der Kraukhet! 
berichtet wird, so wird man dann mit gutem Gewissen den Fall beur*"^ 
theüen können und ihn richtig beurtheilen. Aber noch in einer andern 
Beziehung endlich wird man erst „durch Erfahrung klug** und lernt 
man erst durch Mngern Verkehr mit der Hefe des Volks, wie weil 
menschliche Verderbtheit gehen kann! Das ganz jugendliche Subjf 
hat wirkliche primäre syphilitische Symptome und hat sie angeblich von 
dem als solchen denuncirten Stuprator davongetragen. Der Fall ist noch 
nicht durch lange verflossene Zeit verwischt. Aber der iVngeschuldigte 
ist ganz gesund. Wieder urtheile man nun nicht umgekehrt voreilig, in 
Erinnemng etwa an unsere obigen Warnungen, das» hier gar keine An- 
steckung vorliege. Sie lag allerdings vor bei der einährigen Tocit 
einer Schuh flickerfrau, welche gegen einen durchaus unbescholtnen Ma 
eine Anschuldigung auf Nothzucbt des Kiodes vorgebracht hatte, da 
er bei gelegentlichen Ankäufen in seinem Laden gemissbraucht und an- 
geateckt haben sollte. Die grossen Lefzen des Kindes klafften; die 
Clitoris war ungewöhnlich entwickelt, der Introitus vaginae entzündlich 
gerötbet, ohne Simulation sehr schmerzhaft für die Berfihrungj das Hy- 
men erhalten, aber sehr erweitert, und eine wirkliche, sehr ropil 
Urethral- Tripper -Blennorrhoe vorhanden. Das Gutachten ging dahinlf 
dÄS8 eine vollständige Immission nirht, wohl aber Versuche dazu mit^ 
telßt eines tripperkranken männlichen Gliedes stattgefunden hiitten. Die 
weitere Untersuchung ergab die Richtigkeit des Urtheils, nicht aber die 
der Dennnciation. Es wurde nömlich ermittelt, dass die Mutter, nach- 
dem sie vergeblich versucht, Geld von dem Kaufmann zu erpresseii, ihr 



§. 17* Nothxucht ControTersen« 



Kind ihrem eignen Zahalter, von dem sie wusste, dass er mit dem 
Tripper behaft-et war, mit welchem er sie f^elbst — wie irh später 
fand — anRestecktj absicl»tlich übergeben hatte, nm den Kaufmann mit 
dem TorauszQseheoden Erfolg zu erschrecken, nnd so die — pecuniaire 
Noth^nrhi ge^en ihn auBziifuhrenü In einem ähnlichen Falle (bei Fo- 
d^r4*) von heftigem Harnröhrentripper eines zwölfjährigen Mädchens 
wurde der ganz unschnklige öujährige angct^chnldigte Gefangene (!) ent- 
lassen, als sich ermittelte, däös man das Kind bei einer Lohnhnre hatte 
schlafen lassen. — Dass eodüch venerische Symptome gefunden werden 
kOnneo, ohne das» deren Entstehnng auf geschlechtliche Berührung zu 
schliesMD berechtigt, weil dieselbe aus anderweitiger Berührung mit 
dem venerischen Virus hervorgegangen aein kann, wie durch blobses 
Zusammenliegen in Einem Bette, durch gemeinHchaftliche Nachtgeschirre, 
Handtücher u. s, w,, weiss jeder Arzt. Taylor erzählt einen Fall von 
tiiibegrundeter Anschnkligung auf Nothzucht, in welchem es sich ermit- 
telte, das» die beiden syphilitischen Kinder einen Waschschwamm be- 
nutzt hatten, dessen sich gleichzeitig ein inficirter junger Mann bediente. 
Aber jeder Arzt weiss auch aus seiner Älltagspraxis, wie misstrauisch 
man bei allen solchen Angaben betreffend eme aussergeschlechtliche Ent- 
stehung von Tripper, Chanker u s. w. sein muss« 

5) kt dieNothzncht gleichzeitig als eine ^Verletzung** im Sinne 
des Strafgesetzes zu erachten? Diese Frage ist nirgends erwähnt, und 
dennoch kommt sie in der forensischen Praxis vor. Es können hierbei 
unter den, in den Strafgesetzbüchern genannten Folgen von Verletzun- 
gen nur noeJi in Betracht kommen: ^bleibende Nachtheile" (Baiern), 
«.Gesundheitsstörung" (Oesterreich, Würtemberg), „unheilbare Krankheit* 
(Oe«terreiclj, Würtemberg), oder „eine längere dauernde Arbeitsunfähig- 
keil* (Baiem), ^Beruftsunfäbigkeit** (Oesterreich , Würtemberg), oder 
^Verstümmelung** (Oesterreich), „Verunstalltung oder immerwährendes 
Siechthum** (Norddeutschland, Oesterreich), oder „Beraubung der Zeu- 
gungsföhigkeit" (Norddeutschland, Oesterreich, Würtemberg), oder allenfalls 
noch ^Versetzung in eine Geisteskrankheit«* (Norddeutschland, Oesterreich, 
Würtemberg). Abgesehen nun von möglichen, ganz aussergewöhnlichen, 
mir in eigner Beobachtung nur zweimal vorgekommenen Fällen, vvo wirklieh 
neben der Nothziicbt noch anderwt^itige rohe Gewalt durch Misshandlung 
IL B. w. vcriibt worden war, bin ich noch niemals in der Lage gewe- 
sen, die Nothzucht als ^schwere^ Verletzung erklären zu können, selbst 
wenn ein Beischlaf ganz consurairt. und das Hymen vollständig zerstört 
worden war. Denn dass dadurch die Betroffene ^der Zeugungsfähigkeit 
nicbt beraubt •* werden konnte, bedarf keiner Ausführung; aber auch 



*} U M^««ui6 etc. IV, S. 365* 



138 



Nütba:urbL i 1^ Casuistili* 54. u. 55. Fall. 



eine ^Verstümnieliiiig" oder auch eine ^VeruiiBtattiuig'^ kann die Zep- 
9 Wrang des Hyraen nicht genannt werden. Äuub eine ^längere Arbeite- 
unfähigkeit** wird bei der gewöhnlichen Nothzneht eben so wenig 
erfolgen als eine „GesnndlieitsKtörung**, eine „unheilbare Erankheif^, 
ein ^immerwährendes Siechthiim", es müsste denn gleichzeitig eine »t- 
philitiscbe Ansteckung gesetzt worden sein. Id solchem Falle würde nm'h 
den verschiedenen Gesetzbuchoro je Eine oder die Andere der eben 
genaimten Verletzungs-Categorieen, nach Maassgabc des conereten Falle«, 
angenommen werden müssen; in Norddeutschkmd eine schwere Ver- 
letzung nor dann, wean durch die syphilitische lofeetion eine «dauernde 
Entstellung** oder ein ^ Siecht hum'' erzengt worden ist 



§, 18. Caitistik. 

Nothzucht an Kindern. 



M. Fall. FingermanipuUtionen, Objectiver Befund aegatir. 

Die Mutter de« Klodes bekundet, dass ihr ihre Tochter erzählt, wie ein Mann am 
14, Juüi^ nachdem er zwei Finger an der Zunge befeuchtet, auf der Treppe ihr mit 
den Fingern zwischen den Beinen gerieben habe* Darauf halte er etwas aas den HoMa 
gelwift, woran Schmalz geweseo wärei und ibr damil, laden] er sie umgefasst, öllar ü 
die Mimi gestoflsen. Sie (die Mutter] hätte darauf gleich ttire Tochter durch deia Dr. C* 
untersuchen laBaen, welcher iodess die Geschlecbt^theile nur gerothet fand und KaH- 
wasMrum schlage verordnete, nach dereu Anwendung rUe Rötbung alsbald ?er«chna&d. 

An den Gescblechtstheilen des Kindes habe &ie eine klebrip Feuchtigkeit nicht gi- 
fohlt, dagegen in den Ho^en, Unterrock und Schöne frische Flecke, namentlicli an 4«B 
ersteren . metche von männlichem Saamen herzurühren schienen, wabrgaDOiDmeii. Sil 
Zeug« bekundet, das« er den Mann mit dem Kinde auf der Treppe gesehen liabe, d«f, 
als er ihn gewahr wurde, es losgetasaen habe. Kr habe getehen, wie dar «ntblötali 
Geachlecbtj*theil ihm aus deo Hosen heraiLSstand. 

Der Angeschuldigte bestreitet jede uniüchtigc Berohning der Helene, 

Diese, b\ Jahre alt, am 17. Jiini untersucht, ist körperlich norioa] entwicMt 
bat regelm&Mig gebaute üeschlechtstheile , an welchen ausser einer geringen Roti 
des Scheideneingangei» und Jungfemhautchenü Krankhaftes nicht wahrzanehmen ist 
Aoafluss ist nicht vorhanden. Das Jungfemh&utchen ist kreisförmig und unTerletzL 

Hiernach sind, sagten wir im Gutachten nach der am 17. Juni augestelltea üöt«r- 
suchung, objective Zeichen von gewaltsamen AngrilTen gegen die Gescblechtstb^üa dts 
Kindes nicht rorhanden, da die geringe Rötbung auch anderweitigen UnpruBfi ttin 
kaixn^ womit selbstverständlich nicht ausgeschlossen ist, daaa Berühnmg«n leichterer An 
mittelst Finger« oder männlichen Oliedes vor 3 Ta^en an den GeschlechtdtliiiWa d^ 
Explorata stattgefunden haben. 

M. Tmü, HeischlafsTerauche an einem 8jährigen Kinde, NegttfYer^ 

Befund. 

Der Angeschuldigte Hausknecht R., 18 Jahre alt, diumt vor <Terid»t ein, 
die Martha in den letzten Woch^ 2 bis 3 Mal in der Strohkammer » ihin du 



Nothiucbt. §. 18. C^isuistik. 50. FaU. 



139 



30» F&U. Behclilafsv<irsucb. Negativer Befund. 



lu^ew endet, tom Fiiiisboden aufgehoben, mit der einen Hatid an sieb gedruckt, mit der 
anderen aber sein männiiches Glied eutblusät uud mit letzterem ihren eiLiblösaten Kör- 
per fwar benlhrt« aber akht in ihre Geseblechtatbeile einzudringen versucht habe. Eine 
Remog bia suin Saamenerguss habe dabei nieinals »iatt^efunden und es habe auch die 
Marlba dabei niemals über Scbmerzen g^eklagt« 

Die Martha «^aft auf Befragen aus^ dass der R^ sie in die Strobkammer gelockt 
dann sie« ihm daa Gesicht zugewendet, hochgebobeD, sie an sich gedruckt, ihre B^cke 
Tom in die Habe geschoben, und aus seinea Hosen das Ding herausgeholt habe, wo- 
mit er immer an ihre Ißmi gestossen habe. Dies sei zu vier verschiedenen Malen ge* 
acbehen. 

Die Sjährige Martha, am ^0. Juni untersucht, ist körperlich, wie geistig, ihrem 
Alter angemessen entwickelt und hat normal gebaute Geschlechtstlieile , bei deren Un- 
tersuchung sieb objeeüve Zeichen einer entzündltohen Reizting nicht ergeben haben. 
Das Jungfernhäutchen ist unverletzt und der Scheideneingang nicht erweitert. Ein Aus- 
flnss ist nicht vorhanden. 

Hiemach sind Beweise dafür, dass irgend ein erheblicher raechaniscber Reiz mit- 

lelat Finger oder männlichen Gliedes an den Geschlechtstheilen des Kindes stattge« 

ftmden habe^ nicht vorhanden, wodurch selbstverständlich nicht ausgesehloisen ist» dass 

kckhtere Berührungen der kindlichen Geechlecbtstheile durch Eines oder das Andere 

^ alBltgefunden haben. 

I Die Anna sagt aus: In Folge mündlicher Aufforderung des M. begab teb mic^ 

eiD«« Nachmittags in der Zeit zwischen dem 17. und 2L März d. J. nach desMii Woh* 
nung, um Glaspfeifen einzupacken- M. zei^'te mir ein Schreibzeug, an dessen Deckel 
ein Paar nackte, aufeinander liegende Menschen geschnitzt waren. Darauf gab er mir 
ein Buch zum Lesen» in welchem schone Oeacbicbten stehen sollten, weiches er mir 
aber, nachdem ich zwei üeberschrifien , welche etwa lauteten: „weibliche Geschlechter 
und wie sich Mann und Frau gegeneinander verhält'', sogleich wieder fortnabm» Dar- 
auf — CS war Dämmerung — zündete er die Lampe an, verriegelte mit den Worten, 
daas seine Wirthin nicht zu Hause sei, die Thüreu und schraubte die Lampe herunter. 
Nunmehr fasste mich M. — ich stand an dem Tische vor dem Sopha — warf midi mit 
d^m Kücken quer aber das in der Stube stehende Bett und sich auf mich, wobei er 
mir xugleich vom die Röcke hoch hob und mit seinen Knieen meine Enieen ausein* 
aoiderdringte. Mit seinen Armen lag er auf meinem Gesiebt und Mund, so dass ich 
niehi schreien konnte. Ich fühlte sogleich, dass mir M. etwas in meinen Geschlecbts- 
theil hineinsteckte und darin hin- und herbewegte ^ was mich sehr schmerzte. Da er 
mit der Wucht meines Körpers auf mir lag, vermochte ich mich seiner nicht zu erweh- 
ren. Nachdem er nicht lange auf mir gelegeu hatte, Hess er von selbst von mir ab» 
stud auf und ich fühlte, nachdem ich mich ebenfalls vom Bette erhoben hatte, dass 
mein Hemd vom unten ganz nass war. Ich weinte und M. sagte zu mir: »warum ich 
weinte, ea wäre zwischen uns nichts geschehen''. Als ich ihm drohte, es meinen Eltern 
zu sagen, erwiderte er, dass er darüber mit denselben gesprochen und sie es haben 
wollten, fügte aber auch hinzu, dass meine Eltern mich zur Thor hinauswürfen, wenn 
ich ihnen das Geschehene mittheUen würde. In Folge dieser Drobuog habe ich erst 
knrs vor Pfingsten, als mich wiederholtes Erbrechen und Kopfschmerz befiel, meiner 
Mutler auf Befragen das mir von M. Widerfahrene mitgetheüt. Seit ich 13 Jahre alt 
bin habe ich meine Periode, wenn auch nicht regelmässig. 
Der 45jährige Angeschuldigte leugnet. 



140 



NotJinicht. §. 18. Casuistik, 57. Fall. 



Die 14*; J&hre alte Anna, am 1- Juni unlersiicht, ist körperlich and geistig i 
Älter entsprechend eutwickelt und macht ihre Ang-aben in Beeug auf die Detaili ' 
Attentates mit Terscbämter Befangenheit. Ihre Oeschlechtstbeile sind bereits volUtäodig 
behaart, aie ist angeblich menstniirt^ übrigens Tollkommen regelmässig gebildet D#r 
5^cheidencingang ist leicht geröUiet Hinter dem Scbaaralippenbindcheo befindet weh 
•ine linscngrosse, ganz frisch excoriirte Stelle, welche sichtbar wird, nachdem die d4- 
selbst und an der Innenfläche der kleinen Schaamlefzcn befindliche weisse, gering« fmü 
lende und angetrocknete Absondenuig mittelst des Handtuchea abgewischt ist* Dm 
Jungfernhäutchen ißt halbmondförmig:, ziemlich dick, schlaf, unverletzt, ancli oiebl wA 
Randeinrissen versehen, unrl gestattet die Oeffnung desselben bequem die «chBtrtleM 
Einführung meines allerdings nicht starken Zeigefingers. Der Gebärmntterbala iai un- 
verkürzt. Der Muttermund zeigt eine Querspalte. 

Hiemach sind objective Zeichen einer stattgehabten Defloration und einer beatehea* 
den Schwangerschaft nicht vorhanden. Auch wird dieser Ausspruch in Bezug auf er» 
steren Umstand unterstützt durch die Angabe der Explorata, dass sie nach dem qu. 
Attentat Blut in ihrem llomde lücbt bemerkt habe. 

Die beschriebene Excoriation, Röthung sind nicht auf Rechnung eines solcbtn 
setzen, wurden vielmehr jetzt nach mehr als 2 illonaten bereits vernarbt sein, 
vielmehr ihre Erklärung in dem durch die natürliche Absonderung selbst gen 
durch Mangel an Reinlichkeit nicht beseitigten Reize. 

Wenn hiernach eine eigentliche Immission eines erigirten männlichen Gliede«^ 
mittlerer Dimension und Eindringen desselben über die Hymenalöffnung hinau« nJeht 
anzunehmen ist, so bleibt die Hoglicbkeit eines Andringens eines solchen Gliedes in die 
Schaamspalte und Vordringens der Eichelspitze tiis in die Hymenaloffhung nieht an»- 
gfscbloBsen. 



B7. PiUl. Beiscblafsversuch. Negativer Befund an den Geschlecbti- 
theilen. Saamenfadchen im Hemde, 

Die Emilie bekundet; Am Tage nach dem Himmelfahrtstage (6. Hai), es war m 
IMtigi vhickte R. meine Grossniulter fort. Als sie fori war, verriegelte R, die 
hMlIbfir, verhing das Stubenfenster» nahm mich auf seinen Arm und legte mich 
L&nge nach mit dem Rücken auf sein Bett, hob mir die Riicke iu die Höhe» knopfle 
vorn seine Hosen auf, holte seinen Geschlecbtstheil benur, legte sich dar hkngp Bteli 
auf mich, so dass wir einander das Gesicht suwendeten^ steckte seinen GeschlecbtstMt 
in den meinigen und bewegte denselben darin ho lange hin und her, bis tita t itpaa 
Geacblecht^tbeil etwas Nasses hervorkam, was, weil unmittelbar Torher R. Mm Dhif a* 
rückgezogen hatte, nicht in meine Himi, sondern auf das Uintertheii meines Hemd6i 
«pritzte. Es that mir das weh tind wollte ich schreien, R. vertiot es mir und hi«li 
den Mund fest in. Demnächst stand er von mir auf, ich sagte zu ihm: Sie haben i 
.bepinkelt, worauf er erwiderte, das iM nicht wahr und mit seinem Hemde meine 
abwiichte. Er sagte £tt mir. dass ich fürchterliche Schläge bekommen würde, weim leb 
Jemand etwas davon sagte. 

Die 1 1 jährige Emitre ist (Untersuchung am '2d. Mai) körperlich wie gAiaÜg o^t^nl 
entwickelt, sogar etwas über ihr Alter hinaus. Ihre Angaben, z. B. «diaa K* mmm 
Oesoblechtstbeil in ihren gesteckt habe", bezeugen, dass sie anscheinend mit mtbf Ti 
st^mlniss ^oq iler Sache spricht, hU man sonst wohl von einem M&debett dieses Alli 
erwarten könnte; jedoch hi sie auch körperlich, was ihre Ge^cblechtstheile t>elfift, rt- 
lativ vorgeschritten in der Kntwickelung, da jene anfangen, eben behaart tn wenlsn« 
und ist ihre Clitoris (Kitzler) gross. Oertliche Verletzungen finden sieb an den Gs- 



SölBSicht. 



18. Casiiistik. 58. FaU. 



141 



iecbtätheilen uicht vor^ eine RoÜiutig des oicht eiw^ilertüu Sclieiiieuefiiganges ist 
cht vorhanden; ein geringer milch weisser Äusüui^s befindet sich an dem Scheideneiu* 
gmoge. Das Jungfernhätitcbon i?it protninirend, lippenformig un<I unverletzt. Auch wie- 
derholt sich eine leichte lippenformige Bildung an dem Eingänge in die Harnröbre. 

Ein ndjectiver Beweist dafür, dass ein erigirtes mäDultches Glied hei der E^uiilie 
über die Kj^menaloffnuug hinaus gedrungen wäre, ist Dicht vorbanden, auch kann der 
geringe weisse Flusä catairbalischer Entstehung seinen Crspiiing verdanken, doch i^l 
dftmit die Mögliclikeit , dass ein wiederholtes Andrängen eines erigirten männlichen 
GUedea gegen die Ge»chlecfatstheile der Emüie stattgefunden und durch diese Reizung 
der weisse FJuss entstanden sei» nicht ausgeschlossen. £s findet vielmehr diese Ter- 
«luthuiig in der Angabe, dass sie am Tage nach dem ersten Attente Schmerzen beim 
Oehea und Urinlassen gehabt habe, eine Bestätigung. Uebrigens fintlot sich ein Aus- 
Üu-HB ans der Harnröhre nicht vor. 

Es wurde mir zugleich ein asservirtes Mädcbenhemde £ur Untersuchung auf Saa- 
metiflecke eiDgehänfligt, in welchem sich Flecke vorfanden, die zu Folge iljrer grangelben 
Farbe, ihren schwärzlichen Händeru und Steifuug der Leinwand mit blossem Auge wobt 
aU S&ameiiflecke angesehen werden konnten, die sich auch tlurch microscopischen Nach- 
weis von SaamenMdchen als solche dacumentirten. 



58« Fall. Beischlafsversuck Negativer Befand. 

Sine Nothzacht en miniature! Die Wilhelm ine sagt aus: leb sas« am l*d. 
Maj Nachmittags auf der Treppe. Da kam der Richard IL (9 Jahre alt) und sagte zu 
mir, ich sollte mit in M/s Wohnung kommen; er schenkte mir auch ein Bild, leb sagte 
nein, da kam auch der Oscar M, und beide zogen mit Gewalt micJi nach M.'s finsterer 
Kammer, Während mich dort M. au beiden Annen fenthieltj griff mir IL vod vorn 
unter die Rocke und zwischen den Beiuen an die Miml, krabbelte daran mit den Fin 
gtnk und steckte mir auch einen Finger hinein, was mir weh* that. Darauf holte M 
»ein Ding hervor und sagte, ich sollte daran spielen, was ich aber nicht that. Daratif 
hat mich M, hingeschmissen, dass ich mit dem Rücken auf die Erde zu liefen kaut, 
Rt hob mir die Rocke auf, setzte sich auf uiich und machte als wenn er ritt^ worauf 
er mit seineJU Dinge immer an meioe Mimi kam. Darauf legte or »ich der Länge nach 
auf mich und steckte mir etwas in die Mlmif womit er immer gegen dieselbe stieB«, 
was mir weh that Ich schrie und hielt nicht still, weshalb H. nach M/s Aufforderung 
mich an beiden Armen feR^hielt. Als ich sagte^ es klopft^ meine Mutter kümmle liesseu 
aie mich los. 

Die 8jährige Wilbelmine ist (Untersuchung am 25. Mai) normal entwickelt und hat 
re^dmäsaig gebildete Geschlechtstheile. Der Scheideneingang ist in leichter Weise ge- 
rötlieL Ein Ausfluss ist nicht vorhanden. Das Jungfernhäutchen, welches unverletzt 
ist, erinnert durch Hervorragung und Faltenbilduug, so wie Trichterform an den fötalen 
Zustand. 

Die WUhelmine giebt an, an den ersten Tagen nach dem Attentat Schmerzen bei 

Unnentleemng und beim Geben gehabt zu haben. 

Ann Vorstehendem folgte dass die Angaben des Mäilch*^ns durch die Untersuchung 
iticKt widerlegt werden, das^ aber eine Enljuiigferung nicht stattgefunden hat» und da^s 
|ie mir von M. gema/cbte Angabe, nur auf der Wilbülmine gelegen zti haben, ohne eine 
oführung seines Gliedes in ihre UeäcblecLtsthell« ausgeführt /m batmn, ebenfatts ob- 
jsctiv bewahrheitet wird. 

Uebrigens i«t M., damals 15, zur Zeit der Untersuchung IG Jabre ult, ein etwa 
4 Fuas grosser Bursche mit noch kindlichem Babjtus, dessen Geschlechlsfuuctionen »ich 



Nothimeht §. IB. Cafluistik. 58—61. F&IL 

in entwickeln aDfangen, dessen Scbaamberg schon mit | Zoll langen Haaren bedeckt 
ist und der, wie er mir g^eg-endber überhaupt die That eingesteht, in glaubhafter Weiae 
noch angiebt, dass nicht auf der WilhelmiDe, sondern erst nachdem er Yon ihr aufge- 
standen unter Wollustgefäbl ihm s^e'm Hemtle nas» geworden sei- 

Befragt» ob ich dem M. ünterscheidungsvermügen beituesse, muHS ich mich dahin 
formuUren, dass ich nach seinem ganzen Auftreten und nach der Art des renmöläifiSi 
i^etner Angabe nach der Einwirkung des Predigers zu verdankenden ElngestindoisMi 
nicht bezweifle, dass M. das Unrechte und Strafbare seiner HandlungswtiÄe zwu ge- 
kannt hat, dass ich es aber dahin gestellt sein lassen mu8S, ob er in Bezng auf den 
»itUicben Unterschied und die strafbaren Folgen für ihn, einen Uulerachied iwischen 
einem 8j Ihrigen und über 14jährigen oder erwachsenen Mädchen xur Zeit d^r Thal cu 
machen terstanden hat« 

5^. Fall. Beischlafsversnche. Negativer Befund« 

Ä., Handwerksgeselle, war angeschuldigt, die achtjihrige Auguste am 5. Mai tufll 
Bett gelegt und genothzüchtigt zu haben. Das Kind musste Anfangs angeblich «brtft* 
beinig* gehen und hatte starke Vaginal blennorrhoe. Dr. X-, der dies gefunden, be- 
scheinigte auch, dass da« Hymen zerstört» aber Caronkeln nicht vorhanden aden. Anf 
Veranlassung der Staatsanwalt^scbaft war ich aufgefordert worden, in der Schwrurgt- 
richtssiUung im Ocfober das Kind an Ort und Stelle zu untersuchen. Ich fand — UImI 
der genannte Arzt übenteugte sich davon — ein völlig vorhandenes, unverselirti« Uj0m 
von kreisförmiger Gestalt^ und auch sonst (nach 5 Monaten l) die Geschlecbtstbeili voll* 
kommen normal. Da aber anderweitig der Tbatbestand unzüchtiger Handlnogen fMf^ 
itellt, so wurde der Angeschuldigte zu '2 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus 

M, FalL Angebliche Beischlafsverauche. Negativer Befund. 

In einer Eheacheidungssache ans den untersten Volksschichten hatte die ¥mn gt* 
gen den Mann die allerscheussHchsto Denuneiationen , namentlich vorgebracht, daaa m 
mit ihr die unnennbarsten Unzücbligkeiten fortwährend getrieben» so wie diM «f ftf« 
zwei und ein halbes Jahr alte Tochter genoth züchtigt habe. Ein wundlrztlidic« AttMl 
hatte ein ^ fohlende» Jungfernhäutchen bei dem kleinen Kinde ** bescheinigt. Ba war 
die<i ein Irrthum: das Hymen war vorbanden und nicht die entfernteste Anomalie «i 
den neschlechtst heilen wahrnehmbar. (lu Betreff der übrigen ScheusslichkeTtaa Imacrti 
ich: dass die Exploration des Ehemanns , durchaus nichts ergeben babe^ wii d^ B*^ 
schuldigungoa der Klägerin Halt tn geben vermöchte*.) 



61. Fall. Fingermanipnl&tionen. Excoriation der rechten Kymiilie. 

Mit dem 3 ^ jährigen Kinde hatte der 20jlbrige Angeschuldigte unzüchtige Hfl 
liOlgfQ durch Fingermanipulationen vorgenommen. Wir fanden bei der bald 
vorgenommenen Untersuchung eine bohnengrosse entzündete, excorürte schmerzbafte Steüt 
an der rechten Nymphe und urtheilten» dass diese Abschindung vor wenigen Tigtn 
durch Finger (nicht, wie ein Arst atteatirt hatte, durch ein m&nnlicbes Glied) «ntMstt» 
den sein könne. Im Uebrigeu war vi'eder AusBnss, noch Verletzung des Jn 
chen» vorhanden. 



§, 18. CastiR 



62. Fall. FingermaDipuIationen. Einriss in dai» flymen 

Dl« lOj&hii^ Clara war vor 10 Ta^en von eiDem Barscbea iiiit«r die Racke gt- 
^riffan worden, der ihr die Finger Jq die Geschlechtstbeile gesteckt hatte. Das HjiDca 
leifte recbta eineti kleinen frischen Elnriss mit leichter Randaufwulstting und Roibuog* 
Kam Auidnua. 



63, Fall, fteischlafsversucle. Vaginitis. 

Die 4 jährige Anna war Tor L4 Tagen vom Anges<'faiiJdiften nach ihrer kindJicheo 
Schilderung auf das Sopha gelegt worden und daselbst ?on dem Augeachuldig-ten ge- 
miaabraurht worden. Es fand steh die Scbleimbaul des Introitos vagioae gerötbet und 

rekblicber grünlicher Ausfiuss^ der nach dem Berichte der Mutter gleich anderen 
Tages entstanden war. Das Hjuven war unverletzt. Der Angeschuldigte hatte keinen 
Tnpper oder Nachtripper. 

64. FaU. Beiscblafsversncb. Vagiiiitis. 

*JCin Kut^her ist angeklagt und gestandig, ein 11 jahriges Mädchen genotbiucbtigt 
tn. Fr g«»steht ein» dasa er das Kind ge.,. habe uod daas er unter diesem Au9- 
k« die Einfuhmng seine» Gliedes in die Oeschlechtst heile des Kindes, und Hin- und 
hrbewegen desselben verstehe bis zur Ejacnlation dea S&amens. Das Kind hat sofort 
nmch der That über Schmerz bei der Urin- und Kothentleerung geklagt. Wir fanden 
bei der einige Tage später angestellten Untersuchung bei dem sonst gesunden Rinde 
«me pnrulente Blennoirhoej Unversehrtheit des baibmondforToigen Hymens, Der Ange- 
««cbuldigte hatte keinen Tripper. (Der ersluntersuchende Arzt hatte auch hier, wie so 
oll» Zerstörung des Hymens, Ansteckung durch Tripper attestirt,^ Der Fall ist aber 
clMiisch für den Nachweis traumatischer Blennorrhoe. 

65- Fall. Beischlafsversuch* Vaginitis. Einrisse in das Hymen, 

Di«! S jährige Marie war vom Angeschuldigten ihrer kindlichen Aussage nach ftirm- 
tkli gemissbrauchi worden. Es war danach eine Blutung ans den Genitalien und Schmert 
eiBgetrelen. Der Scheideneingang gerothet, punilenter Austlues und sehr deutlich waren 
wabrxunehmen zwei mit hochrother Narbe vemÄrl>ende Einrisse und ein klaffender Ein- 
riß links in daa kreisförmige Hymen. 



6^. Fall. Beischlafsversncbe bei einem 6jährigen Kinde. EntzoDdÜche 
Reizung der Geschlectitstheile. Einriss in das Hymen. 

Die Mütter der 6 jäh rieben Franziaca sagt ans: Das» meine Tochter au den Ge- 
Itditatbeilen krank sei* bemerkte ich erst am letzten Sonntag. Auf Befragen gestand 
meine Tochter, dasa sie am Sonnabend, den IS, Juli von dem in demselben HatiM 
woineoden (40jährigen) Landwirth B. vom Hofe mit auf seine Stube genommen wor- 
tftH Heil woselbst er mit ihr unzüchtige Handlungen derart vorgenommen habe, dass er 
Tersncht, sein männlichem Glied in ihre Geschlechtst heile m zwängen. Auch schon 
früher, am Dienstag und Freitag Toriger Woche, hat p. B. meine Tochter an sich ge- 
lockt, an diesen Tagen aber nur, nach Aussage de^ Kindes, dessen Geschlechts- 
tlieile mit d«n Fingern berührt. 

Das« 6jäbrige Kind ist (am 10. August) körperlich und geistig normal entwickelt 



144 



Nothiucht §. 18. Casubtik. G7, Fall 



und macht dieselben Angaben, welche in den Acten enthalten sind. Sie hat normat 
gebildete Gescblecbtatbeile. Der Rand der g^rossen Lefzen iät geröihet. Der g&nze Scbei- 
deaein^an^ ist gereizt und ergiesst sich aus demselben eine eitrig-schleimige Fltol^- 
keit in ziemlich reichlicher Menge. Der Scheideueingang i^t gerothet und bei B^rtb- 
mng sehr empftndiich* Da* Jungfonibäutcbr^n, welches kreisfurmig ist, i»t ^««chweUt^ 
gerötbet und hat an seiner rechten Seite» etwa in der lUitte nnen durch die ganze Dicke 
der Membran sich erstreckenden Eiariss. Auch die Umgegend der tlamröhre iai ge- 
rothet und empEndlicb* 

Aus vorstehendem Befunde folgt, dass ein fremder harter Körper (Finger odtr <d* 
girtes m&nnlicbes Glied] mit den GeijchlechtHtheilen des Kindes in ßerübnuig f 
ist und dieselben eutzündtich gereizt hat, insofern Krankheitsursachen, welclü dfl 
flusB erzeugt haben kunnteu, nicht vorliegen. 



6T. Fall. Wiederholte Beischlafsversuche bei einem Ujäbrigen MiJchtii 

Vaginitis. Erweiterter Scheideneingang. 

Die Anna bekundet: Etwa in der ersten Hälfte des Juli d. J* nachtete der K- b#i 
meinen Pflegeeltern, den S.'scben Eheleuten. Er schlief in der Küche vor dem Heerdt 
auf einem Brett Am andern Morgen früh G Uhr musste ich nach der Küche, mn Kafet 
zu kochen. Der K* erfasste mich, legte mich rüeklings auf do^ Brett, »teckt« mm 
Glied in meine Geachlecbtstheile, bewegte es darin hin und her, bis ich nass wurde 
Ich versuchte Widerstand zu leisten, doch hielt K. meine Hände fest 

In derselben Zeit musste ich dem K* häu^g Gegenstände nach seiner Wohniuig 
nachbringen, die er bei meinen Pflegeeltern vergessen hatte, wofür er mir j^es IUI 
einen Sechser oder Groschen gab. So cift ich auf diese Weise zu dem K. kam, hat tf 
mich rücklings auf das Sopha gelegt, und In gleicher Art, wie vor angegeben, femia»' 
braucht Schon seit dem ersten Male, wo K« solches mit mir getrieben, habe ich Sdmiar- 
zen in meinen Qeschlechtstheilen gespürt. 

Der Angeschuldigte, Porzellanmnlor K., 27 Jahre alt, bestreitet, die Ann» je 
züchtig berührt zu haben. 

Die IO4 Jahre alte Anna hi (am 14. August) kürperbch und geistig normal 
wickelt, auch hat sie normal entwickelte Gescblechtstbeile. Die grossen Lefiteü 
wenn man^ die Beine auseinander spreitzen liisst, leicht, und erscheint der 
eingang etwas erweitert. Das Jungfernhäutchen ist kreisförmig und unverletat 
ganze Scheideneingang ist gerothet und noch jetxt ein grüngelber, zäher AusEusa lor* 
banden. Harnröhre frei. An der oberen Spitze der linken grossen Lthe siebt maa eini 
erbsengrosse, nicht harte Geschwulst, welche gerOthet ist und welche an der Obei^idbt 
nur sehr dünn bebautet, der Rest eine^ bestandenen Geschwürs sein kann. Die I^aislci^ 
drüsen sind nicht geschwollen. Zeichen einer allgemeinen syphilitischen Erkrankung ailiil 
mit Sicherheit nicht zu constatiren, namentlich sind Hautausschi jige^ Hacbengeadurüi«, 
KnocbeuauftreibuDgen zur Zeit nicht wahrnehmbar. 

Die mir von der Anna gemachten Angaben sind dieselben, wie in ihrer fMfcUi- 
eben Auslassung und gewinnen dadurch , dass eine Erkrankung der GeaciüecbMMflt 1 
besteht, für deren Entstehung andere Ursachen nicht wahrnehmbar sind, eine o(ij«ellfv 
Unterlage dahin, d&ss unzüchtige Berührungen mittelst eines tripperkranien oder fMA 
hi III .erkranken männlichen Gliedes stattgefunden haben. Eine eigentliche Immijsisiaft hat 
tu.' nichts des unverletzten Jungfernbuutcljens siclierlirh nicht stattgefunden. 

Der K» leidet gegen ^würtig au keiner Geschlechtskrankheit t nam entlieh hat er zur 
Zeit keinen Tiipper und keine Erscheinung allgemeiner syphilitischer Erkrankung. 



Nothzucht, 



1$, Casuiatik. 6$. u. 69. F&ll 



145 



M, TalK Beiachlafsversiich. Vaginitia. 

Die Mutter der Ex(>loratii, unverehelicbto Z., bemerkte am 10. November Flecke im 

Bette. In Fol^o de^isen besichtigte sie die Geschlechtstheile ihrer Tochter £li«mbeth unJ 

I fand dieselben gerothct und geschwollen. Auch im llemde des Kindes fanden f»ich 

Flecke. Die Tochter gositand auf crTj^niches Befrogeu der Mutter, dass ein Maiiu »ie 

iu dem im Keller betiiid liehen Restanratiooslokal am Tage vorher gepickt habe. 

Die Elisabeth Z* bat bei ihrer gerichtlichen Vernehmung ausgesagt: Der mir Tor- 
I gestellte M. bat mir was getlian. Er hat mich auf den Schooüs genommen, nm mir den 
Schuh ziizubiuden, und dunn bat er sich die IToKen aufgekuöjtft und etwas herausgeboU 
tLod damit hier — auf die GescblechtRtheite zeigend — gepickt und nat^hber bat er 
noch genagt, icii sollte still sein. Weh gethan hol e» mir nicht und habe ich auch 
Dii!ht geschrieen* 

Auf die Frage: wie aie anf dem Schooss gesessen, setzt sie »ich dem Iijquirenlen 
auf den linken Oberschenkel, so dass zwi^srhen desscji Schenkeln ihre Beine herabhängen. 

Der angcjcchuldigte (H2jlhnge Techniker M. beatreitet, die Eltüabetb Z. unzüchtig 
berührt zu haben« 

Die 5j&hrige Elisabeth Z. ii*t (am 18. November) körperlich und geistig »hiem Älter 
üaeh angemessen entwickelt und hat normal gebildete Gesthlecbl st heile. An denselben 
bemerkt man einen grüngelben, jetzt noch ziemlich reichlichen Ausfluss, Der Scheiden- 
eingang ist gcröthet^ an der Oarnröhrenmündung etwas Abüormes nicht watimehmbar» 
doa Jui*gfern häutchen ist unverletzt. 

Daa Kind bat beim Unnia:äsen Schmerz empfunden. Da andere Ursachen, welche 
diese Entzündung der Geschlechtstheile betiingt haben könnten, nicht vorliegen, da fer- 
ner bei dem bis dahin ge.sunden Kirnte die Eutiündung der üeseb!o€hlstheiIo sehr bald 
Dach dem fraglichen Attentut entatiiuden ist, da ferner erfabningsgemäss derartige Ent- 
zündungen sehr häutig eine traumatische (durch Manipulationen mit Fingern oder mänu- 
licfaem Gliede erzeugte) Yerau lassung hal>en, so werden die Angaben des Kindes dahin 
gebend^ dans ein männlicbei* Glied mit ihren Geschleclitstheilen in gewaltsamer Weise 
in Berührung gewesen (gepickt), durch den objectiven Befund unterstützt, wobei noch 
zu bemerken, dasa über die Hymenaloffnung hinaus das männliche Glied event. nicht 
gedrungen isL 



6#. FalL Beiscblafaversuch. Vaginiüs. Saamenf&dcfaen im Hemd, 

Die Louiae hat vor Gericht ausgesagt: Am Moütag den 29. November horte ich 
anf unserem Hof© einem Leierkasten zu. Da kam aus der P/schen Restauraiion der 
Mann, welchen meine Mutter vorher abgebürstet hatte, und sagte zu mir, ich solle mit 
Ihm kommen, er würde mir Geld für meine Mutter geben. Er ging miL mir um die 
Slrmaieiieeke in einen halb olTenen Thorweg hinein, legte mich hier auf die Erde^ hob 
mir vom die Hocke in die Höhe, kniete zwischen meine Beine nieder und hat mir sein 
Ding in mein Pissloch gesteckt. Da mir duw weh that und ich schrie, gab mir der 
M&mi eine Maulschelle und sagte, ich solle sUlJ sein. Der Manu hat meine Mimi auch 
nisa gemacht 

Der Angeschuldigte, 30 jahrige Privatsecretair v. Ch., bestreitet, die unzüchtigen 
Hauidlungen mit der Louise vorgenommen m haben. 

In dem von ihr am qu Tage getragenen Ilemde befanden sich an dem Vordertheil 
desselben Flecke, welche sowohl dem faisseren Augenschein nach, als auch durch Nach^ 
weil Ton Saamenfadchen als von mrumlichem Saamen herrührend erkannt wurden. 



Caiptr^fl S^riebtl. liadieln. S. Anfl. 



10 



146 



Nötlizucbt. §. 18. Casuifttik. 70. FäIL 



Die 5jähri^e Louise ist (am 15. December untersucht) körperlich und geistig 
Alter angemessen entwickelt und macht ihre Angaben in kindlicher Weise. Ihre O^- 
schleobblbeite sind normal entwickelt und durchaus unverletzt, auch in Bezug auf da« 
Jungfernhäutchen» welches kreisförmig ist und eine relatlT grosse GentrulufTouag blal«i; 
jedoch ist der ganze Scheideneioguug gerothet, und zwar, wie die mitaninesende Vtitirr 
tagt, ruther uls sonst, auch soll sich das Kind an den Geschlechtstheilen seit dem be- 
treffenden Vorfalle wegen Juckens reiben. Ein Ausfluss ist zur Zeit nicht Torbanden, 
jedoch giebt die Mutter an, und zwar nicht aus freiem Antriebe, aondem erst nachdem 
sie darauf hingeführt und aufmerksam gemacht worden , dass in dem Hemde, 
welches das Kind von Montag den 29. Novemtier er- an Stelle des damals eingeliefer- 
ten getragen bat und am Sonntag den 6 December er. gewechselt worden ist, aieli 
gelbliche, bis zu Achtgroschenstück grosse Flecke gefunden babeOf auch glaubt m aielk 
nicht zu irren, dass in dem am Sonntiig den 12. December er, gewechselten Hemil« aiell 
eben solche Flecke befunden haben, überhaupt aber habe sie ein strenges Augenmerk 
darauf nicht gerichtet, weil sie das nicht gekannt habe. 

Wenn hiernach aus dem objectiven Befunde auch ein strenger Beweis dafür, ifans 
mechanische Reizung der Geschlecbtsihetle der Explorata durch einen harten Körper 
Seiten» eines Dritten statt geht n den hat, nicht erbracht ist, so werden doch aDdererseilJ 
durch die Befunde uod die erwähnten Angaben der Mutter die Aussagen der 
über den fraglichen Vorfall wesentlich unterstütit 



70. FalJ. Denunciation eines lijährigen Madchens wegen Blutschande. 
Negativer Befund. Was ist Beischlaf? 

Die Anna sagt aus: Meine Matter ging wegen Krankheit am 26. December ntr 
Charite, ^o dass in der Nacht vom 26. bis 27. December mein Stiefvater mit mir nm\ 
meiner Schwester Auguste in unserer Kammer allein schlief. In dieser Nacht fordert« 
er mich auf, zu ihm ins Bett zu kommen, ich that dies auch. Bier hob er mir du 
Hemd in die Bähe, spielte mit der Hand an meinen Qeschlecbtstheiien, steckte auch 
einen Finger in diese und tiess mich er>;t in Buhei als ich laut zu weinen 
Schmerzen von dieser Berührung habe ich nicht eui[pfundeu. 

In der folgenden Nacht forderte mich mein Stiefvater wiederum auf, xu ihm 
Bett tu kommen, und da ich dies tu thun mich weigerte, nahm er mich und legte mh 
der Linge nach auf sein Bett. Ich fing wiederum laut zu weinen an, worauf er mir 
gestattete, dass ich auf mein I^ger zurückkehren durfte, wo ich neben mtimm 
Schwester einschlief. Im weiteren Verlaufe der Nacht erwachte ich und fDUl% 
dasa Jemand auf mir lag und ein harter Gegenstand in meiner Mimi 
sich aber darin nicht hin- und herbewegte und mir auch keine Sehmerxeii 
ursacbte. Es war finster und ich konnte zucbt erkennen, wer ftnf mir lif, 
ebensowenig ob der Gegenstand, der In meiner Mimi steckte, ein Finger oder der 0^ 
schlechtstheil ^ines Mannes war* Auf mein Schreien entfernte sich die Person von vir. 
Ich musa annehmen« dass mein Stiefvater es war, der auf mir lag, da eine andere Per- 
son, »Qsaer uns Schweitem, in der Kammer nicht schläft. Ich habe weder Kitzel nftdi 
Schmerzen in metner Mimi empfunden und habe auch nicht bemerkt, dass diestlb« tm& 
gemacht worden. 

Der Angeschuldigte, 37 Jahre alt, bestreitet, daFs er die von seiner Stieft<»ch 
angegebenen unzüchtigen Baiiitiungea mit dieser vorgenommen habe. Die Denunditiöi" 
sei von ihr jedenfalls angebracht aus Groll über Züchtigungen, welche er ihr öfter kabt 
ertheilen müssen (I). 

Die fast Ujährige Anna ist (am 4. Januar) körperlich und geistig normal eat- 
wickelt, hat auch normal gebildete Geschleebtstfaeile, welche eine dem Alter angemeoeBe 



Notbiucbt. §. 18. Casuislik. 70. Fall. 



147 



ngsoffoiing' hubrn. Die innere Flfiche der kleinen SchnamlefzeiL ist geröthet und 
ein geli&iier rahmaitiger (milchartiger) Ausfluss vorbanden- Die Ein^angsöfFüUüg 
Terlegt durch ein fleischiges prominirende», nach vorn trichterförmig 
tl&ffendcs JnngfernhiutcheD> welches schlaff ist und nicht aus einer 
eint igen Membran besteht, sondern aus mehreren, fächerförmig übereinarjder ge- 
scbobeuen BiriU**rn. welche sich von einander abheben lassen^ keine wunden, oder ge- 
rüllieten Rander darbieten, und welche mit einer gewissen Regelin&ssigkeit gestellt, ein 
ans mehreren Lappen gebildetes Jungfemb&utchen darstelJt Es ist übrigens durch die 
ScJiJalfhcit dos Jungfernhäutchens möglich, die Spitze meines Zeigefingers über die Hy- 
menaluffnung hinaus ohne jedwede Schmerzhaftigkeit einzuführen, wie denn auch die 
ganxe Untersuchung ohne Schmerzensäu<;serung Seitens der Explorata von Stalten ging. 
£a Mt mir nicht wahrscheinlich, dasfs diese Beschaffenheit des JungfenihäntcheniH uber- 
bftupl iseebanischen Eingriffen ihre Entstehung verdanke, auch leugnet Expforatji, »Ich 
ie selbst die Finger in die Geschtechtstheile eingeföhrt m haben. Ich bin Tjelmehrder 
Meintiiig, dass diese BcschalTeidieit des Jungfembuutchens, nach Analogie anderer Fälle, 
angelK^ren sei (gelapptes Ilymen). 

Keinesfalls kann man annehmen, dass eine event. Zerstörung des Hymens von sol- 
thet Ausdehnung, wie die hier beobachtete, scbmerados, ohne Blutung, ohne nachfolgende 
Absonderung grüngelben zähen eitrigen Schleimes und ohne nacbfolgeude Beschwerden, 
wie sie eine mechanisch hervorgerufene Entzündung der Geschlechtstheile bedingt (er* 
Schwertes Ochen, Schmerz beim üriniren etc.), welche summtüeh Explorata in Abrede 
stellt, vorübergegangen sei. — Der vorhandene Ausfluss trägt den Character des ge- 
wöhnlichen weissen Flusses der Weiber und ist auch diesem die geritige Rotbnng der 
inneren Fläche der kleinen Scbaaralefzen zuzuschreiben. Es wire auch sehr ungewühn- 
ttcb, wenn heute nach 8 Tagen sämmtlicbe Erscheinungen, welche das mit einer 
satehen Zerstörung des IJymens verbundene Eindringen des erigirten münulichen 
Gliedes eines erwarhsencn Manne» in kindliche Oem'hlechlÄlhetle, wie diejenigen der im 
Gmnsen noch unentwickelten Etplorata^ zur Folge zu haben pflegen, schon wieder spur- 
los versdiwundeu sein sollten. 

Wenn hiernach auch ein objectiver Beweis dafür, dass ein erigirter iniLrmlicher 
Penis in die Geschlechtstheile der Explorata gewaltsam eingeführt worden» zur Zeit nicht 
vorliegt, und demnach nicht abzusehen ist, auf welche Zeichen hin der Dr. 0, laut Po- 
Ijzeibericbt die zweifellos stattgehabte Vornahme irjrend einer unzüchtigen Handlung au 
iter Explorata am 28. v. M. constatirt hat (24 Stunden nach dem Attentat), so soll ila- 
mit keineHwegs die Möglichkeit der Wabrlicit der Angaben der Explorata in Abrede ge- 
stellt werden, da nach der beschriebenen Be^jchafreubeit ihres Hymens das Eindringen 
der Spitze eines männlichen Gtiedes oder Fingers sehr wohl ohne Schmerzerregung und 
Hrnterlos.Niuig bleibender Spuren ausführbar erscheint 

In der miindlicben Verhandlung, in welcher übrigens der Vater wegen mangelnden 
objectiven Thatbestandes für nichtschuldig erkl&rt wurde, kam die interessÄnte Frage: 
,waa ist Beischlaf zur Erürtcrung. Bekanntlich hat das Ober-Tribunal den Auadnick 
„Uüiucht*' im 5, 14 L in „Beischlaf*" interpretirt Ich wurde gefragt, ob eventuell hier 
da Beischlaf vorliege. Ich erwiderte, dass ich unter Beischlaf eine derartige Vereini- 
gung der beiderseitigen Geschlechtstheile verstehe, dass dadurch eine Ejaculation, wel- 
che befruchtend wirken könne, ermöglicht sei, tmd dass daber im vorliegenden Falle 
DKweifelhaft eventuell ein Beischlaf stattgefunden habe. Der Staatsanwall meinte, dass 
He Ejaculafion unmöglich mit in die Bedingungen des Beischlafs gezogen werden könne, 
weil »unacb, wenn jemand den Beischlaf vor der Ejaculation unterbreche, ein Beischlaf 
nicht stattgefunden habe. Ich replicirte indess, lit^s ich uichL von stattgehabter, son- 

10* 



148 



Notbmebt, §, 18. Caßuistik. IL FäIL 



dem Von ermöglichter Kjaculation gesprochen habe, und dass daher, meines Endi* 
tensi auch ohüe dass es zu oluer solchen gekommen, ein Beiaehlaf stattgefundtn habe. 



71. Fall. Fingermanipulationen ntid wiederholte BeischlafSTersiiübai 
£inrias in das Hymen. 

Die Anna belomdet: M. ist dieses Jahr und schon tori^es Jahr fast jeden Abend 
mit wenig Aufnahmen in mein Bett gekommen und jedes Mal wohl eine Viertelalmide 
bei mir liegen geblieben, wobei er noch immer seine Hosen an baue. Er hatte ini<rb 
dahin gefasst^ woraus ich pinkle, hat mich daran gekitzelt und »einen Finger bineing«- 
steckt Er holte dann jedesmal aus seinen Hosen etwas heraus» woran ich meine Haad 
legen musste, was an seinem Bauch angewachsen war und sich wie ein harter 
Stock anruhlte; auch reiben habe ich ibm daran müssen. Er bat dann auch je 
sich ganx auf mich htoaufgelegt, diesen Stock zwischen meine Beine in meinen 
llineinge^teckt und sich hin- und herbewegt, und ich habe dann manchmal gefühlt, 
Ich nass wurde. Wenn ich weinte, wenn es mir weh tbat^ hat er mich gescbll 
Zwischen meinen Beinen war es fast immer wund uiid ein paarmal so sehr, daat 
zu Bett bleiben musste, Medicin einnahm und kalte Umschläge zwiscben meine 
gemacht wurden. 

Der SOjährige Angeschuldigte leugnet. 

Die fast lOjährif^e Anna P, ist (am 26. Octoher) körperlich krädig entwickelt 
geistig rocht geweckt. Sie macht die in den Acten enthaltenen Angaben bestinnöt, 
doch nicht in frecher, unzncbtiger Weise. Ihre Geschlechtstheiie sind normal gebildet 
Das nach Angabe der Mutter vor 7<wei Stunden rein angezogene Hemde ist ohne Spur 
eines Ansflnsses. Es fallt sofort auf, dass der ganze Scheideneingang klaffend fei, 
während sonst auch bei massiger Spreizung der Beine beide Römier der grossen Sehaam- 
lefzen sich berühren, oder um so weit nahem, dass sie den Scbeideneingang bedecken. 
Hier im Oegentbeil liegt dieser lu Tage sich trichterförmig verjüngend. Zerrt mal (Bt 
grossen Lefzen massig auseinander, so sieht man den gerötheten Scheid eneingaai^, ätr 
massig weit und gegen Berührung äusserst empfindlich ist Das Jungfernhäutchen, 
kreisförmig, ist entzündlich gerotbet, und befindet sich an seinem unteren Theile, diebt 
neben der &littelliDie des Körpers nach rechts hin, ein etwas schräg nach aussen ver- 
laufender, die ganze Dicke ihr Membran durchdringender Einrias, dessen Ränder eben- 
falls hm^hroth sind, und der, wie die Membran selbst mit einer sparsam grünlich -gelbes 
Absondeiung bedeckt ist, oach deren Abtrocknung die genannten Erscheinungen CRö* 
thung, Einriss u. s. w.) deutlicher hervortraten« Ein profuser Ausfluss war nicht tot- 
banden, doch soll nach Angabe des Kindes solcher früher und auch jetzt noch sta^fin- 
den, und will die Mutter das Kind Behufs des Termins erst vor IV Stunden gevaadbaii 
haben, was nach dem augenscheinlich neu angezogenen, auch im übrigen fleckenlosen Henuli 
glaublich ist. Auch an der linken Seite des Jungfemhäntchens ist eine Stelle voflMift* 
den« welche als ein kleiner Rand einriss gedeutet werden konnte, doch will ich mieh §km 
die Qualität dieses, als eines nicht unzweifelhaften Einrisses, nicht aussprechen. 

Au« vorstehenden Befunden musste geschlossen werden: 1. dass ein fremder, 
Körper (Finger oder erigirtes männliches Glied) mit den Geschlechtstheilen des 
in Berührung gekommen und unter Beschädigung des Jungfernhäntebens ober ^ Q] 
naloffnung hinausgedrungen ist; 2) dass die Behauptung des Kindes Ton binBg 
holter Vornahme unzüchtiger Handlungen in der Weise, dass ihr M* seinen Fingier 
sein mänuHcheii Glied in ihren Leib hineingesteckt und sich dann hin- und be 
habe, objectiv begründet wird. Auf Befragen erklärte ich noch: daas etwa die i 
durch Onanie selbst diesen Zustand ihrer Gescblechtstheile erzengt hätte, lat tarn 



Nothzucbt. §. 18. Cftsuisük. T2. u. 73. Falt. 



149 



Xb mdii aozanehmeQf weil die Erzeugcmg desselbea scbmenhaft gdweseti wäre« das 
Kind aber kern idiotisch oder sousl; geistig krankes ist, weil ferner ihr eigener Finger 
gmr nicht ein solches Klaffen des ScheiderieingAngs bewirkt haben würde, und gar kein 
od vorliegt tu der Anoahme, dass sie sieb etwa zu derartigen MaDipulationen eines 

Hder^D harten fremden Korpers dauernd bedient hätte. 

7%, FaJl. ßeischlafsirersacbe und Fingermanipulationen. Vaginitis. 

Der nachstehende Fall ist wieder deshalb wichtig^ weil ein Eingeständniss vorliegt 
und weil es ein 3; jähriges Kind betriift. Der 14 Jahre alte Tapezierlehrling P, hat 
enchtlich zugestanden, dass er, nachdem er schon froher einmal der Clara von vorD 
^^nter die Röcke und an die Gescblechtatbeile gefasst und an denselben mit den Fin- 
giem gespielt hatte, dieselbe eines Nachmittags kurz vor Weibnachten dergestalt ritt- 
lings auf den Scbooss genommen^ dass Beide das Gesicht sich zuwendeten, ihr vorne die 
Röcke in die Höhe gehoben und einige Male mit seinem steifen GHede in die Ge- 
adildehtitheile gestafl«en habe. Der Saamen sei nicht in die Geschlechtstheile der Clara 
«bg^augen« Oefter ah dietse beiden Male will er mit der Clara Gemeinheiten nicht ge- 
trieben haben« 

Die 3jährige Clara ist (am U Jauuar) körperlich normal gebildet, hat normale 
Geachlechtatheile, der Schoideneingang ist geröthet, empftndlicb, die Schleimhaut desscl- 
bell* wie die des Jungfern bau tchenä geschwellt und ein noch jetzt recht reichlich eitrig- 
acfaleimiger iinslluss vorhanden. Die Beschaffeuheit des Jungfernhäutchens konnte ich 
wegea grosser ünrube des Kindes nicht wahrnehmen und musa ich, wenn es erfordert 
wird, dieselbe m uutersuchen, darum bitten i nach 3 bis 4 Wochen, wo das Kind ge* 
oesea und weniger empündlich sein wird, mir dasselbe abermals vorzustellen. 

Die wahrgenommenen Erscheinungen lassen, da anderweitige Gründe zur Eut^iin* 
düng der Gebcfalechtstheile uod zu einem AusÜuss aus denselben nicht vorhanden sind, 
«asehmen» dass ein Tremder harter Körper^ Finger oder engirtes männliches Glied, mit 
dieatn Th eilen des Kindes iu Berührung gewesen ist. 

Bei dem gleichzeitig untersuchten Arrestanten ist eine syphilitische Krankheit nicht 
▼orhnnden, so dass die wahrgenommenen Erscheinungen an den Geschlechtstbeilen der 
Cbftrs, wi^ hau%, lediglich die Folgen mechanischer ReuuQgen sind. 



T3. FaJl. Tripperinfection bei einem Kinde. 

tDer Angeschuldigte war der 18jährige S. Er stellte nicht in Abrede, vor 6 — 7 
tripperkrank gewesen zu sein^ und gestand, auch vor dem Richter (seltener 
29. Mai der fünfjährigen B. nicht nur an die entblösten Geschlecht^stbeÜe 
Odern auch sein erigirtes Glied denselben nahe gebracht zu haben. Zwei 
Tage darauf fand der Polizeiarzt Dr. R. ihn noch mit einem ^Nachtripper'' behaftet. 
Meine Untersuchung beider Individuen fand elf Taj^e später Statt. Die etwas aufgewul- 
il0te liamrohrenmuudung des S, und ein hervorquellender glasartiger Schleim Hessen 
noch jetxt auf das VorhandeDgewesensein eines Trippers mrucki^chliessen. Die Mutter 
dt§ Kindes hatte nicht nur an demselben einen erschwerten Gang, Rothimg und 
pEiternng* an den Geschlechtstheilen und ßeichmutzuüg der Wäsche wahrgenommen, 
(>nd«m auch Dr. R. hatte am 31. Mai weseutiiih dasselbe, wie ich am 11. Juni vorge- 
ndtn, nämlkh - bei unverletzter jungfräulkbcr Beschaffenheit — entzündliche Reizung 
Schleimhaut des Scheidenoiugaugcs so wie des Hymen und der Hamröhreninündung 
eopiöäer Ausfluss eines dicklichen, gruugelblichen Schleims^ der die benachbarten 
Theüe empfindlich gerothet hatte. Die wirklich gonorrhoische Natur des Secrets konnte 



150 



NothÄUCht. §. 



MiL 74. u. 75, Fall. 



hiernach Dicht zweifelhaft sein. ,Die Böfuiido im beiden Persouen*, saglea irir, «[i 
mcbt nur 'm einander, Hünderti unterstüUen auch die Aiischuldiguug« Eia Scbk 
aus sciofuiÖ8er Ursache u. iiergi. hi bei dein j^ebr gesunden und blühenden Siodt i 
anzunebcDen» wogegen um so mehr der Tripperebaracter des Schieunflu^ses auxnn« 
ist, als S. auch mit einem, schon 6 — 7 Wochen bestandenen sogen&nnten Nacbiri|i 
die Ansteckung forlpllanzeü konnte, und die Erfahrung mich gelehrt bat, daus kindlh 
GeschlechtsÜieile für die Trippierinfcclion noch weit empfänglicher sind, als die Er- 
wachsener, und Tripper sich auch noch in seinen spütesten Stadien leicht Kindern cnit- 
theiten läs^t* Ilierz^u kommt, dass die AIuHer des Kindes schon vier Tage nach dtr 
That Flecke im Hemde desaelben imd bei der Bei^ichtiguDg ain fünften Tage «ahrnahiD, 
^dass da8 Kind vom After bia an den Ge8chlecbtatbeil förmlich blutig, wund und gt- 
achwollen, und das am Morgen rein angezogene Hemde ton Materie förmlich steif war.* 
Alle diese Thatsachen beweisen ciae sjphilitiache Anbieckimg u* a. w« Daa Eadgui- 
achteu lautete hiernach : „daaa S, noch heute an den letzten Spuren eines Trippers Ici« 
dot, und dojjs die Erscheinungen am Körper des Kindes auf eine gcschohooe Trippat- 
ansteckung schlie^sen lassen." Die Geschworeneu nahmen die Thäter^cbaft des S. m. 
der zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheiit ward. 

74. Fall. Ein ähnlicher Fall. 

Das 10jährige Kiud war gesund uud kräftig und zeigte namentlidi keine Spur von 
skrofulöser Anklage. Die Genilalien waren durchaus» unverletzt, der Eingang aber «twia 
gerolhet, gereizt und schmerzhaft, und ein sehr starker Ausflnss eines grüngelblklMB« 
dicklichen Schleims vorhanden. Die Anschuldigung lautete, dass der 30 jährige SdMti' 
Spieler K. sich vor 1 ( Tagen cniblosst auf da^ eutbir>s^te Kind gelegt gehabt hali«i 
wonach dasselbe unmittelbar darauf über Schmerz beim Gehen geklagt haben sallte, K, 
fand ich zwar ohne gonorrhoischen AusSuss, den der Gefänguissarzt vor 12 Tag«B Mcb 
gefunden hatte, doch zeigte sich wieder noch der bekannte glasartige Schleim heim I>rMck 
auf die Urethra und im Hemde die characteri,<stischen Flecke. Wir erkiürteu, daaa ctn« 
luKullAtion der kindlichen Genitalien Statt gefunden haben müsse, und dass um ao mehr 
anzunehmen I dass dieser Kürper wirklich ein erigirtes männliches Glied geweacn, ab 
die Annahme einea andern fremden Korpera gar keinen Anhaltspunkt biete. Kis« voll- 
ständige Immission sei übrigens nicht erfolgt, wie die unverletzten kiudlicbeti G«ula- 
lien erwiesen. 



7f. und 76* FaU. Urethralblennorrhoeen in verschiedenen Stadi«ii ml 

Folge der Nothzucht. 

75. Es lag der sehr seltene Fall der wirklichen Entjungfcrung eines acbIjäliHgili 
Kindes, Marie D.» durch einen Franzosen vor. Die Schei*ie war ungewöhülicli « i wi 
tert, ein grünlicher Trippersüchleim lloss reichlich auj:^ der Urethra, das Kind hatte Bütft- 
nen beim Urimreu, uud es war noch schwieriger u\h gewöhnlich, eine geuau« EsfiU* 
ration der sehr entzündeten Theilo vorzunehmen, die jedoch gelang und oino frmchm 
Zcnitörung des Hymen ergab. Das Gutachten war leicht und komito mit Üeaftimiallicit 
abgegeben werden. Der Angeschuldigte, welcher, wie sieb ergab (ich habe ilw 
unti^riucht), notorisch am Tripper gelitten hatte, versuchte sich zu ejtcuJplren, 
behauptete, das Kind müsse den von ihm benutzten Nachttopf gebraucht tmd ddi aa 
inficirt haben. Mit Beziehung hierauf wurde mir später die Sache noch eiomal aufge- 
legt, um micb darüber zu äussern. Ich brauche wohl nicht anzuführen, daaa icb ar- 
klärte, dasa die Möglichkeit einer solchen Fortpflanzung des gedachleii Contagii mc^ 



NoUnucbt. f 18. Gasuistik. 7G. u. 77. F&lt. 



151 



kgel&ngnei werdea könne* dass jedoch uiemAta in diesem Fulto die Erweilening des 
iScJieideaeingaDges und der Verlust des Hymen dadurch hätten entstehen können, viel- 
roiehr daa friiiiere Gutachten^ dos« der Tripper bei dem Kinde dem Eindringen «Ines 
LlripperknmkeQ Gliedes seine Entstehung verdanke, aufrecht erhalten werdeu müsse. Der 
^Angtscbuldigtc wurde zu einer Tieljährigeu Zuchtbausstrafe verurtheilt 

IS* Auch die sechsjährige Pauline, angeblich von dem Eisenbahnbeamteu £L 
stuprirt, hatte eiaea üarnroh reut ripper. Der Scheid eoeiugaog war geröthet, ohne sehr 
[ •iDpfiudliab 3LU sein; das Hymen aber war erhalten und unverletzt und im Uebrigeo dio 
Gemtalien nonoa). Ich erklärte, dass mit Tripper behaftete Geschlechtstheile mit denen 
der Pauli Qe in Berührung gekommen sein müssten« Den Angebe huldigten fand ich 
folgende n Tage im Gefängoiss ganz gesund, und auch in seinem acht Tage getra- 
neQ Hemde keine Spur von verdächtigen Flecken. Er räumte jedoch ein, vor etwa 
[vier Wochen, dass hiess, um den 19. September herum» ©inen IlamrühreDtripper ge- 
bäht zu haben, den er al^ kurz dauernd und unerheblich angab. Diese Aeusserung ver- 
ftiila&ste eine Ruckfrage des Uatersuchungsricbters, deren Sinn aus meiner Antwort her- 
Yorgeht ,Da die kleine Paul ine bereits am Sonntag den 30. September beim Gehen 
Ivber Schmerten geklagt, während die Mutter zwei Tage später, am 2. October, schon 
(Fleck« in Leib- und Bettwäsche vom Ausflass aus den Geschlecbtstbeilen bemerkt, folg- 
lich anzonebmen, dass auch S4>hou am 30. September j^ich eine enizündlkfao Reizung in 
den Theilen ausgebildet hatte , wie sie das erste Stadium des Trippers bezeichnet, die 
Erfahrung aber lehrt ^ doss die Ansteckung mit dieser Krankheit etwa nach drei bis 
^Sieben Tagen zum V^orscheiu kommt, so ist anzunebmen» dass die Ansteckung des Kin- 
ie« etwa vom 22. bis 2d. September geschehen sein müsse*. Uiermit war eine üeber* 
^mmung in den Angaben und thatsächlichen Befunden erzielt. 



77. Fall. Tripper bei dem Kinde, Bubo bei dem Angescbnidigten« 

Der Angeschuldigte geborte nicht der niedern Volksklasse an. Er sollte die 81 Jahre 

alte Angui^te um 30 November auf einen Tisch gesetzt und sie dann „vorgenommen* 

I haben. Angeblich hatte das Kind danach viel Schmerz empfunden, in den nächsten 

Wochen nngewöbnlichen Drang zum llarnlassen gehabt, und war auch der Mutter ein 

erschwerter Gang aufgefallen. Anfangs December fand der Dr. K. es mit einem wirk- 

.lichen Tripper behaftet Am 22, Januar fand ich noch eine lebhafte Ruthung im Schei- 

[deneingang und einen geringen, aus der Uarnröhre kommenden Schleimäuss. Das 

UmigfemhäutcheQ war durchaus unverletzt. Ich musste nach 4em Befunde erklären : „dais 

dat Kind durch die Berührung seiner Oeschlecbtstbeile mit Trippergift inficirt worden," 

Zwei Tage spater untersuchte ich den Angeschuldigten und fand denselben bettlägerig 

.und mit einem liaudgrossgeöfraetcn Bubo behaftet. Anderweitige syphilitische Symptome 

^oder Spuren derselben waren am ganzen Körper nicht walirnehmbar. «Der bestehende 

[Befund indess", erklärten wir, ^^lässt sehr wohl die Annahme zu, und macht sie sogar 

Ifiachst wahrscbeinlich , dass vor einiger Zeit ein Schanker bei dem Kranken bestanden 

|fcab«, der entweder mit Tripper Terbunden gewesen, oder seinen ursprünglichen Sits in 

der Harnruhre gehabt habe, welches Letztere um so mehr zu Yermuthen, als ausserlich 

den Geschlcchtstheileu Schauker narbeu nicht wahrnehmbar sind. Unter diesen Um* 

fglftiidezi gewinnt die Anjcbutdigung gegen S., das Kind veneriscb inficirt zu haben^ 

n bedeutsaioen Anhalt» wobei ich, da es mir nicht obliegt, den subjectiveu That- 

Ibtttind festzustetlen, als selbstverständtich darauf aufmerksam machen muss, dass auch 

ein Anderer als S. das Kind inficirt haben kann." Ilucbst wahrscheinlich war es aber 

eben kein Anderer gewesen, denn S. ist bald nach meiner Untersuchung — landes- 

Bochti^ geworden 1 



152 



Nothiucbt. §. 18. Casuistik. 78-80. Fall. 



78. Fall. Schanker bei dem Kinde und hei dosKon Vater. 

Die H jährige Ida gab io diesem scbrecküiiheti Kall von Blutschamle an, da»« ihr 
Vater sie viormaJ, tuUtzi Mitte Februars, zu sich ins Bett genoraniou und Manipulatii^ 
ncn mit ihr vargenommen habe, die nacb ihrer tSchildening eine Beisoblafsvondebafi 
voraussetzen Hessen, kh fand die Genitalien des Kinder ringsum mit Schankrrgcs^bira- 
ren umgeben, dergleichen sich auch noch einige am After befanden. Das Hymen war 
am rechten Hände etiras eingerissen, tmd d^ Organ selbst, so wie der Eingang in die 
Scheide etwas gorolbet und schincrxhaft. Der Vater hatte an der Eichel eine knpfer* 
rothe, kreisrunde Narbe mit etwas Snkstam Verlust (in de>en Hitte nocb eine nadelspitz- 
grosse Oeffuung sichtbar war), die sich hiernach als ächte Schankemarbe cbaracteriairtc. 
Ausserdem fand sich am Vorhaut bändchon ein noch offenes kleines Geschwür und dag 
BäDdcben selbst war zerstört. Das Gutachten muüste, bei der sehr harten Stnfe^ die 
dem Angeschuldigten drohte (und die auch verhingt worden ist), mit besoudettr Vor- 
sicht erstattet werden. Ich erklfirte: 1) daas S. noch vor kunter Zeit mit ▼eaerisdiea 
Schankergeschwüren behaftet gewesen, und noch jetzt nicht völlig geheilt »ei; 2) dast 
Ida 8. mit denselben Geschwüren behaftet sei; 3) dass diese Geschwüre durch eine Be- 
röhrung ihrer Geschlcchtstbcile mit denen eines mit Schanker behafteten Ifanne* ver- 
anlasst worden seien, wie natnetitliih die ßehchaffeuheit des (eingcns»enen) Jungf« 
häiitchens ergebe ; 4) das3 aus dem Befunde an sich mit Gewfs^heit nicht xu besti 
dass gerade der Angeschuldigte Jener Mann gewesen sein müsse; dass jedoch T*) tier 
Befund eben so wenig das Ucgenlheil beweise, und mit den Angaben der Ida nicht im 
Widerspruch stehe. 

7d. Fall. VerletzuTigsapur am Kindcskörper nach Notbzuchtsferititfli. 

Vier Tage vor meiner Untersucburig der lOjührigen Minna hatte der 3f jl 
Maurergescllo M. einen förmlichen Nothzuchtsversuch an ihr gemacht, sie namlicli au& 
Bett geworfen und mit starken Drucken, die sehr bchmerzbaft waren, die Schenkel d«B 
Kindes auseinander gehalten und dann eine Immission versucht. Ich fand an der Inntm 
Seite der Oberschenke! deutlich die l>ei der Berührung noch schmerzhaften SugtHati^nMi 
von Fingereindrücken. Uriniren und DefTication waren sehr schmerzhaft und hatten mit 
Cataplasmen und Ricinus - Od erleichtert werden müssen. Das Gehen war sehr be- 
schwerlich* AuB0uss aus der Vagina fand nicht Statt, Die grossen Lefzen waren etwa» 
geschwollen, eben so der Rand der Hamröhrenoffnung, dessen Berühruing sehr schmerz- 
haft war. Das Hymen war unverletzt, aber stark injicirt M. war ganz gesund* 



80. Fall. Notbzucbts-Anschuldigung Seitens eines prostituirten Kindes, 

Die elfjährige G. denuncirte mit seltener Frechheit und in den allergemdii 
Ausdrücken, die sie sogleich verdflchtigen mussten, dims N\ N. sie am 31, Mai auf 
Tisch geworfen und genothzüchtigt habe. Am 21. Juni bescheinigte der Dr, X^ « 
das Jungfernhäutchen fehle, ohne dass doch Spuren einer frischen Zerreissung 
haudeut dass ferner der Eingang in die Scheide so weit sei, dans man mit dem 
eingehen könne, dass Scheide und Ilarnrohrenmündung $chmenhaft> hciss und ge 
aber weder Ausfluss, noch Schmerjen beim Uriniren u, dgl. vorbanden sei. noch 
Hen sei/ Wieder lag hier ein erheblicher ärztlicher Irrthum in der Schilderung des 
funde* vor! Denn fünf Tage später fand ich das Ajigcblicb fehlende Hjmen vollkdaiMii 
erhalten, sigmoidal, und völlig unverletzt^ auch ohne Narben und Einrisse Der Bll- 
gong in die Scheide war nicht erweitert, sondern eng nach Verhältnlsg des Alien« git 



Notbzucbt. § 18, Casuistik. 8L Fall. 



153 



kein Sei ritrz tii;i der Berührung, gar keine RÖthc und erhöhte Temperatur, kein Aus- 
flu9S vnb^uiJoa. Ich musste naeh diesem Befund erklären: dass der heutige Befund den 
S<^}xfus5 auf eine tu:^hation der Tbeile durch eine geschlechtliche Brutalität nicht 
rechtfertige, uüd wieder einmal hatte die psycbolo^ache Diagnose uns von vomhereiu 
nicht get&uAchtt Der Angeschuldigte läugnete den ganzen üei^iin^ uud behauptete 
vielmehr, das» ihm das Madcheu in die Beiükleider gefasst, sein Glied heraui*genoniinen 
uud an ihre GeiiilAlipn gehrarht hubel So unwahrscheinlich diese Angabe klang, so 
wurde doch tlmt»ilchlich festgestellt, dass das jetzt erst elfjährige Kind — schon einmal 
fruh«r gerade wegen derselben Unzucht vor dem llicbter gestanden hatte!! Der Fall 
gestaltete sich also eigentlich als ^Nothzucht eines Mannes durch ein elfjähriges Kind/ 

8t. pal], Kothzucht eines Kindes mit 57[>bilitiscber Ansteckung, 
Falsc Anäcbuldigung, 

Der Idj&hrige Tischlergeselle G. sollte die dj&hrige Clara stuprirt und tenerisch 
geateekl haben. Dos Kind war am 9. Mai angeblich syphilitisch erkrankt in die Cba- 
^•«»ile gebracht worden, in welcher die Aeizte, nach dem mir Torgelegten Journal, auch 
nllendings Fei|^wjir;ten und tlache Geschwüre an den Genitalien conslatirt halten. Bei 
meiner Untersuchung acht Tage spater waren letztere bereits f erheilt, aber von cratercn 
lue kupferfotben hinterttliebcnen Flecke m beiden Seiten der grossen Lefeen, welche 
FUcke sich bis zum After erstreckten, noch deutlich siebtbar. Hiernach mussten wir 
«s tfs unzweifelhaft erkllren^ ^dass das Kfud syphilitisch inficirt worden-* Der Ange- 
schuldigte dagfgcn wurde ftllgeroein wie örtlich von mir vollkommen gesund befunden. 
Es waren weder Geschwüre, loch Narben, noch Flecke an Gescblechtstheilen und After 
aoeh Auafltiss, noch verdi\chtige Hautausschl^e am Körper vorhanden. ^Dass 0. be- 
lukuptet, niemals syphilitisch kank gewesen m sein", sagte ich im Gutachten, „ist zwar 
durch meinen Befund nicht als erwiesen zu erachten, da namentlich Tripper oder Feig- 
warien spurlos verschwinden können. Es ist aber auch, vorausgesetzt, dass derselbe 
daran geUiteu habe, nicht zu enteisen, selbst nicht als sehr wahracheinlicb anzunehmen, 
daas er das genanutd Kind angesteckt habe^ Dasselbe sagt aus, dass der Angeschul- 
tilgte es seit etwa dem L April d. J. einigemale auf den Schooss genommen und einen 
Beischiafsversuch mit ihr gemacht babe. Es ist mm aber nicht wahrscheinlich, wenn 
G. fn dieser Zeit, also etwa sechs Wochen vor meiuer Untersuchung, mit Schanker 
ader Pcigwarzen behaftet gewesen wäre, womit er event. das Kind inficirte, dass dann 
I zur Zeit meiner K.xpIorat1on diese Krankheiten so spurlos bei ihm verschwunden sein 
L • oUten^ Anders, wenn die anderweitige Aussage des Kindes begründet sein sollte, dass 
Httr sie .einige Tage vor Weihnachten* unzüchtig berührt hätte. Es würde dann nicht 
tingewuhnlich sein, dass eine damals vorhandene sTpbilitiache Krankheit des 0. am 
17. Hai spurlos verschwunden wäre, da mittlerweile fast 5 Monate verflossen waren. 
Diese Aus«ag« der Clara aber zwingt zu einer andern Erwägung ihrerseits. Weun sie 
dann nämlich schon um Weihnachten von dem G. nuf die ungegebene Weise Inficirt 
worden wäre, dann ist es nicht denkbar, dass sie erst, wie geschehen, um Ostern, d. h, 
nach 'riertehalb Monaten, sollte Schmerzen empfunden, und Flerke in ihrem Hemde be- 
jDerkt haben. Bei diesen incongruirenden Thalumständen muss ich mich dahin erklä- 
ren: dass nach der körperlichen Untersuchung beider Tbeile die erhobene Anschuldigung 
^egen den G. nicht begründet erscheint. Die Clara giebt aber ferner an, und ich muss 
anheim geben , wie weit den Aussageu des kleinen Kindes zu trauen ist, die sich mir 
allerdings als ziemlich aufgeweckt dargestellt hat, dass ein fremder Mann sie „nttch 
Weiburtcbteu* — wie lange danach weiss sie nicht — b ein Haus gelockt, sie rück- 
lings auf «keinen Schooas gesetzt uud Heiscblicbe Uazucht mit ihr getrieben habe. Nähme 



154 



Nothzucht §. 18. Casiiistik. 82. u. öd. Fftlh 



man diese Auslage als watir und nühmo mao ferner an« dass dieser neue VorfaU sehr 
lange nach Weibnacbten , vieJleichi Bcbon spät im Februar oder im Mirz atattgebabt 
habe* dann wäre die tufection des K indes, üh zuerst In, einer ausgeprägten Form« 4ie 
auf Tietwüchentliche Dauer 5ch1ie.ssen lassen konnte^ am 9. Mai ^esehn worden iat, nach 
mediciniacben Krfabnuigslhatsacbeu Icicbt erklärt Wie der Fall jetzt Torliegl, bin )A 
meinerseits aus den angefährteu Gründen weil mebr geneigt, diesen lettten Zusamnftea* 
hang auRunebnien.^ Der Fall wurde bicniach nicbt weiter gerichtlich verfolgt. 



82. bis 87. Fall. Angebliche Teneriscbe Ansteckung als Beweis der 

Notbzucbt. 

82) In der Netijabrsnacbt sollte F. die lojäbrige Marie stuprirt habtOj imd rier 
Tage spüter führte ich die Untersuchung aus. Die Redeweise des M&dcbens hitU 
wieder etwas sehr Auffallendes, und ihre dreiste, sichere Schilde rtmg des Tor^dla 
verdächtig. «Was den Zustand ihrer Genitalien betrifft'', sagte ich, »so ist dia Jd 
femh&utchen eben so unverletzt, und normal erhalten, wie die getammten Oettdile 
theile. Der einzige abnortno Befund besteht in einem ailbergtOBchtngrosften niadtii, 
ungleich gerissenrändrigen Geschwür, dos ganz dach ist, keinen speckigen Omnil M 
und uDgemein leicht blutet Dasselbe befindet ^ich in der Tasche zwischen dem ScblJ 
denbandchen und der untern Spitze der linken kleinen Lefze. Für ein Teneriscbe«» 
mal für ein venorischcs Geschwur toü viertägiger Entstehung kann dasselbe nicht 
achtet werden, da ihm nicht nur die charakteristischen Symptome des sjphililiscfatti 
Geschwürs abgeben^ isondern auch ein jsdches überhaupt gar nicht vtcr Tage nach der 
Ansteckung schon in der hier vorfiruilichen Ausdehnung beobachtet wird. DagegeQ 
kommen Geschwüre, wie dies, nicht gar selten bei Kindern aus der niedern Klasse an 
den Genitalien vor, und verdanken scrofuloser Dyscrasio und der 0nreinliehkeit ihr 
Dasein. Da nun auch kein übriger Befund die Denundation unterstützt, so muss ich meia 
Gutachten dahin abgeben, da.^s aus der ßeschafTenhoit des Körpers, zumal der Oeniim- 
lien der Marie, ein Beweis dafür, dsisa au derselben eine unzüchtige Brutalität ver- 
übt worden, nicht zu entnehmen ist.^ 

83. bis 85. Auch hier sollte Stuprum (zweier Kinder) und venerische InleeCton vor- 
liegen. Ich hatte alle drei Individuen am 28. August zu untersuchen. 

S3> .Marie, 6 Jahre alt. Dos Kind hat am Eingange der Scheide leicht ^vtv 
Ihete Stellen. Das Jungfernhäutchen i>«t erhalten und unverletzt. Von Geschwüiea ttdtr 
Ausflua» aus den Geschlechtnlheilea zeigt sich keine Spur- Wohl aber finden sieb am 
Schaamberg und in den Leistengegenden einzelne hellrothe, nicht umschriebene Fladse, 
dergleichen, so wie auch einzelne mit Schorfen bedeckte kleine Steilen sich auf Kr«iia- 
bein, Hinterbccken und Oberschenkel vorfinden. Nach diesem Befunde ergieU «kb, 
dsss kein einziges Zeicbon vorliegt, dnss zu dem Schlüsse berechligt, das» dies Kiiut 
genothzüchtigt, noch weniger, dass dasselbe syphilitisch inficirl worden scL Die Ge- 
schwüre, welche sich nach den Attesten des Dr. E. und des Wundarztes U 
dieses Monats au den Geschlechtstheüen dieses Kindes vorgefunden haben soUmIi 
als scrofidöse bezeichnet werden, wie sie nicht gar zu selten bei Kindern der 
Volksklasse vorkommen. Es spricht schon dafür der Umstand, daas sie auch auf 
Schaamberg und auf der Rückenfl&che des Körpers beobachtet worden, wovon l 
jetzt Spuren vorhanden, und an welchen Tboileu syphilitische Geschwüre selten i 
niemals vorkommen. Es spricht ferner dafür die rasche Heilung dieser Geschwiii«, 
Ausflüsse in etwa 14 bis 18 Tagen, wie sio dem etc. L. bei frischoD venerischen 
achwüren so wenig, als einem andern Arzte gelungen wäre. 



Xolhzueht. §, lö, Oamiiatik. 84—88. F&Il. 



155 



84) Auguste, ^-* Jalire aU. Dns Kind bt ganz gesund, sdn Ryiuco unverlcüt, 

AubHuss vorb&ndeu, uul nur iio rechte kleine Schaaaüefze imerbeblich geröLhet, 
^uch hier ergiebt »ich sonach, dasa Nichts auf eine f^ef+cheheno Koth^ucbt, noch weui- 
Iger auf eine vor weaigeu Wochea erfolgte und jet2t doch schon spurlos verschwundene 
[tjphilitische Infcction lu 8chlie88«n berechtigt, 

8d) Arrestaßt, 23 Jahre alt, der singeblich die Kinder genothzucbtigt und inficirt 
ftlitii soll« ist Tollkommeu gesund und an seinen Ge^chlecbtslbeiloQ weder ein Symptom 
irgend einer venerischen KranUheitsfunn, noch Spuren einer vor Kurzem erlittenen sy- 
philitischen Ansteckung wahrnehmbar. Mein Gutachten gebe ich sonach dahin ab: dass 
der Thatbestaod einer an den Kindern vornbten Nothzucbt und venerischen Ansteckung 
überhaupt, und namentlich dnrch den Augeschuldigten, durch den Untersuchungsbefund 
Ml den drei Individunn nicht constirt,' 

S6) Ganz iibnlich war der folgende Fall, wo wieder ein den Angeschuldigten mit 
Unrecht gravirendes Zeugniss eines gertchüicheu Wundarates raeiner Untersuchung (vom 
25» Decembcr) voranging. Es hiess ira Bericht: ^üie 12 s jährige Caroline ist voll- 
k Onanien gesund. An ihren Geschlechtstheilen ist we<ler ein Schleimausflnss, noch 
BODst olwaa Abnormes zu bemerken« Namentlich ist das Hymen unzerstort und voll- 
kommen normal, und rauss ich Alles, was der Wandarzt W. in seinem Atteste vom 27. 
November er. in Betreff der Dehnbarkeit desselben anfuhrt, in Abrede stellen. Eben 
so ist 06 irrthümlicb, wenn derselbe von einer kleinen Feigwarze am After des Kindes 
»prieht, und daraus auf einen früher nothwendig vorhanden gewesenen Tripper zurück- 
schliesal, da das dafür gehaltene» linseugrosse Knötchen am Eingang des Afters nichts 
Anderes ist, als ein kleines, verödetes llamorrhoidalknötchen* 

87) Was den Arrestaten N. botrifftf so ist auch dieser hinsichtlich seiner Qc- 
schlechtstheile ganz gesund. Ich muss es dahin gestellt sein lassen^ ob derselbe am 
27. V. il^, nach Ausweis des Attestes des Chinirgns W., noch am ^„Nacbtripper**** ge* 
litten habe* Gewiss aber ist, wie meine sorgfältige Untersuchung sowohl der Harn- 
rohr«, wie der Wäsche am vorgestrigen Tage gezeigt hat, dass er jetzt keine Spur 
lon Scideimfluss aus der Harnröhre (Tripper) hat. Eben so gewiss ist es, dass es ein 
Irrthum des etc. W. ist, wenn derselbe behauptet, dass das Vorhautbuudchen (Frenu- 
luro) bei dem N. in Folge Schankers zerstört sei, da ganz nachweisbar dies Bändchen 
▼ollkonuncn erhalten und vorhanden ist Endlich kann ich auch nicht mit dem etc. W. 
annehmen, dass N. elno Narbe von einem vormaligen Schankergesehwür an seiner EicheU 
kröne habe. Di© von ihm dafür gehaltene Stelie ist vielmehr nichts Anderes, als eine 
sehr häufig vorkommende furcheoartige Hache Vertiefung in den Falten der Vorhaut, 
die aber der charakteristischen Kennzeichen der venerischen Narben entbehrt, nament- 
Heb nicht irgend erheblich vertieft und scharf begrenzt, und noch viel weniger von 
kupforrother Färbung ist. Aus meinen Untersuchungen folgt demnach i 1) dass an dem 
Körper der Caroline sich Zeichen einer erlittcnou Nothzucht oder venerischen An- 
steckung nicht vorfinden; 2) dass gegenwärtig der Arrcstat N- nicht syphilitisch er- 
krankt und nicht nachzuweisen isK dass derselbe es früher gewesen sei.* 



M. F^]. Üewohnheitsmässige unzüchtige Berührungen der Geschlechts- 

tbeüe. Onanie. * 

Der nachstehende Fall ist recht wichtig für die durch Onanie bedingten Veräa- 
demngen. Di6 jetzige PtlegemuUer des Kindes hatte denuncirt gegen den früheren 
P^egevoier. Sie halte nämlich bemerkt, da^s das Mädchen stark onanire und dasselbe 
hatte ihr angegeben, dass sie sich das angewöhnt habe, weil ihr voriger Pflegevater 
durch 8 Monate hindurcii ihr an den GeschlecbtstbeiJen gespielt habei was ihr Vergnn- 



156 



KothzTichL §. 18. Ciisuiiitik. 89—91. Fall. 



gen gemacbty auch sie babe ihm an den GescblecbtstbeileQ gespielt. Er habe segtB m 
stets nur die Finger gebraucht Schmerzen babe sie niemals empfundeu, Das SjlliHs» 
Kind ist blühenden Aussehens, lebhaft, intelligent und erregt. Die GcniUüien regel* 
in&ssig gebildet, nicht wölk noch acblaff. Die Vorbaut gross, ebenso die Clitori« ttod 
hat hier die Schleimhaut ihren Qlan^ und ihre Feuchtigkeit verloren, ate gleieht in 
Farbe und Aussehen der Epidermis, Die Vaginalüffinung nicht erweitert, aber gerdtliel, 
auch die üarurührenöffnung ist gereizt Ein schwacher gnmgelblicfaer. nicht con* 
sistenkr Ausfluss aus der Vagina ist vorbanden. Das häutige Jungfemhäutchea 
halbmondfijrmig. unverletzt und auch nicht mit Randeinrissen versehen. Hiemach i 
ich begutachten: dass wiederholte und gowohnheitsmässige Berobnmgen und BAtnuigw 
der Gcschlochtstlieilo des Kindes stattgefunden haben, dasa ein fremder harttr K«rp«r 
in die GeschlechtstheiJo bis über die nymenufnung hinaus, nicht eingedrungen sei. E^ 
ist mir nicht bekannt geworden, dass der Sache weiterer Fortgang gegeben worden 

69. FalL Erhaltenes, nur eingerissenes Hymen mit Schwangersehaft 

Bin tOjähnges M&dcben hatte sich erh&ngt und Kratzwundea am Halse waren 
Veranlassung zur gerichtlichen Obducüon geworden. Von dieser erwihne idh Bor dti 
Bierhergehorige. Das Hymen war vollständig erbalten. Es war gerade so g 
gefomat wie eine gewahnliche Mandel in der Schaale und kreisförmig nicht seminu 
Sein unterer Rand, aber nur dieser, war eingerissen und zeigte kleine Wärichen (C 
runkelii). Der ganze übrige Tbeil war vollkommen wohl erhalten, wovon sich alle im- 
sere umstehenden Zuhörer überzeugten, und die Oeffuung gross genug, um wenigsttoi 
tbeilwcis Immission tn gestatten. Der Scheideneingaug war etwas weiter als gewalmlkli 
im jungfräulichen Zustande, das Freoutum unverletzt Der bis zum Nabel reichttide 
Uterus cuthielt eine weibliche Frucht von 15 Zoll Länge, welche noch verscbloaten« 
Augenlider, sehr klaffende Lefxeu, kaum angedeutete Fingernägel, aber schon demlki 
feste Nasen- und Ohrknorpel hatte, 

90. Fail. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Dieser emporende Fall kam im November 18'}* Tor, und betraf — ein gioa blöd* 

sinniges, vierundzwanzigj ähriges Mädchen. Sie war von zwei Männern, von dem EiiMfi 
im Liegen, und gleich darauf von dem Andern, w&hrend Ersterer sie hielt, im Slelien 
gemissbraucht worden f Die nach Wochen angestellte Untersuchung konnte nicbtj^ er- 
geben, denn das Midchen hatte schon (vor zwei Jahren) geboren, und zwar — geedii 
gert von einem Arzt«, der sie vorher mit einem Speculum untersucht gebäht hj 



91. Tall. Nothzucht einer Erwachsenen im willenlosen und bewusst- 
losen Zustande derselben. 

Amalie, 2^ Jahre alt, litt seit fünf Jahren an epileptisch-hysteriseheQ Kriof 
die jedesmal mit Erbrechen anfangen, und denen dann ein Zustand von Bewasst1o«ig<r 
keit folgt, der von Einer bis sechs* sieben Stunden dauert. Wenn man ihr darin tloto 
Ann oder Bein hochhebt, so fallt das Glied mechanisch wieder nieder. Bei Anrufen 
ihres Namens ist es vorgekommen, dass sie znsammenschreckte. Am 2. August Abcsuji 
hatte sie in der Knche Erbrechen bekommen und da sie Vorboten des eintrelesulen 
Krampfs sparte, sich in dag nahe Zimmer auf ein Sopha gelegt Hier fand sie bei 
ner Rückkehr ins Haus iler Aibcitsmann A«, der diese Krampfzust&nde bei ilkf 
und nachdem er sie zuerst mit dem Strohhalm an die Nase gekitzelt und» da «tiei 1 



Nothnicht, §. 18. Casuisük, 92, Fall 



157 



^lUftetifm veranlasste, mit emer brennenden Lampe ihr unter die Nase gefahren war, 

I (woYon icb noch spater den kleinen ßrandschorf fand), er sieh hiemach von ihrer g4nx- 

tlicbea BewuKstlodgkeit überzeug hatte, trug er sie vom Sopha auf einen Stuhl, und 

^valUog hier, Angesichts eines Kameraden, der in der anstosi^enden Kammer zuaah^ den 

iBdaclilaf! Nach dem baldigen Erwachen spürte das Mädchen Schmerzen und Nässe an 

Idea Genitalien und sah den A. noch mit offnen Beinkleidern YOr sich atehn, so dass 

^bd ihr kein Zweifel darüber war, dass sie gemissbraucbt worden. A. laugnete in der 

Untersuchung keinoswegs den Beischlaf» wohl aber die Bewusstlosigkeit, und behauptete, 

tiasa sich das Machen willfilhrig gezeigt habe. Ich habe sie aus diesem Grunde gc- 

achkchtlicb gar uicUt zu untersuchen, sondern nur über den Krankheitszustand, mit 

..Rücksicht auf $. 144, ad 2. des S traf ge setz bachs, der sich auf solche ZuäULnde beziehii 

ymkh zu äussern gehabt. In der Audienzverhaudlimg ergab es sich nun aller*lings, 

|dass Amaiie schon mehrfach mit Männern cohabitirt hatte, es wurde aber auch Ton 

' mehrerem Zeugen nicht nur das Bestehen von nicht simulirten Krämpfen, sondern auch 

durch jenen Augenzeugen beim angeschuldigten Vorfall da» Bestehen des bewussUostn 

Eoitaniiea zur Zeit des fraglichen Beischlafs festgestellt. Es wurde hiernach vom Schwur- 

of auf eine dreijährige Zuchthausstrafe gegen A. erkannt 



9%. Fa.U. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Am Sonntag den . . . 1343 waren vief Männer in ein Haus gedrungen, in wel- 
sie die einzige Dienstmagd allein im Hauae wufisten. Beim Klingeln öffnete ih- 
IHen dieselbe die Thür, sie stiessen Bie sofort bei Seite, misshandelten sie durch Schläge 
auf den Kopf und Niederreissen auf den steinernen Fussbodeu. Während nun zwei der 
Biuber die Schränke erbrachen, wurden ihr von den Andern die Hände gebunden, die 
Ktdduogd^tücke über den Kopf gescIi lagen, und Einer befriedigte seine Wollast an ihr. 
Der Andre Hess der noch angeblich betftuht da Li«!genden seinen Kotb ins Gesicht, und 
^der Zweite dtopfte ihr ein in den Koth getauchtes Papier und eine damit besudelte 
Aderlasftbinde, die sie von eiuem erst an dem Abend gemachten Aderlasse noch am 
Arm hatte, in den Mund!! Sie will zwar nicht eine Saamenergiessung , wohl aber die 
nJfSQiissio pcnis des Räubers gefühlt haben. Ein Arzt, der sie unmittelbar nach der un- 
orten Xhat gesehen, hatte bescheinigt, dass er Kinn und Brust noch mit Menschen- 
kath beschmutzt gefunden habe. Die Frevelthat erregte solchem Aufsebn, dass tu der 
(Stadt eine öffentliche Collecte für das Mädchen gemacht wurde. Vier Tage später hatte 
ieh die Oemis^bandelte zu untersuchen. Abgeaehn von einer allgemeinen schweren De- 
|pr«0aioD des ganzen Nervensystems und angeblichen Krämpfen, die ich jedoch nicht 
tben habe» fand ich die linke Backe leicht geseh wollen und in ihrer Mitte einen 
Ifrischen ^ Zoll langen Nadelritz. Sie wollte von den Räubern an den Haaren gezerrt 
|vorden sein und die Dienstfrau legte einen ansehnlichen Bausch Haare vor, welche ge- 
rn mit dem Kopfhaare der Krauken übereiustimroten , und die am andern Morgen 
iurch blosses Kämmen abgegangen sein sollten; es fanden sich auch haarentblosste 
Ißteilen an der rechten Seite des Kopfes. Ferner sollten die Räuber Haare au ihren 
|8chaaffltbei]en ausgerissen haben und bei genauer Vergleichung des Haarwuchses an 
eiden grossen Lefzen fand ich auch allerdings eine dünner bewachsene Stelle an der 
en. An der inuern Seite des rechten Oberschenkels dicht am Eingange in die 
de zeigte sich eine etwas dunklere Hautstelle, angeblich emptindlich beim Druck, 
am als wenn ein starker Druck mit den Fingern, um die Schenke] von einander 
entfernen, hier eingewirkt hätte. Die Vagina selbst war unverletzt, dos Scheiden- 
hen erhalten, das Hymen aber fehlend. ^Ich stehe indess nicht an, trotz der Be- 
theuerung der Z.» d^8 sie nie früher den Beischlaf tollzogen habe, bestimmt zu be- 



158 Nothxiicht. §. 18. Casuistik. 93. u, 94. Fall, 

hatipten, dass diese Zerstörung des Hymeu nicht von einer, erst vor Ti^rtnitl 241 
den erfolgten Entjungferuug herrühre, da alle Spuren einer «o fristehen« geir»lb 
Defloration, Quetschung, Entzündimg, Blutung^ Ausflass u. 9. w. hier ganjc und gtr feh- 
len und die Canmkeln des Hymen fest nnd ganz nnempfindllcb »ind. Hierzu koakait 
dass die 2. einräumte, Schmenc weder beim Geben, noch beim ITriniren iwler KothÜMMn 
empfunden zu haben, was gleichfaJls gegen eine gewaltsame, erst vor wenigen Tagen 
erfolgte Defloration gpricht.** Im Ilemde war die Spur einer Blutung von einer Zer- 
reissung des Hymen ebenfaltt nicht wahrzunehmen und ein verdächtiger Pleek un Hin* 
lertbeil desselben zeigfte wohl Schleimzellen, aber keine Saamenfädchen» Ich erkllrtt 
hiernach mit Bestimmtheit: dass an der Z. Spuren einer kürzlich (\or ner Tagen) 
Statt gehabten Entjungferung oder eines kümlicb vollzogenen gewaltsamen Beisohtafft 
nicht vorhanden seien, dass die Z. vielmehr schon vor längerer Zeit deflorirt wor 
sei. Der Verlauf der sehr langen üntersuehnng bat die vollkommene Richtigkeit 
Ausspruchs ergeben, indem durch Zeugnisse aus ihrer Eeimath festgestellt wurde, 
die Z. vor drei Jcihren dort schon einmal abortirt hatte ^ so dass sie sogar später 
l>estraft wurde» weil sie ^«gen mein Gutachten eidlich bekundet hatte » noch nie fruWF 
steh Beischlicb vermischt gehabt zu haben. — Die ürhol)er des unerhörten Freveb vur- 
den mit zwanzig Jahren Zuchthaus bestraft. 

93. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. 

Einer von den vielen uns vorgekommenen FiUlen, in denen sich Aerxte über 
Existente des Hymen geirrt hatten. Ich hatte die Untoräuchung erst zehn MonaU 
nach der That auszufuhren. Die ^Ojährige H. behauptete, am 3* April von dem Ange- 
schuldigten niedergeworfen und stuprlrt worden zu sein, nachdem derselbe aie tebon 
früher durch Kaffee, den sie verdächtigt, für sieh zu stimmen verficht (LiebüMliln!) 
und namentlich am Abend der That sie durch iu seinem Zimmer abgebrannLee SetÜM»* 
pulver betäubt gemacht habe. Sie wollte in Folge dieser Behandlung kränklich gcwor- 
den und geblieben sein. Der Dr. X.^ der sie bald noch der That untersucht, hatte etnei 
»Einriss in das Hymen, Blutuntcrtaufung in den Wasserlefzen und schmenhaftc/bhi- 
tend© Scheide" gefunden. Der — Roth Dr, Y*, der seine Untersuchung Anfangs Joli 
vornahm, fand, »dass das Hymen fehle und das» sie am weissen FIum litt, b^ek^ 
snchtig, schwächlich und elend* sei. ^Körperlich geschwächt fand sie endlich autti 
Dr. Z. im October. Ich meinerseits fand sie im folgenden Februar, gesund und 
bend, ohne Spur von Bleichsucht, ja, wovon ich mich überzeugte, sehr 9i9ffk matiairui- 
rend , so dass ich deshalb die Exploration aufschieben mus.ste. Das haIbnioiidföfiir%e 
Hymen war vollkommen erhalten und zeigte nur links einen fest vernarbten I^Brli^ 
was die erste ärzüiche Untersuchung bestätigte. Es ergab sich als wicbUg für die 
Sachlage, dass die II, eine geistig ungewöhnlich beschränkte Person war. Mit 
auf imsem und den Befund auf frische That urtheilten wir, das« die nicht entjitti^fir* 
ien Geschlechtstheile vor längerer Zeit mit einem harten Körper, wahrscheinUcli tttum 
erigirten männlichen Gliede, In gewaltsame Berührung gekommen seien. 



M. FaU. Nothzucht einer Erwachsenen« 

Einer der lehrreichsten Fälle aus der ganzen Reihe meiner Deobachtungeti, 
ein kräftiges, erwachsenes^ gesundes Frauenzimmer betraf, die von einem einzeliMB 1 
angeblich voMständipr gewaltsam »tuprirt sein wollle, und wot^i' ich länger »chi 
bevor ich mich iu meinem Urtheil entschied. Am U\, Januar hatte L. die f«nfun 
d^^ähHge F. im Dunkeln nach dem Thieiiganen gelookt, und nachdem er erat b«i i 



Etudit §. 18. Casuistä. 95. u. 96. Fall. 



J59 



Striaben ver^blirh versucht hatte, sie an einem Banrae zu m issbrauchen, sie um den 
Leib gepackt^ tut Erde geworfen und nun, da sie angeblich ihrer Widerstandskraft 
beraubt war, ihr die Böcke über den Kopf geschlagen und sie genothzächtigt Neun 
Ta^e darauf hatte ich die F. zu exptoriren. Sie hatte ein schüchterneä} anscheinend 
jungfränliches Wesen und war ohne Verstellung Hef ergriffen tou dem, was ihr wider- 
fahren. Der Eingang in die Scheide war noch jetzt gerötbct, bei der Boriihrung und 
Erweiterung schmerzhaft, das Hymen ganz zerrissen und bochrothej^ noch leicht ge- 
scbwoUene Carunkein sichtbar. Das Scbaamb&ndchen war erbalteüi nn aufgefordert 
aber und nur nach allgemein gehaltenen Fragen über ihr körperliches und gei.stiged 
Befinden äusserte sie, dass sie vor mehrem Tagen mehr noch üh jetzt, nur mit einiger 
Besehwerde habe gehn und Urin und Eotb lassen können- Alles bier in Betracht kom- 
mende sorgf&ltig erwagend, entschied ich mich für das Gutachten: dass an der F. eine 
Nothzudit consumirt worden. In der offeutüchen Audienz kamen nun noch Momente 
ftir Sprache, die mich dieses Ürtheil nur noch zu bestätigen veranlassten* Die Polizei- 
besamteUf welche auf das Geschrei der F. herbeigeeilt waren, bestätigten, dass der 
Boden an der Stelle, an welcher das Mädchen niedt»rge würfen worden, hart gefroren 
war, und sie deponirten, dass L. noch bei der Verhaftung und nach Stillung seiner 
Begierde sieb in einem Zustande von wirklicher Satjriasis befunden habe. Man 
wird das Interesse dieses wichtigen Falles nicht verkennen, in welchem also ein junges, 
gestmdes, kräftiges Frauenzimmer allerdings von einem einzelnen Manne vollständig 
stuprirt worden. L. wurde zu Tier Jahren Zuchtbaus venirtbeilt. 

j 95, Fall. Angebliche Nothzucht einer Erwachsenen* 

^^^Hpn nacbätehenden Fall, welcher an sieh nichts Aussergowohnliches enthält, theile 
^^H^mr Belebrung halber mit, weil bier jedes bestimmte Gutachten durch die voraufge- 
^H^?^9 äntliche unbedachte Untersuchung vereitelt wurde, was, wie schon oben be- 
merkt» leider öfter der Fall ist Die 22jährige Clara war am IL angeblich vom 
Scbmiedegesellen S. überfallen, niedergeworfen und genoth züchtigt worden, Sie zeigte 
sich als ein stumpfsinniges Subject. Am 13* ejusd. hatte sie Dr. B. untersucht und 
Roth« und Eropfindlichkeit an der Schleimhaut der grossen und kleinen Lefzen, Schleim- 
fluss, und <ien Ring der Scheidenklappe unverletzt, aber so schlecht gefunden, dass er 
dem eindringenden Finger (I!) keinen starken Widerstand entgegen setzte. Wir 
fanden am 21. ejusd. an der unteren Commiasur die Schleimhaut noch geröth et, scbraerz- 
liaft bei Berührung, das Hymen kreisfönnig und rechter Seits einen kieioen, noch fri- 
ieiien Etnriis, und massige Blennorrhüe der Seheide. Wir urtbeilteu, das8 der Gesammt- 
tofnnd beweise, dass vor Kurzem ein Beischlafs versuch Statt gefunden habe, oder we- 
itens eine Insultation durch einen fremden, harten Körper, Finger oder erigirtes 
hes Glied, dass zwar die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, dass Dr. U, bei 
|i*fjDt«r9aclififig die Verletzung herbeigeführt habe, dass aber der übrige Befund 
tb fjamer fnr anderweitige Entstehung spreche. 



M. FaJI. Nothzucbt einer Erwacbsenen mit Schwängerung. 

it nnvei ehelichte 19jährige, sehr gut beleumundete Christiane deponirte: 
Itede Februar dieses Jahres brachte der bald seit 2 Jahren auf dem Hofe des Ilau- 
8«s wohnende angeschuldigte B. eine» Vormittags, alö meine Mutter gerade mit der 
Fr«a des B. zum Markte gegangen und mein Vater auf Arbeit war, den Waschkeller' 
iehlösset, der stets nach vollendeter Wäsche von den einzelnen Miethem bei uns ab- 
l^egebea werden muss, weil mein Vater in unserem Hause zugleich die Stelle eines 



160 



Notfazucbt. §. 18. C&satitilc. 96. Fall. 



Portiers Tersieht, zu mir in die kleinere Stube. Er bat (Ub^i seinen Weg toq 
durch die grossere Stube gew^ahlt, und wollte ich, al« er dea Schlüssel an mich, ilk Idi 
gaux allein in on^erer Wohnung war^ abgegeben und sich wieder in die grossere Stube 
entfernt hatte, den Ausgang dieser letzteren Stube verriegeln , was leb bis dahin an« 
Vergesslichkeit unterlassen hatte. Ich traf, als ich dem ß. aus der kleineren in die 
grössere Stube folgte, ihn uoeh unfern der Verliiiidnn^thnr zwischen beiden Stuben 
stehen^ leii ging auf ihn zu in der Entartung, dasg er «»ich entfernen würde, iim daaa 
die Thür hinter ihm gu vei*riegela. Er machte inilessen keine Anstalt fortrogehen, fas«te 
mich vielmehr, als ich bis zu ihm herangekommen war, ohne Weiteres und ohne Etwa» 
tu mir ÄU äussern» namentlich ohne eine Frage, die seinen Wunsch ausgedrückt hatie, 
mit mir den Berst^hlaf zu vollziehen^ au mich zu richten, mit beiden Armen um die Taük 
und drückte mich fest an sich. Auf mein lautes Schreien, dass er mich ?.ufrieden lasten 
solle, drückte er mich nur noch fesler an ^ich, so dass mir die Luft verging, und itk 
nicht weiter schreien konnte. Dann warf er mich, während er mich noch fett umlaait 
hielt, mit solcher Heftigkeit zur Erde, dass mein Ilinterkopf auf die Dielen sclilttg imd 
ich einen ziemlich heftigen Schmerz am Kopfe davon trug. Er nahm sodann tt 
einen Arm von meiner Taille fort, wahrend er mit dem anderen mich nocli mit 
Kraft an sich drückte. Ich versuchte zwar, ihn, während er auf mir lag, doreh Ge 
stemmen meiner beiden Hände gcgeu seine Bmst und sein Gesiebt von mir 
ren, war dies aber nicht im Stande. B. hob mir darauf mit seiner freien Hand 
sämmtikhen Kleider so weit in die Höhe, dass meine Geschlechtstbeile vollständi| 
blösst wurden* Ich fühlte dann, wie etwas in meine Geschlechtstheüe eindranf 
hatte hiervon die heftigsten Schmerzen. Dies hielt einige Minuten an, wo kb daaik 
fühlte, dass meine Geschlechtstheüe wieder frei und nass wurden, wonächst B. von Oiir 
aufstand* leb habe auch deutlich geföhU, dass das in meinen Gescblechtstbcü Eiiife* 
drungene in demselben hin und hergescfaoben wurde. Während B- dies mit mir v^* 
nahm, war ich der Ohnmacht nahe, wegen seines heftigen Druckes kaum zu atbmeii fi- 
big und ausser Stande, mich seiner kräftig zu erwehren, obgleich ich den Venuch daiu 
machte. Nachdem sieb B< von mir erhoben, verliess er die Stabe durefa den hinUrm 
Eingang und riegelte ich diesen, na<:^hdem auch ich micb erhoben, hinter ihm id>« Eifan 
Hinwerfen war ich so gefallen, dass ich auf dem Rücken lag. Meine Beine waren da- 
bei in eine etwas gekrümmte Lage geratben und fichlossen auch nicht dicht aneinander, 
ß* biell mit seineu Beinen, indem er diese fest auf meine eigenen Beine druckt« und 
dadurch bewirkte, dass die letjtteren gerade gestreckt wurden, meine Beine so fest, 4mi 
ich diese nicht bewegen konnte und durch den gleichzeitigen Druck seines Annea «n 
meine Taille am Boden festgehalten wurde. In dieser Lage nahm er dann dni elMB 
Aligegebene vor. 

Es ist tinwabr, dass ich mich nach dem Hinwerfen auf die Seite gelegt 
Schenke) fest an einander gedrückt habe. Es war mir dies, wie gedacbi. 

Ans Schaam über das, was mir passirt, batte ich nicht den Mutb, meinen Rltnn 
über die Handlungsweise des B. Mittheilung zu machen. 

Als sich bei mir dann die Regeln nicht zu der richtigen Zeit einstellten, | 
ich zunä<^ht mir ang:eratbene Hausmittel, ^urde aber schliesslich, als auch noch !■ 
nat Juli die Regeln au^sblieben, von meiner Mutter tu dem Dr. E. geschickt. Dei 
verordnete mir KamUleDbäder, die indessen nicht anschlugen. 

Ich habe auch zn tUcser Zeit, obgleich es mir tmxweifelhaft imr, daoi % i^ 
den Beiscbtaf vollzogen, noch nicht die ßesorgniss gehabt, dvm f^^l» #elr<Pin0|| 
kiVnoe, weil ich keine Abnung davon bntt«>, dass eine ScbwangeT ich »in* 

maligem Beischlaf eintrete, Ich habe deshalb auch bis dahin we ^em i 

auch dem Dr. R, von dem fragUcben YorEsUe etwas mitgetbeitt. Erst tU idi in ICj 



imzucht. 



96, PaU. 



161 



d, MU. nach erfoTglo^m Gebrauch tier KftinilleTilmder tn flotn Dr. G. giogi eröffnete 
mir dieser, nachdem er mich uoiersucht, dass kb schwanger seL Du ich dioä nicht 
^Qbte» wandte ich mich am 18. d. }AU* nochmals aa den Dr. R., welcher bestltigie, 
dass ich in andern Umständen sei* Ich habe mich dann um Abend dcstielben Tages 
endlich« nachdem ich aus VerzweiflunjOj und Schaam bis zum Abend umliergeirri war, 
meinen Eltern entdeckt. 

Ich kann nut gutem Gewissen angebcni dass ich niemals mit Mftunem fleischlichen 
Umgang gehabt und da$9 nie Jemand mit mir ausser B. bei der gedachten Gelegenheit 
den Eeiacblaf vollzogen hat 

Ich habe auch dem B. niemals au der Annahme durch mein Benehmen Veran- 
l^s'^^i^ gegeben, da^ff ich mich ihm gutwillig Preis geben wurde Er hat amb, wie 
schon gedacht, Tor dem fi*aglichen Vorfalle keine Aeu»sierung tu mir gethau« dm^ er 
LttsI habe, mir flel«ichlioh beizuwohnen» sondern er hat mich gewaltsam xnr Erde ge- 
worfen und ohne dass ich es verhindern konnte, tlen Beischlaf mit mir vorgenommen. 

Ich kann nur durch die.<;en Beischbf schwanger geworden äein. 

Richtig ijit» da.^s einige Zeit vorher B. einmal in einem Keller, wo das Waachge* 
Als aufbewahrt wird, uls ich von dort eines Vormittags Lumpen holen wolltCi mich um 
die Taille nnd auch au die Brüste gefasüt hat Ich habe dies aber nicht gutwillig ge- 
duldet sondern habe mich von ihm losgerissen und den Keller verlassen. 

leb bemerke noch, dass in einem neben uns belegenen Keller noch Leute wohnen, 
die aber zur Zeit des fraglichen Vorfalles nicht zn Uause waren, und ist es daher ge- 
Itomisen, dass mein anfängliches lautes Schreien von Niemand gehört worden ist 

Der Angeschuldigte behauptet, dass er nur einen nicht ernstlich abgewehrten Bei- 
schlafs versuch unternommen habe, dass weder eine Immisslo penis, noch eine Ejaculatio 
»emini^ Statt gefuntjen habe. Er ^tbst aber küune der Christiane nur das Zeugoiss 
eines ordentlichen nnd sittsamen Mädchens geben. 

Meine Ende August vorgenommene Untersuchung ergab: die 19jährige Explorata 
tnaeht mir dieselben Angaben, welche bereits oben vericeichnet sind, über die Vorkomm- 
oitse, welche bei ihrer Entjungferting stattgefunden haben sollen und ist ihre ganze 
dtbilderang und ihr Benehmen bei der Erzählung der Vorkomrooisse ein solches, das« 
es mir den Eindruck iunerer Wahrheil machte. Dieselbe bat regelmässig gebildete Ge* 
schlechtÄthoile, das Jungfernbäulchen, welches kreisftjrmig ist und eine grosse Cenlral- 
öAtmig hat, so dass ein männlicher Finger» ohne dasselbe zu Äerstöreu, eindringen 
kano, hat nichtsdestoweniger rechts und unten einen durch die gan/o Dicke dei Mcm* 
brau ^ich erstreckenden Einriss, mm Beweise, dass ein dickerer barter Körper als ein 
minnlicher Finger über die Hymenalöffiiuug hinaus in die Geschlechtslheile eingedniu- 
gen 1*1. Die Warzenhöfe sind stark gebräunt, die Papillen im Warzenbofe enl wickelt, 
Olofitrum befindet sich in den Brüsten. Die GebärmuHer ist bis eine Hand breit unter 
d«o Kabel hin im Bauche zu fühlen. Der Gebärmutterhals ist verkürzt, schlaff, seine 
Oefnung mndUcb, bei Druck gegen das Scheidengewülbe fühlt man einen harten run^ 
den Körper auf dem Finger tanzen, rechts unten in der Unterbaucbgcgend hört man 
dsu foulen Herzschlag, Hiernach befindet sieh die Christiane in der zweiten Hälfte der 
8ebwanger«chaft. 

Es widersprechen die Befunde, namentlich auch die psychologischen meinerseits 
ginachtsn Erhebungen nicht der Annahme^ dass die Explorala bis zu dem fiagitcheu 
Vorfiille noch Jungfer gewesen sei, sie weiss nicht, was eigentlich die Entjungferung 
s«i und erscheinen ihre Angaben, daj^s sie 3(. ß. nicht «isse, ob sie Wollustgefühte bei 
dam fraglieben Bei^ichlaf gehabt habe, wt;ii sie eiuerseÜÄ vor Schmerz, andererseits vor 
Beslorcung imd Furchl benommen gewesen sei, nicht allein glaublich, sondern bestätl- 
fen auch ihre ünkenntniss der geschlechtlichen Vorgänge. 



162 



GBcbt. §. 18, CasuisUk. 97. FiOI. 



Wenn nun im Allgemeinen auch nicht anzuaebmeti, daas ein bewussles erwa^b»«- 
nes Frauenzimmer Yon einem Manne allein, fvider ihren Willen, überwältigt, tmd zur 
Duldung des Beischlafs p^enothigt werden könne, m sind doch andererseits auch Flllc 
vom Gegentbeil Yorgc kommen, und mt hierbei Kraft und geschlechtlicher /Srdor *uf dff 
einen Seite, Beätiir7.ung^, Furcht, Schreck, welche lähmend auf die Körperkriifte wtrk«o, 
auf der andern Seite zu berücksichtigen, um im coucreten Falle tu entscheiden, <^ 
dieser Manu dieses Frauenzimmer habe bewältigen können, um unter den ang^f^i*)»»- 
nen Bedingungen das gegenseitige Kraftemaass abtume^en. Die ExploiBta (st ein for 
ein 19 Jahre altes, zwar entwickeltes, aber nicht sehr kräftiges M&dcbeo, wilirenil dtr 
Angeschuldigte ein stiemlif-h grosser kräftiger Mann ist. 

Dass übrigen» Schwäogerung nach Nothzucht und bei jeder Lage, sowie beiii Mlft- 
gel an WoUustgefuhl auf Seiten der Stuprirten Torkommt, ist durch medicinbcba Br* 
fahrung bestätigt, da es nur zur Schwängerung nothfg ist, dass männlicher Samme in 
die weibliche Scheide eingespritzt werde und einem befruchtungsföhigen Eichen in dm 
Gebärmutter begegne, welche Möglichkeit um so grösser ist, wenn ein der^Ieicbeu Vor- 
kommniss bald nach der monatlichea Reiuigung, welche ein die Losstossung d«* 1 
begleitendes Phänomen ist, stattiSudet. Nach den Angaben der Exploral4 hat 
am 19. Februar d. J. ihre Regeln bekommen und wäre daa fragliche Attentat cm Sl 
oder 27: Februar (einem Markttage, Mittwoch oder Soonabend) geschehen. 

Hiernach gebe ich mein amtseidlicbes Gutachten duhin ab: 1) dass Exptonta cst- 
jungfert ist, 2) dass dieselbe schwanger ist, 3} dass keine Bedenken ärztlicherseits ilir 
Annahme entgegenstehen, dass die Entjungferung den Umständen des Falles aaeh lll 
mit Gewalt und gegen die Einwilligung der Eiploratn vollführt sei. 

Die GeschworneQ bejahten die Schuldfrage, und wurde der Angeschuldigte zu mehr- 
jähriger Zuchthausstrafe Yerurthetit. 



07. Fall. Nothzucht einer Erwachsenen. Schwäagerung. 

Auch der nachstehende Fall gehört tu den interessantesten, weil er die Hof« 
lichkeit der NothzüchÜgung einer liewussten tmd erwachsenen Person durch einen eta- 
telnen Mann erwei^it. Die unverehelichte Auguste bekundet: Bei dem Angeaebuliliftis 
bin ich einige Monate mit Nähen beschäftigt worden. Am 10. Mai er. Terliesa ieb 
Bescbäftiguüg , weil derselbe grob gegen mich gewesen war. Am IL Mai c, 
um 6 IFhr fand sich Angeschuldigter in meiner Wohnung ein und ersuchte mieli, 
Jaquet bis nächsten Abend zu fertigen. Ich übernahm die Anfertigong und der Aage* 
schuldigte breitete das mitgebrachte ^eug auf dem Tische aus. Während ich ietalena 
besah und dem Angeschuldigten den Rücken zugewendet hatte, ergriff dieser mich plota^ 
lieh von hinten an beiden Oberarmen und warf mich rücklings auf mein am FotsMan 
bereitetes Bettlager, wobei Angeschuldigter selbst der Länge nach, mir das Geadit 
gewendet, auf mich fiel Demnächst erhob sich L etwas von mir, lietfs meinen 
Arm los und versuchte mit demselben mir die Röcke in dio Itohe £u heben. I<|| 
den L sogleich mit der Hand vor die Brust, vermochte auch demnach«! mkh Ma^^ 
einer sitzenden Stellung auf/unchten L. drückte mich indew wieder auf daM BetI 
der, zog mir das an der Wand liegende Deckbett über das Geeicht, bo daa» ich 
schreien konnte, hob mir Tom Rock und Ilemde hoch, machte mit seinen &tiieii ilii 
meinigen auseinander und steckte mir sein steifes männliches Glied in die Qtiehifto' 
theile, in welchen er dasselbe auf und ab bewogte, was mir sehr wehe that. Sr Ikit 
erst von mir, nachdem der Saamenerguss in meine Geschlechtstheile erf^gl v«f:. Dv 
L. ist die einzige Person, die mit mir geschlechtlich In Berohrang geweeeiL 

Der Angeschuldigte, Schneidermeister L., 36 Jahre alt» giebt lu, daü er «n IL 



Noth^ur'ht. §. 18. Casuisölc. 97. Fall. 



163 



f'Mat PT, t!i> Aufliste ^p«i!hlcchtlicb gcbranclit haUe, doch sei dabei yon ihm nicht die 
K«ring»t^ Gewalt angewendet vrordon* vielmehr habe sich dieselbe, uachdem er ihr einen 
üfsn PÄlIetot yer3|) rochen, freiwillig preisgeg^ebeu. 

Die lUjährif^e Auguste ist regelmässig gebaut, aber ein etwaa bleich. süchtig aus* 
sehende«!« nicht kräftig zu Dounondes ^l^ldchen. Die I)etaili$ (im fragUchcu Nothzuehta- 
tit sie mir in deiselboii Wei^e an» wie ?.u ihrer heuliijen Auüßage, Ich füge 
ti, das« 8ie uu«! £^ur ohne bc?^omler^ durch Frni^en darauf bingowie^eu £U sein, 

[angiebr, tmm Eindringen d«»s Pt^tii« ScbmcfÄ empfunden zu haben. j\uf meine Fragen: 
QaI^D Sie »onM uocb etwas bemerkt? Blut im Hemde! Hatten Sie Ihr© Hegel? Nein, 
so fiel war ©e* aicht. Wie viel war qs denn, wie zwei Thalcr gross? Wohl noch etwas 

^melir. Wie lange bluteten Sie? Nur einige Stunden. Wie lange haben Sie Schmerzen 

llgebaM? Am Abend bin ich darüt»er eingesehlafen, am anderen Tage waren sie fort 
Daben Sie noch sonst elwas bemerkt? Nein. Konnten Sie gut Urin las&eö? Da« ist wahr» 
dftbei hatte ich auch Sehmerzen » solch Schringen« War das auch am nächsten Tage 
fort Daa dauerte etwas langer. Hatten Sie mehr Schmerz, wenn Sie sassea oder gin- 
1? Im Sitxen auch, aber mehr noch beim Gehen Wie gingen Sie denn, um den 
^chiDerr. zu venneiden? So breiibeinig. Hatten .Sie auch Schmerz beim Stuhlgjuig? N'ein 
laben Sie andere Verletzungen oder Zerkrat/ungen an Ihrem Körper in Folge de» qu. 

' Atiftritts gehabt? Svln ^^m am Knie hatte ich solchen Schmerz, als er sie mir ausein- 
ander tu&ohte. 

Die arllicbc l ut* t>ii' uung ergiebt Einrisse iu das Hymen von der Farbe der mn- 

[ gebenden Schleimhaut, deren E^t^tebuügs^cit nicht mehr zu bestimmen ist, die aber 
sehr füglich vor 5 Woct»en entstanden sein können. Der Scheideneingang ist nicht er* 

, Heitert Ob» wie Explorata fürchtet, weil ihre Regel ausgeblieben sei und sie Erbre- 

fcben habe» eine Schwangerschaft vorhanden sei, ist zur Zeit nicht zu betttimmen. 

Hiernach «steht fest, dass eine Defloration slaltgefunden hat. Die von der Auguste 
angegebenen Erscheinungen unterstülzen die obji'cliven Befunde, und widersprechen nicht 

i der Annahme, dass diese Dekoration am IK Üui er. stattgefunden habe. Der Bebaup- 

[long, dass diese Defloration mit Gewalt stattgefunden habe, stehen objeclive Befunde 
nicbt entgegen» es gewinnt vielmehr dieselbe eine gewisse Onterstützang durch ihre an- 
scheinend nicht sehr bedeutenden Körperkmfte, die im Augenblicke des Ueberfalta durch 
Scbrei'k und Bestar/ung noch vermindert sein können. 

Der wenig weite Scheideneingang lasest der V'ermuthung nicbt Kaum, dasts Eiplo- 

|fmt& bereite häutig cobabitirt habe Der Audieuzlermin brachte zu dem Obigen noch 

L einiges Neue, welches psychologisch wichtig ist und liie Annahme des conäumirten 
Stiiprums unterstntxt. 

Die Auguste, polizeilich als , arbeitsam und sittenrein^ bezeichnet, hatte einen Br&u« 
Ügams, welcher mit Bewilligung des Vaters sich seit Anfang des Jaiires als solchei 

\g«rirte* Sic ernährte sich hier als Kätherin, Der Bräutigam besuchte sie fast allwliend- 
Jich, und Yerliesssie, nach dem Zeugniss der Nachbarn, um 9 ühr. Bei der Werbung 
halte der Vater ihm wiederholentlich erklärt, dass wenn er etwa mit der Tochter vor 
der Ehe geschlechtlicheo Vctkehr haben werde, dieselbe von ihm enterbt werder würde. 
Nach dem beregteu Attentat f^uid er dus Madeben weinend auf dem Bett sitzen, sie 
entiieckte itmi die Angelegenheit aber erst zwei Tage spater, nachdem .sie die Arbeit bei 
h» aufgegeben hatte. Der BräuHgam denuncirle. Es erschien nunmehr die Frau des 
Angeklagten bei der Gesehwäciiten und bat sie, die Sache zurückzunehmen, Sie er- 
klirte, sie sei bereit, Falls sie etwa geschwängert sein sollte, das Kind ihr abzuneh- 
men und ala das ihrige zu halten. Der Brüutigam kehrte zu ihr zurück, well er sie 
fdr so schlecht nicht halten könne. iSie bemerkte, dass sie schwanger sei. Der Brauti- 
gsan heirathele sie nichtsdestoweniger im Juli und trotzdem der Vater des Uädchens 



164 



Nothzucht §, 18. Caijuistik, 98. FalL 



weder den Conscns gegeben , noch das Erbthcil verabfolgt hatte. Auch er b«tl# fibff- 
gpn% eine untadelhafte Yergangenheit Beide junge Ehegatten schworea im Tsnniii, 
daBS sie tor der Ehe und dem qa. Ittentat keinen geschlechtliehen Verkehr mit ein* 
ander geba*>t hätten. Nach meiner im Termin angestellten Untersuchung war ExpJu- 
ratm im 7. Monat schwanger, — Entweder nun, die Auguste bat gelogen, oder sie hat 
die Wahrbett gesagt Hat sie gelogen ^ so mjiSB man annehmen, da5$ ihr Ortutlgam 
als Schwangerer, und dass sie im Ein vers find nias mit ihm die ganze Notbznchtalüigf 
in Scene gesetzt habe, um des Erbthciles nicht verlustig zu gehen. Zu aolehtr Ab- 
nahme liegt aber nach den Antecedeotien beider Personen kein Grund Tor. ^oito 
würde alsdann vermuthllcb die Auguste äcbon vorgerückter in ihrer SchwangersohafI 
sein, da nicht zu vermtitben, dass sie früher als nach einigen Wochen die Esiileiiz der- 
selben bemerkt hätte» Nimmt man das eben eutwickeltje Motiv aber nicht an, so vird 
die AuschuMignng gegen L. ganz motivlos. Abgesehen von allen übrigen TbafiacbeD 
bestimmen auch diese Gründe hier eine wirklich consumirle Notbzucbt eines enr>cba< 
neu und l)ewassten, allerdings schwächlicheu Mädchens durch einen einxelnen Maim ao- 
xunebmen* 



M* Fall. Behauptete Nothzucht einer Erwacbsenen. 

Bii Midcben behauptet, durch den Angeschuldigten in der Art bewUtigl worden 
zu sein^ dass er sie uneiin^artet erfasste und von hinten her sein Glied eingefobrl habe, 
indem er mit den Händen ihre Gesehlechtstheile auseinander gezerrt habe. 

Die am 20. August angestellte Untersuchung ergab; Die zweiuudzwanxigjibrige 
Hedwig ist körperlich, ibrem Alter angemessen, entwickelt, hat regelmässig geformte 
Oeschiechtstheile ; das Jungfernhäutcheii ist durch mehrfache Einrisse zerstört; der Scbel* 
deneingang nicht besonders erweitert. Die Einrisse in dem Jiin;^femhlulchen und die 
Reste desselben haben eine der Umgebung gleiche Farbe, sind weder geröthct noch 
entzündet; ein schleimiger Ausfluss ist nur in sehr sparsamer Weise vorhanden* 

An der unteren Verbindung der beiden grossen Schaamlefzeu Endet sich nach der 
Unken Seite hin eine eingerissene dache geschwünge, d. b. in leichtem Maasse eit^mdt, 
beim Auseinanderzerren der Schaamlippen noch jotzt blutende Stelle. 

Explor&ta giebt an, wie schon im Polizei- Bericht erwähnt, dass sie t>eim Hineuk 
stecken des männlichen Gliedes lebhafte SchmerzempünduDg gehabt^ aufgeschrien« 
her stark geblutet habe, dass sie etwa Anfangs voriger Woche ihre Regeln bekoa 
dass diese etwa letzten Sonnabend aufgehört hätten und dass sie in der Zwii 
zwischen Attentat und Regeleiotritt, hin und wieder einige Tropfen Blut ira Uemdo ' 
merkt habe. Auch will sie beim ürinxren, Stuhlgang, Gehen u* a. w* Schmerian fi- 
habt haben. 

Aus Obigem folgt, dass Explorata deflorirt ist. Aus der beächnebenen TerlfCZBi|| 
ist zu entnehmen, dass mit Gewalt und ßrutalität an ihren OeschlechL^theilen opitirt 
worden ist und ist es sehr glaubhaft, dass bei einem Versuche, das Glied von hfotii- 
her einzuführen und einer damit verbundenen Zerrung der Geschlechtsiheile der qiL J 
riss entstanden sein kann. Durch diesen erklärt i^iich auch die verhältniss massig 
Blutung) welche der Dr. A. wahrgenommen hat, weil bei einer einfachen Kinfük 
des männlichen Gliedes In weibliche Geschlevhtittheilc ohne andere Verletzun^n a2s St 
des Jungfernhäutchens eine solche zu den grossten Seltenheiten geboren würde. Ks Irt 
nun dieser Verletzung nicbt anzusehen, dass sie gerade am 24. Juli entstanden Kit 
jedoch durch das nicht ganz frische Aussehen derselben einerseits, durch die von 
Dr. A* allerdings nicht mit Angabe ihr Quelle bescheinigte Blutung am 24. und 
die Angabe des Mädchens, dass sie zwischen Stillung der Blutung und Reg^aLDtiät 



Nothiocbt. f 18. Cosuistik. 99. Fall. 



165 



uoch bin nud wieder BluUpuren bemerkt habe, ist es sefar wahrscheralicb, dass der Ein- 
riss an dem qu* TAge entstanden sei. 

Die BeschAfTenheit de« Jungfernhäutchens beweist nicht^ dass nur ein eimDaliger 
Beiachjaf stattgefunden, es könnte derselbe auch bei ganz ebenso bedchaJTenen Ge- 
schlecht»! heilen excL des Einrisses auch schon früher ausgeübt worden sein, d. b. die 
Qbjeclive üntersucbang ergiebt nicht, dass Explorata bis lum 24. Juli er. «Jungfrau" ge- 
wesen sei, Anderer>«eit5 aber steht die objectivc üntersucbuDg dieser Annahme nicht 
im Mindesten entgegen, weil Einnsse in das Jungfernhäutchen relativ schnell vernarben 
ttail eme Dcf oration nach 5, 6, ^ Tageu in Bezug auf ihre objectiven Kennzeichen schon 
als eine alte anzusehen ist Immerhin beweist aber der geschilderte Einriss, dass eine 
BruUlitat gegen die Geschlechtst heile der Eicpiorata ausgeübt ist. 

Eine Verletzung im Sinne des §. 192a. wird hierdurch nicht constituirt. 

Die polizeilichen Recherchen haben orgeben, dasa ö. die angebliche Nothzucht, wenn 
solche überhaupt staltgefimden haben sollte, scheinbar in seiner Wohnung auf dem 
S^pha ausgeführt hat, wie dies durch einen grossen frischen Blutfleck documentirt wird. 
Bei der Reciierche war dieser Fleck durch die verehelichte G. schon ausgewaschen, je- 
doch hatten sich die ßlutspurcn nicht vollständig verwischen lasseo. Ausserdem fand 
der genannte Beamte auf dem Flur, direci vor der Thür des G. einige frische, noch 
anirenriscbte BlutÜecke. 

Q. riuxnt ein^ am 24. Jufl Nachmit;tags gegen 5i Uhr den Beischlaf mit der H. 
rolkogen lu haben; er will jedoch schon froher 3 Mal im Einverständniss derselben, 
da« eine Mal vor qu. Vorfall am 7. Juli d« J. den Beischlaf mit ihr vollzogen halben, 
and zwar an diesem Tage 2 Mal. Später soll dies dann noch einmal am 20. oder 21. 
Juli vorgekofflinen sein. 



99. Fall Angebliche Nothzacbt und Blutaehande. 

Vielfach habe ich in der Casuistik dieses Werkes Einblicke in eine Welt thun 
laaafin müssen, welche Üillionen von üenschen niemal» kenneu lernen, ja von der sie 
kaaiD eine Ahnung haben. Eins der haarsträubendsten Specimina aus dieser Welt aber 
irar gewiss das Subject dieses Falles, die Tochter eines Maurergesellen, erat 13 Jahre 
alt, alter viel äit«r aussehend. Sie trat mit der Deuunciation auf, dass ihr Vater, ihr 
leiblicher Vater. , einmal vor zwei Jahren'* (!) tu ihr ins Bett gekommen, in welchem 
sie mit einer jöngercr» Schwester achlief, und sie stuprirt habe. Der Vater, erklärte sie 
auf die Frage: warum sie nicht geschrieen und als ein so kräftiges Mädchen sich gar 
uicht gesträubt und gewehrt habe, habe ihr mit einer Ilaod das Kopfkissen auf den 
^und gedruckt und mit der anderen ihre beide Hände gehalten!! Sie will auch nicht 
gleich aufgewacht sein, als der Vater zu ihr ins Bett kam, sondern erst, als derselbe 
auf ihr lag! Weiter gab sie an, dass sie bei dieser Gelegenheit nass geworden , dass 
sie am anderen Tage und nun acht Tage lang Blut verloren, auch Btutabgang beim 
Sluhlgmg, Stiche im Bauche ^und Wundsein au den Lenden" gehabt habe. Dass alle 
ält§m Angaben grobe Lägen seien, war um 80 mehr anzunehmen, als die ungunstigsten 
^MgniBse über das Mädchen von der Verwaltung des Waisenhauses vorlagen, in dem 
«ie cicb jetzt befand^ und wodurch festgestellt war, dass sie schon Diebstähle begangen, 
gro«e Gewandtheit im Lögen zeige, Neigung zum Um hertreiben und selbst schon Yer- 
k€»hr mit Männern getrieben habe. Der Befund nun war folgender: anfangender 
Schaamhaarwuchs; das Scheidenbäadchen erhalten, der Scheideneingang nicht unge- 
nhch erwdtert und gar nicht entzündet oder gereizt; das fleischige Hymen zeigte 
*i einen anderthalb Linien tiefen, klaATeuden, vernarbten Einriss; kein Ausfluss. 
Der aogescbuldigte Vater läugnete alle und jede verbrecherische Berührung der Tochter, 



166 Nothiucht. §. 18. Cftsuissik. 100- u. lOL Fdl. 

iiml tjiiver^esHlich für immer bleibt mir die Scbatider orrt'trpnde CocfronUtioti 
mit ihr, iu welcher er Ruche als Beweg^^niod ihr«?« Aiiftfet«in9 gegen ihn aufsb« 
rond sie ihm mit ekelhaftem Detail ihre ADi5cbuMi^ng ins Gebebt scUetidorteÜ Es 
irersteht steh nichtsdestoweniger, dass unser Guiachten sich «o objectit als inöfflich hielt 
E« lautete: ^daas aus dem Befunde zu »chllessen, da.^ ein harter fremder Körper einr 
Insultation der fraglichen Geschlechlstheile bewirkt habe, und da&s es wohl md^lieh, 
daas ein erigirtes männliches Glied dieser Kor per gewesen äei, da«s jedoch die An|^b«n 
der N. es durchaus unwahrschein! ich machten, dass die von ihr angegebene Nolbiuchl 
so stattgefunden^ wie sie es behauptet.*' — Der Vater wurde hiernach «.usaer Aoklaga 
gesetzt, 

100. Fall. Ein ähnlicher Fall, 

der aber eiji umgekehrtes Ergebniss Ijofertef war folgender, den ich gleichfalls mitllMQe, 
weil die FormuHrung des Gutachtens in solchen Fällen, die sieb einem klaren thal- 
sächlichen Beweise entziehen, immer ihre Schwierigkeit bat, N. , der Stiefvater eüiCi 
jetzt elfjährigen Mädchens, war beiicbiigt worden, seit zwei Jahren mit dem Kinda wiik_ 
derholt Unzucht getrieben zu haben. Dasselbe wollte Anfangs, in späteran 
nicht; dabei nass geworden sein, und schilderte die Vorgänge unbefangen ntll 
Wahrheit. Bas Preuülum und das sigmoidale Hymen waren vüllkommezi Qn?«rletil 
Letzteres auch nicht mit Einrissen terseben. Der Scheidenetngang war verhiUiiiisniiai% 
ganz aus serge wohnlich erweitert, ztir Zeit meiner Untersuchung al*er weder Schmarx, 
noch entzündliche Reizung, noch Au^fluss u- s. w, vorbanden, so dass hier die Explo- 
ration sehr leicht wan Dieser Befund wurde dargelegt und gesagt, dass die Erwetle- 
rung des Scheideneinganges beweise, dass ein harter fremder Körper wiederholt ta di» 
Genitalien gedrungen, da£S derselbe möglicherweise auch ein erigirtes männliches Olied 
gewesen sei, und daj^s sonach der objective Befund mit den An gaben des Kindea llkift 
im Widerspruch stehe. — Der Angeschuldigte wurde ifom Schwu^edcht verttitbeDL 



101. Fall. Fälschlich angeschuldigte NotbEucht. 

Die beinahe 16 Jahr alte anverehel, Caroline sagte ans; Am 8onntag war ich warn 
Besuch bei meiner Schwester der verehel. M. Dieselbe ging aus uud ich blieb niil 
ihrem Ehemann in der Wohnung zurück. Als ich mich um A 10 Öhr Abends entfenifB 
wollte und dem M gute Nacht wünschte, sagte er zu mir: «Na kommst Du nicht her 
und giebst mir die Hand?^ Als ich ihm hierauf die Hand reichte, zog er mich sek 
dich auf d«8 Sopha* Während er mir alsdann den linken Arm um den Hall 
fassle er mir mit der rechten Hand zwischen die Beine und an die Geschte^htsCbeile 
und tersuchte mich auf dem Sopha in eine liegemle Stellung zu bringen, was ihiB acu 
gelang, worauf er mit Gewalt seinen Geschlecbtstheil in den meinen stecke ide. «le. 

Die fünf Wochen später ausgeführte Uotersucbung ergab: Die Caroline ist k^ 
Hch (wie auch geistig) ihrem Alter entsprechend entwickelt, sie bat normal ge 
bereits behaarte GcÄi-bleohtstbeÜe, welche durchaus juugtiäulich bedchaffea al&d 
an welchen Zeichen einer stattgefundenen Defloration nicht wahrnehmbar Bind. 
kreit^formigc Jungfernhäutchen, welches eine einige Linie im Durchmesser hallende niye 
Oetfnung hat, ist unverletzt. 

£s fehlt somit an jeder objecüven Unterstützung, dass an der Explorata ein Bd- 
ichlafsver^icb mit Tmmis^io penis stattgefunden habe« Nach diesem Gutacbt^a er- 
klärte ExploraiÄ, dass »ie zu ihrer Angäbe durch ihre Schwester verleitet irordea aci, 
«eiche auf Gruud Ihres Zeuguis&es vou ihrem Manne gescbiedeu tu werden ho8le. 



Kothzucht. §. 16. Casuistik. 102. ¥tdl 



167 



lOZ. Fall Behauptete Blulsehande. 

Unyorgeljiden eracheiDt die uuvereheUclile Anna und erklärt: Da iu Folge von Mise- 

Itm^en und Drohungen meines Vaters meine Mutter gestern (21. Juni) unsere Woh- 
nnfi^ verlassen und sich zu etuer Nachbario geilücfaiet bat, war ich Abends allein. 
Gegen lll Uhr kam mein Vater nach Hause« ich oifneto ihm. Hein Vater folgte mir 
in das Zimmer und wollte sich in mein Bett legen. h'h widersprach dagegen und 
verriegelte die Tbür, mein Vater stiess so heftig dagegen^ dass ich mich genothigt sah 
XU öffueiu Darauf sagte er: »Du schüfst bei mir'', und als ich dies Temeinte: „Ich 
«^rde sehen, wenn Du jetzt nicht stilie bist, wirst Du sehen, was ich mit Dir mache ** 
0« ich nichts desloweoiger laut wurde, fuhr er fort: «Wenn Du nicht auf der Stelle 
stille bist, drehe icJi Dir das Genick um." Aus Furcht legte ich mich endlich ganz 
▼orn in sein Bett, er lo^ mich weiter herein, fasste an meinen Hintern und drückte 
deoi^elben. Als ich abwehrende Bewegungen machte, fasste er nach meinem Geschlechts- 
tbeil am Bauch und spielte mit deu Haaren. Erschreckt suchte ich mich abzuwenden* 
IH sagte mein Vater: ,Lass bleiben I Ich habe Dich erzogeu, Du musat Dir alles yon 
mir fifatten lassen. Beut muss ich Dir einen Kleinen machen.^ Ich entgegnete: 
^dh Vater! ich bin ja Dein Kinci uod Du bist mein Vater.*" Er erwiderte: ,Das 
Mäftdet Alles nichts, wir wollen aber in die andere Stube gehen." Als ich hierauf Lann 
tüAchtc, packte mich mein Vater bei der Kehle und sagte: ^So drehe ich Dir die Kehle 
zu, wenn Du einen Laut von Dir giebst^*' Dann legte er die Hand auf meinen Mund 
lUid iDg mich mit Gewalt in seine Stube. Ich kniete vor ihm nieder und bat ihn 
ilehontlJcht mich zufrieden zu lassen. Er entgegnete: »Wenn Du nicht auf der Stelle 
ruhig bist mache ich Dich kalt", warf mich auf mein Bett, legte sich auf mich, ris« 
meine H^de, mit welchen ich das Hemd über meine Sehaam hielt, fort und sagte 
während mir der Attimen ausging: „Stecke rein." Ich erwiderte: „Das kann ich nichL* 
Er sagte heftiger: »Das musst Du." Ich fuhr fort: „Ich thne es nicht." Darauf ar- 
beitete mein Vater mit einer Hand bo lange herum, bis es ihm gelang, das grosse, starke 
und steife Glied in meine Scheide zu stecken. Es waren darüber mehrere Minuten Ter- 
g&oifta. Als er dies endlich erreicht hatte, empfand ich heftige Schmerzen und schrie 
lant aut Er rief mir laut und drohend zu: „Wenn Du nicht stille bist, mache ich 
Dich kalt. Es schadet Dir nichts. Ich sorge dafür, dass Du nichts Kleines kriegst. 
Ich musji, ich kann es nicht länger aushalten,** Etwa 3 Minuten laug blieb mein Vater 
immer heftiger werdend mit äeiaem Penis in meiner Scheide und verursachte mir fort- 
^etMtxt Schmerzen; plot&üch wurde er dann ruhig und ich fühlte, dass ich in der 
Seheide und am Hemde nass wurde. Schliesslich sagte er: ^ Wenn Du nicht schweigst, 
verd« ich Dir mit meinem Dolcbmesser einen Stoss beibringen, der Dich zum Schwei- 
gen bringt Nim kannst Du hier schlafen, ich schlafe in meinem 6611**. Eierauf ver- 
iieas mich mein V^&ter. Als ich mich überzeugt hatte, dass er eingeschlafen war, ging 
ich lur Mutter und machte ihr vom Geschehenen Mittheilung. In dem Hemde, das ich 
^ectam Nacht tn»g und «las ich ungewaschen aufheben werde, sind gelbliche Flecke mit 
etwas BtuI bemerkbar. 

Ich Termheie, dass ich mit keinem Mann seither fleischlichen Umgang gepflogen 
babe, sondern eine durchaus unberührte Juugfrau war Auch mein Vater, der hierbei 
kmnexwags betrunken «ar, hat es vorher nie gewagt, mich zu berühren, oder soustige 
Scfcerze in meiner Gegenwart zu machen. Dagegen hörte ich sehr oft von meiner Mutter, 
dASi Vater mit andern Mädchen viel Unzucht trieb und sie zum Beischlaf bewog, indem 
er Mgta, er sei Wittwer. 

Der Angeschuldigte bestreitet durchweg die Angaben der Anna und will von dem 
Geschehenen nichts wissen. 



168 



NothzucbL §. la Cttsuistik. 103. Fail. 



Die am 25. Juni angesicllle Untcrsuchuti)^ ergab: Die tTjährife Amia bat noraiAl 
getMMeie, ihrem Atter ung'emes&en eolwifkctte Ocjicblechtslboile^ an welchen irgend andere 
AbnorroititoD, als die gleich zu nennendeD, ulcbi vorbanden sind. Der EiDgang der 
Scheide ist blasii und acblaff. Da8 Juogfernbäukhen jat kreisförmig und gefrassL 
Dass diese Fransung eine angeborene Bildung ist, geht daraua berror, dais aadi dar 
Wulst der Hamrobrcoöffnung eioe ganz tthnlicbe Bildung zeigt 

Außerdem sieht man iu dem Jungferohautcben einen nach oben und rechts Ter- 
laufendoD, durch die ^anze Dicke und Breite des Häutebens dringenden Eioriss, 
beim Auseinauderzerren der grossen Schaamlefzen klaüt und dessen Ränder weder i 
üCMrh gerotbet erscheinen, sondern eine mit der Umgebung gleiche Farbe zeigen. 

Im Uebrigen aber schliesseU} ohne dass man sie künstlich erweitert, die 
Lefzen aneinander. 

Hinter dem Einriss gewahrt man einen geringen V'orfall der oberen Scheiden wand. 
Aufh die kleinen Schaumlefzen, welche nur wenig entwickelt bind und welche eine mii 
der Umgebung gleiche Färbung haben, schliessen eng aneinander und gewahrt man, 
wenn das Mädchen die Beine spreizt, nur eine enge Scbaamspalte^ keine klaffende üeff- 
nung. Der Haarwuchs an den Gesciilecht^lbeilen ist schwach. Karben auf der Bsncll« 
baut sind nicht vorhanden. Die Brüste sind voll kommen jungfrätdirb beachaffeD. EtM 
innere Untermchung auf Schwangerschaft oder voraufgegangene Geburt musste wiffa 
der fliessenden Regel unterbleiben. Aus obigen Befunden folgt: 1) die Anna ist d#- 
florirt und zwar nach der Grosse des Einrisse» zu urtbeilen durch ein erigirleA mlaft- 
licheH Glied. %) Wann die Defloration geschehen, erhellt aus dem Befunde nicht Hodat 
wahrscheinlich ist sie älter als 4 Tage. 3) Ein oft wiederholter Beischlaf mit einer er« 
wachüenen ManoeHperson bat nach der im Ganzen Jungfrau lieben Besrhaffenbeit der 
Geschlechtstheile der Explora'a nicht stattgefuudeu, dass indean ausser dem incrimliilr* 
len Falle ein Beischlaf mit cler Explorata nicht stattgefunden habe, iat nicht zn c/tm- 
stfttiron. 4) Geboren hat Explorata, soweit ohne innere Untersuchung festzustellen tiC, 
seither nicht. 

Im Audienztermin entwickelte sich die Sache etwas anders ttnd meioeB Onlacbten 
conformer. Obwohl nfimlich das Mädcben bei ihren (beeideten) Angnben Stehen b}hh 
in Bezug auf die von ihrem Vater gegen sie verübte SchandLhat, wurde sie doek der 
Unwahrheit dabin überfuhrt, da^^s sie zu der qu. Zeit nicht mehr eine unberahfte Jm^*' 
frau gewet»en, denn es trat ein Zeuge auf, welcher — wie sie selbst zugeben mnarte — 
bereits im April ejd. in einer Nacht mit ihr cohabitirt hatte. Oiemach wurde die Zmi0ia 
nber die Thataache nicht weiter vernommen und Angeschuldigter — frei getprocbeil« 



ia3. Fail. Angebliche Notbzucht und Blutschande. 

Am 26. November^ Abends 10| Uhr erschien auf dem Polizei' Bureau die bin 
unbcs<*bohene 18 jährige S und gab im, dass wührrnd ihr Schwager mit Kindem 
Schwester ausgegangen, sie tntt ihrem Vater allein zu Uahu war Gegen 8 Uhr Ali 
erwachte ihr (augetrunkener) Vater aus dem Schlafe, fragte siei ob sie schon ilire Be- 
ireln habe. Sie antwortete, dass ihr dieselben schon seit October ausgeblieben 
Er wollii^ ihr etnen weitisen Lappen geben, womit sie ihre Theile aunwiscbon tolle, 
Hoile ihm diesen unbemerkt zeigen, in drei Tagen würden ihre ttegeln eintreteB. 
wolle ihr ein Buch zu lesen gcbeut darin alles euthalteu sei, über Regeln, Rimler 
kommen u. a. w Er mochte wissen, wie tief ihre Oefltiung sei, ob und wie lii^ 
Ilaare sie an den Geschtechtstheilen hätte. Oj?ängsligt wollte sie sich auf da« Q e e peiA 
nicht einlassen, als der Vater ihr trotz ihres Straubeits unter die E leider bis in dii 
Ge»chlecht«theile mit dem Finger griff, ihr die Beine auseinander risa und erkl&rle» 



Notbxucht §. 18. CiJuisUk. 103. Fall. 



169 



II« n. ' wwtn flchöu tkf und die Haare sclioa häb&cb lan(^ wären. Als sie vor 

Seil if/, babfi er ß^esagt, dajj wäre nicht so schlimm, sie auf das Sopha gewor* 

feb und troU Bitteos ihr die Bebe auseiiuuidergenssen . sich auf sie gelegt und das 
miitnliche Glied in ihre GeschJechUtheile gebracht. Schreien konnte sie nicht, da ihr 
V»ter SU fest auf ihr lag und sie vor Angat und wegen Maogels an Luft keinen Laut 
habe herrorbringeu kGnnen. Während der Vater auf ihr gelegen und äich «tossweisc 
hin- und berbewcgt habe, habe sie verlangt, dass er sie loslassen solle, weil sie zu Stuhl 
geben möchte» er erwiderte aber, dass er Doch lange nicht fertig sei und liess sie nicht 
los, bis aua dem Gliede des Vater« die Nisse in sie geflossen. Das Hemd zeigte grosse 
gelbe Flecke, die steif waren. Sie habe zuvor nie geschlechtlichen Umgang gebabt. Sie 
i«t, ehe sie nach dem Polizei- Bureau ging, ihrer Schwester entgegengegangen. — 

Die S,, die ich ain 211. November eju.Hd. zu untersuchen hatte, i^t ein für 18 Jahre 
wenig entwickeltes Mädchen; wenig behaart« womit die Angabe, dass die Regeln erst 
itn Mai aufgetreten, im October wieder fortgeblieben seien, übereinstimmt. Genitalien 
nonnal entwickelt, Introitus nicbt erweitert, nicht geröthet, kein Ausfluss, Hymen vor- 
banden, halbmondförmig; links 1'" tief, rechte durch die ganxe Breite der Membran ein- 
gerissen. Beide Einrisse haben dieselbe Farbe als die Umgebung, jedoch di? Ränder bei- 
<ier Einrisse »nd nicht geröthet, nicht wund. Umgebung der Gescblechtstheüe keine Vor- 
leUuug durch Rratzwundcn. Sie giebt an, nach der Tbat Schmerz beim Geben etwa \ 
> Slttade lang gehabt zu haben, nachher aber nicht mehr , eben so wenig bei Stubl oder 
tTfin. Sie will nie Umgang gebabt haben, noch Onanie getrieben haben. Dr. B. am 
Waisenhau&e habe, als sie von ihm wegen Ischurie cathetrisirt werden musste« wieder- 
holt und tief den Finger in die Genitalien geführt, vor etwa 1 Jahre. Hiernach begut- 
dkcbtete icht 1) dass mit Sicherheit zu schtiessen, dass ein fremder harter Körper mit 
d^A Genit&iien der S. in ßerahrung gewesen, der über das Hymen hinaus vorgedrungen 
int and eine Zerreizjsung desselben bewirkt hat; 2) dass dieser Körper sehr füglich ein 
Finger (eigener oder fremder), aber auch ein erigirtes männliches Glied gewesen sein 
kann, welch letzteres indess, gewöhnliche Dimensionen angenommen, nicht sehr lief ein- 
g>edrungen sein kann; 3) dass in Anbetracht der Vernarbung der Einrisse nicht anxu- 
nehmen^ dass dieselben von einem vor 4 Tagen vollzogenen Beischlaf herrühren, son* 
dem älter sein müssen, und unter anderem auch vou den erwähnten operativen Ein- 
griffen herrühren können; 4) dass endlich selbstverstüDdlich der Befund an dem Mäd- 
chen Stattgebabte, auf Befriedigung des Geschlecbtstriebeii gerichteter H&ndlungen nicht 
ausscbliesst, m deren fernerer Feststellung vielleicht die Untersuchung des zur Zeit der 
Thit getragenen Hemdes beitragen könnte. 

Der Vater ist 47 Jahre, kräftig, aber entschieden, nach Benehmen und Zittern mit 
den Händen lu urtheilen, ein Säufer. Seine Geschfecbtstheile sind normal, durchaus 
Qieht welk, sondern recht straff. Er will 10 Kinder gezeugt haben. Er leugnet Alles. 

Die Untersnchung des Hemdes ergab; An dem Hemd fand sich zunächst kein 
Bloüleck vor, ein Umstand, welcher den in meinem Gutachten vom 30. gethanen Ans- 
>»pruch« dass die Einrisse, welche sich am Hymen der S. vorfanden, altem Datums seien, 
erheblich unterstützt Die S. giebt an. sich mit dem Hemd das Nasse , welches sie, 
nachdem der Vater *ie losgelassen, an ihren Gej^chlechtstheilen gefühlt, abgewischt zu 
bähen. WlVren die Einrisse des Hymens durch den qu, Vorfall entstanden, so hätten 
fie geblutet, und es würden Blut^puren nothwendig im Hemde der S. sich haben ror- 
Aoden mossen. Es fanden £iich vorn an dem Hemd in der Gegend der Gescblechis- 
iheLle lier grö«{i?ere etwa 1 — J Zoll lange, etwa Finger breite Flecke neben einander, 
tebarf coötüurin^ von gelblich grauer Farbe, welche das Hemd steiften, die sehr fng- 
Üeb dnrch Abwischea cnistaüden sein konnten und welche dem äusseren Ansehen nach, 



170 



Nothzucht §. IS. Casulstik. 104. FalL 



sowie rmcb dea genannten EigeDscbaften für Flecke von DDinnlicfaom S&amen herräfe 
AOgesprocheD werden konnten. 

Bei i>iner sehr sorgfaltig angeatellt^o microi^copiichen Dntersncbung , M 
Sti)t!fcchen aus den Flecken aui^geschoitten auf dem Objectglas mit desüUirteiD Wm 
im Ueberechuss befeuchtet, nach mehreren Stunden von dem Objectglas wieder akgebo- 
hw wurden, zeigten sieh tn der auf dem Glase zurückbleibenden Flnaiigkeit eine grüom 
Menge sehr wohl erhaltener Pflatsterepit hellen und kleine mndlicbe Gebilde, weicht diiteji_ 
einen Kern ebenfalls ah Zellen erkannt werden konnten, es fand sich aber kein i 
Edchen, trotzdem jeder Fleck viermal untersucht wurde, al^o secbsizebn Unter« 
angestellt worden sind. Kur diese Saamenfadcben bilden eben das charakti 
Merkmal männlichen Saametig, während in der Flüssigkeit TOrgefundencn Epilhelsi 
und Zellen auch aus der Scheide resp. Harnröhre dos Mädchens selbst hätten stammen 
können, und iät ein positiver Beweis dafür, dass die uniersuchten Flecke von in&iQili- 
chem Saamen herrührten, hiernach nicht erbracht. 

Nichts desto weniger kann nicht behauptet wenleni dass die qiL Fleck« lüebt von 
Flüssigkeiten hergerührt hätten, welche aus der männlichen Harnröhre ejaculirt wonlen 
ist, Neuere rntersuchungeu haben mich gelehrt, dass nicht stets in der in den Saamen- 
bläschea befindlichen Flüssigkeit Saamenfadcben vorbanden sein mosseii, Mlbel Imi 
Individuen im zeugungsfähigen Alter. 

In einer nicht geringen Anzahl von Leichen Im zeugungsfähigen Alter sielwiidfr 
Mlnner, welche eines plötzHohen Todes verstorben waren, fanden sieh oacll 4ieMB 
Untersuchungen weder in den Saamenblüschen nod» in den Nebenhoden und dw A^m^ 
führuugsgängen derselben Saamenf&dchen vor. 

Diese Erfahrungen gestatten den Schluss, wohin ich mein amtseidlietiea GuU 
allgebe: dass die in dem qu. Hemd vorgefundenen Flecke, welche dem &uaeeren An- 
tebein nach sich wie *Saamenilecke verhallen, als solche durch die micro V Uater- 

eocbung zwar nicht erkannt sind, duss aber das Fehlen der cbaracteri^' .laefel« 

d9& männlichen Saamens nicht ausschllesät, dass diese Flecke deonoch von einer Fläütf • 
keit, welche unter Wollustgefühl aus der männlichen Harnröhre i^aculirt wordeo ist* 
herrühren* 

Im Audienztermin stellte sich heraus, dass Explorata an epileptiacben 
getitteQ und vor mehreren Monaten gestorben war- Ihr Schwager und ihre Scbwealer 
ilerten sie als eine lügenhafte und schwachsinnige Person- Hiernach biteben g&r km 
objeetiven Beweise für die Anklage, die nnr die protocollariscbc Aussage einer Vi 
storbenen zu bieten hatte. Die Geschworenen sprachen nicht schuldig. 



104. Fall. Angebliche Nothzncht einer 47jihrigen Frau. 

Es handelt sieb um die folgenreiche Anschuldipng einer Yertetiung der . 
ten gegen einen Executor des •Gerichts und um Feststellung einer angeblicbiO 
xucht mit Tnpperansteckungj tiachdem vor mir schon fünf AerKte» worunter cw^l 
rieht liehe, mit der Sache befasst worden waren. Nach der beschwomen AnsMgt ( 
Denunciantin , Frau R., sollte K, der, beiläufig gesagt, die günstigsten Zeugnia 
Beamter, Ebemünn und Vater für sich hatte* als er eine Execution vor zehn Mo 
am 3. Juli, geeen die R. zu vollstrecken gehabt, ihr su verstehen gegeben 
er davon schon abstehen werde^ wenn sie sich ihm hingehe. In dieser Unterrodii^f j 
einem Graben neben ihr sitzend, habe er sie plötzlich überfallen, sieb Über •!• fWi^ 
feo, sein Glied entblösst und den Beischlaf so voUtitändig consumirt, das» Dililllielillte 
«einen starken Saamenerguss von ihm abgebend spürte** »Diese gante ScbOdwoif 4iS 
Hergang«*", sagte ich im Gutachten, entbehrt der Innern Glaub Würdigkeit Die tL iK 



^Notbzucbt. §. 18. CasuiKlik. 104. FalL 



11 .fAhr^ alt, ge^iiQd und sichtlich ghiit gut bei Kriftcnj Tcrbeirathct, Mutter mehrerer 
Kinddr> folglich nicht ala unwissend mit dieseo Gcgenstinden anEunehmen; und wenn 
sie auch nicht ein eiDzigesrnnl auch nur versucht hat, das Unwahrscheinliche ihrer An- 
gabe durch Vor^chotzeu einer damaligen Krankheit oder ünbesinnlii'hkeit n. dgl. zu er- 
kliren^ so ist es um so weniger anzunehmen, dasa der vorgegebene Hergang sich wirk* 
lieh lugetragen habe, ah der angeschuldigte E. ein Mann von bereits 42 Jahren und 
nicht etwa van colossaJer Kraft und Constitution, «ondern von nur mittlerer Statur, und 
s«it vteJen Jahren glücklich verheirathet i^t« so dass dergeschlechüicho Ardor der ersten 
Jogend auch bei ihm nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Nichtsdestoweniger be- 
hftu|»t«t Denuncianün, durch diesen Beist-blaf mit einem Tripper inficirt worden tu sein. 
Sie bat sich deshalb nach einander an die Aerzte DDr. G., N. und J, gewandt, deren 
Atteste resp. Recepte sich in den Akten beüudea. Von letzteren bemerke ich zunächst, 
daaa sie iämmtlich wirklich bereitet worden sind, wie die auf jedem Eecepte beünd- 
Uehe Apothekert&xe beweist, und daas sie Ar/.neimlttel verordnen, wie sie gegen Harn- 
röhreufichleim^üsse (Tripper) verordnet zu werden pflegen. Ob die R. alle diese Medi- 
e^niente gebraucht hat, darüber kann ich selbstverstündlicb keine Ueborzeugimg aus- 
»iprechea* Was nun die Angaben der Aerzte betrifft, so hat die des Dr. 0. gar keinen 
Werth« dft derselbe^ nachdem die R. sogleich bei der Gonsultation auf ihn ,1. nicht den 
iMaten Eindruck gemacht"*, sie gar nicht untersucht, sondern nur auf Grund ihrer 
lUageQ verordnet bat Vom Dr* J. liegt eine Bescheinigung oder Aeusserung gar nicht 
vor. Dr N. endlich hat bei seiner Untersuchung der Genitalien der R. am 3. August pr., 
alao nur rief Wochen nach der angeblich erfolgten Infection, wo selten oder niemals 
die letxten Spuren derselben schon vollständig verschwinden sind, ,^keine Symptome 
des Xnpt>^r«^'^ wahrgenommen, sondern vielmehr nur „„eine belle ^ ^chleimartige Ab* 
sonderung, die aber sich nur in der Scheide bildete, und nicbt aus der Hamrobre kam"'*, 
wovon der genannte Arzt sieb durch Druck auf lutxtere überzeugte. Dies Experiment 
ist beweisend dafür, dass am 3. August kein Tripper ( Harnröhren -Schleimfluss) bei 
(i^ R, bestand, und kann ich die Voraussetzung des Dr, G,, dass dieselbe sonach gar 
keinen Trrpper gehabt haben dürfte, nur als richtig bestätigen. Der milde SchleimilusB 
AUS der Scheide aber kann hier gar nicht in Betracht kommen, da ein Uebel der AH 
ZQ den allergewohnlichsten bei Weibern gehört, und an üich auf einen Beischlaf, resp* 
diif mireiiien Beischlaf nicht im Geringsten zurückschüessen lässt* 

«Wenn nun Im Vorstehenden nachgewiesen^ dass gar nicht angenommen werden 
kano, dass die IL am 3, Jnli pr» von dem Donunciaten genolha^üchtigt und mit dem 
Tripper inÄcirt worden, so könnte der Fall meinerseits erledigt scheinen, Indess stehen 
den obigen Amtführungeo die Atteste des Kreis-Physicus Dr. L. vom 18. September 
QDil ö. Xorember pr, und des chir. for. K. vom 23. September ej. anscheinend entgegen. 
Der Dr^ L. hat aus amtlicher Veranlassung die Frau R. am 18. September, also zehn 
Wocbea nach dem vorgeblichen Staprum untersucht, und bei ihr noch die ,„ Sporen eine» 
angeblich froher starken weissen Flusses"' vorgefunden, die er ^„unbedeutend** ** nennt. 
Nicbtsdestowemger nimmt der genannte gerichtliche Ar/.t keinen Anstand, „-^aus dem 
Attflrcton und dem Verlauf der sich allmiihüg verringernden Krankheit mit St cht' r- 
Heit*' Eßzxinehmen, „„dass sie ihren Ursprung einem unreinen Beischlaf mit einem 
mit Tripper behafteten Manne verdanke**"^. Der Dr. L. zieht also einmal aus einem Be- 
funde, der nichts weniger als genau, wie etwa der des Dr. G, erhoben ist, da, wie 
9chon bemerkt, .„weisser Fluss** (Schleimausfluss aus der Scheide) und wirklicher 
Harn röhren -Trip per zwei ganz verschiedene Krankheilen sind, und zweitens vollends 
aus der blosaen »ubjectiven Angabe der Denunciantin, die selbstredend gar keinen wissen- 
schaflJkhen Werth haben kann, i^ntQi^ Sicherheit*^ seinen Schluss, welchem beisutre- 
ten ich hiemach auch nicht im Entferntesten gemeint sein kann* Aber der etc. Dr. L, 



172 Nothzuchi §. 18. Casuistik. 105. Fall 

und der Wundarzt E. wollen auch bei dem Angeschuldigten die Spuren des wirklichen 
Trippers wahrgenommen haben. L. hat denselben erst am 5. November pr., also Tier 
Monate nach dem qu. angeblichen Beischlaf untersucht und in dessen Hemde ««einige 
kleine, gelbliche Flecke wahrgenommen, welche yon einem Ausflusse aus derflamröhre 
herrühren, und als Nachtripper erschienen"'. Der Wundarzt K. bescheinigt elf Wochen 
nach dem incriminirten Factum, am 23. September, dass er die Hamröhrenöffbnng des 
E. zwar nicht entzündet, auch keinen eitrigen Ausfluss daraus gefunden, wohl 
aber in dem Hemde circa zwölf ^„gelblich -grüne, theils linsen-, theils erbsengrosse, 
einige sogar noch ganz frische Eiterflecke" gefunden habe, woraus er, in sehr eigen- 
thümlicher Verbindung mit dem „, verdächtigen Benehmen"' des Exploraten den Schluis 
zieht, dass E. am 3. Juli an einem heftigen Tripper gelitten, und mit demselbeo infi- 
cirt haben könne. - Kleine und wenig zahlreiche gelblich -grünliche Flecke im Hemde 
bei beiden Geschlechtern aber können sehr leicht täuschen. Vom weissen Fluss bei 
Frauen ist bereits die Rede gewesen. Aber die Harnröhre ist mit einer Schleimhaut 
ausgekleidet, und wie jede Schleimhaut, z. B. die der Nase, sondert auch diese, und 
auch bei Männern, zuweilen mehr Schleim ab, der dann in die Wäsche fliesst Die Ur- 
sache dazu können Gatarrhe der Blase und Harnröhre, Hämorrhoiden, Qicht, Wann- 
reiz u. s. w. abgeben, und sehr häufig sogar findet der Arzt formlichen Ausfluss der 
Art, wo jeder Verdacht einer Ansteckimg durch unreinen Beischlaf von der Hand zu 
weisen ist Ein Schluss aus dem Befunde einiger Flecke, wie die qu., auf einen sol- 
chen Beischlaf erscheint daher um so weniger gerechtfertigt, wenn keine Entzündung 
in und an der Harnröhre wahrnehmbar, welche der Chir. K. geradezu in Abrede stellt 
Hierzu kommt aber noch, dass E. im Verhör vom 10. Februar c. deponirt, was er heute 
gegen mich ausführlich wiederholt hat, dass er an jeweiliger Hamincontinenz leide, und 
namentlich bei heftigem Gemüthsbewegungen den Urin nicht gut halten könne, wobei 
dann ein »»geringer Ausfluss aus der Harnröhre"" eintrete. Ob ein solcher Zustand 
zur Zeit der Exploration bei ihm vorhanden gewesen, ist mir unbekannt, gewiss aber 
ist, dass die genannten Flecke einen andern als den von den beiden Sachverständigen 
angenommenen Ursprung haben konnten, wie vorhin nachgewiesen worden.. Endlich habe 
ich noch anzuführen, dass ich vorgestern die verehelichte R. und heute beide E.'schen 
Eheleute bezüglich des Zustandes ihrer Gescblecbtslheile untersucht und gefunden habe: 
dass sämmtliche drei Personen jetzt geschlechtlich ganz gesund, und auch nicht mit der 
Spur eines Trippers behaftet sind, und dass die Ehefrau des Angeschuldigten auch ge- 
gen mich, wie früher im Verhör, behauptet hat, beim unausgesetzt gebliebenen ehelichen 
Verkehr mit ihrem Manne stets gesund geblieben zu sein. Nach Vorstehendem gebe ich 
mein Gutachten auf die vorgelegten Fragen dahin ab: 1) dass nicht anzunehmen, dass 
am 3. Juli pr. an der verehelichten R. eine Nothzucht von dem E. in der angegebenen 
Weise habe consumirt werden können; 2) dass kein Beweis dafür vorliegt, dass die R. 
nach dem 3. Juli an einem Hamröbrentripper gelitten habe, und dass das Gegentheil 
nach Lage der Akten wahrscheinlicher ist; 3) dass E. und 4) dass auch seine Ehefrau 
gegenwärtig mit der qu. Krankheit nicht behaftet sind, auch keine Spuren dieser frü- 
hem Krankheit an sich tragen; 5) dass die von den Aerzten L. und K. aus den Flecken 
im Hemde gezogene Schlussfolgerung nicht richtig sei, und diese Flecke auch einen 
andern Ursprung haben konnten." 

105. Fall. Angebliche Nothzucht 

Das Subject dieses Falles war ein Hjähriges Mädchen, das am 18. September vom 
Denunciaten überfallen und stuprirt worden sein wollte, wobei sie starke Schmerzen em- 
pfunden und gleich darauf Blut in ihrem Hemde bemerkt zu haben versicherte. Am 



Notbzucht. f. 18. CaSttE 



106. Fall 



173 



Ell dJesflb«! angeblif'h durch das ^ heftige Küssen" des Angeschuldigteo ver- 
rden sein (!)« Drei Tage spater untersuchte sie Dr. £. und bescheinigte, 
^dasd an dem Hymeu svar zwei kleine Einrisse wafarzunehmen , datts diese jedoch, so 
weit die änctlicbe Wissenschaft relchf, schon Tor dem angegebenen Tage entstanden sein 
määfteu^(?), weshalb dieser Arzt annahm^ dass die Defloration schon früher als au dem 
fraglichen Tage geetchehen sein müs.se. Eine weitere Schilderung des Befundes hat der 
Dr* E. nicht geliefert Erst 18 Tage nach der angeblichen That wurde ich mit der 
Bxj)lormtion des Mädchens und des Hemdes beauftragt Ich fand die Genitalien votl- 
kommen unrerleUt und jungfrlulich» die Untersuchung ganz schmerzlos^ den Eingang 
eng, da» Hymen vollkommen erhalten und ohne .^pur von Einri;?sen oder Narben von 
dergleichen* Im IJemdc befanden sich so copiöse Blutflecke, dass es yiel wahrscheinli- 
cher erschien, sie auf Eechnung der eingetretenen Menses — die allerdings früher noch 
lue d^ gewesen »ein sollten (?) — als auf eine Geschlechts Verletzung durch Stiipmm 
m scbreiben. Saamenflecke und Fädchen wurden endHeh im Hemde auch nicht ent- 
dedit, und dies Alles berechtigte mich zu dem Gutachten: dass die fraglichen Gentta- 
Ken sich im vollkommen jungfräulichen Zustande l^efänden, und dass aus ihrer und dei 
Untersuchung des Hemdes nicht zu entnehmen, dass da& MädcLen überhaupt und na- 
mentlieh zur angegebenen Zeit genothsuchtigt worden. 

106. Fall. Nothsucht und Yersuchter Mord. 

Die 23jährige Dienstmagd Seh. giebt an, dass sie von dem in den Akten naher 
bezeichneten Droschkenkutscher am Montag, den S. Nachts in der Droschke mit Gewalt 
^emisstraucht worden sei, nachher von ihm aus der Droschke gerissen und mittelst 
einea ledernen Gurtes gewijrgt worden sei, so dass sie die Besitinmig verloren habe. 
JlIs sie wieder zu sich gekoinaieu, habe sie sich an der Erde gefunden, ohne Strang- 
wverlaeuf um deu Hals, und sei die Droschke nebst Kutscher verschwunden gewesen, 
Iji Betreff der Nothzucht selbst detaülirt sie sich dahin, dass der Mann zunächst sie in 
XinjuistÄndiger Weise angefasst, dass sie sich wohl anfangs gesträubt, daas sie aber, da 
mm aich gefürchtet und gesehen, dass es ihr doch nichts helfe, habe geschehen lassen. 
Bioe Immission des Gliedes habe übrigens nicht Statt gefunden, da dasselbe nicht in 
üire Geschlechtstheile eingedrungen sei, jedoch h»be sie sich, nachdem der Mann von 
ihr Abgelassen, besudelt gefühlt — Jetzt fühle sie sich, abgesehen von einiger Dnbe- 
^aexnlidikeit im Bewegen des Kopfes, wieder wobt 

Die (ieschlechtstiieile der Exptorata sind normal gebaut Am Scheideneiugange 
»lebt man die Ite&te des zerstörten Jungfernhäutchens als sog, myrtcnfiirmige Corun- 
lieln, welche die Farbe der Schleimhaut haben und eine längst geschehene Entjungferung 
bewtlsen. Der Gebärmuttermund zeigt eine Querspalte, welche nicht geöffnet i^t, und 
beÜndet sich an der hinteren Muttermundslippe eine seichte Einkerbung. Der Hof der 
Brustwanea Ist gross und schwach braungelb gefärbt Die Bauchhaut zeigt keine Nar- 
hma, Diose Befunde t>estätigen die Angabe der Explorata, dass sie bereits geboren habe 
und bewahrheiten ihre Angabe, dass ihr Kind nicht vollständig aasgetragen gewesen 
sei. Frische Verletzungen an und in der Umgebug der Genitalien, Spuren von Ge- 
waltth&tigkeiten an den Lenden üuden sich nicht vor, so dass Zeichen einer physischen 
verebten Sothzncbt nicht vorhanden sind. 

Am Halse, rechts vom Kehlkopf zeigt sich eine platte» halbmondförmige, { Zoll 
lange, etwa V*" breite, weisse, glänzende Karbo, welche von einer oberflächlichen Haut- 
Verletzung herrührt, deren Alter jetiat nicht mehr zu bestimmen ist, welche aber sehr 
füglich die in dem Atteste des Dr. G. beschriebene Nagelkratzwunde sem kann. Andere 
Vcrletiunf en am Halse fanden sich nicht vor, auch ist dieser so wenig, als das Gesicht 



174 Nothzucht. §. 18. Casuistik. 107—109. Fall. 

geschwollen. Im linken Auge ist die Bindehaut blutig suffundirt. Diese Verletzungen 
können yon einem Erwürgungsyersuche herrühren. Derselbe bat aber, da Explorata 
jetzt wieder hergestellt ist und ihrer Arbeit nachgeht, einen erheblichen Nachtheil ihrer 
Gesundheit und Gliedmassen nicht gehabt, noch eine länger dauernde Arbeitsun^ig- 
keit bedingt, und ist Explorata jetzt vollkommen anrechnungs- und sistirungsf&hig. 

Da sich ergab, dass Explorata bereits deflorirt, auch dauernd geschlechtlichen Ver- 
kehr unterhalte, so war man auf das äusserste misstrauisch gegen ihre Angaben und 
vermuthete irgend eiuen Betrug, indess erhalten dieselben ein ganz anderes Relief da- 
durch, dass einige Tage aus einer Stadt Ost - Preussens die Nachricht einlief, dass der 
des obengenannten Attentates verdächtige Kutscher, von hier fluchtig, sich daselbst er- 
schossen habe. 

107. und 108. Fall. Nothzucht vor Augenzeugen. 

107) Ein Landmann in der Nähe von Berlin, fünfundsechzig Jahre alt; war 
angeschuldigt die zehnjährige Marie sehr häufig geschechtlich gemissbraucht zu haben. 
Das letzte Mal hatte eine Frau, die in der Scheune sprechen hörte, worin beide sich 
befanden, aus Neugier durch eine Bretterwand gesehen, und von Anfang an die ganze 
Procedur, namentlich beobachtet, dass Inculpat sich erst von dem Kinde hatte manu- 
stupriren lassen u. s. w.! Der Befund war: kindliche Brüste und Geschlechtstheile; In- 
troitus vag. erweitert, geröthet und sehr empfindlich. Das Hymen erhalten, aber auf- 
gelockert und geröthet. Kein Ausfluss, keine Blutung; das Frenulum erhalten. Das 
Urtheil lautete: «dass keine vollständige Immissio pen. stattgefunden, dass die Beschaf- 
fenheit der Genitalien aber beweise, dass mechanische Insultationen derselben stattge- 
funden hätten, von welchen indess (wonach auch hier wieder noch nach dem alten 
Strafgesetz gefragt worden war) nachtbeilige Folgen nicht zu besorgen seien." 

108) Der 37jährige Arbeitsmanu K. hatte am 11. April die acb^ährige Marie 
auf einem Kirchhofe auf die Erde gelegt, eutblösst, sich auf sie gelegt und ejacolirt 
Er war dabei gesehen worden, hat auch sogleich im ersten Verhör Alles gestanden und 
nur Betrunkenheit zu seiner Entschuldigung behauptet. Ein Arzt fand am 12ten ej. 
nach seinem Attest „die innern Schaaralippen geröthet und den Scheideneingang mit 
Blut injicirt f?) und empfindlich". Ich hatte das Kiud erst elf Tage nach der That zu 
untersuchen, und fand sie ganz gesund und nicht die geringste Abweichung von der 
Norm an oder in ihren Genitalien, so dass ich erklären musste: dass aus dem Zustande 
der Genitalien des Kindes auf eine gegen dieselbe verübte geschlechtliche Brutalität 
nicht geschlossen werden könne. 

100. Fall. Wie die Nothzucht verübt worden? 

Wegen dieser nicht gewöhnlichen Frage glaube ich den Fall nicht mit der grossen, 
nicht weiter hier zu erwähnenden Menge der übrigen bei Seite lassen zu dürfen. Ausser 
der Feststellung des Thatbestandes und seiner Folgen für die Gesundheit nämlich, wo- 
nach ein Buchbinder anderthalb Jahre lang mit einem zur Zeit der Entdeckung 14 Jahre 
alten Mädchen in seinem Laden wöchentlich ein- bis zweimal Unzucht getrieben haben 
sollte, war die Frage zu entscheiden: ob es wahrscheinlich, dass M. nur mit der Hand 
manipulirt habe, und weder mit seinem Gliede in die Scheide eingedrungen sei, noch 
auch einen Vorsuch dazu gemacht habe?'' (Der Fall kam vor dem Strafgesetz 
von 1851 vor.) Ich fand das Mädchen so wenig entwickelt, dass sie kaum für 
ein zwölfjähriges zu halten war. Die grossen Lefzen waren schlaff und welk und klaff- 
ten etwas von einander. Besonders an der untern Commissur war der Eingang erwei- 



Nothnicbt. §. 18. Casuistfk. 110—113. Fall. 



175 



#iw für das Alter ttes MAdcbens sehr auffallend erschien. Die Schleimhftut der 
lymphen, der ganze vordere Tbeil des Introitus vag. mit Harn roh renmiindung, Vorhaut 
der Glitons und Hymen waren stark und lebhaft gerothet und so gereizt^ diiss die Be- 
rührung höchst schmerzhaft war. Das Hymen war erbalten, aber entzündlich geschwollen, 
WM ein andrer Arzt schon vierzehn Tage früher gleichfalls gesehen luid bescheinigt 
bat:te, und »ein Ausschnitt ungewöhnlich erweitert Au^fluss oder sonstige Abnormitäten 
waren lu'cht vorhanden. Das heutige, eben erst angelegte Ilemde war rein, aber zwei 
froher getragene Hemden zeigten zahlreiche gelbgräuliche 8cbleimdecke. Beide Eltern 
Tersicherteji * dass das Kind längere Zeit einen auffallenden wackligen Gang gezeigt, 
iber über Schmerzen beim üriulasÄen und Stuhl nicht geklagt habe. Ich erklärte, daas 
die Jungfräulichkeit des Wädclieos nnverlelzt, dass es aber unwahrscheinlich sei, dass 
bJoes« Manipulationen mit dem Finger ätaHgefunden hatten. Denn abgesehn von der 
sichtlichen Erweiterung der untern Parthie der Scheide, die durch blosses Anlegen von 
Fingern woh] nicht entstanden sein künne. würde auch tfurch blosse onanistiäcbe Hei- 
zungen niemals eine so lebhafte entssündliche Anechweliung der Geschlechtstheile mit 
ihren Folgen^ abnormer Gang, Sphleimfluss u. s. w, hervorgerufen. Es sei deshalb mit 
fahr grosser Wahrscheinlichkeit anzuneiimen, dass M. mlndeätens V^ersucbe zur Immtäsion 
dflt engirten männlichen Gliedes in die noch so engen Genitalien gemacht habe« wo- 
gegen die Erhaltung des Hymen keinesweges spräche. 

il(>. bia 112. Fall. Nachgewiesene Spermatozoon. 

Von mehrern im Titel bezeichneten Fällen erwähne ich die folgenden, weil genau 
€Üe Zeit feststand, in welcher nach der wirklich aai^geführten That die Saamenfädchen 
in der W&sche entdeckt wurden. 110) Der B 1jährige Angeschuldigte sollte am 10. Ja- 
tiuAr die vierjährige Anna gemissbraucht haben. Nach elf Tagen, am 21aten, unter- 
9ucbl9 ich Hemden und Besen des Kindes und f&nd eine grosse Anzahl Saamenfnd- 
QbeB. 111) Am 12. April hatte der R, (in Pommern) eine erwachsene Person angeb- 
lidi stttprirt Eine Woche später untersuchten wir das uns eingesandte Hemde, das, 
^mim gewöhnlich mit Bluth, Kotb, Urin und Schmutz sehr Terunreinigt war. An der hin* 
^ren Seite be^nd sich namentlich ein Fleck von der Grösse eines nandtellers, der sich 
durch landkartenähnliche Heschaffonheit, Steifigkeit und dunklere Randfärbung wie ein 
3aAioenHeck verhielt In der That wurden darin, trotz der Verpackung und Reiae des 
lleoides, sehr viele noch wohlerhaltcne Spermatozoon nachgewiesen. 112) Gleicbea ge- 
nach sieben Wochen (vom 12 November bis zum 30. December). Die Flecke in 
Hemde befanden sich sowohl an der vordem als an der hintern Fläche. 



113. bis IIB FalL Ob und wann in früherer Zeit ein Stuprum geschehen? 

Wie überhaupt, so kann namentlich die Frage nach der Zeit, in welcher das an- 
^^ebliehe Verbrechen wirklich begangen worden, von grosser Wichtigkeit werden, wenn 
^^Mae Zeit noch in das Alter der Verletzten unter 12, resp. 14 Jahren, also in das 
^^Bchste StrafmaasB fallt, diese Jahre aber 2ur Zeit der Anschuldigung längst vorüber 
^^■&d. Grade dieser Fall trat in der Untersuchung wider H. ein. Der verheirathete Mann 
^^blte die damals ii Jahre 10 Monate alte Auguste in^s Haus gcuommen und angeb- 
^Vbh bjUd nachher und drei Jahre lang fast allnächtlich mit ihr cohabitirt haben, so 
dftse das £ind uass geworden sei. Nachdem später das Mädchen entlassen und Jetzt 
fünfzehn Jahre alt geworden, soll B. neuerlichst wieder versucht haben, ein Ver- 
hältnias mit ihr anzuknüpfen und bat nun seine Ehefrau die Sache zur Anzeige ge- 
bracht. Am 8. Apdl hatte der gerichtliche Wundarzt K. attestirt, das Mädchen sei 



176 Nothzucht §. 18. Casuistik. 114. u. 116. Fall. 

^l&ngst deflorirt, das Hymen zeige rechts in der Mitte und unten einen Töllig vernarb- 
ten Einriss, im obern Drittel links einen noch ziemlich frischen 8 bis 10 Twgt alten 
Einriss, der bei der Berährung leicht blute. Auch sei die Vaginal Schleimhaut sehr ge- 
rothet, entzündet und bei der Berührung höchst schmerzhaft, und das Hemde sei durch 
einen copiosen, gelbgrünlichen Ausfluss sehr gefleckt Der Angeschuldigte, jetzt 55 
Jahre alt, räumt ein, das Kind damals öfters in's Bett genommen, aber, da er xur Zeit 
impotent gewesen sei (!!!) -— er hat in der Zwischenzeit in seiner Ehe drei Kinder ge- 
zeugt! — nur mit den Fingern manipulirt gehabt zu haben. Am 24. April, also 16 
Tage nach dem Wundarzte, untersuchte ich das Mädchen und fand: starken Fluor al- 
bus. Die grossen Lefzen bedecken die nur ganz rudimentair Torhandenen Nymphen; 
Clitoris wenig entwickelt; Introitus nicht, eben so wenig wie die Vagina besonders weit, 
diese aber entzündlich gerothet und die Untersuchung noch heute sehr schmerzbafL Das 
Hymen war nur noch theilweise erhalten und zeigte rechts und links warzenartige 
kleine Carunkeln. Die grosse Gereiztheit und Scbmerzhaftigkeit veranlasste mich zu 
einer ernsten Nachfrage, indem ich der jungen Person das Unhaltbare ihrer Aussage 
klar machte. Nach langem Zögern räumte das sehr verschämte, dumme, kleine, noch 
kindliche, obschon seit einem Jahre menstruirte Mädchen endlich ein, dass eines Abends 
auf der Strasse vor vier Wochen ein Unbekannter sie in ein Haus gelockt habe und 
rasch mit der Hand unter ihre Rocke gefahren sei, so dass sie geschrien habe und fort- 
gelaufen sei. Offenbar war dies nicht der wahre Hergang. Ich erklärte auf die richter- 
lichen Fragen: dass Auguste vor längerer Zeit entjungfert sein müsse, dass aus dem 
Befunde aber nicht hervorgehe, dass die Zerstörung des Hymen schon von den Jahren 
1852 — 54 herdatire, dass sie jedoch aus dieser Zeit datiren könne, dass bei der 
grossen Enge der Scheide nicht anzunehmen, dass ein männliches Glied oft wiederholt 
in diese eingedrungen gewesen sei und dass die Defloration auch durch andere feste 
Körper, namentlich durch Finger, bewirkt worden sein könne. 

114} Allgemeines Aufsehen hatte die Untersuchung gegen einen Rechtsgelehrien 
gemacht, welcher in einer Denunciation, die, wie es scheint, aus sehr schmutzigen Geld- 
interessen geschehen war, behauptet hatte, dass zwei seiner Mündel, jetzt herangewach- 
sen, vor zwölf Jahren, der Knabe von acht mit der Schwester von elf Jahren, blut- 
schänderische Unzucht getrieben hätten, \md dass der Knabe täglich wohl fünfmal (!) 
mit der Schwester den Beischlaf vollzogen habe. Ein jetzt verstorbner junger Arzt 
hatte seiner Zeit attestirt: „dass der Knabe am untern Theile des Gliedes (?) ganz wund, 
dabei blass und welk sei, tief liegende Augen habe, das Mädchen dagegen rosenwan- 
gig, stark und kräftig sei, aber eine weitere Scheide als gewöhnlich habe, und diese 
entzündet sei, so dass anzunehmen, dass der Knabe einen vollständigen Coitus mit 
der Schwester getrieben habe''! (Gewiss ein Muster eines ärztlichen Attestes in dieser 
Materie, in welcher allerdings die merkwürdigsten Fundscheine mir in grosser An- 
zahl vorgekommen sind, was mich hauptsächlich mit veranlasst, hier eine so reiche Aus- 
wahl von Fällen zu geben.) Das jetzt 21jährige Mädchen stellt Alles in Abrede, und 
räumt nur damalige Selbstmanusluprationen ein. Sie fand sich bei meiner genauen Un- 
tersuchung als vollkommen unverletzte Jungfrau und hatte namentlich ein wohlerhalte- 
nes, kreisförmiges, nur am linken Rande schwach gefranztes Hymen. Ich vemeinte 
(natürlich!) auf die mir in der Audienzverhandlung vorgelegte Frage, dass ein achtjäh- 
riger Knabe im Stande sei, am wenigsten mehrere Male täglich, einen „vollständigen 
Coitus* zu vollziehen, und da hiermit die ganze Denunciation in Nichts zerfiel, so wurde 
der Angeschuldigte, in Mitbetracbt der übrigen ihm zur Last gelegten Vergehen, zu 2| 
Jahren Gefangniss, 500 Thalern Geldbusse und dreijährigem Verlust der bürgerlichen 
Ehrenrechte verurtheilt. 

115) Nicht so entschieden konnte das Gutachten abgegeben werden in einem an- 



Widenutorliche Unzucht §. 19. Allgemeines. 177 

dem Falle, in welchem ein Vater angeklagt war, vor einem Jahre den „Versuch ge- 
macht zu haben, sich mit seiner leiblichen Tochter fleischlich zu Termischen*. Das 
jetzt 12^ Jahre alte Kind war gesund, die Genitalien durchaus normal und das hier 
sehr fleischige Hymen vollkommen unverletzt Gutachten: dass mit Gewissheit anzu- 
nehmen, dass an der H. ein Beischlaf noch niemals vollzogen worden, dass jedoch 
darüber, ob vor einem Jahre ein blosser Versuch zu einer fleischlichen Vermischung 
mit dem Kinde untemonunen worden, die Untersuchung der Ctoschlechtstheile desselben 
weder einen Aufschluss gegeben habe, noch jetzt mehr habe geben können. 



Drittes Kapitel. 
Streitige widernatürliche ünzaoht 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Hordd. Strafgetetsb. §. 17&.: Di« widernatfirliche Unxiicht, welche switcheo PereoDen rnlai- 
UelMB OMehleehte oder too Menechen mit Thiereo begangen wird, tat mit GeAiigniat aa beatrafes, aceh 
^aan auf Verlnat der bfirgerliclien Bbreoreehte erkannt werden. 

Oastarr. Strafgea. f. 129.: Ala Verbrechen werden auch die nachatehenden Unanehtan beatraft: 
Vnsaekft wldar die Natnr, d. L a) mit Thieren ; b) mit Personen deaaalben Geaehlaehta. 

Balaraehea Strafgea. Art SU. sprieht Tom Miasbraaeh einer Peraon m&nnli eben oder weiblieban 
Q«a«faleebta an wider natfirlicher Wollnat. 

Wirten b. Straf g. Art. 998.: gleiche Strafe Ter wirkt, welcher eine Frauena- oder Manna- 

9«non aar natorwidrlgen Befriedigung dea Geichleehtatdebea dorch Anlegung tob Gewalt, gefihrliche 
Bedrohnng oder argUiüge Bet&nbung ihrer Sinne gemiasbraueht hat, 

VergL auch die oben 8. 105 achon angeführten §§. 174. und 176. 3. dea Nordd. Strafgeaetabuehs. 



§. 19. AllgeHelnes. 

Die alten, zahlreichen, gelehrten strafrechtlichen ErOrteningen und 
Streitigkeiten über die zweckmässige Begrenzung der Begriffe: Unzucht, 
widernatürliche Unzucht, Sodomie u. dgl. , die noch fortwährend selbst 
in den richterlichen Erkenntnissen in den verschiedenen Instanzen ver- 
schiedene Ansichten hervorrufen*), berühren die gerichtliche Arzneiwis- 
senschafc nicht. Diese hat vielmehr nur Eenntniss zu nehmen von je- 
nen Arten der unnatürlichen Wollustbefriedigung, gleichviel welchen Na- 
men Bechtswissenschaft und Strafgesetz ihnen beilegen mögen, welche 
mehr oder weniger Spuren am Korper hinterlassen, die im streitigen 
Falle als Beweise gegen den Angeschuldigten benutzt werden kOnnen, 



*) Einen Beweis hierfür und die Entscheidung unseres obersten Gerichtshofes s. im 
Arch. f. prenss. Strafr. V. 2. S. 266. 

C asper 'a gerichtl. Miü. 5. Aufl. I. 22 



178 



Widemutiirliche Unzucht* §• 19* Allgememe». 



und zu deren Ermittelimg dann natürlich der gerichtliche Arzt vom Rich- 
ter aufgefordert werden wird und mu88. Es fragt sich hiemach nun, 
welche unter den äusserst mannigfachen Geschlechtsverirrungeii, welche 
die Phantasie des Menschen zu allen Zeiten und in allen Ländern in 
erschreckender Anzahl ersann, gehören in die obige Kategorie, also zur 
Competeuz der gerichtlichen Medicin? und welche diagnostische Hülfs- 
mittel für die Herstellung des Beweises bietet unsre Wissenschaft bei 
diesen widerwärtigen Handlungen ? Die Schriftsteller berühren das Thema 
nur sehr oberflächlich und ganz traditionell, beides aus sehr erkliU-li- 
chem, gänzlichem Mangel an eignen, glücklicherweise so selten und nur 
in den grössteti Hauptstädten zu machenden Naturbeobachtungen*). Auch 
hier sind deshalb durch das kritiklose Abschreiben die grössten dia- 
gnostischen Irrthümer verbreitet worden. Ich halte mich verpflichtet^ die- 
selben zu berichtigen und meine Erfahrungen in allen denkbaren 
derartigen Se^heusslichkeiten, die sämmtüch aus dem frühsten Alterthum 
auf die Jetztzeit überkommen sind, mit jener Zurückhaltung, die der 
Gegenstand erheischt und mit der Beschränkung auf das für die Praxis 
Allernothwendigste, hier bekannt zu machen. 



•) Seit der zveiton Auflage dieses Werks bat A. Tardieu in Paris in d«B 
Ua d'fi;^. 1858 Bd. IX. (auch separat abgedruckt, Paris 1858) eine Etüde midieo- 
Ugale sur les altentats aujc moeurs bekannt gemacbt, worin auch der Päderaatia Erwmb- 
nung gescbiebt Des Verfassers Studie beruht auf mehr ala 200 Untersucbunf^en TOn 
Subjecten, die bnudenweise vereinigt waren und aufgehoben wurden« Man er^brt dar* 
aus zunächst, dass in Paris diese GeschleebtsverirruDg bei Männern von Bosewicbtsrs 
SU BetTTtg« Gelderpressung, ja zu Raubmorden benutzt wird, wozu eben dergleichta 
Banden sieb vereinigen. Schon diese Thatsache hätte den Verfasser daxauf hinfubran 
müssen, da^s ein grosser Tb eil seiner Falle als Untersucbungsobjecte tu streichen war, 
der nur die Werkzeuge betraf, die stu jenen verbrecherischen Zwecken von den Leiten 
benutzt wurden. Ein anderer nicht gerioger Tbeü ist überall zu streichen, alle «lte)e* 
nigen nämlich, die nur zu ooanislischen und ähnlichen Zwecken benutzt werden, wdcbi 
folglich gar keine Untersucbungsobjecte liefern können, wie wir oben weiter iosflbr«D. 
Aber Tardieu hat seine Abhandlung auch sonst mit mehr Eifer für den 
Gegenstand und mit mehr Phantasie, als mit der nothigen nnbefangenen Kritik 
bin* So nimmt er z. B. bei activen Päderasten als »wenn nirbl immer, doch oft, 
m4as8en (sie!) characteristisch ein GJied an, das sich nach der Eichel mehr aad 
verdünnt und um sich selbst gewunden ist, so dass der Urinstrabi nach rechU od«« 
linka geht", was er aus der schraubenförmigen Immission erklärt, die beim Widarsti^^ 
det Sphincter ani erforderUch wird! Eine solche Angabe richtet sich selbst 



$. 20. Pädera&tia. 



179 



§. 20. Paderistifi, 

ScLon der Name (Knaben- oder Jünglingsliebe) passt nicht für diese 
WoUnstbefriedignng zwischen männlichen Individuen, denn wir werden 
in der Casuistik Fälle von gegenseitigen Päderasten viel höherer Le- 
bensjahre anfuhren. Das „schauerliche Geheimniss", wie ein geistvoller 
öffentlicher Ankläger es in einer Audienz psychologisch sehr richtig be- 
zeichnete, und das noch weit geheimoissvoller erscheint, wenn man aeine 
Tiefen kennen gelernt hat, ist asiatischen Ursprungs und wanderte über 
Creta nach Griechenland, wo dann in späterer Zeit Athen besonders 
berüchtigt dafür wurde (^griechische Liebe"). Von Gross -Griechenland 
kam die Päderastie nach Rom, und von den scheusslichen Verbindungen 
ond Scenen, wie sie namentlich unter Tiber, Caligula u, s. w. vor- 
kamen, haben die alten Dichter und Schriftsteller der Nachwelt Kunde 
gegeben. Ihre Schilderung der Folgen am Körper, welche diese und die 
ähnlichen Verirrungon hinterliessen, sind zugleich die sichersten Beweise 
für das Vorkommen der Syphilis schon im Alterthum*). Das Laster 
ist aber weder durch Christenthum ,, noch durch Civilisation und Straf- 
ge-setz getilgt worden. Gewiss aber ist es höchst bemerken swerth, zu 
eben, wie im Laufe der Zeiten sich die Ansichten der Strafgesetzgeber 
über dies geheimnissvolle Laster geändert, wie mit dem Fortsehreiten 
der CivUisation das ürtheil über derartige Sünder ein immer milderes 
geworden ist. Im Alterthum und bis in unsere Zeiten (Eogland, Ame- 
rika) mit dem Tode bedroht und bestraft, wurde ihnen schon nach dem 
Preussischen Strafgesetz der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 
(Tbl. II. Tit 20. des Pr* Allg. Landr.) nur langjährige Zuchthausstrafe 
und «ewige Verbannung aus dem Orte, wo ihr Laster bekannt gewor- 
den^ angedroht* Bei der Zuchthausstrafe wenigstens sind auch die mei- 
sten der neuern Gesetzbücher noch stehen gebtiebeo, so namentlich auch 
das Baiersche Strafgesetzbuch von 1861 (Art 214.;^ dagegen war das 
PreuBsische Strafgesetz (§ 143.) bereits bis auf eine emfache Gefäng- 
nissstrafe, in minimo bis auf sechs Monate herabgegangen, und das 
Norddeutsche Straf - Gesetzbuch hat auch dieses Minimum von Sechs 
Monaten beseitigt, und bestraft einfach mit Gefängnissstrafe, welche be* 
kanntlich in minimo 1 Tag, in maximo fünf Jahre beträgt (§, 16* Nd. 
St-G.), Kann daraus nicht gefolgert werden, dass im ferneren Lauf 
der Zeiten die Päderastie ganz aus den Strafgesetzbüchern verschwin- 



*) s. für das ganze obige Kapitel als gelehrte utid lehrreiche Quelle; Boseu- 
biuiDt die Lustsecucbe im Alterthum. Halle 1839. 8. 

12* 



§. 30. Hiiienisfcte. 

den werde, wie der Entwurf zum Oeßterreichischen Strafgesetzbuch be- 
reits keine Strafandrohung mehr für die in Rede stehenden Handlangeo 
enthält? Die Frage ist bei Gelegenheit der EmaniruDg des Norddeut- 
schen Strafgesetzbuches discutirt worden und erhebliche Zweifel gegen 
die Wiederaufnahme des betreffenden Paragraphen sind ron der wissen- 
schaftlichen Deputation geltend gemacht worden. Die gosetzgeberiscben 
Faetoren haben indess an der Strafbarkeit festgehalten und die Hotave 
rechtfertigen dieselbe damit, dass das Rechtsbewusstsein im Volke 
diese Handlungen nicht bloss als Laster, sondern als Verbrechen be- 
urtheile, und der Gesetzgeber diesen Rechtsanschauungen Rechnung tra- 
gen müsse. 

Bei den meisteUj die ihm ergeben sind, ist dies Laster angeboren^ 
mindestens die anomale Geschlechtsrichtung bis in die Kinderjahro hinab 
zu verfolgen, und gleichsam wie eine geistige Zwitterbildung. Diese ha- 
ben einen wahrhaften Ekel vor geschlechtlicher Berührung von Weibern 
und ihre Phantasie ergötzt sich an schönen jungen Männern, und an 
Statuen und Abbildungen von dergleichen, womit sie sich gern um- 
geben und ihre Zimmer schmücken. Bei dieser zahlreichen Klasse 
von Päderasten wirkt also nicht eine verderbte Phantasie, eine Entsitt* 
lichung durch üeberaättigung im naturgemässen Geschlechtsgenoss, wk 
diese allerdings bei nicht wenig Andern das Agens wird. Ana eindOl 
solchen eingebomen Drange — dem traurigen Vorzug der Meosdieii- 
species, denn meines Wissens kommt etwas derartiges im ganzen Thier- 
reich bei männlichen, resp, bei weiblichen Thieren, (denn auch für die 
Tribadie gilt ganz dasselbe!) nie und nirgends vor — aus dem eingebor* 
neu Drange erklärt es sich auch, warnm sehr viele Päderaaten eber 
mehr platonischen Wollust fr5hnen, mit einer Gluth, heisser, als die 
naturgemässe in den verschiedenen Geschlechtem, sich zu dem G^geii^ 
Stande ihrer Sehnsucht hingezogen fühlen*), dass sie ihre Befrie 
in andern Fällen in blossen gegenseitigen masturbatorischen Reiat; 
finden, die natürlich für die etwaige gerichtsärztliche Feststellung 
entdeckbar sind, wogegen solche Individuen die ekelhafte Befriedig 
per anum^ die einzige, die auffindbare Spuren am Körper hinterls 
kamn, nicht selten perhorresciren, Dass diese anomale GeschlechtsricB^ 
tung Symptom eines psychopathischen resp. neuropathischen Zustande 
sein kann und vielleicht (yfter ist, als gemeiniglich angenommen wird, 
betont Westphal'*), Gewiss aber ist ferner und für die ärztliche £xplo» 



*) Vgl. die ScbriftdQ von NumuNumaatiaä« Aatliropologisch« Studien 

mazmm&nnlidie Qetchleebtsliebd. Incubus. Leipzig 1869. (N. bt selbst P&dermjtO 

**) Die €4)utr$r« Sexual eiopfiudung. Archi? für PsycbUtHe etc. Bd. 0, Heil I. 



f. 20. Piderastie. 



181 



ration bemerkenswertli, dass nicht wenige der sigentlicheD Päderasten, 
die anf jeoe mechanische, beischlafsähiiliche Weise sicJi befriedigen, zq- 
gleicb heute activ agiren und morgen sich passiv hingeben, heute sich 
als Manu, morgen als Weib fühlen, heute sich einen männlichen, mor- 
gen einen weiblichen Vornamen geben! Man wird bei jeder ärztlichen 
Untersuchung eines angeschuldigten Individuums hierauf zu achten ha- 
ben, denn wie wenig irgend zuverlässig auch die Zeichen der activ en 
Päderastie sein mögen, so kann doch eine Complication von Umständen, 
2. B, eine syphilitische Form u* dgL, zur AufbeUang des Falles dienen, 
wenn man vielleicht nach ziemlich festgestellter Diagnose der passiven 
Päderastie, nun auch noch Spuren einer activ getriebenen bei demsel- 
ben Individuum findet. 

Bei andern Männern dagegen ist die Neigung zu diesem Laster 
eine im Leben erworbene und eine Folge der üebersättigung in den 
natürlichen Geschlechtsgenüssen, Bei solchen Subjecten ist es nichts 
Unerhörtes, sie in ihren grobsinnlichen Neigungen zwischen den Geschlech- 
tern wechsehi zu sehn! Auch nach venerischer Ansteckung bei Frauen- 
2immem, sah ich einen Menschen angeblich aus Furcht vor erneuter An- 
steckung zur Päderastie übergehen. (Er war ebenfalls ein schwachsin- 
niges Individuum.) In allen grossen europäischen Städten schleicht das 
Laster für den Uneingeweihten im Finstern umher: aber es scheint 
keinen bewohnten Fleck zu geben, wo es nicht gefunden würde. Für den 
uneingeweihten, sage ich, denn schon im Alterthum hatte die Bröder- 
Schaft ihre Erkennungszeichen. Der passive Theil (Pathicus, Kinaede, 
Androgyn*) hatte schon in Griechenland seine Zeichen, womit er den 
activen lockte, seine weibische Tracht, seine weibisch geflochtenen Haare 
u. 8* w. Aber Aristoteles, Polemon, Aristophanes, Lucian 
u. A. geben auch Kennzeichen an, um an Gang, Blick, Haltung, Stimme 
Q. a. w. den Pathicu^ und den Päderasteo zu erkennen. Untereinander 
erkennen sich diese Menschen, die man übrigens in allen Schichten der 
Gesellschaft, keine einzige ausgenommen, findet, noch heute sofort. „Wir 
finden uos gleich'*, sagt der Verfasser des unten folgenden Bekenntnisses, 
,es ist kaum ein Blick des Auges, und hat mich bei einiger Vorsicht 
noch nie getänscht. Auf dem Rigi, in Palenno, im Louvre, in Hoch- 
sebottland, in Petersburg, bei der Landung in Barcellona fand ich Leute, 
die ich me gesehen und die ich in einer Secunde erkannte" u« s. w.ü 
Aber diese subjective Diagnose existirt nicht für den Richter und Arzt, 
^ieht wenige solcher, mir bekannt gewordener Männer pflegen freilich 



*} Dm8 das Wort dieee Bedeutung hatte, darüber siebe Rosenba um a. a* 0, 



8. 175. 



182 §. 21. P&derftstie. 

allerdings ein mehr weibisches Aeussere zn haben, was sie in ihrer 
Art sich zu kleiden nnd zu putzen und zn schmficken darthnn. Aber 
ganz unzweifelhafte Päderasten stellen sich auch nnter ganz andern For- 
men dar, nnd sehen, znmal ältere Männer, viel eher schlaff, träume- 
risch nnd in ihrer Eleidaog nnd Haltung vernachlässigt ans, wie sieb 
endlich Päderasten aus der niedern Klasse in ihrem Aeussem in Nichts 
von Andern ihres Standes unterscheiden lassen. In Beziehung auf das 
psychologische Moment und auf den ganzen äussern Habitus kann ich 
sonach den Satz des alten Römers P. Zacchias, der als wirklich er- 
fahrner Beobachter spricht, wie ich noch zeigen werde, dass „medici de 
hac re facile veritatem pronuntiare poterunt^ nicht unterschreiben, selbst 
„magna cautela adhibita, non neglectis etiam conjecturis et praesump- 
tionibus, etiam quae extra artem haberi possunt^. 



§.21. SelbstbekeMCoisse eines Paderastea. 

Bereits in den Novellen zur gerichtlichen Medicin hat Gas per ein 
ihm anonym zugegangenes Schreiben eines der Männerliebe ergebenen 
Mannes veröffentlicht, welches ich seiner psychologischen Wichtigkeit 
wegen hier reproducire. 

Der Schreiber characterisirt sich als Mann von Bildung und Er- 
ziehung, als Weltmann und den hohem Ständen angehörig. In vielen 
Stücken stimmt dasselbe mit den Aufzeichnungen in den Tagebüchern 
des alten Grafen Cajus (Casuistik), des inveterirtesten Päderasten, 
völlig überein, was eine werthvoUe Bestätigung seiner Innern Wahrheit 
abgiebt. 

„Es sind bereits Jahre, als a\is Ihrer Hand ein Aufsatz erschien*), der ein seltsa- 
mes Aufsehen erregte; damals schon wünschte ich mir erlauben zu können, an Sie xu 
schreiben, doch in dieser argwöhnischen Zeit, wie konnte ich da wissen, ob ich dem 
Arzte oder Gerichtsarzte schrieb. Heute, wenn meine Worte für Sie copirt werden, 
bloht italischer Himmel über ein leidendes Menschenherz; wenn ich heimkehre, dann 
suche ich wahrscheinlich, ein alternder Mann, das Grab meiner theuren Mutter, die 
keine Ahnung von meinem Elend hat und meine Vaterstadt ist mir eine fremde ge- 
worden. Verzeihen Sie mir, wenn mich die Stunde eines langen Abschiedes, die Er- 
innerung an eine jahrelange Verstellung und Qual weich und etwas breit macht, doch, 
Herr, grade Sie in Ihrer Stellung können ja so viel für einen armen Pariah thnn, nnd 
ein gelöstes Glied an dieser Kette der Verachtung ist schon für uns Gewinnt — Ver- 
zeihen Sie auch, wenn ich voransetze, dass ich die Liebe ausgezeichneter Menschen be- 



*) Der Verfasser meint die Abhandlung über Nothzucht und Päderastie in der 
Vierteljahrsschrift I. I. 1852. 



f 31. Plderastie. 



18S 



«lue, 4iS8 icli jedertait weg«n meinea chnstlichen Wandels, meiner Milde und Men- 
BcbenlJebe toq meiDen Leuten verehrt wurde, dass ich, Gott ist in dieser Stunde ge- 
genwirÜ^, nie wissentlich Böses Ternbte, dass kb huudertmal zu Füssen gesunken, um 
Lösung gefleht und nichts gefunden habe, als Alles: den Trost des Evnngeliuins und 

wie ich tot Gott um des Einen willen kein Sünder sein könne. Als ein 

Schullmabe rom seht Jahren sass ich neben einem etwas älteren Enat>en, wie glücklich 
war ich, wenn er mich berührte, es war das erste unbestimmte Gefühl einer Neigung» 
die mir bis zu meinem neunzehnten Jahre ein Geheimniss war Nie habe ich onanirt, 
nie mich in der Schule mit anderen Knaben befleckt; ich hatte einzelne, zu denen ich 
eine unbezwingliche Neigung empfand, an die ich meine Verse richtete. Ich war fast 
achtzehn Jahre, als mich ein geliebter Freund, der meine Tugend verspottete, zu einem 
Frauenzimmer nahm. Ich empfand einen tiefen Ekel, denn ich war noch ganz uoschul* 
dig (und Sie würden das glauben, wenn Sie heute ^ nach fast 7.wolf Juhren des Ge- 
nusses, meinen ausgezeichneten Korper, den Ausdruck von tugendhaftem Lübeuswandel, 
wie mir Jeder sagt und Jeder es glaubt, sähen), dennoch schämte ich mich so sehr Yor 
meinem Bekannten, dass ich das Mädchen wiederbolentlich besuchte. — Nie aber em- 
pfand ich einen Genuss wie meine Freunde ihn halten, ich rousste an sie denken « um 
nddi tu befriedigen. — So trieb ich es länger als ein Jahr; ich zwang mich zu den 
ladchen und wurde von ihnen förmlich verfolgt; immer unglücklicher wurde mein Zu- 
stand. — Meine Jugendfrische verschwand, ich konnte die Abneigung, di© ich gegen 
d«D Genas bei Frauen empfand, nicht mehr überwinden und mied sie über ein halbes 
Jahr, immer aufgeregt« wenn ich einen hübschea Mann sah, wie seit meinem achten 
Jahre* — Es war ein qualvoller Zustand; ich war so onendlieh unglückhch, weil ich 
mich für das einzige so seltsame Wesen hielt; mehr wie einmal lag die Pistole vor mir; 
nur meine religiöse Erziehung rettete mich vor einem Verbrechen, Keine Beschreibung 
worde ausreichen, Ihnen dieses Unglück des Wahns^ allein mit solcher Neigung zu seiot 
m schildern und seltsam! wenn unter meinen Bekannten über so „gemeine Menschen" 
gascbimpft und gerichtet wurde, schimpfte ich ahnungslos mit, denn ich dachte ja nicht, 
dass meine Oefüble solche seien, sondern hielt sie immer noch für Sehn^^ucht nach 
Freundschaft und dachte mir einen Genuss unmöglich, obscbon meine Verlangen immer 
sinnlicher wurden. — Sie mögen jetzt lachen, dennoch spreche ich die reine Wahrheit: 
in meinem Trübsinn warf ich mich vor Gott in den Staub — lassen wir es auch den 
Teufel gewesen sein: aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut, dass ich 
meinte, sie im Zimmer zu hören: „Gehe nach den Linden!" — Selten oder nie hatte 
ich die innere Promenade betreten; es war vor achtund vi erzig und die Beleuchtung 
wobl nicht so glsniend wie beute. Ich ging unbewusst und hatte die Worte längst 
vergessen, — Nach einiger Zeit gesellte sich ein Herr zu mir; er sprach mir Hebens- 
würdig und wir gewannen den T hier garten Ich empfand ein wunderbar seliges Gefühl 
als er mich an sich zog, mich leidenschaftlich kösste und endlich mich angriff und 
durch Onanie meine Natur befriedigte. — Jetzt aber bemächtigte sich meiner eine wahre 
Verzweiflung, ich weinte vor Scbaam, als sich der Fremde verwundert zu mir wandte; 
«Was gebehnlen Sie sich so? das thun ja Hundertel** Nie in meinem Leben habe ich 
je wieder, Gott vergebe es mir! ein so seliges Wort gehört, es war mir, als erwachle 
ich zu neuem Leben und ich «nirde neu geboren! Der Fremde theilte mir Vieles mit, 
wovon ich einiges nachfolgen lasse aus eigener Erfahrung. Acht Tage jedoch wagte 
ich nicht die Promenade zu betreten, ich war von Allem so angegrifen, die wenigen 
Tage hatten mich (war^m soll ich es nicht schreiben, es ist mir hundertmal gesagt wor- 
den) za dem Apoll gemacht, der ich noch heute Vielen bin, und deanoch, ob ich wohl 
eine interessantere Geschichte denn Ninon schreiben könnte, hat mich alle Verehrung, 
abetung könnte ich es nennen, nur demüthiger gemacht und meine Stimme so leise 1 i?) 






184 



}. 2L P&derasÜe. 



Ja, mein Herr! denn es haDdell sich hier darum, dass die Wissenschaft «dich« und 
fielleicht neben dem Wunderbaren in der Natur auch dies anerkenne ^ ja» alle Ver- 
ehrungen und Huldigungen, die je eine schöne Frau empfangen, aind mir geverdeo. 
Zu meinen Füt^sen schmachteten Prinzen und Männer von Geist, auf die Europa iloli 
ist, ich habe Hunderte von Männern, weit über meinen Stand, begluckt, habe die 
dersamMen Liebesabenteuer erlebt! — Und dennoch leide ich, leiden Hundeiit 
der tiefsten Verachtung, in einer Neigung, gegen die alle Moral, alle Religioxi, Weib 
Umgang nichts hilft; ach, ich spreche es nicht aus mir; aus Vieler, Vieler Munde bäbe 
ich das! Und nie habe ich einen Bekannten, als aus guter bnrgeriicher üaselbdiill 
mindestens, gehabt. — 

Also, ich betrat nach acht Tagen die Promenade der Linden wieder und 
eine Bekanntschaft, die auf mich den grössten Elnfluss hatte; es war eine Jugend 
sehöne Persönlichkeit der höchsten Gesellschaft, jetzt seit Jahren todt und glückli^tli! 
Wir Hebten uns bald zärtlich, auf diente Weise lernte ich nach und nach mehrer« Lm- 
densgenossen kennen — Ich ging nach England, nachher begrub ich meine Liebe, — 
Sj^ter ferweUte ich öfter in Paris, in Italien, Wien, überall fand ich uns Armel — 

Und man ^Ihnt uns alt, hässlich, abgelebt, der Ausschweifung müde. Kie beibe 
ich mich der Umarmung eines alten Mannes hingegeben; wir haben unsere Neigimgeii 
so gut wie die Frauen; ich könnte dreissig solcher Männer nennen, die als SchoilMM 
ersten Ranges gelten würden, tugendhaft, wohllhatig und üebeuswürdig sind. Sit 
müssen jedoch nicht wähnen, diese Neigung sei allzu verbreitet. nein! Die ^ntife 
Natur hat uns einen gewissen Instinct Terliehen, der uns, gleich einer Emder»^«!!, 
vereint; wir finden uns gleich, es ist kaum ein Blick des Auges, wie ein electriielltfr 
Schlag, und hat mich bei einiger Vorsicht noch nie getäuscht« Ich kenne hier in 
Wenige, par Renomme Einige. — Auf zehntausend Seelen mag wohl nur ei 
arme höchstens kommen: natürlich drängen sich in Paris und Neapel derglckbefi Fv* 
sonen mehr zusammen. Sie müssen auch nicht glauben^ wir trieben Päderastie, Kit 
habe ich das gethan und verabscheue mit Vielen, den Meisten diese Neigung. Wir t»e* 
friedigen uns durch Küssen urd gegenseitiges Anfassen der Schaam. Oft ist def Reis 
so gross, und ich habe dies oft bei mir aus Erfahrung gefunden, dass die Saameciif' 
giessung durch die reine Umarmung erfolgt, — Allerdings leugne ich die Pidetriftie 
bei einigen ausgearteten hasslichen Menschen nicht, diese kaufen auch manchmal den 
Geouss von Leuten, die sich dazu hergeben, und kommen eben zu Uebenreiaungen, vie 
iO viele bei den Frauen dazu kommen. Wir aber lieben uns, wechseln wohl uoitr iiB* 
ander und ab und zu ist auch ein Alberner, der da sagt: man verbrannte ioasl tmA 
Hexen, auch unsere Zeit wird kommen. Nein, sie wird und kann nicht kommoD, ihm 
Sie, Herr Geheimer Rath, üben Sie Mitleid mit so armen Wesen, wenn ein VonirtM 
sie zu Ihnen bringt ; sei es ein Irrthum der Natur oder ein Becher schwer zu pfvfei- 
den Geheimnisses; glauben Sie: wir kuonen nicht dafür, können nicht gegen die Nalor, 
ich habe Alles das, die tiefsten Kämpfe von mehr denn hundert jungen Lettin f^ 
lebt* — Schrecklich, wenn dieser Schleier sich erst in der Ehe lüftet; Choiaed PraiKli 
steht nicht so furchtbar da, wenn schon er ein gemeiner Verbrecher war/^ Idk hesttfc 
Manchen, der seufzt, und manche junge Frau, die dadurch unglücklich ist: ist die H^i« 
gung, das ßewusstsein erst erwacht, kein Pflichtgefühl hält dagegen Stand* Wie 
gani anders wurde mancher grosse, mancher kleine Mann beurtheüt «erden) wöMlti 



•) Der Henog von Praalin, der bekanntlich in Paria eeine Gattin Tor 
Jahren auf die grftaslichste Weise ermordete. Dass derselbe Piderast gewe^i 
man luertt ans diesem Briefe. 



§. 22. Päderastie 185 

des Grames, des Ehrgeizes, des Feiems Quell. — Glauben Sie, wir sind im Allgemei- 
nen bessere, begabtere Naturen, als die Anderen; (!) wie mancher ist mir in tiefer Me- 
lancholie schon weit in den Zwanzigern begegnet, den ich über seinen Zustand aufge- 
klirt; wurde er auch nicht viel glücklicher, so war er doch keine , wilde Bestie' seinem 
Gewissen gegenüber, natürlich war ein Ehemann, Gott gelobt 1 nie darunter. W&re un- 
sere Sünde so gross, wie konnte ein Plato, Julius Cäsar, Friedrich, Gustav der Dritte, 
80 Viele sie ausgeübt haben; waren Winckelmann und Platen gemeine Naturen? Wir 
haben meistens schöne Augen und das Auge ist doch etwas der Spiegel der Seele! — • 
Auf dem Righi, in Palermo, im Louyre, in Hochschottland, in Petersburg, ja, bei der 
Landung in Barcelona fond ich Leute, die ich nie gesehen, die in einer Secunde 
an mich gebannt waren, ich an sie, kann das Verbrechen sein? Wir waren 
selig, glücklich, dankten Gott, ich sehe sie vielleicht nie wieder, aber ich denke oft an 
sie, sie an mich so oft, nie werden wir uns vergessen. — Auch jetzt eile ich in einem 
solchen Verhältniss dem Süden zu; man liebt mich, ich habe seit meiner todten Liebe 
nie tief empfunden (denn auch wir haben tiefe, ja tragische Neigungen), in dem freien 
Italien denkt man etwas leichter; meine Familie quält mich mit glänzenden Heirathen; 
soll ich eine Frau unglücklich machen, könnten Schätze für mich Wertb haben, ich 
könnte davon wie ein Crösus besitzen. — Herr Geheimer Rath! man sagt, Sie seien 
ein edler Mensch und glücklicher Vater. — Lehren Sie Ihren Kindern die Welt mit 
mildem Blick betrachten (!!) und Cbateaubriand's Worte kommen mir: „Que penseriez- 
Tous donc, si vous eussiez ^t^ temoin des meaux de la societe, si, en abordaot sur les 
livages de TEurope, votre oreille eüt ^t^ frappee de ce long cri de douleur, qui s'el^ve 
de eette vieille ierre.' — 

Zwar gehöre ich selbst einer edlen Familie an und mehr als ich brauche ward mir 
zn Theil, dennoch sehe ich im Geringsten meinen Bruder, so ist es fast bei uns Allen, 
ich habe Handwerker in den Häusern von Herzogen gesehen, frei sich bewegend — 
also nur weil wir Ausgestossene, sind wir Menschen! Vielleicht wären wir anders ge- 
meinere Naturen geworden.*' — 

Dies gewiss merkwürdige Bekenntniss bedarf keines Commentars. 
Nur nm Missverständnigsen zu begegnen, die in der Praxis irre leiten 
könnten, mnss ich bemerken, dass nicht alle Päderasten, die vor den 
Richter and den Gericbtsarzt gestellt werden, solche „religiöse, edle Na- 
turen" sind, wie der Briefschreiber sie schildert. Sind mir auch nicht 
bisher Mörder vorgekonmien, wie sie Tardieu*) in Paris in den Ban- 
den gefanden, die das Laster blos benutzen, um ihre Opfer zu umgar- 
nen, 80 habe ich doch zahlreiche gemeinste Naturen aus der Hefe des 
Volkes zu beurtheilen gehabt! 



§. 22. Diasom. 

A, Die passive Päderastie. Es ist einleuchtend, dass auch bei 
m&imlichen Individuen, die sich ganz unzweifelhaft hingegeben haben, 
^i'a Anfange Spuren so wenig am Körper zu erwarten sind, als gefun- 
d^xi werden, was nicht selten in der Praxis vorkommt. Gewöhnlich aber 



*) litnde med. legale sur les attentats aux moeurs. 5. ed. Paris 1867. 



186 



Päderastie, f 22, Di&^oae, 



hat ein längerer Verkehr Statt gefunden, ehe derselbe entdedtt wird, 
und dann kann man in manchen Fällen ein gewisses, in andern viel- 
leicht ein ürtheil mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit abgebeiL 
üeber den Wenh der Befände zn diesem Zweck bemerken wir folgen- 
des; 

1) Die allgemeineGesnndheit. leh stelle mit Entschiedenheit 
wiederholt in Abrede, dass, anch selbst bei längerm Hingeben, wie alle 
theoretischen Schriftsteller behaupten und wie selbst Tardieu, aller- 
dings mit ZnrückhaUnDg annimmt, sieb Allgcmeinleiden manaigfachor 
Art ausbilden, Abmagening, Tnbercnlose u, s. w,, denn die nnzweifel* 
haftesten Gegenbeweise stehen mir zur Seite.*) Erwägt man aber , dast 
bei solchen verächtlichen Individuen, die sich als förmliche Prostitoirte 
Männern Preis gebeo, Nachtwachen, Trunk, onanistischc Schwächunf 
und ähnliche Momente nothwendig mehr oder weniger mitwirkend 
den, so wird man zugeben wollen, dass bei Einzelnen, wobei obeneta 
doch auch die resp, Krankheitsanlage noch zn erwSgen bleibt, allgemeine 
Krankheiten beobachtet werden können und vorgekommen sind. Ein 
innerer Zusammenhang mit der Päderastie an sich findet aber hierbei 
keinesfalls Statt, und möge sich kein Arzt zu einem irrigen UrtheU Ter* 
leiten lassen, wenn er — wie es uns sehr oft begegnet — einen der 
passiven päderastischen Prostitution Beschuldigten mit rotben Backen 
und strotzender Gesundheit vor sich sieht. 

2) Die Beschairenheit der Hinterbacken. Ein fast wertblo8es 
Zeichen. Bei jungen kräftigen Kynäden (passiven Päderasten) findet : 
sie oft sehr gewölbt und fleischig, angemessen dem allgemeinen Kör 
habitns, aber ebenso oft in andern Fällen und bei weniger kräitigeo« 
zumal bei alternden Individuen ganz gewöholich beschaffea, (vgl. sab 4,), 

3) Anus infundibiüformis, eine trichterförmige Einsenkung dee Af- 
ters, nennt Tardieu „ein fast beständiges und ungemein beweisenden 
Zeichen der passiven Gewohnheiten der Päderasten", Diese Beschaffen- 
heit des Afters, die gar nicht fibersehn werden kann, habe ich mit Ai 
nähme eines einzigen Falles nicht angetroffen. Tardiea's Beobacbt 
gen sollen damit nicht in Zweifel gezogen werden, nur als «bestäodigM^ 
Symptom kann ich diesen trieb terförmigen After nicht gelten laasaa. 
Tardieu sagt übrigens selb t: dass er bei sehr fetten und bei sehr ma- 
gern Individuen „oft fehle**. Wenn er aber meint, dass ich, trotz 



*) Aach Pölaki der in Persien, wo die Päderastie ganz EUgemein und 
berrscbt, yiele ßeobachtungen gemacht hat, bemerkt, dass ihm wenige phy9lacba FotfHi 
Torgekommen , und aennt als solche nur bleiche Gesichtsfarbe (?) und ein weibij 
Ausaehen. Wien. med. Wocbenscbr, 1861. S. 629. 



P&der&stie. $. 22. Diagnose. 



187 



aes Widerspruchs, dennoch Werth auf dieses Zeichen lege, weil das 
von mir so hoch gehaltene Zeichen einer 

4) dntenförmigen Einsenkung der Nates zum After hin 
Dichts als eine Varietät des Anus infundibiliformis seij so waltet hier 
ein MigSTerstSndniss ob, das zur Vermeidung von Irrtbümern aufgeklärt 
werden muss. Der Trichter- After betrifft die Beschaffenheit des Mast- 
darms, die dutenförmige Einsenkung betriffl die Hinterbacken, Passive 
GewohnheitS'Päderasten zeigen diese Einsenkung wirklich fast con- 
8 taut Man sieht sie oft schon, ohne dass man die Nates auseinan- 
derlegt, besser nachdem dies geschehen. Ein solcher Hintere zeigt nicht 
die gewöhnlichen Halbkugeln, sondern die Innenseite ist 1} bis 2 Zoll 
vom After abgeplattet und dadurch entsteht eine gewisse Uöhlnng zwi- 
Bcben den Backen, eine dutenförmige Einsenkung. Bei jungem Männern 
wird diese Beschaffenheit immer den dringendsten Verdacht erwecken 
müssen; bei altem muss man sie vorsichtiger würdigen, da ich diese 
Nates bei solchen M&onernj zumal bei schon schlaffen und welken Hin- 
terbacken auch in ganz unverdächtigen Fällen angetroffen habe. 

5) Grosse Ausdehnung der Afteröffnung mit und ohne Mast- 
darmvorfall, mit und ohne KothiucontinenZj von der, wie von 

6) Einrissen in den Sphincter ani — die man nur in den sel- 
tensten Fällen, und auch dann nur bei frischer Untersuchung derselben 
findet — so viel in den Büchern zu lesen, nimmt doch auch selbst Tar- 
dien Anstand, als allgemein gültiges Zeichen aufzustellen. Nichts ist 
trügerischer und weniger geeignet als Grundlage für ein criminalgoricht- 
liches Gutachten zu dienen, als diese Befunde, oder wohl gar 

7) Wucherungen der Haut und der Mastdarm- Schleimhaut (Ttfa- 
risken, Cristen) oder Hämorrhoidalknoten, die Tardieu selbst doch auch 
nur „seltene** Folgen der Päderastie zu nennen vermag. Alle diese Be- 
funde zu und 6 sind ebenso ungewöhnliche Folgekrankheiten auch 
bei den prostituirten Päderasten, als sie, namentlich Ausdehnung der 

^^AfteriSffnung (durch dicht am Schliessmuskel sitzende Varices), Mast- 
^V dannTorfall und Cristen, wie jeder erfahrne practische Arzt weiss, bei 
I gao2 unverdächtigen Männern häuGg genug vorkommen, wenn sie Hä- 
I morrUoidarier oder mit Mastdarmfisteln behaftet sind. Bei jungen und 
^■gesunden Männern, bei denen man eine ungewöhnliche Oeffnung des Af- 
^■ters findet, wird indesa dieser Befund als auffallender zu verwerthen sein. 
^H 8) Syphilitische Symptome am After. Ich habe in unzweifel- 
baften päderastischen Fällen Schankergeschwüre oder, Narben und Con- 
dylome am Anus beobachtet. Wenn der active Sünder bekannt und 
gleichfalls zur Untersuchung vorgestellt ist, so vdvd man die etwa auch 
bei ihm vorhandne syplilitische Form nicht nur, sondern auch das Eni- 
wicklungsstadium der Geschwüre u, s. w, vergleichend bei Beiden zu 



188 



FIdenstie. § 22. Diag^Dos«. 



prüfen haben, und in Znsamjnenstellang mit den übrigen Befanden sein 
ürtheil über den Fall abmessen. Denn der niemals fehlende Einwand, 
dasB die Anstecknng anf gewöhnliche, nicht verpönte Weise erfolgt ge- 
wesen, ist begreiflich nicht mit Gründen znrüek zuweisen. Ebenso wenig 
mit absoluter Sicherheit der andere Einwand, dass die Ansteckuog de« 
A. dnreh den inficirten B. durch blosses unschuldiges ZusammensdilafeB 
Beider in Einem Bette, wenn diese Thatsache festgestellt ist, entataa^ 
den gewesen. Die Gesammtbefunde werden hier entscheidend seiiL N« 
entscheidender werden syphilitische Befunde am After bei Knaben, 
hier wenigstens die Entstehung anf gewöhnliche Weise aosgeseJilo 
isi Eine derartige Beobachtung kam in einem der unten folge 
Fälle vor. 

9) Das werth vollste aller Zeichen, dem auch Tardieu sein volles 
Recht wiederfahren lässt, ist die faltenlose Beschaffenheit der 
Haut nm die Afteröf&ung herum bei Kynäden jeden Alters, so dass 
die sternförmige Bildung dieses Hauttheils, wie man sie in beiden 
schlechtem findet, ganz verwischt ist Wenn man nämlich bei beid 
Geschlechtern die Hinterbacken entfernt, so treten bekanntlich in der 
Haut am After Furchen hervor, die sich coocentrisch nach der AAer- 
öffiiung verbreiten, fn der Jugend und im vollkräftigen Alter sind diese 
Furchen am deutlichsten wahrnehmbar; sie verlieren sich aber aaeh 
selbst bei älteren Personen nicht ganz. Um so auffallender mtissts 
mir ihr Mangel bei den Männern sein, die geständlich oder wenigsteiii 
nach allen Indicien Pathici gewesen waren. Ich glaubte eine Entdeckuog 
gemacht zu haben, da ich darüber nie etwas gefunden hatte, fand aber 
später bei P, Zacehias (a. a, 0.) meinen Befund schon wOrÜich wie 
folgt angeführt: ^multo magis frequontem tarn nefandi coitus wmm 
significare poterit ipsius podicis eonstitutio, qui cum ex natura mgona 
existat, ex hujusmodi eongressu laevis ac planus efficitur, obliteraotttr 
enim rugae illae in ani curriculo existentes ob assiduam membri attri*- 
tionem**» Warum die späteren Abschreiber des P, Zacehias dieaeii, 
von allen unsichern noch sichersten ^Fundbeweis^ übergaDgeo ha- 
ben'^), dafür findet sich bei Michael Alberti (syst jurispnwL med. 
Hai- 1782. L §. 18.) die Aufschluss gebende Stelle. Indem er nacli 
Zacehias die Zeichen eines solchen nd'andum stuprum anfuhrt, fügt 
er hinzu: ,addit Zacehias evanescentiam rugarum in sphinctere ani 
(nicht im Sphincter!) ob frequentem attritionem Penis, quae tamen ah* 
servatio rationi et experientiae ad amussim non respondet**! 
Autorität wollte nun, wie es scheint, zumal bei jedem Mangel 



*) Dobrn (t* «, 0. S, 237) hat ihn gtnm wie ich und Q»ch meiner 
M idneffl altea t^idtr&sti8che& HospiUliten gefunden. 



Pider&stie. §. 22. Diagnoie, 



189 



Beoba**htting, kein Späterer widersprechen. Aber woher hat der Halle- 
sche Profeßsor sein Recht genommen, dem alten Rumer, der viel ge- 
sehen hat, entgegenzutreten? Schwerlich ans eigener „ Experientia", 
denn es ist wenigstens anffallend, dasa miter der ungemein grossen An- 
zalü von Casibns und Responsis, die er mittheilt, auch nicht ein einzi- 
ger diesen Gegenstand betreffender Casus sich befindet, und die Annahme 
ist daher nicht gewagt, da&s Alberti vor mehr als hundert Jahren in 
seinem sehr kleinen Halle nicht ein einziges derartiges Subject selbst 
untersucht hat, folglich mehr rationi als experientiae gefolgt ist. Ob 
diese Beschaffenbeit von der oft wiederholten Zen*ung der Haut bei den 
Acten, oder, wie Tar dien sehr annehmbar meint, vom Missbraucb fet- 
tiger und öliger Einreibungen, deren sich diese Menschen bedienen, her- 
rühre, kann dahingestellt bleiben. Die Thatsache hat sich mir auch 
in allen meinen neuern Untersuchungen bestätigt, wie die unten folgende 
Casuistik beweist. Endlich muss noch zugegeben werden, dass wenn 
wirklich von einem erwachsenen kräftigen Manne ein Knabe, ein junger 
Mensch, mit mehr oder weniger Zwang gemissbrancbt worden, dass 
dann örtliche Befunde, wie örtliche Einrisse, Entzündung, Quetschung, 
Mastdarmvorfall u. s. w., möglicherweise allerdings erwartet werden kön- 
nen. Mir sind einige derartige Fälle vorgekommen, und daraus wohl 
der Schluss zu zieheo, dass diese Species des scheusslicheo Lasters bei 
uns zu Lande nicht wie im ganzen Orient, in Russland, in Neapel 
tt. 8. w* so leicht vorkommt, da sie sonst, wie die Nothzucht an weibli- 
chen Kindern, sich gewiss doch in einzelnen FÜleu der Entdeckung 
nicht entzogen haben würde. 

Als diagnostische Schlusssätze für die passive Päderastie müssen 
wir nun folgende aufstellen: 1) Alle von den Schriftstellern angegebe- 
nen Örtlichen und allgemeinen diagnostischen Erkennungszeichen der 
Päderastie verdienen keine Beachtung, da sie nicht auf Beobachtungen 
beruhen, sümmUicli fehlen können und meistens fehlen, 2) Eine duten- 
fOrmige Einsenkung der Nates nach dem After zu ist ein beachtens- 
werthes diagnostisches Zeichen für passiv getriebene Päderastie. 3) Die 
faltenlose Beschafienheit der Haut in der Umgegend des Anus ist von 
allen unsichern noch das sicherste Kennzeichen für passiv erduldete 
MänuerschänJung. 

B. Die active Päderastie. Meine Behauptang; dass am Körper 
des attiven Theils gar kein betreifender Befund zu erwarten ist und 
erhobea wird, wird lebhaft von Tardieu bestritten, der auch in der 
öeuBten Auflage seiner Schrift seioe Schilderung der eigenthümlichen 
ß<?flcbaffenheit des Penis solcher Subjeete festhält und wie seine Gutach- 
ten zeigen, grossen Werth darauf legt. Das Glied ist nach ihm auffal- 
md dflun, oder seltener sehr dick, charakteristisch aber die Form, die 



190 &• ^3. Tergloicliuii^ der Pidersstie mit der Nothzucbt. 

^Caniim more" toh der Wurzel bis zur Spitze sich verdünnt, 
bloss die Eichel ist verläogert, dabei ist das Glied gei^ninden, so 
die Hararöhreuöffnung schief steht Oder der Penis ist, and zwar 
den Masturbatoren ^en massue'' gebildet, d. b. sein Ende ist koglich 
geschwellt nnd die Eichel breit und wie abgeÖacht. Die Erklärung Tar- 
dieu's, däss die Zuspitzung und Torsion des Gliedes von wiederholtar 
Einzwängung desselben durch den Schliessmuskel, durch die sehranb^n« 
förmige oder pfropfenzieherartige Einführung des Gliedes allm&liljdi ent> 
stehe, wird dnrch die Thütsache widerlegt^ dass ich bei notorischen activen 
Päderasten das Glied grade so ungemein verschieden in Dimension tmd 
Form und so wenig abweichend von der normalen Beschaffenheit gefun- 
den habe, wie bei allen andern Hännern, und dass es mir nameatlidl 
auch in allen seit der ersten Bekanntmachung Tardieu's mir vorg^ 
kommenen> mit verdoppelter Aufmerksamkeit darauf untersuchten Fäl- 
len nicht ein einziges Mal gegeben war, jene Behauptung best^gea wn 
können* Höchst auffallend ist es hierbei, dass Tardieu, der unter sei» 
neu ^206 Fällen** sage 19 in der Casnistik und zwar gerade aolcbe 
mittheilte, „die ihm am bedeutungsvollsten erscheinen*, nur einen du* 
zigen Fall mit jener eigen thumliehen Gliedbildung anzuführen hat. Man 
lese aber diese 19 Fälle und man wird erschrecken über die Bestimmt* 
heit des abgegebenen Gutachtens, das Einmal sogar auf eine Mastdarm- 
fistel mit begründet ist, in andern Fallen auf Marisken, auf ein etwai 
dünnen Glied u. dgl als Beweise der Päderastie!! Kann die Kritik es 
gelten lassen, wenn der Verfasser, einer der unten im §. 26. zu enr&b- 
nenden Unzüchtigkeiten gedenkend, nicht ansteht, zu behaupten, dass 
er bei zwei Individuen jener Art, „die sich zu den gemeinsten QeOU« 
ligkeiten erniedrigen, eine eigenthümliche Bildung des Mundes angetroffM, 
nämlich einen schiefen Mand, kurze Zähne (!!), dicke, eingestülpte (I), 
verbildete Lippen, completeöQent en rapport avec Pusage Ui£ami 
auquel elles servaient""!! und doch haben die neusten deutsdien g^ 
richtlieh-niedicinischen Schriftöteller diese Tardieus' scheu Phantasie- 
fltücke bona Fide als Thatsachen aci^eptirt! Sowohl also, was die mdätB 
als die mastnrbatorische Päderantie betrifft, kann der GericbtsarzI 
unserer Erlahrung auch nicht mit einiger Wahrscheinlichkeit ein ür 
fallen- 



$. 23. Terglflrhttn; der Kilerastle mII der Kttthivcht. 

Die noch von keinem Schriftsteller erwogene Frage: kann eia 
männliches Individuum von einem anderen wider seinen 
Willen päderastisch gemissbraucht (genotbzüchtigt) w^erden? ist mehr- 
mals in der criminalistiscfaen Praxis an mich herangetreten. Der c'Vfte 



§. 24. Trib&die. 



191 



Tau betraf einen jüngea, blöden, schwächlichen Menschen, der von sei- 
^nem Dienstherrn, einem notorischen Päderasten, Morgens auf dessen 
Bett gezogen, erst durch Schmeicheleien u, 8. w. geködert und zum 
Entkleiden gen5thigt wurde, dann unter vorgängigen Manövern, die ich 
hier nicht schildern kann, und die unter dem Schein und Vorwand 
eines blossen Scherzes die Möglichkeit des Actes vorbereiten sollten, 
plötzlich päderastisch mit grosser Heftigkeit angegriffen wurde. Der 
junge Mann wehrte sich, das Verbrechen wurde vereitelt und bei einer 
Untersuchung sehr bald nach dem Vorfall fand ich Nichts als einige 
Zerkratzungen und kleine Sugillationen von Fingerdrücken an Natea 
und OberschenkeL In einem anderen wichtigen Rechtsfalle, der für den 
Angeschuldigten nicht nur schwere Strafe, sondern auch erhebliclie Ent- 
schädigungsansprüche herbeizuführen drohte, in welchem Falle ein Ge- 
richtsarzt in seinem ausführliehen Gutachten gradezu die Nothzucht an 
Weibern mit der Päderastie in Beziehung auf den möglichen Zwang 
am Individuum, auch bei Widerstreben desselben, in Parallele brachte, 
und ich meinerseits die Richtigkeit dieser Ansicht zu prüfen aufgefor- 
dert worden war, habe ich in dem betreffenden Gutachten die meinige 
ausgesprochen, und diese gewiss practisch wichtige Frage erörtert. Dass 
dieselbe durch Wehrlosmachung des betreffenden Individui, so wie bei 
Kindern und Schwachsinnigen Einschränkungen erleidet, und dass bei 
letzteren eine „NothzücJitigung^ nicht in Abrede zu stellen sein wird, 
zeigt die unten folgende Casuistik. Endlich ist mir aber auch in einem 
Falle, um die Parallele mit der Nothzucht am Weibe vollkommen zu 
machen, die Frage vorgelegt worden, ob ein männliches Individuum im 
Schlafe, und ohne der Sache sich vollkommen bewusat zu werden, pä- 
derastisch gemissbraucht werden könne. 



§. 24. Tribadie. 

Schon im alten Testamente ist nicht undeutlich auch von dieser 

^^hlechtlichen Yerirrung die Rede. So alt ist also schon auch diese 

9Q^si umgekehrte Päderastie, die Wollustbefridigung zwischen Weib und 

'^eib. Wie ungemein sie in Griechenland im SchiÄTinge war, beweist 

^^ion der Euphemismus: lesbische Liebe, und wie in Rom, davon wis- 

^^ü die Dichter zu erzählen. Unter uns kommt diese Yerirrung, nach 

^^H Anzeichen zu urtheilen, nur äusserst selten vor und nicht nur, 

'^^^^ mir selbst kein einziger Fall amtlich zur Untersuchung vorgakom- 

^^tij %0 ißt meines Wissens auch überhaupt niemals in Berlin in foro 

^^on die Rede gewesen, wogegen das Zusammenleben wollüstig lieder- 

^^*^h er Dirnen in den Weiber-Gefängnissen und Spitälern von Paris dazu 

^^^e nicht seltene Veranlassung giebt. Hat schon deshalb diese ^ wider- 



192 

natürliche üuzueht** kaum eine Interesse für die gerichUicIie 
Bo kommt noch hinzu, dass sie keine Spur ihres Daseins als UntCf' 
Buchungsolyect am Korper Linterlässt. Denn dass die dafür im Alter* 
thum besonders berüchtigten Milesierinuen sich dazu eines künstlichen 
Penis bedienten, der allenfalls eine nachzuweisende physische Defloratioa 
zu Stande bringen könnte, darüber spöttelt wohl Äristophanea; aber 
man wird hierin keine Quelle für unsere Wissenschaft erkennen wollen,^ 
Eben so wenig Halt hat Forberg's Meinung Ton einer Yerlänger 
der Clitoris, die durch keinen einzigen wirklich beobachteten Fall er 
tet ist. Alles und selbst der Name (rplßa^ei;, frictices der BöoierXi 
IfisBt vielmehr annehmen, dass hier wieder ganz dieselbe Verimmg vor- 
liegt, die dort den Mann zum Manne, hier das Weib zum Weibe hin- 
zieht und dass nur körperliche Berührungen und Frictionen bis zur 
Befriedigung des Wollustdranges das Laster constituiren. — Der gi- j 
richtliche Arzt würde sich im etwa vorkommenden Falle für incorope- 
tent erklären müssen^ da seine Wissenschaft ihm keine Beweismittel, 
an die Hand giebt und geben kann. 



§. 25. SttdanSe. 

Im 2ten Buch Moses Kap, 22. V. ID. heisst es: „Wer ein Vieh 
beschläft, der soll des Todes sterben*. — So wahr ist, was wir obiB 
behaupteten, dass die Abirrungen des Geschlechtstriebes zu allen Zel- 
ten und bei allen Völkern, und immer als dieselben vorgekommen 
Denn dass auch die Thierschändung, Sodomie im engern Woi 
noch jetzt, weniger in Städten als auf dem platten Lande umherschleicht, 
ist kein Geheimniss*). Zumeist sind die Betreifenden Knechte and ffir^ 
ten, die im kräftigsten Alter sich tagelang mit ihrem Vieh mehr oder 
weniger allein befinden, also Mann mit weiblichem Thier. Dass im AI* 
terthum (3te Buch Moses Kap. lO. V. IG.) und selbst noch in .spHteni 
Jahrhunderten auch Weiber mit männlichen Thieren , namentlich mit 
Hengsten und Eseln scheussliehe Unzucht getrieben haben sollen, ist 
ZWBT vielfach bei den Alten eitift, uod aach plastische antike KontU 
werke und neuere Monumente, Reliefs u. dgl. sind als Beweise heran- 
gezogen worden. Erwägt man jedoch das ausserordentliche MisaverhÜt- 
nisB der beiderseitigen Geschlechtstheile, so wird man in jenen plaati* 
sehen Darstellungen nur symbolische Andeutungen eines sehr aufgefff- 
ten weiblichen Wollusttriebes sehen wollen, wie dergleichen ja m 
antiken Kunst so zahlreiche andere vorkommen. Der Geschlec 



*) N&cb Pol&k (a. a. 0.) i«i nie unUr den pertfiscben Sold4t«n sthr f« 
wird auch vielfach von pemscbeu Aerzteu als Heilmittel gegen Gonorrhoe ? t ronioet ( 



§. 33. Irnimare. Fellare. Der Cunnilingus. Der Koprophage. 193 

brauch zwischen Hann und weiblichem Thier soll hier nicht in Abrede 
gestellt werden. Gerichtsärztlicher Untersnchnngsgegenstand wird er in- 
dess wohl nur höchst selten werden können, denn es ist nicht abzuse- 
hen, welche Spur am Körper des Mannes derselbe zurücklassen sollte, 
und der Bath eines neuem Handbuchs, dass man ermittek solle, ob 
sich männlicher Saame in den Geschlechtstheilen des Thieres finde, ist 
fOr Jeden, der das prac tisch -gerichtliche Leben kennt, zu unhaltbar, 
um weiter erwogen zu werden. Derartige Dinge kommen fast niemals 
sofort zur Untersuchung des Technikers ! Bevor dieser requirirt werden 
kann, ist der Inhalt der thierischen Scheide längst entfernt!*) 

§. 26. Irrimare. Fellare. Ber Cuiiliiisu. Der K«pr«phage. **) 

Ich bin mit allen diesen Scheusslichkeiten amtlich befasst gewe- 
sen!! Hier wird man fttr Augenblicke irre an der Menschennatur. Wer 
hätte nicht einen sinnlos Betrunknen liegen gesehn und dabei gedacht, 
dass er hier die Kluft zwischen Mensch und Thier ausgefüllt sähe? So 
hier bei allen oben genannten, schon im frühsten Alterthum vorgekom- 
menen, beschriebenen und von den Satyrikem gegeisselten ,, widerna- 
türlichen Unzuchten''. Und doch kommen, meines Wissens, im ganzen 
Thierreich nur der Cunnilingus und etwa die Eoprophagie als viehische 
Greschlechtsgenüsse vor; das Irrumare und Fellare hat der Mensch für 
sich voraus!! Der heilige Zweck der Wissenschaft würde es rechtferti- 



^) Ausnahmen kommen hier natürlich, wie überall, vor; s. den interessanten Fall 
von Kutter in Yierteljahrsschrift 1865. 1. Heft, in welchem der Zufall die Untersuchung 
ftuf frischer That möglich machte, und Haare von den Genitalien der gemissbrauchten 
Stute in der Falte zwischen Vorhaut und Eichel des Angeschuldigten den Thatbe- 
stand selbst in Ermangelung einer microscopischen Prüfung verdächtiger Flecke fest- 
stellen Hessen. — Wie übrigens sich unsere ehrlichen Altvordern halfen, davon geben 
die beiden Fälle bei Zittmann und Tropanneger Beweise. Bei Zittmann (med. 
forens. S. 1217) respondirt die Leipziger Facultät in einem zweifelhaften Falle von So- 
domiterei mit einem Hunde: „über die Frage, ob dergleichen sodomitischer Coitus auf 
^iese oder andere Art geschehen mögen, lasset sich honeste nicht wohl speculiren, doch 
ist auch nicht glaubscheinlich, dass Inquisit ohne Erfassung and Haltung des Hundes 
dergleichen Leichtfertigkeit hätte verüben mögen** (Juni 1692). Trop anneger (Decis. 
^^ VIII. de sodomia cum capra, vacca et equo S. 310) bezieht sich auf den Leipziger 
fili, und nachdem er iu Betreff des Angeschuldigten, den er als geistesschwach schil- 
d^i aus den Umständen der Selbstanklage „die Impossibilität der Actus, welche er mit 
aea Bestien vorgenommen haben will", scharfsinnig deducirt, äussert er sich dahin: 
*^J« beste Kur dürfte sein, weun er obuo alle fernere Untersuchung in diesem Stück, 
^ ^Hes Aergeniiss zu vermeiden, auf den Festungsbau gebracht, zur Arbeit angehalten 
^^ iin Christenthum besser informirt werde". (1733.) 

"^ Gelehrte Nach Weisungen bei Rosen bäum a. a. 0. 

^^«ptr'f g«ricliü. Medicio. b. Aufl. 1. |3 



Päderastie. §. 27. CMuiBtik. 116, F^i. 

gen^ wenn ich Selbsterfahrenes aaeh hier näher schilderte: aber über 
dem heiligen Zweck der Wissenschaft steht der heiligere der Sittliih- 
keitj der ein weiteres Eingehen in diese Dinge verbietet. Helfe sich 
jeder Gerichtsarzt im etwa ihm vorkommenden Falle, wie er kann! 
Der beste Rath ist, sich auch hier für incompetent zu erklären, wi 
er mit gutem Gewissen thun kann, da keine dieser Unz achtel 
beweisende Sporen weder an einem, noch an dem andern £5r 
zurücklägst, die ein Untersuchungsobject abgeben könnten. 



§. 27. CftguisÜk. 

U6. bis lai. F&ll. Päderastie. 

116) Die üntersuchiuigssachef die mir sieben Genossen zur ExploraÜOQ Mif 
derutie zuführte, war neu und unerhört in den Annalen der Psychologie und Crio 
re^btspfieg«. Sie betraf eine g^ute GeseUschafi vod Manueru, einen alten Grafen Caja 
an der Spitze, bis herab zu den untersten KJaasen. Unerhört, aage ich, denn wer 
woh! TOD schriftlichen Tage bn ehern gehört» Ton täg^lichen Aufzeichnungen etnea PI 
aten über seine Äbentheuer, Liebschaften, Erapfindungen, wie »e bei Cajui b«i 
Verhaftung in Beschlag genommen wurden ?*f Der Angeschuldigte erkannte vom i 
Verhör an den Inhalt dieser (sauber und zierlich geschriebenen und gebundenea) fcJ ^'W ^ || 
volumioösen Selbstbekenntnisse mit der grossien Naivet&t an, und bekannte mit (fl^Btf 
unbefangensten Offenheit, dass er seit secbsundzwanzig Jahren sich fortwihrecz=^3d, 
und) wie aus den Tagebüchern hervorging, wöchentlich gewiss drei- bis viermal Minoe^^sro 
Preis gegeben habe! Sein weibisch -kindliches Wesen und seine Unbefangenheit maiv^Bl» 
ten seine Aussage, dasa er nicht gewusst, dass so Etwas nach den Gesetzen strafMtoir 
seil einigennsa&sen glaublich. Im Uebrigen war er keiuesweges etwa geislessdiwidi »^^dir 
gar indispositionäfahig Er war zur Zeit meiner wiederholten Explorationen, bei dt^csia 
ichf wie aus seinen Tagebüchern, die grössten Aufschlüsse durch seine Offenhedt tk^^tr 
das ganze Treiben der Genossenschaft gewann, 58 Jahre alt, gracÜ gebaut, mit bL Baa- 
dern, gekräuseltem Haar, litt an beginnender Amblyopie, sprach stets sehr l«i«e ^mMhi 
hatte die sonderbare Gewohnheit, im Gespräch stet« an den Fingern zu lecken. BE^& 
sein 32steä Jahr hatte er mit Weibern verkehrt und zwei beabsichtigte Heiratben ha'^^iiBi 
sich zerschlagen. Dann will er durch eine Kupplerin zu dem »Genuas mit Minn^^««* 
verfuhrt worden sein, und es war eben so geheimnissvoll unerklärlich, a' 'l^#itrf 

und ekelhaft, wenn er fortwährend (wie in seinen Tagebüchern) in den M«i.gW 

sich über seine Empfindungen ausliess ^ — — . Er hatte ganz gesunde, miasif stui 
entwickelte Qeschlechtstheile« einen doppelten Leistenbruch und einen sehr welken notf 
decrepiden Körper, Die sehr magern welken Nates klafften dutenförmig und die Fial^ 
die um die Afteröffnung zu sitzen pflegen, fehlten gänzlich. Die Afreröffnnnf 
war sichtlich erweit^t, ohne trichterförmig zu sein. Vorfall, Einrisse oder Narben Wl' 
iolchen am Schliessmuskel fanden sich eben so wenig, als andere Abnormitiiea , aä 
Ausnahme von zwei verödeten Hämorrboidalknoteu von Haselnussgrösae. Die voraickty 



*| Auch Tardieu tbeilt Stellen aus einem derartigen Schrlftatük, «ma cooftisiao* 
betitelt, mit, in welchem sich die leidenschaftlichen Ergüsse einer brenoeodeo l^^* 
finden. 



Päderastie. §. 27. Casuistik. 117—121. Fall. 195 

ausgefdbrte Exploration per rectum verursachte ihm vielen Schmerz, den er auch jedes- 
mal als Kinaede empfunden zu haben nie in Abrede stellte!! Und dies war Alles, 
was wiederholte körperliche Untersuchungen bei einem Manne ergaben, der eingeständ- 
lich seit fast einem Menschenalter passive Päderastie getrieben hatte! Gewiss einer der 
lehrreichsten Fälle *). 

117) Ein andrer Edelmann, schon früher wegen unnaturlicher Sünden in Unter- 
suchung gewesen, der in Cajus* Tagebüchern sehr oft citirt ist, war ebenfalls ein 
schon vorgerückter Fünfziger, aber noch kräftig. Er hatte ganz normale Genitalien, 
keinen Bruch, nicht auffallend magere Hinterbacken, keine Hämmorhoidalknoten, keine 
Einrisse in den Sphincter ani, keine Erweiterung der Afteroffnung. Aber auch bei ihm 
klafften die Nates und spitzten sich dutenformig nach der Afteroffnung hin zu, und 
auch hier fand sich deutlich die faltenlose Beschaffenheit der Haut am After. 

118) Mehr noch als bei beiden Vorigen war die dutenformige Einsenkung der wel- 
ken Hinterbacken bei dem 53 Jahre alten bleichen N. bemerkbar, gegen welchen sich 
Cajus in seinen Tagebüchern oft mit grosser Eifersucht ausspricht! Auch bei M. 
fand ich weder einen Bruch, noch Quetschung oder Einrisse in den Schliessmuskel, 
noch Prolapsus, noch Hämorrhoidalknoten, noch eine anderweitige Abnormität. Auffallend 
aber war auch bei diesem Subject die faltenlose Beschaffenheit der Haut am After. 

119) Der vierte Untersuchungsgefangene war ein 52jähriger Mann, der in seiner 
Jugend Schauspieler gewesen war, und aller Orten, so auch in Berlin, besonders in car- 
nkirten Weiberrollen ziemlichen Beifall geerntet hatte. Er war schon damals wegen 
seines weibischen Aeussem, Haarlocken, Ringe, Riechfläschchen u. dgl. allgemein aufge- 
fallen. Jetzt war Haar und Bart ergraut, der Körper fett, die derben und fleischigen 
Nates deutlich dutenformig klaffend, der After, an dem sich ein kleines Hämorrhoidal- 
knötchen zeigte, war durch den unverletzten Sphincter wie gewöhnlich geschlossen, der 
Mastdarm nicht erweitert, Penis und Hoden sehr auffallend klein. Eine faltenlose Be- 
schaffenheit der Haut am After war sehr deutlich wahrzunehmen. Ich bemerke, dass 
diese vier Beobachtungen sehr lehrreich sind, denn alle vier Männer waren, nach den 
Aufzeichnungen von Cajus, ganz unzweifelhafte passive Päderasten und Genossen seiner 
„Theegesellschaften", so dass hier die Untersuchung kein Rätbsel zu lösen, sondern nur 
eine Thatsache zu constatiren hatte. Dagegen war es 

120) bei — n — , einem Manne von 32 Jahren, der auch an den Zusammenkünften 
bei Cajus vielfach Theil genommen hatte und seit Jahren bei der Sittenpolizei als ver- 
dächtig gekannt war, zweifelhaft, ob er activ oder passiv Tbeil genommen hatte. Er 
hatte starken Bartwuchs und jugendlich-männlichen Habitus. Sein Glied, ohne Spur 
früherer venerischer Krankheit, zeigte sich lang und ziemlich dünn, die sehr enge Vor- 
haut bedeckte eine ziemlich kleine Eichel. Die Hoden hatten die gewöhnliche Grösse, 
die Hinterbacken waren fest und nicht dutenartig klaffend, der After vollkommen nor- 
mal beschaffen. Irgend ein Beweis wenigstens für passive Päderastie lag hier folglich 
nicht vor. Eben so wenig 

121) bei dem 21jährigen Barbier L., von dem man nach Cajus' Tagebüchern 
wusste, dass er dessen begünstigter letzter Liebhaber gewesen war! Ein blonder junger 
Mensch mit wenigem Bart, an dessen Genitalien und Nates sich durchaus nichts Abnor- 
mes vorfand. Die sternförmigen Hautfalten um den Anus waren sogar (bei diesem acti- 
>en Päderasten) sehr ausgesprochen. Ganz denselben Befund endlich erhob ich bei 
dem letzten in dieser Sache Betheiligten, dem ehemaligen Soldaten H., 22 Jahre alt, 
welcher angab, bloss zu onanstischen Reizungen bei einem andern Betheiligten gemiss- 



♦) Der alte Mann ist später, nach mehrjähriger Strafhaft, im Gefängniss gestorben. 

18* 



196 Päderastie. §. 27. Gasnistik. 122-125. Fall. 

braucht worden zu sein, was nach dem, was oben angefahrt worden, eben so glaubhaft 
als natürlich gerichtsärztlich gar nicht nachzuweisen war. 

m. und 123. Fall. Päderastie. Venerische Ansteckung. 

Zwei Männer waren wegen Verdachts widernatürlicher Unzucht yerhaftet und mir 
mit der Requisition zur Untersuchung der Angeschuldigten die Frage Torgelegt worden: 
„ob, eyent. in wie weit ihr Erankheitszustand den Verdacht, mit einander widematör- 
liche Unzucht getrieben zu haben, unterstütze oder beseitige?" Das Outachten hatte 
sich folglich im Sinne dieser Frage nur auf Wahrscheinlichkeitsgründe zu basiren. Ich 
fand am 27. Juni und berichtete, wie folgt: 

122) „Der 54jährige Schneidermeister R. giebt auch gegen mich an, dass er mit 
dem zweiten Angeschuldigten, dem 25jährigen Schneidergesellen E., in Einem Bett ge- 
schlafen habe und Ton diesem venerisch inficirt worden sei. Nach dem Atteste des 
Gefangenenarztes vom 4. d. M. hatte R. an diesem Tage (seiner Einlieferung) .„Ezul- 
cerationen am Gliede und breite, feigwarzenartige Auswüchse am After**". Oegenwärtig 
sind Geschwüre, Ausfluss oder dergleichen am Gliede nicht mehr wahrzunehmen, wohl 
aber finden sich an beiden Hinterbacken, nicht in der Afterspalte, noch Schorfe TOn 
anscheinend kürzlich vorhanden gewesenen feigwarzenartigen Auswüchsen. Die After- 
offnung senkt sich etwas trichterförmig ein, und fehlen die gewöhnlichen Hautfalten in 
der Umgegend der Afteroffnung, wie ich es grade bei Männern gefunden, welche noto- 
risch sich der passiven Päderastie hingegeben hatten.* 

123) „Der 25jährige E., der am genannten Tage vom Gefängnissarzt mit „„Exulce- 
rationen am Gliede und im Halse und mit feigwarzenartigen Auswüchsen am After" 
befunden worden, ist von ersteren ebenfalls jetzt geheilt und sind nur noch Narben am 
Gliede und Hodensack von geheilten Geschwüren, dagegen noch eiternde breite Feig- 
warzen an beiden Hinterbacken in der Nähe der Afterspalte sichtbar. Auch £. giebt 
gegen mich, wie im gerichtlichen Verhör, an, dass er, venerisch angesteckt, mit R. zu- 
sammengescblafen habe, bestreitet aber, wie Jener) die widernatürliche Unzucht" 

„Ein Beweis einer solchen zwischen beiden Angeschuldigten gepflogenen ist durch 
diese Befunde nicht hergestellt, wie ein solcher aber auch nicht von mir erfordert wor- 
den. Es versteht sich, dass Jeder von Beiden einzeln sich auf gewöhnliche Weise 
syphilitisch gerade so angesteckt haben und erkrankt sein konnte, wie sie früher und 
auch jetzt noch befunden worden. Aber auch die Möglichkeit ist nicht in Abrede zu 
stellen, dass R. von dem angesteckten E. durch blosses Zusammenschlafen in Einem 
Bette inficirt worden, wobei es aber auffallend bliebe, dass Ersterer genau beide Formen 
am Gliede wie am After davon getragen haben sollte, wie sie E. hatte. Wahrschein- 
lich ist es deshalb allerdings, dass gegenseitige körperliche Berührungen beider männ- 
lichen Glieder mit beiden Hintertheilen als Ursache der Ansteckung gewirkt haben, 
welche den auffallenden Gesammtbefund am leichtesten erklären, und ich stehe deshalb 
nicht an, die mir vorgelegte Frage nach ihrem Wortlaute dahin zu beantworten: dass 
der Erankheitszustand der beiden Angeschuldigten den Verdacht, mit einander wider- 
natürliche Unzucht getrieben zu haben, mehr unterstützt, als er diesen Verdacht besei- 
tigt." Die Angeschuldigten sind verurtheilt worden. 

124. und 125. Fall. Zwei Päde rasten. 

Der Fall war für die oben besprochene psychologischo Seite der Päderastie ein un- 
gemein lehrreicher und betrübender. Ein allgemein geachteter, höchst unterrichteter und 
gebildeter Seminarlehrer hatte seine Neigung einem jungen Taugenichts der unteren 



Piderastie. §. 27. Casuiatik. 126-129. FaU. 197 

JDtMmoL nig«wandt und war angeschuldigt, längere Zeit päderastischen Umgang mit ihm 
gepflogen zu haben. Dieser wusste, wie so yiele seines Gleichen, das Verb&ltniss aus- 
zubeuten, ging als Stutzer gekleidet einher, verschwendete das erpresste Geld, bis end- 
lich, nachdem E., der Lehrer, Alles, Alles, zuletzt noch sein schönes Mikroskop ver- 
kauft hatte, um seinen unersättlichen Geliebten zu befriedigen (I), er sogar zur Fäl- 
schung schritt, um sich Geld für den Bösewicht zu yerschaffeo, der ihn ganz in seiner 
Macht hatte, und er nun der Griminaljustiz in die Hände fiel. Bei der Exploration 
das 47 jährigen gesunden Mannes fand ich seine Genitalien vollkommen normal und 
durchaus nichts Auffallendes. Die Nates senkten sich allerdings etwas dutenförmig ein, 
aber die sternförmigen Falten waren vorhanden und stark ausgesprochen, der After 
ganz normal. Ich urtheilte hiemach: „dass der Befund nicht ausreiche, um die An- 
nahme passiv getriebener Päderastie zu begründen, und dass Zeichen einer acÜv ge- 
triebeneu überhaupt nicht existirten.. Der höchst liederlich und gemein aussehende, jetzt 
ganz zerlumpte L. war 21 Jahre alt und gesund. Sein Glied war lang und stark, übri- 
gens völlig normal. Die Nates klaffte nicht, aber die sternförmigen Falten waren ganz 
und gar geschwunden. Dazu kam, dass die Oeffoung des Afters nicht geschlossen, son- 
dern wie ein Silbersechser gross geöffnet war. Hiemach nahm ich an: „dass der Be- 
fund mit der grössten Wahrscheinlichkeit annehme lasse, dass L. sich wiederholt passiv 
päderastisch prostitnirt habe.' Beide Angeschuldigten wurden verartheilt. 

126. und 127. Fall. Zwei Päderasten. 

Wieder waren hier, wie im nachfolgenden Fall, beide Theile verhaftet und zu ex- 
ploriren, und hier sollte, nach der Anschuldigung, einer jener oben besprochenen Fälle 
vorliegen, in denen von Einem Päderasten abwechselnd activ und passiv verfahren sein 
sollte. Der Buchbinder R., 35 Jahre alt, der, wenigstens jetzt in der Gefangenkleidung, 
in seinem Aeussem nichts Auffallendes zeigte, aber schon längst bei der Criminalpo- 
lizei der Päderastie verdächtig war, sollte mit S. in der Nacht zum 16. October in Einem 
Bette liegend mit diesem gegenseitige active und passive Päderastie getrieben haben. 
Ein Zeuge, der mit ihnen in demselben Zimmer schlief, wollte beide auf eine auffällige 
Weise haben stöhnen hören. Bei R. in Beschlag genommene Briefe, worin er von un- 
bekannten Personen um Geld angesprochen wurde, waren ihrer Fassung nach ganz un- 
gemein verdächtig. Bei meiner Untersuchung nun zeigte R. ein nur kleines, übrigens 
völlig normales Glied, gewöhnlich entwickelte Hoden, aber deutlich eine dutenförmigo 
Einsenkung der Nates und ganz faltenlose Haut um den After. Dessen Schliessmuskel 
War unverletzt, der Anus nicht trichterförmig, und sonst an der Parthie nichts Auffal- 
iendes. — Auch der Andere, der 20jährige S., war bereits seit zwei Jahren der Polizei 
^s Päderast bekannt. Er war ein sehr kräftiger, blonder, bartloser Mensch. Auffallend 
irar das Glied wegen seiner ungewöhnlichen Kleinheit, sonst aber, wie die Hoden, ganz 
tiormal beschaffen. Auch bei ihm senkten sich die Hinterbacken dutenförmig nach dem 
4fter ein, aber die sternförmigen Falten waren bei dem jungen kräftigen Menschen 
^cbt ganz geschwunden, wenngleich sichtlich nur in geringem Maasse vorhanden. Der 
^hliessmuskel des Afters und der ganze Hintertheil war übrigens auch hier völlig nor- 
X^al. Ich nahm an: ,dass der ganze körperliche Befund bei A. wie bei S. die Ver- 
:^athung begründe, dass Beide sich wiederholt der passiven Päderastie hingegeben hät- 
ten.* Sie wurden verartheilt. 

IM. und 129. Fall. Zwei Päderasten. 

Der active Theil war ein Herr v. X., der passive ein junger Soldat. Die Acten 
t&it einer grossen Menge Briefen von und an v. X. und die mündliche Verhandlung 



i98 Päderastie. §. 27. Casuistik. 130-132. Fall. 

der Sache ergaben auch hier wieder eine Menge lehrreicher Aufschlösse för das Thema! 
X. war 42 Jahre alt, gesund und kraftig, Ton normalem männlichen Habitus. Sein 
Glied war stark entwickelt, was L.^s Aussage, dass Immissio in anum nie gegläckt sei, 
bestätigte. An den musculosen Nates wie am After war gar nichts Abnormes zu ent- 
decken, namentlich waren die sternförmigen Hautfalten stark ausgeprägt und die duten- 
formige Einsenkung nicht vorhanden. — Der 21jährige L., kräftig und männlich, hatte 
ein Yollkommen normales Glied. Seine Nates waren kräftig entwickelt, aber beim Aus- 
einanderlegen war die dutenförmige Ausweitung nach dem After hin deutlich sichtbar, 
und es war bei diesem so kräftigen, jungen Subjecte besonders auffallend, dass die 
sternförmigen Falten ganz mangelten. Einrisse am After und dergl. fanden sich nicht 
Mein Gutachten lautete: „dass der Verdacht gegen L., passive Päderastie getrieben zu 
haben, durch den Körperbefund bestätigt, derselbe Verdacht in Betreff des t. X. aber 
durch den Befund nicht unterstützt worden sei." Auch diese Beiden wurden, trotz des 
Läugnens des Z., verurtheilt. 

130. Fall. Ein geständiger Päderast. 

Mit grosser Schaamlosigkeit hatte dieser junge Mensch eingestanden, sich formlich 
der päderastischen Prostitution hingegeben zu haben, und ohne Hehl eine Reibe tob 
— zum Theil sehr bekannten! — Männern Berlins als seine Genossen genannt. Ich 
fand in ihm einen 17jährigen, grossen rothbackigen Burschen mit derber Musculatur 
und eben solchen Hinterbacken. Es war belehrend, dass er, bei aller Offenheit, dabei 
blieb, dass ein förmliches Eindringen in anum niemals Statt gehabt habe. Auch fand 
ich weder am Schliessmuskel, noch an der Mastdarmöffnung irgend eine Abnormität. 
Aber sehr auffallend waren auch bei diesem so kräftigen und jungen Mann die trich- 
terartige Einsenkung der Nates und das gänzliche Fehlen der stemartigen Falten der 
Haut am Anus. Mein Ui theil war das des vorigen Falles. Der gerichtliche Ar.sfall der 
Sache ist mir in diesem Falle nicht bekannt geworden. 

13L Fall. Passive Päderastie. 

Der 20 jährige, äusserst dumme Tischlergcselle T. war, der Anschuldigung nach, 
beim Zusammenschlafen in Einem Bette mit dem d r ei und sechszig jähr igen ver- 
heiratheten R. etwa 12— Umal päderastisch gemissbraucht worden. Es sollten dabei 
onanlstische Reizungen und Immission Statt gefunden haben. L'. war ein mageres 
Subject mit dürftig entwickelten, magern Nates, die entschieden dutcnförmig klafften. 
Die Hautfalten um den After waren ganz verstrichen, und hier fand ich auch einmal 
eine trichterförmige kleine Einstülpung des Afters, so dass sie die Spitze des Zeigefin- 
gers bequem einliess. Ich erklärte das Stattgehabthaben einer passiven Päderastie. 

132. Fall. Active oder passive Päderastie. 

Der Angeschuldigte war ein Kellner in einem öffentlichen Vergnügungslocale, der 
Denunciant ein Kanonier. Die Verbindungen dieser Leute waren nach den erhobenen 
Ermittelungen und Zeugenaussagen sehr verdächtig. Denunciant hatte angegeben, dass 
der Kellner ihn im Thiergartcn kennen gelernt, sich ihm vertraulich genähert, ihn ge- 
küsst und ihn dann zu sich eingeladen gehabt habe, wo er ihm, unter Darreicbung 
kleiner Geschenke, ztierst Digitum in anum immittirt (mir bis dahin unerhört!) und 
dann ihn päderastisch gemissbraucht habe. Angeschuldigter leugnete Alles. Es war ein 



Pftdersati». (. 27. Gasuistik. Ida Fall. 19g 

uoTvriieifatheter Mann von 45 Jahren, mit schwarzer, in Locken gekräuselter Perrücke 
und TOD ziemlich gemeinem Aussehn. Das Glied war auffallend klein und retrahirt, 
aber in jeder Beziehung ganz normal, nichts weniger als canum more (Tardieu!) zu- 
gespitzt, auch wurde der Harn in ganz gewöhnlichem Strahl gelassen. Das Scrotum 
war gut entwickelt und die Hoden stark. Der Verdacht auf — wie so oft — gleich- 
zeitig passiv getriebene Päderastie bedingte auch die Untersuchung der Posteriora: die 
Hinterbacken waren fett und gewölbt, doch zeigten sie nahe am After eine sichtliche, 
wenn auch geringere Ausbuchtung oder dutenförmige Einsenkung, als ich sie in an- 
dern Fällen gesehen, von sternförmigen Hautfalten am After war Nichts zu sehen, der 
Scbliessmuskel war etwas tief eingesenkt, aber fest geschlossen. Von Verletzungen, Hä- 
morrhoidalknoten u. dergl. keine Spur. Hiemach musste ich erklären, dass Zeichen ac- 
tiT getriebener Päderastie an dem Angeschuldigten, wie dergleichen überhaupt nicht 
•xistiren, nicht gefunden worden wohl aber Befunde erhoben worden, die es nicht un- 
wahrscheinlich machten, dass er sich der passiven Päderastie wiederholt hingegeben 
habe. 



133. Fall. Angebliche Päderastie. 

Der 4Q{jährige Angeschuldigte war der Päderastie verdächtig. Er leugnete dieselbe 
und gab an, öfter mit Frauenzimmern den Beischlaf versucht, aber wegen Mangels an 
geschlechtlichem Turgor, und weil sein Glied in steifem Zustande unter der Eichel nach 
Tom hakenförmig umgebogen sei, nicht zu Stande gekommen zu sein. 

Die örtliche Untersuchung ergiebt: 1. Einen Leistenbruch auf der rechten Seite. 
3. Eine rosenkranzförmige Entartung der Vas deferens — Tuberkulose der Nebenhoden, 
— beiderseits. 3. Eine Hypospadie mittleren Grades, d. h. es ist die Hamröbrenmün- 
doDg etwa 1 2k)ll hinter der Eichel gelegen und von da ab eine Harnröhre nicht weiter 
Torhanden, so dass die Eichel undurchbohrt ist und nur einen derselben entsprechenden 
Schlitz hat. Die Farbe der Rinne ist die der äusseren Haut und scheint sich in diesem 
Schlitz eine flache Narbe zu befinden. Bemerkt soll noch werden, dass auch im schlaffen 
Zustande der Penis hinter der Eichel winklich geknickt erscheint und dadurch die in 
dieser Beziehung gemachte Angabe des Angeschuldigten, dass er nur selten Frauenzim- 
mer besucht, mit dem Beischlaf nicht zu Stande gekommen und sich genirt habe, an 
Glaubwürdigkeit gewinnt. Uebrigens ist der Penis an der Wurzel weniger umfangreich 
als an der Spitze 4. Bemerkt man einen anscheinend syphilitischen Ausschlag, nament- 
lich an der äussern Fläche des linken Schenkels ein handtellergrosses Geschwur, dessen 
Ursprung wohl 3 Jahre zuröckliegen kann, zu welcher Zeit der Angeschuldigte an Sy- 
philis in der Charite behandelt worden sein will. 5. Die Aftergegend ist vollkommen 
nonnal bis auf einige Hämorrhoidalknoten. 

Aus obigem Befunde, sagte ich, folgt, dass Explorat anomal gebildete äussere Ge- 
schlechtstheile und kranke saamenausfübrende Organe hat. Erfabrungsgemäss hindert 
im Allgemeinen der hier stattfindende Grad der Verbildung und Krankheit nicht den 
Beischlaf, jedoch erscheint die Angabe des Exploraten mit Rucksicht auf die erwähnte 
Knickung seines Gliedes, dass er mit Ausübung des Beischlafes nicht zu Stande gekom- 
men, nicht unglaubwürdig 

Dafür dass Explorat passiver Päderast sei, giebt die Untersuchung objective An- 
haltspimkte nicht, womit selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dass wohl ein oder 
mehrere Male eine Einführung eines männlichen Gliedes in seinen After stattgefunden 
haben könnte. Dafür, dass er activer Päderast sei, sind objective Merkmale ebenfalls 
nicht vorhanden, und mvuss bemerkt werden, dass die Wissenschaft solche, welche dieses 
Laster bswieseo, überhaiq^t nicht besitzt. 



200 P&derastie. §. 27. Casuistik. 134. Fall. 

184. Fan. Kann ein Mann Ton einem Anderen mit Gewalt p&derastisch 

gemissbraucht werden? 

Das auswärtige Qericbt hatte mir mit den Acten wider Z. die Frage Torgelegt: 
»ob es möglich ist, dass auch dann eine BeischlafsTollziehung zwischen M&nnem in dei 
Art, dass das männliche Glied des Einen in den After des Anderen eindringt, und bia 
zum Saamenerguss darin Terbleibt, Statt finden könne, wenn die Person, mit welchei 
in dieser Art Unzucht getrieben wird, sich mit allen Kräften dagegen sträubt?* 

Ich antwortete wie folgt: 

„Der Schlossergeselle H. aus Berlin denunciirte in etwas Terhüllten Worten am 
18. Februar t. J. den Rentier Z. in ***, dass ihn dieser, nachdem er ihn in Berlin 
kennen gelernt und ihn beredet habe, seinen Obsthandel aufzugeben und in seinen 
Dienst als Bedienter zu treten, nach einiger Zeit des J)ienste8 ^«den Antrag gemacht 
habe** und ihn durch Ränke, Vorspiegelungen und Weintrinken „»so weit gebracht** 
habe. »»Was er dann mit ihm gemacht**, wisse er nicht, und da er „,das Verspro- 
chene** nicht erhalten könne, „„bekenne er sich als reuiger Sünder*". Weit freiet 
und genauer deponirt er dagegen in seiner Vernehmung \om 1. Juni: „„Z. kam eines 
Abends, als ich Ton vielem Wein angetrunken war, in mein Bett, kösste mich heftig, 
und obgleich ich mich ans allen Kräften sträubte, so gelang es ihm, als dem viel stär- 
keren Manne doch, mich zu überwältigen und Päderastie mit mir zu treiben, d. h. ei 
drang trotz meines Widerstrebens mit seinem männlichen Gliede in meinen After ein 
und stiess dort so, dass ich Schmerzen am Mastdarm empfand, hin und her, bis ihni 
der Saame abging.** Vorgehalten, wie unwahrscheinlich seine Angabe sei, dass widei 
seinen Willen und trotz seines ernstlichen Sträubens Z. habe zum Ziel gelangen kön- 
nen, verblieb er bei seiner Aussage, hinzufügend, dass dies das Erste- und Einzigemal 
gewesen, dass er auf solche Weise gemissbraucht worden sei. In einer späteren Ver- 
nehmung, am 16. August pr., sagte er: „„Ich hatte tüchtig mit ihm getrunken nnti 
mich um 11 Uhr ins Bett gelegt. Z. hat sich in meine Stube eingeschlichen und sict 
auf mich gelegt. Ich habe ihn nicht abwerfen können und er hat seine Wollust be- 
friedigt und mich zu Schanden gemacht, indem er mir den Mastdarm zerstossen hat 
Ich habe dabei auf dem Rücken gelegen."" Dr. K. hat bei der Untersuchung des Kör- 
pers des H. keine Spuren am After oder sonst wahrgenommen, die auf eine Vergewal- 
tigung in unsittlicher Beziehung hindeuten, namentlich keine Erweiterung des Schliess- 
muskels und trichterförmige Vertiefung. Diese Behauptung bestätigt Dr. J. nach seinei 
Untersuchung des H.* 

„Am 23. Juni pr. hat Denunciant einen Mordversuch gegen Z. ausgeführt, an 
geblich weil seiner Denunciation kein Fortgang gegeben wurde und er sich in seinei 
Hoffnung auf Entschädigung getäuscht sah und sein Benehmen, wie das spätere im Ge^ 
föngniss, wo er sich höchst aufgeregt zeigte, gab Veranlassung zur Prüfung seines Ge 
müthszustandes. Ich führe in dieser Beziehung hier nur an, dass nacheinander sowoh 
die Herren DDr. R. und J., wie der Kr.-Phys. Dr. E. seine geistige Gesundheit um 
Zurechnungsfahigkeit zur Zeit des Mordversuches ausser Zweifel gestellt haben. Dies« 
Frage berührt aber den Unterzeichneten nicht, vielmehr nur die ihm vorgelegte, obei 
bereits bezeichnete." 

„Ueber dieselbe hat sich bereits der genannte Dr. E. zu äussern gehabt. Derselbe 
führt in seinem Gutachten vom 23. v. M. aus, dass er selbst keine Erfahrungen be- 
treffend Päderastie besitze, und er benutzt deshalb dasjenige, was der Unterzeichnet« 
aus eigenen Beobachtungen in seinem Handbuch der gerichtlichen Medicin bekannt ge- 
macht hat Der Verfasser des Gutachtens parallelisirt die Päderastie mit der Nothzuchi 
und indem er, auf Grund meiner Beobachtungen und Behauptungen, dass unter Um<i 



Pftderastie. §. 27. Casriistik. 134. Fall. 201 

Suaden ein erwichsends Frauenzimmer auch Ton einem einzelnen Manne staprirt wer- 
den k&me, im Allgemeinen ans der Analogie die Möglichkeit zngiebt, dass auch ein 
liim, selbst bei Widerstreben nnd Aufwand aller seiner Er&fte, von einem Manne pä- 
dimtuch gemissbraucht werden könne, meint eV doch schliesslich sich ausser Stande 
n befinden, ein bestimmtes Urtheil über den concreten Fall abzugeben. Bei dieser 
Unbestimmtheit der Auslassung wurde auf Antrag der Eöngl. Staatsanwaltschaft mein 
SeperarbitriuB erfordert'' 

JMe unnatürliche Oeschlechtsneigung, die den Mann zum Manu oder Knaben hin- 
ziabt, wird in einer grossen , Tielleicht der Mehrzahl von Fällen keineswegs immer auf 
die bekannt» ekelhafte beischlafsähnliche Weise befriedigt. Vielmehr begnügt sich eine 
graue Zahl dieser Männer mit einseitigen oder gegenseitigen onanistischen Reizungen, 
oder mit unzuchtigen Berührungen des Körpers, namentlich allerdings des Hintertheils 
des peetiTen Theils bis zur Saamenentleerung , wie in anderen Fällen der Mann bei 
Midier unbegreiflichen geschlechtlichen Yeriming sich darin gefällt» bald eine actiTe, 
beld eine pasaive Rolle zu spielen. Auf weitere Einzclnheiten einzugehen, zu schildern, 
vie derfleichen Männer sich weibliche Namen zu geben lieben, auch wohl in ihren ge- 
Mmsten Vereinigungen sich gern in Weiberkleider stecken u. s. w., kann nicht der 
Zieck dieses Oirtachtens sein. Wohl aber halte ich es für nicht unerheblich hier an- 
afibren, dass meines Wissens in solchen Fällen, wo eine wirkliche Beischlafsvoll- 
nebeng per anum Ton Päderasten zur Befriedigung gefordert wird , eigenthämliche Er- 
leiebteraogsmittel des nicht ganz leicht zu vollzieheoden Aktes angewandt zu werden 
piefen, die theils dazu dienen, den Widerstand der Bauchpresse, theils den des After- 
KblieNmnskels zu Terringem, theils den Eingang des männlichen Gliedes iu den Mast- 
to in erleichtem , theils endlich das Durchreiben an den gemissbrauchten Körper- 
Wen IQ Terhuten. Schon hieraus geht herror, dass die vom Kr.-Phys. Dr. E. her- 
Igetofene Analogie der Päderastie mit der Nothzucht för nicht ganz zutreffend erach- 
M Verden kann. Denn, abgesehen von der gesellschaftlichen und sittlichen Stellung 
^Weibes in Vergleich zu der des Mannes, wonach in solchen Momenten Furcht, 
^c^reck, Scham, Bestürzung sie leichter wehrlos machen kann, als den Mann, so bietet 
*<^ der anatomische Bau der beiderseitigen, hier in Betracht kommenden Körpertheile 
^ gröesten Verschiedenheiten dar. Die weibliche Scheide , von der Natur zur Vollzie- 
^ des Zeugungsactes bestimmt, ist ein viel weiterer Kanal , als der Mastdarm und 
1^ dem Beischlafsact kein Hindemiss entgegen, als welches bei der Jungfrau das den 
K^Bgio|f noch sperrende Hymen nicht gelten kann, da dasselbe sogleich bei der Deflo- 
'"Öon, und iu der Mehrzahl der Fälle leicht, zerstört wird. Der Mastdarm dagegen ist 
■■ After durch einen Schliessmuskel verschlossen, der jedem von aussen eindringenden 
Körper, selbst einem dünnern, wie dem Rohr der Klistirspritze oder dem Bougie des 
"otersnchenden Arztes, mehr noch dessen Finger, und weit mehr noch dem erigirten 
"Äonlichcn Gliede des Päderasten einen energischen Widerstand entgegenstellt. Es 
Pht hieraus hervor, wie mannigfache Bedingungen zusammentreffen müssen, damit eine 
*i^Iicbe vollständige Immission des Gliedes in anum und ein bis zum Ziel getriebener 
CoHiis — H. behauptet, dass dies der Fall gewesen, und dass Z. ihm den „„Mastdarm 
'■'toieen** habe — gelingen könne. Schon ohne Anwendung eines der oben ange- 
■*teten Erleichterungsmittel, weit mehr aber noch, wenn dann obenein der zu Bewäl- 
^^pide durch innere oder äussere Muskelaction sich gegen den Angriff wehrt, z. B. 
"Vth kräftiges Zusammenziehen des Afterscbliessmuskels, durch Aneinanderpressen der 
™erbacken, geschweige durch zu Hölfenahme seiner Extremitäten u. s. w. „„sich 
*iit allen Kräften gegen den Angriff sträubt"", wie die obige Frage lautet, 
viid es einem einzelnen Manne unmöglich sein, zum Ziele zu gelangen und einen wirk- 
en Beischlafnct der beregten Art zu vollziehen.*' 



202 



U f 27. Caauistik. 134. Ftfl. 



9 Warn ich keinen ÄnstoJid nehme, dies als all gern ein güJtigen Sttx 
so fol^t aus demselben von seibat, dass auch der concreto Fall danach tu bforlheiffe 
sein wnrde. Derselbe bietet aber noch sehr beacfateDswerihe Memeiite dar. die dai Vt* 
theil noch mehr erleichtern. Wenn Kunachst es befandet sein sollte, dass dar RenÜtr 
Z. in dem Verdacht päderastiscber Neig^n^en tileht, wie H. behatiptet. %o worda» oael 
dem was ich oben aber diese Männer angefdlirt, es uich Jtuvorderst fragen: ob w wirl- 
lich so zu «agen mechamscbo Päderastie treibe oder nicht, in welchem letzteren Fallt 
die Anschuidigunp: des II. in Nichts zerfiele, was ich jexloch ganz auf sich beruhen 
lasse, als nicht strenge mein Gebiet berührend. Unterlasnon aber kann ich nicht, dar- 
auf aufmerksam zu macheu, wie auffallend schwankend IT. in seinen Aussagen sich ff- 
zeigt hat, und wie er von aofänglicben ganz uubeRttmmton Andeutungen, wie obrn an- 
geführt, sich endlich zu dem Climax des ,,ganz zerstossenen Mastdanns"* und dtr 
,^zur Schande gewordenen Gesundheit*'* gesteigert bat, während doch nicht einnubehaift^ 
warom er mit der AozeJgo so schwerer Nachtheile bei seinen Denunciattonen ao liagt 
gezögert hat. Und hier muss ich den Denuncianten offenbarer Un Wahrheiten btachiildl- 
gen* Selbst wenn ich zugeben wollte, was von eiuigen Seiten behauptet von mir iti«r 
in zahlreichen betreflenden Fallen niemals beobachtet worden, dass durch CoiHis pv 
anum der Ma^darm verletzt oder entzündlich gereizt und in Geschwürsbildnng vervolii 
werden konnte, so ist es doch als unmöglich zu erachteo, das» solche Folgen von ^ 
nur Einmaligen Acte, wie er hier nur in Rede hteht, entstehen könnten, aus welc 
Grunde das Fehlen der Zeichen am Körper des H. nach den arztlichen Berichten 
Nichts beweisen kann. Noch entschiedener wo möglich ist die Angabe des H- lun 
zuweisen, dass durch eine solche Einmalige Brutalität die allgemeine Gesnn 
dauernd zerstört werden könnte, was wohl keiner weiteren sachverständigen Erör 
bedarf. Männer aus meiner eigenen amtlichen Beobachtung, die sich Jahre lang 
ver Päderastie als sog. Kynäden hingegeben hatten^ haben dadurch nicht die gen^ 
BeeintriichHgung ihrer Gesundheit erlitten." 

^Hervorzuheben ist femer die unglaubwürdige Aassage des H. im Ver!i6r 
16. August pr., wonach Z. ihn im Bett überfallen und sich auf ihn gelegt habe u. a. r. 
Man musste hiernach annehmen, dass er sich auf den Bauch gelegt habe, am aisn- 
schlafen! Wenn er aber — offenbar auf die sehr natürliche Frage daa üntarsuchimfi- 
ricbters — hinzufügt, dass er ,, dabei auf dem Rücken gelegen hab^**, so wiH 
seine Aussage vollkommen unglaubwürdig. Denn nach dem, was oben über die Sibwie- 
rigkeit dieser unnaturlichen BeisrhlafsvoUziebung angeführt worden« iat eine Hoglicbkot, 
wie Z. bei dieser Lage des H. ihn so habe missbrauchen können, wie er 
in keiner Weise anzunehmen,** 

•Ich habe endlich noch eines erheblichen Momentes zu erwähnen, das bei ^^t^^ 
waltigungen durch Notbzucht, wie durch Päderastie sehr bedeutend in^s Gewicht ftUI» 
ich meine die respectiven Körperkräfte der beiden Theile. E. nennt twar eimni te 
p. p« Z. im Vergleich /,u sich den ^«viel stärkeren Mann*", die Akten arfebto ilw 
Nichts, was dieses Unheil begründen könnte. Wohl aber sagen dieselben, dass B,'fra 
dem nirgends bemerkt ist, dass er krank oder kranklich sei, zur Zeit 29, Z» 
Jahre alt war, wobei ich des Letztem Angabe über »eine geschwäcble Gesundheit 
dahin gestellt sein lai^f>»e. Hiemach war im Allgemeinen unzweifelhaft die Kraft 
Widerstand grÖBser» als die tum Angriff, und so subsumirt sich der coocrat vorlia 
Fall durchaus unter die oben aufgestellte allgemeine Begeh Hiernach beantworta 
scbliefislich die mir vorgelegte Frage dahin: dass es nicht möglich ist, da&s auch dam i 
Beischlafsvollziehung zwischen Milnnern in der Art, daas das männliche Glied def IKa 
in den After des Anderen eindringt und bis zum Saamenergusa darin verwetlt, S 



abarj 



Pldmatie. §. 27. Gasuistik. 135-138. Fall. 203 

I könne, wenn die Person, mit welcher in dieser Art Unzucht getrieben wird, sich 
mit allen Kr&ftoi dagegen sträubt' 

188. Fall. Erzwungene Päderastie. 

Gau anders reriiielt sich der Befund im folgenden Falle, denn es war eine mit 
WAriownacbmg yerbondene Nothzucht am männlichen Subject und die Untersuchung 
ksBBte auf frische That oder sehr bald darauf geschehn. Der 21jährige Bediente X. 
fir, weil er die Liebesquälereien seines Herrn und die körperlichen Unbilden nicht län- 
f«r ertragen wollte, eines Morgens, nachdem derselbe ihn auf sein Bett gezogen und 
ngibhch gemissbraucht hatte — seine Angaben, betreffend die Umstände von der That 
imd den dazu benutzten Apparat, haben sich bei der Haussuchung bestätigt — schnur- 
stneb zom Polizeibeamten gelaufen, der mir den jungen Mann augenblicklich zuführte. 
Ich Cttd In diesem Falle einen kleinen, zwei Linien tiefen Einriss in den Sphinter ani 
fiihneits und den ganzen Sphinter gereizt und schmerzhaft für die Berührung. Im 
üibrigen war nichts Abnormes am Körper wahrzunehmen. 

186. Fall. Erzwungene Päderastie. 

IHeser betraf einen 16jährigen Knaben, der aber körperlich und geistig nur die 
Estfiekehmg eines 12jährigen Kindes zeigte. Derselbe war von dem Stubenmaler X. 
äwredet worden, die Nacht mit ihm im Bette zuzubringen, und bei dieser Gelegenheit 
K^BialMiacht worden. Der Angeschuldigte hatte, nach der Angabe des Knaben, „seine 
8ckao ihm hinten eingebohrt, wobei er nass geworden", und es waren danach Schmer- 
tn beim Gehen und beim Stuhlgang entstanden. Am fünften Tage nach jener Nacht 
ntersttchte ich den Knaben. Derselbe zeigte sehr deutlich ein Klaffen der Nates und 
OBe dntenförmige Einsenkung nach dem After, wichtiger aber war ein frischer, zwei 
löien langer Einriss rechts in die Haut dicht am After, der etwas eiterte. Zwei kleine, 
blne, gefällte Venensäckchen, die Tor dem After lagen, mussten bei dem kleinen Knaben 
«ftülen. Der Schliessmuskel war unverletzt, und der After normal geschlossen- Aber 
^ ÜDtersuchung war dem Knaben sehr schmerzhaft und seine Angabe, dass er noch 
jctit (nach fünf Tagen) sehr starken Schmerz bei der Ausleerung fühle, um so glaub- 
^^, als ein Versuch bei meiner Exploration, den Mastdarm hervorpressen zu lassen, 
*|leich heftigen Schmerz bis zum Weinen verursachte. Unser ürtheil ging dahin : 
^ der Untersuchungsbefund Thatsachen geliefert habe, welche die Anschuldigung 
BBterttotzten. 

187. and 188. Fall. Päderastie an einem Knaben. 

Es war der neun Jahre alte Carl, welcher angab, dass ihn der 30jährige Tischler- 
nde L. wiederholt auf den Schooss genommen und eine ihm jedesmal sehr schmerz- 
^ Immissio in anum versucht hätte, die er in kindlichen Worten sehr glaubwürdig 
"c^ilderte. Er bekam breite Feigwarzen am After und eine syphilitische Halsentzün- 
^, die von den behandelnden Charite-Aerzten bescheinigt worden waren- Bei meiner 
¥^Vi Untersuchung war er davon völlig gebeilt, aber eine sehr auffallend dntenförmige 
^idmefatang der Nates war sichtbar bei übrigens völliger Unversehrtheit des Schliess- 
■^els und Afters. — L. hatte ein langes, dünnes, aber normal gebildetes Membrum. 
^•drti Tom, Vorhautbändchen fand sich eine linsengrosse, vertiefte, runde, offenbare 
SchaDkemarbe, sonst am ganzen Körper nichts Auffallendes. Der Befund unterstützte 
Nüeh, wie ich ausführte, die Angaben des Knaben und L. wurde verurtheilt. 



S04 



Plderastie. f 27. Cäsuistik* 139. Fall. 



139. Fall. Päderastische Notfazachi mit VerBtommeluiig und 
Mordversuch. 

Der furchtbare, sich dem im folgenden Bande (s. ErtnnkimgBtod) mitxuthtil« 
pideraMi sehen Attentat g:egeQ den Xnaben Corny anschliessende Nothzncbtsact 
den 5jährigen Koaben Handtke, als dessen Urbet^r der etc. ?. Zastrow ve 
wurde, über Jessen ZurecbLun^sfühigkeit wir ebenfalls weiter unten eiQ GutacfatoQ 
tbeUen werden, ist in seiner Art einzig dastehend, und Ünden wir nur bei Tardita 
eine von zwei Tbätorn verübte derartige Schondthat berichtet. 

Nachdem am 17. Januar Nachmittags das Verbrechen verübt war, hatten wir am 
19. den Knaben zu untersuchen ^ uiid wiederholten, da am genannten Tage die Unter 
Buchung wegen lebensgerährltcher Erkrankung des Knaben nur oberflächlich sein koo&if^ 
dieselbe am 27. und 28.. nach welcher wir wie folgt berichtetep: 

Wir fanden den füofjahrigen Knaben stark fiebernd mit ausgebreitetem Broacbid' 
catarrh uud drohenden Erscheinungen einer Bauchfellentzündung bei uaserem enlifl 
Besuch, welche Krankheitserscheinungen tiei dem zweiten au Intensität erheblich aaei* 
getasseu hatten, 

Verletzungen fanden sich am After, am mannlichen Glieds, im Gesiebt uad la 
Halse. 

r Am After befinden sich im Ganzen vier Verletzungen. Zunächst etoe grow, 
klaffende Wunde nach vorn zu, etwaa nach links neben der Dammleiste (Bapbe). Hier 
ist die Haut und der ganze Schliessmuskel des Afters durchrissen in ungleichen Ru- 
dern und erstreckt sich die Wunde einen halben Zoll in das Mittelfleisch hinein. d«r 
Art, dass etwa der dritte Theil de» Dammes, d. h. die zwischen Ansatz des H^litt- 
sackes bis zum After hin gelegene Stelle interessirt ist. Ob hier, eventuell wie wü 
auch der untere Theil des Mastdarmes eingerissen, haben wir unsererseits nicht f«it|»* 
stellt, weil, nachdem die behandelnden Aerzte mehrfache Untersuchungen schon vorfl- 
nommen« wir durch erneutes Eingeben mit dem Finger die W^unde nicht reizen and ietfi 
Kinde nicht Schmerzen bereiten wollten. Die Wunde klaffte fast einen halbtii Zoll wnt. 
und eiterten die Wundßächen stark. Es stellt diese Wunde eine nach vom hio ipit^ 
sulaufende und bedeutende Erweiterung der Afteroffnung zu einer Höhle dar. Dcrcte 
sie vornehmlich ist die Funktion des Schliessmuskels de» Afters aufgehoben, 
die Kothmass(^n nicht anj^^eh alten werden können. 

Ausserdem befinden sich am After noch drei kleinere und seichtere Verletiuaföi. 
welche die Haut und die oberflächlichen Schichten des Schliessmuskels beirefftn« Z«« 
von ihnen beginnen im hinteren Umfang den Afteroffnung tmd verlaufen dtver|iRii<l 
gegen das Steissbeiii zu. Die dritte liegt zwischen cliesen und der vorderen gmr 
len Wtmde und verläuft quer gegen den Sitzknorren hin. Sie sind drei bb vier Li- 
nien lang, ihre Ränder erscheinen ziemlich glatt, und eitern stark. Daa gajixe WM* 
fleisch bis zum Gliede hin ist geschwollen. 

Die beschriebenen Verletzungen setzen eine gegen die Afteroffnung »tnmpf wirksidt 
Gewalt voraus, durch welche der Scbliessmuskel ein- und durcbgerissen worden ist 

Während die drei letztgenannten Verletzungen wohl lediglich durch daa Bifidri 
^ntä minnlichen Gliedes eines erwachsenen Mannes erzeugt sein können, ist 
der ersteren Verletzung nicht füglich anzunehmen, weil der Schliessmuskel 

Wohl aber kann sehr füglich diese erstere Verletzung hervoi^gerufen sein 
waltsames Ausein and erreissen der beiden Hinterbacken in der Crena ani, um auf i 
Weise das Eindringen des minnlichen Gliedes zu erleichtern. 

Es erklärt diese Annahme zugleich den Umstand, dass an dem innerva To 
blatt des angeschuldigten v. Z. Einrisse nicht vorgefunden wurden , die bei der ! 



Pldemtie. $. 27. Gasuistik. 139. FaU. 205 

MBor Yoiiiaut, und wenn i«in Glied den Weg sich b&tte bahnen müssen, mathmaass- 
M entitanden sein wurden. 

DiM6 Yerletiang allein constitairt jedenfalls eine erhebliche im Sinne des §. 192a., 
gau abgesehen Ton dem l&ngeren Krankenlager, wegen der jedenfalls lange Zeit hin- 
diffch lihrenden Incontinenz der Kothmassen. Bei einer andauernden Incontinenz aber, 
fikbe forab noch nicht zu entscheiden ist, würde sie auch als eine Verstümmelung 
in Sinne des §. 193. aufgefasst werden können. 

t Am minnlichen Qliede des Kindes fanden wir die Vorhaut frisch und zwar 
In^ der Eichel getrennt Es waren beide Bl&tter der Vorhaut von der Verletzung 
b«tro8en mid das ZeUgewebe einige Linien hinter der Eichel bis auf die schwammigen, 
dm Penn constituirenden Körper blosgelegt. Die Ränder der Wunde erschienen scharf, 
n beiden Seiten befand sich je ein kleiner Zacken. 

Wir «rkl&ren uns nach mehrfacher und reiflicher Erw&gung diese Verletzung da- 
duck tm ungezwungensten entstanden, dass die Vorhaut weit hervorgezogen und rund 
bmm getrennt worden und dann der Rest derselben gewaltsam hinter die Eichel zu- 
ndgeiogen worden ist, um diese g&nzlich frei zu legen. Diese Verletzung wird vor- 
uaäebtiieh einen bleibenden Nachtheil nicht haben. 

S. Die Verletzungen im Gesicht bestehen in einer Anzahl von Hautabschürfungen 
iddie durch eine Photographie versinolicht wurden) tind in einigen anderen, auf wel- 
dM wir bei Besprechung der Verletzung am Halse zurückkommen. 

Ausser einigen linsen- bis erbsengrossen Hautabschürfungen, einer auf der linken 
^ der Stirn und einigen unregelmässig gestellten auf der oberen Gegend der linken 
Wuge, ibden sich nämlich eine Anzahl kreisförmig gestellter, linsengrosser, länglicher 
Bantabiehörfungen seitlich vom Munde auf der linken Wange. Der durch dieselben 
fvUdete Kreis hat 1\ Zoll Horizontal-, U Zoll Vei^ical-Durchmesser. 

Die Stellung und Form dieser Hautabschürfungen machen es höchst wahrscheinlich, 
^ dieselben durch Biss erzeugt sind. Diese Wahrscheinlichkeit wird erhöht dadurch, 
dm der ganze von ihnen umschlossene Kreis zur Zeit unserer ersten Untersuchung 
<^ leicht geschwollenes, zur Zeit der zweiten Untersuchung ein bläulich gefärbtes, su- 
fßttm AuMhen hatte, wie dies durch heftiges Saugen sehr füglich erzeugt sein kann, 
od wie man Aehnliches , nur viel stärker imd deutlicher, nach Application eines 
^pfkopfes beobachtet 

£• sind auf der Photographie sehr deutlich zunächst dem Mundwinkel drei Ein- 
^e n sehen, von denen drei Ausläufe auf die Wange des Kindes hingehen, die 
^te onteren sind nur oberflächlich, während der obere tiefer in das Unterhautzellge- 
*ibe Uneingeht 

Nimmt man an, dass diese drei Verletzungen den oberen drei Zähnen des Z. ent- 
Vncben, so würden die sieben unteren Verletzungen den sieben unteren Zähnen des- 
*lbeo entsprechen. 

Dtsi bei Z. der grössere Zahn auf der linken Seite sich befindet, bei dem Knaben 

f^ts die tiefere Furche zu sehen, widerspricht der Annahme, dass die Schrammen 

^Dtb die drei oberen Schneidezähne entstanden, nicht, weil die Zähne nicht rechtwink- 

% tof die Backe gewirkt zu haben brauchen; bei einer Einwirkung aber in einem 

9>tieii Winkel, so dass die rechte Backe Z.'s sich nahe der linken Backe des Knaben 

l>cfiuiden hat, sehr foglich der am meisten nach rechts stehende Zahn Z.^s tiefer ge- 

piffea haben kann, als der längere nach links stehende. Auch der Umstand wider- 

tpMi der Annahme nicht, dass die Lücken zwischen den Marken auf der Backe des 

Kindes an einzelnen Stellen grösser erscheinen, als die Lücken zwischen den Zähnen 

Z.% weil ja selbi^tverständlich während des Saugens die Peripherie des Kreises auf der 

Backt ein« kleinere gewesen, als sie jetzt erscheint 



206 Päderastie. §. 27. Gasuistik. 139. FalL 

Wir wollen indess nicht mit apodictischer Gewissheit aussprechen, das« die Ver- 
letzungen gerade durch die entsprechenden Zähne in dieser Weise erzeugt seien, ohne 
dass wir deshalb die Meinung aufzugeben vermögen, dass sie überhaupt durch Biss 
entstanden seien. 

Auch die oberhalb dieser Verletzungen befindlichen Hautabschürfungen auf der lin- 
ken Wange können diesen Ursprung haben. 

Nimmt man an, dass der Angeschuldigte sich hinter dem Knaben, der etw» ober 
einen Gegenstand gelagert war, befunden habe, so würde er sehr füglich auf diese 
Weise den Mastdarmschliessmuskel mit den Hunden haben zerreissen, den Penis immit- 
tiren und gleichzeitig sich vomüberbeugend von links her mit seinem Munde die linke 
Wangengegend des Knaben haben erreichen und in der Weise, wie die Phologn- 
phie es versinnlicht, an der bezeichneten Stelle haben saugen resp. beissen können. 
Gerade dann würde der rechte obere Schneidezahn im spitzen Winkel auf die Wange 
habe auffallen können. 

Ebenso würde dies auch möglich sein, wenn der Knabe etwa auf dem Schooeie 
des Thäters in reitender Stellung, den Kopf nach ihm zugewendet, sich befunden hatte. 

Wenn der Knabe in dieser Stellung den Kopf nach seiner rechten Seite g^ewendet, 
der Angeschuldigte sich selbst, und seinen Kopf nach links beugend, zu ihm herunter 
gebeugt bat, so war er auch so im Stande, mit seinen oberen Zähnen die bezeichnete 
Stelle in der Gegend des Mundwinkels des Knaben zu treffen. 

Dass in der That eine der beiden Stellungen stattgefunden haben müsse, können 
wir nicht behaupten. Wir erwägen sie nur, weil sie vor Allen die natürlichsten er- 
scheinen. 

Ob die Manipulationen am Gliede des Knaben diesen beiden Verletzungen gefolgt, 
oder ihnen voraufgegangen sind , vermögen wir aus dem objectiven Befunde nicht n 
sagen. 

4. Am Halse des Knaben fanden wir eine Strangmarke. Dieselbe verlief ober 
den Kehlkopf und stieg beiderseits nach hinten schräg auf in der Richtung des Haar- 
ansatzes. Vorn hatte die Marke eine gelbliche Färbung, rechterseits war ihr oberer 
Rand ecchymosirt: zum Theil fanden sich in derselben punktförmige Blutaustretunfss. 
mehrfach war zu beiden Seiten die Marko excoriirt. Ihre Breite betrug i Zoll. 

Diese Marke entspricht dem uns durch die Polizeibehörde vorgezeigten baumwolle- 
nen Tuch, welches zusammengedreht um den Hals des Knaben gefunden wurde. 

Als Effect der Strangulation ist eine Ecchymosinmg beider Augeubindehäute in des 
äusseren Augenwinkeln anzusehen, welche wir wahrnahmen. Auf Rechnung der Stran^ 
gulation fällt auch eine Gruppe kleiner stecknadelspitzengrosser Blutaustretnngen oate^ 
der Stirnhuut, gerade in deren Mitte. 

Es fand sich noch eine Blutuuterlaufung an der Spitze der linken Ohrmuschel, f^. 
welche wir eine bestimmte, mit den iu Rede stehenden Handlungen zusammengebi 
Deutung nicht haben. Sie kann, wie auch die au der Stirn, durch Scheuem an eil 
Gegenstand entstanden sein. 

Es ist anzunehmen, dass die Strangulation nach dem pädcrastischen Angriff, 
als solchen charakterisiren sich die sub 1., 2. und 3. beschriebenen Verletzungen, 
folgt sei, weil anderweitig schon während des Actes die Erstickung des Kindes gefo- 
sein würde, da, nach den Wirkungen der Strangulirung zu urtheilen, diese eine 
Leben des Kindes bedrohende gewesen sein muss. Andernfalls müsste das Tuch 
vor Beginn des pädcrastischen Actes, resp. sehr bald wieder gelockert worden 

Was den Angeschuldigten betrifft, so hatten wir denselben am 20. Januar 
tersuchen und fanden an dem Körper des 51jährigen Mannes, namentlich an 
Händen, keine Verletzungen. 





> 



»LderMtie. §. 27. Gasuistik. 140. Fall. 207 

Du mlnnlklie Glied «rschien für die Grosse des Exploraten von circa 6 Fuss et- 
m Uein, jedoch sind die Dimensionen desselben keineswegs auffällig klein zu nennen. 
Si hat ongeAhr eine Lftnge Ton 2 Zoll und ist in seiner Mitte etwa \ Zoll dick. Auf- 
fMÜM war uns eine schnelle Zuspitzung (Verjüngung) der Eichel von deren Grunde 
nur Spitxe hin. Diese ist nicht bioszulegen, da sie von der Vorhaut bedeckt und diese 
te^ Enge ihrer Torderen Oeffnung, ohne übermässig lang zu sein, nicht zurückzu- 
stnifw ist Man kann, indem man sie zurückzuziehen versucht, etwa nur 2 Linien der 
Kiekebpitie sichtbar machen. Das Innere Blatt der Vorhaut ist nicht verletzt. Zwischen 
lickel und Vorhaut war etwas von der Schleimhaut abgesondertes Smegma sichtbar. — 
Iks Hibitos des Gliedes ist nicht übermässig schlaff, wie auch ausgedehnte Venen am 
^iede ao wenig, als am relativ kleinen und schlaffen Hodensack nicht wahrzunehmen 
— Die Aftergegend bietet nichts Auffallendes, noch Abnormes dar. — Die Hin- 
sind nicht übermässig entwickelt, die Crena ani schliesst der Art, dass beide 
Backen sich berühren» wenn Explorat Tomübergebeugt steht; eine dütenförmige Bin- 
iMknng derselben nach dem After hin, ein Offenstehen des Schliessmuskels , wie auch 
•in Ysntrichenaein der Falten um den After herum, haben wir nicht wahrgenommen. Die 
Afttnoindong und deren Umgegend war etwas mit Koth besudelt. 

In psychologischer Beziehung bemerken wir, dass Explorat sich mit einer gewissen 
^^teitwiUigkeit der Untersuchung unterzog und nach derselben seine Unschuld be- 



Ans vorstehenden Befunden ergiebt sich, dass solche Zeichen, welche habituelle 
iRTe mderastie objectiv nachweisen lassen, bei dem Exploraten nicht vorhanden sind, 
I diis auch solche Zeichen, welche active Päderastie beweisen, nicht wahrgenommen 
*^«^ Was letalere betrifft, so sind die von den Schriftstellern, auch den neuesten, an- 
Zeichen, hergenommen von der Conformation des Penis, nicht zweifelfrei, so 
I in der Mehrzahl der Fälle selbst habituelle active Päderastie sichere Erkennungs- 
nicht zurücklassen dürfte. Was erstere betrifft, so schliesst das Fehlen der für 
I Erkennung passiver Päderastie geltend gemachten Zeichen nicht aus, dass dennoch 
I ausgeübt worden sei, da erst bei vielfach wiederholtem Verkehr sie sich ein- 
Htm sollen. 

Wir haben ausserdem für nothwendig erachtef , den Mund des Z. hinsichtlich der 
^^-^ong und Bildung seiner Zähne zu untersuchen. 

Im Oberkiefer befinden sich drei Schneidezahne, welche noch eine schadhafte und 
••^fcduiüi scharfkantige Krone haben, nämlich die beiden mittleren und der linke Schneide- 
^^^^ Letzterer überragt an Länge die beiden mittleren. Sämmtliche übrige Zähne 
*^^^<i Stümpfe, von denen einige das Zahnfleisch nicht oder nur sehr wenig überragen, 
ha Unterkiefer befinden sich nebeneinander sieben Zähne, und zwar in der Mitte 
*^&^ vier Sclufeidc^ne , an der linken Seite daneben der Eckzahn und erste Backzahn, 
^^ der rechten der Eckzahn. Diese Zähne sind geeignet zum Beissen, die übrigen Zähne 
^^^^ Stümpfe, welche die Kronen verloren haben und die das Zahnfleisch gar nicht 
' nur in kleinen Spitzen überragen. 

I. FalL Von einem Knaben an einem Knaben erzwungene Päderastie. 
Saamenfädchen. Zeugungsfähigkeit des Knaben. 

Mit Beseitigung anderer Fälle muss ich noch den folgenden, ungemein lehrreichen 

^i^fnhren, weil er eine ungewöhliche gerichtsärztliche Beweisherstellung für das*Ver- 

^^MlMn lieferte und insofern ganz neu war. Ich war von einem fremden Schwurgericht 

^ dir Ermittelung beauftragt. Eine Bäuerin hatte einen vierzehn und ein halb 

^ alten Banorbnrschen angeschuldigt, ihren achtjährigen Sohn gegen das Verspre- 



eben eines Bnttterbrodes verfuhrt und paderasliich auf dem Felde ^eDbtbmidll M 
bcn, nachdem sie Verletzungen am After des Kindes wahrgenommen hatte. Der Knabi 
gcbob diese auf einen RHt auf einer Kuh, der auch erwiesen wurde. Ich fand ui bddta 
Nates, dicht am After^ zwei ganz gleiche^ waUnussgrosiie » abgeschundene, aber bereit« 
trockne, rothbraune, schmerzhafte Stellen, im Uebngen After und alle andern Tbeite 
Tollkommon normal- Es war in der Tbat kaum anzunehmen, daas diese Kxcoriatlontn 
von einer Action eines männlichen Gliedes hatten herrühren können , während ihre Ent- 
stehung durch einen Ritt auf der Kuh (im August, bei einer Bekleidung mit linseoen ^ 
Hosen) viel erklärlicher war. Der angeschuldigte Bursche längnete Alles. Aber — 9A^m 
dem S|>äter in Beschlag genommenen Hemde des Kindes fand ich, und zwmt an di^^ 
untern Thelle der Hinter seit«, ganz deutliche anscheinende Saamenfleeket oimI tfi^^ 
(sechszehn Tage nach dem Vorfall ausgeführte) microscopische Untersuchung leigle dea^^ 
lieh wohlerbalteue Saamenf^dchen. In Erwägung nun, dass das Kind erst acfal i$kr^^ 
alt, folglich eine Saamenbereitung bei ihm noch nicht anzunehmen war, mosste mit B^^ 
stimmtheit die Quelle dieser Flecke in einem altem männlichen Subjecte gesodil 
den; in Erwägung ferner der Stelle, an welcher die§elben gefunden wurden , fiAba 
keinen Anstand, mit Gewissheit eine gegen den Knaben verübte piLderastiscbe Coso 
tu behaupten. Einen Monat spater hatte ich den Angeschuldigten im Gefängnis» tu 
ploriren; ich fand einen krifligon, musculosen, starkknochigen Burschen von oben 
gegebenem Alter, der allerdings noch keinen Bartwi;chs, ketxio ausgobildote 
Stimme und keine Haare am Schaamberg hatte, sehr bemerkenswerth für den < 
den Fall ! Das männliche Glied hatte die gewöhnlichen Dimensionen dieses Alterti 
die Hoden, noch von geringer Grösse, lagen nicht im Scrotum, houdera dicht fOr dbn 
Bauchring. Der Bursche räumte ein, zu Zeiten Erectionen gehabt lu haben. £i hm* 
delte sich meines Erachten^ nur darum, zu bestimmen, ob bei demselben berdla cn» 
Saamenbereitung und der Drang, den Saamen zu ejaculiroo, aagonommea wordüi böaw« 
und ich bejahte beides, wobei ich naturlich jede Behauptung der von ihm aiu^gefibr-* 
ten vorliegenden Schandthat zurückhielt. Er wurde indess überführt und ventrlbiilt- 
Es ist einleuchtend, das» der Befund von Saamenfüdchen im hintern TheiJe 
des eines schon saamenbereitnngsfahigen Menschen im streitigen derartigen Falls 1 
neu Beweis liefern konnte. Das Eingetretensein der ThaUache bei diesem Kinde 
den Fall m lehrreich für etwanlge ahnlich vorkommende. 




141. t»i4 147. Tm^l Masturbatorische Eeitungeti b#i Knaben and 

Mädchen. 

Ml) Diese hatte der Portier F. an fünf Knaben Isnge und auf die furtrfa 
Weise läglich wiederholt verübt, wobei er selbst ganz iml^eiheüigt bliebl Aufallesd i 
der wirkliche Affenschidel des Angeschuldigten, mit ganit flacher Stirn und promin 
/ochbeinen und Oberkiefer. Ich hutle vor den Geschwonieo nur Über die gea 
schädlichen Folgen dieser Mis^handlungen zu entscheiden* F. wurde au einer > 
rigen Zuchihau« strafe verurÜteiU. 

142 bis 14ti| Nur zwei Monate spater aass auf derselben Anklagebank d«r 
K. unter der Anschuldigung» mit zwei Knaben und drei Mädchen Yon 6 bis 9 
dieselben Schiiudlichkeiten wie Jener verübt zu haben. Dia mir in der Voninb 
vorgelegten Fragen waren keine alltägliche und folgende: „ob die Be 
Schaamiheile der Kinder darauf schliesAen lässt, dass die Verleitung von d#r 
lation eines Dritten herrühren müsse, oder von der eignen Manipulation der 
barritliren konno? ob die bei einigen Rindern seit längerer Zeit bemerkte Kriijj 
keit im Zu2*ainnieiiJiaiige steh« mit den Verletzungen ihrer Schaimtbiile? ob 




Plderastie- §. 27. Gasuisük. 146. Fall. 209 

GesnMRieit oder das Leben der Kinder in Folge der durch einen Dritten zugefügten 
omitärlieben Behandlung etwas zu befürchten sei?^ — Der 5 jährige Otto sollte nach 
dem Atteste eines Medicinalbeamten drei Wochen vor meiner Untersuchung „die Er- 
ttbeiniiDgen der Entzündung an seinem männlichen Gliede, mit Ausfluss einer tripper- 
irtifen Flüssigkeit*, gezeigt haben, welche nach zweitägiger Anwendung von Bleiwasser 
Ttfidivimden sein sollten. Ich fand eine Phimose an dem Knaben, aber sonst ortlich 
wie illgemein völlige Gesundheit. Der 6jährige Franz sollte, nach Angabe seiner Mat- 
ter, lecfas Wochen Tor meiner Exploration ein ^bedeutend geschwollenes Glied mit Aus- 
fm einer dicklichen Materie' gezeigt haben. Auch dieser Knabe hatte jetzt nur eine 
hamn und war im üebrigen gesund. Die 9jährige Louise sollte, nach einem Atteste 
dei geotnoten Medicinalbeamten, 18 Tage vor meiner Besichtigung an der linken Seite 
des Sdwideneinganges eine zwei Linien lange Excoriation und schmerzhafte Röthung 
od Aniehwellang der Umgegend gezeigt haben. Das Kind war jetzt örtlich wie all- 
fonein ganz gesnnd und nicht deflorirt Die 7jährige Louise M. zeigte an demselben 
fage des eben genannten Attestes an der rechten Seite des Scbeideneinganges eine 
froedwDgrosse rothe und wunde Stelle. Diese Röthung fand ich noch nicht ganz ver- 
' scliffnBden, im Üebrigen das Kind gesund und nicht entjungfert. Eben so endlich sollte 

^ 6 jährige Marie zu jener Zeit rechts im Scheideneingange eine „bedeutende Rothe 
iQMl wunde Stelle* gezeigt haben. Zur Zeit meiner Exploration war diese Röthe nicht 
^*«kr nchtbar, das Kind gesund und nicht deflorirt. Meine Untersuchung, äusserte ich 
im Gutachten, hätte sonach in Betreff der Kinder Louise und Mario durchaus Nichts 
^V'lgeben, was auf irgend welche vorangegangene Reizung der Geschlechtstheile zu 
*<^li]ies8en berechtigte. Was die geringfügige Röthe in den Genitalien der Louise M. 
^*^trife, 80 könne sie möglicherweise von einer öfter wiederholten Manipulation mit 
*^^o Fmger herrühren, wobei eine solche durch die eigene Hand des erst siebenjähri- 
^B^"^ii Kindes kaum anzunehmen; diese unerhebliche Röthung könne aber auch aus rein 
^^^SMm Ursachen entstanden sein, wie sie nicht ganz selten bei kleinen Mädchen be- 
•^^^«ektet würde. Auch die Phimose der beiden Knaben, die durch einfache Operation 
^^^<bt tu heben, komme gleichfalls ohne alle geschlechtliche Reizung und angeboren 
'^^^t pixa selten vor. Sie entstehe aber auch in Folge einer Entzündung an den Ge- 
^■^Jblechtstheilen, der Harnröhre oder der Vorhaut. Der auffallende Umstand, dass hier 
^^^"ei Knaben in demselben Hause, nach angeblich vorangegangenen derartigen Entzün- 
^^iigizufillen, eine Phimose zeigten, Hesse allerdings mit Wahrscheinlichkeit den Schluss 
^^ -a dass dieselbe, was den Eltern unbekannt, nicht früher vorhanden gewesen , sondern 
^** v^ Folge von wiederholten geschlechtlichen Reizungen entstanden sei, wobei wieder 
^^^ Annahme von eignen und freiwilligen Reizungen der Art bei dem zarten Alter der 
^^"^^JHier sehr unwahrscheinlich wäre. Hiernach beantwortete ich die richterliche Frage 
^liin: dass die Beschaffenheit der Schaamtheile der Knaben Otto und Franz mit Wahr- 
^ beinlichkeit darauf schliessen Hesse, dass ein Dritter Manipulationen dieser Theile 
^^Qtcfat habe, so wie, dass die Beschaffenheit der Schaamtheile der Louise M. mög- 
^ überweise durch eben solche Manipulationen krankhaft verändert worden sein konnte; 
^^^ Kränklichkeit der Kinder als Folge der Misshandlungen nahm ich nicht an, eben 
^'^^ wenig natürlich die Besorgniss für Leben oder künftige Gesundheit der Kinder. Der 
'^^^Jgeschnldigte läugneto vor den Geschwornen „bei Gott und seiner Seligkeit" (II) Alles, 
^^^ aber überführt Auch dieser Mann hatte auffallender Weise eine ungewöhnliche 
^^kidelbildung, starken Hinterkopf, stark prominircnde Backenknochen und Oberkiefer. 
L ^Hese Bildung war so auffallend, dass sie zur Frage an mich, ob daraus ein Schluss 
k ^^ Mine Schuld zu ziehen? Veranlassung gab. Ich machte auf die AffenschädelbiU 
^ ^^ des erst känUch verurtheilten F. (im vorstehenden Falle) aufmerksam, mit dessen 

~ m Cttftt'a ftriehU. U«d i. Aafl. 1. |4 



210 



Päderastie. §, 27. Casuistik. 147* u. 148. Fall. 



Schiddbildung^ auch dieise viel Aebulichkeit bube, vemeiate aber üatärlkh Jadt 
ifendi^keit einer Scblussfolgerung daraus. Inoulpai wurde zu einer ^hr tang^hiifia 
ZucfaUiausstrafe verurthei]L 

147) Es schiiesst sich bieran der Fall des SSj^hrigoo BuehblUul^rgelidlfjftD S^ 
welcher lange Jabre liüaüurcb Knaben an sich zog, mit ihnen Spasier^itige mitlitt, 
in Bftdesluben mitnahm und hier untüchtige Uandlungen mit ihnen trieb, die jn^*'»»!«!}- 
thells auf on&nistische Reizungen hinausliefen « wobei er jedoch auch als pft9ai?er I^ 
dersst nie benutzte und während eines solchen Actes sich manustuprirte, ADdcr« ScImom 
Hchk^iton niederzuschreiben, sträubt sich meine Feder. Diesen Manu sab ich im Qm 
(Engniss. Er beweinte »sein Unglück"* Mit 17 Jahren nur Onanie verführt. wiO » 
durch die Lectüre der Alten zur Päderastie gekommen sein* Er hatte sei \^ 

h&ttniss'' tu lösen beabsichtigt, weil er sich verheiratbet habe. Ein hi ai 

niemals berührt haben, weil er keine Neigung £U Frauenzimmern empfunden, atidi sti^ 
Frau, mit der er seit einem halben Jahre verheirathet, habe er memais beröhrL 
habe gehofft, daas dies nach Abifjsung seineis Vorhaluisscs werde geadiehen köoK^ 
doch habe er sich geschämt^ ihr sieine Schande zu gcfiteben, da ^es nicht gfCHTigr 
sein würde. Die örtliche Untersuchung xeigte mir üescblecbtsthcLle, wie After» ^^ 
kommen normal. Letzteres wird dadurch erklärlich , weil er i^elbst aussagt» üass ^^ji. 
kommene Immission der kindlichen Glieder nicht Statt gefuuüea habe. Er wtirde tm- 
nrtbeilt* 



148, Fall. Masturbatorische Excesse mit einem Enai>en uuu Mis^^nina- 

luDgen desselben. 

D«r lOjährJge Knabe Max giebt an» dass der W., als er mit swei anderen Eoibei 
auf der Strasse spielte, am 25* December 4 Uhr sich ihnen genähert und gefragt, ^ 
einer von ihnen einen Brief gegen b Silbergroseben besorgen wolle. pEtner lil g»W|* 
habe er dabei bemerkt Der eine Knabe ging mit ihm in ein Haus, wo er iho as ^ 
Taille fasato und kösste, aber, da ihm imheimlich wurde, entlief ihm der Knah#. ^ 
den anderen zurückgekehrt, ging Max mit ihm. Er führte ihn in ein Hans der Eid^ 
nirstrasse, bat ihn gegen einen Tbaler gegen ihn geßlHg zu sein, holte den P^ 
aus, und forderte ihn auf, ihn in drucken, was Max auch that. und W. lias» > 
ihm auch seinen Penis zeigen* Dass seine Hand bei diesen Manipulaüonen laM f** 
worden, hat der Knabe nicht bemerkt, jedoch giebt er an, dass W. zu Ihm gesAft« * 
solle sich abwischen, er habe t^Hotz** an seinem Kittel. W. nahm Ihn darauf mÜ *^ 
Sie gingen über Schöneberg nach Zeblendorf zu* Unterwegs ging W* zweima! 
Destillation- Da der Knabe nach Hans verlangte, hat er ihn misshandelt, > 
Rnlhe geschlagen, gegen den Hinterkopf gestossen, an den Haaren gerissen ur - 
eine Rasenbank gelegt und geprügelt* Darauf hat er sich noch einmal an d^c i— ' 
drücken lassen, auch den Knaben dorthin gefasst, ihm den Hintern geknifTea mwl >'' 
ieine Lippen gebissen, so dass diese blutig waren. 

Als der Knabe nach Haus kam, schlickten die erschreckten Eltern ra «feefli A***- 
Diaser fand am Hinterkopf eine kable Stelle von 3^ Zoll L&nge und 1| Zoll M^ 
die Kopfhaut selbst nicht verletzt (noch empfindlich). Beide Ohren stark ger^tbit hi**» 
besonders an den Ohrläppchen stark angeschwollen und empfindlich. An der tam^ 
Diche der Unken Ohrmuschel nach innen am Antitragus eine linsen- bis bobneiigf^ 
ichwaeh erodirte Stelle. Linke Wango und Nasengegend ziemlich st^rk gesdiwello» 
linkes unteres Aogcnlid eine zolllange Blutnnterlaiifung, kleinere desgleichen am hall* 
oberen Augenlid. Blutunterlaufene Stellen iu der linken Schläfengegend* Am HisA- 
rucken der rechten Hand rothe Flecke und Schwielen, die Hand aelbfl geicheidlta. 



P&derastie. §. 27. Casoistik. 149. Fall. 211 

IHe Unterbanchgfegend zeigt einzelne bobnengrosse Sugillationen. Recbte Hinterbacke 
3 Zoll lange, 2} Zoll breite, sebr starke Blutunterlaufung. Desgleichen auf der linken 
flinterbacke. Recbte Oberschenkel und recbte Unterschenkel rothe Flecke und blut- 
ooterlaofeoe Schwielen. Genitalien unverletzt. 

Ich Yand bei meiner 14 Tage später angestellten Untersuchung: 
1) An der Innenfl&cbe der Ohrmuschel eine kleine Borke. Beide Ohrläppchen noch 
zur Hilfte gerothet und auf denselben eine deutliche Abscbilferung der Haut, durch 
welche eine frühere entzündliche Anschwellung derselben höchst wahrscheinlich wird. 
2} Am linken unteren Augenlid, besonders nach aussen, femer 

3) aof der linken Wange etwa 8 Groschen grosse, gelbbraune Stellen, welche durch 
^^igillttion Tor 14 Tagen entstanden sein können. 

4) Zwei striemenartige Flecke, je einer auf jeder Hinterbacke, gelbbraun, welche aus 
^«rselben Ursache entstanden sein können. 

5) Die Genitalien unverletzt. 

6) Am Hinterhaupt vom Scheitel nach abwärts in Handteil ergrosse eine des Haares 
^i^tblösste Stelle, glatt und ohne Ausschlag, in welcher strehnenartig und gruppenweis 
rfie Haare in gewöhnlicher Länge stehen geblieben sind. Wenngleich die Unmöglich- 
keit , das8 durch einen in der Kindheit vorhanden gewesenen Kopfausschlag die Haare 
"Verloren gegangen seien, nicht geleugnet werden kann, zumal Rothung und Empfind- 
'icbkeit der Kopfbaut nicht notirt sind, so spricht die strehnenartige Disposition gruppen- 
^^ü stehengebliebener Haarbüschel viel eher für gewaltsame Entfernung der Haare (was 
'^'esentlich dadurch unterstützt wird, dass am Obertheil des Kittels noch jetzt einzelne 
'^^licl halbe Haare, welche denen des Knaben analog sind, sich vorfinden). 

Der Gesammtbefund der Verletzungen, sagte ich, ist der Art, dass der Knabe sich 
^es«lben nicht selbst erzeugt haben kann, sondern, dass sie auf eine Misshandlung zu- 
rückzufahren sind. 

Das mit Blut getränkte Taschentuch, sowie der mir übergebene dunkelblaue Kittel, 
^en der Knabe am fraglichen Tage getragen, zeigten keinen Fleck, welcher auch nur 
^■^Xkahemd als Saamenfleck hätte untersucht werden können. 

Der Angeklagte, welcher zwar Alles in Abrede stellte, wurde durch Zeugen, die 
^n mit dem Knaben gesehen, vollkommen überfahrt und zu langjähriger Zuchthaus- 
strafe venirtheilt 

140. Fall. Kann ein Mensch im Schlafe päderastisch gemissbraucht 

werden? 

Diese Frage trat an mich heran in einer Verhandlung, welche ebenfalls unter Lehr- 

**^^n abspielte. Ein 17jähriger Bursche Hermann, der schon mehrfach theils ge- 

*^lilechtliche, theils andere Bubenstreiche gegen seine Kameraden begangen hatte, dem 

*Uien einen Ring um den Penis gelegt, dem anderen im Schlaf kaltes Wasser in das 

^It gegossen, war von einem etwa l(>jährigen Burschen beschuldigt, ihn päderastisch 

^«inissbraucht zu haben. Er will nämlich auf dem Bauch liegend geschlafen haben und 

Plötzlich dadurch erwacht sein, dass er das Glied des Hermann in seinem After gefühlt 

^^•be, welches letzterer hin- und herbewegt habe. Beim Erwachen habe er vor Schmerz 

^^ort nach dem After gegriffen und deutlich gefühlt, dass er das nunmehr herausge- 

^ene Glied des H. berühre. Dieser sei dann fortgelaufen. Er sei am After nass ge- 

^^n und habe sich mit dem Hemde abgewischt, ich war in der Voruntersuchung 

^t requirirt an dem angeblich Gemissbrauchten den Thatbestand festzustellen, son- 

^ war mir nnr das Hemd zur Untersuchung auf Saamen übergeben worden. Es war 

^ ^68 jener vielgetragenen, schmutzigen und besudelten Hemden, an dem man wohl 

14* 



212 Päderastie. §. 27. Casuistik. 150. Fall. 

nocb Eothflecke, aber mit blossem Auge keinen auch nur als solcbeii zu Termntbeiideii 
Saamenfleck erkennen konnte. Auch die microscopiscbe Untersuchung der fraglichen 
Gegend Hess vollkommen im Stich und ergab keine Saamenfädchen. Im Termin nun, 
da die Angaben des Denuncianten doch sehr abenteuerlich klangen, citirte mich der 
Staatsanwalt zur Entscheidung der Frage, ob anzunehmen, dass einem Schlafenden, ohne 
dass er dessen bewusst werde, ein erigirter Penis in den After eingebracht und hin- 
und hei bewegt werden könne? Ich verneinte diese Frage, indem ich daran erinnerte, 
wie unangenehm und schmerzhaft bereits das Einfuhren eines Fingers über den Scbliess- 
muskel, Behufs Untersuchung des Mastdarmes, hinaus sei, selbst da, wo es behutsam 
und mit Wissen und Willen des Untersuchten geschähe, wie femer der Widerstand de« 
Spbincter ein schwer zu überwältigender sei etc., wogegen ja das Andrängen an 
beregten Theil immerhin stattgefunden haben könne. 

Der Bursche wurde in Anbetracht der schon längere Zeit verbüssten üntersuchung^b^ _ 
haft auf Antrag des Staatsanwalts wegen dieses Verbrechens frei gesprochen, wegen ac^ _ 
deren Unfugs aber noch zu 14 Tagen Gefängniss verurtheilt. 

150. Fall Ermittelung der Päderastie an einer Leiche.^) 

Auch dieser Fall steht einzig da. Ein Ilandlungsdicner hatte sich mit SchweT^f. 
säure vergiftet, und es lag Verdacht von gegen ihn verübter Päderastie vor. Das o>^^p 
erwähnte fremde Schwurgericht forderte mich auch hier auf, diese Leiche auf SpcLT^n 
des Verbrechens zu unterRuchcn Der After stand offen und war Roth ausgeflos^^Q^ 
worauf, als auf einen höchst alltäglichen Befund bei Leichen, nicht der geringste W^rtA 
zu legen war. Weit auffallender war der Befund zweier erbsengrosser, flach vertiefter, 
kreisrunder, scharfrändriger, dicht nebeneinander sitzender Narben auf der Schlelni- 
haut des Mastdarms links dicht am Eingang des Afters. Die Narben, die alle Clim- 
ractere der Narben von Chankergeschwüren hatten, waren um so auffälliger, alt tieft 
sonst weder am Penis, noch in der ganzen Gegend der Genitalien Geschwüre, Karben 
oder andre Abnormitäten vorfanden und primäre Chanker im Mastdarm durch Infectioa 
auf gewöhnlichem Wege nicht vorzukommen pflegen. Dazu kam, dass auch hier wieder 
bei dem jugendlichen (einige zwanzig Jahre alten) Subjectc die Haut in der Umgegend 
des Afters deutlich glatt und faltenlos war. Hiemach urtheilte ich: dass nach den Er> 
scheinungen an der Leiche die Anoahme, dass F. zur Päderastie gemissbraucht worden, 
eine sehr wahrscheinliche sei. 



•) Vgl. den Fall den Knaben Corny ^»oticiTtnd in Band IL, Casnistik Mim Er- 
trinkungstode. 












Zweiter Abschnitt. 

Streitige Schwangerschaft 



Gesetzliche Bestimmungen. 

Fr. AIIr. LftBdr. ThI. 11. Tit. 2. {. 9.: Otgea di« gMetrlich« Vermnthnng (der VaUrtchaft in dtr 
Ikt it^rMr Kinder) toll der IIabii aar altdann gehSrt werden, wenn er fibcrteBgend nacli weisen liann, 
4mi tr 4tr Fm« ia dem Zwiechenranm vom dreilrnndertandi weiten bif iweiliandertand- 
ifkit«! Tage vor dt^r Gebort des Kindes niclit cbclieli beigewohnt bnbe. 

|. L: Grindet or steh dabei In einem Zen^ngsnaTormögen, so masi er naeh weisen, dast dergleiclien 
vttiKti DiTerBSge» wfthrend dieses gansen Zeitranms bei ihm obgewaltet habe. ({. 4. betriflFt die Ab- 
MMsMt des MattaM.) 

Fr. Olvilgesotsbaeh Art. Sit.: Bin wihread der Bhe empfangenes Kind bat den Haan tnni 
^Mir. Dieser kAan glalehwohl das Kind Terl&agnen, wenn er beweist, dass er w&brend der tvisobeo 
^ drsUnadarCateD «ad huodertandachtilgsten Tagt Tor der Gebart des Kindes verlanfenen 
^ «tfM Abweaa n hait oder dorah irgend ein(>n Zufall sieh in dem Zattande einer pb jsisohen UnmSg- 
IkkUt befandea habt, aaiaar Fraa ehelich beisnwohnen. 

Fr. Allg. Landr. Tbl. II. Tit. 2. {. 19.: Ei» Kind, welches bis tum dreibandertands weiten 
^*l* Mch dem Toda daa Bhemannes geboren worden, wird fär das eheliche Kind desselben geaebtet. 

Fr.Citflgaaatibneh Art. 815.: Die eheliehe Gebart eines Kindes, welches dreihnndert Tage 
Mck isfl6«iiag der Bhe geboren ist, kann bestritten werden. 

Fr. Allg. Laodr. Tbl* If. Tit. 2. §. 20.: Die Brben des Mannes kSnnen die eheliche Gebart einee 
"^c^ Kiades (f. 19.) nur loaerhalb der Zeit und nar aus den Gründen anfechten, wo nnd aas welchen 
^ Yinterbene selbst daaa berechtigt sein würde (s. §§. 2., 3. oben). 

i tl.: Brgiebt sich Jedoch ans der Beschaffenheit eines an frühaeitig gcbornen Kindes, dass nach 
^ ordestliehen Lauf derNainr der Zeitpanlit seiner Erzengang nicht mehr in das Leben des Bbemsnncs 
^^, lad kann sogleich die Wittne eines nach seinem Tode mit andoreo Mannspersonen gepflogenen 
^^''kktifeB Uaiganga SberfQbrt wer«1en, so i>t das Kind für ein aoeheliehes so achUn. 

Ebds. Tbl I. Tit. 1. {. 20.: Wittwen and geschiedene Frauen dürfen nicht eher als neun Monate 
"^ Trsaaong der Torigea Bbe sieh wieder verheirathen. 

I 19.: Der ardevtllehe lUrbter kann einer Wittwe oder geschiedenen Frau die anderweitige Verhei- 
"(^ Beck Tor Ablauf der neun Monate zulassen, wenn nach den Umst&ndcn und dem Urtheil des 
**ekTtr]tlBdlgen aioe Scbwsngerschsft nicht wahrscheinlich Ist 

§>n.: Doch soll dergleichen Dispensation Tor Ablauf dreier Bonate nach getrennter Bhe niemals 
"^i werden. 

Fr. Civilgesatsbach Art. 22S : Die Frsa ksnn eine neue Bhe erst nach Ablauf voo zehn Mo- 
>it«B saeh Anfl&saBg der vorherigen eingehen. 

Fr. Allg. Landr. Tbl. II. Tit. 2. §. 22.: Hat die Wittwe wider die Vorschrift der Gesetze za früh 
l*^ratk«t, dergestallt, dass gezweifelt werden ksnn, ob das nach der anderweitigen Trauung geborene 
'iM ii diticr odar dar vorigen Ehe erseagt worden, so ist auf den gewöhnlichen Zeitpunkt, nimlicb den 
■"•ikiadertnadsiebenzigsten T»g vor der Gebort, Rücksicht zu nehmen. 

f }i: Fillt dieaer noch In die Lebenszeit des Torigen Mannes, so ist die Frncht für ein eheliches 
^^ dssselbea ■■ achlaa (n s. w ). 

«k4s. ThL U. TIC l. §. 1077.: Alle gesetzlichen Bntscbidigungen kann die Geschwichte nur als- 
^fordere, waao dia Biederkonft innerhalb des zweihnndertu ndzehnte n and zweihundert- 
'■<flt|«»«talilBlgttaa fftge« Mch dem Beisshi»/ erfolgt ist. 



214 Schwangerschaft §. 28. Allgemeines. 

Pr. OetetB TÖm 24. April 1854. $. 1.: Bioe Fraaensperton, welche 1) darch Nothiaeht, t) in W- 
watttloHen oder willenlosen Zustande (;etchw&ngert worden, oder 8) darch Vorspiegelang n. s. w., ist la 
verlangen berechtigt, das« ihr das im Allg. Landr. Thl. II. Tit. 1. §. 785. vorgeschriebene h&cbate Maaat 
der Abfindung sugesproohen werde 

§. 6.: Die Bestimmung des §. Q. findet auch auf den Fall Anwendung, wenn ein nnbeseholtenes , In 
dem Alter Ton Tieraehn bis sechscehn Jahren stehendes Mädchen mm Beischlaf verfahrt «nd ge- 
schwängert worden ist. 

{. 15.: Ab Erzeuger eines unehelichen Kindes ist derjenige ansusehen, welcher mit der Malter ioner- 
halb des Zeitraums vom s wei hun dertf n nfundachtiigäten bis awelhnnder tandsahotem 
Tage vor deren Entbindung den Beischlaf vollzogen hat. Auch bei einer liürseren Zwischeaseit ist dJaac 
Annahme begründet, wenn die Beschaffenheit der Fracht nach dem Urtheil der Sachverständigen alt der 
Zeit des Beischlafs übereinstimmt. 

Oesterr. bürg. Gesetz b. §. 120.: Wenn eine Ehe fßr ungültig erklart, getrennt oder durch daa 
Mannes Tod anfgelöet wird, so Itann die Frau, wenn sie schwanger ist, nicht vor ihrer Botblndaog, and 
wenn über ihre Schwangerschaft ein Zweifel entsteht, nicht vor Verlauf des sechsten Monata aar neaea 
Ehe schreiten. 

{. 136.: Für diejenigen Kinder, welche im siebenten Monate nach geschlossener Ehe, oder im sehn- 
ten Monate nach dem Tode des Mannes oder nach gänzlicher Auflösung des ehelichen Bandea von der 
Gattin geboren werden, streitet die Vermuthung der ehelichen Gebart 

§. 163.: Wer auf eine in der Gerichtsordnung vorgeschriebene Art überwiesen wird, daaa er der 
Matter eines Kindes innerhalb eines Zeitraums beigewohnt habe, von welchem bis zn ihrer Batbiadaag 
nicht weniger als sechs, nicht mehr als zehn Monate verstrichen sind, oder wer dies aaeh aar aaaaar 
Oarlcht gesteht, \on dem wird vermuthet, dass er das Kind erzeugt habe. 



§. 28. AllgeMdMS. 

Das rein geburtshülfliche Thema von der Schwangerschaft hat 
mehrfache wichtige Beziehungen zur Rechtspflege und ist deshalb auch 
eine Frage der gerichtlichen Medicin. Der ganze Thatbestand der Schwan- 
gerschaft nämlich kann streitig und deshalb Gegenstand gerichtsärztli- 
cher Ermittelung werden, und die Alternative vorliegen, dass entweder 
eine Schwangerschaft wirklich vorhanden, aber bestritten wird (verheim- 
lichte oder dissimulirte Schwangerschaft), oder umgekehrt, dass eine 
Schwangerschaft, die gar nicht besteht, von der betrefl^enden Person oder 
einem Dritten als existirend vorgegeben oder behauptet wird (simulirte 
oder imputirte Schwangerschaft). 

Im Ganzen kommen streitige Schwangerschaften nicht sehr h&ofig, 
und bei weitem seltnerin der Gerichtspraxis vor, als man nach den 
allgemeinen Angaben glauben sollte, wie ich versichern kann, da ich 
alljährlich unter mehrern Hunderten von Untersuchungen an Lebenden 
stets nur einige wenige, betreffend eine zweifelhafte Schwangerschaft, 
auszuführen habe. Weit häufiger kommen Untersuchungen auf zweifel- 
hafte Geburt vor. Es ist dies auch sehr erklärlich, da die Schwanger- 
schaft ja ein vorübergehender, verhältnissmässig kurze Zeit dauern- 
der Zustand ist, und Betrügereien, falsche Anschuldigungen aus unlautem 
Beweggründen u. s. w. , die sich an denselben Icnüpfen, jedenfalls sehr 
bald unhaltbar werden und ein Ende nehmen müssen, während die Nie- 
derkunft eine unauslöschliche Thatsache ist und bleibt. Aus eben die- 
sem Grunde werden auch Schwangerschaften in foro weit häufiger in 



SchmuiQ^raohiift. §. 28. Allgemeines. 216 

eriiDiDalistiflcfaer, als dvilrechtlicher BeziehnBg streitig. In letzterer z. B. 
wenn eioe Frau nach] AoflOsimg ihrer Ehe eine zweite eingehen will 
ond die Vermuthong der bestehenden Schwangerschaft zuvor beseitigt 
werden muss, worüber aber die Gesetze (s. oben) positive Entscheidung 
hab^; oder wenn eine Pei^on anf Grund einer angeblichen Schwänge- 
nuig eine Ehe erzwingen will, wobei wieder selbst der beschränkteste 
Mann durch die wenigen Monate bis zur Endentscheidung der angebli- 
eben Schwangerschaft die Elage hinzuziehen wissen wird, und der Fall 
flieh wieder der Cognition des Gerichtsarztes entzieht; oder wenn eine 
Erbschaft für einen angeblich noch nicht gebomen, aber schon existi- 
renden Leibeserben reclamirt wird, wovon ganz das eben Gesagte gilt, 
vie dies auch wieder dann der Fall, wenn ein andermal eine ehebre-, 
dierische Schwängerung von dem Scheidung nachsuchenden Gatten be- 
haoptet, resp. bestritten wird u. s. w. Bestehende Schwangerschaften 
werden, wie bekannt, täglich allerdings verheimlicht, wenn sie ausser- 
ekeliche sind. Aber dies kann jetzt nur aus Schaamhaftigkeit geschehn, 
nnd eine strafrechtliche Bedeutung hat eine solche Verheimlichong nicht 
ntthr, folglich findet richterliches und ärztliches Einschreiten auch hier 
lucht mehr Statt, seitdem in allen neuern Gesetzbüchern*) die blosse 
Terheimlichung der unehelichen Schwangerschaft nicht mehr mit Strafe 
bedroht ist Dagegen kommen in der Strafrechtspfiege Fragen auf strei- 
tige Schwangerschaft vor bei angeblicher Nothzucht und danach erfolg- 
ter Empfängniss; oder in Fällen, wo die Anschuldigung auf Begat- 
huig in verbotenen Graden (Blutschande) erhoben ist, oder dann, 
wenn in einer anderweitigen gesetzwidrigen und mit Strafe bedrohten 
Begattung Schwängerung erfolgt sein soll, wie z. B. in einem Falle, in 
welchem einer unsrer Gefangenwärter eine Criminalgefangene geschwän- 
gert hatte; oder in solchen Fällen, in denen ein angebliches Gelüste in 
einer vorgegebenen Schwangerschaft ein begangenes Vergehen oder Ver- 
breehen entschuldigen soll; oder Seitens der angeblich Schwangern, um 
harte Strafen zur Zeit von sich abzuwehren u. dgl. m. Dass auch noch 
iodre Fragen sich in gerichtlich-medicinischer Beziehung an die Schwan- 
gerflchafl; knüpfen können, ist schon in den vorstehenden Kapiteln ge- 
zagt worden, z. B. die: wie früh und wie spät im weiblichen Leben 
eine Schwangerschaft möglich sei? (§. 8.), ob eine Schwangerschaft aus 
einem im bewusstlosen Zustande vollzogenem Beischlaf entstanden sein 
komite? (§. 17. sub 3.), ob eine Sch\^ angerschaft bei fehlender Men- 
struation entstehen könne? (§. 8.) u. s. w. 

Eine schwierige, selten vorkommende Frage aber, die im Vorste- 
henden noch nicht erwogen worden, ist die: wie früh nach derEnt- 



*) Hlberlin, Grundsätze des Crim.-Rechts. III. Leipzig 1845. S. QS, 



216 




Schwaugerscbaft $. 28. AllgecDtioes. 



bindung ein Weib wieder concipiren könne? Mir salbst IstdieM 

Frage erst Einmal in einer Anselmldigmng wegen MisshandlojiK einer 
Schwangern riurrh einen Arzt, weldie MissbaDdlnug einen Abortus zur 
FoJge gehabt babi^n sollte, deshalb vorgelegt worden, weil der Ange- 
scbuldigte die UnmOf^liehkeit des Abortus, d. h. der Schwuüger»chaft 
behauptete, da die Klägerin erst acht Wochen vor der His^bandlaug 
nicdergekninmen gewesen sei. In andern Fällen, z. B. hei Erbscbafts- 
angelegenheiten, Anschuldigungen auf Ehebrnob, geiilugneten Vatersicbaf — - 
ten n* a* w. kann die Frage gleichfalls dem Geriehtsarzte vorgelegk; 
werden. Recht feste Anhaltspunkte zn ihrer Beantwortung giebt e^ 
eigentlich nicht. Der Rückbildongsprocess im Uterus nach der Geburt 
schreitet nur langsam und allmählig fort, und vor Vollendung deaselheiv 
tritt wohl keine neue Ovulation und Conception ein. Aber über im 
Termin der Vollendung des Rückbildungsproceöaes schwanken die An* 
gaben der Beobachter zwischen 8—9 Tagen (Deventer), 5 — 8 Wo- 
chen (Velpeau) und 4 Monaten (Scanzoni). Der alt«, erfahrne 
üebnrtshelfer Hohl sagt: ,,Wenn keine Störung die Kuckbildung in 
Uterus hindert, so ist sie in der Regel im zweiten Monat des Wochoh 
bettes beendet, und zwar gewöhnlich frülier bei Frauen, die nicht «til- 
len, als bei solchen, die ihr Kind nähren, bei welchen der Uterus t&n* 
gere Zeit in Aufregung erhalten wird. Die Fälle von ConceptioneD Im 
zweiten Monate nach der Geburt des Kindes bei jenen Frauen** (die 
Hohl anscheinend hiernach wohl selbst beobachtet hat), ^sprechen audi 
für eine frühere Beendigung der Ruckbildung des Uterus, als sie von 
Scanzoni angegeben wird, der den vierten Monat festsetzt, weil er 
in diesem Monat bei Sectionen den Uterus vollkommen verkleinert fiuid, 
welche Verkleinerung aber schon im zweiten Monat bestanden haben 
kann**. Grade weil ich selbst in mehrem Fällen in weibliehen i.eichai 
schon sieben bis acht Wochen nach der Entbindung den Uterus toB- 
stilndig zurückgebildet gefanden, habe ich in dem eben erwähnten Falte 
die Möglichkeit erklärt, dass die Frau acht Wochen nach der Eutbtn* 
dong wieder habe schwanger geworden sein können. Um dieeo 
sieht man auch bei Weibern oft nicht gar selten die Mc 
wieder erseheinen, wenn sie nicht nähren. Hiernach durfte der Ter- 
min von zwei Monaten für die Wiederempfängoisa nacli di 
Entbindung so lange festzuhalten sein^ bis weitere genaue Ba~ 
obachtungen eines Bessern belehren, zu welchen Beobachtai^=a 
gen sehr beschäftigte Geburtshelfer aufgefordert sein mögen. 



{. 99. Diagnose der Schwangerschaft 217 

§. 29. Blagoose der Sehwangersehafl. 

Wenn die Feststellmig der Diagnose einer Schwangerschaft bekannt- 
lidi Bcbon im gewöhnlichen ärztlichen Sinne sehr oft eine schwierige 
Av^Biabe ist, so treten dem gerichtlichen Arzte zu den gewöhnlichen noch 
Schwierigkeiten in dieser Beziehung entgegen, die für den ärztlichen 
(gebortahülflichen) Practiker gar nicht vorhanden sind. Diesem tritt die 
n Untersuchende mit Offenheit nnd Wahrheit entgegen; es liegt in ih- 
rem hteresse, Nichts zu verschweigen, was sie weiss und fühlt, Nichts 
n dem Allen hinzuzufügen oder daran abzuändern. 

Anders die zu Untersuchende, die dem Gerichtsarzte gegenüber- 
itdit Denn indem die Frage ihrer noch streitigen, zweifelhaften Schwan- 
gerschaft eine richterliche Frage geworden, so ist schon hierin ausge- 
sproehen, dass entweder die angeblich Schwangere selbst oder irgend 
ein Dritter ein Interesse daran hat, dass das Gegentheil von dem, das 
wirklich existirt, angenommen und dem Rechtsspruch zum Grunde ge- 
legt werde, dass also eine wirkliche Schwangerschaft als nicht vorhan- 
den, oder dass eine nicht vorhandene Schwangerschaft als existirend an- 
genommen werde. Wenigstens muss der gerichtliche Arzt eine solche Al- 
tmitive fiberall voraussetzen, da ihm nur bestrittene Schwangerschaften 
^k üntersuchungsobjecte vorgeführt werden. Aus diesem Grunde muss 
er die diagnostischen Zeichen der Schwangerschaft mit noch weit mehr 
Vorsicht abwägen, als der practische Arzt. 

Diese Zeichen lassen sich far den gerichtsärztlichen Zweck am 
in folgende Kategorien eintheilen: 

a) in. subjective, d. h. solche Veränderungungen am und im 
^'«blichen Körper, die nur von der vermeintlich Schwangern, und in 
^ l)jective, die auch von dem gerichtlichen Arzte wahrgenommen wer- 
^^n können; 

b) in welche Veränderungen, die mit der Schwangerschaft wieder 
^ ^rgchwinden, und in solche, die einmal durch eine erste Schwan- 
S^^rachaft gesetzt^ nach dem Endo derselben als Residuen im spätem 
L-i»^ben fortdauern; 

c) in solche, die mehr relativ oder individuell, d. h. diesem oder 
^^nem Weibe eigenthümlich, und in absolute, von der individuellen 
^^'örpereonstitution unabhängige , folglich jeder Schwangern zukommende 
^ind. 

Was nun den gerichtsärztlichen Werth dieser Zeichen betrifft, so 

*^Bben die subjectiven und die nach frühern Schwangerschaften andau- 

^nrfen gar keinen forensisch-diagnostischen Werth; jene natürlich nicht, 

^ die angeblichen, nur subjectiven Empfindungen und Wahrnehmungen 

'^om Gerichtsarzt weder bewiesen, noch bestritten werden können, der 



218 



§. 30. DtAgDQse der Schwangerschaft, 



sich hier stets, wie gesagt, auf Lug tmd Trug gefasst halten muss: 
diese, die nicht wieder verschwindenden Veränderungen nicht, weil es 
sich in jedem concreteu Falle nra eine grade jetzt bestehexidti oder 
nicht beßtehendc Srhwan^orschaft handelt, während das V^' ' 
wesensein einer frühem meist gar nicht in Abrede gestallt \ ... 
lieh nicht festzustellen i^^i, ob diese Klasse von Zeichen, wo sie gi 
den werden» nicht vielleieht auf Rechnung der frühern Sehwaogersditft 
zu setzen seien. Nur sehr jLjeringen Wertb ferner haben alle indiTidu- 
eilen diagoostischen Merkmale, da der Gerichtöurzt, der Natur der Sacke 
Bacb, es stets mit Subjecten zu thun hat, deren Individualität, El^qicr- 
Constitution, Krankheitsaulagen, frühere Krankheiten u. s. w. ihm vöUig 
unbekannt sind, und das betreffende Examen auch hier wieder keine 
irgend verlässliche Data liefern wird. Wir haben hiernach die Zeichen 
einzehi zu erwägen. 



§. 30. Fortsfliitfis. 

Ad a) Zu den bloss subjectiven Zeichen geboren: 
1) Neuralgieen und functionelle Störungen im Ner?eiii 
überhaupt; Zahnscbmerzen, Schwindel, klopfende Scbmerzen im Hinter» 
köpf, die Beccaria*) nicht Anstand nimmt, ein rationelies Zeicfaeo der 
Schwangerschaft vor dem vierten Monate zu neonen (!), femer 
hierhergehörig die hundertfachen geistigen Verstimmungen, endlich 
(nervöse) Erbrechen. Abgesehen davon, dass alle diese AnomaUeen bd 
Tausenden von Sehwaugern ganz fehlen, so ht eialouchtend, dasis bäm 
Angeben derselben Seitens der Exploranda aller Unwahrheit das 
Feld geöffnet ist. 

2) Kindesbewegungen^so lange sie noch im Bereiche der SDbjilh i 
tiven EmpBadungen bleiben und Hieb noch nicht olijectiv wahmelmtar' 
machen (s. unten S. 22b). Es ist jedem erfahrnen Arzte binläoglid 
bekannt, wie oft Weiber sich in dieser Beziehung täuschen Qod di 
verschiedensten Vorgänge in ihrem ünterleibe, selbst blosse Danngii— ^ 
eirculatiou bona tide für FötalbewegUDgen halten und erklären 
kommt, dasa alle etwa vorhandnen subjectiven Erapündungen bei wirt- 
lich bestehender Schwangerschaft von der Schwangern versch 
werden, wenn sie ein Interet^se daran bat, ihren Zustand zti 

Ad b) Zu den Zeichen, die als Residuen früherer Schwaoi 
am Körper zurückbleiben, gehören; 

3) rundliche Oeffnung des äussern Gebärmutterfliniii4Wt 
der niemals nach der ersten Entbindung die jungfrauliche Qseerqiik^ 



«} Ai«b. gin. de M^ Tom. 24. S. 44d. 



§. 80. Diagnose der SchwaDgerscbaft. 219 

wieder annimmt, mid deshalb eine grade zur Zeit der ünterstLcfaung 
finglkbe Scbwangerschaft bei einer Multipara nicht beweisen kann. Wir 
baben bei onsem, zu den verschiedensten Zwecken vorgenommenen Unter- 
gocbiogen Ton Mädchen und Weibern diesen Unterschied zwischen dem 
liud des nie geschwängert und des geschwängert gewesenen oder jetzt 
sdiwaDgem Utenis zwar stets wahrgenommen. Aber auch Hydrometra, 
Gebftrmntterhydatiden nnd andre, gleich zn nennende Krankheiten be- 
wirken eine Anschwellung der Scheidenportion und eine Abrundung 
des Mattermondes; ein andrer Schwächungsgrand für die Beweiskraft 
dieses Zeichens. Ein so erfohmer Geburtshelfer, wie Hohl, s^ hier- 
ibei^): „durch die Zunahme der Scheidenportion (in der Schwanger- 
sdiaft) werden die beiden Muttermundwinkel des Muttermundes ausge- 
gUehen, beide Muttermundlippen bilden einen gleichen, nicht mehr durch 
die Winkel nnterbrochnen Ring, und die äussere OefFnung des Canals 
Tom Hntteriialse erscheint rund, weil der Canal rund ist. Es ist auf 
diese Rundung des Mutttermundes, die bei Frauen, welche schon gebo- 
ren haben, nie YoUkommen zu Stande kommt, ein grosser Werth für 
die Diagnose der Schwangerschaft nicht zu legen, da eine Abrundung 
desselben auch bei der ersten Schwangerschaft nicht immer vorkommt, 
der Muttermund auch bei der Menstruation, bei Menstruationsanoma- 
iieen, besonders mit Hyperämie des Uterus, und in krankhaften Me- 
tamorphosen desselben sich rundet.^ 

4) Eine dunklere Pigmentirung des Warzenhofes, welcher 
braun - schmutzigroth erscheint, während er bei der noch nie Geschwän- 
gnten hell und leicht rOthlich aussieht. Die verstärkte Ablagerung 
▼on Pigment am Warzenhofe, die schon in den ersten Wochen der er- 
sten Schwangerschaft sich einstellt, halte ich für ein gutes Zeichen; da 
sich aber nach Ablauf derselben die Pigmentirung erhält, so kann aus 
ihrem Befunde wieder nicht auf eine jetzt bestehende oder nicht beste- 
hende Schwangerschaft geschlossen werden. Hiermit stimmen die Unter- 
snchnngen vom Momberger überein**). Dagegen ist der Umfang des 
Warzenhofes nach diesen Untersuchungen ein wenig werthvoUes Zeichen, 
da wenn auch derselbe sich in der Schwangerschaft vergrössert, doch 
awh Jungfrauen gefunden werden, die einen umfangreicheren Warzen- 
hof haben, als andere Weiber während der Schwangerschaft. Andere 
Pigmentablagerungen, wozu Schwangere allerdings nicht selten neigen, 
haben weit weniger oder keinen diagnostischen Werth. Dahin gehören 
die sogenannten Leberflecke auf Stirn, Gesicht, Hals, Bauch u. s. w. und 



•) Uhrb. d. Geburtsh. Leipzig 1862. S. 144. 

**) Momberger, Untersuchungen über die Brustwarze u. den Warzenhof- Inaug.- 
I^ GiesMn 1860. 



320 



f. 30. Diagnose der Scfawaogersehifl. 



ein dunklerer Streifen io der Mittellinie der Bauehdeckeo. Jene koi 
ohne Scbwangerscliaft — bei der sie huüdertmal ganz feblen — 
bei Abdominalkrankbeiten, und eben so häufig bei Männern, als lüi 
Frauen Tor; letztere siebt man auch bei Bauchwassersüchten u* ■. w, 
und die Trüglicbkeit dieses Zeichens, worauf man früher Werth legte, 
ist von allen neaern gebursthülflichen Lehrern anerkannt*), Besonden enl» 
scheidend sind die BeobaditUDgen Elsässer's an nicht weniger als 400 
Schwangern**), naoh welchen er zu demErgebniss gelangte: „die brai 
ben Sreifen in der Mittelünie des Bauches und beziehungsweiae ringi 
den Nabel bei Schwängern stehen rücksichtlich ihrer Entstehung in gv 
keinem causalen Zasammenhang mit der Schwangerschaft, sofern nach nih 
sem zahlreichen Beohachtuogen dieselben bei manchen Schwängern 
fehlen, auf der andern Seite dieselben aber bei manchen jugendli 
nicht schwungern Frauenzimmern deutlich wahrgenommen werden. — 
Die fraglichen Hautfärbungeü haben für sieh allein einen nur sehr be- 
schränkten diagnostischen Werth, dagegen in forensi&cher Hi 
sieht wohl gar keinen**, 

5) Die schillernden, oft, ja gewöhnlich mehr oder weniger »oi 
sprossenartig pigmentiiten , durch Zerreissung des Malpigbi^ 
Netzes entstehenden Narben an der Bauchbaut fehlen zwar nicht in 
der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle in vorgerückten Schwanger- 
schaften wegen der nun schon erfolgten bedeutendem A^ ' ' mg der 
BaucbwandQDg, ebendeshalb aber können sie als diagnosi Zeicheo 
für die ersten Monate der Schwangerschaft noch gar nicht benutz wer* 
den, weil sie dann noch fc»hlen. Der Einwand, welcher von der Tbil- 
Sache entnommen, dass eben solche Narben aneh bei anderarÜgen Aa^ 
dehnungen der Decken, x. ß. bei Bauch- (Eierstocks*) Wasaersochlefti« 
u, s, w, vorkommen, ist an sich ganz richtig» verliert aber für die 
urtheilung gerichtlicher SchwangerscLafts- und namentlich Gebi 
seine Schärfe, wie nnten (§. 40.) gezeigt werden wird. Aber andi ümm 
Narben verschwinden nach der ersten Schwaogerschafl niemals wieder'^ 
folglich kann ihr Befund in einer wiederholten Schwangerschaft mch:i 
das zur Zeit Bestehen einer solchen beweisen. — 

Ad c) Zu den mehr individuelleo Scbwangerschaftszeichen gUabaii 
wir zählen zu .müssen: 

6) die Weinhefenfärbung der Scheidenschleimbaiit^ 
man im Scheideneingang ohne, in den tiefern Theilen der Wttdi 
mit dem Spcculum sehr deutlich sieht, wo sie vorhanden ist. Dim 
schmutzig - purpurrothe Färbnng findet sich allerdings recht häufig W 

•) *. Hohl 11. tt, 0. S. 137. ScÄöiOai, J.ehrb. der Ü^b» Hl 3. Aol IH« 
185K S. 115. Crede, klin, Vartr» über Geburühülfe, ßeriin i«54. 8. 3T5. 
• ••) Eea^e's Zeitachr. f. d. St-A. 1852. S. 237 u. t 



(. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 221 

wiitikh Schwängern, aber sie fehlt eben so oft und beruht gewiss bei den 
Sckwangern der ersten Art, ganz eben so wie 

7) die Varices an den äussern Genitalien, an den ganzen Cnter- 
extremitäten n. s. w. und Tollends 

8) Hämorrhoidalknoten auf individueller Anlage, Vollblütigkeit, 
Abdomioalpletbora. Das Fehlen dieser Zeichen kann deshalb natürlich 
gir Nichts beweisen, namentlicJi nicht das der ganz werthlosen Varices 
nod Hämorrhoidalknoten, die, wie allbekannt, täglich unter allen andern 
ümstlnden, namentlich auch eben so häufig bei Männern als bei Frauen 
gehnden werden. Wir wollen es an sich als zweifelhaft hinstellen, ob 

9) die Tnrgescenz der grossen Schaamlippen und des 
Mitteifleisches, „die aufgelockerte weiche Beschaifenheit aller Theile, 
welche zwischen der vordem Wand der Scheide und des Beckens liegen, 
des Seheidengewölbes, Hutterhalses und des Uterus selbst,^' worauf 
Hohl (a. a. 0. S. 166) einen besondern Werth legt, wenn namentlich 
über eine Schwangerschaft in den ersten drei Monaten zu entscheiden 
ist, — wir wollen es zweifelhaft lassen , ob diese Erscheinungen nicht 
gleichfalls in die Klasse der mehr individuellen, und aus denselben Grün- 
den, wie die obigen, zu rechnen seien : jedenfalls aber können wir den 
Werth derselben für die forensische Diagnose nicht hoch veranschlagen, 
weil dabei der individuellen Beurtheilung des Explorators, der, wir wie- 
deiklen es, die Exploranda nie früher gekannt und untersucht hatte, 
ein zu weiter Spielraum gelassen und Veranlassung zu Selbsttäuschun- 
gen nm so mehr gegeben sein wird, wenn derselbe eine Multipara vor 
sieb hat. 

Beweisender als alle bisherigen sind die absoluten Zeichen der 
Schwangerschaft, d. h. solche, die in einem wirklichen Gausalzusammen- 
hange mit dieser stehn, folglich bei keiner wirklichen Schwangerschaft, 
den Znstand in seiner Totalität und normalen Dauer aufgefasst, ganz 
fehlen können, wenn einige dieser körperlichen Veränderungen immer- 
hin auch als von andern Ursachen bedingt vorkommen. Wir prüfen ih- 
rai forensischen Werth. Es gehören hierher: 

10) das Aasbleiben der Menstruation mit eingetretener Em- 
pftngniss. Zunächst hat in Betreff dieses Zeichens, das, wie kein ande- 
res, im Volke den Ruf eines sich früh bewährenden Symptoms der 
Schwangerschaft hat, der forensische Diagnostiker wieder ganz andre 
SSckaichten, als der practische Arzt. Dem Gerichtsarzt ist es, der 
Satur der Sache nach, kaum je möglich, ausser bei weiblichen Gefan- 
fwicn, sich über das wirkliche Vorhandensein einer eingetretenen Ces- 
tttion der Regeln zu vergewissem. Nichts ist leichter für eine Person, 
^« eine Schwrangerschaft nur simulirt, als zu erklären, dass ihre Men- 
ses aeit so und so lange ausgeblieben seien, und es wird nur ein glück- 



222 



§* 30. Diftgnos« ^er SchwaDjB^rscljaft 15L ?aIL 



lieher Zufall seia, wemi die Untersuchung des Gericht^'^r-* -• 
einer Zeit dieselbe überrascht, iü der die fliossendeu Km. Lö- 

gen strafen. In der Kegel bleiben ihm gar keine Mittel, jene Aa68a|e 
zu controüren. Cmgekehrt aber wird der Gericbtsarzt von Per8<>noji. die 
eine wirkliche Schwangerschaft verheimlicben wollen, durch künstliche 
Menstruation zu tüoscheii versucht, d. k durch periodisch«^ Befledtin 
der Wäsche mit Blut, worüber ich selbst Erfabrungen gemacht habe. 
Da Unterschiede zwischen dem Menstrual- und anderm mensclilichcD 
Blute nicht existireu (§. 14.), so würde ein Betrug der Art nur laü 
Sicherheit zu entdecken sein, wenn Vogelblut genommen worden irln 
— wie ich es bei einem jungen Mädchen gesehn, die wiederholt Taa- 
ben dazu geschlachtet hatte — dessen Blutkörperchen leicht ab »okk 
durch ihre ovale Form zu erkennen sind. Schon weit schwieriger wirf 
die Diagnose, wenn SäugetJiierblut gebraucht \mrde, worüber im zk^ 
ten Bande (allgem. Tbl. 2. Kapitel) gesprochen wird. Es würde, wie 
gesagt, nur ein Zufall sein, wenn dem geriehtlicheü Arzte nicht etw» 
nur die Wäsche der angeblich Menstruirten, sondern diese selbst zar Zelt 
der angeblich fliessenden Menses vorgestellt wurde. In diesem Fallo wördi* 
HohTs Vorschlag*), durch Injectionen mit warmem Wasser die Scheide 
zu reinigen, und dann die Exploration mit dem Finger auszuführeOf mß 
zu ermitteln, ob nun dennoch Blut nachfolgt, leicht ausführbar und jpe 
wiss zweckmässig sein, während andere angegebene diagnoBtisdie 
tboden zur Ermittelung des Betruges: die Beachtung des, der Utmt 
tion eigentbümlicben Turgescenzzustandes der Gebärmutter, nane 
der Erweichung imd Anschwellung der Scheidenportion, die AnnälK^n 
des Mundes zur ringförmigen Oeffnung u. dgl leicht, zumal bei Mebi 
geschwängerten, Täuschungen veraulassen können, 

151. Fall* Kunstliche Menses. 

Die Hohrscbo Methode hat sich mir vortrefflich in folgendem gewiss fut < 
tbamlichen Fall bewährt ^ Behufs Feststellung der Scbwiirf&higkeil einer judiicta 1 
gin* war ich in deren Behausung zum Termin geladen worden, SUU d*r 
Fr&ge ?on der Dlspositionäfähigkcit fand ich die Auf^t&be zu lösen — ot ^ X 1 
Zeit men^Tuire! In einer Proce^ssache wider sie hatte sie nämücb berettfl oll 
holt den Zeu^eneid verweigert, jedesmal im dazu angesetzten Temiiii b^Majiiadti 
sie xur Zeit mens»truirc, folglich ^unrein sei und vor Gott nicht erscheinen koaftt*. < 
Eidesverweigerung, die den Jüdinnen zusteht. Endlich hatte das OcnVbt nuo toi 
Behauäung einen neuen Termin angesetzt — von dem sie uaiüriich vocbtT in K« 
gesetzt worden war(!-) — ^ nnd dazu die beiden jüdischen Scbwtirzeugen und «itkl 
den Fall vorgeladen, d&ss sie wieder den Einwand der best<*henden Hemtruatinil 
chen würde. UichÜg geschah dies lofortl Mir aber musste sieb sogleich dar f« 
der Simulation aufdrangen. 8ie zeigte zuniiebsit eiu blutbeBecktes (Temde i«r. < 



^ 1. «. 0* s, se. 



{. 30. Diagnose der Schwangerschaft. 223 

aber ufillend mir stellenweise und wie bloss mit blutigem Wasser gefleckt erschien. 
Anden Oberschenkeln fand sich yiel Blut, aber auffallend mit festen Kornchen, wie 
Sud, Tennengt (Ich hatte, weil ganz unvorbereitet, weder Lupe noch Microscop bei 
nur.) Schaamhaare, Labia majora und Scheideneingang waren sehr blutig, und auch 
d«r ganze Yaginalcanal zeigte sich so bei der Exploration. Ich Hess nun in meinem 
BttKin den Ganal mit kaltem Wasser gründlich reinigen , untersuchte und fand nun 
Dwoen Finger — ganz rein. Absichtlich knüpfte ich ein sehr langes Gespräch an , um 
d«r etwanigen Uterinblutung Zeit zu lassen, untersuchte dann wieder, und — der Finger 
blieb rein! Ich erklärte nunmehr dem Richter, dass die N. jetzt nicht mcnstruire, 
and hierauf erklärte sie sich zum Schwur bereit, bat aber, vorher das besudelte Hemde 
mit einem reinen vertauschen zu dürfen. Da die jüdischen Gelehrten dies Verlangen 
▼en reh'giösen Standpunkte billigten, so wurde es ihr gewährt ; ich aber erklärte sofort, 
dan die N. wieder erscheinen und erklären werde , dass nach dem Wechsel der Wä- 
sche die Blutung wieder erschienen sei, die sie eben so leicht wie früher künstlich her- 
▼crbrin^n werde. Gleich darauf trat sie ein — und verfehlte nicht, diese Behauptung 
zumachen! Allseitig aber nunmehr als Betrügerin erkannt, und selbst von den jüdi- 
schen Gelehrten nicht mehr unterstfitzt, leistete sie jetzt den so oft verweigerten Eid. 

Wir kehren zur Henstmation als Schwangerschaftszeichen zurück. 
Die Hauptsache hierbei ist die Unznverlässigkeit des ganzen Zeichens 
Ui sich. Wie häufig dnrch die ganze Daner des Alters der Fruchtbar- 
kch die Menses ohne Schwangerschaft ans vielfachen Ursachen cessiren, 
^m jeder Anfänger. Und, abgesehen von den immerhin sehr seltnen 
FUlen von Empfängniss ohne je vorher Statt gehabte Katamenien*), so 
i^ es gleichfalls allgemein bekannt, dass das wirkliche Fortbestehen 
^eger die Existenz der Schwangerschaft nicht ansschliesst, namentlich 
xüdit in den ersten, grade am schwierigsten zn taxirenden Monaten. 
iHss dies in der That häufiger der Fall, als man in der Praxis glaubt, 
beweisen Elsässer's Untersuchungen an 50 Schwangern**), bei weU 
<4en die Menses noch wiedererschienen, und zwar: bei 8 noch Einmal, 
*>€i 10 noch 2mal, bei 1 noch 2- bis 3mal, bei 11 noch 3mal, bei 1 
i&oeh 3 — 4mal, bei 4 noch 4mal, bei 6 noch 5mal, bei 5 noch 8mal 
^d bei 2 noch 9 mal. Aus allen diesen Gründen hat das Menstru- 
^tions - Kriterium für die forensische Diagnose an sich nur einen sehr 
^>atergeordneten Werth. 

11) Die Entwicklung der Brustwarze und ihres Hofes 
(abgesehen von der schon erwähnten Pigmentirung), welche erstere mehr 
toftehwillt und auf deren Hof sich Knötchen, Papillen entwickeln, hat 
Bicht den von Vielen behaupteten Werth, sondern fast keinen für unsere 
Zwecke. Denn sie kommt keinesweges, am wenigsten in den früheren 



*; Synkitz (Zeitschr. d. Wiener Aerzte. 1857. 7 8.) fand bei 8000 Frauen die 
■<Ä*tliche Blutung bei 14 gänzlich fehlend; vier dieser Frauen haften wiederholt ge- 

'*) Henke's Zeitschr. Bd. 73. S. 402. 



294 



% ISO* Dia^ose der Schwangoricbalt 



Monaten, bestäadig, sie kommt aticli ganz enisebieden bei nie 6^ 
schw'ängerteti vor, und einmal dojTh eine erste Schwangerschaft beding 
verschwinden diese Zeichen niemals wieder, so dass sie zugleich zu den 
Eesiduen gehören, die wir oben bereits gewürdigt haben*). 

Die Veränderungen in Umfang, Lage, Stellang und Organisa- 
tion der Gebärmutter und ihres Scheidentheils. Sie sind io 
Grossen und Ganzen unstreitig existirend und in ihrem naturgemäsdefi 
Entwieklungsprocess stetig und allmahlig vnrschreitend, so dans esds- 
nach naöglich ist, mit der Sicherheit, die für die ärztliche Praxis hiih 
reicht, sogar die Zeit der Schwangerschaft nach den einzelaeo Moo^ 
ten zu diagnosticiren, eine Kenntniss, die die gerichtliche Hedicio m- 
auszusetzen hat. Unter jeneü Veränderungen nennt Scauzoni**) na- 
mentlich „die progressive, von unten nach oben dringende Auflorkeraiig 
der Vaginalportion eines der sichersten Schwangerschafts- Zeichen, 4 
kein pathologischer Zustand eine so consiante Veränderung der Vagi- 
ualportlon hervorruft.** Wir müssen uns in dieser Materie bewfihrt<o 
und erfahrenen gcburtshülflicheD Lehrern, wie billig, unlerordneo, wnllca 
aber doch die Frage aufwerfen, wieso sich mit der behaupteten grossen 
Sicherheit der Zeichen dieser Kategorie selbst die beruhni* - ' •'- 
burtsheifer in zweifelhalten Schwangerschartsfällen (vor der i ^S 

der Auscultation) so häufig geirrt haben? Wer oft selbst unlerRadit 
hat, wird Hohl beistimmen, der auf die grossen Schwankungen jeae** 
Uterus -Zeichen in den einzelnen Füllen aufmerksam macht, und bia-^ 
zufügt: ,.wer eine Norm für alle Fälle sucht, geht mit der Laterne d^^ 
Diogenes"***), ja sogar nicht Anstand nimmt, auszusprechen .f) ,eine^ 
zu grossen Werth legen gerichtliche Aerzte gewöhnlich auf die Schoidec»^ 
portioo und den Muttermund, auf zwei höchst unzuverlässige Tbeile ftbe^ 
bauptund sodann auch bei der Diagnose der Schwangerschaft*, imzuv^^ 
lässig, setzen auch wir hinzu, namentlich nach vorausgegangenen Gebi 
Die Vergrösserung der Gebärmutter ist unter normalen Verhall 
durch Gefühl und Percussion nach den ersten Monaten w^obl 
len. Wenn HoUtft) durch dieselbe nebst Verdickung der Sehci« 
wäude und elastischer Schwellung und sammct^iliger Beschaflfenheit 
Schleimhaut die Schwangerschaft bereits in der (i., ja 4. Woci« 
gnosticiren willj so dürfte dies nicht mit der in foro nolhwendigeo Sicli 



^ 3. tli(* oben citirie Ahh&ndluDg von Mombergdr. 
•*) a. a. 0. S. 12a 
••♦) Ä. Ä. 0. S. 143. 
t) ft- iL 0. S. 1S4. 
ff) Holst, Zur Diagnose der Schwan^ersclmft unU iimnentiicit tu aec 
Bftten* 6aii%CL IL 1067. 



J. so* Diagnose der Scbwan^erschafl, 



225 



liett sein und ihm hierin von namhaften Gebnrtafaelfem widersprochen 
werden. 

13) Noch weit nnzuverlässiger sind die Veränderungen am 
Isabel, sein anlängliehes Erheben in der Mitte der Schwangerschaft 
und spätere» Einsinken, die lediglich Folge der bedeutenden Ansdeh- 
dUßg der Banchhaut sind, und die mau bei jeder derartigen auch unter 
allen ümsttoden^ z* B. anch bei Männern, oft genng beobachtet 

14) Die palpablen Zeichen, wie wir, im Gegensatze am den 
anficnltatorischen , diejenigen nennen, welche durch das Betasten des 
Bauches nnd dnrch die innere Untersuchung gewonnen werden, also das 
Durchfühlen von Föt alt heilen und die (objectiv wahmehmbaren) 
Bewegungen des Fötus, so wie namentlich das Ballottement des 
Kindskopfes bei der innern Exploration. Diese Zeichen sind freilich 
etil iD der zweiten Hälfte der Schwangerschaft wahrnehmbar, e^dstiren 
aJso ala Beweismittel für die frühere Periode nicht. Von beiden erstem 
S^lt ferner, dass ihr Fehlen niemals die Abwesenheit der Schwaoger- 

I «chaft bcweiaen kann, da grosse Fettleibigkeit, übennässige Anhäufung 
^B^*«D Fruchtwasser u. A. m. das Fühlen beider Erscheinungen verhin- 
^V^idn kann* Von diesen Zeichen gilt endlich, dass sie Täuschungen ver- 
^^»ilMaen können, wenn man krampfhafte, umschriebene, harte Ge- 
\ ^tt wtlste für Kindestheile , oder den Arterienpuls der Mutter, leichte 
H^^kongen in den Bauchmuskeln, selbst Dannvorgänge n, dgL für Kin- 
^^Rhewegungeu hält Allein eine sorgsame und wiederholte, in versehie- 
^^üen Lagen der angeblich Sshwangem ausgeführte Untersuchung wird 
beleben Irrthum vermeiden lassen. Wer nun wirkliche Kindesbewegun- 
K«n oder das Rallottiren des Kindskopfes öfter durch die Hand wahr- 
^^Ommen hat, wird sich, wo sie vorhanden, in der That dann nicht 
*%Mbr tänseben können, und so sind auch die durch den Tastsinn ge- 
^ÄMten Kriterien in ihrer, wirklich ganz eigenthümlichcn Art und Form, 
^in vortreflFIiches Schwangerschaftszeichen*). 

15) Die auscultatorischen Zeichen, das Placentargeräusch 
^Md der Fötalpuls. Wir haben nicht die verschiedenen anatomisch-phy- 
biologischen Erkläruogen des Placentarge rausch es zu würdigen, 
^^ irelelien diejenige, die dessen Ursprung in die ütcringefässe setzt, 
^€ baltbarste scheint. Abgesehen auch hier von den Täuschungen, die 
'•^cherweise ein anderer Inhalt des Uterus, oder Ovariengesch^iilat 
^- dgL veranlftssen können , und die wiederholte Explorationen in ver- 

■ «cUedeiieB Lagen vermeiden lassen werden, bietet das Mutterkuchen- 
A SMusdi, das blaaebalgähnliche, mit dem Arterienschlage der Schwan- 



pc)c*n7orn », a, 0. S. 113. Cred^ a. a. 0. S. 390. 
^HHr*t ferUliU* Medld«. &. Atti. L 



15 



226 



§. SK Dia^ose der ScfawangerichAft. 



gern isochrone Geräusch, ein äusserst werthvoUes Zeichen, ün! 
eher aber und positiv für sieh allein die vorhandene Schwang« 
unrweifelhaft beweisend ist bekaunÜicJi der auscultatoriach nachgi 
sene Fötalpnls. Credo vergleicht das Geräasch sehr zatreffend mit 
dem Ticktack einer TascheDtihr) das man durch ein umgewickelttt 
Tuch bindurchhdrt. Jeder aber hat an sich erfahren, daas man 
Ohr, wie an alle denkbaren auscultatorisehen Zeichen, so auch an dii 
im Anfange des Studiums erst gewöhnen muss, und ein Ungeübter 
Ungeschickter würde in manchem Fall nur seinen Mangel an Euo&t- 
fertigkeit, nicht eine Thatsache aussprechen, w^enn er etwa behaupt«!^ 
^88 sei hier der Herzschlag eines Kindes nicht zu hören. ^ Aber d^^ 
selbe wird überhaupt erst gegen Ende des sechsten Monats hörbar» eim 
Schwangerscbaft frühem Stadiums kann folglich dadurch noch nidit 
diagnosticirt werden*); er ist femer natürlich nach dem Absterben iia 
Frucht nicht hörbar, nnd bei sehr schwachen und kleinen EinderB, 
queeren Lagen, übermässiger Anhäufung von Fruchtwasser können Tin- 
aehungen vorkommen« 



§. 31. FtrisetiiiBs, 

Das Bestreben, die Diagnose der Schwangerachaft möglichst siebe: 
zu stellen, hat, zumal vor der Entdeckung der Auscultation, aber 
noch später, noch mehrere andre Zeichen in die Wissenschaft gebncfafc^ 
die iämmtUch als trügerische Sebwangerschaftszeichen eiudi.^ 
tet werden müssen. Das von Nauche vermeintlich entdeckte Kyesteim 
ftia angeblich eigenthomlicbe Protelnverbindung im Harn SchwangertiKi 
hat sieh in Lehmann' s Untersuchungen nicht als solche, sondeiu 
ein Gemenge von Tripelphosphat-Krystallen, Vibrionen und Pikan ^x^ 
wiesen; die schillernde Fetthaut auf dem erkalteten Urin aber, die 
selbe enthalten sollte, kommt nicht bei allen Schwängern imd 
kehlt häufig auch bei den verschiedensten anderweitigen Zuständeii 
wie Niemand mehr bezweifelt. Ein Microscopiker, wie Donnö, U 
netjede microscopische Verändereng im Urin Schwangerer. Njkeh 
diesem ist das ganze Zeichen, betreifend Veränderungen im Urin, 
streichen. — Die erhöhte Temperatur der Scheide, auf weWi^ 
Stein jun. Werth legte, kommt aus erklärlichen Gründen bm fitiM 
Sdiwangern vor, ist aber viel zu individuell, um irgend wie dagiro- 



*) Wir geben auch hier ouaere Beobacbtimgen wieder, mit denen die du edbtr»* 
aen Seaatoni «bereinstimmeu, welcher (a, a, 0. S. 117) die Herzlone .fOr B«bä* 
gung der 24aten Woche nie vernehmHdi gehört zu haben** veradieTt Aodtrt vol)« 
lia schon im fänftea Monat gehört habfiii. 



$. Sl. DiagnoM der Schwaagenohaft. 227 

stM Tenrerthet werden zu kOnnen. — Im erhöhten Uaasse gilt dies 
TOB einem angeblichen faden, saamenähnlichen Geruch des Vaginal- 
lekleimes (Fallender), ein Zeichen, dessen Existenz vom Grade 
der Seinlichkeit der Schwängern abh&ngt und das als Kriterium des 
Geraehorgans des Ezplorators durchaus subjectiv und schon deshalb 
giBz unzuYerlftssig und nidits beweisend ist. — Der von Oslander 
i l behauptete starke Scheidenpuls, den man als Kriterium der 
Sehwiogeraehaft allgemein aofgegeben hat, ist von einem neusten Leh- 
rer wieder aufgenommen worden, von Gredä*), welcher „den Pulsschlag 
io den Arterien der vordem Scheidenwand, auch in den Lippen des Mut- 
termiudes, beMmders auffallend fühlbar^ gefunden haben will. Dies 
loU nicht bestrittoi werden; aber wie sehr man sich hierin t&uschen 
kann, bedarf keiner Ausführung. — Man hat von Schwangerschafts- 
diignoie nach dem Tode gesprochen, und in dieser Beziehung auf das 
CoqKiB luteum im Eierstock Werth gelegt. Obgleich nun eine prac- 
tisd-ferenaische Wichtigkeit bei dieser Frage kaum ersichtlich, so wol- 
\ea wir doch erwfthnen, daas auch wir die Beobachtungen Bischoffs, 
Hobl'e nnd andrer viel älterer Beobachter (Everard Home u. s. w.) 
bei unsem Leichenftffhungen häufig bestätigt gefunden haben, dass der 
gelbe KOrper nach Schwangerschaft kaum mit einiger Sicherheit von 
gelben KOrpem von abgelösten, aber nicht befruchtet gewordenen Ei- 
chen ZQ unterscheiden ist. Käme fibrigens dem Gerichtsarzt die Frage 
w: ob eine verstorbene Person jemals schwanger gewesen sei? so würde 
er dieedbe weit leichter, als nach dem Corpus luteum aus den an der 
Leiche in ermittehiden Zeichen der stattgehabten Geburt beantwor- 
ten k&anen. — Fragen wir nun nach allen diesen ErörterungOD, wie sich 
der Gerichtsarzt zu den Zweifeln zu stellen habe, die gegen eine so 
grosse Mehrzahl der Schwangerschaftszeichen erhoben werden mussten? 
eo ist die Antwort nicht schwer. Denn einerseits ist in dieser Be- 
aebong der forensische Arzt in einer bessern Lage, als der practische. 
Dieser kann im concreten, immerhin noch zweifelhi^n Falle rasch und 
eneigiech handeln mfissen, jener — kann abwarten. In Civil-, wie in 
Criminalftllen kann hier niemals Gefahr im Verzuge sein, und vier, 
secbs Wochen — bis wohin der Gerichtsarzt in bedenklichen Fällen sein 
Crtbeil aufschieben und dies dem Richter erklären kann — sind eben 
•0 unerheblich für den Verlauf des streitigen BechtsMs, als wichtig 
^ oft entscheidend ffir das Gutachten des Arztes. Andrerseits er- 
leichtert die Fassung der Gesetze, wenigstens in einer grossen Klasse 
der einschlagenden civilrecbtlichen Fälle, derjenigen der Wiederverhei- 
nthnng nach au%elöster Ehe, dem gerichtlichen Arzte sein Verfahren 

*} a. a. 0. S. 373. 

15* 



228 



^ 32. Dsuer der Seit Wanderschaft* 



migemein. Denn, wean er in den altpreüssiBchen Prorinzen in «okhOT 
Falle nnr innerhalb des ganzen Zeitraums von nenn Monaten die Scbwia* 
gerschafb als wahrscheinlich nicht bestehend, d. h. die wibrseheiii« 
liehe Abwesenheit der Schwangerschaft erklären soll (§, 22. Tit. l. 
ThL I. A. L..R*, s. oben S, 213), so wird das ürtheil in keinem FaD« 
Sciwierigkeiten nnterliegen. Und grade für die schwierige Zeit dir 
ersten drei Monate wird (in den genannten Fällen) seine Thätigkeit^ in 
Oesterreich nicht vor Ablauf des sechsten Monats, ja in der RheinpftK 
vinz nnter der Herrschaft des „bürgerlichen Gesetzbuches** Tolknub 
während ganzer zehn Monate nicht einmal in Anspruch genommen! 
Nichtsdestoweniger bleiben noch andere, oben beispielsweise erwähoti 
Civilrechtsfälle und sämmtliehe strafrechtliche Fälle für die Abgabe ein« 
Güta^^htens, betreffend eine streitige Schwangerschaft, übrig. Hier aber 
gilt wieder für die gerichtsärztliche Diagnostik, me für die allgemeine 
medicinische, dass die diagnostische Frage nicht nach Einem oder eini- 
gen, sondern nach der Summe aller durch die wissenscbafUicbe Bä- 
obarhtung festgestellten Symptome zu entscheiden ist. Beim gehöi 
Abwägen derselben aber ist jetzt, zumal seit der Entdeckung der 
coltatorischen Zeichen, diese Frage kein Problem mehr. 



§. 32. Daner ier Scliwängcrsrlinft. 

Die Schwangei'schaft beginnt im Augenblicke, in welchem das 
abgelöste Eichen befruchtet wird, und endet im Augenblicke, in 
ehern die Fracht geboren worden. Ueber diese absolute Dauer 
Schwangerschaft kann kein Zweifel stattfinden; dieser beginnt aber 
gleich, w^enn diese Zeitdauer arithmetisch genau bestimmt werden 
sehr natürlich, da schon in deDJenigen Fällen, die nie zur Cognition 
Richters und Gerichtsarztes kommen, der eigentliche Terminus « qtus 
der Conceptionstermin, dem Arzte oder Geburtshelfer nur in den »itt^-^ 
nem Fällen genau bekannt ist, und vollends in gerichtlichen Fällen dl^ 
blosse Angabe jenes Termins sogleich Zweifel an ihrer Riciitigkeit «r^ 
regen muss, eben weil der Fall ein gerichlticher geworden. Die ri^l-^ 
besprochene Frage aber von der Dauer der Schwangerschaft schein! f^^ 
die gerichtlich -medicinische Praxis eine ganz imerhebliche zu sein, d^ 
alle Gesetzbücher hierüber ganz positive Bestimmungen haben, und i. 9^ 
das Preuss, Landrecht keine längere Schwangerschaftsdauer, als die fi^^* 
302 Tagen, das ,p bürgerliche Gesetzbuch" am Rhein, und das Oeitor^- 
Gesetz nur eine längste Dauer von 300 Tagen kennt u, s. w- AJtei^ 
die Wissenschaft an sich kann dadurch nicht gebunden werden, nnd mM 
ihr wäre es, die Gesetzgebungen zu Verbesserungen zu veranlasi^ 
wenn sie durch gute Naturbeobachtungen ihnen wirkliche IrrtliJInier k 



$. 33. Dauer der Schwangerschaft. 229 

jenen BesünmiiiDgen nachweisen könnte. Es ist hierbei nur zu erwä- 
gen, dass der Gresetzgeber in dieser so vielfache und wichtige Verhält- 
iiieee berflhrenden Frage noch andere Rücksichten hat, als die rein phy- 
sioiogischeQ, und die Aufklärungen unserer Wissenschaft immer nur so 
weit benatzen wird, als sie seinen allgemeinen Zwecken entsprechen. 
Wir können hierf&r keinen schlagendem Beweis anführen, als den, dass 
JE. B. das Pr. Landrecht an den oben citirten Stellen den Termin für 
dieDaaer der Sdiwangerschaft hier auf 270, dort auf 285, und an einer 
J^adern Stelle auf 302 Tage setzt, dass es die eheliche Schwangerschaft 
dauern läast, als die uneheliche, ein Satz, welcher durch die 
i Untersuchungen von Ahlfeld*) zu einer wissenschaftlichen That- 
erhoben wird, deren Bestätigung der Gesetzgeber indess von der 
S^^eriditlidien Medidn nicht abgewartet hat und auch nicht zu empfan- 
fl^^ft braucht, da er sehr wohl weiss, warum er so verordnet hat. 

Dass der 28tägige Typus des Eintritts der Menstruation der nor- 
JCKBale sei, und dass die Geburt nach neun Monaten (275 bis 280 Tagen) 
^xjtrete, ist seit Hippocrates angenommen und seit Jahrtauseuden 
u:^ die Yolksbeobachtung aller Länder übergegangen. Eine solche Volks- 
b^obaehtung in einer solchen Angelegenheit, wie diese, ist im Grossen 
^^Mmi Ganzen aber wahrlich nicht gering zu achten. Nichtsdestoweniger 
'^«ifls jeder Arzt und mancher Nichtarzt, wie oft unter den Schwangern 
9«lb8t betreffende Irrthfimer in den Einzelfällen vorkommen. Sehr na- 
^4rlieh, da die Frauen selbst ungemein häufig den wirklichen Goncep- 
^^«Bstermia nicht kennen, da sie meist gar nicht gewohnt sind, ihre 
-^fteostmation genau zu berechnen, was in der Regel kein Interesse für 
^i< hat, da sie nicht wissen, ob sie vom Eintritt oder vom Aufhören 
^« Menses rechnen sollen, da diese schon vor der Schwangerschaft 
^^sflirt haben, oder in derselben noch ein- oder mehreremale wieder 
^^sduenen sein konnten, da die Rechnung nach dem Eintritt der fühl- 
^itfen Eindesbewegungen sehr leicht täuschen kann u. s. w. Von Seiten 
^^ Wissenschaft aber ist eine Täuschung, abgesehen von andern Grün- 
^^, auch ^deshalb möglich, weil das abgelöste Ei acht bis vierzehn 
^I^age befiruchtungsfähig bleibt, was bei der Rechnung von der Menstrua- 
^on schon eine bedeutende Differenz von Tagen der Schwangerschafts- 
^ver ausmacht*^. Es wird indess immerhin die Norm der allgemein. 



i 



*) Ahlfeld, Beobaehtungen aber die Dauer der Schwangerschaft Monatsschr. f. 
^^^^mitik. n. Frsaenkrankh. Bd. XXXIV. 

•^ Bischoff, Beweis der von der Begattung unabhängigen periodischen Reifung 

^^ i^ w. Giessen 1844. S. 44. Sehr bestätigend ist das Beispiel der Judenfrauen, das 

^tlentin a. a. 0. S. 819 anfährt: „die jüdischen Gesetze verbieten es, dass die Be- 

^«ttong froher als 12 Tage nach dem Eintritt der Regeln vorgenommen werde, und 

*^ erzeugen die Jadenfrauen durchschnittlich eine grössere Menge Kinder'. 



230 



i, 33. Spltg«lmrt. 



auch von den gebnrtshülflfchen Lehrern angenommenen 375 bis S80 
Tage als grosse dnrehächmttliche Regel festgehalten werden mfisMiL 
Nach Ahlfeld's*) üntersucliangen aas 653 Fällen betrog die Darck- 
ßchnittödauer der Schwangerschaft eines Weibes 27 1 Tage. Jedoeh faQai 
anf diesen Tag selbst nur 3,52 pCt. Geburten. Die gr^öste Anzahl dfr 
Geburten fällt in die 39, Woche (27,56 pCt); in die 40. Wöch© fallen 
26,19 pCt* In Gebärhäusern ist die Daner eine etwas kürzere ab is 
Privathänsem (269,71 : 272,82 Tage); bei Mehrgeschwängerten kOrsar 
als bei Erstgeschwängerten (271,87 : 274,65 Tage); bei ünverhetartlie- 
ten kürzer als bei Verheiratheten {267,07 : 272,82 Tage). Die Difle- 
renz zwischen Minimum und Maximum der Scbwangerschafteclaaer to- 
trug 110 Tage. 

Uniäugbar ist, dass nicht gar wenige Ausnahmen \on der litgA 
der Durchschnittsdaner, dass Falle tou kürzerer und was uns hier iii- 
mentUch interessirt, von längerer Schwangerschaflsdauer vorkomnitB* 
Abgesehen von Beobachtungen an Thieren**), haben auch dergleidMO 
an Weibern dies unzweifelhaft erwiesen. 

Hohl find in einer süicht imbedeutenden Zahl* von Scbwan^ei^cbaftsf&Ufti. 4ii 
er zuÄÄmmenstellt, als »gewöhnliche Dauer" die von 275 bb 287 Tagen !*^ Mefrt- 
man will in 114 Fälleo von ^reif gebornen Kindern nur 9 mit 280 Tag^a f^bottn 
werden, 92 pCt also über diese Zeit hinaus tragen gesehen haben, danmUcr SS« W 
sich aus einer Zuaamisen&teüung seiner Zahlen noch Wodien ergiebt» in der llilfii 
Woche, 15 in der 42steD» 10 in der 438ten Woche, l mit 303» 1 mit 305 und 2 mit 
306 Tagen t)* An der Genauigkeit dieser Beobachtungen musa man ab«»r xweifeln, da 
Merriman^s Angabe, wonach 54 .reife" Kinder (also fast die Hüfte allrr vergürkf- 
neu Geburten I) von der 37sten Woche bis zum 280sten Tage geboren sein solloii, «to 
ErfahruDgen widerspricht und wieder Irithum in der Annahme des Empfang nisfUriDiii 
voraussetzen lasst. Dagegen fand der sorgfaltig forschende El das «er in 260 Filier 
71 Mal (= 27,3 pCt) die Schwangerschaft aber 280 Tage dauernd, und xwar bts laa 
2906ten Tage bei 23,8 pCt., bis zum 300sten bei l.l pCt und bis tnm SOGitn 
bei 2,3 pCt-H)* 



§. 33. Firlsttiiiiis. Spätgebtrt« 

Man nennt solche Fruchte einer über die darchschmtUicbe Norm 
verlängerten Schwangerschaft^ Kinder also, die {im Allgemeluea) sp&ler | 
ab 280 Tage geboren werden, Spätgeburten (Spätlinge, PartOÄ se- 

•) «. t. 0. 

**) Hit Uebergebung der älteren sind namentlich die Krahmer^sch«!! Be 
ttingen an 177 Muttersehaafen und 1105 Kühen lu nennen (s. HenkeVa Zillackr« LJ 
d. St.-A.-K< Bd. 57. S. 98), deren Werth für die Anwendung auf Menadieii «ber okbl | 
zu hoch angeachlagen werden darf. 

^) a. a. 0. S, 172. 
t) Med. ehir* traosacL 1827. 

tt) Henkelt Zdtschr. Bd. 73. S. 394, 



f 8d, Sp4tireburt 



3S1 



rotini). Die Wichtigkeit dieser Annahme in Beziehung auf verschiedene 
Rechts verbältnisse, z* B, eheliche Geburt des Kindes mit allen davon 
abhängigen Rechten, Vaterschaft, Erbfähigkeit, Anschuldigung auf Ehe* 
brach u. s, w* ist seit den allerälteeten Zeiten anerkannt worden, nnd 
vorgekommene Rechtsftlle, in denen jene wichtigen Verhältnisse von 
der einen Parthei ebenso sicher auf Grund der angegebenen Conception 
des spät gebomen Kindes an einem gewissen firaglichen Conceptions- 
termin behauptet, als von der andern Partbei consequent bestritten wor- 
den, sind schon vor Jahrhunderten Veranlassung zu Streitschriften und 
Gutachten von Gerichtsärzten und Facultäten über die Frage von den Spät- 
geburten geworden* Wir kommen hier wieder auf einen Punkt, der die 
Nöthweüdigkeit einer wnssenschaftlichen Kritik in gerichtlieh -medicini- 
»ehen Dingen zeigt, und wir wollen den Beweis liefern, wie vuUig un- 
haltbar und unglaubwürdig die altern und die neuern Fälle sind, die 
bona lide immer wieder als „Citate*" zur Erhärtung der „Tbatsache"* 
nuchgeschrieben worden, dass eine Schwangerschaft sich noch weit 
über den zehnten Monat hinaus ausdehnen könne, und dass Spät- 
geburten von 11 j 12, 13 und vielmehr Monaten möglich seien, wonach 
denn freilich alle Gesetzgebungen, von der römischen an, die verwerf- 
licheien Bestimmungen aufgestellt hätten. 

Eine Frau*) kam elf Monate und fünfzehn Tage nach der Abreise 
ihres später gestorbnen Mannes nieder, üeber die BeschafTenheit der 
Frucht wird gar Nichts gesagt! Der Mandatar der ehelichen Kinder 
bestritt die eheliche Geburt dieses angebliehen Spätlings, und führte ans, 
dass die Mutter mit ihrem Ehemanne in Uneinigkeit gelebt, dass sie 
ihn einmal habe in*8 Gefängniss stecken lassen, dass er mit der Ab» 
aichl voü ihr gegangen sei, um nach Ostindien zu gehen u. s, w., go* 
mm mehr als bloss verdächtigende Umstände. Die Halle'sche Facultät 
aber entschied (1727) für die Legitimität (Spätgeburt) dieses Kindes, 
namentlich unter Anführung des Grundes, dass f, einige merkwürdige, 
wiewohl sehr rare Casus der Art bekarmt seien" (!)» Wir wollen diese 
altem raren Casus, auf die man sich berief, vorführen; sie finden sich 
ohne F' '* ilen auch als Beläge citirt bei Henke!**) Die Leip- 
ziger i„.^..-i erklärte im Jahre 1630 eine Geburt von 309 Tagen 
fttr nicht legitim (keine Spätgeburt)***), dieselbe Facultät aber erklärte 
acht Jahre später von dem von einer Wittwe nach einem Jahre und 
. dreizehn Tagen gebornen Kinde, ohne das irgend eingehende Einzelheit 
ten angegeben werden, dass diese Geburt allerdiegs zu denen gehöre, 



•) If. Älberti, Jurispnid, medica !!• S. 554. 
**) Abhaudlimgen a. d. Geb. d ger. Med. S. Aufl. Bd. IH S. 308. 
•**) V»l«atiü, Corp. jur. Gas. 35. 



232 §. 33. Spätgeburt 

qui rarissime et praeter natoram accidunt*). — Ein Mann, der acht 
Tage vor dem Tode schon summe debilitatns gewesen war, stirbt am 
2. December. Am 25. October — zehn Monate nnd dreinndzwanzig 
Tage später — kommt seine Wittwe mit einem Kinde nieder, das nicht 
weiter genau beschrieben wird, was auch unerheblich war (?), da die 
Giessener Faenltät (1689) folgende „Thatsachen"^ ihrem Gutachten zum 
Grunde legt: „Petrus Aponensis hätte von sich selbst gesagt, er 
sei ein Elfinonatskind; Galdanus habe von seinem Vater gesagt, er 
sei im dreizehnten Monat geboren; Sennert führe einen Fall an, wo 
der Foetus in utero im elften Monat hörbar geschrieen habe und bald 
darauf im zwölften Monat geboren worden sei; die Facultät selbst kenne 
einen Fall von Geburt eines Mädchens im siebenzehnten Monat^, des- 
halb (sie!),, könne das fragliche Kind pro legitime gehalten werden*. Eine 
Frau (Fall bei Zittmann**), deren Mann abgereist und später «r- 
trunken war, kommt nach zwölf Monaten nieder. Die Leipziger Facul- 
tät .erklärt (1675) das Kind fwc legitim, denn „wenn die Natur den 
Geburtstermin um zwei ganze Monate, wie bei dem Partus septime- 
stris, anticlpiren könne, warum solle sie ihn nicht auch um zwei Mcmate 
postponiren können ?'' (!) Eine liederliche Dirne, die 325 Tage nach 
dem fraglichen Beischlaf niederkommt, belangt ihren angeblichen Schwan- 
gerer***). Dieselbe Facultät erklärt (1669) dies Kind nicht fftr eine Spät- 
geburt mit folgenden Gründen: ,,wenn wirklich, wie er angiebt (!!X er 
absque ejaculatione seminis sieb mit ihr vermischt, sie aber hernach mit 
andern zugehalten, und er sich nachher niemals wieder mit ihr vermischt, 
auch der Vettel kein Anfall begegnet, um welches willen die Geburt 
länger im Mutterleibe hätte bleiben müssen, auch tamen pariendi ter- 
minus am Ende des elften Monats bei uns gar infrequens und unge- 
wöhnlich ist*, er nicht der Vater seil! Das sind die Fälle, die 
Henke als Meinungen der Aeltern citirt und die ihm in Hand- 
büchern und Encyclopädieen nachgeschrieben worden sind. Der bei 
Henke citirte Fall aus Ingolstadt (Valentin Nov. S. 15) ist nicht 
von der medicinischen, sondern von der juristischen Facultät begut- 
achtet, deshalb haben wir ihn hier fortgelassen. Wir könnten aber 
Dutzende der obigen FäUe noch weiter anfuhren, wenn es der Zweck 
dieses Buches wäre, Büehergelehrsamkeit zu entwickeln. Aber folgen- 
der, wenig bekannter ältere Fall ist zu kostbar, um ihn nicht noch mit 
vorzuführen. Der hitzige Vertbeidiger der unbegrenzten Spätgeburt» 



•) Ebenda». Gas. 36. 
♦♦) Med. for. S. 452. 
••♦) Zittminn, Med. for. S. 227. 



§. Sä. Sp&tgeburt 233 

Petit, eiziUt*) unter vielen andern ^^Thatsaclien^ die folgende, die 
die Pariaer Academie der Wiesenschaften nicht yerachmäbte, in ihre 
Penkflchriften anfEiindimen. „Eine Frau im Bargflecken Jonarre ist 
drei Jahre schwanger geblieben und hat dann oinen starken leben- 
dn Koaben geboren. Gegen den zehnten Monat hatte sie Schmerzen 
empAmden nnd drei Haass Wasser verloren, was aber nach einem Ader- 
laas aufhörte. Die Geschichte dieses Factnms ist unterzeichnet vom 
Boigemeister des Ortes, von einem Notar nnd von zwei Chirurgen.^ 
(Nno, dann mnss es wohl wahr sein!!). Das Petit'sche Gutachten, 
worin auf diese , wahre Geschichte^ und anf viele ähnliche Bezug ge- 
nommen wird, ist datirt Paris, den 22. Januar 1765 und unter- 
zeidmet von dreiundzwanzig Professoren der Facultät und Hospital- 
Vontehem! 

Nicht mehr halten die neuern Fälle vor der allemaheliegendsten 
Kritik Stich. Man findet sie gleichfalls in der Henke' sehen Abhand- 
lug und fiberall angef&hrt. Foderö's Frau bekommt Wehen im neun- 
tea Monate der Schwangerschaft (a Töpoque (??) du neuvi^me mois). 
Vierzig Tage sp&ter erfolgt die Geburt (wie war das Kind?). Zwei Jahre 
qite ffihlte sie sich wieder schwanger und ist genöthigt, das Kind 
skaietzen (sevrer). Nach 10:^ Monaten kommt sie nieder (sie war also 
beim Stillen schwanger geworden, wobei bekanntlicb die Rechnung der 
Fraaen immer verwirrt ist; hatte sie denn das frfihere Kind zwei Jahre 
bog gestillt?). Mit 9 Monaten hatte sie „wieder'' (wie das vorigemal?) 
bbdie Wehen gehabt. Das Mädchen, das sie gebar, „war so klein und 
bbnmeilich (ehitive), dass die Mutter gar nicht wusste, dass sie nieder- 
gekommen war und dass das Kind künstlich erhalten werden musste''. 
(Sn Kind von angeblich 315 Tagen fällt, so zu sagen, der Mutter aus 
dem Schooss und muss künstlich erhalten werden ! Man sieht, dass der 
Flu vollkommen unglaubwürdig und schlecht beobachtet ist!) —Klein 
beriditet**): „meineFrau hatte vier Wochen alle Tage Wehen, wo wir 
wgeredmet hatten'' (soll wohl heissen: am Ende der Schwangerschaft?). 
«Jeden Tag erwartete ich die Entbindung, welche alsdann nach vier 
Voehen sehr schnell erfolgte. Das Kind wog 1^ Pfund schwerer, als 
"wine andern (sie!), es war zwei Zoll länger, die Fontanellen völlig 
geschlossen.'' (Und die Geburt eines solchen Kindes erfolgte „sehr 
scbnell"?!) Klein fägt hinzu: „auch von der Frau Gräfin X. weiss 
ich es ganz bestimmt, dass sie zuverlässig vier Wochen länger schwan- 
|er war". Die eine dieser Kl ein' sehen „Beobachtungen*' ist, wie man 



*) Recaeil de pieces relatives k la question des naissances tardives. Amsterdam 
1766. 8. 8. 56. 

^ Kopp*s Jahib. III. S. 252. 



234 



|. 33. Spätgeburt 



sieht, genati eben so ^zuverlälssig'*, wie die andere; die eben genanjitet 
Klein - F ödere' sehen Fälle sind aber besonders anch deshalb hier 
hervorzuheben, weil sie als yorzüglich werthvoU gerühmt worden, da 
me ^Ehefrauen von Aerzten** betrafen, folglich eine genaue Controlk 
der Daner der Sehwungersehaft gestattet hätten, von welcher ÜoatroUe 
freilich in diesen Berichten nichts za verspüren ist. 

Man höre den Fall von Siebold (bei (Henke a. a. 0.)* Som 
Bäuerin hielt sich von der Zeit des letzten Erscheinens and spüira 
Ausbleibens der Regeln für schwanger, Sie consultirte einen Chiiror- 
gas, dem sie anf seinen Antrag, da dies ihr ja nichts mehr BcbmdM 
könne, den Beischlaf gestattete* Orade vierzig Wochen oadi die- 
sem Tage kam sie nieder, obgleich ihre Regeln bereits zwölf Wo* 
eben vorher zum letzten Male erschienen waren , ^ wie man diei*» 
setzt S. hinzu, ^zuweilen bei heisser Jahreszeit bemerkt". Es ist üä- 
begreiflich, wie dieser Fall, den Sie hold durch den letzten Zotatz 
richtig würdigt, unter die Fälle von Spätgeburten hat anfgenoc 
werden können, da er offenbar (bei bekanntem Conceptionst6rmi») 
recht guter Beweis einer vierzigwOchigen SehwangerschafUdaaer ist 
Alle übrigen von Henke zusammengetragenen Fälle von weit über die 
Durchschnittszeit verlängerten Schwangerschaften geben der Kritik nielil 
weniger Spiclraimi: nirgend eine genauere Rechnung, überall nur Vaiv 
Sicherungen und Weiberangaben. Ein andrer (holländischer) Fall foft 
Salomon (a. a. 0.) ist anscheinend so einfach und beweisend , laA 
doch so völlig unglaubwürdig. Eine Frau erwartet im November 180L 
ihre Niederkuntt, nachdem der MonatsÖuss bereits ^seit dem 3* 
nicbt erschienen war'', weshalb sie sich ^seitdem*", schwanger gUßübUST 
In den ersten Tagen des Juni fühlte sie die Kindesbewegungen. ,^h 
faiigs November traten die Vorboten der Geburt ein", aber erst ^ mm ift. 
Januar wird sie von einem todten, 10^ Pfund sciiweren Kinde ent- 
bunden'*. Nehmen wir an, dass sie die Bewegungen, wie gewOlmLicl] toi 
der Mitte der Schwangerschaft ab gefühlt habo, dann wäre das geboiM 
Kind — 37rt Tage alt gewesen; rechnet man aber, bei der Zweid«atig- 
keit des Wortes ^,seitdem*% da^8 sie am 3. Januar noch meastndrt 
gewesen sei, und etwa am 8. Januar empfaDgen habe, dann war du 
Kind — 38{5 Tage alt; oder rechnet man endlich, dass sie am 3. Ji^ 
nuar ihre Menses vergeblich erwartet hatte, und etwa Mitte 
geschwängert worden, dann hätten wir eine Sp&tgeburt voa — 
Tagen vor uns! Um auch neuerer und neuster ^Beobaciitungea*^ 
gedenken^ will ich endlich noch anführen, dass e'me Reibe Ton der|^€ 
eben in England vorgekommenen von Taylor*) mitgetheilt wird, f&Ut« 



^ HecL jturispraft 6. Aufl. London 1868. S. 625 u* L 



§, 33. Si>!Ltg«bint. 



285 



die wieder eine Verlängerung der Schwangerschaft bis in den elften, 
ja zwölften Monat beweisen solleo. Besonders glucklich in der Be- 
abaehtmig solcher seltnen FäUe war Dr. Mnrphy, der auf 182 Ent- 
bindungen nicht weniger als 96, also genau die HSLlfte, über die 408t« 
Woehe, darunter 20 in der 44sten und 45sten Woche nach Beginn der 
Schwangerschaft erfolgen sah. Ein besonderer Werth wird auf den Fall 
von längster Dauer, nämlich von 352 Tagen, gelegt, der, wenn auch 
28 Tage nach der letzten Menstruationsperiode abgezogen wurden, doch 
immer noch einen Fall Ton 324 tägiger Schwangerschaft darstelle. Aus- 
drQcklich wird hinzugefügt, dass das Datum der letzten Menstruation 
vor der Niederkunft ermittelt worden wäre, um allem Irrthum vorzu- 
bengen. Wenn ich aber anführe, dass dieser, so wie alle Murphy'- 
Bchen Fälle in der Hospitalpraxia vorkamen, folglich bei ganz 
unbekannten Weibern, deren Schwangerschaft Murphy nicht controllirt 
hatte» 80 ist die Kritik aller dieser Fälle und das Maass ihrer Glaub- 
würdigkeit ausgesprochen. Man war ja also liier ausschliesslich auf die 
Aussagen der Schwängern angewiesen, und abgesehen von den man- 
nigfachen, naheliegenden Interessen, welche (uneheliche wie eheliche) 
klinische Schwangere bestimmen können, die Schwangerschaftsrechuung 
absichtlich zu verwirren, wird Jeder wissen, wie viele und wie oft 
auch bona fide — Irrthümer in dieser Materie vorkommen. Auffallen- 
der ist ein anderer von Taylor mitgetheilter Fall von Chattaway, 
betreffend eioe gesunde, 36jährige Pachtersfrau und deren Entbindung 
nach 330 tägiger Schwangerschaft. Sie hatte zuletzt im (?) December 
1855 menstruirt und Anfangs April Kindesbewegungen gefühlt. Mitte 
September bekam sie wehenartige Schmerzen und blutig schleimigen Ab- 
gang und am 19. November 1856 gebar sie ein Kind „von durchschnitt- 
licher GrÖ38e'^ Taylor meint, dass weon man 28 Tage für die letzte 
Menstmationsperiode abzöge, man immer noch eine Spätgeburt von 330 
Tagen erhielte. — Der Fall gestattet aber eine ganz andere Berechnung. 
Nehmen wir an, dass die letzte Menstruation „im*' December gegen 
Ende des Monats gefallen sei, und weiter, dass die Conception gegen 
Ende Januar erfolgt war, dann ergiebt sich eine Spätgeburt von etwa 
300 Tagen, die nichts Unglaubwürdiges hat. Im üebrigen erfährt man 
von dieser Frau Nichts über den Cyclus ihrer MenstruatinnsperiodeDj 
Kicbts (zur Beurtheilung ihrer aogeblich so früh gefühlten Kindesbewe- 
gungen) darüber, ob sie eine Erstgeschwängerte war, oder nicht. In 
welcher anderen Wissenschaft hat ein solcher Mangel der Kritik, 
wie er im Vorstehenden wieder nachgewiesen worden, so lange Jahr- 
Imnderte hindurch geherrscht, als in der gerichdichen Medicin, die ge- 
rade der schärfsten Kritik der Erscheinungen so sehr bedarf! 



S86 



$, Bl Dauer und Diagaose der Spltgebort 



§. 34* ftHsMiHiif. iaicr vnd fiJa^iiaie der SpatgebttH. 

Indessen bleibt es imläugbar, das» die Schwangerscbaft über die 
durchschnittliche Dauer von 275 bis 280 Tagen hinaus fortdauern kann. 
Aber Alles, was Physiologie und möglichst zuverlässige Beobaditon- 
gen lehren» vereinigt sich, um hierin eine gewisse Grenze festzuatecken. 
Der Zusammenhang und die Abhängigkeit der Geburt vom Cycloa von 
zehn Meniitruationsperioden war, wie bemerkt, seit den ältesten Zeiten 
anerkannt. Cederschjöld und Schuster versuchten nachzuweisen, 
dass, wie ja der einzelne Menstruationstermin von £inem Fluss bis zum 
nächsten nicht bei allen Frauen unwandelbar derselbe, sondern wi« 
hier nicht gar selten individuelle Abweichungen vorkommen, dass dem 
entsprechend auch der Geburtstermin individuelle Grenzen inoe halio 
und dass die zehnte Menstruaiionsevolution die Geburt bringt, bei 
Frauen A. bis X. also, die mit 28 Tagen meostruiren, mit 10 X 28 = 
bei der Y. , mit 29 Tagen menstruirenden, mit 10 X 29 = 290, 
der Z., mit 30 Tagen menstruirenden, mit 10 X 30 = 300 Tt 
Schuster hat diese Fragen auf das Gediegenste beleuchtet und insei^ 
ner vortreflflichen Abhandlung*), auf die wir verweisen, vier FfiUe, wo- 
von zwei seine eigne Frau betrafen, mitgetheilt. Diese menstruirte m 
29 — 30 Tagen. Die erste Schwangerschaft, deren Verlauf genau be- 
Bchrieben wird, endete mit 296 Tagen, die zweite hatte genau zehn 
volle (individuelle) Menstmationsperioden, d, b. 300 Tage gewährt. Eine 
gesunde und kräftige Frau, die in einem controUirten 29 tägigem Typus 
menstruirte, kam am 287sten, und das nächste Mal am 2888ten Tage 
nieder. Wenn aber diese Thatsache und die darauf begründete Bereck- 
nung auch bei einer Anzahl von Frauen zutreffen mag, so stimmt sicher 
auch die Berechnung in vielen Fällen nicht. Es giebt eine nicht geriDgt 
Anzahl, sonst ganz gesunder Frauen, welche z. B. in regelmässiger 
Wiederkehr den 21sten, 238ten und 25sten Tag menstruirt sind. Fat 
solche würde sich eine Schwangerschaftsdauer von 210, 230, 250TageD 
ergeben, was von der Wirklichkeit doch zu bedeutend abweicht, m 
das Gesetz als ein allgemeines gelten zu lassen. Jedenfalls aind weiter« 
Beobachtungen über dieses Thema abzuwarten. 

Nach allem aber, was wir nun hier über die Sachlage zusasuDes* 
gestellt haben , müssen folgende Sätze als leitende erachtet werd«D- 
1) Die gewGlmliche Dauer der Schwangerschaft beträgt (271) 275 -- 
280 Tage, 2) Die Schwangerschaft kann aber unzweifelkaft sp^r no(i 



•) Henkel Zaitechr. Bd. 57. S. 1 n. f., worin auch Berthold*« Abbü» 
(«über daj^ Gesetz der Scbwau^erschaftsdauer". IS44), die »ich in der Hmptsifli^ *^ 
fOn Ceder&cbjöld ftaschliesst, dieselbe aber modificirt, gründlich widerlegt vird 



|C 34. D&uer und Dia^rnose der Splt^eburt 



237 



zwar bis ztxm SOOsten Tage andauern. 3) Fälle von mehr nnd 

! erheblich verlängerter Daner nnd von Geburten von elf-, 
zwGlf- , dreizehamonatliehen Spätlingen sind nirgends 
durch genaue Beobachtungen festgestellt, und eine derartige 
Annahme also im concreten Gerichtsfalle unstatthaft Hiernach er- 
igiebt sich, dass die Gesetzgebungen (S. 213) den terminus ad quem 
'tehr richtig angenommen haben, und dass die Wissenschaft keine Ver- 
anlassung hat, dieselbe zu einer Abänderung ihrer Bestiramungen zu 
drängen. 

Die Diagnose des Einzelfalls wird immer eine sehr schwierige blei- 
ben, umstände, welche viele Schriftsteller als berück sich tigungswerth 
für das Ürtheil angeben, und die für die Wahrheit der Angabe einer 
verspäteten Niederkunft sprechen sollen, z. B. sittlicher Ruf der Betref- 
fendeo, frühes Anzeigen der Schwangerschaft u. dergl verdienen keine 
Berücksichtigung, wie Jeder weiss, der das Leben kennt, naraenttich das 
Leben, wie es sieh im Forum abspiegelt Von den, der wirkliehen Wis- 
senschaft entnommenen Gründen können wir demjenigen, welcher sich 
auf die Gesundheitsverhältnisse der schwanger Gewesenen bezieht, kei- 
ßen, und der Behauptung, dass Zeichen der üeberreife der Frucht die 
Spätgeburt beweisen, nur einen negativen Werth beilegen. Dass näm- 
^lich Anämie, Hydrovarium, deprimirende Gemüthszustände u. s, w. 
^^■t8.w. eine Protraction der Schwangerschaft bewirken sollen, ist so we- 
^Bi^ durch die Erfahrung nachgewiesen, dass man vielmehr behaupten 
^^nss, dass dergleichen aetiologische Momente eher ein vorzeitiges Ende 
der Schwangerschaft bedingen, und die üeberreife der Frucht ist ein 
sehr schwankender Begriff. Wir haben*) nach unsern eigenen Ünter- 
SBchungen an 500 reifen, d, h. rechtzeitig gebornen Kindern nachge- 
Gesell, dass im Einzelnen Gewicbtsschwankungen von 5 und 6 bis zu 
10 Pfund und Schwankungen in der Länge von 16 bis 22 Zoll vor- 
Icommen; ganz Gleiches gilt von allen übrigen Zeichen der Reife, wie 
auch längst allgemein bekannt. Mit welcher wissenschaftlichen Ueber- 
^eeugung kömite man hiemach z, B. ein Kind von 10 oder 11 Pfund 
^^B. 8* w. als ein langer getragenes erklären? Aber negativ, sagen wir, 
^Haim die Ausbildung der Frucht einen diagnostischen Werth haben, und 
^Pfrir wilrden nicht anstehen, z. B. ein Kiod, das wie das oben geschil- 
derte Federtasche, das „so kümmerlich geboren worden, dass die Mut- 
ter gar nicht wusste, dass sie niedergekommen*", nicht für eine „über- 
reif gewordene", verspätete Geburt zu erklären. 

In der That giebt es nur drei wissenschaftliche Anhaltspunkte für 
die Diagnose, und wo diese den Gerichtsarzt verlassen, da bleibt ihm 



t 



*) Zweiter Band, gpec, Tbl §. 99. 



388 



S. 35. SuperfoUtioQ. 



nichts übrig, als diese Schwierigkeiten dem Richter zu eotwickein, aad 
diesem nnd den gesetzliehea Besttmmoügen die Entscheidong zu über- 
lassen, was ja ohnedies, wie oben bemerkt, fast überall geschieht Wir 
meinen: Vorzeichen der Entbindmig, Wehen u. 8. w., um die Zeil in 
normalen Endes der Sehwangerschaft, die allerdiDga von sorgsamen Be^ 
obachtern walirgenommen worden*); zweitens ganz vorzüglirii Beaoiti* 
gung jedes Zweifels an der Zengungsfahigkeit des angeblichen Vaters 
zur Zeit des angeblichen Coiiceptirtustermins. Ich verweise auf dea 
selbstbeobat'hteteu und gesrhilderten Fall**) von einem angebliehea 82jili- 
rigen Erzenger^ der seit Jahren an Carcinom beider Hoden gelitten baUe^ 
nnd dem nach dessen Tode von setner Fran nnd vormaligen £6cliin ein 
angeblich elfmonatlicher Erbe geboren wurde; der dort allegirte Louis'* 
sehe Fall war ein durchaus ähnlicher. Ein Mann von 72 Jahren hatte 
(1759) eine 30jährige Frau geheirathet^ die, nachdem der Gatte naeli 
vierjähriger kinderloser Ehe nnd nach endlicher sechswdchenüicben 
schweren Krankheit» 76 Jahre alt, gestorben war, einen vom Tage des 
Todes an datirt (!) 317 Tage alten Erben zur W'elt brachte! In sokhea 
Fällen, wo zweifellos eine Zeugungsrähigkeit des Vaters zur Zeit nicht 
mehr anzmiehmen, ist mit tTewissheit ein Betrug, d, h. die Unmöglich- 
keit der Annahme einer protrahirten Schwangerschaft in concreto ZB 
behaupten. Ferner gehört hie her der oben mitgetheilte Fall des Fna- 
stellers S, (Fall 32/), welcher an Tuberculose sterbend, noch den Bei- 
schlaf ausgeübt haben mnsste , um der Vater des am 302, Tage nach 
seinem Tode gebornea Kindes gewesen zu sein- Das dritte Moment zos 
Begründung des gerichtsartzt liehen ürtheils wird das Zurückgehe! aat 
die individuellen Menstmationsperioden der Mutter sein (s. oben). L«d- 
der! wird aber hierin in tferichtlicben Fällen eine neue SehwiengkÄX. 
entstehn, weil es nicht immer möglich sein wird, Angaben zu erbaltetk^ 
die über jeden Verdacht der Unwahrheit erhaben sind, 

§. 35. SuperfotatUa. 

In gewisser Beziehung reiht sich an die Lehre von den Spätg^^- 
hurten die von der Superfötation, Man hat seit Aristoteles die 
Schwöngernng einer Schwängern Uebersehwängerung, UeberfrucJi' 
tung (Superfoetatio, Superfoeeundatio) genannt***) und die Möglichkeit 



*) Yergl 11. A. den Fall von Dr. Thortseni batreffend seine elgmt Gattbi, <■ 
Camper' s Wocbenachnft 1843, S. 344, und den Fall Ton Hayn eb^adaftolbct S*T7I* 

••> Zweiter Band, spec. ThL §. 100, 

•••) Einige nennen die frühe Ueberschwingerung Superfoetatio, üh 
einer Scb wandern in der spätem Zeit der Scbv&ngeracbän Superfoecand&tlo; 
theQoBg ist aber ohne aUeu Nutzen« 



§. 55. Snperfotation. 239 

physiologisohen Yorgangea seit den ältesten Zeiten eben so oft 
bahaiptet als bestrittra, ein ^wissenschaftlicher Streit, der bis in unsere 
Tige hineinreicht Nnn ist .Aber zunächst nicht zu verkennen, dass die 
fiage an sieh gar kein practisches gerichtlich - medicinisches Interesse 
hik| da die Gesetze überall in dei^leichen etwa zweifelhaft gewordenen 
ffflea ihre positiven Bestimmungen haben, und damit die Gompetenz 
dM Gerichtaarztes ausschliessen, woraus es zu erklären, dass nur zwei 
Ui im gerichtliehe Fälle bei den Aeltern vorkommen, und dass mir 
idbst aiemals ein streitiger derartiger Fall vorgelegt worden ist. Wenn 
tko z. B. eine £hefrau in verschiedenen Zeiträumen zwei Kinder ge- 
boten und der Ehemann die Legitimität des Einen angezweifelt hätte, 
80 wArden nach allen Gesetzgebungen die in der Ehe gebomen Kinder 
ih ebelieh prftaumirt werden, wenn der Termin ihrer Geburt in die ge- 
aobdiche Zeit gefallen wäre u. s. w. Allein auch hier dürfen wir, wie 
bei der Spätgebart, der Wissenschaft das Recht selbstständiger For- 
lehmg, und ihre Pflicht, die Gesetzgebungen aufzuklären, nicht ver- 
klnea, wenn sie diesen mit Gründen entgegentreten kann. Jeder 
weiss, dass zwei und mehrere Eichen gleichzeitig reifen und sich ab- 
ISeeD, fol^ch gleichzeitig befruchtet werden können, wie die Zwil- 
üogB-, Drillings-Schwangerschaflen u. s. w. beweisen. Der Durchgang 
des Kichens durch die Eileiter bis zur Gebärmutter kann sich aber auf 
iditbis zwölf Tage verzögern, und eine Nachbefrucbtung eines zweiten 
ibgelMen Eichene nach der eines ersten in etwa diesem Zeitraum 
kum nach den in der Physiologie der Zeugung gewonnenen Aufscblüs- 
M keinem begründeten Zweifel mehr unterliegen. Aber dieselben Auf- 
UiroDgen und ^e Thatsache, dass die Reifung neuer Eier in der 
Schwangerschaft zu den seltensten Ausnahmen gehört, wie sie sogar 
W Vielen noch angezweifelt wird, machen jede Annahme einer Ueber- 
frochtong in späterer Zeit nach der ersten Schwängerung, z.B. nach 
)t(»iaten, vollkommen unhaltbar''). Der äussere Muttermund verschliesst 



*)Vgl. über Supeifotation Bergmann in R. Wagner's üandwortcrb. d. Physiol. 
HL, der ebenfalls mit Recht die späte Ueberschwängerung verwirft. Einen neuen Be- 
^ <itfnr, zu so vielen von uns angeführten, wie ohne Prüfung nachgeschriebene 
tOtate* in der gerichtlichen Medicin die Thatsachcn so oft verfälscht und die Wahr- 
^ferdonkelt haben, verdanken wir der Sorgfalt Bergmannes. Er sagt a. a. 0. 
^ liO, Anmerkung: »ich darf diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne auf 
ÜMn Irrtbom aufmerksam zu machen, welcher sich in Kopp 's Jahrbuch Bd. III. ein- 
iBtcUichen bat, und von da in mehrere deutsche Schriften, namentlich auch in Henke's 
Uhrb. §. 199. Anm.* (— und in dessen Abhandlungen Bd. II. S. 28) „übergegangen 
iit Yerh&ltnissm&asig wenige Leser möchten Gelegenheit haben, sich durch eigenes 
3iidiQchen in den Annales de la soc. de m^d. de Montpellier zu überzeugen, dass die 
BtoUchtoog von Delmas über eine Frau, welche 4 bis 5 Monate schwanger, noch 
I von einem Neger empfangen haben sollte, diese fabelhafte Form erst in Kopp's 



240 §. 35. SttperfoUtion. 

sich bald nach der EmpftagDiss und bleibt dnrch emen Sehleimpfropf 
durch die ganze Daner der Schwangerschaft verstopft. Dw Utenis 
kommt bald nach der Befruchtung in einen Gongestiyzustand, seine 
Wände verdicken, die Decidua bildet sich u. s. w., und so treten vitale 
Verhältnisse in den Befruchtungsorganen ein, die eine neue Bmpfltaig- 
niss, zumal nach Monaten, nicht recht denkbar machen^. AMn diese 
Grfinde mfissten schwinden, wenn glaubwürdige Beobachtungen ent- 
gegenstehende, auf keine andere Weise zu erklärende Thatsachen von 
spät, z. B. nach Monaten, unzweifelhaft erfolgter Superf&tation nachge- 
wiesen hätten. Dergleichen liegen aber nicht vor, wie viele anders 
lautende Erzählungen und Geschichtchen auch seit P. Zacchias be- 
kannt gemacht worden sind. In der „Beobachtung^ von Delmas, die 
wir so eben in der Anmerkung erwähnt, lag ganz offenbar von JBbuise 
aus Selbsttäuschung einer liederlichen Person vor, die mit mehreren 
Männern zuhielt, und sich schon vier Wochen schwanger glaubte (!X 
wenn sie nicht geradezu log, und in Deutschland ist dann der FiU 
durch — einen Druckfehler erst zu einem wunderbaren geworden! 

Sin anderer, nicht minder Tiel citirter Fall, ist der von Föder^ nach der Enik- 
hukg eines Dr. Desgranges berichtete**), der wahrheitsgemässer scheint Die Fran 
des Kr&uterhändlers Raymond Villard kommt am 20. Jannar 1780 mit einem Mäd- 
chen nieder, bekommt weder Lochien, noch Milchfieber, fühlt drei Wochen später Kin- 
desbewegungen , der Leib schwillt mehr und mehr an, Desgranges erkl&rt lie iir 
schwanger und am 6. Juli 1780, also 5 Monate und 16 Tage nach der ersten Bnthin- 
.dung, genest sie eines zweiten Mädchens, das vollkommen ausgetragen und gesund UL 
Das Wochenbett verläuft normal, und zwei Jahre später stellt die Mutter beide gesunde 
Kinder zwei Notaren von Lyon vor, „um diese Thatsache zu einer richterlicheB, 
authentischen zu erheben, und um, nach ihrer Erklärung, in dieser notariellen Verhand- 
lung theils Herrn Desgranges ihre Dankbarkeit zu beweisen, theils um Frauen, die 
sich in einem ähnlichen Falle befinden mochten, und deren Mann vor der Geburt der 
beiden Kinder gestorben wäre, einen Präcedenzfall en faveur de leur vertu und des Zn- 
standes des zweiten Kindes zu geben." Jedem gerichtlichen Arzte wird gerade dieser 
auffallende Schritt der „tugendhaften*" und ihrem Arzt dafür, dass er sie entbunden 
hat (!), so dankbaren Frau den ganzen Fall zu einem vullig unglaubwürdigen 



Jahrbuch angenommen hat. Nach dem Original gab die Person an, sie habe sich 4 bis 
5 Wochen schwanger geglaubt, als sie den Neger zuliess. Zugleich ist es wahr- 
scheinlich, dass sie sich auch hierin getäuscht oder gelogen hat, da das Negerkind stär- 
ker als das andere war, und die Person eingestand, mit einem Weissen den Beischlaf 
fortwährend ausgeübt zu haben. ^ Vgl. auch zu diesem ganzen Thema Seydler in 
Gasper's Vierteljahrsschr. 1862. XXII. 1. S. 144 u. f. und B. S. Schnitze, üeber 
Superfoecundation und Superfoetation. Jenaische Zeitschr. II. 1 - 22. 

') Kussmaul (vom Mangel u. s. w. der Gebärmutter. Würabnrg 1859. S. 285) 
findet im Zustande der geschwängerten Gebärmutter in den ersten 2—3 Monaten kein 
^absolutes* Hindemiss zur Nachempfängniss. 
•♦) Devergie a. a. 0. S. 47L 



§. 35. Snperfötation. 24l 

Abgetdieii dayon, dass man irgend etwas Genaueres ober den Körperzustand beider 

Kengebomen gar nicht erfthrt, fragt man sich billig, was eine Ehefrau bei reinem Ge- 

viaien veranlassen kann, einen so ganz unerhörten Schritt zu thun? Ihre Gründe er- 

iuwren stark an das: qui s^excuse s^accuse und machen das Motiv, den Ehemann ab- 

äfiküich recht sicher zu stellen, mehr als wahrscheinlich ! — Eine fernere .Beobachtung, 

dii Henke beweisend zu sein scheint**), ist die viel genannte von Maton. Sie be- 

tnf eine Italienerin, die vor und nach der fraglichen Entbindung Zwillingsgeburten ge- 

■adil hatte. Sie gebar am 12. November 1807 ein männliches Kind mit .gehöriger 

Biifi* and am 2. Februar 1808, also 81 Tage später (nicht 86, wie Henke rechnet', 

lia laderes männliches, »völlig ausgetragenes* Kind, (lieber Placenta, Nabelschnur 

«. I. w. erfikhrt man hier so wenig, wie in irgend einem der übrigen Fälle.) 

Eä liegt sehr nahe in diesem Falle bei einer Fran, die zweimal 
Zfiilinge geboren hat, nichts Anderes zu sehen, als eine dritte Zwil- 
liogsempfängniss. Die ,,gehörige Reife'', die wieder ein unbestimmter 
Ausdruck ist, konnte das Erstgeborene z. B. mit 210 Tagen sehr wohl 
■üben, nnd wenn 81 Tage später der andere Zwilling mit 291 Tagen 
gdwren wurde, so wird er wohl „völlig ausgetragen* gewesen sein, 
ud es wird stattgefunden haben, was so häu&g als Superfötation ge- 
tlQgebt bat, dass nämlich Zwillinge Vorhanden, von denen das eine 
(hbaid oder todt) zu früh und das Andere später geboren worden, Er- 
Umrngen, die jedes geburtshülf liehe Lehrbuch beschrieben hat. Ja iu 
»Den Fällen, in denen die Zeichen der Entwicklung und Reife der ge- 
bornfia Früchte nicht angegeben sind, liegt die Annahme der Zwillings- 
ttbwingerschaft viel näher, als die der Ueberfruchtung, so z. B. in dem 
FiUe von Thielmann (Gaz. hebdom. II. S. 77G), wo eine russische 
Biaerin zweimal in 52 Tagen von einem „kleinen (!), aber lebenskräf- 
^"^ Mädchen, und von einem zweiten „lebenden*^ Mädchen entbunden 
vnrie. Im Uebrigen haben Späth 's Beobachtungen**) erwiesen, dass 
Mn nicht einmal aus den Grössenverhältnissen von Zwillingen der spä- 
teren Schwangerschaftsmonate eine Ueberschwängerung beweisen könne, 
'ä selbst in Fällen, in denen beide Kinder lebten und in einem gemein- 
idttfQichen Chorion eingeschlossen, folglich bestimmt nur Früchte Eines 
Brischlafe waren, dieselben nicht selten an Grösse sehr verschieden ge- 
fanden wurden. So fand Späth Einmal bei Zwillingen, deren Nabel- 
8«knnrarterien deutlich in der Fötalfläche der Placenta anastomosirten, 
«iw Differenz der Körperlänge von 1 Zoll 2 Linien, im Kopfumfange 
^on 10 Linien und im Gewicht von 28 Loth, während ein Andermal bei 
^ reifen Zwillingen mit gleichen Anastomosen der Längenunterschied 
"<^ 3 Zoll und der Unterschied des Kopfumfanges 1 Zoll 8 Linien 



*) Abbandl. a. a. 0. S. 40. 

••) Zeitochr. der K. K. Gesellscb der Aerzte. Wien 1860. No. 16. n. 17. Vergl. 
■^ noch Braun, V^iener Wochenschr. 1859. No. 10. 

^••»•r'i fMleklL U^ f. Ana. L |e 



242 



§. 35. SupeHotatioQ. 



betrug. — Die oben erwähnten sind die berühmtesten „Beobachtungen" 
von UeberschwängeruDg*), die gewiss einer solchen, nach Moni 
entstandenen, nicht das Wort reden. Allein es giebt noch eine kk 
Reihe anscheinend viel beweisenderer Fälle, solche nämlich, in denen 
Kinder verschiedener Race kurz nacheinander von Einer Mutter ge- 
boren wurden. Der hierhergehörige Fall von Delmas ist bereita ge* 
v?ürdigt worden. Ein viel citirter Fall von Buffou ist offenbar gefälscht^ 
denn eine Weisse kann nicht ein weisses und ein Negerkind gc 
sondern nur ein Mulattenkind, wenn sie sich, wie diese Frau in Sfid 
Carolina, hintereinander mit ihrem weissen Ehemann und mit eine 
Neger fleischlich vermischt hatte. Ganz dasselbe gilt von der we 
Dienstmagd in Amerika**), welche Zwillinge gebar, ein weissem 
ein schwarzes Kind, während noch zwei andre, von Henke a, a. 07 
zusammengetragene Fälle von Zwillings-Geburten von einem Neger- 
und einem Mulatten- und von emem weissen und einem Mulattenkinde, 
die ähnlichen Falle von Ilille***) und von Attawayf) und andere Fäüej 
von verschiedenfarbigen Zwillings-Geburten, abgesehn von leicht mOgU* 
chen Täusch ungenff) , gar nicht wunderbar sind, da wir nachgewiesen 
habeo, dasa ein kurz auf den ersten erfolgender zweiter Beischlaf i 
fuglich zwei gleichzeitig gereifte (Zwillings-) Eier befruchten kann^ 
gen immerhin dann beide Erzenger von verschiedener Race sein. Be^^ 
etwanigen künftigen Fällen aber von später Nachfolge eines Kinde^^ 
nach vorangegangener Gebuil von andrer Race wird man wohl nick^^ 
anstehn , den Angaben einer Mutter — verheirathet oder nicht — griitid. — 
lieh zu misstrauen, die in den zur Welt gebrachten Früchten die am.— 
thentischsten Documente ihrer Liederlichkeit liefert, und die huDdexr^ 
Gründe haben kann, die Wahrheit zu verfälschen. Wer kommt wofal 
darauf, dass eine Person, die nach läogerer unfruchtbarer Ehe ein Eic^d 
unterschieben wollte, und nun, während sie die Veranstaltung zum fr^^ 
trüge traf, schwanger ward, am Ende genothigt, den Betrug durchc^n- 
fuhren, beide Kinder, das geborne und das untergeschobene, vorzeige« 
und als Kinder Id verchiedenen Zeiträumen durch ücberfruchtung erzeu«^ 
vorgeben werde? Und doch ist ein solcher Fall vorgekommen! ff f) 

Es bleibt noch die angezweifelte Möglichkeit einer üeberschwfiase* 



*) Sinen F&ll Ton Kisenmaiiii liat Devergie a. a* 0. S. 470 kriüKä 
und «bgeth&tk. Wir terwoisea auf dessen ExiUk. 
••) Dewoca s. Henke's Abb, a, a. 0. S. 29. 
•♦•) Ctaper"« Wochenscbr. 18i3. No. 4. 

t) Henke's Zeitschr. 1855. S. 273. 
if) Bbeads. in einer lesenswertben Abbandttmg von Albert S. tl%. 
üi) F. fi. Oslander, Handbuch der Entbmdungsk. L 2. Aufl« TäbiOg«! 1^^ 
S, 305. 



§. 35. Superfötatiou 



243 



TUng bei doppelter Gebärmatter zu erwägen* Man bat dieselbe (ur 
unmöglich erklärt, w«il sich auch in der zweiten Höhle nach eingetre- 
tener Schwangerschaft eine Decidna bilde (? A. Meckel), weil die 
Scheidewand durch Anschwellung der schwängern Gebärmutter die leere 
^drücke (F, B. Osiander), weil bei doppelter Scheide die Ansfibong 
äea Beischlafs wegen Enge derselben unmöglich werde (Metzger) 
\ s, w.. Gründe, die an sich jetzt nicht mehr als vollgültig angenommen 
werden können. Bisehoff hat nachgewiesen, dass bei Einem Coitns 
ch beide Hörner eines geth eilten üteras mit Saamenfädehen füllen 
cnen, wonach also Zwillings- Schwangerschaft bei Doppelutems 
möglich wäre. Hiermit ist aber natürlich das Gegentheil an sich nicht 
ausgeschlossen, nnd man fragt wieder nach glaubwürdigen Thatsacben. 
Als solche wird ein Fall von Cassan genannt, der im Original*} wie 
folgt lautet: 

»Büie Frau voü 40 Jahren, schon Muttor einea Kindos, gebar am 15. Man 1810 
kleines Mädchen, dessen Gewu^ht uuf vier Pfund gesehnt :tt wurde (sie!). Da der 
lÄiÄch einen ansehnlichen Umfang behielt und Madame Boitin" (die Berichterstatte rin, 
lamalige, sehr bekannte Oberhebamme in der Pariaer Gebaranstalt) ^einen fremden 
Eorper in der Gebärmutter vennuthele» so png sie in die Höhle ein, die schon sehr 
k^'i^a.iiinieogezogen war, ohne etwas darin zu finden» Wenn man die rechter Seit« Ue- 
fend^ Gescbwtilat leicht bewogte, so folgte der Gebürnjutterhal» den Bewegungen* Wäh- 
"^öci zweier Monate empfand die Dame in dieser Geschwulat Bewegungen, die Madame 
BoiTiu waiimehmen konnte. Am 12. Mai gebar die Dame eine Tochter» deren Ge- 
^cht anf drei Pfuod geschätii wurde, die klein und bleich war» und kaum athmete. 
Diese Person, die seit sehr langer Zeit nicht mehr mit ihrem Ehemann lebte, versicherte 
■f*dauie BoiTin, dass sie nur dreimal in zwei Monaten, am 15. und 20. Juli und nm 
*^- September 180!^, mit dem Urheber üuer Infamie, wie sie es nannte, Beziehungen 
^^babt habe.* — i»ln diesem Falie^, setit Dn Cassau hinzu, »ist es bis zur Evidenz 
••"Wiesen, dass das Erzeugniss der letzten Empfängniss in einer ven der ersten getreun- 
^* Höhle gelegen hatte, da die Höhle nach Ausschliessung der ersten Frucht voll- 
^«»iiieo frei war.' 

Wir aber meinen, dass es eine sehr starke Znmnthung an die 
^'SÄCDJ?chaftUche Kritik ist, einen solchen, so äusserst nngemigend ge- 
^«^hilderten Fall für einen Fall von Doppelschwängening bei Doppeinte- 
'^^ erklären zu wollen! Niemand noeb hat sich die leichte Mühe ge- 
^'^nci:fiiefl3 denselben zu analysiren. Man erfahrt kein Wort, nicht einmal 
r^**ul>er, ob das erste Kind bei der Gebnrt lebte oder todt war, kein 
^^rt ober die Beschaffenheit der Scheide, des Muttermundes, der Pla- 
^^t:^ beider Kinder, die man sich nicht einmal die Miihe gab zu wie- 
^^**^ geschweige sonst auf die Zeichen der Ausbildung zu achten u* s. w.! 



^^r 



*) Recherche» anatom. et physiol. snr les eas d^utems double et de superf^iation* 
A t. n>««att, P.rr« 1826. 4. 8. 36. 

Iß* 



244 



§. 35. Superfötatioo. 



Und ohne anch nur an die Mögücbkeit einer Täuschung Seitens der 
flüchtig beobachtenden Hebanime zu denken, wird ein blosser Rö' 
Bchluss auf vorhandenen Doppelnterus als „bis zur Evidenz** ricbU^ an- 
genommen? Wenn wir die Erklärung aufstellen, dass der Beischlaf am 
16. September eine Zwillingsschwangersehaft zur Folge gehabt, dass der 
erste Zwilling am 15. März mit 179 Tagen (»» Monaten), das zweite 
Kind am 1 2. Mai mit 237 Tagen (8 Monaten) geboren worden sei, und 
dasB die Hebamme bei ihrer Untersuchung nach der eisten Gebart sieh 
getäuscht gehabt habe, so meinen wir, dass diese Erklärung nicht 
weniger „Evidenz" für sich habe und der alltäglichen Erfahrung mehr 
entspreche, als die vom Doppeluterus. — Ganz anders gestaltete sich 
der von Generali berithtete Fall*) von einer Frau, die am 15. Fe- 
bruar 1817 einen lebenden, scheinbar ausgetragenen Knaben und vier 
Wochen später am 14. März einen zweiten lebenden Knaben gebar. 
Das erste Kind lebte 45, das letzte 52 Tage, Im Jahre 1847 starb 
diese Frau, und hier hat wecigstens die Section einen getheilten Ute- 
rus, jede Hälfte mit einem Eileiter versehen, nachgewiesen. Zwei ush- 
dere a. a 0, mitgetheilte Fälile von Dugfes und Bill eng reu, in de^*- 
neu nur die Manualexploration, nicht die Section, einen getheilten 
einen doppelten Uterus ergab, gewähren nicht die Ueberzeugung 
eben genannten Falles und gehören eher in die Kategorie der Cassa 
sehen Beobachtung**). 

Man hat endlich noch von Ueberschwängernng id dem FaÜe 
sprochen, wo bei einer bereits bestehenden Extrauterin- noch eine 
trauterin-Schwangersrhaft zu Stande kommt Diese Fälle haben i 
keine Bedeutung für die gerichtliche Mediciu, denn die Tbatsache i^ 
Extrauterin-Schwangerschaft wird selten oder nie mit forensischer Sich^Y 
heit festgestellt, die Frucht wird nie lebend geboren werden kGna^ 
u. 8. w. Eine derartige Schwangere ist für den Gerichtaarzt nichtn aja 
deres, als eine kranke Schwangere. 

Es müssen sonach in Betreff der Superfötatiou folgende Sätze a:iE^ 
gestellt werden: 1) Die überwiegende Mehrzahl aller bekannten Fsü^ 
von angeblicher ueberschwängernng beruht auf absicbtl icher ede^ i 
auch auf Selbsttäuschung. 2) Namentlich ist eine grosse Za-ltJ 
derselben nicht anders, denn als Zwillingsschwangersehart zu deo* 



•) Aus dem Biilletino delle scienze med, di Torino in der ©ed. V«f«inJ5-Zdö 
Berlin 1850. No. 43, 

•*) Für den Fall von Moobus (Heuke's Zeitschr. 31. 2, S. 443), in wtJdit«» 
in 33 Tageu zwei füllkommen i^eife Kioder geboren irarden, stellt Kuismaul (jti. " 
S- 302) mit Rechl die Vermuthung auf vorbandeneD Doppeluierus auf, mie dvrsiiM ^V 
Falle TOD Barker siu einer T.ebeadeu be^^ticnmt Bacbgewie^eii wurde« di« io 74 tit^^ 
zwei reife Kinder^ etueu Knaben nud ein »kieinea' Mädcbeu gebur. 



i 



$. 36. Unbewiisste und Terheimlichte Schwangerschaft 245 

(an. 3) Die abermalige Befrachtung einer bereits und zwar spätestens 
vor mehrern Tagen Befruchteten kann durch wissenschaftliche Grande 
nicht in Abrede gestellt werden. 4) Eine Schwängerung einer 
bereits seit Wochen oder gar seit Monaten Schwangern ist noch nicht 
anzweifelhaft nachgewiesen. 5) Die Möglichkeit einer Doppel- 
seliwftngenmg bei Doppeluterus kann nicht geradezu zurückgewie- 
sen werden. 

§. 36. Vnbewiasta wäi rerMmlkkit Sckwanfierackaft. 

Seitdem alle neuern Strafgesetzbacher die blosse Verheimlichung 
der (onehelicben) Schwangerschaft nicht mehr mit Strafe bedrohn, hat 
die Frage: ob eine Person schwanger sein könne, ohne dass sie es 
weiss? ihren practischen Werth für die gerichtliche Medicin so ziem- 
lich verloren. Nur in Beziehung auf streitige Fruchtabtreibung, ferner 
dann, wenn es sich richterlich um die Abmessung der Schuld einer, 
der heimlichen Beseitigung der gebomen Leibesfrucht Angeklagten ban- 
delt, die (wie so häufig) vorgiebt, von der Geburt, die sie gar nicht 
geahnt gehabt, überrascht worden zu sein, und in einzelnen civilrecht- 
lichen Fällen kommt die Frage noch zur Gompetenz des Gericbtsarztes. 
Sie wird aber in jedem Einzelfalle leicht zu entscheiden sein. 

Man muss nämlich absichtliche und unabsichtliche Verheimlichung 
ier Schwangerschaft unterscheiden. Ich habe sehr oft, wie jeder Andre, 
ia der ärztlichen Praxis erlebt, dass verheirathete Frauen, die aus wie- 
derholten Schwangerschaften sehr gut die Zeichen und Wirkungen der- 
^ben kannten, und nicht wünschten, den Ehesegen noch immer ver- 
B&ehrt zu sehen, aus hundert Gründen an die neue Schwangerschaft 
^bst bis in die spätesten Monate nicht glauben wollten und für jedes 
Zechen eine andre Erklärung bereit hatten. Bald war die Conception 
Während des Nährgeschäfts erfolgt, was die Frauen mit so grossem 
Ciirecht nicht für möglich halten; bald war nach langjähriger Pause, in 
einem meiner eignen Fälle nach dreizehn Jahren, eine neue, längst nicht 
*>Qehr gefflrchtete Schwangerschaft eingetreten; bald verdunkelten neben- 
^eriaufende Krankheiten die Zeichen derselben; bald sollte grade der 
"^«gliche Beischlaf „unmöglich" haben Befruchtung bewirken können, 
'Vorüber die erfahrensten Frauen in gleicher Täuschung wie die uner- 
'^ensten Mädchen befangen sind; bald hatten bedeutende Menstrua- 
"Wong-Anomalieen die Rechnung verrückt u. s. w. Zahlreiche derartige 
-^Ule sind in der Literatur verzeichnet. Aber in allen solchen Schwan- 
S^ncbafts-Fällen waltete bona fides ob, und es ist menschlich und 
Khnbwfirdig, wenn ein junges, sechszehnjähriges Mädchen ihren hoch- 
getriebenen Unterleib unbefangen umherträgt, weil, wie sie endlich 
^S^^iy „der Baron N., der sie von einem Balle nach Hause fuhr und 



246 



§, 86* UnbewuBBte und verheimlichte Schwangeracbalt. 



ein einziges Mal bei ihr war, sie hoch und theuer versichert hatte, im 
das erste Mal nie Folgen habe''*). Aber die Unbefangenheit, die bona 
fides, hört auf, so wie der Fall ein gerichtlicher, ein Fall streitiger 
Interessen geworden, und der gerichtliche Arzt mit demselben befasst wird. 
Dann wird die Erfahrenste wie die unerfahrenste mala iide sein, wenn sie 
ihre Interessen vertheidjgend, nicht weiss oder nicht zu wissen vorgitbt, 
dass sie — „wenn auch nur Einmjil"' — Gelegenheit zu einer Schwäügergjijf' 
gegeben! Im Verlaufe der Criminal-Voruntersuchung oder des CivU-Pn)' 
cesses, ja in der blossen Voraussicht eines richterlichen Verfahrens, 
während auf ihren Körperzustand hingeführt, mnss ihr die Summe dcf^ 
auffallenden Veränderungen in ihrem Körper bei vorschreitender Schwan- 
gerschaft als das, was sie bedeuten, bewusst werden, und sie wirA» 
immer in der Erinnerung an die Anteacta, von dem Glauben an die 
Möglichkeit einer Schwangerschaft mehf und mehr zur UeberzeugWS 
von der Thatsäehlichkeit derselben gelangen müssen. Das frühere PreOÄsi- 
sehe Strafgesetz hatte deshalb keine ungerechtfertigt harte Bestimmtmfit 
wenn es die Unwissenheit der Schwängern nach vollendeter dreissigst«'^ 
Schwangerschaflswoche nicht mehr annahm, und der Gerichtsarzt fiir^^j 
in der Mehrzahl aller Fälle, nicht irren und es mit seinem Gev 
verantworten können, wenn er, mindestens im letzten Dritt«!, eine 
bewusate Schwangerschaft, d. h. eine unabsichtliche Verheimhchung 
mehr annimmt, Nur wo jene Erinnerung an den Schwänger 
nicht vorhanden, also in den geltenen Fällen von Schwängerung in 
wusstlosen Zuständen, oder bei schwach- oder blödsinnigen Per^mt 
würde eine Ausnahme zu machen sein. Und wie überall EinzelfllUe 
von so abweichender Gestaltung in der Gerichtspraiis vorkommen, da^tf 
sie eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bedingen , so kano ttü^i 
bei dieser Frage eine Concurrenz von Umstanden zu Gunateo i^ur 
Schwängern sprechen. So verhielt sich z. 6. ein Fall, der vor laofsc^ 
Jahren ein Superarbitrium der „wissenschaftlichen Deputation* v€ii«m— 
lasste, in welchem eine junge, sein- verstandesschwacbe Magd il*'^'^ 
Schwangerschaft bis zar Niederkunft angeblich unabsichtlich, weil fe ft^*^ 
nnbewusst, verheimlicht hatte. Die Gründe, welche die Ober-MediciiaJ^^ 
Behörde bewogen, das Vorgeben als gerechtfertigt anzunehmen, 
die; dass die Person von ihrem Schwängerer fortwährend betbeaemi 
hört hatte, „daas er ihr gar nicht so nahe gekommen, um Schv 

bewirken zu kömien**, dass sie als Erstgeschwängerte noch 

züglichen Erfahrungen gehabt , dass sie sich erweislich und zwar hft^^l 
Stehen in einem Flusse, in welchem sie Wäsche wasch, stark erkti^^^ 
hatte , dass sie das bald na^^bber erfolgte Ausbleiben der Meosd^i ' 



*) OidermAnQ in Henke s ZeiUchr* 18i6* 3. S* 87. 



$. 36. UnbewQBste und yerheimlichte Schwangerschaft 152. Fall. 247 

St&rkerwerden des Leibes u. s. w. auf diese Erk&Itmig schob, und end- 
lich, dass der Wundarzt, an welchen sie sich deshalb wandte, sie durch- 
aus in dieser Annahme bestärkte, und ihr fortwährend Mittel verord- 
jsete, um den unterdrtlekten Monatsfluss wieder herzustellen. — Wir 
^rsonen sonach, dass diese, jetzt überall nicht mehr so häufig als früher 
-vorkommende Frage nicht schwer in jedem einzelnen Falle vom ge- 
s-iehtlichen Arzte wird entschieden werden können. 

An das Thema von der Schwangerschaft knüpft sich ausser den 
Imier behandelten, noch die Frage von den Gelüsten der Schwängern, 
a.iaf die wir unten zurückkommen. 



Da die Gasnistik der uns gerichtlich Yorgekommenen streitigen Schwangerschafts- 
fiUle überall nur die Feststellung der zweifelhaft gewordenen Diagnose der Schwanger- 
sdiafl, folglich nichts Eigenthämliches betraf, so haben wir dieselbe hier nicht weiter 
anzufahren. 

Nor eines Falles moss ich an dieser Stelle gedenken, weil er ein Beispiel krasse- 
ster Unwissenheit oder Leichtsinns ist und dem am Schluss des folgenden Kapitels 
mitzDtheilenden wardig an die Seite gesetzt zu werden yerdient. 

151. Fall. 

In dem an dramatischen Incidenzpunkten so reichen Prozess gegen den Vorsteher 
^^i^ kiesigen Idiotenanstalt 6., wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen mit den Zög- 
^^en, war, nach Ueberführung derselben in eine andere Anstalt, Seitens des Vorstehers 
'i^oer letzteren, des Dr. H., einige Tage vor der öffentiichen Verhandlung eine Anzeige 
^^xi^egangen, dass die 14jäbrige idiotische Louise M. im sechsten Monate schwanger sei 
'^'Hi war for diese Thatsache noch das Attest eines anderen Arztes und einer Hebamme 
'^igebracht Wenn die Geschworenen und Richter nach den Aussagen der vor der 
^lUBe M. ?emomfflenen drei bis vier idiotischen Mädchen noch Zweifel hegen konnten, 
^ diesen Aussagen, welche den B. schwer gravirten, Glaubwürdigkeit beizumessen sei, 
^ mnsste jeder Zweifel anscheinend schwinden, als dieses Mädchen, den Bauch hoch- 
^^'^Cfend und watschelnden Ganges^ in den Saal geführt wurde und als sie in ihrer Weise 
^^^stitigte, dass B. sie gebraucht, ja aus ihren Aeusserungen man auch schliessen konnte, 
<A«S8 sie mit einem Soldaten zu thun gehabt habe. 

Dieses ihrem Alter yon 14 Jabren körperlich entsprechend entwickelte Mädchen 
<«igte sich mir in der Voruntersuchung als höchst unentwickelten Geistes, konnte nicht 
^^^«en, Schreiben, noch Rechnen, wusste das Gebot „Du sollst nicht tödten", aber wusste 
^cht zu sagen , was «tödten* sei , auch nicht ob jemand , der todt sei, noch lebe, und 
^Ue gelegentiich des ersten Verhöres nur angegeben, dass B. an ihre Geschlecbtstheile 
K^asit und den Finger hineingesteckt habe. 

b dem Audienztermine — ich führe diese Aussagen an, gleichzeitig quoad der Be- 
AeutoDg der Vernehmung von Idioten, denn ähnlich unsinnig, ja unmöglich waren die 
lossagen der Anderen — gab sie an, B. habe ihr auf dem Appartement sein Ding 
"ii^tingesteckt und sie selbst hineinwerfen wollen, dann zugeschlossen und die Kinder- 
^Q liabe sie herausgeholt. Ein Knabe wollte vom Hofe aus B. in dem eine Treppe 
^h gelegenen Zimmer mit dem Mädchen im Bett haben liegen sehen , das Mädchen 
^uiten, der B. oben, und die Ehefrau des B. habe dabeigesessen!! etc. etc. 

Das Mädcheni welches ich bereits in der Voruntersuchung in Bezug auf etwa vor- 



248 §• 36. ünbewnsste und yerbeimlichte Scbwan^encbaft. 152. Fall. 

hindene ortlicbe Erscheinuogen als Folgen eines Attentates zu untersuchen hatte, 
auch bei meiner abermaligen, während des Audienztennines Behufs Feststellung 
sechsmonatlichen Schwangerschaft vorgenommenen Untersuchung, eben nur behaai 
schlechtstheile, war noch nicht menstruirt; das Jungfernhäutchen war fleischig, 
nicht mit Randeinrissen yersehen; der Scheideneingang nicht erweitert Der Bau< 
scheinend stark ausgedehnt. Die Palpation Hess keinen festen Korper in dem 
erkennen, ebensowenig die Percussion. Die Geschwulst bestand aus einer lipom 
Wucherung des ünterhautfettgewebes i^on der Nabelgegend an bis zu der Unterl 
gegend, die bei einigermaassen aufmerksamer Untersuchung gar nicht für eine 
einen Tergrosserten Uterus erzeugte Yolumsyermehning des Bauches gehalten i 
konnte. Die Scheide war eng; der Gebärmutterhals kindlich, lang, rabenfederdiek, 
sam, mit einem schmalen, quergefurchteten Muttermund. Es bedarf keiner Erwäl 
dass auch auscultatorisch nichts erhoben wurde. Die Brüste unentwickelt, der W; 
hof schmal und rosaroth. 

Hiemach war kein einziges Zeichen einer bestehenden Schwangerschaft, gescl 
denn einer sechsmonatlichen vorhanden und konnte mit Bestimmtheit die Abwes 
einer Schwangerschaft bei der Louise M. behauptet werden. 

Dies Erkenntniss erschütterte indirect die Anklage auf das Erheblichste, dii 
noeh vielen anderen Gründen mit dem Verdict der Geschwomen auf NichtschuJdij 
ällig wurde. 



Dritter Abschnitt. 

Streitige Geburt. 



Gesetzliche Bestimmungen. 

1 svtiltr Band. »p^e. TU. >. AbthtUoDg ond «otser den dort angerSbrien Oefetsecstellen : 
Bordd. Straff •••tsb. f. 1S9 : W«r ein Kind nntertehlebt oder vort&Ulicb verwecbielt, oder wer 
Mf Mdtrt WeiM d«a Parsonanatnnd eines anderen TorsUslieh verindert oder anterdrfickt, wird mit 6e* 
SH^Iee Ml in drei Jahren, nnd wenn die Handlang in gewinneuebtiger Absieht begangen wnrde, mit 
iMkthaif Hfl la Mhn Jahren beitraft 

i ni: Wer eine wegen Jugendlichen Altert, Gebreehliehlieit oder Kranlibeit hulflote Person ans- 
Mtti «der ver eine inkhe Person, wenn dieselbe anter seiner Obhnt steht, oder wenn er f&r die Unter- 
^■^■mgi FerlaehaAinff oder Anfnabme derselben m sorgen hat, in haifloser Lage Torsfttslleh verllsst, 
*M Bit GsOngniae nleht nntar drei Monaten bestraft. 

^^die HandInBg von leiblieben Bltem gegen ihr Kind begangen, so tritt OefingnUsstrafe nieht 



Im direli die Handlang eine tehwere KorpenrerleUnng (§. 224.) der aas^^eseuten oder verlassenen 
'^HM Ttnirsadtt worden, io tritt ZnchthanM träfe bis an sehn Jahren, nnd wenn dnrch die Handlang 
^ Ted vtroreacht worden ist, Zuchthausstrafe nieht unter drei Jahren ein. 

0<itsrr. Strafges. f. Sit.: Blne anverehelichte Frauennperson, die sich schwanger befindet, muss 
^ ikrvr Xiederknnft eine Hebaame, einen Geburtshelfer, oder sonst eine ehrbare Frau tum Beistande 
^^'^ Witt »ia nber von der Niederkunft Bbereilt oder Beistand su rufen verhindert worden , und sie 
^ «etvtdcr eine Fehlgeburt gethan, oder das labendig geborene Kind w&re binnen 24 Stunden von 
"^Ztitdcr Getrart an verstorben, so ist sie verbunden, einer sur Qeburtfhfilfe berechtiKten , oder, wo 
''''••Icbs airht aar Hand, einer obrigkeitlichen Person von ihrer Niederkunft die Anselge an machen, 
''^ 'cmlkea die nnaeitlge Geburt oder das todte Kind vorsuseigea. $. ?40.: Die gegen diese Vorschrift 
^^' ^ •es Verheimlichung der Geburt wird nach Hsr:ttellung der Verheimlichenden als Uebertretnng mit 
'^'^l«« irreeto von 3 bis 6 Monaten bestraft 

K^4i. f. 149.: Wer ein Kind In einem Alter, da es sur Rettung seines Lebens sich selbst Hülfe su 
'**''*• SBvermSgend Ist, weglegt, um dasselbe der Gefahr des Todes «ussusetsen, oder auch nur, um 
***** lettesK dem Zufall tu überlassen, begeht ein Verbrechen, was immer für eine Urflache ihn dasu 
^^•«w fcabe. (Folgen die Strjfparagraphen.) 



§. 37. Allgeaeiies. 

Der Thatbestand einer überstandenen Niederknnft wird in allen 
Wenigen Fällen zweifelhaft und Untersnchnngsgegenstand für den ge- 
'Witlichen Arzt, in welchen es die vorläufig noch streitige Schwanger- 
*duft wird, weil sie bald muthmaasslich vorgeschfltzt, bald muthmaass- 
Bch Terheimlicbt worden war (§. 28.). 



250 §• 38. Diagnose der Gebori 

Wir haben schon angefahrt, dass und wamm die Frage von den 
zweifelhaften Geburt weit häufiger in foro vorkommt, als die von d^c 
Schwangerschaft. Weit seltener ist dies bei der Geburt der Fall in c^- 
vilrechtlicher als in strafrechtlicher Beziehung; in ersterer überall da, ^^p^o 
schon die Schwangerschaft ein streitiger Punkt wurde, wozu bei ^^tr 
Niederkunft noch der Fall hinzukommt, in welchem es zweifelhaft wx^r-d, 
ob nicht ein angeblich gebornes Kind ein bloss untergeschobenes &^; 
in strafrechtlicher Beziehung, in einigen andern Ländern als in Deuts^^h. 
land dann, wenn Verdacht entsteht, dass eine uneheliche Person hei: 
lieh geboren habe, da manche Gesetzbücher die Verheimlichung der 
burt oder die Veranlassung einer hülflosen Niederkunft mit Strafe 
drohen*), so dass also im Falle einer (weil verheimlichten) geläuguefcsen 
Geburt der Thatbestand untersucht werden muss. Aber auch in Deutsc^sh- 
land kommen trotz der aufgehobenen Strafe für die Verheimlichung (^Her 
Geburt diese Untersuchungen fortwährend vor, da das Strafgesetz r^ie 
heimliche Beseitigung eines Leichnams — was vorzugsweise inderPra^^ns 
f&r Leichen Neugeborner zur Sprache kommt — ^ mit allerdings sehr ^=g e- 
linder Strafe bedroht**), und ebenso das Aussetzen von Kindern, nif^lit 
selten aber in solchen Fällen Frauenzimmer, die dieser Vergehen v^^r- 
dächtig geworden, die That und die Mutterschaft überhaupt läugneiu 

In vielen andern Fällen ferner wird die Untersuchung und F^^st- 
stellung einer geläugneten Niederkunft gefordert bei wirklich oder m»-^- 
maasslich verübtem Kinder- oder Fruchtmord, wobei nichts alltäglict» «r, 
als ein anfängliches Läugnen der Geburt überhaupt Seitens der An^S^- 
schuldigten. In diesen Fällen kommt endlich noch eine Reihe von wi^^h- 
tigen Nebenfragen, die sich an das Thema von der Geburt knüpfen, ^^^<^^i 
z. B. betreffend Verletzungen des Kindes, die es durch den Gebäi^*^ 
davongetragen haben soll, oder das unbewusste Gebären, die Selt^^*^ 
hülfe der Kreissenden und deren Folgen für das Kind, die Geburt ^ 
Stehen, das Ueberraschtwerden von der Geburt, der Kindessturz ^ 
den Boden u. s. w., Fragen, die wir hier übergehen, da sie im z^^^' 
ten Bande erwogen werden***). 

§. 38. Diagnose der (Jebvrt. 

Es ist bekannt, wie sehr viel leichter in streitigen Fällen die Fr^*^®' 
ob eine Person wirklich geboren habe? zu lösen ist, wenn die Un-*^'' 
suchung in den ersten Tagen nach der wirklichen oder angebli^^^ 



*} Hab er] in a. a. 0. S. 66. Die Oesterr. gesetzliche Bestimmung s. oben- 
♦♦) Nordd. Str.-G. §. 367. : 50 Tblr. Geldbusse oder Haft. 
♦♦♦) Spec. Tbl., 2. Abthl, 3. Kap. 



§. 38. Diagnose der Geburt 261 

Nßederkimft, als wenn sie nach vielen Wochen, Monaten oder nach Jahr 
ind Tag gefordert wnrde. 

Eine Reihe sehr gater Zeichen verschwindet mehr oder weniger 
)ald nach der Niederkunft und kann folg^ch später for die Diagnose 
licht mehr benutzt werden, während andre allerdings als nnauslösch- 
iche Spnreii der wirklichen Niederkunft am weiblichen Körper zurück- 
deiben. 

Wenn nun im Allgemeinen auch freilich die Entscheidung über 
ine zweifelhafte Entbindung zu den wenigst schwierigen Aufgaben der 
erichtsSrztlichen Thätigkeit gehört, so lehrt doch die Erfahrung, dass 
me Entscheidung in nicht gar wenigen Fällen doch gar nicht so ganz 
licht, ja dass sie zuweilen im concreten Falle ganz unmöglich ist. 

Nicht leicht ist sie, wenn die Geburt die einer Frucht in den aller- 
rsten, ja selbst in den ersten vier bis fünf Monaten gewesen, und 
renn dann wohl noch obenein eine längere Zeit nachher vor der ün- 
eiBuchung verflossen war; ganz unmöglich aber wird die Entscheidung 
n jenen uns sehr häufig vorgekommenen Fällen, in denen eine gewisse 
äeburt in Frage stand, d. h. wo festzustellen war: ob die Person vor 
Iftonaten etwa an dem und dem Tage geboren gehabt habe, während 
sie diese Niederkunfk bestreitet, wohl aber einräumt, schon früher ein, 
zwei Kinder geboren zu haben. Denn die mehrfache Geburt ist nicht 
mit einiger Sicherheit durch die Untersuchung der Veränderungen am 
Körper von der einfachen Geburt zu unterscheiden, namentlich weil die 
verschiedene individuelle Körperbeschaftenheit hierbei sehr störend, z. B. 
1 Beziehung auf mehr oder weniger vorhandene Erschlaffung der Bauch- 
öcken, entgegentritt. 

Jn einem recht betrübenden üntersucbungrsfalle (164. Fall) hatte eine yerheirathete 
&u Ton 48 Jahren gegen eine alte 75jährige, bis dahin ganz unbescholtene Hebamme 
auncirt, dass sie ihr in den drei letzten Schwangerschaften die Fruchte mit Gewalt 
ST^trieben gehabt habe, was zuletzt vor zwei Jahren geschehen sein sollte. Beide 
^^©r wurden verhaftet. Die Hebanmie und der Ehemann der Frau wollten durchaus 
^ i^ichts wissen. Diese aber hatte in ihrer Ehe sieben reife Kinder geboren, war 
^^ krank und bejahrt, ihre Brüste, Bauchdecken und Genitalien zeigten die Folgen so 
Ifachen Gebarens, aber keine Spuren etwaniger Verletzungen, und wir musston sonach 
^ren, dass in keiner Weise die ärztliche Untersuchung dieses Körpers die An- 
^^digung zu begründen oder zu widerlegen vermöge. (Bei unsem wiederholten Ex- 
*^tionen traten aber sichtliche Zeichen von Geistesstörung bei der Frau hervor, und 
^*^^b sich endlich, dass sie wirklich geisteskrank und von der fixen Idee jener 
■^^btabtreibungen befallen war, von welchen der Verlauf der Untersuchung auch nicht 
^^ Spur ergab. — Die alte unschuldige Hebamme aber starb im Untersuchungsge- 

yfic theilten die Kennzeichen einer überstandenen Geburt in ver- 
^^^indende und dauernde, von denen jene nur die kürzlich, diese auch 



•253 §• ^9- Diagnose der Geburt «) Yerechwindwidd Kennzeicbea« 

die vor Jahren schoQ erfolgte Niederkunft beweisen können, und war- 
digen sie in Folgendem. 



§. 39. NrtsctsiiAg. a) Verschwiideade iraBifichei. 

1) Zetchen eines gestörten AllgemeinbefiDdens, wie aiiffid- 
lende Blässe oder geruthetas Gesicht, Schwäche, unsichrer Gang, feuchta, 
warme Haut, erregter Pnls. Gewiss sieht man diese Symptome in dea 
ersten 24 — 48 — 60 Stunden bei einer grossen Mehrzahl von Wöchne- 
rinnen in der Privatpraxis; für die gerichtliche Praxis aber treten 
auch hier andre Bedingungen ein, und verlieren diese Zeichen threfl 
Werth. Viel hängt bei ihnen schon überhaupt von Individualität, Stand, 
Lebensweise u. s* w, ab, und dazu kommt, dass die heimlich EDtboa- 
dene, die ein Interesse hat, ihre Geburt ferner zu verheimlichen, durck 
Festigkeit des Willens ihre Uinfälligkeit und Schwäche zu nberwiodeo 
weiss, um so mehr, als die betreffeaden Subjecte gewöholich JQüge> 
rüstige, gesunde Personen der oiedrigsten Stande sind, die ohnedieB di« 
Wirkung der Entbindung nicht zu empfinden pflegen, wie eine sctiwkb- 
liche, verzärtelte Dame der höhcro Klassen. Ganz besonders tritt iber 
hier noch hinzu, dass, der Natur der Sache nach, der Geriehtsant sel- 
ten oder 016 in den Fall kommt und kommen kann, die Untersnchiug 
der Person in der frühen Zeit vorzunehmen, in welcher allein dim 
Veränderungen noch wahrzunehmen sind. 

2) Nach wehen. Sie sind als Beweismittel für den gericiitUdifitLArA 
als gar nicht Torhandeti zu betrachten, denn abgesehn davon« dass 916 btt 
Erstgebärenden kaum, und nur bei Mehrgebärenden die ersten weoigoi 
Tagen nach der Geburt empfunden werden, in einer Zeit also, in der die 
üntersuchuDg selten oder nie geschehen wird, ist die blosse Angab« der 
Wöchnerin, dass sie Nachwebn empfunden oder nicht empfunden hab«, «to 
rein subjective Angabe in gerichtlichen Fällen von keinem Werth 

3) Turgescenzin den Brüsten, die sich bei zartem, weissem Per- 
sonen auch wohl durch bläuliche Venenstränge äussert, die die Bnist- 
haut durchziehn, Milchfieber und Milch in den Brüsten. Von dkK 
sen wichtigen Zeichen lassen wir das Milch Geber wieder aus dem Gniofc 
ausscheiden, weil es in den 48 — 72 Stunden eintritt, also wieder i» 
der Mehrzahl der Fälle zur Zeit der forensischen Untersuchung ItaSi* 
vei'Schwunden sein wird. Dazu kommt, dass bekanntlich die Mikhi*- 
cretion bei sehr vielen Wöchnerinnen ohne alle wahrnehmbare fleber* 
hafte Reaction eintritt. Die Turgcscenz der Brüste kann bei jugendli- 
chen, derben und fetten Personen sehr und um so mehr täascheo, ^ 
der gerichtliche Arzt bei seiner Uotersuchnng fast immer ein Snhj^ 
vor sich hat , das er früher niemals gekannt hatte. Dagegen wird 4^ 



$ S9. Diagnose der Geburt a) Verschwindende Kennseichen. 253 

Befand Ton Hilcb in den Brüsten, den man anch bei Leichen betreffen- 
den Falls sehr leicht erheben kann, immerhin ein höchst werth volles 
Kriteriom der stattgehabten Gebnrt bleiben, wenn anch unzweifelhaft 
lüch bei Menschen und Sängethieren ohne vorangegangenes Gebären 
vorkommt, nicht nur bei Nengebornen, sondern anch bei Jungfern, bei 
Vittwen, die lange nicht mehr geboren hatten, ja bei Männern. Allein 
dergleichen Fälle sind im Grossen und Ganzen nur äusserst seltne Aus- 
Dshmen, und werden sich im concreten Falle als solche, dnrch den 
Mingel aller übrigen Zeichen der Geburt, leicht erkennen lassen. Jeder 
Zweifel wird übrigens bei einer frühen Untersuchung, d. h. sechs bis 
seht Tage nach der wirklich stattgehabten Geburt, schwinden, wenn die 
Brüste nur erst noch Colostrum enthalten, welches Fett, Milchzucker 
und die andern Milchsalze in weit grOsserm Maasse enthält, als die 
Milch, und dennoch viel wässriger, opalisirender ist, als diese und unter 
dem Microscop Epithelium und die eigenthümlichen Golostrumkügelchen, 
Gonglomerate kleiner Fettbläschen, die durch eine eiweissartige Substanz 
zosammengehalten werden, zeigt*). Dass übrigens der Nichtbefund von 
Ißeh die Niederkunft nicht beweisen kann, bedarf keiner Bemerkung, 
dt es bekannt ist, dass bei Nichtnährenden, wie es die Weiber in den 
gerichtlichen Fällen fast immer sind, die Milchsecretion sehr bald, oft 
NJxm nach wenigen Wochen, vollständig wieder aufhört (vgl. in Betreff 
der Brüste § 40. N. 4.). 

4) Der Wochen fluss, Lochien, die drei bis vier Tage durch- 
tdinittlich mehr oder weniger blutige, dann eben so lange andauernde 
fcischwasserähnliche, oder auch gelbgrünlich - eiterartige und endlich 
^ge, bis zu Tier und fünf Wochen, kürzer aber bei nicht Nährenden 
Bernde, rein milchartig- schleimig aussehende Ausscheidung aus den 
Genitalien. Die blutigen Lochien enthalten zahlreiche Blutkörperchen, 
Wnuner-, Cylinder- und Pflaster -Epithelium, wahre Eiterzellen, Fett- 
trtpfcbeo, aber keinen Faserstoff. Letzterer Befund kann aber täuschen, 
in sofern unmittelbar nach der Geburt grosse Mengen reinen Blutes (also 
^uerstoff) aus den zerrissenen Uteringefässen mit abfliessen, wogegen 
^ Mangel an Faserstoff und die übrige microscopische Diagnose sehr 
^ ZQ verwerthen ist bei etwanigen absichtlichen Blutbesudelungen mit 
Häischen- oder Thierblut bei simulirter Geburt. Schwierig war die Ent- 
^'dnng in einem wichtigen Criminalfall, dessen Einzelheiten uns weiter 
pr nicht bekannt geworden , in welchem uns von einem auswärtigen 
wicht ein Weiberhemde zur Untersuchung und Begutachtung darüber 
eingesandt wurde, ob die darin sichtbare, sehr starke Blutbefleckung 



% Gate Abbildaogen von Milch- und Colostrumskügclcben s. in 0. Funkens 
^Ütt der physiol. Chemie. 2. Aufl. Leipzig 1858. Taf. XV. Fig. 1. u. 2. 



254 



§. 39. Diagnose der Geburt a) Versehwfnd«iido Keimzeiebeii. 



von Menstruatioo oder von einer Niederkunft herrühre? Der Faserstoff 
wurde deutlich in diesem angetrockneten Blute erkannt, konnte aber an 
sich nichts entscheiden, laud es giebt anch anderweitig kein diagnosti- 
sches Merkmal zur Unterscheidnng von Menstrnalblut und dem bei 
der Geburt abfliessenden Blute *). Nur das Aussehn der blutbefleckteß 
Stellen, das auf einen Blut ström scbliessen Hess, motivirte das Gat- 
achten, dass es wahrscheiolicher sei, dass diese Blutflecke von ein^r Ge- 
burt, als dass sie von einer Menstruation herrnhrten- — In den fleisch- 
wasserähnliehen Lochien und später in den railchartigen verlieren mh 
die Blutkörperchen immer mehr und die Eiterzellen und Elementar- 
k(^rBcheu haben an Zahl abgenommen. Die Verwechselung der müdi- 
artigen Lochien mit dem gewöhnlichen weissen Flnss der Weiber ist 
indess bei der äussern täuschenden Aehnlichkeit beider Secrete sehr 
leicht möglich , während die frühsten blutigen und schmutzig - blutigen. 
Lochien, d. h, der Wocbenfluss in den ersten sechs bis acht Tagen nith 
der Entbindung, sich nicht weniger sicher, und noch leichter als darcfc^ 
das Microscop, als solche durch ihren ganz specifischen, mit keincÄ^ 
andern zu verwechselnden Gemch als solche feststellen lassen, den aueli^ 
kein irgend denkbarer Betrag herstellen kann, so dass, da anch keiae 
Krankheit der Genitalien ein so speciüsches äecret erzeugt, dieser ertie 
Lochienfluss ein durchaus sicheres diagnostisches Merkmal der kürzlicli 
erfolgten Niederkunft genannt werden muss. 

5) Anschwellung der grossen Schaamlippen, erweiterte, er- 
schlaffte, heisse Mutterscheide sind Zeichen von untergeordneter B»* 
deutung und namentlich wieder für die gerichtsärztUche Diagnose tm 
geringem Werthe, da sie schon nach den ersten wenigen Tagen oacl 
der Niederkunft, also in der Regel vor der möglichen Untersocimog« 
durch die Zurückbildung der Theile wieder verschwinden, übrigens auci 
ganz fehlen können bei vorzeitiger Geburt, 

6) Die Gebärmutter bietet wichtige Momente für die DiaLi^ojc 
Noch zwei bis drei Tage nach der Niederkunft ist sie über den St:\mm 
beinen hinaufragend und deutlich kngUg fühlbar; nach sechs bis äcM 
Tagen ist sie in das kleine Becken zurückgetreten. Nach dieser Zeit 
ist auch der Mutterhals nicht mehr zu fühlen, der in den ersitea i^^* 
bis drei Tagen In die Scheide hinahhängt, und der nach der Geburt 
sich rasch zurückhildeudo Muttermund ist in den ersten Tagen poci 
ziemheh weit genflfnet, na^-h einer Woche schon gewohnlich vollstÄödi| 
geschlossen und behalt nun seine kreisrunde Form, die er in der (erft«Jj 
Scbwangerschait angenommen hatte. Es kann nicht in Abrede gei^^ 



•) Dtea kiiin bei zweifelhaftem AHortus sehr wichtig werden. VgK ein (hixi^^ 
tmi Adelon. U Cauu uad MoreAU in den Annales d'Hyg. pubL I. 1S46. S. H^ 



$. 40. Diagnose der Geburt, b) Dauernde Kennzeichen. 265 

werden, dass diese Gebftrmutterzeicben auch bei pathologischen Zustän- 
den des Organs vorkommen, allein in Verbindung mit den übrigen dia- 
gnostischen Momenten sind sie dennoch von höchstem Werth. Bei ir- 
gend sorgsamer Envägung dieser Befunde ist es keine schwierige Auf- 
gabe für den Gerichtsarzt, den Fall einer streitig gewordenen kürzlichen 
Niederkunft mit Sicherheit zu entscheiden, wenn er nur in die Lage 
gesetzt worden, die Betreffende in den ersten sechs bis acht Tagen nach 
der wirklichen oder vorgeblichen Geburt untersuchen zu können. 



§. 40. hrteetiMig. b) •aHerade Keiiueicliei. 

Unsicherer wird die Entscheidung des Falles, wenn es sich nicht 
um eine kürzlich, sondern um dine vor längerer Zeit erfolgte, noch 
streitige Geburt handelt, da Alter, Leibesbeschaffenheit, Gesundheitszu- 
stand der Betreffenden, so wie Alter und Entwickelungsverhältnisse der 
gebornen Frucht die Spuren, die die wirklich stattgehabte Niederkunft 
zorücklässt, im Einzelfalle nicht unwesentlich modificiren. Doch wird 
ifich hier die Erwägung der Gesammtheit dieser Spuren das Unheil 
in der grossen Mehrzahl der Fälle befestigen, während einzelne der- 
sdben, an sich betrachtet, Zweifeln unterliegen können. Es gehören 
Uiin folgende: 

1) Mangel des Hymen. Wir geben die Möglichkeit zu, dass 
«iDe Abortivgeburt in der allerersten Zeit der Schwangerschaft das Hy- 
flien ohne Zerstörung desselben passiren könne, müssen aber die uns 
woUbekannten Fälle, die einzelne Practiker beobachtet haben wollen*), 
vom Durchgang einer ausgetragenen, oder selbst nur einer der Reife 
ttthen Frucht durch ein, wenn auch noch so nachgiebiges Jungfemhäut- 
fiben ohne Zerreissung desselben, für eine Täuschung erklären, die, wir 
wiederholen es, bei diesem Organ leichter möglich ist, als die Mehrzahl 
glaubt. Noch vorhandenes Hymen wird inmier ein Beweis sein, dass 
keine Geburt eines Bandes in den späteren Monaten (gewiss schon nicht 
rem fünften bis sechsten an!) erfolgt war, während der Mangel des- 
selben natürlich nicht das Allergeringste beweist. 

2) Zerstörung des Schaamlippenbändchens ist an sich ein 
^chtiges Zeichen. Das Frenulum kann gleichfalls bei Abortivgeburten 
■rhalten bleiben; bei der gewöhnlichen Geburt wird es jedesmal zer- 
ftttrt und bildet sich, wie das zerstörte Hymen, niemals wieder. An- 
idimen^ das Frenulum könnte ja auch durch eine Yerletzxmg, z. B. einen 
fmll auf spitze Steine u. dgl., ohne vorangegangene Entbindung zer- 
titat worden sein, heisst eine unbegründete Skepsis üben; käme ein 



*) s. Hohl a. a. 0. S. 410 o. A. 



256 



§. 40. Diagnose der Geburt, b) Dauernde EcimzeicIiexL 



solcher merkwürdiger Fall eiamal vor, so wQrde man, abgesehen 
Mangel aller übrigen betreffen den Zeichen , unzweifelhaft an der onU 
Commissur und Umgegend Narben und andere Folgen der erlittene 
Verletzung auffinden. 

3) Erweiterte, in ihren Wänden faltenlose Scheide ist immer- 
hin ein beachtenswertheä Zeichen^ weQBgleieh die blosse Erwerterimg 
des Kanals gar nichts beweist, da derselbe, wie alle Kanäle, der Kr- 
weitenmg so leicht fähig ist., und durch blossen langen, wenn aodb 
fruchtlosen Geschlechtsverkehr sich bedentend zu erweitem pflegt; die 
Falten in den Wänden desselben aber stellen sich in der Mehrzahl der 
Fälle nicht wieder her, wenn sie einmal bei der gewöhnlichen Gebart 
eines Kindes sich entfaltet hatten; Abortivgeburten indess und Jagend 
und Derbheit des mütterlichen Köriiers können die Bew^eiskrafl schwfichen. 

4) Die dunklere Pigmentirung des Warzenhofes, die sicH 
schon in der (ersten) Schwangerschaft entwickelte, verliert sich nadm 
der Niederkunft nicht wieder völlig, wahrend andere PigmenÜram- 
gen aus der Schwangerschaftszeit, wie Leberflecke, die dunkle Firhui&e 
der Mittellinie des Bauches n. s. w. , allerdings verschwinden könuei 
Aus diesem Grunde ist die Färbung des Warzenliofei immer ein wieftft-] 
tiges Zeichen, und wenn dieselbe, wie ich behaupten muss, nach eine 
auch nur Einmal im Leben stattgehabten Niederkunft nicht ver 
wird, und freilich deshalb so wenig wie die folgenden Merkmale wcti 
bestimmte Geburt nach arideren vorangegangenen beweisen kann, so 
z. B, eine nicht schmutzig - brami- rothe, sondern licht - rosenröthlicl 
jungfräuliche Färbung der Areola entschieden gegen eine behaupl 
Niederkunft sprechen. 

b) Ganz Aehnliches gilt von den schillernden, sommersprosseDlbn^ 
liehen Narben in den Bauchdecken, am meisten in der [npinal— 
gegend, die gleichfalls schon oben erwähnt sind, und die niemab wied«" 
nach der (ersten) Geburt spurlos verschwinden. Sie sind oft so iadiTt^ 
dass man sie zählen kann , oft bedecken sie dagegen reihenartig decs 
ganzen Unterbauch und sind auch an frischen Leichen noch sehr mF*^ 
fallend sichtbar. Vor Jahren habe ich in grosser Ausdehnung aa 
syphilitischen Krauken in der Weiberstation unserer Charit^ Beobifk-^ 
tungen auch dieses Zeichens angestellt, und kann versichern, dass icfcp. 
mich nicht ein einziges Mal geirrt habe, wenn ich nach dem Befon*^ 
audi nur weniger derartigen Narben eine Yorangegangene Geburt, ua^ 
beim gänzlichen Fehlen derselben das Gegentheil diagnoslicirte , wob^A 
zu erwägen, dass diese liederlichen Öffentlichen Dirnen nicht i$B f^^ 
nngste Interesse hatten, mit der Wahrheit zurückzuhiüten« Dawall»* 
habe ich in der gerichtlichen Praxis bestätigt gefunden. Nun wird tfiH' 
gewandt, dass die Zerreissung des Malpigh loschen Netzes, die diei^ 



§. 40. Diagnose der Geburt, b) Dauernde Kennzeichen. 257 

Narbenbildüng Teranlasst, überhaupt nur von der grossen Aasdehnnng 

der Bauchhant herrühre, also auch bei anderartigen Banchanschwellnn- 

gen vorkomme, z. B. bei Hydrovarinm, bedeutendem Ascites n. s. w. 

iJlein die Hehrzahl der weiblichen Snbjecte, die Gegenstand gerichts- 

firztlicher Untersuchung auf zweifelhaft gewordene Geburt werden, sind 

Jugendliche Personen, bei denen die genannten und ähnliche Krankheiten 

in der Regel nicht Yorkommen, und selbst bei älteren ist nicht zu ver* 

l^^ssen, dass einmal vorhandene Eierstockswassersucht, bedeutende Milz-, 

J^»«ber-An8ehwellungen und dergleichen eine grosse Bauchausdehnung be- 

^^vnrkende Krankheiten selten oder nie wieder so gründlich beseitigt 

^w^erden, um die Bauchdecken wieder einsinken zu lassen, wie dies nach 

.^nsstossung der Frucht der Fall ist. Vom practischen Standpunkt also 

^v^eriiert dieser Einwand seinen Werth, und bleibt dieses vortreffliche 

Zeidien bestehen, dessen Mangel aber einer Geburt nach den ersten 

S4diwanger8ehaftsmonaten, in welchen die Bauchdecken noch nicht sehr 

MiBgedehnt gewesen, nicht widerspricht. 

6) Wir könnten dies Alles nur wiederholen in Betreff der Falten 
und Runzeln der Bauchhaut, die allerdings nur allein eine Folge 
der früheren Ausdehnung derselben in der Schwangerschaft und des 
Biosuiikens nach der Geburt sind. Hierbei muss indess erwähnt wer- 
den, dass ein gUtter, wirklich faltenloser Bauch nach unzweifelhaft er- 
folgter Niederkunft oft genug von uns beobachtet worden, namentlich 
öach Früh- und frühzeitigen Geburten und selbst nach rechtzeitigen 
Geburten bei jugendlichen, fetten, straflFen Subjecten. Umgekehrt ist es 
bekannt, dass beim Schwioden des Fettpolsters im höheren Alter sich 
oben so gut in der Bauchhaut Runzeln bilden, als an anderen Stellen, 
wie ich dergleichen an Leichen von CO- und 70jährigen Jungfern 
Eolur aufiGallend gesehen habe. Das Zeichen steht sonach dem vorigen 

7} und 8) Die schon in der Schwangerschaft entstandene Verände- 

niBg der jungfräulichen Querspalte des Muttermundes in eine deutlich 

XU fühlende rundliche Form der Lippen erhält sich nach der gänz- 

feben Zurückbildung der Gebärmutter nach der Niederkunft durch das 

K>Uize Leben hindurch, und habe ich dieselbe in sehr zahlreichen Fällen 

•tt Leichen ganz alter Weiber, die seit Jahrzehnten nicht mehr geboren 

ittben konnten, an der exenterirten Gebärmutter beobachtet, und ande- 

f^rseits auch immer und ohne Ausnahmen gefunden, wo andere Zeichen, 

vie die Narben an der Bauchhaut u. s. w. die vorangegangene Geburt 

bdkimdeten. Wenn aber die Fachmänner behaupten, dass auch patho- 

logiflche Zustände, die den Uterus betreffen, diese Rundung des Mutter- 

ffloodes bewirken können, und wenn wir selbst einräumen müssen, dass 

C«sp«r'f g«ricktl. Mtdieio. S. Anfl. I |7 



258 



40» Diftprnof;« der Geburt, h) Dauernde Kennseichen* 



hueh bei einem im Exploriren geübten Finger bei der Lebenden 
Täuschung wohl moglieh ist, so dürfen wir, wie schon oben a. a. 0. 
bemerkt, einen zu entsc^heidenden Werth auf das Zeichen nicht legen, 
wenn auch dessen Erforschung nie unterlasBen werden darf. Mit Sicher- 
heit aber kann man auf einen grösseren K5rper schliessen^ der sidi 
durch den Gebärmnttermnnd gepresst hat, wenn man einen oder 
rere Einrisse (Einkerbungen) in den Lippen fühlt, die gle 
falls nach der ersten Geburt niemals wieder spurlos verscbwiodeii. 
Abortivgeburten ist aber ihr Entstehen keine Nothwendigkeit und 
den sie danach um so häufiger vermisst, je früher die Frucht 
gen war. 

Es ist folglich nach dicBen Beobachtungsthatsachen gar nicht schwie- 
ng» gerichtsärztlich zu bestimmen: ob ein Weib überhaupt gehören 
habe; schwieriger und nur in den ersten Wochen nach der wirklicbcsj 
Geburt: w^ann sie muthmaasslich, und niemals: wie oft sie 
habe. Deshalb ist auch namentlich nicht mit einiger Sicherheit zu fi? 
stimmen, ob eine Person, welche gestandlich oder notoriscii, z. B. tot 
Jahren geboren hat, in der letzten Zeit, vor Monaten oder länger, »a 
einem fraglichen Terrain abermals gebaren habe. Grade diese FMle 
aber kommen genug in der Praxis vor, uod der Gerichtsarzt kann dum 
nichts thun, als sein negatives Gutachten begründen *), 



•) Zur Warnung kann ich nicht nnterlBÄSeti, Mgendeu entsetÄÜchea Fall in, 
Kür^e mitiuLbeileo, der im Jahre 1810 ein SuperÄrbitrium der Rooigl 
liehen Deputation veranlasfit bat (s. Hitxi^^s Zeibchrift für d. Crim.-Reebtflplltfe X 
S. 233 u. f.^. Louise S. war wegen zugestandener Tor^üt^licfaer TDdtuiig ihres «eqft- 
bomen Kindes tu achtjähriger Zuchthausstrafe vemrtheilt worden. Sie twtte riek wll^ 
rend einer Untersuchung auf Diebstahl fiSr schwanger erklärt und war in eioe Bs^Wi- 
dungsanstalt abgeliefert worden. Auf die Untersuchung durch die Uebomme batti te_ 
Dr. X. das Attest ausgestellt (!), dass Inculpatin im siebenten Monat 9cbw«iif«r 
Sie varliess nach wenigen Monaten die Gebäranstalt beimlicb und wurde erst 
wieder verhaftet In der fortgesetzten Untersuchung gab sie an, sie habe in der MttM 
Nacht nach ihrer Entweichnng aus der Anstalt auf einer Treppe ein Kind g€bc»mi» mß 
Verzweiflung dasselbe durch einen Stich in's Herz getödtet und an einem gmmM be> 
zeichneten Orte Yergrabeu. Der Lcichnani war dort nicht aufgefunden wonlen Alf 
der Treppe wurden Spuren einer Niederkunft ebenfalls nicht entdeckt. GUiebwoW nf* 
ten der Dr. X. und die Hebamme 0. gerichtlich aus; daBs die Tncnlpatia aack Bh 
schalTenbeit ihrer Geburtstbeile iror mehreren Monaten geboren haben mnsM;. ür li* 
geblicher Schwangerer deponirte^ dass er sie dreimal gesell wängert «od woA Ift Av 
tjaebt des angeblichen Kindermordes von ihr gehört habe, dasa sie der KiedefimH übt 
geweiten und heftige Schmerzen im Leibe gehabt. Beim ersten Verhör fiel Icitfaipiiii 
in eine tiefe Ohnmacht, äusserte verzweiflungsvoll : «ich muss mein armes Kind mkätr- 
haben u. s. w**^ und sie wurde zur achtjährigen Zuchthausstrafe verurthetlL KicMä 
sie zwei nnd dreiviertel Jahre diese Strsfe verbükst, trat sie mit der Erkl&ntfig tevvt 
dass sie ganz nnscbnldig sei, indem nh nie geboren habe. Der Dr, X., ihm wit 
Out achten Tefnammen, erklärte : ^iIush er die Ineulpatin wabmebeinlirb damali fif oirM 



I» 4 h TorsJitzJi**he Oebwrt; Ff«<?btabrreibunj!r. 



369 



§, 41. VorsluUrbe (jrbirtt frorbtalilreUiiii^. 
Oesetzlicbe ßesHmniaQgen. 

~ltdrii4. atr«rt*«. i^ilS. : Vine Schwan gQre, v«lrha ihr« FrucJit vertitftliftb abfrtlt>t od«r im Matter- 
t*n>% todi«t. «Irü mit ZnohthAiif bis xu l^nf J»hr«Q Ueitrift, 

Dind mUdeTDde Dmat&nde Torbaadcn, »o tnii Gtf&n^ttiBftvtriir« nlflit anter Hebf lfon«ttn «In« DIff* 
i«tbcn StrsrTortrhriften ßndr-n auf denjenig»» Anirarditfig, welcher mit BinwilKgunf d«'r fl«bw«ti((«r«ti dl« 
tIHtel *a d*r Abtreibung odff Tßdltiii|t b*l )hr iiti^^ew«hd«t odT ihr beigebracht bat, 

Cbd^ §, 219 r Uit 2ucStb«a« blt «ii i«hn Jahri^n wird bestrift^ wer «Inf^r Srh^iogeren, welcli« Ihr« 
Fracht ftbfc^trleb«!« o4cr itlAdl«! bi(, gegen Enr^eJi die llitKl hierio TericbtfTtT bei ibr uigeweadei oder 
ll»r b«l gebracht hkt, 

Bbd. JF, 130,: Wer die Leibe« frnehi efner 8cbw«ngeren ohne deren Wieseii oder Wttleci vonitslieb 
sJ»treibt oder todtet, wird oilt Zuebtheuü ulcht unter iwel Jehren bettraft 

let doreh die Haiidluti^ der Tod der Scbwengeren Teniraeebt wurden^ «o tritt Zuehthaitiitrife nleht 
ooter veho lelirett oder lebetisIlngUehfl Zuchtheüsitrafe etu. 

Oettcrr. Slrafg. |. 144,: Eine »Aaef>»t>er«o& , welche ebfllchtrlAb waui imiiier Jor eine Hendloog 
flBlerBlmait, wodurrh die Abttelbnojt Ibret- Laibeafrtirht venir »cht, oder Ihre Kniblndaiig euf «olohe Ar*, 
4»mt de« K*nd todt eor Welt kommt, bewirkt wird, macht «ich elnea Verbreehens fcbiddl^. 

Beieriehe« Strefg. §. 243., Eine Bchwan({er<. welche rechts nldrlg durch flDe»ere oder Innere 
llttt^l IbreFriiCbC Im Mntferlefbe todtet, oder vor der j^ehotfgon Belf« «btroilt, *ott heitrtft werden u e. w. 

Wirteml», StrtficBf. Art» 253. {wie det Betenehe Strafg.). 

Unter der nicht geriiigen Anzahl von Uatersuchungsf allen wegen 
angeschuldigter Provoeatio abortus, die ich amtlich zu behandeln ge- 
habt, habe ich mit Ananahme Eines noch nie einen Fall mit einer 
Venirtheilnng enden gesehen, auch wenn die Umstände die Schuld des 
oder der Angeschuldigten so sonneDklar geraaeht hatten, wie in dem 
im zweiten Bande (spec. Theil) §. 95. erwähnten Falle, in welchem der 
Schwangerer, ein Arzt» an der Person zwei Methoden der künstlichen 
Frühgeburt lege artis und mit dem beabsichtigten Erfolg angewandt 
hatte. Hier lag der Grund der Freisprechung in dem Mangel des ob- 
jectiven Thatbestandes in dem Sinne, als nicht zu erweisen, dass die 



^jintersucbt und den Befund nur nach der Untersuchung der Rebamme G. zu Protokoll 
eben habe* (I!). Die Debammc wiir Terstorben, Stadtphysikus M. und Trofessor B 
Qtersncht^a jetzt und attestirtcn: „dass diese Person nocb niemals geboren habe**. Es 
wurde nun die geoannt^ oberste wissenacbaftljche Medicinal-Behorde requirirt. Dieselbe 
fand bei der LlDtersui-huDg der Inculpatin: „erhaltenes Sehaamlip penbind eben, euge und 
€la.$ti9che Muttersrheide mit Runzeln, hocbsteheoden Muttennußd mit jungfräulicher 
Qoempalte^ Bauchbaut und Brü&te ohne Spur von jenen linienförmigen Narben und 
StretfePf die f&st ohne Ausnahme immer nach jeder vollkommenen Entbindung zuruck- 
bletben', und das Obergutachten fiel dahin aus: »dass die S. nach höchster Wahrschein- 
bkeit, die fast für Gewiasheit zu erachten^ nicht geboren, wenigstens kein Kind von 
end eljaem bedeutenden Volumen, wie es in der x weiten Hälfte der Schwangerschaft 
geboren habe**, und erklärte diesen Fall für einen solchen , wie or selten so be* 
^stimmt ausgesprochen vorkäme (wobei dann nur die Fast-Gewissbeit auffallend blieb). 
Eben deahatb wurde die Angeschuldigte nur ab instantia absolvirt, nicht vflllig freige- 
gprocben. Aber sie hatte unschuldigcrweise wegen des leichtsinnigen Ausspruchs ge* 
wissenioter und imwlsi^cnder Medirin.ilfierKonen faist drei Jahre idi Zucblbaus gesessen!! 

17* 



i, 41 VorsitzHcbe Geburt; Fruchtabtreib^nj. 



abgegangene Frucht ein „Kind"^ nicht etwa bloss eine „Mole" gei 
war, ein Bedenken, da» Vertheidiger auch anderer Orten sich zu Kniff 
machen werden, weil der Gerichtsarzt, wenn er die angebliche abge- 
gangene Fracht nicht gesehen — and er wird selten oder nie in diew 
glückliche Lage kommen — darüber, ob eine gesunde Leibesfrucht oder 
ein krankhaft degenerirtes Ei, oder pathologische Gebilde anderer Art 
abgegangen, niemals mit Gewissheit oder selbst nur mit Wahrscbetn- 
iichkeit ein Urtheil abgeben können wird. In solchen Fällen haben Afzt 
und Richter eine Mutter ohne Frucht, in noch viel zahlreicberen dtt 
Entgegengesetzte — eine Fracht ohne Mutter! Unausgesetzt werdiB 
uns Abortivfrüchte vorgelegt, die in Abtritten, Gloaken u. 8. w. gofoft- 
den worden» An deren menschlicher, normaler Bildung ist in der B^gil 
kein Zweifel, eben weil die Norm die Regel ist; aber die Herkunft der 
Frucht ist und bleibt gewöhnlich unbekannt, und auf die gewOhaUcli 
vom Richter vorgelegte Frage: ob aus der Beschaffenheit der 
Frucht zu entnehmen, dass sie vorsätzlich abgetrieben worden? mGsteii 
wir stets eine verneinende Antwort geben, da uns noch nicht Ein Fall 
vorgekommen, in w^elchem etwa Verletzungen am Körper der Fmelily 
namentlich am Kopfe, wie Tardieu*) dergleichen Fälle mittheill, hü- 
ten Bedenken erregen können, wie denn aber auch dergleichen Ver- 
letzungen, selbst in Fällen von mechanischer Fruchtabtreibung, fast 
vorkommen. 

Andere Schwierigkeiten bietet die Frage von der streitigen Fj 
abtreibung von anderen Seiten her. Es ist zweifellos und alli 
bekannt, dass gewisse Arzneimittel auf verschiedene physiologiunk 
Weise die Frucht von der Mutter trennen und dann die Ausstosaiuig be^ 
beiführen. Solche Mittel hier einzeln aufzuzählen, wohl gar eine Belek- 
rung darüber zu geben, welche unter ihnen wirksamer sind, als anden; 
wie es die Uandbüeher der gerichtlichen Medicio zu thun pflegen, tiitt« 
ich für ein Werk, das nicht bloss Technikern in die Hände kommt, fSr 
gänzlich unpassend, um so mehr, als diese aus der Arzneimittdiehri 
nnd Geburtsbülfe darüber vollständig unterrichtet sind und sein müi«eiu 
Eben daher weiss aber auch jeder Arzt, wie unsicher in ihrer Wtrktffl^ 
diese sogenannten Abort iva sind, und dass es kein einziges iaaeie«^ 
Mittel giebt, von dem man ©rfahrungsgemriss behaupten könnte, e* bib« 
die Fruchtabtreibung, wenn ein Fruchtabgang auf dessen Gebrauch «r"— 
folgt war, bewirken müssen, Ursache und Wirkung lägen also Wer 
einem nothwendigen Causalzusammeuhange vor. In 
Städten, wie Berlin, mit einem massenhaften Prületariat beiderlei fr*^ 
Bchlechts, werden täglich, wie man reciit gut weiss, zahlreiche Plrof^>^ 



*) Btude 0)«4.44f tnr raTorUmem. Paris IdeS. 9. \i% 



§.41 Vörsiteliche Geburt; FruehUbtreibuog. 



261 



calioDsversucbe zum Abortas von Scbwangeni und grade in den ersten, 
daza am passendsten Monaten gemacht nnd bleiben grössteDtbeils er- 
folglos •). Nnn erleichtert aber die jetzige Strafgesetzgebnag in so fem 
die FesUtellnng des Tbatbestaudes, als überall keine absoluten Katego- 
rieen mehr aufgestellt werden, sondern der Einzelfall als solcher zur 
Biwrtheilang kommt, als demnach nirgends von Mitteln die Rede, die 
cAkS Fruehtabtreibnng nothwendig bewirken messen. Deshalb nnd un^ 
9&eitlg nach der Analogie der Bestimmungen über Gifte im §, 229.**) 
«isd wir bisher seit dem Erscheinen des bisherigen Preussischen Straf- 
g^saetzbmbes in allen vorgekommenen Fällen gefragt worden: ob das 
od«r die angewandten Mittel solche gewesen, welche eine Frucht bei 
aiiier SehwangerD abzutreiben geeignet seien? Hierauf lüsst sich 
fleiui auch in der Mebrztihl der Fälle eine bestimmte bejahende oder 
jrerneinende Antwort geben, 
^B Sehr häufig trat letzterer Fall ein, denn es ist unglaublich, welche 
^^■Miime und absurde Substanzen und Mischungen Yorurtheil, Aber- 
^^■bbe, Halbwissen, Unverstand bei dem gemeinen Volke in den Ruf 
wirksamer Abortivmittel gebracht haben. Eine hochschwangere Magd 
kmite sich lange bemüht, sich — ein Loth Rosmarinspiritus zu ver- 
schiffen, was sie bei reinem Ge\^issen und in Döbefangenheit in jeder 
Apotheke sofort hätta haben können; sie trank denselben, natürlich 
^buc tuen beabsichtigten Erfolg, und ertränkte sich dann, noch schwan- 
ger. Sehr berühmt, weil verhältnissmässig häufig vorkommendj scheint 
die grüne Seife zu sein^ die uns in versehiedeneu Mischungen, z. B, mit 
Bolus, oder mit Succ. liquirit., oder in heissem Bier aufgelöst, vorge- 
kommen ißt. Fn drei Fällen war das gebrauchte Mittel Thuja orienta- 
li», ohne Zweifel eine Verwechslung mit Sabina u. s. w, u. s. w. Alle 
fitee Mittel mussten als nicht geeiget zu dem fraglichen Zwecke er- 
kUrl werden. 

Bei allerdings geeigneten Mitteln aber hat man auf Dosis» ja auf 
hm der Anwendung und auf die Zeit zu achten, in welciier nach dem 
G«br«idi des Medicament^s der Abortus erfolgt war* Wie überall die 



') Ab«r dia kann ich glackticherweise von Berlin nicbt sagen, was Tardieu von 
Mlngt, vor 1e rrimc» d^avortement coustitne une induistne libre autant qiie coupable, 
All Ü une fvrit^ tellement reconnue^ que Von de&igne publiriuement des maisona on 
Att tenitt aont a^üureea de trouver la ftiaeste complicit^ qifelles redamenW et dont 
k MiwiMÄ eat tepandue j*uaqu'ä T^tranger a, a. 0, S. 23. üebrig-ens war schon im 
aÜn Roo die Provocatio abortna zu einem förmlichen Gewerbe geworden (Otid, 
Vftrrui), nnd aelbal Ton der ßnhne herab (Plautus) wurde ungescheut davon ^e- 

•*> pWer vorsllilieh einem Anderen Gift, odtr andere Stoffe beibringt^ welche die 
dt XU serfftSraa geeignet sind» wird mit Zuchthaus u. 6. w/ 



etili^be Geburt; VrSSSSSmSSng7 

erfahl imgsmässigc Dosis erst das wirksame Ar/aeimittel coodtituirt und 
wie Ein Gran Chamille iceine Cbaraille ist, so ist auch Ein Gran 8a 
^in Achtel-rrraü Seeale noch kein Abortivnm. Daas die Form ihrer 
sehr erheblich in die Waage fallen kann, bewies ein in dieser Be^iehtoig 
sehr interessanter Fall, den ich vor einem fremden Schwurgericht za 
entscheiden hatte. Die Angeschuldigte hatte (wie allerdings gewöhnlkh) 
Sabina in Abkochung wiederholt getrunken* Die Schachtel mit dem 
Reste des Krautes stand aui* dem Tisch der Verbrechenskörper, ood 
wurde mir vorgelegt. Es war anderweitig erwiesen, dass das fi^ml 
schun in diesem Zustande zur Zeit seiner Anwendang gewesen mr. 
Ich fand dasselbe aber vollstäudig ausgetrocknet, fast sehoQ zeriaUea, 
vollkomnien, auch beim Zerreiben, geruchlos, also seines wirksamea 
Prineips völlig beraubt, und musste erklären, dass diese Sabina zar 
FmchtabtreibuDg nicht geeignet sei. So wird^ sagen wir^ auch die Zeit 
zu erwägen sein, binnen welcher der Abort nach dem Mittel erfolgt war. 
Denn, wenn die Frucht auch tüdt im Uterus noch einige Zeit zartck- 
gehalten werden kann, so wird man doch nicht irren, wenn man eben 
viele Wochen oder gar Monate post hoc erfolgten Abort nicht als prop-> 
ter hoc erklärt. 

Hiernach steht es sehr misslieh um die gerichtsärztliche BenrUid» 
lung der Wirksamkeit der innern fruchtabtreibenden Mittel, und es kana 
nicht m Abrede gestellt werden, dass die Erfahrung lehrt, daas aocb 
die wirksamsten und kräftigsten unter ihnen in der Regel ihren Zweck 
verfehlen, und dass die Schwangere danach schwanger bleibt, wie zaTer« 
Dass der Richter von seinem Standpunkt nichtsdestoweniger die Er- 
klärung, dass das Mittel ein „geeignetes*' zu jenem Zweck© 
sehr gut verwertheu kann, berührt die gerichtliche Mediein weiter 

§v 42. forffteUing. 

In der That nicht viel anders als die innern sind die 2i 
vorsätzlich zur Fmchtabtreibung angewandten Mittel und Methodea van 
Arzte in foro zu beurtheilen, mit Ausuahme der verschiednen kuaatge- 
mässen Methoden zur künstlichen Frühgeburt, welche die gebtirtfiliilfli- 
eben Handbücher lehren, welche Methoden allerdings ganz sicher wtrkcSi 
aber im Volke nicht bekannt sind und von der Schwängern allda ee 
wenig, als von einem Laien-Helfershelfer mit Ihrem oder ohne ihr Wk- 
sen und ihre Einwilligung (Strafgesetzbücher) angewandt werden kflaaa. 
Wo diese oder ihnen ähnliche Mittel in Anwendung gekommen sjad, 
und durch die Er^cheinujigen eine Gontinuität der Zeichen bis za tf* 
folgtem Abortus eruirt werden kann, wird das ürtheil anf eioea Caasal* 
Zusammenhang mit Sicherheit abgegeben werden können. Der Atortai 



§• 41. Yor«ätzUclie Geburt; Fruchiabtreibuug. 



263 



pflegt der Ablösung oder Lösung der Eihäute etc. innerhalb der nnch- 
sten vier Tage xu folgen. Er kann bereits nach einigen Stunden ein- 
tj-eten, aber sieh auch in seltnen Fällen länger hinziehen, sechs, aeht, 
elf Tage, je nach der Intensität der angewendeten Methode. 

Zu jenen übrigen äussern Mitteln und Metlioden sind zu rechnen: 
Aderlässe^ die verschiedensten Einreibungen (wofür ich die absurdesten 
Fälle erlebt habe), und namentlich alle Insultationen des Körpers der 
Schwangern, von blossem gewaltsamen Schntiren an bis zu Fusstritten 
u. dgi auf den schwangern Leib, Schlagen, Misshandlungen auf Rücken 
and Kreuzbeingegend u. s. w. Dass alle diese Einwirkungen die 
Schwangerschaft vorzeitig beenden können, also zur Fruchtabtreibung 
^geeignet** sind, wird nicht zu bestreiten sein; dass auch die heftig- 
sten Insultationen diesen Erfolg aber keineswegs immer haben und 
haben müssen, vielmehr oft wohl die Schwangere, aber nicht ihre Fracht 
beoachtheiligen, ist noch weit weniger zweifelhaft. Eine Schwangere, 
die im Einverständnisse mit ihrem Schw^äogerer, einem Schneiderge- 
sellen, den Abort provociren wollte, Hess sich von diesem ohne Erfolg 
treten, und die geniale Idee, „dem Kinde den Lebensfaden abzuschnei- 
den", welche der Geselle durch Einführung seiner plumpen, grossen 
Schneiderscheere in die Vagina zur Ausführung brachte, hatte gletch- 
faÜM keinen andern Erfolg, als Verletzungen in der Scheide herbeizu- 
fuhren! Hier mache ich, nach mehrern mir vorgekommenen Fällen, 
d&räuf aufmerksam, dass bei einer ganz andern Gelegenheit, als der hier 
besprochenen, die Frage von der Möglichkeit einer Fnichtabtreibung 
durcli Missbandlung der Schwangern gerichtlich vorkommt. Ich meine 
die nicht seltnen Fälle, in denen Schwangere einen Dritten deshalb an- 
schuldigen, dass sie durch die von ihm erlittnen Misshandlungen 
oder Verletzungen, z. B. durch Schläge auf den Rücken, Herabstossen 
?on einer Treppe u. s, w,, abortirt hätten, wo dann die Frage von einer 
Körpen^erletzung vorliegt. In solchen Fällen sind eben wieder die oben 
aufgestellten Sätze für das Gutachten maassgebend , dabei aber gleich- 
wie bei Anschuldigungen auf provoeatio abortus, die auch als unbe- 
gründet vorkommen, zu erwägen, dass Befunde am Kürper, die angeb- 
lich Wirkungen der Gewaltthat sein sollen, wie Wunden, Sugillationen, 
Zerkratzungen u» dgL, auch künstlich und absichtlich producirt worden, 
um die Anschuldigung glaubhaft zu machen. 

Es giebt also innere sowohl wie äui^sere, Nicht-Kunstverständigen 
bekannte und von ihnen leicht anzuwendende Eingriffe, welche, auf eine 
Schwangere wirkend, eine gewaltsame vorzeitige Beendigung der Schwan- 
gerschaft zur Folge haben könoeo. Aber aus ihrer thatsächlich fest- 
gestellten Anwendung an sich kann im concreten Falle nur dann ge- 
schlossen werden, dass der erfolgte Abortus eine Wirkung jener ür- 



264 



f. 42. Vorsäfiliche Geburt; Fruchtfthtreibuojr. 



Sachen gewesen sei, wenn der Abortas der Anweaduag deraiiiger~ 
Mittel sich tmmittelbar auschJiesst, und eine Continuität der Zeicbeii 
bis zu erfolgtem Abortus nachweisbar ist. Dies ist nichU weniger als 
eine zu weit getriebene Skepsis, da die Erfahrung lehrt, dass nicht nur 
Abortus unvorsätzlich und ohne alles Znthim der Schwangern oder 
eine» Dritten, ja, wie in gineklidien Ehen, oft genug trotz der grOMla 
Vorsicht zu dessen Verhütung, erfolgt, sondern dass der unfreiwillige 
Abort im Allgemeinen weit häufiger vorkommt, als der freiwillige and 
strafbedrohte. Allgemeine Krankheiten der Schwangern, grosse Reizbar- 
keit, Schwäche, Prädisposition zu Aborten, die manche Ehen ganz kin- 
derlos lässt, deprimirende Gemüthsaftecte aller Art, Missbrauch der Spi- 
rituosa, Missbrauch der Geschlochtslnst, Blutungen, Hyperämie des Uld- 
ms, Krankheiten des Fötus oder der Placenta u. a. sind die allgemeiii 
bekannten, so häufig in Wirksamkeit tretenden VeranlassuDgen zur oa- 
vorsätzlichen Früiigeburt. Hierbei ist zur Würdigung gerichtlicher zwei- 
felhafter Fälle uii:ht zu übersehn, dass die meisten dieser Ursachen zun 
krankhaft-unfreiwilligen Abort sich jedem gerichtsärztüchen Be- 
weis entziehn, was eine neue Schwierigkeit für die Benrtheilung des 
Einzelfalls darbietet. 

Keine geringere, ja oft die grösste Schwierigkeit macht die Beast^ 
wortuDg der Haupt- und Vorfrage, mit deren ErwÄgung überall der 
Anfang zu machen, weil mit ihrer etwanigen Vernein uüg die ganze Bai^lia 
in Nichts zerfällt, die Frage nach der Thatsache des erfolgten 
Abortus an sich. Die Schwierigkeiten sind hier weit erheblichefi ab 
bei der Feststellung der streitigen Niederkunft in späten Monaten der 
Schwangerschaft (§§. 30. 40.), um so mehr, als eine heimlich Abor* 
tirend*^ nocJi weit leichter die Gehurt lange verbergen kann, als etoe 
spät Gebärende, da sie bis zum Abort ihre Schwangerschaft leiehier 
allen Blicken entziehn konnte, folglich die Untersuchung darch deo ge- 
richtlichen Arzt in der Regel noch weit später erfolgen kann und wird, 
zu einer Zeit, in welcher die verschwindenden Kennzeichen der Nieder» 
kunft (§. S9,) längst verschwunden sind, während die dauernden (§. 40L} 
nach Abortiv-Geburten, wie bereits angeführt, weit schwächer am Kör- 
per ausgeführt sind, ja einige, z. B, Einkerbungen am Muttermund 
Zerretssung des Frenulum ganz fehlen können. Hat nun Tollenda 
Betreffende schon früher geboren, und ge&cbah die Untersuchung Wo 
oder Monate nach der jetzt fraglichen angeblichen Abortiv -Geburt, 
dass kein einziges der verschwindenden Zeichen mehr erhoben wvdfl 
kann, ein sehr häufiger Fall in foro, dann ist der Gericitsarzt nicht i 
in der l.agc, mit irgend einem Grade von Gewissheit, oft nirhi etaiDi^ 
mit Wahi-scheinlichkeit über den Thatbestand zu urtheilen. Die poaitiwf 
Festiftellung einer streitigen vorsätzlichen Fmchtabtreibung gehört io- 



§. 43. Unterschieben 'von Kindern. 265 

nach za den allerechwierigsten Aufgaben des forensischen Practikers; 
weniger die negative, d. h. anch nur bei Personen, welche überhaupt 
noch niemals schwanger gewesen waren, und die dann (wie nach Miss- 

htndhingen) einen Abort nur simuliren, oder denen eine solche Geburt 

mgediehtet wird. 



§. 43. DBlerschiebea ?•■ Kiiilrri. 

Gesetzliche Bestimmung. 



I. okta S. 949. 



i 



Diese Betrügerei, die das Strafgesetz mit entehrender und langer 

Vraheitssfa^e bedroht, kommt im gewöhnlichen bürgerlichen Leben nur 

sehr selten vor. Nicht, wie man sagt, weil die Interessen hier nicht 

so wichtige, wie beim Unterschieben von Thronerben, Majoratserben u. 

^^ denn jedem Einzelnen ist sein Interesse eben so wichtig, sondern 

weil der Betrug sehr schwer ins Werk zu setzen und durchzuführen 

itt, und weil er noth wendig Mitwisser und Mithelfer voraussetzt, wenn 

di8 Kind nicht gradezu gestohlen worden, wie in dem Falle in Kleines 

Zonalen der Gesetzgebung. In diesem Falle wollte eine Bauerfrau eine 

Bm erzwingen, berauschte den Mann, bewog ihn zum Beischlaf, simu- 

lirte darauf Schwangerschaft, legte endlich Feuer in ein Haus, in wel- 

cbem eine Nachbarin von Zwillingen entbunden lag, stahl eins dieser 

Kinder und schob es als von ihr geboren unter! In andern Fällen war 

onr Gelderpressung vom angeblichen Schwängerer und Vater, in selte- 

B^ der rührende Wunsch einer kinderlosen Ehefrau, ihren Gatten mit 

^ Vaterschaft zu beglücken (der letzte mir bekannt gewordene Fall 

^ Art), in den meisten endlich das Verlangen, eine Erbschaft irgend 

^ Art zu erschleichen, der Beweggrund zum Betrüge. Die Schrift- 

''dler haben auch hier fremdartige Begriffe in die gerichtliche Medicin 

geführt, wenn sie überall von „Aechtheit**, von „Rechtmässigkeit (Le- 

Sitimität)^ und von „Erbfähigkeit** des Kindes sprechen, Begriffe, die 

Qer Gesetzgebung und Rechtswissenschaft angehören und die die ge- 

^^hÜiche Medicin nicht berühren. Diese hat nur die Kriterien anzuge- 

"^, wonach im concreten streitigen Falle thatsächlich zu ermitteln: ob 

^iese Frau dieses Kind geboren hat? wie sie behauptet, während die 

^^cnpartei das Gegentheil und ein Unterschieben eines fremden Kin- 

^^ festhftlt In seltnem Fällen kommt aber auch ein gleichsam rela- 

*i^es Unterschieben in Frage, d. h. nicht sowohl die Thatsache ist 

•tfcitig, dass die Frau das streitige Kind geboren oder nicht geboren 

Wte, als jene, dass das Kind vom klfi gerisch gewordenen Manne her- 

^Ukre, der also gleichsam behauptet, dass das Kind ihm untergescho- 



266 



§. 43. Linterschiebeo vod Kiftdern.**' 



ben worden. Für die gerichtsärztliche Untersuchuag falku Iwjide Pllte 
zusammen. Diese bat zunächf^t festzustelleB , ob die angebliche Mttller 
überhaupt geboren habe. Die Merkmaie der Niederkunft (§§. 88*, 
40.) werden die Frage entscheiden. Fände es sich, dass sio ftber* 
haupt niemals geboren hatte, so wäre der Betrag erwiesen. Schwieriger 
wird der Fall, wenn sie wirklich geboren hatte, z. B. aber ein Ge- 
schlecht, das nicht das gewünschte war, wie eine Tochter, wenn es 
sich om einen mänoHchen Descendcnten handelt; oder wenn sie sUlt 
des ihrem Interesse allein dienlichen, lebenden Kindes ein todtes g^ 
boren hatte. Hier bleibt ooi;h zur möglichen Ermittelung der Wahr- 
heit die Untersuchong und Vergleichung des Alters des Torgezeigten 
Kindes mit dem Termin der angeblichen Niederknnft. Auch hier noch 
wäre ein Betrag möglicherweise leicht zu entdecken, wenn z. B. eiD an- 
geblich vor drei Tagen gebornes Kind vorgezeigt würde, an w^ebea 
sich schon eine vollständig ausgebildete Nabelgrube fände. Hatte endlieh 
die angebliche Mutter, die wirklich geboren hatte, die List gebraiuil^ 
ein Kind gleichen Alters wie das ihrige unterzuschieben, dann wird^^^l 
der Regel der Gerichtsarzt die Unmöglichkeit, ein entscheidendes Gul- 
achten abzugeben, erklären müssen. Denn die Aefanüchkeit des Kfaites 
mit seinen angeblichen Erzeugern, auf die man zu achten geratheiL, ist 
ein ganz unsiclirer Beweis, zumal wenn die Untersuchung ein oengebor- 
nes oder noch kleines Kind betrifft. Bei dergleichen Kindern, zamal bei 
Neugebornen , ist die Aehnlichkeit in den Zügen mit Eltern oder Vef* 
wandten in der Mehrzahl der Fälle noch gar nicht ausgesprochen; daa 
kommt, dass das Auffinden von Aehnlichkeiten etwas sehr Individneliit 
ist, und endlich, dass es bekanntlich gerade kein Natorgesetz ist, daai 
Kinder ihrem Vater oder der Mutter ähnlich sehn müssen, und das» 
vielfeche Ausnahmen vorkommen. Doch ist mir vor einigen Jabreo 
seltner amtlicher Fall vorgekommen, in welchem dies Kriterium gam 
allein maas^gebend war, ein Fall, der ein oben sogenanntes relativM 
Unterschieben betraf, und in welchem sich die Aehnlichkeit — wat die 
verschiedene Race bezog* Er betraf eine Frau, eine weisse, die flrit 
einem hiesigen Neger zuhielt und von diesem einen vierjährigen 
hatte, der die ächte Mnlattenbildung zeigte. Die Frau gebar einen 
ten Knaben, dessen Vaterschaft d^r Neger ablehnte, der die Frau im 
Verdacht des Umganges mit einem (weissen) Handwerker hatte. Diii 
zweite Kind, zur Zeit meiner Untersuchung elf Monate alt, war 
gleichfalls bereits ein ausgebildeter Mulatte und konnte deshalb mit 
weissen Mutter nicht von einem Weissen erzeugt worden sein! Hier lag 
also der Nicht-Betrug zweifelsfrei vor. Es ist auflfallend, daas gatia d«^ 
selbe Fall t^ich schon einmal in Berlin im Jahre 1790 ereignet hat Br 
gab Veranlassung zu einem Gutachten des Ober-MedicimU-Coll«gii, wet- 



$. 43. üßteTsebleben tou Kindern. 



2Ö7 



bes &icli die Mühe gab, durch vie]e Citate zu erweisen: ^,da^s eiü von 
der weissen Mutter gebomes weisses Kind von einem Mohren nie habe 
rzeugt w^erden kööBen*'*). Rem er geht**) noch weiter, als 7,ur Racen- 
rerschiedeuheit Er macht auf gewisse angeborne Famüieneigenthumlirh- 
keiteD aufmerksam, die sich durch ganze Generationen coiistant fort- 
pflanzten^ wa» durch Beispiele nachgewiesen wird, z. B. krumme kleine 
Finger an beiden Händen, rothes Haar, Stottern, Mangel derselben Fin- 
gergelenke und Blindheit, Beispiele, die nach den neuern physiologischen 
Srfahmngen noch viellUItig vermehrt werden könnten* Remer behaup- 
Bt, dass, wenn solche Merkmale bei einem streitig untergeschobenen 
Kinde vorhanden, dass dann dessen ^,Aechtheit*' gewiss, dass aber, wo 
sie fehlten, die gegentheilige Gewissheit daraus nicht zu sehliessen, wohl 
iber der Verdacht gerechtfertigt sei. Diese Behauptung ist wohl halt- 
l>ar, wenn die betreftende Missbildung oder Anomalie giini auftauend 
und unzweifelhaft und dazu eine selten vorkommende ist, nicht 
llso z. B. „rothes Haar'^ oder „Stottern** n, dgL, wobei der Zufall 
j[wegen des häufigen Vorkommens) mitwirken, auch nicht ein Maal u, 
IgL, was sehr täuschen kann; aber eben weil dann solche Fälle nur 
&QBserst selten zugleich als gerichtliche vorkommen werden, bleibt dies 
letzte y von der Aehnlichkeit des Kindes hergenommene Kriterium ein 
^tast werthloses für die gerichtsärztliche Praxis. Eben weil nun im 
azeü Betrügereien mit unterschieben tou Kindern vom Staudpunkt 
ier gerichtlichen Arzneiwissenschaft schwer und unter vielen Umstän- 
den gar nicht zu ermitteln, deren Folgen aber von der grossten Wich- 
tigkeit für Familie, Sitte, ja öflentÜche Wohlfahrt sind, haben die Haus- 
id Staatsgesetzgebungen seit alten Zeiten Vorkehrungen zum Verhüten 
Fon dergleichen Täuschungen getroffen. In alten Herrscherfamilien, so 
in der Bourbonischen , ist die Geburt eines neuen Mitgliedes und mög- 
lieben Thronfolgers mit feierlichen, gesetzlichen Formen umgeben, welche 
den 8inn und Zweck haben, den ganzen Gebärakt vor zuverlässigen 
'Zeugen, den höchsten Krön- und Staatsbeamten u. s, w^, vor sich gehn 
zu lassen, dass einzige Mittel allerdings, um ganz sicher zu gehn. In 
allen Gesetzbüchern sind ähnliche Bestimmungen enthalten, deren Wirk- 
samkeit in den betreffenden Fällen schon in der Schwangerschaft zu 
bcgißuen bat, die einer fortwährenden Controlle unterworfen wird u, s. w,, 
worauf die gerichtliche Medicin nicht weiter einzugehn bat. 

Man hat auch den Fall erdacht, dass bei Zwillingsgeborten der 
Zweitgebome dem Erstgebornen vorgezogen, gleichsam imtergeschoben 



*) P7I, Aaf^Ue u. Beob. VU. S. 262 

*J JCetiger^ft System. 5* Äuti S. aG7. Äamerk. 



44. Terletxuogeo ?on Muttfr und Kind bei der Geburt 



werden könnte*), imd sich bestrebt, za ersinnen, wie ein solches Cii- 
terschieben zu ermitteln sei! Wir meinen, dass solche mediciniseli-fo* 
rensische Spitzfiadigkeit in das Kapitel ähnlicher veralteter Fragen, 
2. B. znr Kategorie der Frage gehört: ob die im Vollmond erzeugten Kin- 
der lebensfähiger, als die im Neumond empfangnen^ wovon beiPaalm 
Zacebias zu lesen! 



§. 44. Vf!rletiiiii|;cii fea Moltrr lad klad ht\ ier Uthmrt 

An das Thema von der Gebart knüpft sich noch die nicht gar zu 
»elten in der Praxis vorkommende Frage von den Beschädignngeii^ wd* 
che Mutter und Kind während , und letzteres gleich nach der Geburt 
ohne etwanige Schuld der Mutter, des Geburtshelfers oder irgend einea 
Menschen erleiden können. Was die Verletzungen und m5g]icbili 
Tödtungen des Kindes betrifft, so ist davon ausfuhrlich und unter An- 
fuhren einer reichen Casuistik in den betreffenden Paragraphen am 
zweiten Bandes die Rede, worauf wir vorweisen, unter den Verletiuii- 
gen, die die Mutter bei dem Gebäract erleiden kann, ist namentlid 
nicht selten die Zerreissung der Gebärmutter in Frage gekom- 
men, weil sie unstreitig durch ein rohes geburtshülf liebes Verfahren, 
durch plumpe Anwendung von Instrumenten bei Abortiv- Versuchen •^X 
gewaltsame Lösung der Placenta, Wendungs versuche bei fester Cai- 
traction der Gebärmutter u, dgl erzeugt werden, eben so unbeetritUHH 
aber ganz spontan und unter durchaus vorschriftsmassiger KunstbuB 
entstehen kann, Sie kann dann bedingt werden durch i^egelwidrige Ver- 
dünnung der üteiniswände, die in einem uns vorgekommenen Falle mt 
3 bis 4 Linien dick waren*'*) zumal wenn eine solche Verdünnung oder 
auch eine fettartige Entartung der Wände noch zusammentriftt mit 
Beckenverengerungen oder mit Querlagen der Frucht; durch Jeden io 
den weichen oder harten Thoilen begründeten Widerstand gegen den 
Ausgang des Kindes bei stürmischer Wehentiätigkeit, z. B, doreh »pir 
stische Strictur des Muttermundes, durch Narben oder DegeneratJona a ^ 
an demselben, die seine normale Ausdehnung verhindern u. ifß. Df^H 
ausserordentliche Seltenheit solcher spontanen Gebärmutter -Baptara^F 
die beispielsweise im grossen Pariser Gebärhauso in den zwanzig Jib*-* 
ren von 1839 bis 1858 unter f>9,8;>9 Geburten nur elfinal vorki«ei»L^ 
wird in Fällen, in welchen, den umständen nach, die Veranladsimg 



*) I. u. A. MnMer, Entwurf der jrericbtl Antneiwisseoscbaft nach Jü 
imil medicitilschen GnujäsäUen. Frankfurt I79G [. S. 366, 

•*) Mehrere derartige Fälle s. in den Ajinales d*Hyg. publ, 185». X. S. I5€ tt f 
•••) s» den 490. Fall im xveiUa Bande, 



Geburt, f. 45, Casuistik. 153* FiilL 



269 



Ruptur verdächtig geworden, schon zu besonderer Vorsieht im Urtheil 
auffordern. Dasselbe wird sich dann ferner leiten lassen müssen durch 
die Ennittelong der Zeit der Schwangerschaft, in welcher die Zerreissuiig 
erfolgte — wobei es mehr als verdächtig sein wird, wenn dieselbe län- 
gere Zeit vor dem normalen Ende der Schwangerschaft eintrat — so 
we durch Ermittelong der Gesundheitsverhältnisse der Veratorbenen, 
des GeburtÄherganges, der pathologisch -anatomischen Befunde und der 
^ronereten umstände des Einzelfalles* — Ganz spontan ferner und un« 
'^«rmeidlich könuen auch entstehen: Bersten eines Varix, selbst mit 
w-^töch tödtJicher Verblatung, eben solche Verblutung aus den zcrrisse- 
caen Uteringefässeu, Einrisse in den Damm mit ihren möglichen be- 
kannten nachtheiligen nnd lebenslänglich andauernden Folgen, Einriss 
i XI den Mastdarm mit nachfolgender Kothincontinenz, Zerreissung 
d er Scheide bei augeborner oder durch Narbenbildung erzeugter be- 
8<^Dderer Verengerung derselben, gewaltsame Dmstülpnng derGe* 
teJlrmutter^ ja Zerreissung der Beckenverbindungen*). 

Die Beurtheilung der streitigen Verschuldung im concreten Fall 
kftim sich natürlich nnr nach den individueUea Umständen richten, und 
sind die Beläge dazu die genaue Geschichte des Gebäractes, wenn und 
«o weit sie zu erlangen, was keineswegs immer der Fall ist, nnd die 
eigene Untersuchung der noch lebenden Verletzten Seitens des Gerichts- 
ÄTite» oder die gerichtliche Obduction der Leiche. Die allgemeineu 
Gmndsätze für das Urtheil sind keine anderen, als die der Beurthei- 
Itmg der angeschuldigten Kunstfehler von Medicinalpersonen überhaupt, 
die wir nach unseren Ansichten im zweiten Bande §. 89. u. f ausführ- 
lich eotwickeln. 



$. 45. Caitiibltk, 

IM. PaII. Ob die Z. ?or fünf oder sechs Monaten geboren bat? 

Sit w&r der heimlichen Geburt im Januar oder Februar (unter dem altea Straf' 
9<iaib) «jQgeAchuldigt, und llugnete, zur Zeit der eröflfueten ünterauchuDg « im Juni, 
•^ guuni Jahr geboren tu haben« Bei der Exploration fand ich eine Frau von 47 
^«^118, dk in ihrer fönfundzwanzigj&hrigen Ehe — eeunzehnmal geboren, und alle 
'^^ctoiltig feboreae Kinder, so wie ausserdem noch Haltekinder selbst gestillt hatte. 
und Um sollte über eine zwanzigste, vor einem hdbeu Jahre angeblich erfolgte Nieder- 
A geurtheUt werden! Die Z. stellte dieselbe gegen mich entschieden in Abrede 
^ UbiQptete, das« sie vor zwei Jahren und vier Monaten zum letzten Male geboren 
*f tise Angabe « die indesi natdrlich nicht maassgebend sein konnte. Die Brüste 
w lehlif ♦ welk, der Hof sehr dunkel, die Warzen augenseheiaiich zum Nähren be- 



' ^^gL die grundlicben medtc* forensischen Erl&uterungen bei Hohl a. a. 0. 



270 



Qehmt f 4:». GAsuishk 1.^4. u. I;i5, Kall. 



nutzt worden. Die Banchhant war ausserordeDtlJcb welk und runzlicfa, httte abtr 
auffallend wenige Narben* Die Vagina scbtaff und weil« kein Auäfluss, kein W< 
flusis; der üteru« stand hoch, der Miittennund war derb «nd hart, fjeine nmd« Ocl 
Hess die Spitze den Zeigefingers ein und an seiner rechten Seite befanden «ch 
Einkerbungen. Kein Scbaantlippenbaadchen. Hiemach konnte nur festgesteni «tnlt^ 
dass die Z mehrfach geboren faal>e, und es musste, bei dem Mangel der bet 
Zeichen der Tnrgescenz oder der Milcb in den Brüsten, des blutigen oder achli 
Wochenflusses und einer noch ansehnlichen OefTnung des Muttermundes, angeo« 
werden, dass die Z. in den letztvergangenen Wochen nicht geboren habe. Ob 
vor fünf bis sechs Monaten? dariiber, wurde gesagt} könnte unter den obwaltenden Um* 
standen des Falles der Befund auch nicht mit Wahrscheinlichkeit Ansktmfl geben. 

154. Fall. Wie alt war die tot drei Wochen geborne Fruchte 

Bei der unTerehe Hehlen L* war nicht die Geburt an sich, sondern die Zeil der 
Unterbrecbuu]? der Schwangerachaft in Frage. Auch diese Person hatte schon fräber 
geboren. Am 2S. September fand ich in den Hrünten noch deutlich eine aiemÜcb fetta 
sehr weisse Milch, was allein, erkl&rte ich, schon mit grasser Wabrscbeiiükhliiit gifii 
die Behauptung der L. sprach, dass sie erst 'd bis 4 Monate schwanger gefwasen i«. 
^Die Bauchhaut war mit Jenen Falten und Flecken, wie sie nach rechtzeitigen Est- 
bind un gen zurückbleiben , sehr reichlich versehen , was jedoch für die Frage nickt tt 
heblich ^ da feststeht, dass die L. jedenfalls früher schon ein ausgetragenes Kind giborap 
hat. Vom WochenfliLss sind noch schwache Spuren vorhanden, die nichts für das Altir 
der kürzlich gebomen Fnicht beweisen. Dagegen i«t der Muttermund noch jettt, irü 
Wochen nach der Nti^derkiioft, iu der Grösiie eine» Silbergroschens geüffoet und kifi- 
den sich daran einige Eiurisso. Jene Oeffnung lässt aber ihrerseits kaum auf dw Ent- 
bindung von einer nur noch ^ehr kleinen (jungen) Frucht, vielmehr auf dh toü mom 
schon grosseren, d, h. älteren schlicssen." Nach allen diesen Befunden erklirtf (eh* 
,dass die Fmcht» welche die L. vor 3 bis 4 Wochen geborm« höchst wahns^iWIiek 
alter als vier Monate gewesen sei*. 



155, FalJ. Zweifelhafter Abortus nach Misshandlungen. 

Im Audienztermin hatte ich eine 28jäbnge, grosse» robuste, seit fünf MocmIcq 
heirathete Frau zu untersuchen, welche ihre, auf der Anklagebank dethalb 
Schwägerin angeschuldigt hatte, dass sie sie vor vier Monaten mit Fauätaehllgia < 
Knien auf ihren Bauch, nachdem sie sie niedergeworfen, misshandelt habe, als 
drei Monate (zum ersten Male) schwanger befand. Sie deponirte, dass sie an 
den Tage nach der Misshandlung Frostgefübl gehabt, heftige Schmenan in Kmis ^ 
Lenden empfunden, und dann einen Tag viel Blut, nachher wenigar, T»r}om liah^* 
wollte auch ^Häute'" unter den Blutkumpen bemerkt haben. Ein Ant war Dicht < 
anttirt worden. Ich fand eine schwach gelb bräunliche Areola um die nicht on 
Bni^twarzen, keine Milch, keine Flecke, noch Runzeln an der Bauchhaut, kelacB k^ 
fluss, zerstörtes Hymen, aber erhaltenes Frenulum, die Scheidenportion etwas tiil i 
hend, den Muttermund etwas rundlich, ohne Einrisse. Ich musato unter Ba 
guug des Oesammtfalis, der vor Gericht beschwomen Aussagen der BeMhiiliglaii * 
wie man sieht, eine innere Glaubwürdigkeit hatten t und meines Befnndea, 
dass der erlittene Abortu.s wahrscheinlich sei. 



Fraefatabtreibang, §. 45. Gasuistik. 156. u. 157. Fall. 271 

IM. Fall. SchUge mit einem Besenstiel. Abortus. 

Siae gradle, achw&cbiicbe Frau Ton 27 Jahren, die Tiermal glücklich geboren und 

jaimidt abortirt hatte, und die allein ihrer Wirthschaft vorstand , wurde durch Schläge 

E einem Baaanstiel gemissbandelt, die Arm, Hand und Rücken trafen, während sie 

i Wiedtr zwei Monate schwanger befand. Schon zwei Stunden nach den Misshand- 

stellte sieb eine Metrorrhagie ein, und eine Hebamme bescheinigte, dass — 

^wrana? war sp&ter nicht mehr zu ermitteln — wirklich ein Abortus erfolgt war. Der 

CrSrnwlnaxua zwischen dem Fruchtabgang und den Misshandlungen konnte nicht füglich 

faa. Abrede gestellt werden, da weder eine indiTiduelle Neigung zum Abortus, noch sonst 

eine andere Veranlassung dazu vorlag, der Blutabgang sich fast unmittelbar 

I den Schlägen eingefunden hatte, und Stockschläge auf den Rücken, verbunden 

it dar nothwendig eoncorrirenden Gemüthsbewegung, bei einer zwei Monate Schwängern 

nb^rhanpt als' mögliche Ursache zur Trennung der Frucht angesehen werden müssen. 

Ks warde festgestellt , dass der Blutabgang, durch den die Frau angeblich, und erfah- 

LwignBässig sehr glaubhaft, sehr geschwächt worden war, gegen sechs Wochen ange- 

; hatte. Zur Zeit meiner Untersuchung war sie wieder vollkommen hergestellt 

K« blieb nur ausser obigea Sätzen noch auszuführen, dass nach Lage der früheren 

^^ra^esetzgebung eine «Beraubung der Zeugungsfähigkeit*' durch diesen Abortus nicht 

^«nnlasst sein könne, dass derselbe aber eine „längere Arbeitsunfähigkeit*', eine Un- 

KJaigkeity die gewohnte Thätigkeit in gewohntem Maasse auszuüben, zur Folge gehabt 

1femt)e, wonach die Verletzungen als „erhebliche* erklärt werden mussten. 

18T. Fall. Abortus 1 Monat nach voraufgegangener Misshandlung. 
Ausstossung einer todten Frucht. 

Die richterliche Frage lautete: ob mit Sicherheit anzunehmen, dass Abortus Folge 
^•r Misshandlungen gewesen ist, beziehentlich, ob dieselben Arbeitsunföhigkeit herbeige- 
<«bit haben. 

Am 14. August wurde die Schulz von dem Markus der Art misshandelt, dass 
*>• uiter Anderem auch einen Stoss mit dem Fusse vor den Bauch erhielt und rück- 
lingt einige Stufen der Treppe herunter gegen die Baum fiel, wie diese, die Stuss 
^>iKi sie selbst aussagen. Die Zensch führte sie darauf nach ihrer, der Schulz Woh- 
'^luig, wo sie anscheinend von nervösen Zufällen befallen worden ist, wenigstens giebt 
*■« selbst an, bewusstlos geworden zu sein, die Zensch, dass sie in einen „Schrei- 
^T^apf* verfallen sei. — Die Schulz hielt sich für schwanger im vierten Monat, und 
^Ül am darauf folgenden Tage, den 15. August, „ Blutverlust ** (sc. aas den Geschlechts- 
^bailen) gehabt haben. 

Am 15. August sah sie der Dr. Pf., indess weder das Attest desselben vom 18. 
^^Hober, noch seine Deposition vom 15. November enthalten irgend eine objective Be- 
^WfataDg über den Zustand der Schulz, nur das führt er wenigstens in seiner Yer- 
**bmmg an, dass die Schulz über „heftige Schmerzen im Unterleibe und Ziehen im 
hf/m geklagt habe*. Auch darüber, ob am 15. August die Schulz zu ihm gekom- 
^ oder er sie besucht habe, stehen seine beiden Depositionen im Widerspruch. 

Aa 13. September wurde die Schulz entbunden. Ueber den Vorgang vor und 
^' der Geburt constirt aus den Acten Folgendes: 

Dr. Pf. giebt an: „Am 11. September kam ich auf Verlangen der Schulz in 
deren Wohnung. Ich fand sie im Bette. Ich untersuchte sie innerlich durch Einführen 
enes Fingers. Es lag schon eine Unmasse Blut im Bette. Es fand, nachdem ich den 
Finfer wieder herausgezogen hatte, noch weitere Blutung statt. Ich führte den Finger 



272 



Fruchtabtreibmig- §. 45* Casolatik. 167. F«ll 



bu zum Gebärmuttermimde uüd fand, dit&i derselbe geofTnet war, tmd das» fticii 
rechU Weben eingestellt hatten. leb verordnete kr&ispfstüleade Mittel, emen Tbot 
Baldrian, Pfeffern) ÖQze und Cbamilleu zum Trinken. Ich sucbte eine waitere 
des Mnitermundes ^ indem ich auch einen zweiten Finger einführte, zu bewirken, 
die Blutung zu mäs,sigen, habe ich auch „,Hal!er'sches Sauer** der Patientin verord 
net* Ich habe sie an demselben Tage und in der Kacht, und ebenso häufig au dta 
beiden darauf folgenden Tagen besucht, kh habe jedes Mal die l^utermichuo^ail 
die Manipulationen wiederholt. Es kamen ab und zu Weben und sogmr sehr 
hafte, so dass die Patientin laut schrie. Am dritten Tage ging die Frucht ah, 
war ich hierbei nicht zugegen. 

Die Wickelfrau Krell fand ebenfalls bei ihrem ersten Besuche, S. oder 9. SeplM» 
ber — sie kann die Zeit nicht genau angehen — die Schnlz im Bette, und iwar hg 
sie im Blute. Am 13« September Nachmittags fand sie l>ei einer (Jntersuchnnf 4m 
Schulz, daas die beiden Füs^i^e eines Kindes aus dem Muttermunde herrorragCon» 
habe das Rind geholt. Pf. habe die Nachgeburt zu entfernen gesacht, doch «ei 
daa nicht gelungen. 

Am 17. September entfernte sie die Nachgeburt, die auch Pf. in seiner zvvta 
Vernehmung gesehen zu haben zugiebt. Wie sie beschaffen gewesen, namenÜidk ah lit 
TollstEndig gewesen, constirt nicht aus den Acten. 

Sehr verschieden sind die Depositionen der betreffenden Zeugen über dAi Protei 
der Geburt der Schulz. Mit sich selbst in vielfachem Widerspruche siebt der Pf. 
Nach seinem ersten Atteste vom 18. October war e» „eine in Vemesung dbergegatifMii^ 
circ4i 3 bis 4 Monate alte Frucht*. Am 15. November erklärt er, sie habe ihm ackt 
Wochen alt geschienen, seit 4 bis 6 lagen in Fäulniss übergegangen. .Ed war katas 
ausgebildete menschliche Leibesfrucht, mehr molenähnlich, man konnte einzelne Korp«* 
tbeile noch nicht unterHcheiden, Es war ein Coiivolut von Fleisch und Blut, dutf 
Nachgeburt ähnlich*', diese aber sei zurückgeblieben gewesen, wie er sich davon ^btt- 
zeugt habe, indem er sie gefühlt habe. Am 15. December spricht er wieder ton tiafll 
»Kinde'', das er zwar ^angesehen, aber nicht speciell und anatomi^b untersucht* hila 

Dagegen bekundet die Zensch, dass das Kind natnrgemiss auagebüdet gii— « 
ein kleines Mädchen gewesen sei, was sie an den Gescblechtstheilen erkannt habe Dil 
Schulz selbst sagt, dass es ein ^ausgetragenes Kind weiblichen Geschlechts* rpw*o 
aei. Ihr Fhemaon, der die Frucht ebenfalls gesehen, sagt, daas es ein Kind wr 
GeachJechls von cirta 5 Zoll Llinge gewesen sei. Die Krell endlich efklirt et i«rm 
etwa vier Monate altes Kind von D bis 10 Zoll Länge, das todt rar Welt ftkonsMi 
das sie gebadet und nachher auf ein Brett hingelegt habe. Es w&re ein gaiu flii0|^ 
mäas ausgebildetes Kind, an den Ge:icblecht»theilen als ein Mädchen kennUieh^ |i«h* 

Was die Arbeitsonfähigkeit der Schulx nach der Entbindung betrifft, iO datircH 
dieselbe bis zum 19. September; der Ehemann der Schulz sagt, daas sie noch II t^ 
nachher daa Bette hal>e hoten müsaen und schwere Arbeit noch am 29. NoTamber wM 
wieder habe verrichten können. Sie selbst giebt an, dass sie nach der Entbindiiiil ^fA 
drei Wochen , krank* gewesen sei. — 

Die voritehenden Thatsachen gestatten kaum weiter zu gehen, alv die MogtiekMI 
einea Causalzusammenbanges zwischen Misshandlung und Abortus zuzugeben. tM U^ 
jedes Verbindungsglied, und wir wissen gar nichts über die wichtiga Zeil ^9m 1^ 
August, wo «e tler Dr. Pf. sah, und dem IL September Nur der Ehemann tut** 
seiner Denunciation , dasa seine Frau „in der ganzen Zwischenzeit in Folge 6m M*- 
handluBg kmnk gewesen aei, so daas aie den Arzt mehrere Haie zu Hilfe tiifctt 
mitiste^ ein Punkt, der weder in der Vernehmung der Schulz, noch ihm KtaHM* 



rruchUbtreibunj^. § 45, Casuistik, 1^7. F0II, 



273 



am 24. November wieder tut Sprache gekommea ist« nnd aucb durch die Au89a^ des 
Pf. am 13. December nicht aufgeklärt IhL 

Ernst weilen habe ich mit Rncksicbt &uf die Verfügung' der KonigL Staatsanwalt- 
schaft die Untersnehuiig der Schulz meinerseita für erforderlich erachtet Das Ergeb- 
iiita dar von ihr gemachten Angaben ist folgendes, das ich nur insoweit anfahre» ah es 
das bereits Bekannte zu erg&nten geeignet ist. 

Die Schnlz ist eine kräftig gebaute Fran von angeblich und anseheinend 34 Jah- 
reo* Sie will aeebs M&l geboren, bisher niemals abortirt haben. Am 9. Mai sei ihre 
leCzte R^el beendet gewesen» am 10. Mai habe sie Umgang mit ihrem Manne gehabt, 
tmd von da ab ihre Schwangerschaft datirt, weil sich ein eigenthümliche-s ÜnwohlbeÄn- 
den, welches sie aus früheren Conceptionen her kenne^ eingestellt habe. Am Tage nach 
der Miashandlong} am lo., sei sie nicht ausgegangen, vielmehr Dr. Pf* bei ihr gewe- 
t#D, und sei seine erste Deposition ein Irrthum. vielmehr die zweite die nchtige. Pf* 
liabe sie mehrmals in dieser Zeit besucht. Sie habe nämlich am anderen Tage Blut 
verloren und sei vier Wochen lang Blut mit Wasser von ihr abgegangen. Dabei habe 
«e Schmerlen im Bauche gehabt, die wie „blinde Wehen* gewesen wären, und öfter 
Brechreiz empfunden. Acht Tage nach der Misshandlung habe sie zu Bette gelegen, 
dann ihre Wirtbschaft besorft, soweit das ohne Anstrengung möglich gewesen sei. 
Waaser i. B. habe sie nicht getragen ^ weil sonst die Blutung stärker wurde. Es sei 
ihr zwar verordnet gewesen, liegen zu bleiben, jedoch sei sie atunrlenweiiüc aufgewesen. 
— Am 10. September habe sie^ ohne dass sie sich einer Veranlassung bewusst wäre, 
einen Frostanfat) bekommen, um 1 Uhr, der bis gegen Abend hin gedauert hätte. Mon- 
tag, den IL habe sie wieder einen Frostaufall gehabt, Vormittags, der mehrere Stun- 
den angehalten habe, Blutung »und Schmerzen seien stärker geworden» hätten sich am 
Dienstage lu ordentlichen Wehensohmer«en gesteigert, und am Mittwoch sei sie ent- 
bunden worden. Das Kind sei ein Mädchen gewesen, 5 — 6 Zoll laog» „reiu und glatt". 
Pf. habe sie das erste Mal erst nach dem ernten Frostaufalle tintersuchL dann sei er 
öfter mit den Fingern, auch wohl mit der Hand eingegangen Sonntag sei die Nach- 
geburt gekommen, welche von der Wickelfrau, die ebenfalls mit der Hand eingegangen 
sei, mit Gewalt geholt worden sei Vier Wochen lang habe sie nach der Entbindung 
no^'b Blutabgang gehabt, in der fünften Woche habe sie noch nicht wieder waschen 
können, namentlich weil sie Schwäche in den Beinen gehabt habe, erst Anfangs No- 
vember sei sie wieder in früherer Weise arbeitsfähig gewesen, und jetzt wieder gesund. 
Eine Untersuchung der Genitalien der Schulz ist von mir nicht u:iternommen wor- 
den, weil sie^ in Bezug auf die in Rede steheudeii Fragen, einen Zweck nicht haben 
konnte. 

Nach diesen Auslassungen bin ich im Stande, ein Gutacbteu abzugeben. Dieselben 
erscheinen mir äusserst wichtig, weil sie eine grosse innere Wahrheit haben und offen- 
bar Erlebnisse wiedergeben, wie z, B. die den Aborttis einleitenden Erscheinungen, die 
Eiplorata nicht füglich ersonnen haben kann, und mil welchen sie mir gegenüber ganz 
von selbst hervorgetreten ist, 

Ea fragt sich zunächst» was und tu welcher Zeit ihrer Schwangerschaft hat die 
Sehn Ix geboren. 

E» ist mir nicht einen Augenblick xweifelhaft, das» das Geborene eine Frucht mit 
meiiidil icher Bildung und Form gewesen sei, und nicht eine Mole oder molenähnliches 
GoAToIitt Yon Fleisch und Blut» an dem man einzelne Kt3rperthpile nicht habe uriter- 
teheiden konnen^ Die Weiber haben das Geborene gesellen, an den Geschlechtstheilen 
als ein Mädchen erkannt, die Schulz nennt es rein und glatt, die Zensch bat es so- 
gaj* gehatlet, ein Umstand, der allein schon hinreicht, zu beweisen, dass eine Mole nicht 



274 



FnichfÄbtreibung. §* 45. Casoittilr. 157, Fall. 



Torgetei^eTi hat. So hoch ich auch die Phantasid des Weibes iremnscblAf^v* fo haAU kh 
es für unntüglich, dass man eine Mole statt eioe^ Kindes bibdel D)e»e nänükli iii «in 
RlutnpeD ohne meuachliche Form und Bildung, entstanden aus einer DefreDefimiig dir 
Eihäute oder zwischen sie und den Fötus ^ der recht oft uuenti^ickelt in den Mi 
vorfindet, ausgetretene ßlutmasseUf hieruach älch als Trauben* odtf ßlutinale 
lend. Eine Mole würde im Gegent heile der Phantasie und Klatäcbsnobl dtr Wi 
deren nach Angabe der Zensch das ganze Zimtner voll war^ den ^sston Stof 
ben haben, wie denn ja auch das Kind schon die Zeichen des Stiefelhackent fiea 
ku» an der Stirn getragen haben soll- Andcreraeits giebt Pf. kein einzige« 
an, woraus er die nMolenähnlichkeit^ gefolgert habe, und wenn er erklärt^ da« 
Kind zwar angedeben, nur nicht s^pecioll anatomisch untersucht hat»e, so hl dm Art du 
Ansehens vielleiclrt durch seine eigene« binxugefugteu Worte: ,icb war froh, ti, 
weg war/gekennzekhnet 

ha» Kind wird nun weiter von den Zeugen als ein solcbea geschildert, d< 
achtechl sie hfttten unterscheiden können, das 5 — G Zoll lang gewesen »ei, und 
gleich die Krell es zu 10— 11 Zoll taxirt, m giebt sie doch den Stand ssiDei 
Wickelung auf vier Monate an. Auch der Ausdruck der Schulz, dasa ea wa 
tragenes" Kind gewesen, dürfte nicht wörtlich zu Ter^tehen sein» vielmehr hat ai# off«- 
bar damit bezeichnen wollen, das« dasselbe bereits vollständig gebildet geweüB iii 
Nach diesen Angaben aber würe das Rind ganze vier Monate alt gewe^n, 4mi Xadi 
des dritten Mon&le« erreicht es eine L^i»e von 2 — 2^ Zoll, finde dei vierten 4 - tf 
Zoll» Ende des fünften 10—11 Zotl^ Ende de^ vierten ist daa Geschlecht bereit» »I 
blossem Auge zu unterscheiden, die Haut ist rosenfarbig, und hat selion eine getii» 
Conststenz, auch die Fettabsondenmg im Uuterhaulzeltgewebe hat l)egonnen, to «last 
der Ausdnick der Schuh,, das Kind siei ,rein und glatt" gewesc^n» vollkommen p»t 
Endlich stellt im Einklänge damit die Rechnung der Schulz, welche ihre Srtivtafir- 
Schaft vom 10« Mai an datirt und wonach die Geburt mit dem Soneiutrift der ticd« 
Regel zusammengefallen wäre, so daas auch nach dieser Rechnung das Kind bOTli 
vier Monate alt gewesen wäre» 

Es ist mithin die Schulz Eude des vierten Monatea ihrer Scbwangerarhaft ««■ 
einer vier Monate alten Fiucht entbunden worden, d, h. sie war »ur Zeit der erhuie« 
Misshandlung bereits drei Monate lang schwanger. 

Unmittelbar nach der Mis^handluiig, welche, wie keiner weiteren Auafnlmiai b^ 
darf, sehr geeignet war, nacht Utilig auf den Verlauf der Schwangerachafl lu wiitü» ^ 
aofern durch Fuhslriti vor den Bauch und Fall eine heftige Erschütterung berbelffflM 
werde und eine tbeilweise Lusung des Mutterkürhem« bewirkt wertlen kann, nainitliftP 
nach der Misi^handlung ver6el die Schutz in einen mit nervösen Symptomen tfitai* 
denen Zustand, der jctlenfalls eine heftige Ciemüllisbeweguug bekundet, und Nk» 
anderen Tages Blutabgang, welcher Abgang, mit Wasser vermischt, die ganze 2iii ^ 
zur Niederkunft abgehalten haben soll. Gleiebzoitig stellten sich LeibacbmeiMfl «(^ 
welche blinden Wehen glichen , bis Frostanfalle eintraten tind der Abortus sich •«• 
leitete. 

Es ist hier eine Continuitat der Erscheinungen unverkennbar, uml unter dir Vfr 
aussetznng der Richtigkeit der Angaben der Schulz nehme ich keinen Ansiatti^*^ 
Catual Verhältnis)^ zwisihen der Misshandlung und dem endlich erfolgten Atuwtaz astS' 
nehmen. Die Blutung wurde erzeugt und unterhalten durch theilwdse Ummg dci W 
terkücheuM, die Wai*ser gingen allmfüig ab, zur Zeit der FrosiaufaÜe starb dar lÜi* 
ab und wurde nunmehr ausgestossen. Die Annahme eines ( 'ausal verhältttinte |tfi^ 
um Mf mehr Raum, als die Schulz ein kräftigea Frauenzimmer ist, die, vinrabi M 
aech^ Mal schwanger gewesen zu sein angiebt, kein einziges Mal abortirt habaa tiB^ 



Fruchtabtreib«nflr^ §. 45. Casttistilc, 157. Fall. 



275 



aI<o eine Dispositioii tum Abortus boi ihr nicht angenommen werden kann, auch an- 
dere schädliche Kinwirkungen in der Zwi^^chenzeit « »o viel bekannt war, nicht einge- 
wirkt baben. 

Ob es möglich gewesen wäre, den Abortns bei 2weckmässigerem VerhaUen aufzu- 
balten resp. lu Tereiteln, muss vollständig dahin gesielU bleiben. Die Seh. ist ihrer 
«iSeneii Angabe nach, nach acht Tagen bereite wieder aufprestanden und hat ihre Wirth- 
Miiflll besorgt, obgleich Bie fortwährend Blut verloren hat. Nur die strengste Ruhe und 
pttMende diätetische und äatliche Behandlung kann in solchen Fällen die Consumirung 
dM Abortus möglicherweise vereiteln. 

Es könnte aber noch geltend gemacht werden, dass das Verfahren des Pf. wesent- 
lich zur Erzeugung des Abortus beigetragen habe, indem er anstatt die Ausstossung des 
Fötus der Natur zu DberJassen, wenn sie erfolgen sollte, durch geschäftiges Untersuchen 
uaid wiederholtes Eingehen in den Muttermund die Möglichkeit einer Hintanhaltung des 
Abortus nicht nur verhindert bat, sondern durch dies Eingeben denselben nur befördert 
baben konnte* 

t)»s Verfahren des Pf. ist allerdings^ so treu er seinem Berufe obgelegen zu haben 

fint, kein hinreichend motivirtes. Entweder es war keine starke Blutung vorhanden, 
g«teos keine lebensgefährliche, oder es war eine solche vorhanden. War keine Le- 
^ahr vorhanden» und meinte er, der Abortus sei nicht mehr aufzuhalten, so war 
kein Grund vorhanden, mit den Fingern in die Gebärmutter einzugehen und den 
Muttermund erweitern zu wollen, zumal, wie er selbst angiebt, „regelrechte* Wehen 
jiich eingestellt hatten. Oder es war eine lebensgefährliche Blutung vorhanden, so war 
idinelles Handeln und zwar die Einleitung eines der künstlichen Frühgeburt analogen 
Verfahrens nach den in der Geburtshilfe vorgeschriebenen Regeln angezeigt und eine 
DÖgUcbst schnelle Eutl>induug Pflicht, nicht alter die von VL unternommenen, durch 
Tage hindurch fortgesetzten Manipulationen. Eine iebenagefäbrliehe Blutung aber lag 
jkbt vor, wenigstens ist kein Zeichen einer vorhandenen erschöpfenden Blutung äuge* 
^febo, und vor allen Dingen stimmt dazu nicht, dass der Pf. die Schulz am 19. Sep- 
Iftber wieder für „arbeitsfähig", selbst leichte Arbeit abgenommen, erklärt, nachdem 
ihr Sonnlag den 17. erst die Nachgeburt entfernt worden war. Wäre eine lebensge- 
fllirliche. profu.^e und erschöpfende Blutung voraufgegangen, so würde die Frau un- 
nitiglicb am 19. wieder arbeitsfähig haben sein können. 

Aber wie der Fall liegt, kann angenommen werden, dass Pf. erst zu einer Zeit zu 
der Schutz gekommen, als der Abort unvermeidlich geworden, nachdem nämlich Frost- 
iofälle bereits eingetreten waren. Wenn hiermit, wie das erfabrungsgemäss ist, das Ab- 
sterben dee Fötus signalisirt war, so war der Abort bei gleichzeitig vorhandener stärke- 
!r Blutung und regelrechten Wehen unvermeidlich geworden, und wäre bei zweck- 
piigstem Verhalten nicht mehr zu vermeiden gewesen. 
I Was nun die Dauer der Arbeitsunfähigkeit betriff, so ist es vollkommen glaublich, 
M, die Richtigkeit der Angabe der Schulz angenommen, dieselbe zwischen Miss- 
»dlung und ihrer Niederkunft und auch vier Wochen nach derselben zu ihrer ge* 
wohnten Arbeit unfähig gewesen ist. denn, w^enn gleich eine lebensgefährliche Blutung 
nicbl Statt gefunden haben mag, so hat sie doch sicberlich bedeutende Blutverluste ge- 
be^ und ist durch diesen Verlust, wie durch die uberstandene Entbindung schwach 
£•««01011, auch ist es vollkommen in der Erfahrung begründet und glaubhaft, dabs 
1^ noch vier Wochen nachher ßlutverluHte gehabt habe, denn der Mutterkuchen ist 
^^ Gewalt^ entfernt worden, und wenngleich derselbe einer sachverständigen lui^pec- 
tion nicht unterworfen worden, so ist es höchst wahrscheinlich, da^^ts, wie unter Holdien 
tim^taojeii zu geschehen pflegt, Reste di*Hselben in der Gebärmutter zurückgeblieben 

18* 



276 



RScDtäbtreibiing* |. 45. Cnmh 



IST Fan, 



sind, «reiche tue fernere Blutuug unterhalten nnd sieb erst mit der Zeit 1 
hftben. 

Hiernftch ^ebe ich mein am t seidliches Gutachten dahin ab: 1) das« tmier Yorwii- 
(jetzung der Richtigkeit der Ängabeu der Schutz anzunehmen^ dass der Abortu» fo^e 
der derselben am 14. Äu^st zugefügten Misshandlungea gewesen ist; 2) da«s es da- 
hingestellt bleiben muss, ob bei zweckmässigem Verhalten von Anfang an, 
hätte biutaugehalten werden können; 3) dass die beregten Missbandlungen eine 
deMens ach twikhent Hebe Arbeitsunfähigkeit zur Folge gehabt haben; 4) dasa 
eineu erheblichen oder bleibenden Nacbtheil auf die Gesundheit der Sebulz nleltl ta«- 
geübt haben. 

Im Audienz t<frmine wurde, abweichend von den oben angeführten AuslasBimgea dar 
Schulz festgestellt, dass sie vor zwei Jahren in ihrer letzten Schwangerschaft im drit- 
ten Monate aborlirt habe. Dieser Umstand koimie Inders das obige Gutachten nicht «» 
»chüttern. Denn nicht allein, dass hier der Termin des dritten Monats bereit* äbsf- 
schritten war, so bleibt immer die Continuität der Erscheinung^en nach Einwirkung 4« 
an sich zur Erzeugung des Abortus geeigneten Eingriffes bestehen, und sind ScbädM* 
keiten, welche in diesem Falle die Fehlgeburt veranlasst haben könnten, nicht be- 
kannt. Zugegeben aber, dass euie Dittposition zum Abortus tjostanden hilte, *o «^r^ 
eben bei der naebgewiesencn Continuit&t der Erscheinungen doch immer die Mlsshandlnf 
als die veranlassende Ursache betrachtet werden müssen. Wenn der §. 185. (Pr. S.-OJ bii 
dem MajuB, bei der todtlich gewordenen Kurperverletzung, den Thatl>e9t«Qd der Todlui 
als festgestellt erachtet, unabhängig von der Individualität der Verletrten und düfli Dn^ 
Stande, ob durch zweckmässige und zeitige Hülfe der tödtüche Erfolg bitte vtrbiDdtrt 
werden können, so würden diese Umstände um so weniger bei dem Minus, der akÜ 
töiitlichen Körperverletzung, in Rechnung gesetzt werden können, d. h. die Misikiiid^ 
lüTig wird in dem vorÜegeuden Falle immer die Ürsachti zum Abort gewesen fda« 
selbst die Disposition dazu als vorhanden vorausgesetzt, weil unmittelbar nach der !&•' 
handlung der Abortus sieb einleitete. — Aber auch die Pos. 4. des OutAcfatefii, 
kein erheblicher, oder bleibender Nachtheil für die Gesundheit der Schulz, weicht 
vollkommen gesund ist, resultirt sei, wird durch diesen neu erbo(>enen Umstand 
verändert, denn es kann iitcht behauptet werden, dass im Falle einer neuen Seh 
gerscbaft sie wieder abortiren werde, wenn auch erfahrungsmässig Recidive der AbofC^^ 
gern Torkommen. Ueberdies würde es ihre Sache sein, in einem solchen Fatlf lA-'d 
Vorkehrungen zu treffen, einen neuen Abort zu vermeiden 

IM* FsUl, Ob mechanische Abortiv* Versuche gemacht wordeni tte4 #1 

die St. mebreremale geboren habe? 

Beide Fragen mussten unerledigt bleiben. Die St* war am %1. Aprü 1841 
einem lebenden Kinde entbunden worden und sollte ^mechanische Verbuche zur AI 
buiig dieses Kindes erlitten haben*. Sodann war es fraglich : ob sie vor dieser 
gcmchaft oder nach dieser Entbindung schwanger gewesen sei? Der Fall, di 
sammenhang mir unbekannt geblieben, war gewiss nicht leicht Meine Üniei 
fand am 22. December 1842. also 20 Monate nach der April-Geburt Statt ,Dit St-*^ 
berichtete ich in Folge der Exploration, „ist eine 25jährige, sehr robu»te Perm ^^ 
ganz gesundem Aeussem, die ihre monatliche Periode, mit Ausnahme der 8ch' 
Schaft, die am 27. April 1S41 endete, namentlich aber vor, wie nachher 
gelnäisig gehabt und vor vier Monaten eine Lungenentzündung öberttuidta halitn «tf^ 
Zeichen am Rörper, wonach eine solche Angabe, betreffend die MenseSi 
wäre, eiiitiren nicht, und muss ich dieselbe dahingestellt iein lassen. Die 



Fmcbtabtreibung. §. 45. Casuistik. 158. Fall. 277 

der St sind schlaff and faltig, wie sie nach Entbindungen bei Weibern stets gefunden 
werden. Ea ist hierbei nicht zu Yerkennen, dass die hier ziemlich bedeutende Schlaffheit 
bei einer so ToUkr&ftigen, derben Person, wie Explorata ist, wenn sie Folge nur einer 
einzigen Entbindung w&re, nicht sehr gewöhnlich genannt werden konnte. Jedoch 
kinn ins diesem Zeichen nicht einmal mit Wahrscheinlichkeit geschlossen werden, dass 
die SL nnr Eine oder mehr als eine Entbindung gemacht habe, da es viel zu indi- 
Tidnell verschieden ist, und namentlich auch von der grossem oder geringem Sorgfalt 
abhingt, die die Weiber in der Schwangerschaft und nach der Entbindung für ihren 
Unterleib anwenden, und eine grossere Sorgfalt, z. B. durch lange fortgesetzte stärkend- 
arooatiMhe •fiinreibongen nach der Entbindung u. s. w., hier nicht vorausgesetzt wer- 
den kann. Ausser der faltigen Beschaffenheit der Baucbhaut zeigte dieselbe bei der St. 
auch die narbigen Flecke, die nach Einer Entbindung schon darauf zurückbleiben, und 
wonut8 daher gleichfalls auf die Frage ad 2. nichts geschlossen werden kann. Spuren 
▼on inssem Gewaltthätigkeiten haben sich an dem Korper der Explorata nicht vorge- 
funden. Zur Würdigung dieses negativen Befundes (und zur Frage ad 1.) muss ich 
indenen bemerken, dass daraus mit Sicherheit hervorgeht, dass Continuitätstrennungen 
CWimden) am Körper, namentlich am Unterleib oder Rücken der Explorata, auch früher 
x^icbt vorhanden gewesen sein können, weil man sonst noch jetzt die Narben derselben 
^nimehmen mnsste. Ob aber vor längerer Zeit vielleicht blosse Sugillationen, als 
■^olge von Faustschl&gen, Fusstritten, Binden u. dgl., kurz als Folgen von „„mechani- 
•^lien Versuchen zur Äbtreibung eines Kindes**", am Körper der St. vorhanden gewe- 
^^ü, bleibt nach dem jetzigen negativen Befunde ungewfss, da auch erhebliche Sugilla- 
^onen nach einiger Zeit durch Aufsaugung des ergossenen Blutes wieder ganz ver- 
*^Mnden. Der Hof um die Bmstwarze zeigt jene schmutzige braune Röthung, wie sie 
Sclxm nach Einer Entbindung bei Weibera vorkommt; die Brüste sind fest und derb. 
^^11 die Beschaffenheit der Qeschlechtstheile betrifft , so ist an der Mutterscheide zu- 
*^^ckit nichts Ungewöhnliches zu bemerken, als etwas weisser Fluss, welcher für die 
^'^^ biegende Untersuchung unerheblich ist, was auch von einigen vorgefundenen spitzen 
^^igwarzen in der Umgegend der Scheide und des Afters, und von einigen an letzterm 
^^•^f^ndlicben Hämorrhoidalknoten gilt. Der Stand der Scheidenportion der Gebärmutter 
*^^ ziemlich hoch, der äussere Gebärmuttermund härter als gewohnlich in diesem Alter, 
'•^nelbe ist kreisrund, wie er nach auch nur Einer, so wie nach wiederholten Ent- 
^i^idungen, gefunden wird. Ich habe femer Einen Einriss darin, und zwar in der 
*^i»tera Lippe, gefunden, was gleichfalls einen Beweiss dafür giebt, dass die St. ge- 
«^>Ten habe, und mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf hindeutet, dass sie we- 
"•^igstens nicht mehr als Ein ausgetragenes Kind geboren habe, weil nach wiederholten 
Entbindungen mehrere Einrisse in den Gebärmuttermund gefunden zu werden pfle- 
^^n. Jedoch steht die Zahl der Entbindungen keineswegs mit der Zahl der Einrisse 
^n einem nothwendigen graden Verhältnisse, und werden namentlich nach Entbindunj^en 
'"^it Abortus - Früchten oft gar keine Einrisse gefimden . weil hierbei der Gebärmutter- 
^•"ttnd nicht so weit und gewaltsam ausgedehnt zu werden braucht. Die Scheide der St» 
^ endlich nicht übermässig erweitert, und ein Dammriss nicht vorhanden, Zeicheu' 
^cke beide für die Untersuchung ohne Werth sind. Hiernach muss ich die mir vor- 
l^^ften Fragen dahin beantworten: ad 1. dass es nicht mehr zu ermitteln ist, ob Ex- 
P^Ofiti mechanische Versuche zur Abtreibung eines Kindes eriitten habe, ad 2. dass 
liödwtens mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die St. nur Ein ausge- 
tnftnw Kind geboren habe, aber nicht zu ermitteln, ob dieselbe vor oder nach dieser 
^vangerschaft schwanger gewesen sei.*' 



278 



FruehUbtreibuiij,' §. 45 Casublik. 



u. m>. Pall 



IS9. bi« l^L Fall. Drei Aüscbuldiguugen gegen Aerzto wogen vtrbr«- 
che Fischer Frucht ab treibung. 

Ich beüaure^ dies WerJc mit drei Holchen entsetsUcheo F&llen TenrnBloltcn zu 
man wird denselben aber die Berechtigung xur Aufnahme, wegen ihres lehrreichen la* 
haltesi nicht versagen. 

159) Dies ist der schon oben kurz erwähnte. Die 21 jährige Dicnstmagd B. hatte 
«ich mehrere Wochen vor Pfingsten 18 — , nachdem seit zwei Monaten ihre Regela av- 
geblieben, unwohl gefühlt^ ohne damals zu Termuthen, das« dies eine Folg« der, tot 
ihrem Dienstherni, dem Arzt und practischen Geburtshelfer Dr, X. bewirkten Seh« io- 
gening sttn könne- Nachdem sie sich diesem entdeckt, war derselbe, nach ihrer Am^ 
sage^ ihr wiederholt „mit einem langen Instrument*' in die Goachlechtatheilc eingffia^ 
gen und hatte auch mehrercmale ^kleine dreieckifre Stückchen Schwamm tief htnelnf»» 
bracht, welche nach der Entfernung jedesmal aufgequollen gewesen*. Am zweiten PHnfil- 
festtage verlor sie plötzlich unter heftigen Schmerzen viel Blut^ und dabei auch 
nnd Pelie" (Felzen, Häute). Erjst nach fünf Monaten wurde de mir zur Untei 
vorgestellt! „Der Hof nm die Brastwanen*, berichtete ich, «ist dunkler gefirbt, «h 
es während der Jungfernschaft und vor der ersten Schwangerschaft der Fall tu mib 
pflegt Milch tässt sich ans den Brü^iteu nicht heran sd rocken. Die linke Bniat tti|t 
Narben von Geschwuren, von denen ich bemerke, dass hie für die vorliegende Fnf» 
ganx irrelevBnt sind , da die Eiteruug in der Brust erst drei Monate nach dem «(jib- 
liehen Abortus einjjietreteu wai. An der Bauchhant der derben nnd kräftigen Ffliaaii 
sind Flecke oder Narben nicht wahrzunehmen. Die Geschlechtstheile sind entjgogkH 
Die Scheidenportion der Gebärmutter steht ziemlich hoch» und hat weder EinriiM omI 
sonstige Verletzung^en, Ihre OelTnurig ist jedoch nicht jungfräulich quer gesfkallta oi 
geschlossen, sondern ellipti^^ch geformt und kann man mit der äus»ersteQ Spitil te 
Zeigefingers hineiudringen. AnsÜuss aus den Üescblechtstheilen i^t nicht vorhandm ml 
das Scheideubändchen nicht zerstört» Die innere Wahrheit in den Angaben der Sipt^ 
rata und der Befund sprechen für die Richtigkeit ihrer Deuunciation, Was di« E. «s 
giebt, ist genau das Verfahren» wie es in der Geburtshulfe angewandt wird, wemi n»f 
Erhallung des Lebens einer Schwangern die Noth wendigkeit einer vorzeitigen unii fcr- 
cirten Beendigung einer Schwangerschaft einlritt Ein solches Verfahren ist our <hi 
Sachverständigen bekannt, und kann nur von ihnen mit HofTuung auf Erfolg titifflU 
werden, ist aber auch allerdings, wenn mit Sachkenntniss ausgeführt^ das einzi|e» ik« 
auch sichere Mittel zur Provocation eines Abortus oder einer Frnbgebari^ Ob die 1 
eine solche vor bereits fünf Monaten erlitten, ist eine nicht leicht zu enticheiiif»^ 
Frage. In einer so langen Zeit sind Zeichen noth wendig veri^ch wunden, die kunt 2iil 
nach wirklich erfolgter Entbindung hätten erwartet werden können, wie mehr oder v^ 
niger Milch in den Brüsten, mehr oder weniger Hitze in den Genitalien, Aos^osi m» 
denselben und eine bedeutendere Oeffuung im Gebärmuttermunde^ Nicbtsd^stowcaifir 
ijst bei der Explorata autTallend: der dunkle W'arzenhof, der auf vorangegaogeme Sdiva- 
gerschaft deutet, und die nicht quere , sondern rundliche Oetfuung ilev noch idcht ptf 
wieder geschlossenen Gebärmuttermundes, ein Befund, der nicht auf blosa« bjaf 
ferung, auch nicht auf, wenn auch noch so häufig wiederholten Beischlaf tifiitei üt*^ 
dem der auf voraagog&ngene Entbindung schliessen lässt. In Erwägung aller «ilobrtS 
Tbatsacbea muss ich mein Gutachten dahin abgeben; daas der Befund am Korptr iß 
E, dafür spricht, dass dieselbe einen Abortus erlitten habe.* (Ich habe «chon ob« M|t* 
führt, daüts und aus welchem Grunde der Angeschuldigte frei gesiprochen wonltn Wt) 

U^0) Ein vor Jahren hier übel berüchtigter, später verschollener pracli«eh0r Adl 
war angeschuldigt, der Wiitwe K. ein Hecept ^zum Zwecke der Abtreibung eiiisr Ü^ 
besfnicht* verschriel^u zu haben. Die Akten wurden mir mit der Frag« fotftft^M 



FrucbUbUeibiuitr, f 45. CafiuiÄlik. UiO. FqU. 



279 



MiUeU wetin es nach der, vou der K. angegebcuen müudluben Neinrdnimg 
braucht wurde, zu dorn gedacbtoii Zwecke geeignet war, und ob bei Anwendung des- 
selben die Gesundheit der K. erheblich in (Jefahr gferieth?* Nach einer gewissenhaften 
und sor^Itigen Prüfung des AJiteninhaltes s9gto ich in meinem Gutacbteu: ,es giebt 
im Arznelschatz keine Mittel, die erfabrungsmrtösig mit solcher Sicherheit auf das Leben 
der Frucht oder der scbwaogöru Gebärmutter einwirkten, dass sie nothwendig und un- 
ter allen Umständen die Frucht von der scbwangeru Mutter trennen, d. b. Abortus be* 
wirken müs^ten. Nach diesem unbestrittenen Erfabrun^si^atz können auch die von 
Dr, Y. Torscbriebenen Arzneimittel auf dem Recepte f. 15 v., weder für «ich, noch 
ihrer Gesammtmischun^r, als solche Medtcameote bezeichnet werden- Wobt aber 
bl ei Artneien, die auf die obengenannten und benachbarten Tbeile so reizend und 
itteod einwirken, dass »ie Blutflusse aus der üebarniutter, Weben n. b. w. hcirvor- 
en^ und dadurch Abortus bewirken können, und nicht gar selten wirklich bewir- 
Yon denen dann also, wo sie wirklieb angewandt worden, mindestens behauptet 
den mösste, da«a sie ^^zu dem gedachten Zwecke geeignet waren*"*. Dies gilt 
so mehr, wenn dergleichen Mittel in besonders grosser Üosis, und zumal noch, wenn 
eine Vcrbind^mg und Summe toq dergleichen Mitteln in grosser Dosis gereicht worden ist. 
Grude d'wi aber war der Fall bei der, von dem Dr. Y. der verwittweteu K, verschrie- 
benen Arsneimischung. Es besteht dieselbe aktenmtoig aus eiuem Theeaufguss von 
10 Loth aus 2 Loth SennesblÄttern und ton 10 Lolh aus 2 Loth Sadebaumkrant, tu 
ficben 20 Loth Flüssigkeit gemischt werden sollten: 3 Loth Safrunsyrup und 3 Loth 
bftltigen Weinsteins^ von welcher Mischung die K., nach ihrer Aussage, alle zwei 
öden einen EsslofiTel voll etutuuehmen angewiesen worden war. Das Ganze wird 
aach ungefähr 26 Esiilöffel betragen, und würde die K. es etwa in drei vollen Ta* 
, verbraucht haben* Zon&chst müssen ^mmtUcbe Dosen hier verbal tnissm&ssig grosse 
aont werden- Ein Aufguss von 2 Loth Sennesbl&ttem auf 10 Loth Colatur (Tbee) 
sraat schon als starkes Laxirmittcl wirken, und dasa diese Wirkung bei der K. wirk- 

IIb eingetreten, gebt an» ihrer und der R. Aussage hervor, obgleich doch die K. hei 
eitern nicht die ganze Arznei verbraucht hat. Starke Purganzen aber wirken noth- 
wendig theils conÄensuelLsjmpalhisch, theils meebanisch (durch das viele Pressen) auf 
^k schwangere Gebärmutter, und vorsichtige AerAte vermeiden daher Schwängern der- 
^kehen Mittel su verordnen, um eben Abortus zu verhüten^ zumal in den ersten Mo- 
mieD der Schwangerschaft, wo Abortus verbal tnissmassig leicht erfolgt, und in welchen 
Monaten sich grade in jener Zeit die Wittwe K. befand. Noch unmittelbarer erregend 
auf die Gebärmutter wirkt das Sadebaumkraut, das deshalb sogar auch beim Volke als 

frtiT-Mittel allgemein in Ruf steht, und da» kein Arzt ohne besondere (und gewiss 
sehr seltene) Veranlassung einer Schwängern verschreiben wird. Auch dies Mittel 
der Dr. Y. hier in einer ungewöhnlich grossen Dosis verschrieben (2 Loth xu 10 
Lolh TheeJ. Femer gehören die Borax präparate im Allgemeinen zu den oft ge- 
nannten Mitteln, obgleich nicht in Abrede zu stellen, dass das hier gewählte (Tarfa- 
rus boraxatus) weniger diese Kraft hat. Immer bleibt dieser Zusatz einer sehr grossen 
Dom Loth) zu einer FInasigkeit, wie die geschilderte, mindestens f«ebr aulTallend. 
dlicb bat auch der Safran an sich eine Stelle in der Reihe der bluterhitKenden und 
irreibendcn, also aurh Abortus erregenden Mittel, nur findet sich im qii. Recepte dus 
prmiideMe Prüparat verordnet, der Safransyrup namlicb, der, einzeln Hetrachtcf, un- 
llich sein würde. — Was nun die wirklich nach der Arznei eingetretene Wirkung 
i§tr ^ sinii alle Symptome, die die K in den Akten angegeben, als: heftiges 
den im ünterleibe, heftige Diarrhoe, Schwäche in den Beinen, deshalb Arbeits- 
^keit auf einige Tage, nur allein auf Rechnung der Sennesblatter zu ächreibcu, 
nad andere Zufälle namentlich deshalb nicht eingetreten, weil die Arznei wieder 



280 FruchUbtreibung. §. 45. Casuistik. 161. Fall. 

bei Seite gesetzt wurde, wo sich dann auch die genannten Wirkungen, als unerbeblicbe, 
bald verlieren mussten. Wenn demnach von dieser Seite her der K. keine Gtefahr 
drohte, und ich selbst die Annahme fallen lassen will, dass beim Fortgebranche der 
Mischung und immer vermehrtem Purgiren möglicherweise eine Dannentündang 
hätte entstehen können, so iät doch nach dem oben Ausgefährten nicht zu läugnen, dass 
beim Ausgebrauche des Mittels auch die beregte Wirkung des Abortus hätte erfolgen 
können, und dass in diesem Falle dann selbst die allgemeine Gesundheit der IL bedroht 
gewesen wäre, da ein gewaltsam erregter Abortus sehr oft lange und heftige Blutungen 
veranlasst, die die Kräfte für längere Zeit erschöpfen. Hiemach beantworte ich die 
vorgelegte Frage dahin: dass das qu. Mittel zu dem gedachten Zwecke geeignet 
war, und dass bei Anwendung desselben die Gesundheit der E. möglicherweise 
erheblich in Gefahr gerieth.'* — Die Sache war hiermit nicht abgethan. Der An- 
geschuldigte protestirte gegen mein Gutachten und erhob den Einwand der Disposition 
zum Abortus bei der Wittwe K., verlangte aber einen andern Begutachter dieser Frage. 
Mein Stellvertreter wurde nun mit einer Untersuchung der K. — die ich weder froher, 
noch später gesehen — beauftragt Er fand, nach dessen Gutachten in meinen Akten, 
eine 41jährige, kräftige, beleibte, vollkommen gesunde Person, die nie an Blntwailnn- 
gen gelitten, nie zur Ader gelassen und alle ihre Entbindungen leicht und glücklich 
überstanden hatte. Eben so wenig hatte sich je eine Spur von Schwäche oder grosser 
Reizbarkeit bei ihr gezeigt. Ihre Menstruation war stets regelmässig und ganx schmen- 
los gewesen. Sie hatte zwölf reife Kinder geboren, und ausserdem dreimal alK>r- 
tirt, das erstemal im sechsten Schwangerschaftsmonat nach dem Tragen einer schweren 
Kiste am folgenden Tage, das zweitemal gleichfalls durch mechanische Yeranlassong in 
zweiten Monat, das drittemal durch heftige Gemuthsbewegung. Nach dem letzten Abort 
hatte sie aber wieder mehrere Kinder rechtzeitig geboren. Oertlich fand mein Steli- 
vertreter einen massigen Fluor albus, die Genitalien normal und die Exploration war 
nichts weniger als schmerzhaft. Derselbe gab nach alle diesem mit grösstem Rechte 
sein Gutachten dahin ab: »dass die Wittwe K. eine besondere körperliche Anlage xn 
Fehlgeburten nicht besitze!^ 

161) Der dritte Fall war dem ersten ähnlich, wie man aus der uns voi^gelegten 
Frage sieht : „ ob durch Einbringung eines , durch eine Zinnspritze gezogenen Eisen- 
drahts in die Geburtstbeile im vierten oder spätem Monate der Schwangerschaft, wonach 
Blutverlust erfolgt, die Abtreibung der Leibesfrucht bewirkt werden kann?** wobei ge- 
fordert war, zugleich zu berücksichtigen: „in wieweit ein Abortus hierdurch wahrschein- 
lich intendirt sei?^ — Der angeschuldigte Arzt war der muthmaassliche Schwängerer und 
sollte eine dreimalige Einbringung jenes Instrumentes ausgeführt haben, wobei die 
Schwangere jedesmal .etwas Blut" verloren hatte, eine Operation, die jedoch für Mutter 
und Kind ohne Folge geblieben war und die Geburt eines rechtzeitigen, gesunden Kin- 
des nicht gehindert hatte. Das Gutachten gab zunächst die Veranlassungen zum Abor- 
tus an und fuhr dann fort: „das künstliche Anreizen des Uterus zu Wehen kann auch 
geschehen durch jede Insultation, die durch die Geburtstbeile auf die Gebärmutter ein- 
wirkt, folglich auch durch einen Eisendrabt, gleichviel ob derselbe mittelst des Conduc- 
tors eines Spritzenrohrs oder ohne denselben eingebracht worden. Hierbei ist nur immer 
nothwendige Bedingung, dass die Gebärmutter selbst getroffen und gereizt worden. 
Wenn durch den eingebrachten fremden Körper aber nur die Scheidenwände berührt 
oder selbst verletzt worden, so bleibt das Leben der Gebärmutter unbetheiligt und die 
Schwangerschaft wird ihren unge.storteu Fortgang nehmen. Ein solcher Fall muss hier 
vorgekommen sein, wonach es zu erklären ist, dass eine selbst dreimalige Einbringung 
jenes Instrumentes, wobei die Schwangere jedesmal nur ^^etwas Blut"^, ohne Zweifel 
aus den verletzten Scheidenwanden, verloren, ohne Wirkung auf die Frucht geblieben 



FrachtabtreibuDg. §. 45. Casuistik. 162. Fall. 28] 

iit ffiemach beantworte ich die erste Frage dahin: dass durch Einbringung eines 
(dnreli 0iiie Zinnspritze gezogenen) Eisendrahts in die Geburtstheile (u. s. w. wie oben) 
di« Abtreibung der Leibesfrucht erfolgen kann. Was die zweite Frage betrifft: in wie 
f cit dnreh obiges Verfahren ein Abortus wahrscheinlich intendirt sei? so bemerke ich, 
dau nie and niigends in der Qeborishnlfe ein Verfahren , wie das hier beleuchtete , zu 
iigend einem, sei ea bloss diagnostischem, sei es heilkundigem Zwecke anzuwenden ge- 
likit worden. Die Operation der sog. künstlichen Frühgeburt kann nicht als Gegen- 
beweig tngefSbrt werden. Dieselbe wird nicht auf die obige Weise ausgeführt, und ist 
m och eigentlich «ach nichts anders, als eine kunstgerechte, vorzeitige Abtreibung der 
.Leibesfrucht'' u. s. w. (folgen die Indicationen zu dieser Operation), „welche u. s. w. 
verricbtet wird, um das Leben der Mutter, das wegen Krankheit oder Missbiidung später 
b« der natoilichen Entbindung gefthrdet werden würde, zu retten und zu erhalten. Im 
vorliegenden Falle konnte bei der mir vorgestellten, jungen, gesunden und vollkommen 
«oblgebaiiten N. K. von der Absicht einer durch die Regeln der Kunst gebotenen 
knutlichen Frühgeburt keine Rede sein. Und so bleibt mir aus allen diesen Gründen 
)»iM andere Beantwortung der Frage als die übrig: dass durch das genannte Verfah- 
m ein Abortua wahrscheinlich intendirt sei." 

IM. Fan. Durch eine Hebeamme bewirkte Abtreibung. 
An diese Fille schliessen sich naturgemäss die beiden folgenden an. Leider ist in 
den enteren nicht gegen die Th&terin vorgegangen worden , deren Schuld nach dem 
Folgenden wohl niemand bezweifeln wird. 

Am 6. Januar c starb in der Charite die Th. Sie war daselbst am 30. Decem- 
ber a p. infgenommen worden. Man constatirte hier die Zeichen kürzlich stattgefun- 
^MKr Niederkunft, so wie eine fieberhafte Erkrankung, die mit Schmerzhaftigkeit der 
Gebimnitteigegend, übelriechender, jauchiger Absonderung aus derselben und Verschwä- 
nugn der Scheidenschleimhaut, welche letztere sich durch den gelben, missfarbigen, 
zun Theil festhaftenden Beleg als diphtheritische Versch wärungen characterisirten, ver- 
bondm war. Verletzungen an den Geschlechtstheilen sowohl äusserlich, als bei innerer 
L^nterMiebung, wurden nicht wahrgenommen. Bei ihrer Aufnahme machte sie, wie das 
Chaiit^joumal sagt: »klare, verschiedenen Personen gegenüber übereinstimmende Anga- 
ben aber die Art der Entwicklung ihres jetzigen Krankseins". Sie gab an, dass ihre 
Seliwaogenchafl bis vor 14